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Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY, unvergessene Verbrechen. Ich bin Rudi Zerne und bei mir sitzt heute mal wieder meine Kollegin Nicola Hänisch-Koros. Hallo Rudi und willkommen ihr Lieben zu einer Spezialfolge unserer Reihe. Heute geht es um eine Personengruppe, die überdurchschnittlich häufig Opfer schwerer Straftaten wird. Es geht um Frauen, die in der Prostitution arbeiten, mitunter auch Sexarbeiterinnen genannt.
Sexarbeiterin, ich zucke da immer so ein bisschen zusammen bei dem Begriff, weil das den Eindruck vermitteln soll, dass es eine ganz normale Arbeit ist beziehungsweise sein kann, eine wie jede andere. Ich hatte den Eindruck während meiner Zeit in der XY-Redaktion eigentlich nie, wenn ich von den Hintergründen der betroffenen Frauen erfahren habe, um die es ging. Denn da war eigentlich alles dabei. Raub, Menschenhandel, Vergewaltigung, im schlimmsten Fall Mord. Warum das so ist, darauf kommen wir später noch zu sprechen. Ja, das waren bislang eine ganze Menge an Fällen, mit denen wir es da zu tun hatten. Thema wird heute also nicht nur ein konkreter Fall sein, sondern wir werden über mehrere Fälle sprechen, in denen diese eben von dir genannten schweren Verbrechen eine Rolle spielen. Offiziell sind hier bei uns in Deutschland rund 30.600 Prostituierte gemeldet. Diese Zahl vom Statistischen Bundesamt stammt aus dem Jahr 2023. Aber Hilfsorganisationen schätzen, dass es zwischen 200.000 und 400.000 Frauen sind. Davon haben etwa 90 Prozent einen Migrationshintergrund, kommen häufig aus Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder Ungarn, aber auch aus Afrika und Asien. Mutmaßlich werden hier also zigtausende Frauen jährlich systematisch ausgebeutet, vergewaltigt und Opfer von Zwangsprostitutionen. Viele der Frauen, die weltweit in diesem Bereich arbeiten, erreichen, so schätzt man, nicht einmal das 40. Lebensjahr.
Verlässliche Daten und Zahlen dazu sind rar, da Zwang, Gewalt und Ausbeutung meist im Verborgenen stattfinden. Viele von uns haben nur eine vage Vorstellung davon, was es bedeutet, in der Prostitution sein Geld verdienen zu müssen. Das liegt vielleicht auch daran, dass das Bild, das davon oftmals in den Medien vermittelt wird, nichts mit der Realität der meisten Frauen zu tun hat. An was denkst du da? Na ja, zum Beispiel an Spielfilme. Klar, da steht häufig eher die Unterhaltung im Vordergrund und da wäre die Realität wohl auch viel zu hart. Oder aber auch die vielen Rotlichtartikel in der Boulevardpresse. Da geht es häufig hauptsächlich darum, dass das Thema die sexuelle Neugierde der Leserinnen und Leser bedienen soll. Du kennst das Motto ja. Sex sells. Ja, das stimmt wohl. Das erinnert mich daran, dass ich vor nicht allzu langer Zeit einen Artikel in einer deutschen Tageszeitung gelesen habe, eine große deutsche Tageszeitung. Da berichtet eine Medizinstudentin davon, dass sie sich als Luxus-Call-Girl etwas dazu verdient und davon, dass sie sich die gut betuchten Männer natürlich aussuchen könne. Ja, und am Ende ist es so, dass ihre Kunden oft nur eines wollten, mit ihr zusammen sein. Ja, schwer vorstellbar, dass auch das Realität sein kann. Da hat man den Eindruck, das sei ein lukratives Geschäftsmodell, das Frauen weitgehend freiwillig betreiben können. Wir haben da ein etwas anderes Bild. Das liegt vielleicht auch in der Natur der Sache. Wir beschäftigen uns mit Kriminalität und gewinnen deshalb völlig andere Einblicke.
Aber jetzt begrüße ich erstmal hier im Studio Helmut Spohrer, Kriminaloberrat AD. Er war bis 2020 fast 30 Jahre lang bei der Kriminalpolizei in Augsburg in den Bereichen Prostitution, Menschenhandel, Zuhälterei und organisierte Kriminalität. Herr Spohrer, herzlich willkommen bei uns. Hallo und grüß Gott und vielen Dank für die Einladung. Ja, schön, dass Sie da sind. Hallo. Herr Spohrer, Sie hatten es in Ihrer Dienstzeit unter anderem mit schweren Verbrechen im Rahmen der Prostitution zu tun. Gibt es da etwas, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist? Es sind unendlich viele Eindrücke geblieben. Und als Beispiel kann ich vielleicht eine ebenso typische wie auch besondere Begebenheit kurz erzählen. Wir hatten vor Jahren eine Razzia durchgeführt und sechs ungarische Frauen in Obhut genommen. Das waren offensichtliche Zwangsprostürierte. Das haben die Vorermittlungen so ergeben.
Die Frauen wurden dann vernommen. Sie sollten einfach erzählen, was ihnen widerfahren ist. Aber wir haben gesehen, die Frauen hatten unglaubliche Angst, irgendetwas zu sagen. Über Stunden haben sie sich gewunden, ihr tatsächliches Schicksal zu erzählen. Und erst als die Frauen dann mit eigenen Augen gesehen haben, dass ihre Zuhörer verhaftet worden sind, da war die Angst weg und dann haben sie erzählt, was ihnen wirklich widerfahren ist. Und eine der Frauen hat es tatsächlich geschafft, zurück ins normale Leben zu kehren. Sie hat eine Ausbildung gemacht und geheiratet, aber das ist eher die Ausnahme. Und sie hat uns später sogar mit ihrem Mann besucht. Das war ein sehr positives und nettes Erlebnis. Warum lässt sie das Thema Prostitution auch nach ihrem Ruhestand nicht los? Ich sehe hier große Missstände in der Szene und auch viele falsche Fakten in der Debatte. Den Frauen wird nicht geholfen. Im Gegenteil. Wir produzieren mit unserer vermeintlich liberalen Einstellung von Jahr zu Jahr eigentlich jeden Tag neue Opfer. Außerdem stören mich die Mythen, die das Ganze verzeihen. Die Prostitutionslobby ist sehr geschickt in der Darstellung, verzerrt dann die Realität.
Und leider gibt es auch sehr wenig Leute, die lange in dem Bereich tätig sind und spezifische Erfahrungen sammeln und weitergeben könnten. Ich will einfach versuchen, meine Erfahrungen einzubringen, damit sich das Ganze verbessert. Nicht nur Sie, Herr Spohrer, setzen sich für den Schutz von Prostituierten und für eine Verbesserung der Verhältnisse ein. Sie haben Mitstreiter. Wir haben mit Oberstaatsanwalt Peter Holzwart von der Staatsanwaltschaft Stuttgart gesprochen, der seit über 20 Jahren im Bereich der organisierten Kriminalität und des Menschenhandels ermittelt. Außerdem hören wir später noch von Huschke Mau. Sie ist Historikerin, Doktorandin und Autorin, hat ein Buch mit dem Titel Entmenschlicht, warum wir Prostitution abschaffen müssen, geschrieben. Darin legt sie eine politisch-soziale Analyse der Prostitution vor und erzählt auch von der Zeit, in der sie selbst in der Prostitution tätig war. Zu Wort kommt in diesem Podcast außerdem die Psychotherapeutin Dr. Ingeborg Kraus. Sie betreut Frauen, die aus der Prostitution kommen. Von ihr gibt es inzwischen zahlreiche Veröffentlichungen zum Zusammenhang von Trauma und Prostitution. Davon werden wir im zweiten Teil dieses Spezials hören.
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Diese beiden Folgen werden ganz sicher polarisieren. Denn für die einen ist Prostitution sexuelle Ausbeutung und für die anderen ist es das vermeintlich älteste Gewerbe der Welt und hat was mit dem Recht auf die freie Berufswahl zu tun. Bevor wir jetzt tiefer eintauchen, Herr Spohrer, Prostitution war in Deutschland immer weitgehend geduldet bis erlaubt. Mit Ausnahme der Zeiten von Seuchen und Pandemien, zum Beispiel jüngst Corona. Genau. Prostitution galt ja bis 2002 lediglich als sittenwidrig. Sittenwidrig heißt, dass etwas gegen das allgemeine Anstandsgefühl verstößt.
Verträge zwischen der Prostituierten und dem Freier sind also zivilrechtlich nichtig gewesen und deshalb waren sie nicht einklagbar. Interessanterweise haben Sie uns ja auch erzählt, dass Sie in den 90er Jahren bei der Sitte waren. Das ist ein Begriff bzw. Auch eine Abteilung bei der Polizei, die es so natürlich nicht mehr gibt, oder? Nein, damals war der Begriff Sitte eine gebräuchliche Bezeichnung für die Abteilung bei der Kriminalpolizei, die für Sexualdelikte und Prostitution zuständig war. Ich kam Anfang der 90er Jahre zur Kriminalpolizei, eigentlich eher zufällig zur Sitte. Und dann hatte ich erste Berührungspunkte mit Prostitution. Da war mir überhaupt nicht bewusst, was auf mich zukommt. Der Begriff Sitte, der ist heute nicht mehr geläufig und das war wirklich Zufall, dass ich gerade in diese Abteilung gekommen bin. Wie haben Sie aus polizeilicher Sicht die Prostitutionsverhältnisse in den 90ern erlebt? Gab es da Unterschiede zu heute? Ja, die Unterschiede waren gewaltig. In dieser Zeit gab es deutlich weniger und fast nur deutsche Prostituierte. Ausländischen Prostituierten war bis auf wenige Ausnahmen die Prostitution per Gesetz untersagt.
Ein Beispiel vielleicht dazu, in Augsburg gab es damals nur eine einzige ausländische Frau, das war eine Östreicherin und die Preise für sexuelle Dienstleistungen waren im Vergleich zu heute wirklich sehr hoch und die Szene war damals für die Polizei wesentlich übersichtlicher als heute. Aber auch damals hatten Sie mit Straftaten rund um die Prostitution zu tun? Ja, natürlich. Typische Milieustraftaten wie Zuhälterei, Erpressung, Körperverletzung und dergleichen wurden natürlich auch damals verübt, aber in wesentlich geringerem Umfang als heute. Die Situation damals war deutlich weniger dramatisch, nicht vergleichbar mit den Zuständen von heute.
Und die Prostituierten, die waren auch damals schon Opfer von Gewalt und Kriminalität und lebten am Rande der Gesellschaft. Um nicht mehr am Rande der Gesellschaft zu stehen, kämpften Prostituierte jahrzehntelang für mehr Anerkennung und rechtlichen Schutz. Und 2002 sollte sich dann auch ganz viel ändern, zugunsten der Frauen. Ein neues Gesetz sollte sie Freiberuflern und Selbstständigen gleichstellen. Also zum Beispiel den Zugang zu Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung ermöglichen, sofern sich eine Prostituierte staatlich anmeldet. Damit galt die Arbeit in der Prostitution auch nicht mehr als sittenwidrig. Im Gesetz wurde auch verankert, dass es wie bei allen anderen Geschäftsfeldern zu einem rechtlich bindenden Vertrag zwischen Freier und Prostituierter kommt.
Zahlt ein Freier die Leistung nicht, kann er demnach zivilrechtlich und gegebenenfalls strafrechtlich belangt werden. Herr Spohrer, das neue Gesetz, was hat das gebracht? Ja, das neue Gesetz war im Ergebnis durch und durch schlecht, einfach morx. Ein Beispiel vielleicht dazu, Bordellbetreiber haben dadurch plötzlich ein sogenanntes eingeschränktes Weisungsrecht erhalten. Aufgrund dessen durften Bordellbetreiber den Prostituierten nun ungestraft Befehle erteilen, zum Beispiel wie lange Frauen im Bordell arbeiten müssen, ob sie nackt sein müssen, was sie anzuziehen haben, ob sie telefonieren dürfen und so weiter. Nur die allerschlimmsten Anordnungen waren jetzt nur strafbar. Zum Beispiel, dass eine Frau mit einem bestimmten Freier bestimmte Sexualpraktiken ausführen muss. Ziemlich alle anderen Beeinflussungen waren nun vom Gesetz gedeckt. Insgesamt war das Gesetz eine Katastrophe. Herr Sporer, das lässt bei mir jetzt gleich mehrere Fragezeichen aufploppen.
Freiberufler, Selbstständige, Weisungsrecht. Wer sich mit Arbeitsrecht so ein bisschen auskennt, weiß, das geht eigentlich nicht zusammen. Wie kann es sein, dass der Gesetzgeber das quasi in einem Atemzug möglich gemacht hat? Das ist rechtlich ziemlich kompliziert und nicht ganz einfach zu erklären. Zwei Rechtsvorschriften kollidieren da einfach miteinander.
Kurz gesagt, das neue Weisungsrecht aus dem Prostitutionsgesetz hebelt die Schutzvorschrift Zuhalterei einfach in weiten Teilen aus. Und dadurch ist das Selbstbestimmungsrecht, also die Dispositionsfreiheit der Frauen, beschnitten. Wer das jetzt genauer wissen will, der müsste hier nochmal tiefer in die Gesetzeslage sich einarbeiten. Wir nehmen das jetzt mal so hin, dass die Lage so ist wie beschrieben und die ist jetzt auch nach der Gesetzesänderung nicht gut. Warum? Die Frauen sind vor Betreibern nicht mehr ausreichend geschützt, im Gegensatz zu früher, und die Polizei kann in den meisten Fällen aus rechtlichen Gründen nicht mehr eingreifen. Also der Schutz der Frauen wurde dadurch deutlich reduziert anstatt verstärkt, da sie nun den Anordnungen der Bordellbetreiber ausgesetzt waren. Die Frauen sind ohnehin schon in einer sehr schwierigen Situation und wenn sie diese Tätigkeit schon ausüben, dann sollten sie zumindest selbst entscheiden können, wie sie den Job ausüben. Und mit den EU-Osterweiterungen im Jahr 2004 und 2007 hat sich die Lage in Deutschland noch mal drastisch verschlimmert. Weshalb? Ja, der Zustrom der Frauen aus armen Ländern, insbesondere aus Rumänien und Bulgarien, bewirkte, dass Hunderttausende junger Frauen aus diesen Ländern unkontrolliert in die Prostitution in Deutschland strömten oder besser gesagt hierher gebracht werden konnten.
Die Prostitutionsausübung für ausländische Frauen war nun legal möglich. Ohne Visum, ohne Arbeitserlaubnis, ohne Wohnsitznahme und so weiter. Sie konnten nun alle legal als selbstständige Prostituierte arbeiten. Und es entstand dadurch ein wahres Paradies für Geschäftemacher und Profiteure, die die überwiegend aus Osteuropa stammenden Mädchen und jungen Frauen in Deutschland vermarkten konnten. Und das zu einem geringeren Preis als zuvor. Es kommt zur Ausbeutung und massenhafter Prostitution, aber davon erzählen wir euch später mehr.
Doch zunächst gibt es 2008 vermeintlich Licht am Horizont. Ein großes, nobelanmutendes Bordell in der Nähe von Stuttgart eröffnet. Es soll sogar das größte Freudenhaus Europas sein, das Paradise. Nach großem Erfolg öffnen weitere Ableger des Bordells in der Nähe von Saarbrücken, Frankfurt am Main und Graz. Betreiber ist ein ehemaliger Boxer, der auch einen Marketingchef in seinem Team hat. Es gibt noch weitere Partner in der Runde, aber aufgrund der Komplexität konzentrieren wir uns nur auf den Bordellbetreiber und seinen Marketingchef. Hier soll alles mit rechten Dingen zugehen. Die deutschen und ausländischen Frauen, die bei ihm arbeiten, würden das freiwillig tun. Der Bordellbetreiber ist ein gern gesehener Gast in Talkshows. Dort berichtet er von den guten Arbeitsbedingungen in seinen Bordellen. So hätten die bei ihm arbeitenden Frauen einen hauseigenen Gynäkologen, der sich um ihre Gesundheit kümmere. Und es gäbe sogar eine Frauenbeauftragte.
Sein Marketingchef tritt währenddessen bei einem privaten Fernsehsender als Bordelltester auf. 2013 sind Sie, Herr Sprorer, bei der Kripo in Augsburg und gerade mitten in Ermittlungen gegen ein Augsburger Bordell. Wegen was haben Sie denn da ermittelt? Da ging es zunächst um Hehlerei. Wir hatten hier verdeckt ermittelt, also ohne Wissen der Bordeilbetreiber. Also verdeckt, observiert. Das klingt jetzt wahrscheinlich für viele unserer Zuhörerinnen und Zuhörer ziemlich spannend. Wie ermittelt man denn da eigentlich? Schickt man da Undercover-Polizisten als Freier rein? Wahrscheinlich nicht, ne? Da gibt es eine Reihe von Möglichkeiten wie Observation oder Überwachung von Telefonen. Aber aus taktischen Gründen möchte ich da eigentlich nicht näher drauf eingehen. Generell braucht man für diese Maßnahmen immer einen richterlichen Beschluss. Solche Ermittlungen sind ja auch sicher nicht ganz ungefährlich, oder? Ja, gefährlich kann es immer sein. Man weiß ja nie, was auf einen zukommt. Ob Leute ausrasten, ob sie bewaffnet sind oder ob sonst etwas Unvorhergesehenes passiert. Und sind da auch Kolleginnen im Einsatz? Klar, Frauen machen bei der Polizei den gleichen Job wie die Männer. Und jetzt sind Sie da also mit Ihren Kolleginnen und Kollegen in diesem Augsburger Bordell zugange und dann kam da plötzlich was ganz Interessantes raus. Was war das? Ja, wir hatten da einen Mann in Augsburg im Visier, der hatte Kontakt mit einem anderen Bordell. Und das Bordell in Augsburg hatte zu wenige Frauen und das andere Bordell half aus und schickte die Frauen nach Augsburg.
Die Kommunikation zwischen dem Augsburger Modell und dem anderen Modell war sehr vorsichtig. Die Leute benutzten eine kryptische Sprache, verwendeten für die Frauen Synonyme wie Champagnerkisten.
Oder ein anderes Beispiel, da wurde gesagt, die Ware ist optisch gut, aber sprachlich katastrophal. Dieser Austausch zwischen den Modellen passierte mehrfach, er war sehr intensiv. Und das waren für uns ganz klare Indizien für Menschenhandel. Also eine ziemlich große Sauerei, die da offensichtlich abgezogen wurde. Und noch was kam dabei raus. Das andere Bordell, mit dem da kommuniziert wurde und das dem Augsburger Bordell geholfen hat, sein sogenanntes Personalproblem zu lösen, das war ein ziemlich großes in Stuttgart. Wir ahnen schon, um welches es da geht, nämlich das Paradise. Es gab eine Vorgeschichte zu dem Stuttgarter Bordell, weshalb Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen schon sensibilisiert waren, was diese Bordellkette bzw. Die Betreiber betraf, richtig? Ja, genau. Einige Jahre zuvor hatten wir einen sogenannten Loverboy-Fall.
Da hat ein Augsburger Zuhälter, eine gerade 18-Jährige, über einen Mittelsmann, das war ein Rocker, nach Stuttgart genau in dieses Bordellparadies gebracht oder bringen lassen. Loverboys sind übrigens überwiegend junge Männer, die es gezielt auf ebenso junge Frauen und Mädchen abgesehen haben. Die ihnen vielleicht sogar eine Liebesbeziehung vorgaukeln, sie emotional abhängig machen, um sie schließlich zur Prostitution zu zwingen.
Das nur kurz zur Erklärung. Herr Spurer, Sie haben dann im Frühsommer 2013 zusammen mit Ihren Stuttgarter Kolleginnen und Kollegen eine geheime Arbeitsgruppe zwischen Ihrer Dienststelle in Augsburg und dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg gebildet. Und davon durfte niemand erfahren. Ja, wir wollten und wir mussten umfassend verdeckt ermitteln und deshalb durfte auf keinen Fall irgendetwas rauskommen, also an die Öffentlichkeit gelangen. Man weiß ja nie, ob es Querverbindungen ins Milieu gibt. Wie liefen denn die weiteren Ermittlungen ab? Ja, es gab Telefonüberwachungen der verdächtigen Zuhälter bei der Bordelle und so konnten wir das Innenleben der Bordellszene live miterleben und verfolgen. Das Verhältnis zwischen Bordellbetreiber, Security, Türsteher, Zuhälter, Lieferanten der Frauen, wie das alles ineinander spielt, das war höchst interessant, wie alles funktioniert. Und jeder dieser Leute zieht natürlich seinen finanziellen Vorteil und bezahlen müssen das die Frauen. In dieser Breite und dieser Tiefe hatten wir das bis dahin nur sehr selten, dass man solche Einblicke bekommt. Und wie lange haben Sie dann ermittelt? Das war ungefähr ein halbes Jahr bis Dezember 2013.
Als dann klar war, dass der Schwerpunkt des Menschenhandels, also des kriminellen Netzwerkes, in Stuttgart liegt, dann wurde das Verfahren komplett an die Stuttgarter Kollegen und Kolleginnen abgegeben. Die haben dann mit einem unglaublichen Aufwand und einem ganz tollen Engagement weiterermittelt. Um mehr darüber zu erfahren, haben wir in Vorbereitung zu dieser Folge mit Oberstaatsanwalt Peter Holzwart aus Stuttgart gesprochen. Er war für die damaligen Ermittlungen zuständig. Ja, also die Augsburger haben eben mit dem Verfahren begonnen und haben das an uns abgegeben, haben aber auch ihrerseits schon verdeckt ermittelt, also ohne das den Beschuldigten offenzulegen. Und darin haben wir angeknüpft. Überwacht wurden verdächtige Zuhälter allesamt aus dem Rockermilieu.
Und die hatten Verbindungen zu den Bordellbetreibern. Deshalb geraten jetzt auch die Betreiber ins Visier. Und in dem nächsten Schritt hat man dann auch eine laufende Telefonüberwachung gemacht, wo eben auch immer wieder ein Austausch stattfand und auch in diesem Austausch immer wieder zu erkennen war, dass den Betreibern durchaus bewusst ist, dass es hier nicht alles ganz in Einklang mit den Gesetzen vor sich ging, wenngleich es ihnen vielleicht lieber gewesen wäre. Der Aufwand der Ermittlungen war beträchtlich. Es ging schließlich darum, gerichtsfeste Beweise zu sichern. Eines war schnell offensichtlich. So freiwillig, wie der Bordellbetreiber in der Öffentlichkeit so gern propagierte, waren die Frauen in seinem Bordell gar nicht tätig. Im Gegenteil. Im Kern war die Methode, ganz gleich, ob die Frauen dann von United Tribunes oder von Hells Angels kamen, die Methode war immer dieselbe. Es war immer diese bekannte Loverboy-Methode, dass man sich eben die Zuneigung dieser Frau erschleicht, sie aus ihrem Umfeld, aus ihrem Sozialen herauslöst und sie dann für sich arbeiten lassen kann und dann auch mit Drohungen und Gewalttätigkeiten agieren kann. Und das war all diesen Fällen gemeinsam, dass die Ultima Ratio der Täter eben immer in einem Bedrohungsszenario liegt, aber auch in wirklich brutalen Gewalttätigkeiten.
Also das ist schon ein Kalkül, zunächst diese Zuneigung zu zeigen, um dann der Frau den Boden zu entziehen. Und dann muss man auch klar sagen, dass eben viele Frauen da aus ohnehin nicht ganz funktionierenden Verhältnissen kommen und dadurch auch leicht herauszulösen sind, weil sie gar nicht so viel Zusammenhang und Rückhalt haben. Wenn eine Prostituierte das Geld ihrem Zuhälter gibt, um ihm zu gefallen, ist das nicht strafbar. Aber es ist strafbar, eine Beziehung genau aus diesem Grund aufzubauen. Das ist Ausbeutung, aber unglaublich schwer nachzuweisen.
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Also ich fasse das jetzt nochmal zusammen. Die angeblich so sauberen Vorzeigebordelle der Paradise-Kette sind offensichtlich in Menschenhandel verwickelt. Genauer, Nutznießer davon. Und das heißt auch, dass die Frauen, die dorthin vermittelt wurden, Zuhälter haben, die sie dort zur Arbeit zwingen. Ob und wie genau die Bordellbetreiber darin verwickelt waren, das hören wir später noch. Zuerst einmal, Herr Spohrer, wie tickt so ein Zuhälter eigentlich? Sie haben ja schon einige in Ihrem Leben kennengelernt. Ja, der Zuhälter hat eine besondere Art von situativer Intelligenz. Er agiert einfach psychologisch clever und er hat einfach ein Gespür für die Frau. Er manipuliert sein Opfer entweder emotional oder mit Gewalt und Zwang oder beiden vermischt. Einfach nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche. Die psychologischen Mechanismen sind überall die gleichen. Er hat ein rein wirtschaftliches Interesse, nämlich mit der Frau so viel Geld zu verdienen wie möglich. Und die Folgen davon sind gravierend, die Frauen verlieren ihre Persönlichkeit.
Also der Zuhälter ist intelligent und geht äußerst manipulativ vor. Und er wittert seine Beute vermutlich Meilen gegen den Wind.
So ähnlich erklärt es auch Huschke Mou, die das Netzwerk Ella gegründet hat, das Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution unterstützt. Es ist ja historisch auch belegt, dass es meistens Frauen sind, die aus einem schwierigeren sozialen Umfeld kommen, die aus prekären Verhältnissen kommen. Und all das wittern die Zuhälter sozusagen. Also in Hamburg war es zum Beispiel bis in die 1970er Standard.
Dass die Zuhälter vor den Waisenhäusern rumgelungert haben, um Kontakte zu minderjährigen Mädchen zu knüpfen. Weil sie wussten, die sind total perfekt, die wickele ich jetzt ein bisschen ein. Die kennen nicht sowas wie Liebe oder Anerkennung oder Bindung überhaupt. Wenn ich denen das jetzt vorspiele, dann binde ich sie an mich und an dem Tag, an dem sie aus dem Weißen Haus entlassen werden, gehören sie mir. Sehr oft geraten Frauen in die Prostitution, die in ihrer Kindheit Gewalt und Missbrauch erlebt haben. Dazu noch einmal Huschke Mau. Also diese sexuelle Vortraumatisierung begünstigt den Einstieg in die Prostitution deswegen, weil es in der Seele einen Mechanismus gibt, der fehlangelegt ist. Das ist eine Art Wiederholungszwang. Das bedeutet, wenn Sie einmal schwere sexuelle Gewalt erlebt haben und das vielleicht dauerhaft als Kind, dann ist Ihre Seele bemüht, diese Situation immer und immer wieder herzustellen, um sie zu überwinden.
Aber die Situation wird ja dadurch nicht überwunden, sondern die Traumatisierung wird immer größer. Das ist eher der Grund, warum zum Beispiel Frauen, die in Haushalten aufgewachsen sind, in denen der Vater die Mutter geschlagen hat, auch später in Beziehungen sich wiederfinden, wo ihnen dasselbe geschieht. Und in der Prostitution sehen wir das eben auch. Auch Frauen und Mädchen, die als Kind missbraucht wurden, haben ein größeres Risiko, als erwachsene Frauen in der Prostitution zu sein oder sogar als Mädchen schon einzusteigen. Huschke Mau hat das selbst erlebt. In ihrem Buch aus dem Genre Erzählendes Sachbuch erklärt sie das System Prostitution. Dazu zitiert sie viele Studien und Statistiken. Zudem hat sie ihren eigenen Werdegang aufgeschrieben, auch damit sie nicht mehr all die Fragen über ihre persönliche Geschichte beantworten muss. Ich komme ja aus einem sehr schwierigen Elternhaus und bin ja auch von zu Hause weggelaufen und dann in so eine Mädchenunterkunft gekommen, aus der mich das Jugendamt dann irgendwann entlassen hat.
Und ich war auch in einer sehr schwierigen Situation und war dann erstmal sehr lange in der Psychiatrie. Und meine finanzielle Lage war also prekär. Ich war de facto wohnungslos und bin durch das soziale Netz total durchgefallen. Und da habe ich meinen ersten Zuhälter kennengelernt. Ich war ein komplett isoliertes Mädchen. Kein Kontakt mehr zur Familie in einer fremden Stadt. Absolut keine Kohle, keine Wohnung. Schwer traumatisiert und wusste, wenn ich aus der Psychiatrie entlassen werde, weiß ich nicht wohin. Und ich war es eben schon gewohnt abgewertet zu werden und war auch traumatisiert schon, Also leicht manipulierbar. Und ein leichtes Opfer für den Zuhälter.
Kehren wir zurück zum Paradise-Fall und den Zuhältern, die die Frauen in die angeblichen Vorzeigebordelle geliefert haben. Für die sind die Frauen nur eine Einnahmequelle. Sie sehen sie als ihr Eigentum. Und um das auch jedem klarzumachen, lassen Zuhälter oftmals sogar den eigenen Namen auf die Haut der Frau tätowieren. Staatsanwalt Peter Holzwart kennt das. Also man muss sagen, das ist in dem Milieu absolut üblich. Das ist wirklich leider ein ganz normales Vorgehen und wird erwartet und wird gemacht. In der Verhandlung hat dann mal eine Zeugin, glaube ich, versucht, das herunterzuspielen und hat gesagt, nee, nee, das sei der Name von ihrem Hund gewesen, den sie sich da hat auftätowieren lassen. Aber da haben wirklich alle, die sich in dem Milieu ausgekannt haben, doch etwas schmunzeln müssen. Das ist einfach ganz klar und das wird man überall so antreffen. Und es zeigt den Frauen natürlich bestimmt und soll ihnen zeigen, wem sie gehören. Und wessen Eigentum sie sind, haben die Frauen mitunter so weit verinnerlicht, dass sie oft nur sehr schwer dazu zu bewegen sind, gegen ihre Peinige auszusagen. In mehreren Verfahren ist es schließlich doch gelungen, die Aussagen der Frauen in die Prozesse einzubringen.
Es waren ganz überwiegend deutsche Frauen, die da Opfer waren. Aber natürlich ist das für eine Frau aus dem Ausland noch unendlich schwerer. Und bei ausländischen Frauen kommt hinzu auch, dass die oft von daheim schlechte Erfahrungen mit Behörden und der Polizei gemacht haben und sich nicht nur wegen der Sprachbarriere, sondern auch vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen nicht zur Polizei zu gehen trauen.
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Das hat den Zuhältern und Betreibern sich ja auch in die Hände gespielt, dass sie so lange die Geschichte vom sauberen und legalen Bordell aufrechterhalten konnten, richtig? Das war damals ein richtiger Hype um den Bordellbetreiber. Es war ein richtiger Medienstar. Die Fassade war perfektioniert. Sie waren äußerst überzeugend in ihrer Darstellung und hatten ein wirklich gutes Marketing. Und generell gilt natürlich, solange man das Gegenteil nicht beweisen kann, ist alles sauber. Wir haben ja vorhin schon gehört, dass viele Frauen nach der EU-Osterweiterung nach Deutschland gekommen und dann hier in der Zwangsprostitution gelandet sind. Die Gründe dafür sind oft ganz unterschiedlich. Doch hauptsächlich spielt wirtschaftliche Not in den Heimatländern eine Rolle. Dabei werden sie oft durch falsche Versprechen angeworben, gelockt mit Jobangeboten, die es gar nicht gibt. Auch wir bei Aktenzeichen XY Ungelöst kennen solche Fälle. Wir hatten zum Beispiel den Fall einer jungen Rumänin, die so nach Deutschland gelockt wurde.
Das war im Jahr 2013. Sie ist damals 20 und lebt in sehr ärmlichen Verhältnissen auf dem Land. Zusammen mit ihren Eltern und ihren zwei Geschwistern wohnt sie in einer kleinen Zweizimmerwohnung. Avida, so haben wir sie damals genannt, hat einen Freund. Sie war schwanger von ihm. Weil sie nicht wusste, wie sie das Kind hätte ernähren sollen, hatte sie sich schweren Herzens zu einer Abtreibung entschieden. Jetzt sucht sie händeringend nach einer Möglichkeit, Geld zu verdienen. Über ein Internetportal lernt sie einen Mann kennen, der ihr einen Job in Deutschland als Tellerwäscherin anbietet. Für monatlich 1000 Euro. Für Avida ist das unglaublich viel Geld. Als sie ihrer Familie davon erzählt, ist auch die überglücklich. Endlich ein Ausstieg aus der Armut für alle. Ohne Deutsch- oder Englischkenntnisse macht sich die junge Frau auf nach Deutschland. Ihren Freund muss sie dafür zurücklassen. Aber als sie mit dem Bus in Frankfurt am Main ankommt, werden ihre Träume je zerstört. Ihr Bekannter aus dem Internet macht ihr klar, was ihr Job wirklich ist. Sie soll sich in einem Club prostituieren. Als sich Avida weigert, vergewaltigt der Mann sie und sperrt sie ein. Glücklicherweise kann sich die 20-Jährige Avida befreien und fliehen. Der Täter konnte bis heute nicht gefasst werden.
Herr Spurrer, die Geschichte der 20-jährigen Rumänin ist beispielhaft für den Menschenhandel in der Prostitution. Welche Erfahrung haben Sie da gemacht? Solche Geschichten gibt es tausendfach. Frauen, die Opfer, werden häufig über diesen Weg nach Deutschland gebracht. Sie werden getäuscht, es wird eine andere Tätigkeit vorgespielt oder manche wissen auch, dass sie im Animierbereich landen, aber die Umstände darüber werden ihnen positiver dargestellt. Zum Beispiel, dass sie eigenständig entscheiden und agieren können. Irgendwann wird dann eine rote Linie überschritten, zum Beispiel mit einer Masche der Zuhälter, wenn von den Frauen lastive Fotos für die Internetwerbung angefertigt werden. Spätestens dann sitzen die Frauen in der Falle und sind erpressbar. Und aus Angst und Scham wenden sich die Frauen weder an ihre Familie noch an Freunde. Was glauben Sie, wie viele solcher Frauen aus dem Ausland arbeiten hier in den Bordellen inzwischen? Bei geschätzt 200.000 Frauen in der Prostitution sind es weit über 150.000 Frauen aus dem Ausland. Die Hauptlieferländer sind Ungarn, Bulgarien und Rumänien. Das hat drei einfache Gründe, warum gerade aus diesen Ländern so viele Frauen kommen. Die Wegstrecke ist gering. Von der ungarischen Grenze bis nach München sind es nur 500 Kilometer. Das kann man in sechs Stunden fahren.
Dazu kommt die Armut in den Heimatländern und die Reisefreiheit in den EU-Staaten. Die Einreise geht also völlig unbürokratisch. Ganz im Gegensatz zu einer Frau zum Beispiel aus Asien oder aus der Karibik, da braucht man für die Einreise ein Visum und es ist viel aufwendiger, eine solche Frau nach Deutschland zu schleusen. Es sind immer Frauen aus armen Ländern. Man findet keine Frauen aus reichen Ländern wie USA, Island oder Norwegen. Im Ergebnis nutzen Männer aus reichen Ländern die Not von Frauen aus armen Ländern aus.
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Kommen wir auf die Paradise-Bordellkette zurück. Zuerst werden die Anklagen gegen die Zuhälter in einzelnen Verfahren verhandelt. Und das größte Problem ist sicherlich immer die Aussagebereitschaft bei den Opfern. Denn im schlimmsten Fall müssen sie um ihr Leben fürchten. Trotzdem gelingt es der Staatsanwaltschaft Stuttgart, verwertbare Aussagen zu erhalten. Und das nicht nur von den Prostituierten selbst, sondern auch von deren Zuhältern. Die haben aufgrund der Beweislage gegen sie ihre Schuld eingestanden. Hier werden in mehreren getrennten Verfahren die Zuhälter jeweils schuldig gesprochen.
Es sind letztlich die Geständnisse und die Urteile gegen die Zuhälter, die den vermeintlich sauberen Bordellbetreiber und seinen Marketingchef zur Wahrheit zwingen. Ja, sie haben von der Ausbeutung der Frauen gewusst und das Leid der Opfer in Kauf genommen. Der zuständige Oberstaatsanwalt Peter Holzwart erinnert sich. Es war enorm aufwendig und der Fall hat mich auch alles in allem beinahe fünf Jahre beschäftigt. Bis alle Urteile gesprochen waren. Die Hauptverhandlung gegen die Betreiber hat ja auch über 50 Sitzungstage gedauert. Es war fast ein ganzes Jahr am Landgericht und auch die Vorbereitung. Die Akten haben 171 Leitsordner umfasst, wenn ich mich recht erinnere. Es waren natürlich viele Besprechungen mit dem Beamten vom Landeskriminalamt. Man muss ja immer sich austauschen, wie ist der Stand, erklären, worauf kommt es mir als Staatsanwalt an. Und eben gerade dieses angesprochene uneigentliche Organisationsdelikt, das ist jetzt nicht jedem so geläufig. Und das muss man der Polizei ja auch klar machen, was es für die Darstellung dieses Delikts bedarf. Nämlich diese Organisation, dieses Betreiben des Bordells im Wissen, dass diese Menschenhändler und Zuhälter von den United Tribunes und Health Angels dort ihre Frauen hinbringen. Es ist ein enormer Aufwand, den man auch, sage ich mal, nicht permanent leisten kann, der rausgehobenen Fällen vorbehalten sein muss. 2019 ist es soweit.
Nach elf Monaten Hauptverhandlung spricht die siebte große Strafkammer des Landgerichts Stuttgart das Urteil. Der Bordellbetreiber wird unter anderem wegen Beihilfe zum Menschenhandel und Zuhälterei zu fünf Jahren Haft verurteilt. Der Marketingchef der Bordellkette muss für drei Jahre und drei Monate ins Gefängnis.
Die Paradise Bordellkette musste 2020 Insolvenz anmelden, wurde aber Ende 2022 unter anderem Namen neu eröffnet. Herr Sporer, ein Urteil, das jetzt erstmal nicht so spektakulär klingt. Immerhin erscheinen die Strafen jetzt nicht so besonders hoch. Und trotzdem war das schon ein ziemlicher Erfolg. Wie haben Sie das eingeordnet? Die Urteile waren ein deutliches Signal an die Politik, dass sich was ändern muss. Und es hat tatsächlich vielen Politikern die Augen geöffnet, dass auch die legale, offizielle Prostitution kritisch gesehen und hinterfragt werden muss. Der Vorsitzende Richter hat es in der Urteilsbegründung deutlich formuliert. Ein Bordell dieser Größe ist mit legalen Mitteln eigentlich nicht zu betreiben. Das sagt alles. Das sagt alles. Im Paradise-Fall ist es gelungen, den Tätern ihre Schuld nachzuweisen. Aber generell ist das schwierig. Warum? In der Milieukriminalität gibt es ein spezielles Problem, nämlich die Frau muss gegen den Täter aussagen, man braucht den Personenbeweis und die Frauen haben sehr oft Angst und deshalb sagen die Frauen nicht aus und ihre Angst ist durchaus berechtigt. In meiner Dienstzeit habe ich viele solcher Bedrohungen und Gewalttaten miterlebt, entweder in Deutschland oder auch im Heimatland der Frauen.
Jetzt muss ich aber dazu sagen, es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, dass alle Bordellbetreiber generell kriminell sind. Es gibt auch Betreiber, die sind sehr bemüht, die Gesetze einzuhalten. Aber auch für sie ist es schwierig festzustellen, ob eine Frau freiwillig arbeitet oder fremdbestimmt ist. Ja, Sie haben ja gerade gesagt, dass viele der Frauen aus Angst nicht aussagen. Was bedeutet das dann für die Behörden? Wenn es keine Anzeigen gibt, kann das zu dem falschen Schluss führen, dass alles in Ordnung ist. Hinzu kommt, dass das Thema Prostitution die normale Bevölkerung sehr oft nicht betrifft und deshalb der gesellschaftliche Druck geringer ist als in anderen Bereichen. Können Sie ein Beispiel dafür nennen? Ja, wenn Sie an Enkeltrickbetrügereien denken oder an Wohnungseinbrüche oder an Internetbetrügereien, da kann jeder davon betroffen sein. Und da liegt natürlich auch ein ganz anderes Anzeigeverhalten der Opfer vor. Die Taten werden angezeigt und dann kann die Polizei auch reagieren. Aber noch mal kurz zum Paradise-Fall. Herr Sporer, wäre es heutzutage noch möglich, so aufwendig zu ermitteln wie damals? Das kann ich mir nicht vorstellen. Das war wirklich ein einmaliger Kraftakt, sowohl von Augsburg wie auch von Stuttgart. Zum Beispiel bis zu 20 Ermittler über mehrere Jahre nur mit einem einzigen Fall zu betrauen, das kann man sich heute nicht mehr leisten.
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Zwei Jahre vor dem Prozessende im Jahr 2017 wurde das Prostitutionsgesetz übrigens noch mal nachgebessert mit dem Prostitutionsschutzgesetz. Und wie der Name schon sagt, sollte dieses neue Gesetz besser vor Gewalt und Zwang schützen. So brauchen Bordellbesitzer seitdem eine Art Betriebserlaubnis. Sie müssen zum Beispiel ein Konzept und ein sauberes Führungszeugnis vorweisen. Außerdem wurde die Kondompflicht eingeführt. Auch sind Prostituierte nun verpflichtet, sich anzumelden. Was hat sich der Gesetzgeber denn von einer Anmeldepflicht versprochen? Die Anmeldepflicht ist insofern wichtig, damit mehr Transparenz entsteht, zum Beispiel um kriminelle Handlungen wie Schleuserströme besser erkennen zu können. Also wenn ich weiß, wer in der Stadt wo arbeitet, dann ist die Gesamtlage auch besser nachvollziehbar. Und dazu noch, nur wenn jemand behördlich gemeldet ist, kann er auch polizeilich geschützt werden. Wenn es jemanden offiziell gar nicht gibt, ist der Schutz natürlich nur schwer möglich. Nochmal kurz zur Erinnerung. Rund 30.600 gemeldete Prostituierte im Jahr 2023.
Dem stehen 200.000 bis man spricht auch teilweise von 400.000 als Dunkelziffer gegenüber. Also das scheint etwas nicht funktioniert zu haben. Genau, hat es nicht. Das neue Gesetz sollte ja eigentlich mehr Transparenz bringen und vor allem auch valide Zahlen, um in der Kriminalpolitik besser zu agieren. Das bedeutet, dass diese Zahlen weitgehend wertlos sind, also keine Aussagekraft haben. Ja genau, ich war übrigens auch schwer erschüttert, dass die Anmeldepflicht für Prostituierte nicht der Polizei, sondern in Ordnungsämtern übertragen worden ist. Die haben weder die erforderliche Ausbildung noch die nötigen Befugnisse oder auch das entsprechende Hintergrundwissen. Was bedeutet das für die polizeilichen Ermittlungen im Milieu? Durch die neuen Regelungen im Prostituierten-Schutzgesetz wurde die Polizei als Überwachungsinstanz teilweise ausgeschlossen. Außerdem erschweren die Datenschutzbestimmungen den Austausch zwischen Verwaltung und Polizei. Also eine Farce, ein riesiger bürokratischer Aufwand für die Behörden ohne tatsächlichen Mehrwert. Hat sich die Situation für die betroffenen Frauen in der Prostitution damit eher verschlechtert? Ja, aufgrund der minderen Schutz- und Überwachungsstandards. Die Frauen sind noch weiter separiert worden von denen, die ihnen wirklich helfen können, nämlich von der Polizei.
Denn das Gesetz ist eher zugeschnitten auf den kleinen Teil der Prostituierten, die selbstbestimmt ihre Tätigkeit ausüben. Und das sind fünf, maximal zehn Prozent. Und man findet auch jetzt noch die kleinen Frauen mit Opferkriterien. Also kein Deutsch, junge, naive Mädchen, die oft nicht wissen, welcher Stadt sie sind und die auch nicht erklären können, wie sie in das Portell gekommen sind. wie vor der Einführung des Prostituierten-Schutzgesetzes in den Bordellen. Das Gesetz zielt also nicht auf die Massen an ausländischen fremdbestimmten Prostudierten ab. Welche Auswirkungen hat das Gesetz auf die Strafverfolgung überhaupt? Es hat leider keinerlei Verbesserungen gebracht. Nach wie vor ist die Aussagebereitschaft von Opfern nicht da, aus Angst vor Gewalt und Zwang durch die Täter. Mit dem neuen Gesetz sind zwar neue Strafrechtsparagrafen eingeführt worden, aber die haben sich alle als nutzlos erwiesen. Das bestätigt auch ein Evaluierungsbericht aus dem Jahr 2021. Es gibt nach wie vor nur äußerst wenige Ermittlungsverfahren, nur rund 400 für ganz Deutschland. Und dazu kommt noch, dass nur ca. 20% dieser eingeleiteten Verfahren auch zu Verurteilungen führen. Alle anderen Verfahren müssen wegen der meist schwierigen Beweislage eingestellt werden. Das heißt, die Behörden arbeiten zum großen Teil umsonst.
Ja, deshalb hatten Sie in Ihrer aktiven Dienstzeit in Augsburg die Bordellbetreiber aufgefordert, die unter 21-jährigen Frauen, die in Bordellen gearbeitet haben, zu Ihnen zu schicken. Haben sich die Bordellbetreiber darauf eingelassen und was wollten Sie damit bezwecken? Das ist im hohen Maße auch umgesetzt worden. Der Zweck war, dass man Kontakt herstellt und Vertrauen aufbaut. Unser Bestreben war, mit den jungen Frauen, die in aller Regel aus dem Ausland kamen und besonders vulnerabel sind, Kontakt herzustellen und Vertrauen aufzubauen. Wir haben uns da sehr viel Mühe gegeben, die jungen Frauen zu befragen und auch Dolmetscher eingesetzt. Und uns war wichtig, dass die Frauen die Polizei kennenlernen und auch wissen, wo sie sich im Bedarfsfall hinwenden können. Und dabei ist Ihnen dann ein Mann besonders ins Auge gefallen. Der kam immer als Begleiter der Frauen zu Ihnen. Wozu? Genau. Er hat immer wieder verschiedene Frauen zur Polizei begleitet. Einmal hat er gesagt, er ist der Bruder, einmal der Cousin und ein andermal war er der Verlobte.
Man merkte natürlich auch, dass die Frauen geprieft wurden und den Frauen wurde eine Geschichte aufgedrückt, die sie dann bei der Polizei zu erzählen hatten. Aber auch dann erfährt man immer was. Man erkennt dadurch Dinge und Bereiche, die für die Zukunft überprüfungsrelevant sind. Und bei einer Routineüberprüfung haben Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen ihn dann zufällig wieder getroffen. Wie kam es dazu? Ja, bei einer Bordellkontrolle war er bei einer der Prostituierten. Ein Kollege von mir konnte sehen, als er seinen Ausweis gezogen hat, dass er viel Geld im Geldbeutel hatte. So ist der Verdacht entstanden, dass er Frauen abkassiert. Das hier ist ein typisches Beispiel für eine sogenannte proaktive Ermittlung. Man sammelt Puzzleteile, die zunächst nichts mit ihnen zu tun haben, aber in der Summe dann ein Bild geben. Es war jetzt also davon auszugehen, dass der Mann zu hilter ist. Wie sind Sie dann weiter vorgegangen? Was haben Sie unternommen? Wir wollten uns den Mann dann genauer anschauen, verdeckt natürlich.
Und erhielten auch einen richterigen Beschluss für Überwachungsmaßnahmen. Der Verdacht hat sich im Laufe der Ermittlungen mehr und mehr bestätigt. Der Mann hatte vier Frauen aus Ungarn hergebracht und zur Prostitution gezwungen und auch ausgebeutet. Schließlich konnten wir ihn auch verhaften. Was war mit den Frauen, die er zuvor zu Ihnen da auf die Dienststelle begleitet hatte? Die Frauen wurden dann als Opferzeuginnen vernommen und haben dann auch gegen ihn ausgesagt, also diesmal die Wahrheit gesagt. Ein Grund war natürlich auch, weil er verhaftet war und dann für die Frauen keine Gefahr mehr darstellen konnte. Der Mann wurde wegen Menschenhandels und Zuhälterei verurteilt und er hat eine relativ hohe Haftstrafe bekommen, über fünf Jahre. Das ist eher selten, dass es eine Strafe in dieser Höhe gibt. Leider. Denn die Frauen in der Prostitution leben gefährlich. Sehr gefährlich. Diese Gefahren gehen nicht nur von Zuhältern und Modellbetreibern aus, sondern das gesamte Milieu ist generell sehr riskant für sie. Auch da sprechen wir aus Erfahrung durch unsere Arbeit für Aktenzeichen XY ungelöst.
2001. Der Mord an einer 24-jährigen Prostituierten vom Frankfurter Drogenstrich. Zuletzt wird sie im Bahnhofsviertel in Frankfurt am Main gesehen, wo sie auf Freier wartet. Danach verschwindet sie. 43 Tage später wird ihr nackter Leichnam am Rheinufer angeschwemmt. 2006. Eine 22-jährige rumänische Prostituierte wird in ihrem Apartment in Hof erschossen. Der Täter ein 54 Jahre alter Deutscher. 2008, Stuttgart. Eine 31-jährige rumänische Prostituierte wird in einer Wohnung, die sie zum Zwecke der Prostitution angemietet hatte, mit mehreren Messerstichen ermordet.
Nochmal 2008, Waren Müritz. Eine Prostituierte wird von einem Freier mit einem Küchenmesser niedergestochen. Sein Motiv? Rache aufgrund einer vorherigen Meinungsverschiedenheit bei einem früheren Besuch. 2013 Heilbronn. Eine 22-jährige Bulgarin steigt in den Wagen eines Freiers. Der Mann fährt auf einen Parkplatz. Anschließend schlägt und vergewaltigt er die junge Frau. 2017 Hamburg. Eine 48-jährige Prostituierte aus Guinea wird letztmalig lebend in Begleitung eines Mannes gesehen. Zwei Tage darauf werden erste Teile ihres Körpers am Elbufer entdeckt. Später tauchen weitere Körperteile von ihr an sechs verschiedenen Stellen in der Stadt auf.
Erschütternde Fälle und nur ein kleiner Einblick von dem, was Ermittlerinnen und Ermittler der Polizei an unsere Redaktion herantragen. Doch von der Bedrohung, die von den Freiern für die Frauen ausgeht, erzählen wir euch in der zweiten Folge. Zusammen mit Helmut Spohrer, ehemaliger Kriminaloberrat aus Augsburg. Vielen Dank, Herr Spohrer, für die Ausführungen und die Einblicke, die Sie uns heute gegeben haben. Ja, vielen Dank. Ich war gerne hier. Ja, und ich verabschiede mich für heute, freue mich auf die nächste Folge Aktenzeichen XY, unvergessene Verbrechen. Bleibt sicher. Ja, auch ich verabschiede mich an dieser Stelle und sage Danke an euch fürs Zuhören und auch an die Autorin Corinna Prinz. Wenn ihr übrigens weitere Informationen zu dem Thema Prostitution haben wollt, dann könnt ihr auch gerne in unseren Shownotes nachsehen. Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen Eine Produktion der Securitel in Kooperation mit BUM-Film im Auftrag des ZDF.
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