Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Ich bin Rudi Zerne. Schön, dass ihr wieder dabei seid. Und ich bin Conny Neumeier. Auch von mir herzlich willkommen zu einer neuen Folge. Zum Internationalen Tag der vermissten Kinder hat das Bundeskriminalamt auch in diesem Jahr am 25. Mai wieder an die vielen ungeklärten Vermisstenfälle und an die Schicksale der betroffenen Familien erinnert. Heute sprechen wir über einen dieser Fälle, der vor 25 Jahren bei Aktenzeichen XY ungelöst lief. Es geht um eine zwölfjährige Schülerin, die mitten in Berlin am helllichten Tag und keine 300 Meter von ihrem Elternhaus verschwunden ist. Und es liegt nahe, dass das Mädchen nicht freiwillig gegangen bzw. Abgehauen ist. Sein Schicksal ist bis heute ungeklärt. Ja, eine entsetzliche Vorstellung. Das nicht auszudenken, wie es den Eltern, den Geschwistern geht, die bis heute auf ein Lebenszeichen oder zumindest auf Klarheit hoffen. Wir haben für diese Folge mit dem Psychologen Dr. Leon Windscheid darüber gesprochen, wie Angehörige von Vermissten in der Regel mit solch einer Ausnahmesituation umgehen. Wir begrüßen jetzt aber erstmal unseren heutigen Gast im Studio, Kriminalhauptkommissar Holger Lietz, Leiter der 5. Mordkommission beim LKA Berlin. Er hat den Fall Anfang dieses Jahres übernommen und sich umfänglich in die inzwischen ziemlich stattliche Akte eingearbeitet. Herr Lietz, Sie waren schon einmal bei uns zu Gast, jetzt also noch einmal herzlich willkommen. Danke, dass Sie heute wieder bei uns sind. Schön, dass Sie da sind. Ja, schönen guten Tag. Vielen Dank für die Einladung. Herr Litz, ab wann und warum ermittelt bei einem Vermisstenfall eigentlich die Mordkommission? Grundsätzlich sind in solchen Fällen die Vermisstenstellen der Polizei zuständig. Sobald aber Zweifeln an der Freiwilligkeit des Verschwindens vorliegen oder man von einem Kapitaldelikt ausgehen muss, übernimmt zumindest in Berlin die Mordkommission den Fall. Bevor wir in den Fall und die Ermittlungen eintauchen, noch eine Anmerkung. Bis auf den Namen der Vermissten haben wir die Namen aller Beteiligten geändert. Jetzt gehen wir 26 Jahre zurück, genauer gesagt zum 28. November 2000. Es ist Dienstag, ein ganz normaler Arbeits- und Schultag in Berlin-Kreuzberg. Direkt an der Grenze zum Nachbarkiez Neukölln wohnt die 12-jährige Sandra Wissmann mit ihrer Mama Beate, ihrem Stiefvater Frank, der 15-jährigen Schwester Nadine, und ihren beiden jüngeren Brüdern Tim, 5, und Nesthäkchen Niklas, 2 Jahre alt. Die Mädchen stammen aus der ersten Ehe der Mutter, sind aber praktisch mit ihrem Stiefvater aufgewachsen. Denn Frank kennt Sandra, seit sie gerade mal anderthalb Jahre alt war. Die beiden kommen prima miteinander aus. Die Wisman sind eine typische Patchwork-Familie, in der es mit vier Kindern oft turbulent, aber liebevoll zugeht. Außerdem verbringen sie viel Zeit miteinander, denn die Eltern arbeiten von zu Hause aus. Stiefvater Frank ist Kleinunternehmer. Sandras Mutter Beate unterstützt ihn im Büro. Arbeit und Familienleben sind also eng verknüpft. Natürlich kracht es auch mal, aber wenn, dann vor allem zwischen den pubertierenden Mädchen. Sandras Schwester wird später aussagen, wir streiten uns fast jeden Tag, aber vertragen uns gleich wieder. Also ein ganz normaler Alltag in einer gesunden Familie und Sandra ist als zweitälteste mittendrin. Sie ist aufgeweckt, selbstbewusst und absolut liebenswert. Ihre Eltern werden sie später auch als zuverlässig, pünktlich und vertrauensselig beschreiben. Letzteres ist eine Tatsache, die Sandra an diesem Tag vielleicht zum Verhängnis wird. Aber dazu später mehr. Fakt ist, dass sie erst gegen 14.15 Uhr von der Schule nach Hause kommt. Sie ist länger geblieben, weil sie dienstags Gitarrenunterricht hat. Ihre Grundschule liegt direkt um die Ecke. Dort besucht Sandra die 6. Klasse. Eine Besonderheit in Berlin und Brandenburg, denn im restlichen Deutschland endet die Grundschule ja nach der 4. Klasse. Sandra ist eine gute Schülerin und sie liebt ihre Hobbys. Gitarre spielen und turnen. An diesem Abend um sechs hat sie Training. Wie jeden Dienstag. Bis dahin hat die Zwölfjährige allerdings noch etwas Wichtiges vor. Denn in zwei Tagen wird ihre Mutter Beate 31 Jahre alt. Sandra hat schon etwas gebastelt, doch sie möchte noch ein Geburtstagsgeschenk besorgen. Dafür hat sie extra 35 D-Mark von ihrem Taschengeld gespart und eingesteckt. Gemeinsam mit ihrer Mutter verlässt sie kurz vor drei die Wohnung. Nach wenigen Metern an der Ecke zum Cottbusser Damm trennen sich die Wege der beiden. Diese Szene wurde 2001 in Aktenzeichen XY ungelöst nachgestellt. Hören wir mal rein. Also ich muss jetzt hier lang. Soll ich nicht doch mitkommen? Nein, sonst ist doch keine Überraschung mehr. Mach du deine Einkäufe und ich mach meine. Na gut. Aber um vier bist du wieder zu Hause. Ja. Versprochen. Ja, locker. Tschüss. Ja. Tschüss. Die Mutter schaut Sandra noch einmal nach. Dann biegt sie links Richtung Norden ab, also den Cottbusser Damm hoch. Auf dem Weg zum Einkaufen holt sie die beiden kleineren Jungs vom Kindergarten ab. Eine Aufgabe, die Sandra regelmäßig übernimmt. Nur heute nicht, weil sie das Geburtstagsgeschenk besorgen will. Deshalb biegt das Mädchen nach rechts ab, also in die entgegengesetzte Richtung. Ihr Ziel ist ein großes Kaufhaus am Hermannplatz in Neukölln, nur knapp einen Kilometer und etwa zehn Minuten Fußweg von zu Hause entfernt. Wenige Minuten später, um kurz nach drei, kommt Sandra vor dem Kaufhaus an. Das wird später eine Freundin bestätigen, die sie dort gesehen hat. Und es gibt noch weitere wichtige Zeuginnen, zwei Verkäuferinnen, die in dem Kaufhaus arbeiten. Eine davon ist in der Schreibwarenabteilung. Abteilung. Sie beobachtet, wie Sandra ein Schulheft und einen Stift kauft. Vermutlich bekommt sie an der Kasse dafür eine Tüte des Kaufhauses. Zumindest taucht sie mit genau dieser Tüte wenig später in der Buchabteilung auf. Noch immer sucht Sandra nach einem Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter. Dabei wendet sich die Zwölfjährige an eine andere Verkäuferin und fragt nach dem neuesten Harry-Potter-Band. Die Verkäuferin erinnert sich deshalb so genau an Sandra, weil diese auffallend höflich ist, sich bedankt und freundlich lächelt. Das scheint nicht so oft vorzukommen. Kurz darauf sieht sie Sandra jedenfalls nicht mehr. Offensichtlich ist das Mädchen gegangen. Ein Buch hat sie nicht gekauft. Wann Sandra das Kaufhaus genau verlässt, wird man später nicht mehr nachvollziehen können. Zur Erinnerung, es ist das Jahr 2000, sprich es gibt kaum Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen oder in Geschäften. Gegen 16.40 Uhr sehen zwei Schulfreundinnen sie jedenfalls unabhängig voneinander auf dem Cottbuser Damm. Eines der Mädchen steht am Fenster ihres Kinderzimmers und schaut hinaus. Sie wartet auf eine Freundin, mit der sie gleich zur Nachhilfe gehen möchte. Besagte Freundin wird soeben von ihrem Bruder vor die Tür gefahren und auch sie sieht Sandra die Straße entlang gehen. Die ist kurz vor der Abzweigung zur Böckstraße, also zur elterlichen Wohnung, angekommen. Es sind keine 300 Meter mehr bis nach Hause. Doch dort kommt Sandra nie an. Ihre Familie macht sich inzwischen Sorgen. Es sind alle zu Hause, nur Sandra fehlt. Und das ist ungewöhnlich. Vor 40 Minuten, um genau 16 Uhr, hätte sie daheim sein sollen, um mit Mama Beate für ein Englischdiktat zu üben. Das passt ganz und gar nicht zu Sandra, die in jeder Hinsicht zuverlässig und pünktlich ist. Gegen 17 Uhr schickt die Mutter die ältere Schwester Nadine los, um den kleinen Bruder zum Turnen zu bringen. Es ist dieselbe Halle, in der Sandra um 6 Uhr Training hätte. Dass sie daran nie mehr teilnehmen wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand. In der Hoffnung, ihre Tochter zu finden, zieht auch die Mutter ihre Jacke an und eilt Richtung Hermannplatz. Im Kaufhaus angekommen, lässt sie ihre jüngste Tochter ausrufen. Ohne Erfolg. Sie hinterlegt ihre Telefonnummer und gibt den Mitarbeitern eine Beschreibung von Sandra. Dann macht sie sich auf den Rückweg. Sie schaut auf jeden Spielplatz, in sämtliche Hinterhöfe, Einfahrten, sogar Baugruben. Aber nirgends entdeckt sie eine Spur von Sandra. Inzwischen ist es draußen schon dunkel. Vermutlich noch besorgter als ohnehin schon, kommt die Mutter nach Hause zurück. Gemeinsam telefoniert die Familie sämtliche Freunde ab. Aber dort ist Sandra auch nicht. Keiner weiß, wo die Zwölfjährige ist. Spätestens jetzt ahnt die Mutter, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Um 18.30 Uhr ruft sie schließlich bei der Polizei an und meldet ihre jüngste Tochter als vermisst. Herr Lietz, bevor wir in die Ermittlungen von damals einsteigen, eine persönliche Frage vorab. Sie sind ja selbst Vater. Kann man das so komplett ausblenden, wenn man so einen Fall übernimmt oder spielt das doch mit rein? Natürlich kann man das nicht ausblenden. Solche Felder bewegen einen schon und man kann das nicht unbedingt von sich fernhalten. Man stellt sich die Frage, wie man selbst als Elternteil reagieren würde, wenn das eigene Kind weg ist, gerade wenn es in dem Alter ist, wie Sandra damals gewesen ist. Auf der anderen Seite muss man sich als Ermittler natürlich darauf konzentrieren, die Fakten zu erheben und hoffentlich irgendwas zu finden, damit man den Fall auch nach so vielen Jahren vielleicht doch noch klären kann. Zudem, gerade wenn man den Fall nur aus der Papierlage kennt, ist es immer etwas schwerer nachzuvollziehen, was damals genau passiert ist, was ermittelt wurde und muss sich entsprechend einarbeiten. Es ergeben sich beim Lesen einer solchen alten Akte viele Fragen, die oftmals aber nach so langer Zeit dann doch nicht mehr unbedingt zu klären sind. Ja, ist natürlich klar nach 26 Jahren. Umso mehr sind Sie und die Familie von Sandra auf neue Hinweise angewiesen, die diese Fragen möglicherweise beantworten und im Idealfall natürlich zum Täter führen. Herr Lietz, kommen wir zum Dienstagabend, an dem Ihre Kolleginnen und Kollegen zur Familie von Sandra gefahren sind. Was waren die ersten Maßnahmen, die ergriffen wurden? Zunächst finden natürlich die ersten Befragungen der unmittelbaren Angehörigen statt. Man fragt nach der Beschreibung des Kindes und den Umständen, wie es verschwunden ist, wann es das letzte Mal gesehen wurde. Man muss klären, sofern man das in den ersten Befragungen kann, ob das Kind vielleicht freiwillig weg ist. Also eine klassische Ausreißerin, ob es Probleme in der Schule gibt oder in der Familie. Das war hier aber nicht der Fall. Sie war eine relativ gute Schülerin. Es gab keine nennenswerten Schwierigkeiten in der Schule und auch in der Familie nicht. Es gab also nichts, wo man sich als Polizeibeamter zunächst sagt, hier muss ich mir Gedanken machen, dass möglicherweise ein familiärer Hintergrund die Ursache sein kann. Dazu kommt auch Sandras Charakter. Sie war pünktlich und zuverlässig, pflichtbewusst, wie schon gesagt wurde. Und sie hätte abends eigentlich noch ihr Ton gehabt, was sie grundsätzlich gerne gemacht hat und nicht versäumt hat. Wenn sie sonst später nach Hause gekommen wäre, hatte sie in der Vergangenheit immer vorher angerufen und gesagt, dass sie später kommt oder gefragt, ob sie später zurückkommen darf. Sie war an dem Tag ja unterwegs, um ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mama zu besorgen. Auch das machen wahrscheinlich die wenigsten, die vorhaben, abzuhauen, oder? Das stimmt, aber man hat oftmals nur die Aussagen der Eltern oder der näheren Angehörigen und muss die Glaubwürdigkeit durch Tatsachen und weitere Befragungen natürlich untermauern. Grundsätzlich sind auch inszenierte Vermisstenfälle in Betracht zu ziehen, aber solange dazu kein Beweis vorliegt, muss man von einer Notlage für das vermisste Kind ausgehen oder eben auch von dem Schlimmsten, einem Verbrechen. Also für Ihre Kollegen war damit klar, dass Sie es mit einem Verbrechen zu tun haben. Und konsequenterweise hat die 5. Mordkommission den Fall schon am nächsten Tag übernommen. Das ging ziemlich schnell, denn wir kennen auch Fälle, bei denen die Kripo erst Tage später eingeschaltet wird, nicht? Generell ist es so, je jünger die Person ist, die vermisst wird, desto eher muss die Polizei handeln. Es spielen grundsätzlich auch Hinweise auf psychische Ausnahmesituationen eine Rolle. Oder bei ganz banalen Sachen, bei kleinen Kindern zum Beispiel, kann auch äußere Einflüsse wie Jahreszeit und Wetter eine Rolle spielen, wann man hier als Polizei tätig wird. Zum Beispiel kann man auch bei einer 16-jährigen Dauerausreißerin etwas länger zuwarten, bis man entsprechende Suchmaßnahmen startet, als bei einem Kleinkind. In dem Fall hier von Sandra hat alles dagegen gesprochen, dass sie von sich aus verschwunden ist. Und so ist man relativ schnell davon ausgegangen, dass hier entweder ein Tötungsdelikt oder vielleicht auch eine Entführung vorliegen könnte. Sie haben eben schon die Suchmaßnahmen angesprochen. Wurde damit denn dann auch direkt am Dienstagabend gestartet? Und mit welcher Beschreibung haben Sie quasi angefangen? Also was wurde an Ihre Kolleginnen und Kollegen weitergegeben? Also zunächst hat man noch nicht mit den umfangreichen Maßnahmen, mit den Suchmaßnahmen angefangen. Es ging ja in die Nacht. Man hat, wie gesagt, zunächst die Familie und die Angehörigen und auch einen Freund von ihr, der auch namentlich bekannt war. Man hat ihn befragt, ob sie irgendwelche Hinweise darauf hatten, dass Sandra vielleicht noch was anderes vorhat. Oder irgendwelche Probleme zu Hause bestehen oder im Freundeskreis, die dazu führen könnten, dass sie vielleicht irgendwie abgehauen ist. Man hat natürlich auch parallel schon erste... Suchmaßnahmen im weitesten Sinne initiiert. Es gab Durchsagen regelmäßig im Polizeifunk. Man hat den Kindernotdienst informiert, falls dort ein Kind hingebracht wird. Es gab Nachrichten an die öffentlichen Verkehrsmittel, falls auch dort eventuell ein Kind in den Abendstunden oder nachts alleine aufgegriffen wird. Die Suchmaßnahmen im umfangreicheren Maße haben dann nächsten Tag stattgefunden. Man hat bereits diese in der Nacht vorbereitet und als Grundlage für diese Maßnahmen wurde natürlich die Beschreibung des Kindes zugrunde gelegt. Sandra war zu dem Zeitpunkt ihres Verschwindens etwa 1,60 Meter groß, war relativ zierlich und sportlich. Die Haare waren lang und dunkelblond, sie hatte braune Augen. Sie trug damals, als sie verschwunden ist, schwarze Jeans, einen dunkelbraun-bordeaux-schwarz gemusterten Pullover, hatte eine blaue, halblange Wintersteppjacke an und schwarze Stiefel. Sandras Familie konnte und wollte mit der Suche nicht bis zum nächsten Tag warten, verständlich. Deshalb sind sie die ganze Nacht auch durch die Gegend gefahren, haben bei der Feuerwehr und in Krankenhäusern nachgefragt und in jede noch so dunkle Ecke geschaut. Aber eine Spur von ihrer jüngsten Tochter haben sie nicht gefunden. Jetzt ruhte also alle Hoffnung auf der Suchaktion, die die Kripo am nächsten Morgen gestartet hat. Herr Lietz, nehmen Sie uns jetzt doch mal in diese Situation mit von damals. Was haben die Kolleginnen und Kollegen alles unternommen? Es waren damals weit über 100 Beamte im Einsatz, die die Gegend um den Wohnort oder den Bereich, wo Sandra vermisst wurde, abgesucht haben. Da wurde alles umgedreht, die Häuser wurden durchsucht, die Dachböden, Keller, Höfe, Baustellen, die sich in der Nähe befunden haben, aber natürlich auch Gewässer oder Parks. Es wurde einfach überall nachgeschaut, wo ein Kind sich verborgen halten kann oder vielleicht auch reingefallen ist und nicht mehr alleine rauskommt. Man ist mit Lautsprecherwagen durch den Bereich gefahren, hat entsprechende Durchsagen gemacht und somit natürlich auch nach Zeugen gesucht, die das Kind vielleicht noch irgendwann lebend gesehen haben. Außerdem wurden sämtliche Müllcontainer sichergestellt, gesichtet und auch die weitere Müllabfuhr in diesem Gebiet unterbunden. Weil eben dort, also in den Mülltonnen, jemand tatrelevante Gegenstände entsorgt hatte? Möglicherweise. Es kann natürlich zum einen sein, dass ein Kind in einen Container reinklettert und nicht mehr rauskommt, was bei einem zwölfjährigen Mädchen eher unwahrscheinlich ist. Aber man muss natürlich auch davon ausgehen, wenn das Kind Opfer einer Straftat ist, kann der Täter sowohl sein Opfer als auch Gegenstände, die mit der Tat zu tun haben, entsprechend im Müll entsorgen. Im Fall Georgine könnte das zum Beispiel so gewesen sein. Auch ein Mädchen aus Berlin. Wir hatten bei Aktenzeichen XY ungelöst darüber berichtet. Da hatte der Täter einem verdeckten Ermittler erzählt, er habe die Schülerin nach ihrem gewaltsamen Tod eingerollt, in einen Teppich in einem Müllcontainer abgelegt. Die Leiche wurde allerdings nie gefunden. Dieses schreckliche Verbrechen ist sechs Jahre nach dem Verschwinden von Sandra passiert und ich erinnere mich noch, dass auf der Suche nach dem vermissten Mädchen Mantrailerhunde eingesetzt wurden. Hatte man das bei Sandra auch gemacht? Nein, das hatte man damals noch nicht gemacht. Das ganze Mantraining fing Anfang der 2000er Jahre erst in Deutschland an. Und es war also zu dem Zeitpunkt von Sandras Verschwinden noch nicht wirklich etabliert. Die Kollegen damals haben jedoch Leichen- bzw. Blutspurensuchhunde im Einsatz gehabt. Können Sie uns vielleicht nochmal kurz erklären, was der Unterschied ist zwischen einem Mantrailer und einem Leichen- und Blutspurensuchhund? Jeder Mensch hat einen spezifischen Körpergeruch. Und durch Partikel, zum Beispiel Schuppen, die jeder Mensch permanent verliert, kann der Hund diese Geruchsspur aufnehmen, der Mantrailer. Und kann somit lebende Personen und deren Wege nachvollziehen. Das geht über einen bestimmten Zeitraum, bis diese Spuren letztendlich verwischt sind. Bei einem Leichen- bzw. Blutspurensuchhund hingegen sucht der Hund nach Blut, oder eben Geruchsspuren, die von Verletzten oder Getöteten oder von toten Personen ausgehen. Außerdem muss man sich natürlich auch vorstellen, das Gebiet, in dem gesucht wurde, das war relativ groß. Und Hunde, je nach Einsatzumstand, können nur eine begrenzte Zeit jeweils am Stück im Einsatz sein und brauchen dann immer längere Pausen. Insofern kann man sich grundsätzlich vorstellen, dass der Einsatz solcher Hunde auch sehr aufwendig ist. Wie groß ist dieses Zeitfenster für den Hund? Bei Mantrailern dauert es etwas länger, die können länger suchen. Bei Blutspuren und Leichenhunden kann das je nach Aufwand und äußeren Umständen wenige Minuten bis zu einer halben Stunde sein und dann brauchen die eine Pause. Im Gegensatz zu den Hunden waren ihre Kolleginnen und Kollegen quasi ununterbrochen unterwegs und das über Tage. Während Dutzende Beamte weiter nach dem vermissten Mädchen suchten, führten andere sogenannte Hausermittlungen durch. Das heißt... Sie klingelten an jeder Tür in der Hoffnung auf Hinweise und Zeugen. Dabei stießen die Ermittler auf ein Mädchen, das gerade einmal ein Jahr älter war als Sandra, also 13, und von einer irritierenden Begegnung berichtet. Am Tag von Sandras Verschwinden in unmittelbarer Nähe zur Wohnung der Wismans und kurz bevor Sandra zuletzt gesehen wurde, sprach ein unbekannter Mann dieses Mädchen auf der Straße an. Auch diese Szene haben wir damals für die Sendung nachgestellt. Hey du, was man? Hast du mal Zeit? Ich brauche Hilfe. Du musst mir nur mal kurz eine Wasserwaage halten. Allein schaffe ich das nicht. Eine Wasserwaage? Ja, dauert nicht lange. Vielleicht eine halbe Stunde. Nee. Oh komm, es geht ganz schnell. Nee, ich muss nach Hause. Ein ziemlich unheimliches Szenario. Wenn er denn tatsächlich was Böses im Sinn hatte und das ist in so einem Moment zumindest zu befürchten, dann ist das ein ziemlich dreistes, gruppelloses Vorgehen. Oder, Herr Lietz, wie sehen Sie das? Das war ja mitten am helllichten Tag auf offener Straße. Ja, da kann man sich nur wundern. Kommt aber leider häufiger vor, als man denkt. Und kann tatsächlich ein mögliches Vorgehen sein, um das Vertrauen eines Kindes zu wecken. Man muss natürlich aber auch vorsichtig sein. Solche Aussagen verselbstständigen sich manchmal, insbesondere unter Kindern und könnten auch zu Druckspuren führen. Das, was das Mädchen erlebt hat, war aber ganz konkret. Wir gehen also nicht davon aus, dass das eine Druckspur ist. Und es gab eine zeitliche und örtliche Nähe zum Verschwinden von Sandra. Ihre Kollegen haben damals folgerichtig einen Zusammenhang vermutet und nach dem Unbekannten gesucht, den das Mädchen auch beschreiben konnte. Was war das für ein Typ? Wie muss man sich diesen Mann vorstellen? Sie hat den Mann als relativ klein beschrieben, etwa 1,60 Meter groß und dicklich, wahrscheinlich dunkle Haare und insgesamt eine eher ungepflegte Erscheinung. Er sprach Deutsch, hatte eine tiefe Stimme und trug eine braune Lederjacke. Das Mädchen traute sich zu, den Mann auf Bildern wiederzuerkennen. Man hat die entsprechenden Lichtbilder auch vorgelegt, aber sie konnte leider niemanden wiedererkennen. Auch die anschließende Suche dann über die Öffentlichkeit blieb ja leider erfolglos. Der Unbekannte war wie vom Erdboden verschluckt. Dafür haben ihre Kolleginnen und Kollegen aber Blutspuren an einem Müllcontainer in einem Hinterhof entdeckt. Was hatte es denn damit auf sich? Ein späterer Abgleich zeigte denn, dass diese Blutspuren nicht von Sandra stammen. Es gab auch noch weitere Spuren im Hinterhaus der Familie Wismann. Auch da stellte sich raus, dass diese nicht von Sandra stammten. Also erstmal ziemlich alarmierende Funde. Aber alle ohne Zusammenhang zum Verschwinden von Sandra. Dazu kann man an dieser Stelle sagen, dass es im Verlauf der Ermittlungen auch keine weiteren objektiven Spuren mehr geben sollte. Richtig? Ja, leider. Man hat weder die Einkaufstüte aus dem Kaufhaus gefunden, die Sandra dabei hatte, noch Teile ihrer Bekleidung oder ähnliches. Weitere Ermittlungen beruhten demnach ausschließlich auf Zeugenaussagen, die die Kollegen und Kollegen damals ausfindig machen konnten. Eine dieser Zeuginnen, die ihre Kollegen ausfindig gemacht haben, war eine Mitschülerin von Sandra, die sie am Dienstagnachmittag gesehen hat. Und zwar gegen 16.45 Uhr, also gerade mal fünf Minuten später als die anderen beiden Mädchen. Aber, und das ist eben das Rätselhafte an der Beobachtung, viel weiter den Cottbusser Damm hoch an einer Brücke am Planufer. Und die Frage ist jetzt eben, warum ist Sandra offenbar an der Abzweigung zu ihrem Elternhaus vorbeigegangen, obwohl sie ja ohnehin schon zu spät war? Konnten Sie dazu was rausfinden? Nein. Im Grunde könnte uns nur Sandra diese Frage eindeutig beantworten, aber wir können sie ja leider nicht fragen. Möglich ist für uns, dass Sandra in dem Kaufhaus kein Geschenk für ihre Mutter gefunden hat und weiter auf der Suche war. Am Planufer bzw. auf dem Weg dorthin gab es damals weitere Geschäfte. Vielleicht wollte sie weitersuchen und über einen kleinen Umweg dann zurück nach Hause gehen. Klingt plausibel. Was aber dagegen sprechen könnte? Sandras Zuverlässigkeit. Sie hatte zu dem Zeitpunkt zwar kein Handy, aber immer Münzgeld in der Tasche, um aus Telefonzellen anzurufen. Das hat sie üblicherweise auch gemacht, selbst wenn es um kleine Verspätungen von wenigen Minuten ging. An diesem Tag war sie bereits eine Dreiviertelstunde über die vereinbarte Zeit hinaus. Wie passt das zusammen? Auch das ist ein Rätsel, das sich ohne Sandras Aussage vermutlich nicht klären lässt. Aus kindlicher Sicht gedacht, würde ich sagen, sie hat beim Bummeln oder Stöbern einfach die Zeit vergessen. Man darf bei aller Zuverlässigkeit ja nicht vergessen, sie ist eben erst zwölf Jahre alt gewesen und somit noch ein Kind. Ja, vielleicht war ihr Wunsch, der Mutter eine Freude zu machen, größer als alles andere. Man kann nachvollziehen, dass sie da vielleicht die Zeit aus dem Blick verloren hat. Bleiben wir noch kurz bei dem Thema Zeit und den Beobachtungen der Zeuginnen. Die Verkäuferinnen im Kaufhaus sehen Sandra zwischen 16.30 Uhr und 17 Uhr. Genau dazwischen, gegen 16.40 Uhr, beobachten zwei Freundinnen, wie Sandra die Straße entlang geht. Das passt zur Aussage des anderen Mädchens, das sie fünf Minuten später am Planufer sieht. Aber mit den Zeitangaben der Verkäuferinnen geht das irgendwie nicht zusammen. Sind die Aussagen damit grundsätzlich unglaubwürdig oder wie kann man das erklären? Zeitliche Zusammenhänge einzuschätzen ist für Zeugen oftmals schwierig. Das begegnet uns regelmäßig. Man sieht jemanden, wie in unserem Fall eben die Sandra im Kaufhaus und glaubt, dass man direkt auf die Uhr geschaut hat. Dabei hat man das vielleicht erst eine Stunde später getan. Auch Verwechslungen von Personen müssen einkalkuliert werden. Zeugenaussagen müssen in solchen Sammengen immer kritisch hinterfragt werden. Trotz dieser zeitlichen Verwechslung bin ich aber davon überzeugt, dass all die Zeuginnen glaubhaft sind und Sandra an diesem Nachmittag gesehen haben. So gibt es auch passende Aussagen aus dem Kaufhaus und insgesamt ergibt sich bis zur letzten Beobachtung für uns ein stimmiges Bild. Ja, heute könnte man die Beobachtungen der Zeuginnen ziemlich einfach anhand von Videoaufzeichnungen überprüfen. Ist das denn generell ein Problem bei älteren vermissten Fällen, Herr Lietz? Ja, klassische Suchmaßnahmen sind zwar auch heute noch dieselben, aber technisch ist natürlich jetzt viel mehr möglich. Von Videoüberwachungen, die inzwischen auch im öffentlichen Raumstandard sind, bis hin zur Ortung von Geräten, können wir ziemlich genau rekonstruieren, wo sich die vermisste Person vor ihrem Verschwinden aufgehalten hat. Dazu kommt die Erfassung von Personen, die sie zum selben Zeitpunkt im Umfeld eingeloggt haben, zum Beispiel Täter oder auch weitere Zeugen. Außerdem hat sich die Öffentlichkeitsverhandlung durch Social Media verändert, ist schneller und erreicht mehr Menschen als klassische Plakate und Zeitungsaufrufe. Aber auch heute sind das noch gängige Ermittlungsmethoden. Also wir halten fest, das ist wirklich ein Vorteil heute, anders als im Jahr 2000. Dass Sandra mit hoher Wahrscheinlichkeit einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, war ihren Kollegen ziemlich schnell bewusst. Dabei ist man aber nicht nur vom Schlimmsten, also von einem Tötungsdelikt ausgegangen, sondern man hat auch eine Erpressung in Erwägung gezogen. Warum das? Sandra Stiefvater hat ein kleines Unternehmen und da hat es ja auch sein können, dass Sandra entführt wurde, um möglicherweise Lösegeld zu erpressen. Es kam aber nie eine entsprechende Forderung und folglich konnte man diese Hypothese ausschließen. Neben dem Stiefvater hatte Sandra ja auch einen leiblichen Vater. Der wohnte damals in Thüringen, also ein ganzes Stück von Berlin entfernt. Und gab es denn trotzdem die Überlegung, ob Sandra vielleicht zu ihm gefahren ist oder ob er etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hat? Ja, die gab es. Oftmals finden Gewaltstraftaten an Kindern auch im eigenen Familienkreis statt. Wir hatten aber in dem Fall jetzt keinen Hinweis darauf, dass Sandra zu ihrem leiblichen Vater gefahren ist oder er irgendwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnte. Auch die übrigen Familienmitglieder waren schnell von jeglichem Verdacht befreit. Wir haben ja eingangs schon über die harmonischen Familienverhältnisse gesprochen. Damit war Sandras engstes Umfeld ausermittelt. Ihre Kollegen haben den Radius dann erweitert und die üblichen Verdächtigen sozusagen überprüft. Darunter war auch ein Mann, der zuvor zwei Mädchen in Berlin entführt hatte. Erzählen Sie uns davon, Herr Lietz. Das war ein Fall, wo ein Mann zwei Mädchen auf einem Straßenland mitgenommen hatte. Die beiden Mädchen sind Gott sei Dank lebend davon gekommen. Das ist schon mal die gute Nachricht. Der Täter hatte sie im unmittelbaren Wohnumfeld überwältigt und in seine Wohnung verschleppt, sie dort sexuell missbraucht und anschließend mehrere Tage später wieder freigelassen. Einen Zusammenhang mit Sandra's Verschwinden konnten wir dort aber nicht nachweisen. Ja und so ging es ja im Grunde weiter bis Ende August 2001. Also neun Monate nach ihrem Verschwinden gingen 146 Hinweise bei der Kripo ein. Danach wurden es immer weniger. Auch die Ausstrahlung bei Aktenzeichen XY ungelöst. Ein Jahr später brachte nicht den erhofften Erfolg. Was ist das dann für eine Situation für Sie, für einen Ermittler? Wie geht man damit um und was sagt man der Familie, wenn man die Maßnahmen so langsam aber sicher runterfahren muss? Diese Situation ist definitiv natürlich schwierig, vor allem im Kontakt mit den unmittelbaren Angehörigen, mit den Eltern. Es herrscht Enttäuschung natürlich auf beiden Seiten, die aber bei den Eltern natürlich schwerer wiegt. Die Kommunikation in dem Fall hier blieb sachlich und ist auch gegenwärtig immer noch sachlich gegeben. Aber ein paar Wochen nach dem Verschwinden von Sandra wurden die aktiven Suchmaßnahmen eingestellt, weil alle erkennbaren Möglichkeiten ausgeschöpft waren. Trotzdem bleiben wir natürlich dran und machen regelmäßig Öffentlichkeitsarbeit. So auch in diesem Jahr, wie bereits angesprochen, anlässlich des weltweit begangenen Tages der vermissten Kinder erneut medial aufgegriffen und mit einer Öffentlichkeitsverhandlung des Bundeskriminalamtes ins Gedächtnis gerufen. Es gibt dann immer wieder mal Hinweise, denen wir natürlich auch nachgehen, aber bislang war leider noch nicht der Richtige dabei. Kommen wir zu einem Thema, das wir vorhin schon angesprochen haben. Die Ausnahmesituation, in der sich Eltern und Geschwister nach dem Verschwinden eines Kindes befinden. Wie es Familien dabei grundsätzlich gehen kann, darüber haben wir, unabhängig vom konkreten Fall heute, mit dem Psychologen Dr. Leon Windscheid gesprochen. Und wir wollten zunächst von ihm wissen, was in Eltern vorgehen kann, wenn sie registrieren, dass ihr Kind nicht da ist, wo es sein sollte, also zum Beispiel zu Hause bei der Familie. Mit das Schlimmste in dem Moment ist eine unglaubliche innere Zerrissenheit. Das kann sich, glaube ich, jeder vorstellen, der einen anderen Menschen liebt. Beim Kind ist es natürlich nochmal besonders heftig, weil man auch dieses Gefühl hat von ich bin doch eigentlich so sehr verantwortlich für den Schutz dieses Menschen, dass man eine totale innere Zerrissenheit spürt zwischen Hoffnung, hoffentlich ist das Kind einfach, der Mensch gleich einfach wieder da und alles war. Doch nicht so schlimm und gleichzeitig einer riesigen Furcht, die in dem Moment ja auch gar nicht falsch sein muss. Wir denken immer, diese krassen, starken, negativen Gefühle wie Angst oder sowas stehen uns nur im Weg, sind schlecht. Aber eigentlich ist Angst da, um uns zu aktivieren, um uns hochzufahren. Und wenn tatsächlich eine Gefahr besteht, weil dein Kind plötzlich weg ist, vielleicht entführt ist, ein Verbrechen vorliegt, dann sind solche starken, negativen Gefühle unglaublich unangenehm. Aber sie haben auch eine Funktion. Jetzt kümmer dich drum, jetzt voll den Fokus drauf, jetzt geht das Ganze an. Also diese Zerrissenheit zwischen, hey, da ist Hoffnung, ich wünsche mir so sehr, gleich kommt raus, war alles nix, gar nicht schlimm. Und gleichzeitig tierisch starken negativen Gefühlen, das ist was, was in dem Moment unglaublich belastend ist. Solche Reaktionen sind in akuten Ausnahmesituationen aus Sicht der Psychologie gut möglich. Wie genau aber der Einzelne damit umgeht, kann sehr unterschiedlich sein. In unserem heutigen Fall haben die Eltern von Sandra damals die ganze Nacht nach ihrer Tochter gesucht, bis in die frühen Morgenstunden. Wir haben eben gehört, dass Angst den Körper in einen Ausnahmezustand versetzen kann, in dem Bedürfnisse wie Müdigkeit oder Hunger in den Hintergrund treten. Was aber passiert auf lange Sicht, wenn ein Mensch über Jahre oder sogar Jahrzehnte vermisst bleibt? Normalerweise würden wir uns in solchen Ausnahmezuständen wünschen, dass man voll hochgefahren wird, alle Energie ist bereitgestellt, dann irgendwann ist der Akku leer und dann kommt die Erleichterung, eine Ruhephase, wo ich mich wieder ins Gleichgewicht bringe und wieder aufladen kann. Das passiert aber nicht. Das heißt, der Ausnahmezustand wird jetzt komplett aufrecht gehalten. Und damit wird mein ganzes System, meine Psyche, mein Körper weiter in Not gebracht. Weil die ganze Zeit die Akkus, die eigentlich schon nicht mehr können, noch mehr und noch mehr und noch mehr liefern müssen. Und das Schlimmste ist eigentlich, dass wenn das jetzt noch länger gezogen wird und es plötzlich um Wochen, um Monate geht, diese Erleichterung nicht kommt, dass die Menschen auf der Langstrecke psychisch massiv belastet sind. Und dass dann neben Schlafstörungen, neben Essproblemen, neben depressiven Symptomen, neben Ängsten, neben Schuldgefühlen, neben Scham einfach unglaublich viel an Lebensqualität, überhaupt an Weiterleben kaputt geht. Darüber, welche Auswirkungen solche Extremsituationen auf familiäre Beziehungen haben können, haben wir mit Leon Winscheid gesprochen. Ich kenne hierzu eine Übersichtsarbeit, wo viele verschiedene Studien zusammengefasst werden und dort wird beschrieben, dass die Geschwister in solchen Momenten, wo Trauer, wo Katastrophe, Schwierigkeiten der Familie, ist, oft die Übersehenen sind. Weil die Eltern so im Vordergrund stehen, weil die Eltern natürlich auch mit ihren. Problemen, mit ihren Ängsten, mit ihren Schuldgefühlen dort ganz, ganz stark beschäftigt sind. Und deswegen hört man oft in diesen Studien, dass die Geschwister sich übersehen fühlen, dass die sich alleine fühlen und dass die auch oft mit starken Schuldgefühlen zu kämpfen haben, obwohl, sie ja wirklich gar nichts dafür können, auch aus so einem Grund von, ich bin ja noch da und ich darf jetzt hier weiterleben und ich habe die Kindergeburtstag und ich gehe zur Schule. Und mein Bruder oder meine Schwester ist weg, vielleicht sogar tot. Dass so ein Schuldgefühl entsteht, da merkt man, dass wir oft Schuldgefühle haben können, die objektiv gar nicht berechtigt sind, aber trotzdem unglaublich stark in unseren Köpfen sein können, die eine riesige Last darstellen. Und dann spricht man von so einer Art zweitem Verlust. Ich habe einmal das geliebte Geschwisterkind verloren und jetzt habe ich aber noch einen zweiten Verlust in verschiedenen Bereichen. Aufmerksamkeit der Eltern, wie mein eigenes Leben weitergeht, diese Schuldgefühle als Ballast im Kopf. Und dann wird hoffentlich klar, dass das eine Belastung ist, die einfach riesig groß ist, auch für dieses ganze Familiensystem. Die Belastung ist eine Seite. Die andere ist eine fortwährende Ungewissheit. Das Kind ist weg. Es gibt über Jahrzehnte kein Lebenszeichen, aber auch keine Gewissheit darüber, was geschehen ist. Was geht dabei in Angehörigen innerlich vor? Wenn jemand vermisst wird, spricht man in der Psychologie von ambiguous loss, also so eine Art unklarer Verlust, unklares Vermissen. Da gibt es zwei Arten von. Wir können uns, glaube ich, alle vorstellen, wenn jemand eine Demenz hat, dann ist die Person zwar physisch da, aber sie ist psychisch nicht mehr greifbar. Das wäre ein Beispiel dafür. Das andere Beispiel wäre, die Person ist physisch weg, zum Beispiel, weil man sich getrennt hat und sie ist ausgezogen, weil sie vermisst, entführt wurde. Aber sie ist psychisch die ganze Zeit noch da. Die Idee ist also, der vermisste Mensch ist nicht mehr hier in meinem Umfeld. Ich sehe den nicht, ich kann ihn nicht in den Arm nehmen. Und physisch, aber psychisch ist er die ganze Zeit in meinem Kopf total präsent. Ich kau die ganze Zeit drauf rum, was hat er denn nochmal an? Was waren die letzten Worte, die wir gesprochen haben? Gab es irgendwelche Zeichen? Hat er irgendwie was gesagt, wo er hin will? Und dieses Ambige, dieses Ungewisse in dem Verlust ist im Prinzip eine Wunde im Kopf, die die ganze Zeit offen bleibt. Das Schwierige liegt sicherlich auch darin, nicht abschließen zu können. Um einen Toten kann man trauern, einen Ort haben, zu dem man gehen kann. Aber nicht zu wissen, was geschehen ist, lässt viel Raum für Dinge, die man sich immer wieder ausmalt. Wie Menschen mit dieser Form der Ungewissheit umgehen können, hat uns Leon Windscheid auch erklärt. Stellen wir uns einfach mal vor in der Geschichte der Menschheit. Wie oft Menschen, wie oft Eltern erleben mussten, dass Kinder gestorben sind. Das ist ganz furchtbar. Ich stelle mir das wie das Allerschlimmste auf der ganzen Welt vor. Wahrscheinlich ein Schmerz, wo es nichts Krasseres gibt. Und trotzdem ist unsere Psyche zumindest für die allermeisten scheinbar so ausgestattet, dass wir daran nicht zugrunde gehen. Das heißt, der Schmerz bleibt da und das tut weh und da ist im Zweifel ein Leben lang eine Narbe, die immer wieder aufbrechen kann. Aber trotzdem sind wir resilient als Menschen. Und das macht ja auch Sinn, weil nochmal, wenn wir uns vorstellen im Laufe der Menschheitsgeschichte, im Laufe der Evolution, wie oft schwerste Schicksalsschläge, ausgehalten werden mussten, wenn alle daran zerbrochen wären, dann wird es uns heute vielleicht so gar nicht mehr geben. Wir Menschen halten mehr aus, als wir denken. Das haben sicher schon viele von uns erfahren. Aber wie lebt man mit dem Verlust eines Kindes weiter? Was lässt uns da nicht komplett verzweifeln und am Ende aufgeben? Ein ganz wichtiges Gefühl, um das auszuhalten, ist die Hoffnung. Aber wenn jemand über lange Zeit vermisst wird, dann ist die Hoffnung so ein bisschen ein zweischneidiges Schwert. Ja, sie gibt mir Kraft und sie lässt mich durchhalten. Und gleichzeitig kostet es natürlich Energie, die ganze Zeit so ein bisschen den Ball hochzuhalten und eben nicht abschließen zu können. Interessant ist hierbei, dass die Forschung verschiedene Arten von Hoffnung unterscheidet. Einmal die ergebnisorientierte Hoffnung. Ich hoffe, das Ergebnis am Ende ist, die Person kommt zurück. Der vermisste Mensch wird lebend wiedergefunden. Dann gibt es so eine Informationshoffnung. Kann ich überhaupt irgendwie erfahren, Informationen bekommen, was da passiert ist? Vielleicht auch, dass der Leichnam gefunden wird, um zumindest klare Info zu haben, was war denn mit diesem Menschen. Und als dritte Art, und das finde ich mit eine der wichtigsten, die oft übersehen wird, das ist so eine existenzielle Hoffnung. Irgendwie habe ich vielleicht aber auch die Hoffnung, dass mein Leben weitergehen kann, dass meine Existenz trotzdem noch einen Sinn hat, obwohl ich hier als Mutter, als Vater, als Bruder, als Freund stehe und jemanden verloren habe. Also wieder so einen Sinn aufzubauen, Beziehungen entstehen zu lassen, Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Und du darfst auch Sachen in deinem Kopf in den Schrank packen und auch wenn sie als Wunde vielleicht immer da bleiben und immer wieder wehtun, dein Leben mit Blick nach vorne weitergehen. Es steht mir zu, nochmal bei allem Schmerz, dieses Leben weiterzuführen. Ich glaube, das wäre was, was ich uns aber irgendwie auch allen mitgeben würde. Zurück zu unserem heutigen Fall. Herr Litz, ich würde gerne noch über eine Sache sprechen, die wir ganz am Anfang erwähnt haben und die einfach schwer zu fassen ja nahezu unbegreiflich ist. Sandra ist in einem belebten Kiez mitten in Berlin und am hellen Tag verschwunden. Wie kann es sein, dass das niemand mitbekommt? Auf einem Dorf würde wahrscheinlich so etwas schneller auffallen, wenn ein Kind um Hilfe ruft oder von einem Fremden angesprochen wird. In der Stadt bekommt man das je nach Umfeld nicht so schnell mit. Schon gar nicht in einer Großstadt wie Berlin, wo ständig ein erhöhter Lärmpegel herrscht. Abgesehen davon stellen wir uns immer vor, dass es laut sein muss, wenn ein Kind wegkommt. Das muss aber nicht sein. Als Täter versuche ich ja, die Tat so durchzuführen, dass es keiner mitbekommt, und ich nicht entdeckt werde. In der Regel bauen Täter daher ein Vertrauensverhältnis zu Opfern auf, um das Kind so zu mitgehen, ohne Gegenwehr zu bewegen. Oftmals werden da mehrere Versuche gebraucht, um den Erfolg zu haben. Also unter anderem vielleicht auch so, wie es der Unbekannte mit dieser Wasserwagenmasche versucht hat, von der wir vorhin gehört haben. Genau. Bei dem anderen Mädchen hat es nicht funktioniert. Aber vielleicht bei Sandra. Vielleicht war es auch gar nicht der Mann, sondern ein anderer mit einer ähnlichen Masche. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass Sandra auf jemanden getroffen ist, der zufällig oder gezielt nach einem passenden Opfer gesucht hat, sie gefunden und sich dann auf irgendeine Art und Weise ihr Vertrauen erschlichen hat. Sandra wurde von ihrer Familie als offen, ja sogar vertrauensselig beschrieben. Vor diesem Hintergrund finde ich es noch tragischer, dass diese positive Art, auf Menschen zuzugehen, ihr womöglich zum Verhängnis geworden ist. Herr Lietz, was erhoffen Sie sich davon nochmal mit diesem Fall an die Öffentlichkeit zu gehen? Vielleicht gibt es jetzt noch Zuhörer, die etwas zu der Klärung des Verschwindens beitragen können. Vielleicht gibt es Personen, Erwachsene, die damals als Kind irgendetwas gesehen oder gehört haben, das aber nicht einordnen konnten und das jetzt erst mit dem Verschwinden von Sandra in Verbindung bringen. Es kann aber auch Mitwisser zum Beispiel geben, die sich jetzt entschließen, ihr Schweigen zu brechen. Wir haben ein Hinweißtelefon geschaltet bei der Polizei in Berlin. Die Rufnummer ist 030 4664 911 555. Diese Rufnummer ist durchweg geschaltet. Hinweise können dort hinterlassen werden, oder sich auch an jede andere Polizeidienststelle richten. Die Polizei Berlin hat zur Klärung des Files 5.000 Euro Belohnung ausgelobt. Eine Beschreibung von Sandra Wismann und ein Foto, wie sie am Tag ihres Verschwindens ausgesehen hat, das findet ihr auf der Website der Polizei Berlin. Den Link dazu haben wir euch in die Shownotes gepackt. Damit sind wir am Ende der heutigen Folge. Herr Lietz, herzlichen Dank, dass Sie wieder bei uns waren. Wir hoffen für Sie und ganz besonders auch für Sandras Familie natürlich, dass der Fall eines Tages doch noch geklärt werden kann. Wir sehen uns dann am 19. August im Fernsehstudio von Aktenzeichen XY Ungelöst wieder, wo wir live nochmal über den heutigen Fall sprechen werden. Vielen Dank für Ihren Besuch. Vielen Dank für die Einladung und dass wir den Fall hier nochmal präsentieren konnten. Danke, dass Sie hier waren. Und vor allem auch einen ganz herzlichen Dank an Dr. Leon Windscheid, der uns die Gefühlslage der Angehörigen von Vermissten näher gebracht hat. Er beschäftigt sich auch in zwei Folgen Terra Explore näher mit dieser Ausnahmesituation aus psychologischer Perspektive. Es wird auch in einer Spezialsendung Aktenzeichen XY vermisst am Veröffentlichungstag dieser Podcast-Folge, also dem 8. Juli, um Vermisstenfälle gehen, bei denen die Polizei um eure Mithilfe bittet. Zum Schluss wollen wir uns noch bei unserer Kollegin Simone Zahn bedanken. Sie hat das Manuskript für diese Podcast-Folge geschrieben. Bis zum nächsten Mal und wie immer, am Ende meine letzten Worte, bleibt sicher. Und wie immer natürlich auch ein dickes Dankeschön an euch, unsere Zuhörerinnen und Zuhörer. Wenn euch diese Folge gefallen hat, dann abonniert doch gerne unseren Podcast. Wir hören uns in zwei Wochen wieder. Macht's gut. An dieser Folge mitgearbeitet haben Nikola Hennisch-Koros, Katharina Jakob und Zoe Jungblut. Für Ton und Technik sorgten Stefan Gossen und Florian Oswald. Die Regie hatte Alexa Waschkau. Und die Redaktion im ZDF Sonja Roy und Kirsten Zilonka. Aktenzeichen XY unvergessene Verbrechen. Eine Produktion der Securitel in Kooperation mit BUM-Film im Auftrag des ZDF.