WEBVTT

00:00:13.686 --> 00:00:18.146
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Aktenzeichen XY Unvergessene

00:00:18.146 --> 00:00:19.946
Verbrechen. Ich bin Rudi Zerne.

00:00:20.186 --> 00:00:23.566
Auch von mir wieder herzlich willkommen. Mein Name ist Conny Neumeier.

00:00:23.986 --> 00:00:28.126
Und wir machen am Anfang dieser Folge einen Sprung zurück in die Vergangenheit,

00:00:28.206 --> 00:00:30.426
in eine Zeit, in der ich noch nicht auf der Welt war.

00:00:31.166 --> 00:00:35.086
Wir gehen zum Tag des Mauerfalls. Rudi, weißt du noch, was du da gemacht hast?

00:00:35.086 --> 00:00:36.686
Ja, ganz genau weiß ich das.

00:00:36.806 --> 00:00:40.886
Ich war mit dem Auto auf der Autobahn unterwegs, von meinem Heimatort Wannereickel

00:00:40.886 --> 00:00:43.666
nach Frankfurt zu meinem Arbeitsplatz.

00:00:43.806 --> 00:00:49.866
Ich war damals junger Reporter beim Hessischen Rundfunk in der Sportredaktion.

00:00:50.026 --> 00:00:56.246
Und auf dem Weg dorthin auf der Autobahn hing ich am Radio und habe gehört all

00:00:56.246 --> 00:00:58.166
diese emotionalen Momente aus ganz Deutschland.

00:00:58.826 --> 00:01:03.166
Ein aufregender Tag, aufregende Jahre, die da noch kommen sollten für alle.

00:01:03.506 --> 00:01:08.006
Auch für die Kriminalpolizei der Bundesrepublik. Denn die musste nun unter anderem

00:01:08.006 --> 00:01:10.666
auch die Altfälle aus DDR-Zeiten aufklären.

00:01:10.966 --> 00:01:14.886
Und das stellte sich als gar nicht so einfach heraus, denn einige Akten waren

00:01:14.886 --> 00:01:17.686
von der Stasi vernichtet bzw. zensiert worden.

00:01:18.266 --> 00:01:23.546
Hinzu kommt, dass es im September 1990, kurz vor der Wiedervereinigung am 3.

00:01:23.666 --> 00:01:27.686
Oktober, zu Gefängnisrevolten durch DDR-Gefangene kamen.

00:01:28.027 --> 00:01:32.987
Sie forderten eine Amnestie für alle Inhaftierten und das teilweise mit Erfolg.

00:01:33.407 --> 00:01:38.367
Tatsächlich wurden Dutzende Verurteilte bis auf Schwerverbrecher vorzeitig entlassen.

00:01:38.767 --> 00:01:42.087
Darunter war auch der Täter in unserem heutigen Fall.

00:01:42.507 --> 00:01:47.167
Es geht um den Mord an einer 18-Jährigen im Jahr 1987 nahe Plauen,

00:01:47.367 --> 00:01:49.727
also auf damaligem DDR-Staatsgebiet.

00:01:49.927 --> 00:01:53.607
Aber erst Jahrzehnte nach der Wende konnte der Fall dann aufgeklärt werden.

00:01:53.607 --> 00:01:58.267
Bei uns heute zu Gast ist der Mann, der ab 2001 die Ermittlungen in dem Fall

00:01:58.267 --> 00:02:02.107
übernommen und sich 16 Jahre lang quasi darin verbissen hat.

00:02:02.267 --> 00:02:05.887
Enrico Petzold, Kriminalhauptkommissar bei der Polizeidirektion Zwickau.

00:02:06.767 --> 00:02:09.207
Herzlich willkommen bei uns im Studio. Schön, dass Sie da sind.

00:02:09.407 --> 00:02:10.847
Ja, ich freue mich, hier zu sein.

00:02:10.987 --> 00:02:14.587
Wir haben es eben schon angedeutet, der heutige Fall konnte erst nach knapp

00:02:14.587 --> 00:02:16.287
30 Jahren aufgeklärt werden.

00:02:17.007 --> 00:02:21.447
Herr Petzold, wie hat es sich denn angefühlt, als Sie endlich einen Tatverdächtigen hatten?

00:02:22.207 --> 00:02:27.087
Ich habe mich innerlich ein bisschen gefreut. Und am Ende war es so,

00:02:27.487 --> 00:02:30.807
dass die ganze Anspannung, die ich ganz nah hatte, ein bisschen abgefallen ist.

00:02:32.467 --> 00:02:36.287
Juristisch gab es in dem Fall ebenfalls eine Besonderheit. Denn für den Prozess

00:02:36.287 --> 00:02:39.707
wurde ein anderes Strafrecht angewendet als normalerweise.

00:02:40.087 --> 00:02:44.547
Weshalb und was das für das Urteil bedeutet hat, darüber haben wir im Vorfeld

00:02:44.547 --> 00:02:49.407
dieser Folge mit Altfried Lute, Richter am Landgericht Zwickau und Thorsten

00:02:49.407 --> 00:02:53.667
Sommer, Vorsitzender Richter ebenfalls am Landgericht Zwickau gesprochen.

00:02:54.167 --> 00:02:57.987
Aber jetzt reisen wir erstmal zurück in die Vergangenheit in das Jahr 1987.

00:02:58.987 --> 00:03:00.467
Alle Namen haben wir geändert.

00:03:03.747 --> 00:03:08.167
Im April 1987 ist Ines Bausch 18 Jahre alt.

00:03:08.487 --> 00:03:12.407
Mit ihren Eltern, einem jüngeren und einem älteren Bruder lebt sie zusammen

00:03:12.407 --> 00:03:17.327
in einem kleinen Ort in der Nähe von Plauen in Sachsen. Ines gilt als freundlich,

00:03:17.507 --> 00:03:19.107
hilfsbereit und zurückhaltend.

00:03:20.024 --> 00:03:24.704
Sie arbeitet als Stickerin in einem staatlichen Betrieb und hat erst vor kurzem ihre Lehre beendet.

00:03:24.964 --> 00:03:29.244
Sie möchte sich noch weiterbilden und plant, im Herbst ein Textilstudium zu beginnen.

00:03:29.764 --> 00:03:33.224
Anfang April wird Ines wegen einer Entzündung krankgeschrieben.

00:03:33.844 --> 00:03:40.184
Deswegen ist sie am Donnerstag, den 9. April 1987, auch noch bis kurz nach 11 Uhr zu Hause.

00:03:40.504 --> 00:03:46.024
Gegen 11.15 Uhr startet sie ihr heißgelebtes Moped, um sich auf den Weg zu ihrem

00:03:46.024 --> 00:03:51.404
Freund zu machen. Weil dieser nicht zu Hause ist, fährt Ines weiter zu ihrer Arbeitsstelle.

00:03:52.084 --> 00:03:56.184
Dort gibt sie ihre Krankschreibung ab und nimmt, wie es damals so üblich war,

00:03:56.744 --> 00:03:58.524
ihren Monatslohn in Bar mit.

00:03:59.104 --> 00:04:02.124
Danach verlässt Ines die Stadt Plauen wieder Richtung Nordosten.

00:04:02.764 --> 00:04:06.584
Gegen 15 Uhr ist sie in einer Bäckerei, um eine Kuchenbestellung aufzugeben.

00:04:06.764 --> 00:04:10.124
Denn am Wochenende steht die Konfirmation ihres jüngeren Bruders an.

00:04:10.724 --> 00:04:13.244
Wo sie danach unterwegs ist, ist unklar.

00:04:13.944 --> 00:04:15.444
Eine Dreiviertelstunde später

00:04:15.444 --> 00:04:19.064
ist sie wieder zurück in Plauen und besucht ihre Mutter im Krankenhaus.

00:04:19.384 --> 00:04:23.704
Dort ist die 18-Jährige aber nur kurz, denn um 16 Uhr fängt ein Kurs an der

00:04:23.704 --> 00:04:26.744
Volkshochschule an, den sie für das Textilstudium belegt.

00:04:27.844 --> 00:04:33.264
Vier Stunden später, um 20 Uhr, ist die Schule aus und Ines fährt mit ihrem

00:04:33.264 --> 00:04:34.804
Moped zu einer Freundin.

00:04:35.524 --> 00:04:39.844
Dort will sie nur etwas abholen und macht sich gleich auf zu einer weiteren Freundin.

00:04:40.664 --> 00:04:45.604
Gegen 20.30 Uhr kommt sie dann bei Barbara, so nennen wir die Freundin, an.

00:04:46.384 --> 00:04:49.224
Ines bleibt etwas mehr als eine Stunde bei Barbara.

00:04:50.124 --> 00:04:55.804
Schon den ganzen Tag hat es immer wieder geregnet. Gegen 21.45 Uhr gibt es endlich

00:04:55.804 --> 00:05:00.744
eine Regenpause und Ines will sie nutzen, um im Trocknen nach Hause zu fahren.

00:05:01.424 --> 00:05:04.924
Nichts deutet darauf hin, dass die junge Frau an diesem Abend noch eine andere

00:05:04.924 --> 00:05:09.144
Verabredung hat. Mit ihrem Vater hat sie abgesprochen, abends heimzukommen.

00:05:10.140 --> 00:05:13.260
Barbara verabschiedet Ines also um Viertel vor zehn am Abend.

00:05:13.640 --> 00:05:17.000
Sie kann zwar nicht sehen, wie ihre Freundin wegfährt, hört aber,

00:05:17.120 --> 00:05:21.540
wie Ines mehrfach den Kickstarter betätigt, bis das Moped endlich anzuspringen scheint.

00:05:22.420 --> 00:05:25.420
Damals sind Mopeds noch empfindlicher gegenüber Wasser als heute.

00:05:26.000 --> 00:05:29.260
Ein bisschen Regen macht zwar nichts, aber bei einem Wolkenbruch kann schon

00:05:29.260 --> 00:05:33.240
mal Wasser in den Vergaser gelangen. Und dann springt das Moped erst mal nicht mehr an.

00:05:33.780 --> 00:05:38.540
Und genau einen solchen Wolkenbruch hat es gegen 22 Uhr an diesem Abend über

00:05:38.540 --> 00:05:43.820
Plauen gegeben. Also nur kurz nachdem Ines von ihrer Freundin losgefahren ist.

00:05:44.600 --> 00:05:48.780
Möglicherweise gibt ihr Moped im strömenden Regen den Geist auf.

00:05:49.000 --> 00:05:52.420
Später werden zwei Zeugen diese Theorie bestärken.

00:05:52.840 --> 00:05:57.860
Ein Straßenbahnfahrer will an der Endhaltestelle seiner Linie nach 22 Uhr ein

00:05:57.860 --> 00:06:00.980
Moped gesehen haben, das unter einer Straßenlaterne steht.

00:06:01.580 --> 00:06:07.920
Daneben befindet sich damals eine Telefonzelle. Die Haltestelle ist in der Nähe von Ines nach Hauseweg.

00:06:08.620 --> 00:06:11.740
Hat sie vielleicht versucht, jemanden telefonisch zu erreichen,

00:06:12.060 --> 00:06:13.340
um sich abholen zu lassen?

00:06:13.760 --> 00:06:18.640
Am Abend des 9. April 1987 ist auch ein zweiter Zeuge unterwegs.

00:06:19.280 --> 00:06:21.960
Während des Wolkenbruchs verlässt er Plauen mit dem Auto.

00:06:22.820 --> 00:06:26.620
Am Ortsausgang sieht er am Straßenrand eine Person, die ein Moped schiebt.

00:06:27.120 --> 00:06:30.760
Wie sich später herausstellt, ist der Zeuge ein Nachbar von Ines und hätte sie

00:06:30.760 --> 00:06:33.240
sofort nach Hause gefahren, hätte er sie denn erkannt.

00:06:34.100 --> 00:06:37.820
Dass Ines nicht zu Hause ist, bemerkt ihr Vater erst am nächsten Morgen.

00:06:38.620 --> 00:06:43.100
Er wundert sich und versucht, seine Tochter zu finden. Damals haben in der DDR

00:06:43.100 --> 00:06:45.840
die wenigsten Bewohner auf dem Land eigene Telefone.

00:06:46.100 --> 00:06:51.100
Deshalb geht er zu einem anderen Haus im Dorf, um von dort aus Freunde und Bekannte

00:06:51.100 --> 00:06:52.660
seiner Tochter abzutelefonieren.

00:06:53.120 --> 00:06:56.900
Als er erfährt, dass Ines am Abend zuvor nach Hause aufgebrochen,

00:06:57.040 --> 00:07:00.420
aber nicht angekommen ist, macht er sich große Sorgen.

00:07:00.660 --> 00:07:04.280
Er geht zur Polizei und stellt eine Vermisstenanzeige.

00:07:11.400 --> 00:07:16.380
Herr Petzold, Sie selbst hatten 1987 erst Ihr Abitur gemacht und gerade bei

00:07:16.380 --> 00:07:17.700
der Volkspolizei angefangen.

00:07:17.960 --> 00:07:22.040
In die Ermittlungen zu diesem Fall sind Sie also erst Jahre später eingestiegen.

00:07:22.200 --> 00:07:25.640
Was haben die Beamten damals in der Vermissten-Sache überhaupt unternommen?

00:07:26.540 --> 00:07:32.500
Zuerst hat wenig Priorität am Tag gestanden, da die Ines 18 Jahre alt war.

00:07:32.660 --> 00:07:35.900
Und da hat es im Prinzip so gewesen, dass sie ihren Aufenthaltsort frei bestimmen konnte.

00:07:36.480 --> 00:07:39.680
Vielleicht hat sie bei einer Freundin übernachtet. Das war eine einfache Erklärung

00:07:39.680 --> 00:07:43.320
für ihr Verschwinden. und da hat man sich zu diesem Zeitpunkt noch keine Gedanken gemacht.

00:07:44.020 --> 00:07:47.840
Folgten dann ganz normale Überprüfungsmaßnahmen und zu diesem Zeitpunkt gab

00:07:47.840 --> 00:07:50.960
es keine Gedanken, dass ein Verbrechen stattgefunden haben könnte.

00:07:52.500 --> 00:07:55.460
Die Vermisstenanzeige hat der Vater ja gegen 13 Uhr gestellt.

00:07:55.640 --> 00:08:00.700
Rund eine Stunde später war aber bereits klar, eine harmlose Erklärung für Ines

00:08:00.700 --> 00:08:02.800
Verschwinden gab es nicht. Weshalb?

00:08:03.200 --> 00:08:06.940
Der auffindende Zeuge, ein ehemaliger Armegeangehöriger, war zu dieser Zeit

00:08:06.940 --> 00:08:13.500
Richtung Blauen in die Insel unterwegs. ist die damalige B173 gefahren und der

00:08:13.500 --> 00:08:16.160
Fundort ist ein kleines Waldgebiet östlich von Blauen.

00:08:16.700 --> 00:08:19.280
Er suchte dort einen Parkplatz, wo er sich erleichtern wollte.

00:08:19.580 --> 00:08:23.200
Das hat er dann auch getan, hat sein Auto verlassen und ging in den Wald und

00:08:23.200 --> 00:08:29.600
wo er in den Wald gegangen ist, hat er in dem Bereich ein metallisches Glänzen festgestellt.

00:08:29.900 --> 00:08:34.280
Er war dann neugierig, ist in Richtung dieses Glänzen gegangen und stellte fest,

00:08:34.560 --> 00:08:39.980
dass dort ein Moped atypisch lag und in unmittelbarer Nähe einen regungsloser,

00:08:40.380 --> 00:08:41.400
unbekleideter Frauenkörper.

00:08:41.660 --> 00:08:44.340
Er hat erst gedacht, das handelte sich um eine Puppe.

00:08:45.180 --> 00:08:50.500
Ungewillig war noch, dass der Kopf mit einem Anrock bedeckt war und eine untypische Positionierung.

00:08:50.920 --> 00:08:54.020
An irgendwelche äußerlichen Verletzungen hat er nichts festgestellt.

00:08:54.780 --> 00:08:58.980
Ja, das war die Aufwendesituation. Wir haben vorhin gehört, dass damals ja nur

00:08:58.980 --> 00:09:02.720
wenige Haushalte der ländlichen Bevölkerung überhaupt Telefonanschlüsse hatten.

00:09:02.960 --> 00:09:06.440
Handys gab es noch lange nicht. Was hat der Zeuge dann gemacht?

00:09:07.250 --> 00:09:10.450
Der ist aber dann sein Auto in Richtung Innenstadt von Blauen gefahren.

00:09:10.990 --> 00:09:14.630
Dort gibt es ein Neubaugebiet und hat eine Telefonzahl gesucht.

00:09:15.170 --> 00:09:19.250
Und dann ist er dort in dieses Neubaugebiet gefahren und hat zufälligerweise

00:09:19.250 --> 00:09:20.610
zwei Polizisten gesehen.

00:09:21.130 --> 00:09:27.430
Die fanden dann seine erste Verschuldung unglaubwürdig, kamen dann aber mit,

00:09:27.730 --> 00:09:28.870
sind dann dort hingefahren,

00:09:29.390 --> 00:09:32.770
haben sich auf diesen kleinen Parkplatz in der Nähe des Fundortes hingestellt

00:09:32.770 --> 00:09:38.570
und der Zeuge ist mit den beiden Polizisten in Richtung dieses Fundes gelaufen.

00:09:39.230 --> 00:09:44.270
Ja, und das hat sich dann bestätigt, dass es sich um einen Leichenfund handelt.

00:09:44.510 --> 00:09:47.570
Zu diesem Zeitpunkt war ungeklärt, welche Identität das ist.

00:09:47.770 --> 00:09:52.290
Und dann ging das normale Prozedere los. Das heißt also, es wurde informiert,

00:09:52.370 --> 00:09:56.750
die Volkspolizei, die Kriminalpolizei, auch die Staatssicherheit wurde gleich informiert.

00:09:56.750 --> 00:10:03.810
Die Feuerwehr wurde genommen, um den Fundort abzusichern, auszuleuchten und

00:10:03.810 --> 00:10:07.490
es bildete sich zu diesem Zeitpunkt nach Information auch eine Untersuchungskommission.

00:10:07.910 --> 00:10:12.090
Der Fundort ist dann weisläufig abgesperrt worden und es wurde eine sogenannte

00:10:12.090 --> 00:10:17.470
kleine Trasse gelegt, also von diesem Parkplatz bis in Richtung des Leichenfundortes.

00:10:18.250 --> 00:10:22.750
Ja und das ist halt so, dass diese Geschichte so war, dass die Spuren,

00:10:22.830 --> 00:10:27.610
die dort gewesen sind, nicht vernichtet werden sollten und auch gefundene Gegenstände

00:10:27.610 --> 00:10:30.130
in der Nähe wurden dann entsprechend markiert.

00:10:30.830 --> 00:10:35.530
Was haben die Ermittler denn alles gefunden? Ja, die Bekleidung befand sich

00:10:35.530 --> 00:10:39.810
in unmittelbarer Nähe von ihr, auch ein Moped-Helm und das Moped.

00:10:40.710 --> 00:10:46.190
Dann ging man mit einer Suche im erweiterten Bereich weiter und fand dann in

00:10:46.190 --> 00:10:51.390
Nähe in Richtung Ausgang von Blau in der damaligen F173 weitere Gegenstände,

00:10:51.450 --> 00:10:52.970
die dann am Ende auch der Bekleidung,

00:10:53.495 --> 00:10:57.195
geschädigten zugeordnet werden konnten. Also Dokumente wie die Uhr,

00:10:57.635 --> 00:11:02.355
ein Geldbeutel, die Tasche mit entsprechenden Unterlagen, auch der Führerschein.

00:11:02.535 --> 00:11:05.195
Und mit dem Führerschein konnte man die Tode auch identifizieren.

00:11:05.415 --> 00:11:07.015
Es handelt sich um die Ines Bausch.

00:11:07.435 --> 00:11:12.855
Bis heute ist verschwunden ihr Personalausweis und die Handschuhe zum Mopedfahren,

00:11:13.015 --> 00:11:16.755
weil es hat in der Nacht ja auch geregnet und auch der komplette Monatslohn,

00:11:16.915 --> 00:11:18.915
den sie an diesem Tag im Betrieb abgeholt hat.

00:11:19.115 --> 00:11:23.375
Haben Ihre Kollegen damals auch Spuren vom Täter am Fundort gesichert?

00:11:23.555 --> 00:11:26.895
Die Spurenlage war aufgrund auch der Witterungsbedingungen ziemlich dürftig,

00:11:26.935 --> 00:11:27.795
wenn ich das so sagen darf.

00:11:28.255 --> 00:11:32.395
Es wurden nur die klassischen Spuren gesichert und man muss auch noch sagen,

00:11:32.495 --> 00:11:36.515
dass der Täter wahrscheinlich diesen gleichen Weg gegangen ist,

00:11:36.715 --> 00:11:40.775
wie auch die Polizisten bei den Leiche gefunden haben.

00:11:42.595 --> 00:11:46.395
Ja, es sind da Streifenpolizisten und leider sind dadurch auch entsprechende

00:11:46.395 --> 00:11:47.395
Spuren vernichtet worden.

00:11:47.615 --> 00:11:51.535
Und der Regen an diesem Tag und auch an dem folgenden Tag hat eigentlich sehr

00:11:51.535 --> 00:11:52.835
viele Spuren vernichtet.

00:11:52.935 --> 00:11:56.295
Hinzu kommt noch, dass es sich um einen weichen Waldboden gehandelt hat,

00:11:56.495 --> 00:11:59.855
wo Spuren, Suche und Sicherung ziemlich schwer gewesen ist.

00:12:07.251 --> 00:12:10.451
Die Ermittler vor Ort nehmen schließlich den Anorak vom Kopf der Leiche.

00:12:10.731 --> 00:12:12.911
Und nun wird die Todesursache klar.

00:12:13.711 --> 00:12:18.631
Ines wurde augenscheinlich erdrosselt. Die Leiche wird in ein Krankenhaus in

00:12:18.631 --> 00:12:20.291
Plauen mit Sektionssaal gebracht.

00:12:20.651 --> 00:12:24.311
Dort findet noch am selben Abend die rechtsmedizinische Untersuchung statt.

00:12:25.051 --> 00:12:30.191
Sie ergibt, dass Ines zwischen 22 und 23 Uhr am Abend des 9.

00:12:30.311 --> 00:12:33.371
April 1987 getötet worden sein muss.

00:12:34.771 --> 00:12:39.071
Das Drosselungswerkzeug, das zur Tötung des Opfers um dessen Hals geknotet wurde,

00:12:39.591 --> 00:12:44.831
bestand aus Ines BH, ihrer Unterhose und einem Gummiband vom Gepäckträger ihres Mopeds.

00:12:45.191 --> 00:12:51.091
In den weiteren Untersuchungen wird deutlich, der Täter hat Ines Bausch vergewaltigt und misshandelt.

00:12:51.811 --> 00:12:56.411
Damit sie nicht schreien kann, hat er ihr gewaltsam einen Knebel in den Mund gesteckt.

00:12:56.691 --> 00:13:00.811
Die Ermittler gehen davon aus, dass der Angriff so spontan erfolgt sein muss,

00:13:00.811 --> 00:13:05.911
dass Ines nicht mehr in der Lage war, sich zu wehren, denn es fehlen Abwehrverletzungen.

00:13:06.551 --> 00:13:11.171
Als weitere Spuren können Haare, Fasern, Fingerabdrücke, ein Schuhabdruck auf

00:13:11.171 --> 00:13:16.051
der Hose des Opfers, sowie Sekretspuren, also Speichel und Sperma, gesichert werden.

00:13:16.451 --> 00:13:20.691
Auch das Moped der 18-Jährigen wird untersucht. Die Ermittler stellen fest,

00:13:20.891 --> 00:13:24.551
dass es sich zur Tatzeit in einem nicht betriebsbereiten Zustand befand.

00:13:24.551 --> 00:13:27.731
Weil es sich um ein Kapitalverbrechen handelt,

00:13:27.991 --> 00:13:32.631
wird standardmäßig eine Morduntersuchungskommission, kurz MUC, gegründet.

00:13:33.131 --> 00:13:37.911
Heutzutage würde man Mordkommission dazu sagen. Die MUC besteht in diesem Fall

00:13:37.911 --> 00:13:42.231
aus fünf Mitarbeitern der Volkspolizei, die nach Plauen abgeordnet werden.

00:13:42.731 --> 00:13:47.591
Vor Ort wird die Kommission mit 20 Plauerner Polizisten aufgestockt.

00:13:48.211 --> 00:13:53.071
Damit handelt es sich jetzt um eine erweiterte Morduntersuchungskommission oder,

00:13:53.291 --> 00:13:55.391
wie es heute heißt, Sonderkommission.

00:13:55.991 --> 00:14:01.951
Polizisten der DDR-Volkspolizei heißen damals ABV, Abschnittsbevollmächtigte.

00:14:02.811 --> 00:14:05.891
Sie sind für einen bestimmten Stadtteil oder ein Dorf zuständig.

00:14:06.765 --> 00:14:10.625
Diese und weitere Informationsquellen zapft die Muck nun an.

00:14:10.845 --> 00:14:15.165
So will sie herausfinden, ob sich in letzter Zeit jemand auffällig verhalten

00:14:15.165 --> 00:14:17.725
oder etwas Ungewöhnliches festgestellt hat.

00:14:18.125 --> 00:14:22.885
Außerdem beobachten die Ermittler den Fundort und erstellen ein sogenanntes Bewegungsbild.

00:14:23.385 --> 00:14:27.905
Dafür schreiben sie drei Wochen lang auf, welche Personen oder Fahrzeuge zwischen

00:14:27.905 --> 00:14:31.445
20 Uhr abends und 6 Uhr morgens am Fundort vorbeikommen.

00:14:32.165 --> 00:14:37.925
Sie stellen fest, in der Zeit zwischen 22 und 5 Uhr ist es dort nicht nur stockdunkel,

00:14:38.225 --> 00:14:39.645
sondern auch wie ausgestorben.

00:14:39.905 --> 00:14:43.045
Der nächste Anwohner befindet sich 300 Meter entfernt.

00:14:43.565 --> 00:14:48.585
Das heißt, selbst wenn Zeugen in der Nähe gewesen wären, sie hätten nichts gesehen.

00:14:48.785 --> 00:14:51.545
Und wegen der Knebelung auch keine Schreie hören können.

00:14:52.065 --> 00:14:54.525
Die Polizei beobachtet den Fundort weiter.

00:14:55.245 --> 00:14:59.625
Dann, genau eine Woche nach dem Mord an Ines, also noch während der dreiwöchigen

00:14:59.625 --> 00:15:03.205
Beobachtungsphase, kommt es zu einem rätselhaften Vorfall.

00:15:04.085 --> 00:15:10.285
Am Vormittag des 16. April 1987 entdecken die Beamten einen unbekannten Mann.

00:15:10.885 --> 00:15:15.905
Er steht in unmittelbarer Nähe zum Fundort der Leiche und scheint den Wald und

00:15:15.905 --> 00:15:17.485
die Umgebung dort zu beobachten.

00:15:17.845 --> 00:15:22.765
Die Polizisten, die zu dieser Zeit wachhalten, gehen auf den Mann zu und wollen

00:15:22.765 --> 00:15:27.785
ihn befragen. Aber der Unbekannte läuft weg und ist dabei schneller als die

00:15:27.785 --> 00:15:29.265
Ermittler. Er kann entkommen.

00:15:29.665 --> 00:15:34.265
Der Mann hat eine auffällige orangefarbene Jacke an, wie sie auch im Straßenbau

00:15:34.265 --> 00:15:37.305
getragen wird. Er kann nie mit Sicherheit ermittelt werden.

00:15:37.625 --> 00:15:42.105
Die Polizei geht aber bis heute davon aus, dass es Ines Mörder war.

00:15:48.562 --> 00:15:51.562
Ja, wenn man das heute hört, klingt das unglaublich.

00:15:51.642 --> 00:15:57.622
Da wäre der mutmaßliche Täter vielleicht zum Greifen nah gewesen und entkommt. Aber dazu später mehr.

00:15:58.482 --> 00:16:02.202
Zunächst einmal haben die Beamten ja ganz klassisch jetzt weiter ermittelt und

00:16:02.202 --> 00:16:05.502
haben die Spuren ins Kriminaltechnische Institut gebracht.

00:16:06.042 --> 00:16:10.002
Die Auswertung, die hat aber ein bisschen gedauert. Herr Petzold, warum denn?

00:16:10.802 --> 00:16:15.742
Na gut, unmittelbar nach dem Auffinden der Leiche gab es dann einen Vorfall in Chemnitz.

00:16:16.902 --> 00:16:21.602
Der Spezialist, der für die Untersuchung beauftragt war, verstarb im Mai 1987

00:16:21.602 --> 00:16:26.022
und es herrschte dann wochenlang die Stiftung statt, weil im Prinzip niemand

00:16:26.022 --> 00:16:27.662
da war, der die Spuren untersuchen konnte.

00:16:28.722 --> 00:16:32.522
Mit den Auswendungen der Spuren und Sicherung wurde damals anders umgegangen als heute.

00:16:33.202 --> 00:16:37.002
Es ist weniger Dokumentation erfolgt und es war auch eines der Probleme,

00:16:37.182 --> 00:16:38.642
als ich den Fall übernommen habe.

00:16:39.042 --> 00:16:43.242
Und es gab noch eine weitere Herausforderung. Das Ministerium für Staatssicherheit,

00:16:43.322 --> 00:16:46.342
also die Stasi, hat sich eingemischt. gemischt. War das auch ein Problem?

00:16:46.682 --> 00:16:50.702
Das ist richtig. Es ist bei solchen Fällen, die entsprechend Priorität hatten,

00:16:50.822 --> 00:16:54.742
also in dem Falle ein Mord, auch ganz nurdullig gewesen, dass die Staatssicherheit

00:16:54.742 --> 00:16:58.422
hier entsprechende eigenständische Untersuchungen und Ermittlungen gemacht hat.

00:16:58.602 --> 00:17:00.682
Das betrifft auch die kriminaltechnische Untersuchung.

00:17:01.282 --> 00:17:04.622
Das ist uns bekannt geworden, auch in Befragungen mit ehemaligen Mitarbeitern

00:17:04.622 --> 00:17:06.162
der Staatssicherheit, die uns

00:17:06.162 --> 00:17:10.122
davon erzählt haben und ihr Schweigen uns gegenüber auch gebrochen haben.

00:17:11.222 --> 00:17:14.902
Allerdings sind andere Ergebnisse, die hier entsprechend in Ermittlungen geführt

00:17:14.902 --> 00:17:18.302
worden sind, nicht bekannt geworden. Das war alles nebulös.

00:17:18.842 --> 00:17:22.502
Größtenteils sind nach der Wende auch entsprechende Dokumente verschwunden.

00:17:22.842 --> 00:17:24.502
Nochmal zwischendurch, wenn sich die,

00:17:25.364 --> 00:17:29.144
Stasi einmischen bei Ihnen in den Ermittlern und Sie sind der verantwortliche

00:17:29.144 --> 00:17:32.084
Ermittler. Nervt das? Das ist üblich gewesen.

00:17:32.884 --> 00:17:37.524
Also in der Morduntersuchung von Chemnitz war ein Mitarbeiter der Staatssicherheit Hauptangestellt.

00:17:38.764 --> 00:17:42.404
Der hat die Ermittlungen im Prinzip überacht. Aber die haben sich eigentlich

00:17:42.404 --> 00:17:46.744
in der Ermittlung der Polizei wenig eingemischt. Wie ging es denn dann weiter mit den Ermittlungen?

00:17:47.204 --> 00:17:50.604
Bei so einem Fall, wo der Täter erstmal nicht bekannt ist, bildet man sogenannte

00:17:50.604 --> 00:17:54.104
Ermittlungskomplexe. Das ist auch damals auch passiert, wie in heutigen Fällen.

00:17:54.384 --> 00:18:00.124
Und es wurde in verschiedene Komplexe eingeteilt. Auf den entsprechenden Freundeskreis,

00:18:00.304 --> 00:18:05.104
das Leben der Ines, also wie war der Tagesablauf, wie war ihre Schulbildung,

00:18:05.744 --> 00:18:08.984
ihre Interessen, alles was man so hatte, auf Hobby, Freizeit,

00:18:09.064 --> 00:18:09.844
Familienverhältnisse,

00:18:10.564 --> 00:18:11.604
berufliche Laufbahn.

00:18:11.984 --> 00:18:15.644
Das wurde alles eingeteilt und diese Ermittlungskomplexe wurden entsprechend

00:18:15.644 --> 00:18:17.884
nummeriert und entsprechend auch abgearbeitet.

00:18:18.724 --> 00:18:22.584
Dann wurde auch noch geprüft, welche Straftäter in diesem Bereich für diese

00:18:22.584 --> 00:18:24.304
Fallgeschichte in Frage kommen.

00:18:24.684 --> 00:18:30.804
Auch die wurden überprüft, Listen erstellt und entsprechend durch Alibis oder

00:18:30.804 --> 00:18:33.904
entsprechende andere Mitten, hier in dem Falle, Geruchsspuren ausgeschlossen.

00:18:35.348 --> 00:18:38.628
Geruchsspuren, das heißt, es gab damals einen Einsatz von Suchhunden,

00:18:38.728 --> 00:18:39.648
schließe ich jetzt mal daraus?

00:18:39.968 --> 00:18:44.208
Ja, es gab einen Einsatz von Hundeführern, der an der Leiche entsprechende Geruchsspuren

00:18:44.208 --> 00:18:47.908
genommen hat, auch von entsprechenden Sachen oder Gegenständen,

00:18:47.968 --> 00:18:49.108
die der Täter in der Hand gehabt hat.

00:18:49.428 --> 00:18:51.368
Auch an einem Moped wurden Geruchsspuren genommen.

00:18:51.708 --> 00:18:54.488
Die Geruchsspuren, sogenannte Spurenträger, wurden entsprechend gesichert.

00:18:54.628 --> 00:18:57.708
Das heißt, man muss sich so vorstellen, es wurden Tücher genommen,

00:18:57.828 --> 00:19:02.088
die entsprechend steril waren und haben davon die Verpackung so gemacht,

00:19:02.288 --> 00:19:06.308
dass sie also nicht kontaminiert werden konnten, abgesichert.

00:19:06.828 --> 00:19:11.528
Und mit diesen Geruchsspuren wurden also auch entsprechende Überprüfungshandlungen durchgeführt.

00:19:12.028 --> 00:19:17.368
Leider wurden diese Spuren in entsprechenden Aufbewahrungszentren,

00:19:17.428 --> 00:19:21.528
in dem Fall war die Staatssicherheit dafür zuständig, aufbewahrt und mit der

00:19:21.528 --> 00:19:24.188
Wende 1989-90 leider vernichtet.

00:19:24.528 --> 00:19:29.128
Aber durch einen erneuten Einsatz im Sommer 1988 wurde hier weitere Erkenntnisse gewonnen.

00:19:33.468 --> 00:19:39.028
Im Mai und Juni 1988 werden nochmals Suchhunde in den Ortschaften rund um Ines

00:19:39.028 --> 00:19:40.208
Heimatdorf eingesetzt.

00:19:40.528 --> 00:19:46.468
Am 9. Juni 1988 sind die Ermittler mit den Tieren dann direkt in ihrem Wohnort unterwegs.

00:19:46.828 --> 00:19:50.988
Die Hunde entdecken eine Geruchsspur, die sie ebenfalls am Leichenfundort ein

00:19:50.988 --> 00:19:55.868
Jahr zuvor aufgenommen haben. Die Spur befindet sich an einem Wohngebäude und

00:19:55.868 --> 00:20:00.328
einem daneben befindlichen Schuppen in unmittelbarer Nähe zu Ines Elternhaus.

00:20:00.968 --> 00:20:06.228
Eine Woche später, am 16. Juni, wird der Einsatz wiederholt und wieder schlagen

00:20:06.228 --> 00:20:08.188
die Hunde an den beiden Gebäuden an.

00:20:13.301 --> 00:20:17.281
Herr Petzold, wenn man das so hört, klingt das ja jetzt erstmal vielversprechend,

00:20:17.361 --> 00:20:19.461
oder? Das kann man so bestätigen.

00:20:20.101 --> 00:20:23.541
Überrufung kann man ergeben, dass sich menschliche Geruchsspuren an so einem

00:20:23.541 --> 00:20:28.541
Ort zwischen 48 und 72 Stunden halten. Danach sind sie mehr oder weniger verschwunden.

00:20:29.101 --> 00:20:33.261
Der Verursacher der Geruchsspur muss also frühestens drei Tage vor dem 9.

00:20:33.421 --> 00:20:36.601
Juni 1988 in Inesheimatdorf gewesen sein.

00:20:36.861 --> 00:20:42.621
Und dann nochmal zwischen dem Zeitraum zwischen 9. und 16. Juni 1988 noch einmal.

00:20:43.301 --> 00:20:47.641
Ob das der Täter wirklich gewesen ist, ist aber unklar. Der Verursacher dieser

00:20:47.641 --> 00:20:49.421
Geruchspuren wurde bisher nie ermittelt.

00:20:50.221 --> 00:20:55.861
Zwischen den beiden Suchhundeinsätzen hat es außerdem ein weiteres ungewöhnliches Vorkommnis gegeben.

00:20:56.421 --> 00:20:59.521
Sagen Sie mal welches? Dieses Vorkommnis passierte am Montag,

00:20:59.601 --> 00:21:02.941
den 13. Juni 1988 mit einer Begegnung auf dem Friedhof.

00:21:03.321 --> 00:21:08.341
Die Mutter und der Bruder von Ines waren auf dem Friedhof und wollten zu dem Grab der Ines gehen.

00:21:09.181 --> 00:21:13.521
Das ist eigentlich sonst wenig Begängnis auf dem Friedhof und die Zugangsmöglichkeiten

00:21:13.521 --> 00:21:15.381
zum Friedhof sind überschaubar.

00:21:15.861 --> 00:21:19.721
Aber an Ines Grab stand ein unbekannter junger Mann. Als er merkte,

00:21:19.881 --> 00:21:23.141
dass er nicht allein auf dem Friedhof sich befand und zwei Personen in Richtung

00:21:23.141 --> 00:21:28.341
des Grabes gingen, stellte er sich an ein anderes Grab, was daneben stand oder sich befindet.

00:21:28.781 --> 00:21:33.101
Der Bruder von Ines hat den Mann konfrontiert. Er sagte, nein,

00:21:33.241 --> 00:21:36.661
ich habe nicht das Grab der Ines besucht, sondern das Grab daneben.

00:21:37.490 --> 00:21:41.190
Dort war auch eine Aufschrift drauf und er konnte das plausibel erklären.

00:21:41.730 --> 00:21:45.150
Vielleicht wollte er verschleiern, dass er im Grab von der Ines gestanden hat.

00:21:45.510 --> 00:21:47.590
Nach dieser Begegnung ist der Mann geflohen.

00:21:48.290 --> 00:21:52.030
Ines Bruder, der ist dann in die nächste Gaststätte gelaufen,

00:21:52.150 --> 00:21:54.310
um von dort aus die Polizei zu alarmieren.

00:21:54.550 --> 00:21:57.430
Die ist nur kurz darauf mit einem Personensuchhund eingetroffen,

00:21:57.570 --> 00:22:00.090
der eine Fährte vor dem Grab aufgenommen hat.

00:22:00.470 --> 00:22:05.870
Wohin hat diese Spur geführt? Die Spur ging etwa 1,5 Kilometer vom Friedhof

00:22:05.870 --> 00:22:11.750
entfernt weg. Als die Spur endete, befand sich dortmals ein Ausbildungsgelände für Sport und Technik.

00:22:12.030 --> 00:22:16.510
Daneben befand sich damals die Bungalow-Anlage, in der Mitarbeiter der Staatssicherheit,

00:22:16.630 --> 00:22:19.650
der Polizei, des Zolls und der Grenzschützer gewohnt haben.

00:22:20.305 --> 00:22:22.505
Allerdings gab es keine weiteren Erkenntnisse zu diesem Mann.

00:22:23.125 --> 00:22:26.665
Mutter und Bruder machten im Nachgang ein entsprechendes Phantombild.

00:22:27.165 --> 00:22:30.985
Dies führte uns damals aber nicht weiter und niemand hat darauf entsprechend gepasst.

00:22:31.245 --> 00:22:35.365
Die Ermittler hatten aber noch einen weiteren Ansatz. Mehrere Zeugen sagen aus,

00:22:35.505 --> 00:22:40.165
dass sie Ines im Sommer 1986, etwa ein Dreivierteljahr vor dem Mord,

00:22:40.465 --> 00:22:43.225
ein paar Mal in Begleitung eines älteren Mannes gesehen haben.

00:22:43.225 --> 00:22:48.525
Der Mann soll mindestens 30 Jahre alt gewesen sein und ein Auto der Marke Wartburg,

00:22:48.685 --> 00:22:52.265
Modell 353, in Capri-Grün gefahren haben.

00:22:52.905 --> 00:22:57.285
Was hat sich aus diesen Hinweisen ergeben? Leider nichts oder gar nicht viel.

00:22:57.505 --> 00:22:59.505
Das war damals ein gängisches Modell.

00:23:00.065 --> 00:23:03.165
Sämtliche Fahrzeuge dieses Modells wurden überprüft. Das waren ca.

00:23:03.825 --> 00:23:08.225
700 Halter aus den damaligen Kreisen von Blauen und dem Vogtland.

00:23:08.665 --> 00:23:11.625
Das war ziemlich viel. Der Mann ist bis heute nie ermittelt worden.

00:23:11.625 --> 00:23:16.085
Es gibt auch keinerlei Hinweise, dass er mit diesem Mord in Verbindung standen hat oder steht.

00:23:16.785 --> 00:23:21.725
Wen bzw. was haben die Ermittler denn dann noch überprüft? Wie ich schon sagte,

00:23:21.865 --> 00:23:24.245
sind sogenannte Ermittlungskomplexe eingeteilt worden.

00:23:25.045 --> 00:23:29.765
Als erstes sogenannte berechtigte Personen am Fundort. Das waren Wald- und Furstarbeiter

00:23:29.765 --> 00:23:34.685
und Pärchen mit außerehelischen Affären und auch Spanner, die also diese Pärchen

00:23:34.685 --> 00:23:36.885
beobachtet haben, russische Soldaten.

00:23:37.385 --> 00:23:40.165
Dann gab es die sogenannte Gaststätte Waldfrieden. Diese befand sich in der

00:23:40.165 --> 00:23:43.625
damaligen Zeit und auch heute etwa 400 bis 500 Meter vom Fundort entfernt.

00:23:43.825 --> 00:23:47.805
Das war die erste Gaststätte nach der Autobahn aus Fahrt Blauen Ost.

00:23:48.145 --> 00:23:53.145
Wie ich bereits schon angedeutet habe, befand sich damals an der B173 die sogenannte

00:23:53.145 --> 00:23:54.985
Grenzdurchgangsverkehr.

00:23:55.405 --> 00:23:57.885
Und an dieser Stelle befand sich die Gaststätte.

00:23:58.529 --> 00:24:05.429
Auch wurden Diskotheken, andere Clubs überprüft, die auch an der B173 sich befunden haben.

00:24:05.809 --> 00:24:10.309
Die Überprüfungen erbrachten aber keine Hinweise. Es gibt aber eine Personengruppe,

00:24:10.369 --> 00:24:13.689
die die MUC nicht ins Visier genommen hat. Welche und warum?

00:24:14.229 --> 00:24:18.389
Das waren die politisch überfassten Personen, Leute, die aus der DDR flüchten wollten.

00:24:18.649 --> 00:24:22.129
Die hat ausschließlich die Staatssicherheit der damaligen Zeit bearbeitet.

00:24:22.349 --> 00:24:25.709
Warum das für diesen Fall so relevant ist, dazu kommen wir später noch.

00:24:25.709 --> 00:24:29.649
Die Öffentlichkeit wurde damals quasi nicht um Mithilfe gebeten.

00:24:29.789 --> 00:24:33.929
Es gab nur einen kurzen Zeugenaufruf in der örtlichen Zeitung und die Bürgerinnen

00:24:33.929 --> 00:24:35.389
und Bürger nicht zu beunruhigen.

00:24:35.569 --> 00:24:38.889
Herr Petzold, was hat sich bis zur Wende noch in diesem Fall getan?

00:24:39.309 --> 00:24:42.949
Also bis Ende 1990 und Anfang 1991 wurden ca.

00:24:43.629 --> 00:24:46.709
880 Personen aktiv überprüft, Männer und Frauen.

00:24:47.309 --> 00:24:51.769
Dies wurde händisch aufgeschrieben, also mit entsprechenden Protokollen, Vermerken etc.

00:24:52.009 --> 00:24:57.309
Auch händischen Schriftstücken. Das Aktenmaterial umfasste damals zwölf Ordner.

00:24:57.989 --> 00:25:02.509
Nicht jeder Schritt, wie ich bereits schon sagte, wurde damals entsprechend dokumentiert.

00:25:03.609 --> 00:25:08.609
Im Frühjahr 1990 wurden die sogenannten Geruchsspuren am Leichenfundort auf

00:25:08.609 --> 00:25:10.329
Anweisung der Staatssicherheit vernichtet.

00:25:10.849 --> 00:25:13.529
Die erwartete Mord- und Untersuchungskommission wurde eingestellt.

00:25:13.689 --> 00:25:16.049
Am Ende waren das nur noch fünf Personen.

00:25:16.549 --> 00:25:21.669
Nach der Wende erfolgte im Januar 1991 die vorläufige Einstellung des Verfahrens

00:25:21.669 --> 00:25:22.649
durch die Staatsanwaltschaft.

00:25:26.189 --> 00:25:30.549
Die Ermittlungsbehörden legen den Fall 1991 zu den Akten.

00:25:31.509 --> 00:25:35.649
Es gibt damals keine Cold-Case-Einheiten und neben den aktuellen Delikten an

00:25:35.649 --> 00:25:37.629
einem Altfall zu arbeiten, ist schwierig.

00:25:38.886 --> 00:25:43.406
Im Jahr 1999 kommt dann aber wieder Bewegung in den Cold Case.

00:25:43.646 --> 00:25:47.946
Die Ermittler im Fall Ines Bausch hören von einem Mord aus dem Jahr 1995,

00:25:48.706 --> 00:25:53.766
der durch einen Treffer in der zentralen DNA-Analysedatei, die es seit 1998

00:25:53.766 --> 00:25:55.446
gibt, geklärt werden kann.

00:25:55.826 --> 00:26:00.486
Diese Chance wollen die Beamten nun auch nutzen und die noch vorhandenen Spuren,

00:26:00.646 --> 00:26:03.906
insbesondere Sperma und Speichel, ebenfalls untersuchen lassen.

00:26:04.726 --> 00:26:09.866
Ende 1999 nimmt das Polizeipräsidium Chemnitz den Fall offiziell wieder auf.

00:26:10.546 --> 00:26:14.146
Doch es dauert, bis die Ermittlungen richtig starten können.

00:26:14.366 --> 00:26:18.506
Denn es muss zunächst geklärt werden, wer für den Fall zuständig ist,

00:26:18.706 --> 00:26:22.546
wo die Akten aktuell liegen und wo sich die Asservate befinden.

00:26:22.966 --> 00:26:28.046
Am Ende stellen die Beamten fest, es fehlen einige Protokolle und Spuren wie

00:26:28.046 --> 00:26:30.506
Fasern oder auch Sekretabstriche.

00:26:35.466 --> 00:26:40.586
Und dann am 16. August 2000 haben Sie, Herr Petzold, als Sachbearbeiter bei

00:26:40.586 --> 00:26:44.506
der Mordkommission Chemnitz angefangen und wurden mit dem Fall Ines Bausch betraut.

00:26:45.406 --> 00:26:48.446
Losgelassen hat er Sie die nächsten 16 Jahre nicht mehr.

00:26:48.726 --> 00:26:53.886
Ja, das war so mein Lebenswerk, wenn ich das so sagen darf. Die Kollegen wurden mir zugeteilt.

00:26:54.586 --> 00:26:59.506
Aufgabe der Kollegen war damals, DNA von Sexual- und Mehrfachstraftätern in

00:26:59.506 --> 00:27:04.366
die Datenbank einzustellen und im Fall von Ines Bausch auch mögliche Straftäter

00:27:04.366 --> 00:27:06.526
zu überprüfen und DNA-Proben einzuholen.

00:27:07.478 --> 00:27:10.398
Aufträge habe ich von den Kollegen bekommen, einlesen in den Fall,

00:27:10.618 --> 00:27:12.038
neue Ermittlungsansätze suchen.

00:27:12.758 --> 00:27:15.898
Wie gesagt, der Mord hat mich dann nicht losgelassen.

00:27:16.458 --> 00:27:21.298
Im Februar, März 2001 bin ich zu meinem damaligen Dezernanlater hingegangen

00:27:21.298 --> 00:27:26.298
und habe ihn gefragt, darf ich den Fall übernehmen, wenn es auch das normale

00:27:26.298 --> 00:27:27.758
Tagesgeschäft zulässt.

00:27:27.878 --> 00:27:29.838
Seine Antwort war einfach ja.

00:27:30.478 --> 00:27:35.158
Ihr Chef war sicher froh, dass sich jemand um den Fall kümmern wollte oder gekümmert

00:27:35.158 --> 00:27:37.778
hat. Was waren denn dann Ihre ersten Schritte?

00:27:38.178 --> 00:27:42.578
Zunächst erst einmal die noch vorhandenen Fallordner elektronisch aufzuarbeiten.

00:27:43.198 --> 00:27:47.518
Prüfen, welche Asservate befinden sich wo und was ist mit denen geschehen.

00:27:47.738 --> 00:27:49.518
Das war Aufgabe der Kriminaltechnik.

00:27:50.078 --> 00:27:55.218
Auch diese wurden digitalisiert, in System eingespeist, nummeriert und in entsprechenden

00:27:55.218 --> 00:27:57.438
Rubriken, Suchrichtungen eingeteilt.

00:27:58.758 --> 00:28:02.838
Fasernspuren, Kontaktspuren, Sekretspuren, das ist die Einteilung gewesen.

00:28:02.838 --> 00:28:07.598
Das Drosselwerkzeug, die Begleitung des Opfers, die restlichen Faserspuren,

00:28:07.818 --> 00:28:13.998
alles das wurde zunächst an das Kriminaltechnische Institut des LKAs in Dresden übersandt.

00:28:14.138 --> 00:28:19.598
Die Ergebnisse dazu waren aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht sehr aussagekräftig gewesen.

00:28:20.138 --> 00:28:25.478
Ich habe selbst immer wieder DNA-Proben eingeholt und am Ende konnten alle Proben

00:28:25.478 --> 00:28:27.958
als negativ ausgeschlossen werden.

00:28:28.758 --> 00:28:34.798
Von sechs Ermittlungskomplexen aus DDR-Zeit standen am Ende 15 Ermittlungskomplexe.

00:28:35.682 --> 00:28:41.602
Zu Bure. Pro Komplex waren das etwa 1000 Personen. Von welchen Personen haben

00:28:41.602 --> 00:28:43.122
Sie denn DNA-Proben genommen?

00:28:43.502 --> 00:28:47.582
Aus allen Rubriken, also alle Überprüfungskomplexe waren das auch entsprechende Personen.

00:28:48.282 --> 00:28:52.362
Also es gab keine Einteilung entsprechend, wer was wie macht.

00:28:52.842 --> 00:28:57.742
Ja, mit den Ermittlungskomplexen wollten Sie das Bewegungsbild von Ines vervollständigen.

00:28:57.922 --> 00:29:02.282
Außerdem haben Sie dadurch Personen ermittelt, die noch überprüft werden mussten.

00:29:02.522 --> 00:29:07.122
Ja, es wurden dann noch Leute ermittelt, die damals nicht ermittelt werden konnten

00:29:07.122 --> 00:29:12.802
und nicht überprüft wurden, obwohl sie vielleicht auch auf den Überprüfungslisten standen.

00:29:13.142 --> 00:29:16.602
Andere wurden vielleicht überprüft, aber die Unterlagen sind entsprechend nicht

00:29:16.602 --> 00:29:17.642
mehr vorhanden gewesen.

00:29:18.122 --> 00:29:19.842
Der Fall wurde neu betrachtet.

00:29:20.382 --> 00:29:24.202
Neue Personen aus Ines Umfeld wurden ermittelt, auch Freunde,

00:29:24.402 --> 00:29:29.202
mit denen Ines nähere Kontakte hatte, die bei den damaligen Ermittlungen nicht aufgetaucht waren.

00:29:29.602 --> 00:29:33.302
Zwischen den Jahren 2000 und 2016 wargen das ca.

00:29:33.602 --> 00:29:40.022
4.000 Personen, die aktiv, ich spreche hier von persönlichen Aufsuchen etc., überprüft worden sind.

00:29:40.602 --> 00:29:44.882
Personen über Personen, die man im System, die bei der Polizei vorliegen oder

00:29:44.882 --> 00:29:48.502
vorhanden waren, entsprechend erfasst und überprüft, anschreiben,

00:29:48.742 --> 00:29:53.942
die Personen zu informieren, vor Ort aufsuchen, befragen und gegebenenfalls DNA-Probe.

00:29:54.102 --> 00:29:57.282
Das waren, wie gesagt, ca. 4000 Personen.

00:29:57.622 --> 00:30:03.582
Alle wurden ausgeschlossen. 4.000 Menschen, das ist eine große Anzahl und das

00:30:03.582 --> 00:30:07.422
alles haben Sie neben Ihrer normalen Arbeit, also den aktuellen Fällen gemacht.

00:30:08.002 --> 00:30:11.962
Und Sie haben ja auch tatsächlich ein paar neue Ermittlungsansätze gewonnen.

00:30:12.162 --> 00:30:15.482
Bei einem ging es um Taschenlampen. Erklären Sie uns mal, worum es da genauer ging.

00:30:16.002 --> 00:30:21.242
Der alleinigen Fundort war zu dieser Tatzeit stockdunkel. Die nächste Lichtmöglichkeit

00:30:21.242 --> 00:30:23.922
befand sich ca. 150 Meter entfernt.

00:30:24.510 --> 00:30:28.270
Das heißt, derjenige, der die Tat begangen hat, musste eine gute Lichtquelle,

00:30:28.530 --> 00:30:30.590
eine hochwertige Taschenlampe bei sich gehabt haben.

00:30:31.150 --> 00:30:35.030
Aber an Taschenlampen war es zur damaligen Zeit ziemlich rar.

00:30:35.550 --> 00:30:40.750
Polizisten, Armeeangehörige hatten solche Lampen und sind da auch in den Suchfeld

00:30:40.750 --> 00:30:44.110
unserer Überprüfungen mit eingegelassen und auch überprüft worden.

00:30:44.450 --> 00:30:49.090
Es wurden zudem auch ehemalige Stasi-Angehörige und Polizisten,

00:30:49.150 --> 00:30:50.730
die für die Stasi gearbeitet haben, überprüft.

00:30:50.870 --> 00:30:55.490
Allerdings alles ohne Ergebnis. Es gab aber dennoch bald einen ersten Tatverdächtigen.

00:30:55.990 --> 00:31:00.410
Sagen Sie, um wen hat es sich gehandelt und wie sind Sie überhaupt auf diesen Mann gekommen?

00:31:00.650 --> 00:31:05.370
Die Kollegen aus Beirat konnten im Jahre 2006 einen Fernfahrer ermitteln,

00:31:05.550 --> 00:31:09.850
der über mehrere Morde in Frankreich und Spanien, Italien unterwegs gewesen

00:31:09.850 --> 00:31:15.290
ist und auch in der ehemaligen DDR einen Mord begangen hat. Diesen hat er auch gestanden.

00:31:15.970 --> 00:31:17.970
Seine Begehungsweise war ähnlich.

00:31:18.450 --> 00:31:22.190
Mit Wirken, Drosseln und versuchte oder vollendete Vergewaltigung.

00:31:22.890 --> 00:31:25.690
Ähnlich der Begehungsweise wie in einem Mordfall an der Ines.

00:31:26.490 --> 00:31:31.450
Dieser Täter, wenn ich es mal sagen darf, wurde zweimal aktiv mit dem DNA überprüft

00:31:31.450 --> 00:31:34.410
und beide Mal negativ, also ausgeschlossen.

00:31:34.790 --> 00:31:36.350
Er war nicht Ines' Mörder.

00:31:36.810 --> 00:31:40.630
Ab 2001 haben Sie den Fall dann ja auch vermehrt an die Öffentlichkeit gebracht

00:31:40.630 --> 00:31:43.410
mit verschiedenen Pressemitteilungen und Auftritten im Fernsehen.

00:31:43.690 --> 00:31:48.910
Unter anderem waren Sie und Ihr Kollege Oliver Wurdack im April 2009 bei Rudi in der Sendung.

00:31:49.090 --> 00:31:51.770
Und wir hören mal rein in das Gespräch mit Ihrem Kollegen.

00:32:03.283 --> 00:32:06.383
Liebe Zuschauer, das ist sicher einer der mysteriösesten Mordfälle,

00:32:06.443 --> 00:32:07.883
die wir je hier in XY hatten.

00:32:08.563 --> 00:32:12.463
Oberkommissar Oliver Wurdak von der Kripo Zwickau ist dazu jetzt hier bei uns im Studio.

00:32:13.063 --> 00:32:17.503
Der Fall liegt 22 Jahre zurück. Wo sehen Sie Chancen, jetzt diesen Fall so spät

00:32:17.503 --> 00:32:18.303
noch aufklären zu können?

00:32:19.003 --> 00:32:22.143
Weil wir inzwischen DNA-Spuren vom Täter sichern konnten.

00:32:22.543 --> 00:32:26.363
Wir erinnern uns. In diesem Fall gab es drei unbekannte Männer,

00:32:26.643 --> 00:32:28.623
die die Polizei nicht ausfindig machen konnte.

00:32:29.283 --> 00:32:33.083
Der Mann in der orangefarbenen Arbeiterjacke am Leichenfundort,

00:32:33.303 --> 00:32:37.203
der mutmaßliche Freund oder Bekannte mit dem Wartburg und der Mann,

00:32:37.423 --> 00:32:39.883
der an Ines Grab auf dem Friedhof stand.

00:32:40.543 --> 00:32:43.323
Über letzteren haben wir damals auch in der Sendung gesprochen.

00:32:44.203 --> 00:32:48.443
Ja, nochmal ein gutes Jahr später tauchte dann der nächste Unbekannte auf und

00:32:48.443 --> 00:32:52.483
er hat ja behauptet, er würde ein anderes Grab besuchen. Was glauben Sie?

00:32:52.843 --> 00:32:56.543
Das war sicherlich gelogen, genauso wie seine Behauptung, dass er von einem

00:32:56.543 --> 00:32:58.363
benachbarten Zeltplatz gekommen sei.

00:32:58.623 --> 00:33:01.203
Leider konnten wir ihn bisher nicht namentlich machen.

00:33:01.943 --> 00:33:05.463
Immerhin wurde ein Phantombild gezeichnet. Ziemlich einfach gehalten,

00:33:05.603 --> 00:33:08.763
aber ich denke, die auffälligsten Merkmale sind hier gut zu erkennen.

00:33:09.263 --> 00:33:13.043
Der Mann war damals 18 bis 20 Jahre alt, circa 1,80 groß und schlank.

00:33:13.223 --> 00:33:19.263
Er trug eine Brille mit silbernem Metallgestell und außerdem links einen silbernen Ohrstecker.

00:33:19.543 --> 00:33:22.983
Was damals für DDR-Verhältnisse wohl eher ungewöhnlich war.

00:33:28.246 --> 00:33:33.126
Hat Ihnen der Zeugenaufruf etwas gebracht? Die Hinweise auf Personen,

00:33:33.166 --> 00:33:35.286
die wir bekommen haben, konnten wir alle ausschließen.

00:33:35.786 --> 00:33:40.066
Wir konnten im Nachgang und auch auf Grundlage dieses Veröffentlichen des Phantombildes

00:33:40.066 --> 00:33:44.546
zwei Personen ermitteln, die extreme Ähnlichkeit mit dem Mann vom Friedhof hatten.

00:33:45.086 --> 00:33:50.186
Einer war zum Zeitpunkt der Überprüfung bereits verstorben. Der andere hat festgestellt,

00:33:50.906 --> 00:33:53.166
das sieht man ähnlich, ich war es aber nicht.

00:33:53.566 --> 00:33:57.106
Als Tatverdächtiger wurde er geführt, umfangreich wurde zu ihm ermittelt,

00:33:57.626 --> 00:34:01.706
Allerdings mittels eines DNA-Abgleichs konnte er ausgeschlossen werden.

00:34:02.486 --> 00:34:05.526
An Ermittlungsansätzen hat es Ihnen, wie es scheint, nicht gemangelt.

00:34:05.666 --> 00:34:10.606
Aber Sie haben mit einigen anderen Schwierigkeiten und Problemen gekämpft. Welche waren das?

00:34:11.026 --> 00:34:14.926
Durch die Wende wurden entsprechende Spuren von dem Übergang der DDR zur BRD

00:34:14.926 --> 00:34:18.086
vernichtet. Das hatte ich ja schon bereits erzählt.

00:34:18.446 --> 00:34:22.726
Die vorhandenen Akten waren unvollständig. Man konnte erkennen,

00:34:22.846 --> 00:34:26.006
dass angefangen wurde, aber kein Endergebnis erzielt wurde.

00:34:26.506 --> 00:34:30.526
Ich konnte nur an dem Fall arbeiten, wenn kein aktuelles Verbrechen zu bearbeiten war.

00:34:31.106 --> 00:34:34.906
Das heißt, die Arbeit blieb über mehrere Wochen, sogar Monate, liegen.

00:34:35.916 --> 00:34:39.656
Dazu muss ich noch, dass ich am Ende, möchte ich mal sagen, ein Einzelkämpfer gewesen bin.

00:34:39.976 --> 00:34:44.536
In Chemnitz hatte ich noch mehrere Unterstützer, die mich bei Überprüfungen bekleidet haben.

00:34:44.776 --> 00:34:48.536
Es erfolgte dann aber der Übergang zwischen der Polizeidirektion Chemnitz in

00:34:48.536 --> 00:34:53.196
die BD Zwickau und dort hatte ich nur ein, zwei Helfer, die mich unterstützt haben.

00:34:53.996 --> 00:34:57.316
Viele haben befürchtet, die im Umkreis meiner Arbeit eingeteilt waren,

00:34:57.436 --> 00:35:01.496
dass meine Arbeit umsonst gewesen ist. Deshalb hatte ich ja auch wenig Unterstützung.

00:35:01.856 --> 00:35:05.476
Zu diesem Zeitpunkt hatten Sie ja schon viel Arbeit in den Fall gesteckt und

00:35:05.476 --> 00:35:09.396
auch Ansätze verfolgt, aber die sind leider ins Leere gelaufen.

00:35:10.156 --> 00:35:14.816
Was hat das mit Ihnen gemacht? Es gab Rückschläge, wenn eine Spur endet,

00:35:14.916 --> 00:35:18.996
wie dem Fall der Überprüfung, was ich vorher schon sagte. Das ist nun mal so in unserem Beruf.

00:35:19.756 --> 00:35:24.756
Klar ist man manchmal auch entsprechend frustriert und ein bisschen niedergeschlagen.

00:35:24.956 --> 00:35:27.256
Und auch hat man einen gewissen Tunnelblick entwickelt.

00:35:27.496 --> 00:35:32.676
Dinge, die gegen eine Täterschaft gesprochen haben, hat man übersehen oder so

00:35:32.676 --> 00:35:34.336
hingedreht, dass es passen könnte.

00:35:35.276 --> 00:35:38.176
Man wollte unbedingt denjenigen finden, der ihn jetzt auf dem Gewissen hat.

00:35:38.636 --> 00:35:40.196
Er wollte die Tat unbedingt aufklären.

00:35:41.056 --> 00:35:44.856
Auch viel Arbeit, sogenannte Druckspern, die man hatte. Also Sachen,

00:35:44.976 --> 00:35:48.876
die von Anfang an gut klangen, aber am Ende nichts erbrachten.

00:35:49.636 --> 00:35:52.936
Probleme gab es auch bei der Überprüfung von verstorbenen Personen,

00:35:53.136 --> 00:35:56.596
die wir nicht um eine DNA-Probe zum Ausschluss direkt bitten konnten.

00:35:57.056 --> 00:36:00.016
Hier erfolgte der Ausschluss durch verwandte Personen.

00:36:00.556 --> 00:36:05.816
Insgesamt haben nur 16 Personen eine DNA-Abgabe verweigert. Ein weiteres Problem

00:36:05.816 --> 00:36:10.536
war sicherlich, dass die DNA-Untersuchung in den frühen 2000ern noch nicht so

00:36:10.536 --> 00:36:11.916
weit fortgeschritten war wie heute.

00:36:12.536 --> 00:36:17.476
Damals war es schwieriger, ein DNA-Profil von kleinen Spurenträgern zu erstellen,

00:36:17.516 --> 00:36:19.576
aber das hat sich ja bald geändert, nicht wahr?

00:36:20.055 --> 00:36:27.755
Ja, so ist es. So etwa 2013, 2014 ist es möglich, geringste DNA-Sporen aufzuarbeiten

00:36:27.755 --> 00:36:30.835
und entsprechend für Überprüfungshandlungen zu nehmen.

00:36:31.135 --> 00:36:35.355
Es ermöglicht also, Fälle zu klären, die früher so mit DNA bzw.

00:36:35.775 --> 00:36:37.015
Durch andere Mitteln nicht geklärt

00:36:37.015 --> 00:36:41.835
werden konnten. Und damit springen wir jetzt auch in den Juli 2015.

00:36:42.455 --> 00:36:46.675
Für Sie, Herr Petzold, wurde dieser Monat zu einem weiteren Meilenstein in dem Fall.

00:36:46.835 --> 00:36:51.015
Warum? Wie ich bereits vorher sagte, gab es zu diesem Zeitpunkt eine neue Möglichkeit

00:36:51.015 --> 00:36:53.095
der DNA-Untersuchung oder DNA-Analyse.

00:36:53.475 --> 00:36:57.015
Deshalb habe ich einen Termin mit den damaligen Mitarbeitern im Kriminaltechnischen

00:36:57.015 --> 00:36:58.395
Institut in Dresden gemacht.

00:36:58.635 --> 00:37:01.815
Dann bin ich hingefahren und habe alle Spuren, die noch vorhanden waren.

00:37:02.375 --> 00:37:06.735
Dort persönlich übergeben, mit dem Ziel, dass diese nochmal entsprechend mit

00:37:06.735 --> 00:37:08.535
den neuen Methoden untersucht werden konnten.

00:37:08.935 --> 00:37:12.755
Der Mitarbeiter sagte mir dann aber auch, dass er das ebenfalls nur nebenbei

00:37:12.755 --> 00:37:17.875
machen kann, wenn mal aktuell die Sachlage es zulässt. Die Spurenuntersuchungen

00:37:17.875 --> 00:37:20.475
zu diesem Zeitpunkt waren sehr zeitaufwendig.

00:37:20.755 --> 00:37:26.275
Ja, und dann haben Sie also erstmal abgewartet. Im Januar 2016 bekamen Sie einen

00:37:26.275 --> 00:37:32.635
Anruf, nicht vom Kriminaltechnischen Institut, sondern von einem der Brüder von Ines Bausch.

00:37:33.175 --> 00:37:37.935
Er hat Sie gefragt, ob Sie mal vorbeikommen und mit der Mutter sprechen könnten.

00:37:38.295 --> 00:37:42.555
Was war der Hintergrund? Im Januar hätte Ines Ihren Geburtstag gehabt.

00:37:42.555 --> 00:37:48.115
Und um diesen Termin des Geburtstages hatte ihre Mutter immer zysisch stark zu kämpfen.

00:37:48.375 --> 00:37:51.935
Ich hatte selbst zu diesem Zeitpunkt regelmäßigen Kontakt zur Familie,

00:37:52.315 --> 00:37:56.635
auch zu ihrer Mutter und vor allem zum jüngeren Bruder von Ines.

00:37:56.875 --> 00:38:00.015
Er hat mich gebeten, ich sollte unbedingt mit der Mutter sprechen,

00:38:00.295 --> 00:38:03.655
weil sie einen zysischen Tiefpunkt wieder erlitten hat.

00:38:04.055 --> 00:38:08.235
Ich habe noch gut im Ohr, dass die Mutter ihrem Sohn damals erzählte,

00:38:08.555 --> 00:38:13.855
die Ines hatte im Traum zu ihr gesprochen. Ihr Mörder würde 2016 gefunden werden.

00:38:14.055 --> 00:38:18.615
Und sie, also die Ines, und ihre Familie Bausch würden endlich zur Ruhe kommen.

00:38:19.695 --> 00:38:21.835
Ich habe mir aber zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Gedanken gemacht.

00:38:22.055 --> 00:38:25.975
Das aufgeschrieben, mitgenommen und irgendwann wollte ich in diesem Zeitpunkt

00:38:25.975 --> 00:38:28.855
mal hinfahren. Das habe ich auch getan.

00:38:29.235 --> 00:38:31.335
Und die Mutter hat das Ganze bestätigt.

00:38:31.915 --> 00:38:37.875
Ja, damals war das erstmal nur der dringende und verständliche Wunsch einer trauernden Mutter.

00:38:38.535 --> 00:38:43.475
Aber im März 2016, also knapp zwei Monate später, da waren Ihnen diese Sätze

00:38:43.475 --> 00:38:47.135
wieder ganz präsent im Kopf. Was ist da passiert? An diesem 1.

00:38:47.375 --> 00:38:52.175
März 2016 rief mich der Kollege vom Institut an und teilte mir mit,

00:38:52.875 --> 00:38:56.175
Enrico, ich habe dir eine Mail geschickt. Dein Gutachten ist fertig.

00:38:56.575 --> 00:38:59.015
Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich eigentlich gewundert, warum ruft er mich wegen

00:38:59.015 --> 00:39:00.615
des Gutachtens persönlich an?

00:39:01.519 --> 00:39:05.179
Nun gut, ich habe das Gutachten ausgedruckt und gelesen.

00:39:05.519 --> 00:39:09.179
Außerhalb meiner Dienstzeit, das muss ich dazu sagen, ich war mit dem Fall verwurzelt.

00:39:09.399 --> 00:39:13.339
Das Gutachten enthielt ein DNA-Muster von einer unbekannten männlichen Person.

00:39:13.679 --> 00:39:18.459
Bei der vierten Untersuchung wurde endlich Genmaterial im Knoten des Trösselwerkzeuges

00:39:18.459 --> 00:39:20.659
gefunden, am BH-Träger.

00:39:21.139 --> 00:39:25.399
Das ist unwahrscheinlich, dass die DNA von jemand anderem als dem mutmaßlichen

00:39:25.399 --> 00:39:27.039
Täter genau an diese Stelle gekommen ist.

00:39:27.859 --> 00:39:31.579
Im Nachgang konnte geklärt werden, dass so eine Übertragung an diesem Ort nur

00:39:31.579 --> 00:39:35.019
durch eine große Kraftanstrengung, ähnlich wie beim Drosseln, möglich ist.

00:39:35.259 --> 00:39:39.139
Sie haben den Treffer dann gleich ans LKA geschickt, mit der Bitte zu überprüfen,

00:39:39.439 --> 00:39:42.979
ob die DNA-Spur zu einer Person in der Datenbank passt.

00:39:43.539 --> 00:39:45.779
Und? Gab es eine Übereinstimmung?

00:39:46.339 --> 00:39:50.919
Tatsächlich, am Nachmittag des 1. März 2016 wurde ein Mann gefunden,

00:39:51.199 --> 00:39:53.899
der als Verursacher dieser Spur in Frage kommen könnte.

00:39:53.899 --> 00:39:58.559
Bei dieser Überprüfung habe ich dann festgestellt, dass die DNA dieses Verdächtigen

00:39:58.559 --> 00:40:04.439
im November 2016 ein knappes halbes Jahr später aus der Datei gelöscht worden wäre.

00:40:04.879 --> 00:40:08.199
Hier hatte ich richtig Glück gehabt. Und dann habe ich noch an die Profiteiung

00:40:08.199 --> 00:40:13.539
der Mutter gedacht, die gesagt hat, dass der Fall im Jahre 2016 aufgeklärt wird.

00:40:15.759 --> 00:40:20.439
Der Treffer in der DNA-Datenbank gehört zu einem Mann namens Heinz R.,

00:40:20.439 --> 00:40:24.179
der zu diesem Zeitpunkt 60 Jahre alt ist. Heinz R.

00:40:24.339 --> 00:40:29.099
Wächst zu DDR-Zeiten in der Nähe von Plauen auf, hat einen leiblichen Bruder

00:40:29.099 --> 00:40:30.759
und vier Stiefgeschwister.

00:40:31.299 --> 00:40:35.779
Insgesamt ist er dreimal verheiratet und ebenso oft geschieden.

00:40:36.079 --> 00:40:40.479
Die meisten seiner Partnerinnen und Ehefrauen sind ihm körperlich und geistig unterlegen.

00:40:40.899 --> 00:40:44.859
Bis zu seiner Festnahme zieht er rund 30 Mal um.

00:40:46.018 --> 00:40:52.238
Heinz R. trinkt schon in jungen Jahren Alkohol und zeigt sich ebenso bald gewalttätig gegen andere.

00:40:53.278 --> 00:40:58.358
Unter anderem Familienangehörige und insbesondere Frauen sind Opfer seiner Gewaltausbrüche.

00:40:59.238 --> 00:41:04.718
In den 70er Jahren muss er in eine Jugendhaftanstalt, später wird er auch zur

00:41:04.718 --> 00:41:07.158
Haft in einem Erwachsenengefängnis verurteilt.

00:41:07.538 --> 00:41:10.238
Allerdings wird er frühzeitig entlassen.

00:41:11.638 --> 00:41:15.618
1984 gerät er dann auf den Radar der Stasi, weil er darüber redet,

00:41:15.718 --> 00:41:17.318
aus der DDR flüchten zu wollen.

00:41:17.878 --> 00:41:20.378
Einen aktiven Fluchtversuch gibt es nicht.

00:41:21.018 --> 00:41:24.878
Trotzdem, weil er darüber spricht und einen Ausreiseantrag stellt,

00:41:25.218 --> 00:41:29.758
kümmert sich nun bei den noch weiter folgenden Gesetzesverstößen ausschließlich die Stasi um ihn.

00:41:30.198 --> 00:41:33.158
Die Kripo dagegen darf keine Nachforschungen unternehmen.

00:41:33.638 --> 00:41:38.358
Und das ist letztendlich der Grund, weshalb Heinz R. bei den damaligen Mordermittlungen

00:41:38.358 --> 00:41:41.358
in der DDR immer wieder durch das Raster gerutscht ist.

00:41:41.798 --> 00:41:45.738
Heinz R. kommt in den folgenden Jahren ständig mit dem Gesetz in Konflikt.

00:41:46.478 --> 00:41:50.518
Verkehrsdelikte, Trunkenheit, Autodiebstahl. Die Liste ist lang.

00:41:50.778 --> 00:41:53.938
Er wird wieder inhaftiert und ebenso wieder früher entlassen.

00:41:54.218 --> 00:41:57.318
Bis 1987 begeht er weitere Diebstähle.

00:41:57.898 --> 00:42:02.178
Dann 1989 kommt es zu einer versuchten Vergewaltigung.

00:42:03.140 --> 00:42:06.880
Die Vorgehensweise ist ähnlich wie zwei Jahre zuvor bei Ines Bausch.

00:42:07.280 --> 00:42:12.580
Diesmal aber wird ein Zeuge auf die Tat aufmerksam, die der damals Anfang 30-Jährige

00:42:12.580 --> 00:42:14.180
Heinz R. versucht zu begehen.

00:42:15.280 --> 00:42:20.320
Er wird wieder einmal verhaftet. Wegen dieser und weiterer sexueller Straftaten

00:42:20.320 --> 00:42:22.680
sowie Diebstählen bekommt Heinz R.

00:42:23.020 --> 00:42:25.480
Eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren.

00:42:26.160 --> 00:42:30.600
Im Rahmen der Wende darf er das Gefängnis nach nur einem Jahr erneut früher

00:42:30.600 --> 00:42:32.300
und diesmal auf Bewährung verlassen.

00:42:32.300 --> 00:42:39.400
Obwohl seine Bewährungszeit bis März 1992 geht, verübt er immer wieder teils

00:42:39.400 --> 00:42:42.260
schwerwiegende Straftaten, die teilweise geahndet werden.

00:42:42.640 --> 00:42:45.500
Ende der 90er Jahre dann das nächste Verbrechen.

00:42:46.140 --> 00:42:50.960
Wieder Vergewaltigung, wieder Gefängnis. Ein Beschluss des Amtsgerichts Gera

00:42:50.960 --> 00:42:57.220
vom Mai 2001 ordnet an, dass Heinz R.'s DNA in die zentrale Datenbank eingestellt werden soll.

00:42:58.120 --> 00:43:01.980
Als der Wiederholungstäter 2005 erneut eine Frau vergewaltigt,

00:43:02.140 --> 00:43:05.180
wird die Eintragung der DNA in der Datenbank verlängert.

00:43:05.380 --> 00:43:07.380
Bis November 2016.

00:43:08.460 --> 00:43:13.740
Ein Glück also, dass die Ergebnisse der DNA-Analyse im Fall Ines Bausch rechtzeitig kommen.

00:43:14.240 --> 00:43:17.120
Andernfalls wäre der Mord vermutlich nicht aufgeklärt worden.

00:43:17.320 --> 00:43:21.360
Denn seit einem Schlaganfall im Jahr 2012 ist Heinz R.

00:43:21.500 --> 00:43:23.240
Gesundheitlich so angeschlagen, dass

00:43:23.240 --> 00:43:26.860
er quasi gezwungenermaßen nicht mehr polizeilich in Erscheinung tritt.

00:43:27.220 --> 00:43:31.840
Ein Grund, weshalb die Eintragung seiner DNA in der Datenbank nicht verlängert worden wäre.

00:43:32.595 --> 00:43:37.695
Mit der Akte, die Enrico Petzold zu Heinz R. angelegt hat, geht er zum Staatsanwalt.

00:43:37.895 --> 00:43:41.315
Der erlässt umgehend einen Haftbefehl gegen Heinz R.

00:43:41.695 --> 00:43:45.695
Am 21. März 2016 ist es dann soweit.

00:43:45.935 --> 00:43:50.075
Gemeinsam mit dem SEK nimmt die Polizei den völlig überraschten Heinz R.

00:43:50.375 --> 00:43:54.155
In seiner Wohnung in Gera fest. Die Kripo durchsucht die Wohnung.

00:43:54.915 --> 00:43:58.275
Asservate, die mit dem Mord an Ines Bausch in Verbindung stehen,

00:43:58.515 --> 00:44:01.755
finden die Ermittler zwar nicht, Aber sie entdecken Unterlagen,

00:44:01.915 --> 00:44:08.395
in denen vermerkt ist, dass der damals 31-Jährige in der Woche nach der Tat, also ab dem 13.

00:44:08.615 --> 00:44:13.435
April 1987, wegen einer Grippe krank geschrieben war.

00:44:14.035 --> 00:44:19.035
Wir erinnern uns, in der Mordnacht hat es geregnet bei wenigen Grad plus.

00:44:19.555 --> 00:44:24.635
Auch dieses Indiz spricht laut Staatsanwaltschaft tendenziell für Heinz R.'s

00:44:24.635 --> 00:44:28.355
Täterschaft. Heinz R. fährt mit den Beamten auf die Dienststelle.

00:44:29.035 --> 00:44:33.335
Dreimal vernimmt ihn die Polizei. Aber dabei kommt nur wenig rum.

00:44:33.835 --> 00:44:38.775
Heinz R. äußert sich nur zu seiner Person. Über seine Familie erzählt er kaum etwas.

00:44:39.395 --> 00:44:41.455
Zu den Tatvorwürfen schweigt er.

00:44:42.615 --> 00:44:46.175
Glücklicherweise liegen der Kripo aber Aussagen aus den Vernehmungen seiner

00:44:46.175 --> 00:44:51.495
zahlreichen begangenen Straftaten vor. Und auch daraus zeichnet sich ein klares Bild.

00:44:52.435 --> 00:44:57.395
Heinz R. begeht seine vielen tatsächlich durchgeführten und versuchten Vergewaltigungen

00:44:57.395 --> 00:45:00.895
immer unter der Androhung oder gar Ausübung von Gewalt.

00:45:01.155 --> 00:45:04.735
Stück für Stück baut die Staatsanwaltschaft ihre Anklage auf.

00:45:05.235 --> 00:45:11.175
Am 12. Dezember 2016 wird dann der Prozess am Landgericht Zwickau eröffnet.

00:45:11.895 --> 00:45:15.935
Das Verfahren zieht sich, weil Heinz R. wegen seiner gesundheitlichen Probleme

00:45:15.935 --> 00:45:19.555
nur zwei Stunden am Tag im Gericht anwesend sein darf.

00:45:19.855 --> 00:45:26.235
Nach 42 Verhandlungstagen am 30. August 2017, 30 Jahre nach der Tat,

00:45:26.635 --> 00:45:28.255
verkündet das Gericht sein Urteil.

00:45:29.094 --> 00:45:34.574
Die lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes. Dazu stellt es die besondere Schwere

00:45:34.574 --> 00:45:38.174
der Schuld fest, da der Täter äußerst brutal vorgegangen war.

00:45:38.854 --> 00:45:43.314
Heinz R. darf also auch nach den 15-Jahren-Haft nicht mehr auf freien Fuß.

00:45:43.994 --> 00:45:47.894
Der vorsitzende Richter stellt bei seiner Urteilsbegründung klar,

00:45:48.254 --> 00:45:50.654
die Gerechtigkeit hat einen langen Atem.

00:45:50.934 --> 00:45:55.634
Heinz R. geht in Revision, doch der Bundesgerichtshof bestätigt die Entscheidung

00:45:55.634 --> 00:45:58.594
des ersten Gerichts am 4. Juli 2018.

00:45:59.554 --> 00:46:02.374
Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft!

00:46:04.608 --> 00:46:10.328
Das Besondere an diesem Verfahren, Heinz R. wird 28 Jahre nach der Wiedervereinigung

00:46:10.328 --> 00:46:12.408
nach DDR-Strafrecht verurteilt.

00:46:12.928 --> 00:46:17.368
Wieso ist es überhaupt möglich, das Strafrecht eines Landes anzuwenden,

00:46:17.608 --> 00:46:18.968
das nicht mehr existiert?

00:46:19.308 --> 00:46:22.928
Dazu hören wir jetzt einen unserer beiden heutigen Experten,

00:46:23.088 --> 00:46:26.748
den Richter und Pressesprecher am Landgericht Zwickau, Altfried Lute.

00:46:27.048 --> 00:46:31.088
Zunächst einmal wollte unsere Redaktion von ihm wissen, welches Recht nach der

00:46:31.088 --> 00:46:36.308
Wiedervereinigung gegolten hat. Die Antwort darauf liefert zunächst der sogenannte

00:46:36.308 --> 00:46:40.948
Einigungsvertrag zwischen der damaligen Bundesrepublik Deutschland und der DDR.

00:46:41.608 --> 00:46:47.768
In diesem Einigungsvertrag aus dem Jahre 1990 ist in Artikel 8 geregelt die

00:46:47.768 --> 00:46:49.968
sogenannte Überleitung von Bundesrecht.

00:46:50.628 --> 00:46:54.708
Das heißt also, mit dem Beitritt der damaligen DDR zur Bundesrepublik Deutschland

00:46:54.708 --> 00:46:59.808
tritt Bundesrecht in Kraft, also damit auch das Strafgesetzbuch der damaligen

00:46:59.808 --> 00:47:01.988
Bundesrepublik Deutschland.

00:47:02.768 --> 00:47:07.628
Aber nicht immer gilt das neue Gesetz automatisch. Es gibt eine bedeutende Ausnahme,

00:47:07.788 --> 00:47:11.908
die in Artikel 315 des Einführungsgesetzes geregelt ist.

00:47:12.308 --> 00:47:16.728
Dort steht, dass für Taten, die vor dem Beitritt der DDR begangen wurden,

00:47:17.108 --> 00:47:20.868
der Paragraf 2 des Strafgesetzbuches der Bundesrepublik gilt.

00:47:21.208 --> 00:47:26.868
Und dieser Paragraf 2 des Strafgesetzbuches regelt in Absatz 1,

00:47:26.868 --> 00:47:30.948
Die Strafe und ihre Nebenfolgen bestimmen sich nach dem Gesetz,

00:47:31.208 --> 00:47:33.128
das zur Zeit der Tat gilt.

00:47:33.703 --> 00:47:35.903
Das heißt also, wir machen jetzt wieder einen Schritt zurück.

00:47:36.403 --> 00:47:41.723
Grundsätzlich gilt ja nach dem Einigungsvertrag das Strafrecht der Bundesrepublik Deutschland.

00:47:42.063 --> 00:47:47.123
Aber nach dem allgemeinen Grundsatz im Strafrecht, dass also das Strafgesetz

00:47:47.123 --> 00:47:50.103
anzuwenden ist, das zur Zeit der Tat gilt,

00:47:50.643 --> 00:47:55.603
ist also in dem Fall, über den wir hier sprechen, das Strafgesetzbuch der DDR

00:47:55.603 --> 00:48:00.703
anzuwenden, weil eben die Tat zu DDR-Zeiten begangen worden ist.

00:48:00.703 --> 00:48:07.063
Laut DDR-Strafrecht wäre der Mord bereits nach 25 Jahren, in unserem Fall also

00:48:07.063 --> 00:48:09.543
im Jahr 2012, verjährt gewesen.

00:48:10.863 --> 00:48:15.203
Wir haben Richter Altfried Lute gefragt, wieso das Gericht den Angeklagten trotzdem

00:48:15.203 --> 00:48:20.163
noch nach 30 Jahren verurteilen konnte, obwohl DDR-Recht angewendet wurde.

00:48:20.323 --> 00:48:26.543
Es gab in den 90er Jahren insgesamt drei sogenannte Verjährungsverlängerungsgesetze.

00:48:27.303 --> 00:48:33.083
Diese Gesetze hat man erlassen, weil man in der Justiz gemerkt hat,

00:48:33.203 --> 00:48:36.403
dass man nicht das sogenannte DDR-Unrecht, ich nenne es einfach mal so,

00:48:36.923 --> 00:48:38.703
bis dahin nicht aufarbeiten konnte.

00:48:39.003 --> 00:48:43.063
Das war ein großer Bereich und deswegen hat man in drei verschiedenen Gesetzen

00:48:43.063 --> 00:48:45.723
die Verjährungsfristen verlängert.

00:48:45.943 --> 00:48:50.703
Das hat man auch für den Mordparagrafen zu DDR-Zeiten getan.

00:48:50.703 --> 00:48:57.023
Das war nämlich das zweite Verlängerungsgesetz aus dem Jahre 1993.

00:48:58.283 --> 00:49:03.523
Verbrechen, die den Tatbestand des Mordes erfüllen, für welche sich die Strafe

00:49:03.523 --> 00:49:07.803
jedoch nach dem Recht der Deutschen Demokratischen Republik bestimmt, verjähren nicht.

00:49:08.063 --> 00:49:14.583
Also man hat gesagt, Mord verjährt nicht und damit durfte im Jahre 2017 der

00:49:14.583 --> 00:49:17.863
Mord nach Abgeordneteil, der vor 30 Jahren begangen war.

00:49:18.517 --> 00:49:23.597
Das Landgericht Zwickau hat in diesem Fall vom Prinzip des mildesten Rechtsgebrauch gemacht.

00:49:23.917 --> 00:49:30.897
Wir hören dazu nochmal Altfried Lute. Und das Gericht hatte zur Aufgabe,

00:49:31.237 --> 00:49:36.377
sich mit den Mordmerkmalen des DDR-Strafrechtes auseinanderzusetzen.

00:49:36.477 --> 00:49:38.317
Das waren die sogenannten Regelbeispiele.

00:49:38.437 --> 00:49:42.957
Der heutige Mordparagraf 211 hat eben keine Regelbeispiele, sondern er sagt

00:49:42.957 --> 00:49:50.417
eben, Wenn eines der Mordmerkmale erfüllt ist, muss zwingend wegen Mord verurteilt werden.

00:49:50.637 --> 00:49:53.717
Das heißt grundsätzlich immer lebenslange Freiheitsstrafe.

00:49:53.977 --> 00:49:58.237
Das war nach dem Strafgesetzbuch der DDR aber nicht der Fall.

00:49:58.397 --> 00:50:05.397
Denn Regelbeispiele haben nicht zur Folge, dass bei Anwendung eines Regelbeispieles

00:50:05.397 --> 00:50:09.097
zwingend die Rechtsfolge dann anzuwenden ist.

00:50:09.097 --> 00:50:17.797
Und insoweit war der Mordparagraf des DDR-Strafrechtes mit seinen Regelbeispielen das mildere Gesetz.

00:50:18.257 --> 00:50:23.497
Sein Kollege Thorsten Sommer, Vorsitzender Richter am Landgericht Zwickau, ergänzt.

00:50:23.657 --> 00:50:29.437
Nach umfassender Prüfung der Storgerichtskammer sind Sie zu dem Ergebnis gelangt,

00:50:29.517 --> 00:50:35.997
jawohl, Paragraf 112 StGB der DDR ist das mildere Gesetz.

00:50:35.997 --> 00:50:40.917
Dass da es nicht nur lebenslange Freiheitsstrafe vorsieht, sondern auch eine

00:50:40.917 --> 00:50:42.637
Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren.

00:50:42.777 --> 00:50:49.157
Das hinderte das Schwunggericht ja nicht daran, tatsächlich eine lebenslange

00:50:49.157 --> 00:50:50.537
Freiheitsstrafe zu verhängen.

00:50:50.657 --> 00:50:56.277
Weil die konkreten Tat- und Schuldumstände, ich glaube, da muss ich nicht groß

00:50:56.277 --> 00:51:00.657
ausholen, rechtfertigen unter keinen Umständen eine zeitige Freiheitsstrafe.

00:51:00.657 --> 00:51:05.977
Welche Unterschiede gibt es denn überhaupt zwischen dem DDR-Strafrecht und unserer

00:51:05.977 --> 00:51:08.057
heutigen Rechtsprechung in Bezug auf Mord?

00:51:08.749 --> 00:51:18.589
Auch diese Frage hat uns Thorsten Sommer beantwortet. Nach § 112 StGB DDR war Mörder derjenige,

00:51:18.869 --> 00:51:23.869
der vorsätzlich, unbedingt vorsätzlich einen Menschen getötet hat.

00:51:24.349 --> 00:51:29.469
Das war immer ein Mörder. Jeder, der einen Menschen vorsätzlich getötet hat.

00:51:30.889 --> 00:51:32.389
Hatten wir eine Strafdrohung, nicht

00:51:32.389 --> 00:51:36.689
unter zehn Jahren Freiheitsstrafe oder lebenslängliche Freiheitsstrafe.

00:51:36.689 --> 00:51:43.849
Es gab dann noch diesen Absatz 2, das waren Regelbeispiele für schwerere Fälle.

00:51:44.389 --> 00:51:49.869
Dort war bis 1987 noch die Todesstrafe angedroht.

00:51:49.869 --> 00:51:59.189
Nach dem DDR-Strafrecht gab es keine Mordmerkmale, wie wir sie heute in §212

00:51:59.189 --> 00:52:01.869
StGB Bundesrepublik haben.

00:52:03.029 --> 00:52:11.389
Sondern es gab lediglich im §112 des StGB der DDR dort im Absatz 2 diese Regelbeispiele

00:52:11.389 --> 00:52:13.949
für besonders schwere Fälle.

00:52:13.949 --> 00:52:23.169
Aber, wie Sie wissen, hat das DDR-Strafrecht bei lebenslänglicher Freiheitsstrafe

00:52:23.169 --> 00:52:27.149
keine vorzeitige Haftentlassung zur Bewährung erlaubt.

00:52:27.149 --> 00:52:34.329
Anders wie das § 57a Strafgesetzbuch der Bundesrepublik vorsieht,

00:52:34.709 --> 00:52:44.169
§ 57a StGB sieht vor, bei lebenslanger Freiheitsstrafe eine Mindestverbüßungszeit von 15 Jahren.

00:52:44.569 --> 00:52:52.149
Erst dann ist es gestattet, die Prüfung vorzunehmen, dass eine lebenslange Freiheitsstrafe

00:52:52.149 --> 00:52:55.529
zur Bewährung ausgesetzt werden kann.

00:52:55.529 --> 00:53:00.649
Dass es in der DDR keine Mordmerkmale gab, war übrigens auch der Grund,

00:53:00.869 --> 00:53:05.889
warum in unserem heutigen Fall keine festgestellt wurden, denn der Täter wurde

00:53:05.889 --> 00:53:07.529
ja nach DDR-Recht verurteilt.

00:53:07.948 --> 00:53:12.468
Aber auch in der DDR gab es Bewertungskriterien für Tötungsdelikte,

00:53:12.708 --> 00:53:15.768
die unseren heutigen Mordmerkmalen zum Teil ähnelten.

00:53:16.288 --> 00:53:21.168
Und so war die Kammer der Ansicht, dass Heinz R. den Mord an Ines Bausch zur

00:53:21.168 --> 00:53:26.448
Vermeidung der eigenen Strafverfolgung begangen hat, nachdem er sie zuvor vergewaltigt hatte.

00:53:26.888 --> 00:53:34.868
Nach BRD-Strafrecht wäre das laut Urteil als Mord aus Verdeckungsabsicht nach § 211 zu werten.

00:53:41.689 --> 00:53:46.669
Herr Petzold, wie ging es Ihnen, als das Urteil 30 Jahre nach dem Mord gefällt wurde?

00:53:46.929 --> 00:53:50.469
Ich war total erleichtert und froh, dass Heinz R.

00:53:50.789 --> 00:53:52.869
Für lange Zeit ins Gefängnis gehen muss.

00:53:53.389 --> 00:53:56.389
Wir haben vorhin schon kurz über einen unbekannten Mann gesprochen,

00:53:56.629 --> 00:54:02.229
der den Fundort von Ines Leiche aufgesucht hatte, als die Polizisten diesen noch beobachtet haben.

00:54:02.409 --> 00:54:05.529
Und über eine andere Person am Grab von Ines.

00:54:05.649 --> 00:54:10.349
War denn einer dieser beiden Männer der Täter, Heinz R.? Also der Mann am Grab

00:54:10.349 --> 00:54:13.749
wurde zumindest direkt nie identifiziert.

00:54:13.989 --> 00:54:19.609
Es gab wie gesagt schon Übereinstimmung zu zwei Personen, die aber sich direkt

00:54:19.609 --> 00:54:21.229
dazu neu geäußert haben.

00:54:21.649 --> 00:54:25.949
Zu einem unbekannten Mann am Leichenfundort kann ich sagen, dass ich mir eigentlich

00:54:25.949 --> 00:54:29.089
sicher bin, dass es sich hier um Heinz Ernst gehandelt haben muss.

00:54:29.609 --> 00:54:33.949
Er hat zur damaligen Zeit einen Beruf gearbeitet, wo solche orangefarbenen Jacken

00:54:33.949 --> 00:54:37.949
als Bekleidung stattfanden bzw. getragen wurden.

00:54:39.069 --> 00:54:43.009
Wir wissen aber bis heute nicht, ob er es wirklich war und wir haben von ihm

00:54:43.009 --> 00:54:45.829
auch keine entsprechende Information oder Auskünfte bekommen.

00:54:46.669 --> 00:54:51.249
Herr Petzold, Sie haben uns im Vorgespräch mal ein paar geschätzte Zahlen zu diesem Fall gegeben.

00:54:51.709 --> 00:54:55.449
Rund 12.000 Personen sind in dieser Ermittlung erfasst worden,

00:54:55.809 --> 00:55:05.389
5.500 davon aktiv befragt und 3.500 mittels DNA-Abgleich ausgeschlossen worden. Sie selbst sind ca.

00:55:06.189 --> 00:55:10.809
1200 Mal nach Plauen und in die Umgebung gefahren. Also das war ja wirklich

00:55:10.809 --> 00:55:15.349
eine Riesenherausforderung, ein ganz schön großer Brocken, nicht? Ja, das stimmt.

00:55:15.649 --> 00:55:18.769
Und insbesondere zu neben aktuellen Fällen ist das passiert.

00:55:19.349 --> 00:55:23.009
Über eine Sache haben wir bisher noch gar nicht gesprochen, nämlich wann und

00:55:23.009 --> 00:55:26.669
wie Sie der Familie des Mordopfers, der Familie von Ines Bausch,

00:55:26.869 --> 00:55:31.549
gesagt haben, dass Sie den Täter gefasst haben. Nehmen Sie uns mal zurück zu diesem Moment.

00:55:32.408 --> 00:55:37.388
Ja, das war, wenn ich mich noch erinnere, der Montag, der 21. März 2016.

00:55:38.228 --> 00:55:44.288
Unmittelbar nach der Festnahme und Verbringung nach Zwickau habe ich die Familie angerufen.

00:55:44.548 --> 00:55:48.248
Hier in dem Falle den Bruder und habe sinngemäß ihm mitgeteilt,

00:55:48.428 --> 00:55:51.068
wir müssten mal mit der ganzen Familie sprechen.

00:55:51.308 --> 00:55:54.588
Es wäre schön, wenn alle zusammenkommen. Besser noch am heutigen Tag.

00:55:55.748 --> 00:56:00.288
Ich habe dann einen Kollegen mitgenommen und wir sind zusammen an einem Abend dorthin gefahren.

00:56:01.128 --> 00:56:04.768
Ich weiß noch, dass die ganze Familie einschließlich der Angehörigen dort im

00:56:04.768 --> 00:56:11.608
Wohnzimmer saßen und gläubig auf uns gestarrt haben, als ich ihnen das Ergebnis

00:56:11.608 --> 00:56:13.148
mit der Festnahme mitgeteilt habe.

00:56:13.468 --> 00:56:17.408
Am Ende ist der Dank der Familie mir mehr wert als alles andere und ein grüner

00:56:17.408 --> 00:56:18.608
Abschluss meiner Arbeit.

00:56:18.968 --> 00:56:22.508
Ja und auch für unsere heutige Folge ist das ein versöhnlicher Abschluss, würde ich sagen.

00:56:22.708 --> 00:56:25.988
Ganz herzlichen Dank an Sie, Herr Petzold, dass Sie heute zu uns ins Studio

00:56:25.988 --> 00:56:29.548
gekommen sind und mit uns über diesen Fall gesprochen haben.

00:56:29.548 --> 00:56:31.148
Herzlichen Dank. Vielen Dank.

00:56:31.448 --> 00:56:35.408
Auch bedanken möchten wir uns herzlich bei Altfried Lute und Thorsten Sommer,

00:56:35.688 --> 00:56:38.888
beide Richter am Landgericht Zwickau, für die Einblicke in die juristischen

00:56:38.888 --> 00:56:40.548
Hintergründe der Gerichtsverhandlung.

00:56:40.888 --> 00:56:45.548
Und zum Schluss danke an Natascha Fehn, die Autorin der heutigen Folge.

00:56:45.808 --> 00:56:50.608
Und ich sage danke fürs Zuhören. Bis zum nächsten Mal und natürlich bleibt sicher.

00:56:50.828 --> 00:56:54.588
Auch von mir bis zur nächsten Folge. Die nächste gibt es wie immer in zwei Wochen.

00:56:55.268 --> 00:57:00.888
An dieser Folge mitgearbeitet haben Nicola Hänisch-Koros, Katharina Jakob und Zoe Jungblut.

00:57:01.028 --> 00:57:04.648
Für Ton und Technik sorgten Stefan Gossen und Christina Mayer.

00:57:04.908 --> 00:57:06.588
Die Regie hatte David Grohmer.

00:57:06.968 --> 00:57:10.228
Die Redaktion im ZDF Kirsten Zilonka und Sonja Roy.

00:57:10.728 --> 00:57:16.128
Die Podcast-Folgen könnt ihr übrigens auch auf dem ZDF True Crime YouTube-Kanal anhören.

00:57:16.248 --> 00:57:20.168
Den Link dazu wie auch alle Infos zu dieser Folge findet ihr wie immer in den Shownotes.

00:57:20.608 --> 00:57:24.968
Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen ist eine Produktion der Securitel in

00:57:24.968 --> 00:57:27.688
Kooperation mit Bumfilm im Auftrag des ZDF.

00:57:30.014 --> 00:57:33.894
Wenn ihr euch für wahre Verbrechen und deren Hintergründe interessiert und einen

00:57:33.894 --> 00:57:37.594
exklusiven Einblick in die kriminellen Strukturen der organisierten Geldwäsche

00:57:37.594 --> 00:57:41.694
erhalten wollt, dann schaut bei Bad Banker Geständnisse eines Geldwäschers rein.

00:57:42.474 --> 00:57:46.634
Ich bin Alexander Habi, Regisseur und Autor und habe für diesen Film mit einem

00:57:46.634 --> 00:57:51.574
ehemaligen Geldwäscher, seinen Mittätern, Familienangehörigen und Experten über

00:57:51.574 --> 00:57:53.614
das System der Geldwäsche in Deutschland gesprochen.

00:57:53.994 --> 00:57:58.074
Die zweiteilige Dokumentation könnt ihr ab sofort im ZDF streamen.

00:58:00.014 --> 00:58:00.934
Musik.

