Music.
Schönen guten Morgen, Richard, entschuldige. Guten Morgen, Markus. Also das klingt jetzt so, es hat nicht gute Laune, aber eigentlich hatten wir gerade besprochen, dass ich unfassbar schlechte Laune habe heute. Nee, du hast da einen Grund dazu. Ja, ich bin ehrlich gesagt unfassbar übermüdet, ich bin unfassbar müde. Ich komme gerade vom Deutschen Fernsehpreis, wir sind da gestern irgendwie hin, mit dem Auto elektrisch übrigens, das war sehr interessant. Könnte ich dir viel dazu erzählen, ich liebe Elektroautofahren. Also ich finde das irre, Markus, wie du dir wieder gute Laune machen kannst. Du hängst da stundenlang bei diesem ätzend öden deutschen Fernsehpreis rum, kommst da total genervt irgendwie im frühen Morgengrauen nach Hause und freust dich über die deutsche Autoindustrie. Das nenne ich mal eine Frohnatur. Nee, pass auf.
Ich muss dir dazu was Persönliches sagen, Richard. Weil du sagst, ich komme von diesem Fernsehpreis. Das stimmt. Aber erstens war es schön, mal wieder viele alte Kollegen zu treffen. Das war sehr, sehr nett. Aber du hast auch recht. Es ist dann irgendwie ermüdend, wenn man da lange da sitzt und so weiter. Aber Perspektivwechsel. Ich habe gestern bei all der schlechten Laune, die man haben kann, schon die Anreise war, wie soll man sagen, nicht so glamourös, wie man sich das vielleicht vorstellt. Also um dir eine kurze Idee davon zu geben, wir waren, stand im Stau und waren dann so spät dran und dann dauerte das Laden irgendwie ein bisschen länger als gedacht, weil sehr viele andere Autos auch an diesen Ladesäulen dran hingen. Und wir haben uns dann auf der sehr engen Toilette von McDonalds frisch gemacht. Da kommt man sich näher. Und haben uns umgezogen für den total glamourösen deutschen Fernsehpreis. Das war ziemlich unglamourös und es war aber auch sehr lustig. Und dann kam ein kleines Mädchen und sagte, ob sie denn ein Foto mit mir machen dürfe ich. Ich war da so zwischen, weißt du, irgendwie Wachs in die Haare kriegen und irgendwie für Fernsehpreis schick machen auf diesem gruseligen Parkplatz. Was für eine Toilette warst du, dass da kleine Mädchen reinkamen? Nee, die kamen dann, als wir dann draußen saßen, auf dieser schönen Terrasse, die so mit Blick direkt ins Industriegebiet. Und es war also unglamouröser, kann man sich das alles nicht vorstellen. Und da haben wir da irgendwie ein amerikanisches Gericht zu uns genommen und haben versucht, uns irgendwie gute Laune zu machen. Lukas und ich, der auch gerade zuhört.
Und dann kam die kleine Maus und haben ein lustiges Spaßfoto gemacht zusammen. Und dann kam sie nochmal zurück und sagte, mögt ihr eigentlich gerne Steak? Sagt sie, warum? Sagt sie, ja, mein Papa hat ein Steakladen, wenn ihr da mal vorbeikommt, dann seid ihr eingeladen. Und so, ich fand das so süß. Und dann kam ich nach Köln und traf dort einen alten Kollegen, Burkhard Kress. Und ist ein grandioser Reporter immer gewesen. Der hat, weißt du, diese ganzen Testgeschichten immer bei extra gemacht früher. Und ich kenne den Burkhard wirklich gut. Und hat den immer wahnsinnig gemocht, weil er einfach ein ganz feiner Kerl ist. Und dann sagt er zu mir, du schaust mich so an, ich sehe ein bisschen anders aus und so. Er hatte erkennbar abgenommen, es war immer so ein Bild von einem Mann, so ein richtiger Bär. Das ist ja immer noch ein sehr beeindruckender Mann, optisch auch, aber man sah, dass da irgendwas passiert war. Und dann erzählte er mir, dass er nominiert sei für eine Reportage, er hat sich den kompletten Magen entfernen lassen müssen, weil er durch eine genetische Geschichte eine seltene und sehr aggressive Form von Magenkrebs hatte. Und kurz davor ist sein Sohn an genau diesem Magenkrebs gestorben. Das heißt, das ganze Leben verändert sich sozusagen innerhalb weniger Jahre. Da ist dieser Gewinner, dieser Typ, der, der, diese super, erinnerst du dich früher an diese Handwerkertests, die die immer gemacht hatten? Wo sie mal irgendwelche Handwerker-Schweinereien, Schlüsseldienste überteuerte, miese Waschmaschinen, Tricks und so weiter aufgedeckt haben. Das war Burkhard Kress.
Das war einer, der war immer da, wo vorne war. Und plötzlich haut er das so um und dann sagt er auch in seiner Dankesrede, ich freue mich über diesen Preis. Der hat das dann alles verfilmt, den hat zu einer Reportage verarbeitet, diese ganze sehr persönliche Geschichte inklusive des Todes seines Sohnes. Und sagte dann aber, das ist natürlich wirklich bittersweet, so hat er es ausgedrückt, was hier heute passiert. Also einerseits freut er sich über den Preis und andererseits hat er halt diese traurige Geschichte dahinter. So und das ist dieser Perspektivwechsel, den ich meine. Also du ärgerst dich, dass du nicht weiterkommst, dass du dich auf der Toilette bei McDonalds umziehen musst. Dann passieren zwei Dinge, die dem komplett entgegenwirken. Dann kommt dieses kleine süße Mädchen und lädt dich zum Steak ein und dann triffst du Burkhard Kress, der dir diese Geschichte erzählt und danach ist dein Blick auf das Leben völlig anderer und das ist das, was wir zu selten machen. Ich frage mich so ein bisschen, in welchem Zustand ich dich da gerade erlebe. Also auf der einen Seite der nächtliche Verkehrsstau, dann wie viel? Vier Stunden, fünf Stunden deutscher Fernsehpreis bis irgendwie tief in die Nacht.
Ja, dann die ergreifende Geschichte von Herrn Krest, dann das süßte kleine Mädchen. Wie viele Stunden Schlaf hast du gehabt? Zwei. Ah ja, okay. Das wird ja ein richtig schöner Podcast. Ich habe auch große Erinnerungen an den Deutschen Fernsehpreis. Der fand an einem sehr kalten, leicht regnerischen, enorm kühlen Tag statt im Tanzbrunnen in Köln. Und ich wurde da irgendwo in irgendeiner Reihe quartiert, um auf meinen großen Auftritt zu warten. Denn damals hast du 2020 den Deutschen Fernsehpreis gekriegt und ich sollte eine Laudation halten. So, und wie ich ja so bin, bereite ich mich ja auf meine Reden jetzt nicht irgendwie lange schriftlich vor und so weiter. Und dachte, ich kann das schon. Und während ich dann da saß, habe ich mir dann auch so ein paar Stichpunkte aufgeschrieben und auf meinen großen Einsatz gewartet. Und es zog sich ewig und ewig hin. Also einfach eine Veranstaltung, bei der man gar nicht sein wollte. Aber die besondere Pointe war, das dachten sich die Veranstalter wahrscheinlich auch über mich. Ich wurde gar nicht aufgerufen. Niemand sagte mir gescheit. Und dann kam es gar nicht. Ich weiß. Dafür bin ich extra nach Köln gefahren, habe mir die ganze Veranstaltung angeguckt, habe mich da in diesen kalten Tanzbrunnen gesetzt und konnte dann anschließend wieder nach Hause gehen. Ich weiß das noch. Und das war dann so eine improvisierte Laudatio von, ich glaube, von Klaas Häufer Umlauf und Jürgen Winterscheid. Ja, ich glaube, Jürgen und Klaas hatten irgendwas gemacht. Ich glaube, das war auch schon in die Kamera gesprochen. Also auch das war ja erst recht ein Affront. Also die haben das ja nicht spontan gemacht, weil da keiner auf die Bühne kam.
Sondern irgendwie war das ja schon vorbereitet in der Konserve. Und ich frage mich nach wie vor. Ich meine, ich wurde dahin gelotst, in welchem Block ich sitzen sollte. Und mir wurde auch die Reihenfolge nicht mitgeteilt. Mir war natürlich noch großartig, dass du den Preis quasi als allerletzter gekriegt hast oder als vorletzter.
Ja, das ist jedenfalls meine Erinnerung an den Deutschen Fernsehpreis. Also der Deutsche Fernsehpreis und ich, wir haben noch eine Rechnung offen. Ja. Also ich habe mich ja nachher beschweren. Da haben die gesagt, ja, wir haben sie nicht gesehen. Fand ich eine super Begründung. Dazu muss man wissen, der Saal ist groß, aber so groß nun auch wieder nicht. Und du hattest damals noch dieses lange, lange, wallende, volle Haar, das da so über deine Schultern glitzt, so sanft, irgendwie frisch geföhnt und so. Und du warst eigentlich nicht zu übersehen und deine Augen leuchteten in diesem hellen Blau und so weiter. Du warst der schönste Mann des Abends. Natürlich. Und ich fand es so lustig, weil die Leute wissen ja, wo die, also die Regie allein muss genau wissen, wer wo sitzt. Ja, ich hatte ja auch, mir wurde ja auch genau erklärt, in welchem Block ich mich zu setzen hatte. Ja, ja, genau.
Und die haben dir erzählt, sie haben dich nicht gefunden. Ja. Ja komm, dafür hatten wir uns beide, das war ja der Grund, warum du das machen solltest, kurz vorher gefunden und das ist auch so geblieben. Ja und ich sag mal so, also das ist ein großes Glück, so empfinde ich das. Und auch das trägt heute zu meiner guten Laune bei und an der Stelle nochmal ausdrücklich erwähnt, Glückwunsch an die Kollegen von Phoenix, die ja für viele Jahre Bundestagsberichterstattung gestern den Preis dann bekommen haben, wir waren ja da zusammen nominiert. Ich habe lustigerweise das genauso getippt vorher und genauso ist es auch gekommen. Und die machen da echt gute Arbeit. Ich brauche die auch sozusagen für meine Arbeit. Ich schaue denen sehr häufig bei der Arbeit zu. Deswegen vollkommen verdient und völlig in Ordnung. Jetzt sag mal in deinem Zustand von zwei Stunden Schlaf. Worüber willst du denn jetzt eigentlich mit mir reden? Ich würde gerne, Richard, tatsächlich und die Brücke ist jetzt vielleicht ein bisschen gewagt sozusagen, aber ich finde sie dennoch richtig. Ich habe gestern da viele junge Leute gesehen, sehr kreative, gute junge Leute und ich habe gerade eben, als ich hier ins Studio kam und ich glaube, das müsste bei dir in deiner Kemenate auch zu hören gewesen sein, einen mördermäßigen Alarm gehört.
Und ich dachte, oh mein Gott, wusste gar nicht, dass Deutschland so laute Sirenen hat. Und es klingt wirklich so, als stünden die Russen sozusagen kurz vor der Tür. Ich habe dann diese SMS auch bekommen, das ist nur eine Übung und so weiter und so fort. Aber der Teil der Atmosphäre, der sich gerade in diesem Land hier breit macht, nämlich das Gefühl, wirklich fast schon, also buchstäblich Alarm und dann der kurze Weg hin zum Alarmismus. Genau.
Das ist etwas, das macht mich gerade fix und fertig, das ist nicht gut. Mich auch. Also wenn ich es in einem Satz etwas überspitzt sage, je düsterer die im Augenblick die Prophezeiungen über die Zukunft der Bundesrepublik sind, das gilt für die wirtschaftliche Entwicklung, das gilt für unsere nicht mehr finanzierbaren Sozialsysteme, dass wir ewig über unsere Verhältnisse gelebt haben, dass wir keine zukunftsträchtigen Wirtschaftsmodelle haben, dass die Rolle des alten Europa sowieso abgezählt ist, weil andere jetzt das Ruder übernehmen und und und. Und je stärker dieses Gefühl wird, Umso stärker wird gleichzeitig bei uns der Alarmismus und der Militarismus. Ja, irgendwie schon. Ja, der geht so ein bisschen in die Lücke rein. Einerseits ökonomisch, dass wir versuchen durch die Rüstungsindustrie irgendwie im Grunde genommen Selbstmord aus Angst vor dem Sterben zu begehen. Nochmal ein Strohfeuer anzuzünden, womit wir Beschäftigung generieren wollen und Wirtschaftswachstum. Und auf der anderen Seite, dass wir uns immer mehr darauf konzentrieren, dass wir ja von außen so unglaublich bedroht sind. Vielleicht auch mit dem Hintergedanken, dass das irgendwo den gesellschaftlichen Zusammenhang wieder stärken soll. Nun finde ich ja die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhangs großartig, aber dass es dafür dann einer Aufbauschens von externen Feinden bedarf, das halte ich in der Tat für ein ganz großes Problem. Da gibt es zu viele historische Vorbilder, wo man das schon gemacht hat und da bin ich ganz, ganz sensibel und das gefällt mir im Augenblick überhaupt nicht. Also der Alarmismus, der im Augenblick hinsichtlich einer Bedrohungslage von Russland in diesem Land herrscht, der ist kaum noch zu ertragen.
Also du hast das Gefühl auch, dass da wirklich so ein Alarmismus um sich greift. Ich habe kürzlich in der Sendung mit Otto Ellerbrock gesprochen, junger Mann, in der SPD engagiert und so weiter, cleverer Junge, nicht despektierlich gemeint, bitte, der sagt, das geht nicht, ihr mit eurer ganzen Idee von Wehrpflicht und so weiter, wir wollen das alle nicht, wir werden noch nicht mal gefragt, ihr verhandelt das nicht vernünftig mit uns, sondern ihr sagt jetzt einfach an. Der saß in der Sendung mit Markus Söder, das war sehr interessant, das zu sehen. Und das Unverständnis auf der einen Seite und genauso das Unverständnis auf der anderen Seite, so nach dem Motto, aber das ist doch jetzt klar, was jetzt zu tun ist. Und ich habe den Eindruck, die nehmen das genauso wahr. Und die können mit diesem Alarmismus wirklich schlecht umgehen. Und ich frage mich das auch als Vater.
Wie sollen wir jetzt genau an dem Punkt, an dem es wirtschaftlich auch so schwierig wird, wie sollen wir wirklich ernsthaft unseren Kindern Zuversicht vermitteln, wenn rund um uns herum der Alarmismus sich so breit macht? Otto erzählte, dass er die kriegen alle plötzlich so Briefe zu Informationsveranstaltungen der Bundeswehr. Die liegen plötzlich einfach bei denen im Briefkasten. Und die sind dann auch so gebaut, wie die Namensschilder, die du so abziehen kannst. Diese Klebestreifen. Die so aussehen wie mit Filzstift geschrieben. Genau. Und so ist das so. So sähe sozusagen dein Name auf einer Uniform aus. Und Und was sozusagen gemeint ist wie so eine, wir machen jetzt mal ein sexy Mailing, wie man sich das vielleicht so bei der Bundeswehr vorstellt und machen die mal so ein bisschen neugierig auf das, was da passiert, erzieht genau den gegenteiligen Effekt. Das verstört die total. Die finden das plötzlich in ihrem Briefkasten und sagen, okay, warte mal, was macht ihr hier gerade? Ihr versucht mir das sozusagen als kleine sympathische Werbeveranstaltung zu verkaufen, aber die Wahrheit ist, eigentlich sagt ihr mir da.
Pass auf, demnächst Werbpflicht und du bist einer von denen, die uns interessieren. Und das verstört die. Ja, und noch orientiert sich ja Pistorius am schwedischen Modell. Übrigens ganz, ganz eigenartig, was ich nicht verstehe ist, also man muss ja ziemlich handfeste Gründe vorlegen, warum man als Junge oder als junger Mann nicht zur Bundeswehr geht und als Frau kommt man relativ schnell aus der Nummer raus. Und ich frage mich, wieso die Grünen da nicht längst gegen rebelliert haben. Das ist ja völlige Ungleichbehandlung der Geschlechter. Ich höre die Ironien. Nein, aber es ist doch überhaupt nicht mehr zeitgemäß 21. Jahrhundert. Ist übrigens meine feste Überzeugung. Sagt Otto auch. Wir können ja keine Abstufungen zwischen Jungs und Mädels mehr machen. Also das meine ich ganz, das ist meine tiefste Überzeugung. Ich gehöre ja nicht zu den Differenzfeministen, die sagen, es kommt auf die Unterschiede zwischen Mann und Frau an, sondern in politischer Hinsicht geht es für mich um die Gleichheit. Dass also Männer und Frauen politisch gleich behandelt werden. Und wenn man sie politisch gleich behandelt, und wo ich absolut dafür bin, dann muss man das auch in Fragen der Bundeswehr machen. Deswegen finde ich das ein bisschen sehr retro, dass hier also ein Unterschied zwischen Frauen und Männern gemacht wird. Und andere haben ja schon darauf hingewiesen, Norbert Röttgen auch, dass das im Zweifelsfall gar nicht reichen würde. Was wir hier machen, ist ja auch, was ist das, Symbolpolitik? Sechs Monate zum Bund? Und in den sechs Monaten lernt man wirklich, sein Vaterland zu verteidigen, dann wäre man im Zweifelsfall in einem modernen Krieg einsatzfähig, nach sechs Monaten.
Also das kann ich mir beim besten Willen so in dieser Form eigentlich überhaupt gar nicht vorstellen. Und das Nächste ist, und das ist der Punkt, über den wir nicht reden, wenn ich mir all diese schönen Plakate angucke, die die Bundeswehr hier hinklebt, wo es darum geht, bist du bereit, unsere Freiheit zu verteidigen und so weiter. Sie sagen nicht nur Freiheit, Demokratie, unsere Demokratie zu verteidigen, als wenn das der Punkt wäre. Ich meine, Putin ist das egal, ob wir hier alle drei Monate wählen oder alle drei Jahre oder alle sieben Jahre. Also Demokratie ist jetzt gar nicht der Punkt, um den es hier wirklich im entscheidenden Fall überhaupt geht. Der Witz ist doch, was ist das für eine romantische Vorstellung von Landesverteidigung? Dass die sechs Monate beim Bund ausgebildeten jungen Leute im Falle eines Dritten Weltkrieges, denn darüber reden wir ja dann, über einen Dritten Weltkrieg, also Russland müsste, um Deutschland anzugreifen, durch Weißrussland durch, das würde ihnen nicht schwerfallen, und dann durch Polen, ganz durch ganz Polen hindurch und dann nach Deutschland. So, das hätten wir längst schon beim Überschreiten der polnischen Grenze mit Hunderttausenden von Soldaten, hätten wir längst schon den Dritten Weltkrieg. Und dann würde dieser Dritte Weltkrieg, nicht anders als in den Szenarien der 80er Jahre übrigens, in Deutschland ausgetragen. Das ist, wir wären sozusagen das Epizentrum dieses Dritten Weltkrieges. Hier käme es, wie ich das schon mal gesagt habe, zur Schlacht der Fünfwehre. Ja, hier würden sozusagen aus aller Herren Länder würde hier der Krieg aufgefahren werden und am Ende würde kein einziger Mensch in Deutschland mehr leben und kein Haus mehr stehen.
Und das ist das, was tatsächlich im Falle eines Dritten Weltkriegs passiert. Es ist nicht die Vorstellung, da sind dann lauter gut ausgebildete, sechs Monate lang gedrillte junge Leute, die an der polnischen Grenze den Russen aufhalten und damit die Freiheit der Frauen und Kinder und der Häuser und was weiß ich was hier und so weiter verteidigen. Das ist ja gar nicht so. So sähe das niemals aus im Falle eines solchen Krieges. Und ich glaube, dass die jungen Leute, die da sehr clever sind, eine ziemlich genaue Vorstellung davon haben, dass das, was ihnen da gerade eingeschenkt wird, dass sie wie so Freiheitskämpfer an der Grenze gegen Russland kämpfen sollen, dass das alles überhaupt nichts zu tun hat mit der Realität, wie ein solcher Krieg dann am Ende überhaupt aussehen würde. Also, wenn man sich die Szenarien anschaut, wo du recht hast, ist, Deutschland würde von Anfang an für den Fall eines Angriffs. Und wenn man sich das jetzt mal anschaut, auch so in dieser Woche, diese Provokation, dann plötzlich hast du Drohnen in Polen. Keiner weiß, woher die kommen. Die Russen sagen, wir waren es nicht, wir haben nichts damit zu tun.
Ich finde es wirklich hart, wie weit die gehen. 20 Drohnen, die plötzlich am polnischen Himmel auftauchen. Und man fragt sich, was haben die da vor? Offensichtlich sucht da jemand die Provokation. Und diese Provokation zieht sich ja... Das weiß ich nicht. Das ist unsere Interpretation. Was ist das denn sonst? Weil ich ja nicht genau weiß, warum die da sind. Ich kann mir wahrscheinlich, wenn ich mich jetzt hier hinsetze, fünf oder zehn verschiedene Erklärungen ausdenken. Und ich würde mal, bevor ich das interpretiere und sage, Ja, das ist eine gezielte Provokation. Bevor ich diesen Satz sage, müsste es erstmal einen langen Untersuchungsbericht geben, in dem genau rauskommt, sind die an verschiedenen Stellen abgefeuert worden oder nur an einem. Das entscheidet zum Beispiel darüber, ob es ein Programmierungsfehler gewesen sein kann oder nicht. Was hatten die für einen Auftrag? Die müssen ja dann über ganz Belarus geflogen sein und, und, und. Die haben eine Reichweite von, ich glaube, nur 700 Kilometern. Dann stellt sich die Frage, von wo sind die gekommen? Also bevor ich wie Boris Pistorius hingehe und darauf sofort einen feindseligen Akt sehe, frage ich mich immer, welche Informationen hat eigentlich der Verteidigungsminister, über die er nicht redet, die es ihm ermöglichen, mit holzhackerischer Sicherheit sofort solche Schlüsse zu ziehen. Wollen wir nicht erstmal abwarten, bis das genau untersucht ist, was es ist? Wieso wissen wir immer schon von Anfang an, was es ist, bevor wir es untersucht haben?
Ich meine, das ist doch keine Art vernünftige Politik zu machen. Das hat auch was von diesem Alarmismus. Wir trauen es Putin zu und weil wir es Putin zutrauen, gehen wir davon aus, war bestimmt so. Ja, also du erinnerst dich an einen ganz ähnlichen Vorfall, der schon ein bisschen zurückliegt und der hat mit dem Ukraine-Krieg zu tun. Du erinnerst dich an Marie-Agnis Strack-Zimmermann, Raketeneinschlag in Polen. Und dann sofort die Frage, traf irgendwie eine Rakete, traf polnisches Gebiet. Nach ersten Medienberichten waren es dann die zwei und so weiter. Dann sollten zwei Menschen getötet worden sein und so weiter. Der Einschlagsort nicht weit weg von der ukrainischen Grenze und so weiter. Und dann löste das sofort. Und das ist genau das, was du meinst. Eine hitzige Debatte darüber aus. Strag Zimmermann, Bündnisfall. Der Schuldige war schnell gefunden. Die Finger zeigten alle sehr schnell nach Russland, bevor irgendwie überhaupt klar war, wie die Fakten wirklich sind. Und Strag Zimmermann hat damals einen Tweet abgesetzt, der mittlerweile gelöscht ist, indem sie die Russen beschuldigte und sagte, nicht nur haben russische Raketen offenbar Polen und damit NATO-Gebiet getroffen, sondern auch zu Toten geführt. Das ist das Russland, mit dem hier einige offenkundig und absurderweise immer noch verhandeln wollen, unter Anführungszeichen. Das war damals der Tweet. Und der Kreml und seine Insassen müssen sich, ja Insassen schrieb sie. Ja, wie in der Strafanstalt. Müssen sich umgehend erklären.
Und damals kam dann raus, war halt alles dann doch ein bisschen anders. Das war eine fehlgeleitete ukrainische Rakete offensichtlich. Stark Zimmermann musste daraufhin zurückrudern, hat sich dann auch entschuldigt, hat Einsicht gezeigt und so weiter. Aber sozusagen die Geschwindigkeit. Hat sich bei den Insassen im Kreml entschuldigt, glaube ich eher nicht. Hat sich bei der deutschen Öffentlichkeit sozusagen entschuldigt, weil alarmistisch ja und das ist halt das Brandgefährliche an solchen Situationen, dass du im Grunde auch getrieben von der Geschwindigkeit sozialer Netzwerke und so weiter das Gefühl hast, jetzt muss ich mich ganz schnell nach vorne und raus. Aber ist das nicht schlimm? Ich meine jetzt gerade in so einer angespannten Situation, und die haben wir ja ohne Zweifel, in so einer angespannten Situation ist die allerwichtigste Tugend Besonnenheit.
Gerade kein Alarmismus. Besonnenheit, untersuchen, klären, sehen, woran man ist und dann erst an die Öffentlichkeit gehen und sagen, also nach unseren Erkenntnissen handelt es sich um Spionagedrogen oder um das oder was auch immer das ist. Aber doch nicht, bevor man etwas weiß, bereits mit äußerstem Alarmismus darauf zu reagieren, wird diese Atmosphäre, über die du gesprochen hast und die dir genauso wenig schmeckt wie ich, diese alarmistische Atmosphäre, die wird dann massiv eingeheizt. Und wenn dann parallel dazu oder nahezu parallel dazu jetzt auch noch diese Luftabwehrübung kommt, also die Sirenen gehen, um zu gucken, was eigentlich? Erklär mir mal eins, habe ich schon in der Schule nicht verstanden. Also in Zeiten des Kalten Krieges, als ich in die Schule ging, da gab es noch den bösen Kommunismus, die Sowjetunion und so weiter. Und da gab es noch, ich schätze mal zweimal im Jahr, Luftalarm. Der war vorher irgendwie angekündigt, aber nicht jeder hatte es irgendwie mitgekriegt. Da geriet auch keiner in Panik. Ja, da gingen die Sirenen hoch in der Schule und da mussten wir alle auf den Schulhof.
Ich weiß bis heute nicht, warum und wieso. Und mir ist auch nicht klar, wenn man jetzt diese Sirenen laufen lässt. Was möchte man jetzt ganz genau damit bezwecken, dass die Leute was machen? Also ich kann ja sagen, es gibt ja keine Handlungsanweisung, dass man sagt um elf morgen die Sirenen und dann alle raus auf die Straße oder alle in irgendeinem Luftschutzbunker oder so. Sondern ich bleibe ja genauso hier in meiner Kemenate sitzen wie vorher. Wozu gibt es dann diesen Alarm? Erklär es mir. Also die Erklärung der örtlichen Feuerwehr bei mir in Südtirol auf dem Dorf ist, wir wollen einfach ab und zu mal testen, ob die Dinger noch funktionieren. Ganz einfach. Deswegen schmeißen die die Sirene zum Beispiel immer Samstagmittag um 12 an. Samstagmittag um 12 heulen die Sirenen, damit du sozusagen sicherstellen kannst, dass die auch tatsächlich im Notfall alle funktionieren. Und ich kann dir sagen, ich habe mal so einen richtig dicken Alarm selber mal ausgelöst. Und das war damals beeindruckend zu sehen. Und es hat mich damals auch irgendwie berührt, was dann passiert. Es brannte ein Haus und ich habe da diesen Rauch aufsteigen sehen in der Nachbarschaft.
Und bin da nochmal zurückgefahren, weil es brannte noch nicht wirklich Feuer. Aber da kam irgendwie Rauch aus dem Giebel raus. Und ich hatte das Gefühl, irgendwas stimmt da nicht. Und dann habe ich den Notruf gewählt. Und dann sagte dieser Mann zu mir am Telefon, bist du dir ganz sicher, dass es da wirklich brennt? Und ich sagte, nee, es kann auch sein, dass die einfach Speck räuchern. Ich habe dann irgendwie da geklopft. Keiner machte auf. Dann hatte ich plötzlich Angst, dass da jemand da drin vielleicht schon erstickt ist. Die wusste, dass da oder dachte, dass da eine ältere Frau auch wohnt. Die Jüngeren waren weg, wie sich später herausgestellt hat. Die waren einkaufen und so weiter. Und dann sagte der zu mir, Also soll ich jetzt Alarm auslösen oder nicht? Und dann, was sagte ich zu ihm?
Okay, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich zum größten Trottel im gesamten Tal mache, mach es bitte. Und dann drückte der auf diesen Knopf und dann heulten wirklich im ganzen Tal die Sirenen und es ging richtig was los. Und ich habe es dann echt mit der Angst zu tun bekommen. Dachte, was habe ich jetzt hier bloß gemacht? 20 Minuten später kamen dann Hubschrauber, die Feuerwehr, alle waren da und dann brannte es aber auch plötzlich lichterloh, traten die Tür ein, plötzlich kriegte das Ding richtig Sauerstoff und dann brannte es lichterloh.
Dann stellte sich raus, dass durch diesen Alarm, durch diesen Anruf, konnten wir nicht mehr verhindern, dass das Haus abbrannte. Aber wir konnten verhindern, dass im Haus daneben, im Gebäude daneben, da waren die ganzen Tiere drin, da waren Pferde drin, Kühe drin, Schafe drin und so weiter. Die konnten gerettet werden. Das wäre locker übergesprungen. Da entstehen enorme Hitzen und so weiter. Und die wären alle mit verbrannt bei lebendigem Leib. Das konnten wir damals wirklich verhindern. Was heißt, du hast quasi das Dorf gerettet? Nicht das Dorf gerettet, es ist ein einsam gelegener Bergbauernhof. Und mich hat damals sehr berührt, wie diese Leute, die kamen alle von der Arbeit. Das sind freiwillige Feuerwehren, das ist keine Berufsfeuerwehr. Das waren Menschen, Handwerker, Leute, die bei der Arbeit waren. Die haben alles hingeworfen und haben gesagt, pass auf, okay, jetzt ist da irgendein Problem. Da ist offenbar jemand in Not und lassen alles stehen und liegen, weil diese Sirene heult. Springen in ihre Autos, schmeißen sich ihre Montur da an und gehen dann dahin und tun, was zu tun ist. Und das haben die mit großer Professionalität gemacht. Mich hat das damals wahnsinnig beeindruckt und dachte, was für ein Beleg sozusagen für die Stärke von Zivilgesellschaft.
Was wir alles können, wenn wir es wirklich wollen, wenn wir uns unterhaken und wenn wir dann wirklich mal sozusagen alle Befindlichkeiten fahren lassen und hingehen und sagen, okay, da ist jetzt einer in Not und dem helfen wir jetzt. Und es hat das ganze Dorf, nicht nur das eine Dorf, sondern mehrere Dörfer, die sind da alle zusammengekommen, haben das gemacht. Hat mich, bis heute ist ein paar Jahre her, hat mich wirklich nachhaltig beeindruckt, muss ich wirklich sagen. Und das ist der Grund für solche, weißt du, man kann so eine Sirene auch anders deuten, Richard. Ja, aber nicht die, die jetzt gerade heulen. Ich will nur sagen, es gibt auch diesen Aspekt sozusagen. Die gehören für mich eher zum Alarmismus. Aber ich nehme mit, die wollen offensichtlich testen, ob die Dinger noch funktionieren. Ja, so lese ich das. Dann brauchen sie jetzt die nächsten fünf Jahre nicht mehr testen, dann haben die das ja gut getestet. Ich möchte jetzt nicht alle halbe Jahre diesen Alarmismus weiterhören. Aber interessant an dem, was du gerade gesagt hast, was dich beeindruckt hat daran, war ja nicht die Sirene als solche, sondern wie eine Dorfgesellschaft, wie die funktionierte, einschließlich all der Freiwilligen, die dafür benötigt werden und die anpacken und so. Und solche Geschichten, die beeindrucken mich auch.
Und deswegen finde ich ja diesen grundsätzlichen Gedanken, den wir immer mit der Bundeswehr verbinden, dass die junge Generation quasi Solidaritätserfahrungen und Solidaritätsleistungen erbringen soll, die ihr Pflichtgefühl stärken sollen, finde ich ja völlig richtig. Also du kannst dir nicht vorstellen, es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Minimalüberschneidung mit Roderich Kieselwetter habe.
Und zwar geht es ihm darum, dass er, und da war ich überrascht, nicht einfach nur schlicht die Wehrpflicht wieder einführen will, sondern dass er den Leuten freistellen will, so habe ich es jedenfalls verstanden, welchen Beitrag sie genau leisten. Da kann man ja auch Katastrophenschutz machen und vieles andere mehr. Und dabei ist er natürlich ganz nah an einer Lieblingsidee von mir, die ich ja schon häufig in meinem Leben unterbreitet habe, ist ja eine Doppelidee, Das ist einmal ein Gedanke, den ich ja nicht erfunden habe, dass man ein soziales Pflichtjahr machen sollte, wenn man die Schule hinter sich hat. Und das in einem Tätigkeitsfeld der eigenen Wahl, also völlig egal, ob das jetzt Militär ist oder zivile Zwecke sind, ob man am Krankenhaus arbeitet, wie früher die Zivildienstleistenden oder im Altersheim oder wie auch immer. Aber dass das verpflichtend geben soll für Mädchen wie für Jungen. Und übrigens eine Position, wo ich überwiegend die Konservativen auf meiner Seite habe. Zum Beispiel Carsten Linnemann, der sich ja auch für dieses Gesellschaftsjahr einsetzt und das auch immer wieder einbringt.
Und dann habe ich ja den Vorschlag gemacht, dass auch unsere Generation, das ist also, bin ich ja jetzt bald, diejenigen, die in Rente gehen, das reale Renteneintrittsalter in Deutschland liegt zwischen 62 und 63. Nicht das Gesetzliche, sondern das Reale, das Wirkliche. Das heißt, ich bin also schon fast in dem Alter, in zwei, drei Jahren bin ich soweit. Dann bin ich sozusagen Durchschnittsrentner, also in einem Alter, wo das Durchschnittsrentenniveau beginnt. Und dass diese Menschen, die ein Leben gehabt haben meiner Generation, die haben fast alle ein Leben gehabt oder fast alle ein Leben gehabt, wo sie von Krieg verschont wurden, von Großkatastrophen verschont wurden, sind in der Zeit einer fast kontinuierlichen wirtschaftlichen positiven Entwicklung, einer wahnsinnigen Dynamik und Progression reingeboren und so weiter. Dass diese Generation, die wir so landläufig immer gerne die Boomer-Generation nennen, dass diese Generation dann, wenn sie 62, 63 oder 65 oder was auch immer ist und körperlich fit ist und geistig fit und so weiter, dann in einer Tätigkeit der eigenen Wahl, wo sie so viel zu geben und weiterzugeben und zu erzählen hat, aktiv wird.
Habe ich das erste Mal gemacht vor 13 Jahren. Entschuldigung, hörst du, hörst du, es gab wieder hier. Geht schon wieder los. Die hören überhaupt nicht mehr auf damit. Die testen ziemlich oft hintereinander. Also wenn es um die Funktionstüchtigkeit geht, die müssen wir doch beim ersten Mal schon mitgekriegt haben. Also wenn das jetzt keine Störsinn. Das ist nur eine Vermutung. Jaja, okay. Nein, also auf jeden Fall dieses zweite Pflichtjahr finde ich noch wichtiger. Das erste Pflichtjahr ist vor allen Dingen gut für die jungen Leute, die es machen. Sie können da zwar auch der Gesellschaft was Gutes tun, Aber beim zweiten Pflichtjahr ist es umgedreht.
Das, was jemand der Gesellschaft, der 30 Jahre, 35 Jahre, 40 Jahre in einem Beruf gearbeitet hat, zu geben hat, ist meistens sehr viel mehr als das, was ein 18-, 19-Jähriger geben kann. Der kann sein ganzes Know-how weitergeben, seine ganze Erfahrung. Er ist der gestandene Handtagsmeister. Der kann richtig was. Und das ist natürlich ganz großartig. Und dann nur 15 Stunden und in der gesamten Woche nur 15 Stunden. So, und warum erzähle ich das? Weil diese Idee gerade auch wieder aufgegriffen wurde. Von Klaus Hochelmann, dem Bildungsforscher, dem Papst, dem deutschen Bildungspapst und von Marcel Fratzscher, mit dem ich schon häufig diskutiert habe und dem ich auch von der einen oder anderen Idee hatte, glaube ich, ein klein wenig überzeugen können. Ich habe mich sehr gefreut, dass er das aufgegriffen hat. Und jetzt ist das Interessante, man merkt eine Reaktion, die Konservativen sind total dagegen, wenn ein quasi Sozialdemokrat einen solchen Vorschlag macht. Das heißt, das Fazit ist, und das finde ich philosophisch interessant, die Konservativen sind für das Pflichtjahr der Jungen und die Linken sind für das Pflichtjahr der Alten. Ist doch verrückt, oder?
Ist es? Und würdest du sagen, das ist okay? Also du würdest wirklich sagen, da muss es ein Pflichtjahr geben. Ich sage dir ganz offen, Richard, und jetzt nenne ich mich dann gerne konservativ. Es hat aber für mich damit nichts zu tun. Und die Vorstellung, ich habe das schon einmal gemacht, wie du weißt. Ich bin damals einberufen worden, italienischer Militärdienst. Ich habe das gemacht. Ich habe ein Problem mit der Länge. Ich habe damals ein Jahr gemacht. Und ich kann dir sagen, ein Jahr im Wesentlichen einfach nur rumsitzen und abwarten. Und irgendwie die Zeit totschlagen. Bei einem ungeduldigen Menschen wie mir. Du müsstest ja nicht zum Bund gehen. Du könntest ja irgendwo hingehen, wo du wirklich ganz, ganz viel zu tun hast. Ja, ja, ich weiß.
Das verstehe ich. Aber ich will nur sagen, ein Jahr ist im Zweifel auch eine sehr, sehr lange Zeit. Also ich wäre dafür, es deutlich kürzer zu machen. Das ist das eine. Und das andere... Die Idee, dass du dann irgendwann mal, wenn du dann endlich anfängst, mal ein bisschen weniger zu machen. Ich glaube, ich bin ohnehin niemand, der so wirklich an das Konzept rennt, der glaubt im Sinne von, ich habe nicht das Gefühl, da kommt jetzt dieser eine Moment und dann höre ich einfach mit allem auf. Das ist nicht meine Idee von Leben. Das ist ja auch nicht deine Art von Beruf. Ist auch nicht meine Art von Beruf. Ich meine damit nicht, dass ich den Leuten ewig auf den Bäcker gehe mit meiner Anwesenheit. Das meine ich damit nicht. Aber die Vorstellung sozusagen, mich an einem Tag X zu einem bestimmten Datum einfach hinzusetzen, quasi auf das Sofa und danach nie wieder aufzustehen, metaphorisch gesprochen, das ist etwas, das kommt in meiner Gedankenwelt nicht vor. Aber du, bestimmt jeder Zweite in unserer Generation, in dessen Gedankenwelt kommt das auch nicht vor.
Und wenn dann der Tag kommt, wo man in Rente geht und vor der ganz großen Leere steht, wie das bei vielen ist, auch in meinem Umfeld habe ich solche Kandidaten und da sagt jemand, ja was haben sie denn so in ihrem Leben alles so gemacht? Ja, was können Sie denn? Ja, ich war hier und ich habe da und da für dieses Unternehmen und ich habe das und das gemacht. Und was machen Sie gerne? Was haben Sie für Hobbys, für Leidenschaften? Und dann baldowert man was aus, was man in diesem Jahr 15 Stunden, also an drei Tagen, fünf Stunden oder so machen könnte. Ob man Kindern in der Krebsstation vorliegt, weil das schon immer ein guter Entertainer und so weiter war.
Ob man im Altenheim was macht oder ob man im Sportverein was macht, was ja sowieso sehr viele machen. Übrigens all diejenigen, die das ohnehin machen, die also nachweisen können, was sie alles schon an ihren amtlichen Tätigkeiten von Sportverein bis Flüchtlingshilfe gemacht haben, die müssen auch kein Pflichtjahr machen. Die machen das ja ohnehin. Es geht ja nur um diejenigen, die eigentlich ganz viel Potenzial haben, um so viel weiterzugeben, aber von sich aus nicht auf die Idee kommen. Zum Beispiel, weil sie nicht in dem Umfeld leben, in dem andere das machen oder nicht so recht wüssten, was oder so, wenn die soziale Bindung fehlt. Und jetzt reden wir nicht von denjenigen, die körperliche Gebrechen haben. Und wir reden auch nicht von denjenigen, die misantropische Menschenfeinde sind, die man für nichts gebrauchen kann. Die können sich mit ärztlichen Attesten davon befreien lassen. Aber wegen der Gebrechen, das kam immer bei mir. Hör mal, überleg dir mal. Ich war bei Anne Wild und mach diesen Vorschlag. 2011, glaube ich. Und dann haben die das fertig gebracht. Dann sind die zum Flughafen gefahren im Vorfeld. Die wussten nicht, ich würde diesen Vorschlag machen. Zum Flughafen gefahren. Und dann haben sie Rentner auf dem Weg nach Mallorca. Mit Menschen an Krücken, im Rollstuhl.
Durchschnittsalter weit über 80. Die Omi, die da gefragt, wären sie bereit, ein soziales Pflichtjahr zu machen? Die haben als erstes ein Foto von mir gezeigt und fragt, kennen sie den? Da bin ich damals ganz häufig verwechselt worden mit dem damaligen österreichischen Finanzminister. Ja, mit Herrn Grasser. Ja, ja, genau. Der schöne Karl Hans. Ja, der schöne Karl Hans. Genau, und gedacht, das wäre der. Der schöne Ritter, der Fischer Lichert, der schöne Karl Hans. Und danach kam sozusagen geballter Hass. Ja, und die dachten, ich kann doch nicht mehr. Gucken Sie, ich kann doch nicht mal mehr gehen und so. Als wenn ich an 80-Jährige gedacht hätte, als wenn ich an Invalide gedacht hätte. Das sind die Medien, so gehen die mit einem um. Ich trau dir das, trau dir das. Ich war am nächsten Tag auf der ersten Seite der Bildzeitung.
Vollkommen zu Recht. Ja, ja, genau. Harte Arbeitet, vollkommen verdient, finde ich genau richtig. Jetzt mal im Ernst, ich weiß ja, wie du es meinst, Richard, aber ich musste gerade so lachen. Ich frage mich immer, Markus, was ist eigentlich stärker in dir? Das frage ich in dem Zusammenhang, aber es interessiert mich wirklich. Deine traditionell konservative, auch etatistische Seite? Die sagt, Menschen haben auch mehr Pflichten als nur sozusagen, um sich selbst zu kümmern, das Gemeinwohl, das Allgemeine. Und deine liberale Seite, sie nach dem Motto, der Staat soll dich zu möglichst wenig zwingen. Weil ich habe gerade das Gefühl, die liberale Seite besiegt hier deine Konservative. Nee.
Pass auf, zwei Sachen. Das eine ist, ich musste gerade so lachen, weil du sagtest, wenn du so ein Misanthrop bist, dann gehst du zum Arzt und lässt den Attest ausstellen und lässt dich sozusagen befreien. Und der musste so lachen, weil ich dachte, was das für eine Situation ist. Du gehst zum Arzt und sagst, hören Sie zu. Wissen Sie, ich bin ein unfassbar schlecht gelaunter alter Sack. Schreiben Sie das bitte mal auf einen Attest. Und das lege ich dann vor und sage, hör zu. Ich habe es hier offiziell, ich bin ein schlecht gelaunter Zwei Sachen. Wenn der Arzt das nicht macht, dann drohst du dem Arzt so lange Schläge an, bis er es macht, dann ist er überzeugt. Genau, mit meiner Krücke.
Also das finde ich irgendwie eine schöne, eine skurrile Vorstellung. Nein, ich habe doch vorhin gerade über die Feuerwehrleute aus meinem Dorf gesprochen.
Und diese Leute machen das alle freiwillig, Richard. Das ist mein Punkt. Mir geht, weißt du, ich habe zum Beispiel einen Lebensentwurf, so für mich, der wurde mir quasi, wie soll man sagen, der war vorgegeben. Ich hatte immer die Idee vom Leben, pass auf, das was andere Leute so um mich herum machen konnten, die haben erstmal dann nach dem Abitur studiert und so weiter und die hatten dann auch irgendwie teilweise auch ein bisschen frei und das Soziologiestudium dauerte dann auch mal ein bisschen länger und so weiter und hatten auch viele Festivitäten und das war irgendwie ein gutes Leben, ein gutes Studentenleben. Und ich habe die nie beneidet, sondern ich habe sie ihnen von Herzen gegönnt. Aber ich hatte diese Möglichkeit nicht. Das ging finanziell einfach nicht. Ich musste Geld verdienen und dachte immer, okay, ist in Ordnung. Ich schließe jetzt sozusagen einen Deal, nur für mich, mit dem Leben. So nach dem Motto, dann mache ich das jetzt... Alles jetzt und dann genieße ich es sozusagen hinten raus. Ich hole mir sozusagen diese Zeit, die die vorne weg hatten, hole ich mir hinten raus. Das war immer so meine Idee. Und wenn jetzt so ein Staat kommt und mir dann schon wieder vorschreibt, was ich jetzt gefälligst zu tun und zu lassen habe, nachdem ich jetzt mein ganzes Leben brav meine Steuern gezahlt habe und versucht habe, meine Pflichten auch als Staatsbürger und auch sonst zu erfüllen, nach bestem Wissen und Gewissen. Und dann scheitert man auch oft und macht es auch vielleicht mal schlecht und fliegt auf die Schnauze und so. Alles okay, aber ich habe mich bemüht.
Und jetzt kommt dann wieder jemand am Ende, wo es mir vielleicht noch einigermaßen gut geht. Ich habe dann auch mich bemüht, irgendwie fit zu bleiben und könnte jetzt endlich mal auf all die Berge gehen, die ich vorher nie besteigen konnte und so weiter. Könnte mal zu Fuß durch Grönland laufen oder sowas. Und dann kommt wieder jemand und sagt, nee, du musst jetzt aber das und das. Mich wirklich, mich nervt das. Markus, jetzt machst du mich wütend. und zwar aus folgendem Grund. Überleg mal, wie jämmerlich ist das, was du da erzählst? Was ist das? Jämmerlich? Weißt du, warum das jämmerlich ist? Wir sind gerade dabei als Staat, jungen Menschen zu sagen, die 18, 19 Jahre alt sind, die ja ein gesamtes Leben noch vor sich haben und nicht nur ein paar glückliche Rentnerjahre. Ihr sollt zur Bundeswehr gehen. Ihr sollt euer Vaterland verteidigen. Ihr sollt euch im Zweifelsfall tot schießen lassen.
Und wir halten das, ich weiß nicht, ob mehrheitlich, aber zu einem nicht unerheblichen Prozentsatz für zumutbar. Dann ist es auch zumutbar, dass du, wenn du aufhörst zu arbeiten, sei das mit 65, sei das mit 70 oder mit 75, anschließend noch Weisheiten, die du in deinem Leben geschöpft hast, anderen zugutekommen lässt, die davon profitieren, was dir als soziales Jahr dann entsprechend angerechnet wird. Das ist doch im Zweifelsfall eine schmeichelhafte Tätigkeit im Vergleich zu dem, was wir inzwischen anfangen für selbstverständlich zu halten, dass 18-Jährige ihr Leben lassen für dieses Land. Jetzt machst du mich gerade sauer, weil du willst mich jetzt gerade absichtlich missverstehen und ich kenne dich ja auch. Du machst das ja nur um hier ein bisschen...
Ich weiß, dass du nur zwei Stunden geschlafen hast und ich denke, das kann dich argumentativ ausnutzen. Aber ich habe verdammt gute Laune für diese wenigen Stunden Schlaf. Ja, aber so ein bisschen irre gute Laune. Ja, ja, ich weiß. So überdreht. Das ist wahnsinnig gelacht. Aber mein Punkt ist ein anderer. Ich würde das freiwillig machen, Richard. Weißt du, ich bin zum Beispiel jemand, ich lese gerne, wie du weißt. Und ich habe zum Beispiel unglaublichen Spaß daran, Kindern vorzulesen. Ich mache das wahnsinnig gerne. Und wenn ich jetzt irgendwann dann auf dem Sofa sitze und alle Länder durchquert sind und alle Berge bestiegen sind und so weiter. und ich das Gefühl habe, oh Mensch, jetzt irgendwie ist da noch so ein bisschen Leben im alten Sack. Dann würde ich irgendwie sagen, okay, komm, dann setze ich mich hin und dann lese ich Kindern vor. Oder bringe Kindern zum Beispiel an Schulen irgendwie schöne Bücher näher und solche Dinge. Das ist etwas, das könnte ich mir für mich total gut vorstellen. Und das ist etwas, was ich als wahnsinnig sinnstiftend dachte. Falls es dann noch Schulen gibt und falls es dann auch schöne Bücher gibt. Aber ich verstehe das. Die schönen Bücher sind ja schon da. Die gehen ja nicht weg. Ja, ich weiß. Aber ob es die Kinder gibt, die da noch zuhören. Aber ich drücke die Daumen. Ich fände es auch gut. Nochmal ein anderes Thema. Aber du verstehst, was ich meine.
Also sozusagen, weißt du, das, was damals bei dem Bauernhof passiert ist. Und das, was die da alle gemeinsam gemacht haben, das haben die ganz freiwillig gemacht. Da geht keiner hin und sagt, du musst das machen. Sondern die haben in sich intrinsisch dieses Pflichtgefühl, Verantwortung und das machen die auch gerne. Und sagen, das gibt mir auch Gemeinschaft, da habe ich auch Spaß mit den Jungs, wenn die ihre Übungen machen und so weiter. Das ist echtes, gutes Leben. Und das ist sozusagen echtes, gutes Leben, das jenseits von zehn Quadratzentimetern Bildschirmen stattfindet. Und du weißt, es gibt gerade eine große und intensive Debatte darüber, warum die Jugend so traurig ist. Die sind alle wahnsinnig traurig. Du kennst ja dieses berühmte U. Ja, sozusagen am Anfang des Lebens, ja, sind wir euphorisch und optimistisch und gehen da rein und haben das Leben vor uns und sind neugierig. So war mein Leben auch. Es war nicht immer einfach, aber dieser Optimismus, der war immer da. Es war ein gutes Lebensgefühl, ja, jetzt geht's los. Dann kommt irgendwann die klassische Midlife-Crisis, da geht es runter, wird alles schwierig und was mache ich da eigentlich und stellst alles in Frage und dann schmeißt man alles nochmal um. Und dann geht es so hinten raus gegen 60 wieder nach oben. Das heißt, du kommst jetzt langsam wieder in die richtig gute Phase und hast deutlich bessere Laune als heute zum Beispiel.
Deine beste Zeit kommt noch, Richard, ich habe ein gutes Gefühl. Und das geht weg. Die linke Seite vom U geht gerade weg. Die Jungen sind unglaublich pessimistisch und es gibt faszinierende Forschungen und Studien dazu, die sagt, nee, es ist nicht Corona, wie ihr vermutet, es ist nicht die Klimaveränderung, wie ihr vermutet, es ist noch nicht mal die Finanzkrise von 2007, 2008. Das hat alles sozusagen im Grunde begonnen, so vor 15, 20 Jahren und erstaunlicherweise fällt es zusammen mit der Einführung von Smartphones. Das Leben, das sich plötzlich verengt, diese Vereinsamung, die da stattfindet, auf wenige Quadratzentimeter Bildschirmen. Und das ist sozusagen, darüber müssten wir mal eine eigene Folge machen, weil ich glaube, das ist ein wirklich interessanter Gedanke und das soll auch nicht klingen, wie jetzt will wieder irgendjemand Smartphones und Social Media abschaffen. Das ist nicht mein Punkt. Aber die Frage, was das sozusagen mit uns macht und jeder Moment von Einsamkeit, jeder Moment von Langeweile, du greifst zu dem Ding und zack, ist er weg. Und das macht uns einsam. Wir kommen nicht mal mehr an der Bushaltestelle miteinander ins Gespräch, einfach gar nicht mehr. Jeder stiert nur noch auf sein Ding. Wir kommen nicht mal im Bus Wir kommen nicht mehr miteinander ins Gespräch. Stell dir mal vor, du hättest recht. Das scheint ein Thema für junge Leute zu sein. Stell dir mal vor, du hättest recht. Also stellen wir uns wirklich mal vor.
Man könnte wissenschaftlich sehr, sehr sicher feststellen, dass uns das Smartphone kollektiv, junge Leute ganz besonders, unglücklicher gemacht hat. Ja, nicht meine Vermutung. Vermutung von sehr angesehenen Leuten, die das seit Jahrzehnten mittlerweile erforschen. Aber setzt mal den Fall, wir würden uns darauf so halbwegs einigen können.
Was wäre das für ein entsetzlicher Befund? Da wir ja gleichzeitig kaum jemanden haben, der sein Smartphone freiwillig wieder abgeben würde. Richtig. Das heißt, es gibt kein Zurück. Wir hätten dann eine Entwicklung, hätten begriffen, dass diese Entwicklung, die uns so viel Gutes verheißen hat und uns natürlich mit unendlichen Möglichkeiten ausgestattet hat, in dem Moment, wo wir uns die Möglichkeiten alle wieder wegnehmen, wären wir auch nicht mehr glücklicher. Richtig. Das heißt also, wir sind in einem Dilemma, aus dem es diesbezüglich ja gar keinen Ausweg gibt, oder? Ja, also in gewisser Weise ist das so. Ich höre auch Leute wie, weiß ich nicht, Robbie Williams zum Beispiel oder auch andere, die so sehr in der Öffentlichkeit stehen. Die sagen, ich halte meine Kinder von dem Zeug fern. Kompletto. Du kennst Jonathan Haidt, über den haben wir schon mal gesprochen. Absolut. Der auch sagt irgendwie, das ist Wahnsinn. Wir überbehüten die Kinder auf der einen Seite in der analogen Welt und in der digitalen Welt lassen wir sie völlig verwahrlosen. Und das ist, Robbie Williams spricht in dem Zusammenhang von Drogen. Und der kennt sich aus mit Drogen. Der hat eine gewisse Kompetenz, wie du weißt. Ich würde dem Smartphone sicher eine Mitschuld geben, aber ich würde ihm nicht die Alleinschuld geben. Weil das ist ja sozusagen, das sieht so aus, als hätten wir was gegen Technik. Was ich viel interessanter finde, ist ja parallel zu der Entwicklung, mit dem Smartphone verbunden, aber nicht durch das Smartphone selber ausgelöst.
Ist die Entwicklung eben, dass der kulturelle Kapitalismus in den letzten 20 Jahren unendlich aufgedreht hat. Das heißt, die kulturelle Kapitalismus, Die Erwartung an jeden Einzelnen, ein ultimatives Produkt zu sein. Also so schön zu sein wie irgendwie möglich, so erfolgreich, so sportlich wie irgendwie möglich, so witzig und so weiter. Also der bestmögliche Performer zu sein und bei all dem auch noch authentisch zu sein. Wenn ich mal überlege, was waren denn die Ansprüche der sozialen Mitwelt an mich, als ich 14 war?
Also dann würde ich sagen, was für die meisten in meiner Klasse war natürlich klar, dazuzugehören. Das ist immer noch so. Aber um dazuzugehören, musste man nicht besonders besonders sein. Also die Ansprüche daran, wie toll man sein musste, sind natürlich durch die Vergleichbarkeit im Internet, Smartphone und so weiter unendlich gestiegen. Mit all den Fakes, die da produziert werden. Der Schönheitsterror erst bei Mädels, inzwischen auch bei Jungs. Das ist Wahnsinn. Und dieser Originalitätsanspruch. Alles das gab es vorher. Musste auch früher schön sein. War klasse, wenn man schön war. Aber auch gut, wenn man originell war oder so. Ein bisschen originell. Zu originell war man ein Spinner. Aber diese Anforderungen daran, wie toll man sich irgendwo vermarkten muss, performen muss in der Gesellschaft. Der Leistungsdruck. Nicht nur ein paar vernünftige Noten zu schreiben, Sondern bloß nicht hobbylos zu erscheinen und so. Der ist so riesengroß geworden, dass die meisten das Gefühl haben, sie sind eindeutig unter der Messlatte. Und das, die Smartphones sind natürlich dann die Vergleichsmöglichkeiten und so weiter gestiegen. Das ist klar eigentlich durchs Internet. Aber das ist, glaube ich, die eigentliche Seuche dahinter. Nicht das Smartphone als Gegenstand oder als Zeitfresser oder so.
Vielleicht sollten wir das, Richard, mal tatsächlich in einer eigenen Folge vertiefen. Das ist ein hochinteressantes Thema, finde ich, was da psychologisch gerade passiert. Und du hast natürlich völlig recht, wenn du mir heute sagst, ich nehme dir dein Smartphone weg, schwierig. Wollen wir das nicht kombinieren? Wie wäre es denn mit einem sozialen Pflichtjahr, in dem man gleichzeitig in diesem einen Jahr auf sein Smartphone verzichten muss? Ja, aber das ist ja das, worum es eigentlich geht und das ist das, was ich vorhin meinte. Wir kommen sozusagen, deswegen habe ich ein Problem mit diesen ewigen Vorschriften, mit diesen ewigen Verpflichtungen. Du hast als Mensch heute auch, und das zählt ja in gewisser Weise auch dazu, dieser kulturelle Kapitalismus, eigentlich ist es ja schon kultureller, harter Neoliberalismus, den wir da erleben. Das hat ja auch keinen Moment, das ist ja keine soziale, kulturelle Marktwirtschaft, sondern da geht es wirklich, da musst du richtig hart abliefern. Ja, die beste Version deiner selbst sein, als wärst du selbst ein neues Smartphone. Überleg mal, allein der Satz, wie oft ich den höre. Ich bin gerade die beste Version meiner selben Sänke. Was redest du für ein Zeug? Als ob es darum ginge, dass du die beste Version deiner selbst bist. Sich selbst als Konzept zu sehen. Genau, du bist gut, so wie du bist. Es ist okay, so wie du bist.
Es muss immer ganz toll sein, wie man ist. Und wenn ich jetzt sehe, all die übergewichtigen Menschen, die vorher stark beleibt waren und gesagt haben, ich bin stolz darauf und ich finde das gut so und ich mache kein Body-Shaming, das ist großartig. Und mit allem Selbstbewusstsein präsentiert haben, dass man so sein darf. Und dann gibt es die Abnehmenspritze und sich danach wahnsinnig stolz auf Instagram und Co. Dann wieder feiern lassen dafür, dass sie jetzt nicht mehr so aussehen, wie in dem Zustand, auf den sie doch angeblich immer so stolz waren. Und am Ende bleibt nur eins übrig, man muss immer toll sein, so wie man gerade ist Das ist der Punkt. Und deswegen meine ich, wenn du da sozusagen mehr, und vielleicht ist das ein gutes Thema, wenn wir da wieder mehr ins Analoge kommen, die Feuerwehrleute aus meinem Dorf, die einfach dann beim Bier zusammensitzen, die ihre Übungen machen, wenn es drauf ankommt, sind die alle da. Und das machen die ganz freiwillig, weil ihnen das auch was gibt. Weil dieses analoge Zusammensein, miteinander lachen und im Gespräch sein und dann auch große Aufgaben bewältigen, Dinge auch, die wirklich gefährlich sind. Ich meine, als die da diese Tür eingetreten haben, die ganze Decke brach einfach durch. Da kommen dann tausend Grad einfach mal so auf dich runter.
Und das machen die. Das machen die ganz freiwillig. Dazu muss die keiner verpflichten. Und das machen die auch deswegen, weil ihnen offenbar diese Gemeinschaft etwas wert ist. Aber die Geschichte funktioniert, weil sie eine Dorfgeschichte ist. Wir reden ja jetzt nicht von professionellen Feuerwehrleuten, freiwillige Feuerwehr und so weiter. Ich liebe Leben auf dem Dorf. Und Dorf bedeutet, man kennt sich untereinander und selbst wenn man übereinander lästert und sich nicht leiden kann, im Zweifelsfall ist man eine Gemeinschaft, ob man will oder nicht. Also ähnlich wie bei einer Familie in groß.
Es ist nicht die Voraussetzung, den anderen zu lieben, um ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl zu haben. Das ist natürlich in den Städten heute.
Das ist größtenteils eben nicht mehr der Fall. Und deswegen lassen sich diese Dorfstrukturen nicht einfach als Bild nehmen und sagen, benehmt euch doch alle mal so, nehmt euch daran mal ein Beispiel. Und deswegen muss der Staat so ein klein bisschen nachhelfen mit seinen beiden Fliegen. Du siehst, ich bin sehr hartnäckig. Ja, ich merke das. Der andere Aspekt, aber das sollten wir bei anderer Gelegenheit vertiefen, Richard, ist, was damit immer einhergeht. Und das ist ehrlich gesagt der Teil, der mich noch viel mehr nervt und stört, ist dieses ewige Boomer-Bashing. Und wie du weißt, bist du der Boomer von uns beiden. Ich bin ja da eigentlich raus. Ich bin, glaube ich, der letzte Boomer. Ja, genau. Mich nervt das unfassbar. So eben noch auf diesem Boomer-Schiff. Ja, aber Boomer sind sozusagen das neue Feindbild. Und was da sozusagen ständig gegeneinander in Stellung gebracht wird mittlerweile. Also auf der einen Seite die angeblich faule Jugend. Schau dir mal die Zahlen an, ist total interessant. Es gibt total interessante Untersuchungen darüber, wie engagiert die sind. Das Engagement von Jugendlichen in sozialen Bereichen und an anderen Stellen hat in den letzten Jahren konstant zugenommen. Das ist total interessant. Man denkt, die interessieren sich nur noch für sich. Das stimmt gar nicht. Die interessieren sich sehr wohl für andere. Das ist eine sehr empathische Generation. Und auf der anderen Seite die vermeintlich miesen Boomer, die den Planeten verseucht und versaut haben und die jetzt gefälligst dafür zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Mich nervt das. Das ist nicht meine Idee. Ich finde das gut, wenn die junge Generation so ein Bild von uns hat, selbst wenn es unfair ist.
Aber wenn sie sich dann vornimmt und zu sagen, ich möchte nie ein Boomer werden, ich möchte nie den Planeten versauen auf Kosten meiner Kinder.
Dann habe ich überhaupt nichts dagegen, wenn man uns beschimpft. Wenn wir dann als schlechtes Vorbild dienen können, dass man alles in der Welt vermeiden will, dann wäre das für den Planeten nicht die schlechteste Sache und für die Zukunft der Menschheit. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie du selbst die einfachsten Gedanken da nochmal so verdrehen kannst, dass sie aus einer ganz anderen Perspektive genauso faszinierend. Dass der größte Blutsinn bei sehr erscheint, ja. In diesem Sinne, Markus. Dank dir sehr. Das ist auch interessant. Wir haben heute ein bisschen geplaudert, aber es hat mir großen Spaß gemacht. Also, mach's gut. Hab eine gute Woche. Bis dann. Tschüss. Ciao. Lanz und Precht ist eine Produktion von M hoch 2 und Potsdas bei uns.
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