Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY. Unvergessene Verbrechen. Ich bin Rudi Zerne. Und ich bin Nicola Hinnisch-Koros. Auch von mir herzlich willkommen. Wir sprechen heute unter anderem über etwas, das viele Frauen kennen, also auch ich, nämlich nachts allein unterwegs zu sein. Das bedeutet oft, sich permanent abzusichern, wachsam zu sein, sich umzusehen, Wege bewusst zu wählen. Nicht, weil man überängstlich ist, sondern weil die Realität zeigt, Frauen sind um ein vielfaches häufiger Ziel von Belästigungen und Übergriffen. Ja, eine Realität, die viele Männer in der Form nicht kennen. Und als Mann finde ich es grundsätzlich auch kein schönes Gefühl, wenn eine Frau, der man nachts zufällig allein begegnet, eher Angst vor einem haben muss. Ja, interessant, dass du das sagst. Ich habe im Bekanntenkreis tatsächlich jemanden, der mir mal erzählt hat, dass wenn er nachts zufällig hinter einer Frau hergeht, lieber selbst die Straßenseite wechselt, weil er eben genau das nicht will, dass sie sich wegen ihm unwohl fühlt. Ja, aber warum sprechen wir über all das gerade? Ja, weil es heute um einen Fall geht, bei dem genau das alles eine Rolle gespielt hat. Eine Serie von nächtlichen Angriffen auf Frauen. Gezielt, brutal und über Jahre hinweg. Die Fälle ereigneten sich vor allem im Ruhrgebiet und im Norden Deutschlands.
Was der Polizei damals lange nicht klar war, sie waren miteinander verbunden. Den Frauenjäger nannte ihn die Presse damals. Es sollen mindestens 60 Frauen gewesen sein, auf die er es abgesehen hatte. Wir hören später dazu Florian Stöck. Er arbeitet als Notfallpsychologe unter anderem mit Opfern von Gewalttaten.
Ja, und bei uns im Studio ist heute der Mann, der nicht nur erkannt hat, dass hinter der Serie von Verfolgungen... Ein und dieselbe Person steckt, sondern der den Serientäter mit seinem Ermittlungsteam auch noch dingfest gemacht hat. Erster Kriminalhauptkommissar Axel Pütter, damals Leiter der Mordkommission in Bochum. Herzlich willkommen. Ja, auch von mir herzlich willkommen, Herr Pütter. Ja, hallo, schönen guten Tag und ich freue mich, dass ich hier sein darf. Herr Pütter, Sie haben vor Ihrem Ruhestand mehr als 20 Jahre lang in Tötungsdelikten ermittelt. Wie oft ist man da einem Serientäter auf der Spur? Ja, das ist tatsächlich sehr selten gewesen. Ich habe insgesamt zweimal mit Serientätern zu tun gehabt. Einmal der Fall, über den wir heute sprechen werden und ein anderes Mal, wo zwei junge Leute einfach mal sehen wollten, wie das ist, einen Menschen zu töten. Und die fanden das so gut, dass sie da weitergemacht hätten, wenn wir sie nicht festgenommen hätten. Unfassbar. Ja, dass sie es mit einem Serientäter zu tun hatten, wussten Axel Pütter und sein Team nicht, als sie die Ermittlungen aufgenommen hatten. Aber beginnen wir wie immer von vorne und damit, was sich im Sommer 2000 in Bochum ereignet hat. Und wie fast immer, die Namen aller Beteiligten haben wir geändert.
Es ist die Nacht vom 19. auf den 20. Juli 2000. Die 35-jährige Katrin Hoffmann verbringt den Abend in einer Disco im Bochumer Osten, die bekannt ist für ihre Retro-Partys. Katrin ist gut drauf, denn sie hatte zufällig einen Kollegen getroffen, mit dem sie sich gut versteht. Die beiden haben einen schönen Abend verbracht, sich nett unterhalten und viel zur Musik aus den 80ern getanzt. Jetzt ist es kurz vor eins und Katrin will nach Hause. Sie verabschiedet sich von ihrem Kollegen, steigt ins Auto und macht sich auf den Heimweg. Gut 20 Minuten Fahrt sind es von der Disco bis zu ihrer Wohnung. Was sie nicht merkt, hinter ihr fährt ein Wagen, der sie verfolgt. Als Katrin zu Hause ankommt, parkt sie ihr Auto am Straßenrand. Sie lebt in einer ruhigen Gegend. Kleine Mehrfamilienhäuser in der Nähe ist ein Waldgebiet. Es ist inzwischen fast halb zwei und stockdunkel. Das andere Auto parkt hinter Katrin. In dessen Scheinwerferlicht findet sie schnell das Schlüsselloch ihres Wagens, sperrt ab und geht zu ihrem Haus. Auf dem kurzen Weg zur Haustür bemerkt sie jemanden hinter sich.
Wahrscheinlich ist es der Freund der Nachbarin, denkt sie. An der Tür angekommen, steht der Mann auf einmal direkt neben ihr. Und, Katrin stellt fest, es ist nicht der Freund ihrer Nachbarin, sondern ein Fremder. Katrin ist überrascht und spricht ihn an. Ob er noch jemanden besuchen wolle, so spät in der Nacht. Ja, antwortet der Mann knapp und drückt im selben Moment alle sechs Klingeln des Hauses auf einmal. Katrin ist irritiert. Sie steckt den Schlüssel ins Schloss, sie will jetzt nur noch in ihre Wohnung. Als sie die Haustür öffnet, geht alles sehr schnell. Der Mann packt Katrin von hinten an der Schulter, dann spürt sie etwas im Rücken, das sich anfühlt wie Faustschläge. Erst später wird klar, es ist nicht die Faust des Mannes, die sie da trifft, sondern ein Messer. Dreimal sticht der Mann durch seine Jackentasche zu, dreimal dringt das Messer mehrere Zentimeter tief in Katrins Körper ein. Es trifft unter anderem ihre Lunge. Schwer verletzt fällt Katrin im Hausflur zu Boden. Der Mann beugt sich über sie und blickt ihr direkt ins Gesicht. Katrin ruft um Hilfe. Und sie hat Glück. Ein Nachbar ist gerade erst vom Gassigehen zurück und noch wach. Er öffnet in einem der oberen Stockwerke seine Wohnungstür und ruft nach unten. Ob etwas passiert sei. In diesem Moment dreht der Fremde sich um und flüchtet.
Das muss man hier wirklich betonen. Katrin Hoffmann hatte großes Glück. Sie wurde direkt nach dem Angriff ins Krankenhaus gebracht und dort notoperiert, weil ihre Lunge kollabiert war. Aber sie hat überlebt. Herr Pütter, der Fall ist dann bei der Mordkommission gelandet, weil es sich um ein versuchtes Tötungsdelikt handelte, nehme ich jetzt mal an. Das ist richtig. Wir sind zunächst in der Nacht davon ausgegangen, dass nur eine gefährliche Körperverletzung vorliegt. Aber die Zuständigkeit bei der Mordkommission ist immer dann gegeben, wenn jemand verstirbt. Und auch wenn eine Lebensgefahr besteht, dann muss auch die Mordkommission ermitteln. Wir haben es hier mit drei Stichen in den Rücken zu tun. Das heißt, das Messer ist in den Körper eingedrungen. Und wenn Körperhüllen eröffnet werden, dann ist immer eine latente Lebensgefahr vorhanden. Ob jetzt noch Organe verletzt werden oder nicht, spielt da eigentlich keine Rolle. weil die Lebensgefahr besteht auch dann durch eine Infektion, dass ein Mensch auch daran noch versterben kann, auch wenn keine Organe getroffen wurden. Hier ist aber auch noch die Lunge getroffen worden, die dann kollabiert ist. Und insofern bestand akute Lebensgefahr.
Als Sie und Ihr Team den Fall morgens übernommen haben, war Katrin Hoffmann gerade frisch operiert und konnte erst mal nicht vernommen werden. Deswegen sind Sie zuerst zum Tatort gefahren. Was haben Sie da vorgefunden? Ja, also grundsätzlich fahren wir immer erst zum Tatort, um uns einen Überblick zu verschaffen. Und als wir dort eingetroffen sind, hatten ja Kollegen in der Nacht schon Spuren gesichert. Und es war eigentlich nur ganz wenig Blut am Tatort vorhanden, weil sie auf der Erde lag. Auch rücklinks ist etwas Blut auf dem Boden gewesen. Das haben die Kollegen gesichert. Es war aber nur Opferblut und nichts vom Täter. Und wir haben anschließend auch noch die Wohnung aufgesucht, haben in der Wohnung durchsucht, weil wir von einer Beziehungstat ausgegangen sind, hätten wir vielleicht auch in der Wohnung Hinweise finden können, die vielleicht auf einen Täter anwenden.
Aber das war dann nicht der Fall. Wir haben auch in der Nacht noch die Bekleidung sichergestellt und konnten dann auch feststellen, wo die Stiche in den Körper eingedrungen sind, weil da die entsprechenden Beschädigungen in der Jeansjacke der Beschädigten waren. Und in dem Unterhemd, das sie getragen hatte, das korrespondierte auch mit den Verletzungen, die sie dann tatsächlich im Körper hatte.
Ihre Kolleginnen und Kollegen hatten nachts noch mit Katrin Hoffmann sprechen können, bevor sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Was hatte sie erzählt? Ja, es war so schwierig, sie erst einmal zu vernehmen, weil sie nicht nur unter Schock stand, sondern hatte ja auch aufgrund der Lungenverletzung Atemnot. Und sie hat aber gesagt, dass sie den Täter nicht kennt. Und das ist natürlich dann eigentlich für uns immer ein großes Problem, wenn ein Mensch unmotiviert, scheinbar unmotiviert andere Menschen verletzt, dann wissen wir nicht, wonach wir suchen müssen. Wir brauchen ja ein Motiv, um dem Täter näher zu kommen.
Und wenn keine Vorbeziehung da ist, dann ist das die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen oder nach einem Phantom. Was wussten Sie zu dem Zeitpunkt denn generell über Katrin Hoffmann? Ja, wir haben natürlich Nachforschung angestellt. Sie war Sozialpädagogin und arbeitete in einer Einrichtung für Suchtkranke. Und es ist so, dass hier Menschen in Behandlung sind, in Therapie sind, die sich auch an Regeln halten müssen. Und wenn sie das nicht tun, dann droht ihnen die Entlassung aus dieser Therapie. Und wir haben festgestellt, dass tatsächlich Katrin auch dafür gesorgt hat, durch ihre Berichte, wenn sich jemand nicht an die Auflagen gehalten hat, dass er dann auch entlassen wurde. Das war unser erster Ansatz, den wir hatten, dass wir da vielleicht einen Täter finden, weil er sich vielleicht zu Unrecht behandelt fühlte oder der Bericht für ihn so negative Folgen hatte, dass wir da eben versucht haben, die Menschen zu ermitteln, die da tatsächlich von ihr aufgrund ihres Berichtes entlassen wurden.
Ich denke, da wird man hellhörig, oder? Da könnte man ein Motiv finden. Ja, das war ja unsere große Hoffnung, dass wir auf diesem Wege einen Schritt weiterkommen. Und wir haben auch einige Personen ermitteln können, haben die auch vernommen. Aber wir haben kein tatsächliches Motiv bei ihnen gefunden. Die Ermittlungen sind ins Leere gelaufen. Der Täter hatte ja merkwürdigerweise, muss man sagen, in der Nacht bei allen Parteien im Haus geklingelt. Und Katrin Hoffmann hatte auch noch laut um Hilfe gerufen.
Also da muss ja jemand was mitbekommen haben, oder? Ja, ist richtig. Der Nachbar von ihr, der ganz oben wohnte, der war mit seinem Hund vorher noch draußen und deshalb war der noch wach und auch schnell an der Haustür, als er diese Hilferufe von der Frau gehört hatte. Und er hat aber niemanden gesehen, weil der Täter auch sofort geflohen ist, nachdem er die Tür geöffnet hatte. Wir sind dann aber weiter in der Nachbarschaft ermitteln gewesen und haben dann auch Glück gehabt, dass wir in einem Haus nebenan Leute hatten, die in dieser Sommernacht, es war wirklich wunderschönes Wetter, nachts noch gefeiert haben und zwar an Kindergeburtstag. Es war eine italienische Familie und die haben wir dann angesprochen und wir haben eine Frau ermittelt, die im Parterre gewohnt hat und sie hatte aufgrund der Witterung eben die Rollläden nicht ganz runtergelassen, hatte dann noch einen Schlitz offen und hatte die Hilferufe der Frau gehört und im Anschluss hat sie rausgeschaut und ein rotes Fahrzeug wegfahren sehen.
Und da hatten wir schon mal einen Ansatz. Das war der erste Punkt. Und wir hatten noch einen weiteren Nachbarn, der hat die Hilferufe gehört. Und er hat gehört, wie ein Auto schnell weggefahren ist. Und er hat mir gesagt, dass er auch die Marke erkannt habe. Und das macht uns natürlich auch ein bisschen stutzig, weil wir auch schon mal Leute haben, die sich wichtig tun wollen. Und das hatten wir jetzt eigentlich befürchtet. Nur er war sehr seriös in seiner Aussage. Und er hat auch gesagt, ich arbeite beim Autohersteller in Bochum und der wollte uns tatsächlich erklären, dass er genau dieses Motorengeräusch wiedererkannt habe. Aber wir waren dann ein bisschen vorsichtig. Klingt für mich ein bisschen wie eine Wetten-das-Wette. Wie verlässlich ist denn eine solche Info für Sie? Ja, wir müssen schon vorsichtig sein mit dem Gebrauch dieser Informationen. Das heißt, wenn wir eine Presseerklärung rausgeben, wenn wir uns festlegen, könnte das auch fehlerhafte Folgen haben, dass Zeugen sich nicht melden, wenn sie sich auf dem Auto fixiert haben. Das ist das Problem, das wir haben. Und deswegen haben wir das auch in der Presseerklärung ein bisschen anders formuliert.
Die Polizei weiß zu diesem Zeitpunkt kaum etwas über den Mann, der Katrin Hoffmann niedergestochen hat. Nur, dass er 20 bis 30 Jahre alt ist, 1,80 bis 1,90 groß und kurze blonde Haare hat. Und dass er möglicherweise ein rotes Auto fährt. Es gibt aber noch einen Anhaltspunkt. Die Nachbarin hat gesehen, in welche Richtung er davon gefahren ist. Eine Hundertschaft der Polizei sucht deshalb mit Metalldetektoren den Fluchtweg ab. Die Hoffnung? Vielleicht hatte der Täter das Messer während der Fahrt aus dem Auto geworfen. Tatsächlich finden die Ermittler ein Messer. Allerdings ein altes, vergrabenes, das dort erkennbar schon länger liegt. Die Suche nach der Tatwaffe bleibt also erfolglos. Trotzdem kommt drei Tage nach der Tat auf einmal Bewegung in die Ermittlungen. Inzwischen hat die Polizei mit Katrin Hoffmanns Hilfe nämlich ein Phantombild erstellt, das nun in der Zeitung erscheint. Am Morgen nach der Veröffentlichung hatten Sie dann eine folgenreiche Begegnung. Inwiefern? Ja, ich bin am Morgen ins Präsidium gekommen und da hat mich ein Kollege angesprochen und hat mich gefragt, ob ich den Jörg schon festgenommen habe. Und ich wusste erst gar nicht, wovon er spricht. Und er sagte ja, der Jörg von der Kriminalwache. Und da habe ich ihn gefragt, warum, wieso, weshalb. Und er meinte ja immer, das Phantombild, das hat doch totale Ähnlichkeit mit Jörg. Und da ist mir erst mal bewusst geworden, dass tatsächlich die Ähnlichkeit da war. Den Jörg, den kennt eigentlich jeder bei uns von der Kripo.
Und selbst mir ist es nicht aufgefallen, dass vielleicht ein Kollege möglicherweise so viel Ähnlichkeit hat, dass er mit dem Phantombild übereinstimmt. Und ich bin dann zurückgegangen zu meinen Kollegen von der MK, habe das den Kollegen auch vorgetragen und auch da hat keiner tatsächlich die Ähnlichkeit wahrgenommen, die vorhanden war. Jetzt muss ich mal nachfragen, Herr Pütter, waren das denn so sehr markante Dinge, die wirklich auf ihn direkt gepasst haben, weil Phantombilder können ja oft vielen Personen ähnlich sein durch Zufall. Ja, das ist richtig. Also es war markant, dass erstmal die Größe stimmte, das Alter stimmte, die Gesichtsform und die Haare und auch das Gesicht als solches, das passte schon überein. Und deshalb war eben tatsächlich dieses Phantombild dem Kollegen sehr ähnlich. Und was ging Ihnen da durch den Kopf, als Sie das realisiert hatten? Ja, das ist natürlich der absolute Supergau, wenn wir in einem versuchten Tötungsdelikt gegen eigene Kollegen ermitteln. Aber es hilft alles nichts, wenn dieser Tatverdacht besteht, dann müssen wir ran und dann müssen wir alles versuchen, eben die Tat zu klären. Und also auch gegen diesen Kollegen. Und das sind natürlich unangenehme Ermittlungen, aber das muss sein.
Also Sie sind da professionell vorgegangen. Hatte der Kollege ein Alibi? Ja, das haben wir auch sofort versucht zu überprüfen und er hatte kein Alibi, weil er war krankgeschrieben und das schon über einige Tage.
Und da war klar, jetzt muss ich den offiziellen Weg gehen und dementsprechend musste ich meine Vorgesetzten informieren. Und bin dann auch zum Leiter der Kripo gegangen und habe ihm gesagt, welchen Verdacht wir haben. Er war natürlich auch geschockt, aber nichtsdestotrotz hat er uns freien Lauf gelassen, hat mich gefragt, wie wir vorgehen wollen. Das habe ich mit ihm abgesprochen und dann ist er dann zur Behördenleitung, also zum damaligen Polizeipräsidenten und hat ihm das vorgetragen, wie weit die Ermittlungen gegen ihn sind. Und dementsprechend konnten wir das machen, was wir machen mussten in einem solchen Fall. Haben Sie sich da einen Plan gemacht? Zunächst einmal war zu überprüfen, ob er seine Dienstwaffe im Waffenschrank im Präsidium hatte. Denn man weiß ja nicht, wenn sich jemand Polizist oder nicht Polizist, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt, wie er dann reagiert. Und dann kann es zur Kurzschlusshandlung kommen. Denn ein Polizist, der eine entsprechende Strafe bekommt, der verliert alles, was er hat. Er wird keine Rentenansprüche kriegen, gar nichts. Er wird entlassen und dann muss er sich irgendwas suchen. Und das weiß jeder. Und deshalb hatten wir die Befürchtung, dass er irgendwie, wenn er es denn war, auch Dummheiten machen könnte und mussten wir dann überlegen, wie wir vorgehen. Also als erstes die Waffe, die war dann im Schrank, im Waffenfach und da konnte also nichts passieren. Wir haben dann auch noch überprüft, ob er denn privat eine Waffe haben durfte und das war auch nicht der Fall.
Und dann haben wir uns überlegt, wie wir vorgehen. Wir mussten ihn aufsuchen frühmorgens. Und da sind alle Kollegen der Mordkommission dabei gewesen und ja, dann haben wir vor seiner Tür gestanden. Als sie dann geklingelt haben, hat ihr Kollege direkt geöffnet, unbewaffnet. Ja, also ich erinnere mich noch wie heute daran an diese Szene. Die Kollegen der Mordkommission standen draußen, es waren vier Kollegen, die hatten ein Handy und wir standen also in Verbindung. Ich habe mein Handy eingeschaltet und die Kollegen hatten mitgehört, was wir sagen. Und als wir geschellt haben, stand der Kollege oben an der Treppe. Es war eine Treppe zu seiner Wohnung, die nach oben führte. Und wir standen, also ich zusammen mit einem anderen Kollegen direkt am Treppenansatz und die Kollegen hatten die Tür in der Hand. Wenn was passiert wäre, hätten die sofort eingreifen können. Und als ich hochgeguckt habe, stand der Kollege oben im Bademantel und hat uns angeschaut. Und wir haben ihn angesprochen und haben gesagt, wir müssen ihn sprechen. Und da merkte man gleich, dass er die Gesichtsfarbe wechselt, er wurde erschval, er wurde fürchterlich nervös und die Sprache war unsicher und das sind so Dinge, wo ich dann auch gleich stutzig wurde und gedacht habe, vielleicht hat er wirklich die Tat begangen.
Trotzdem blieb die Situation ja ruhig und der Kollege ließ sie in seine Wohnung. Wie verlief dann das Gespräch? Ja, wir haben auch nicht lange drumherum geredet. Ich habe ihm gleich eröffnet, weswegen wir da sind, dass er im Verdacht steht, ein versuchtes Tötungsdelikt begangen zu haben. Insbesondere deshalb, weil das Phantombild, das wir veröffentlicht haben, eben ihm sehr ähnlich sieht. Und als er das erfuhr, merkte ich, dass seine Anspannung gewichen ist und er plötzlich total erleichtert war, was ich wiederum nicht verstanden habe. Denn wenn man einen Vorwurf bekommt, einen Versuch des Tötungsdelikts begangen zu haben, kann man eigentlich nicht erleichtert sein. Das war aber bei ihm so. Er hatte den Kollegen, mit dem ich in seine Wohnung gekommen bin, als Kollegen vom KK11 wahrgenommen, mich ebenso. Und beim KK11 haben wir auch Todesermittlungsverfahren durchzuführen und manchmal müssen wir auch Todesbenachrichtigungen überbringen.
Und da seine Eltern gerade in Urlaub gefahren sind und er uns jetzt als Ermittler des KK11 gesehen hatte, hat er befürchtet, dass seinen Eltern was zugestoßen war. Und insofern hatte er die Befürchtung, dass seine Eltern tot sind und wir kommen jetzt, um ihm die Todesnachricht zu überbringen. Und deshalb diese Erleichterung, als er von mir hörte, dass er wegen versuchten Mordes gesucht wird. Ja, wir haben ihn dann gebeten, mit uns zu kommen und wir haben ihn dann mit zum Präsidium genommen und hier hat er uns gesagt, dass er in der Tat nach zu Hause gewesen ist. Die Frau des Kollegen hat sein Alibi bestätigt. Trotzdem gehen die Ermittler auf Nummer sicher und machen ein Foto von ihm, um es Katrin Hoffmann zu zeigen. Hat sie den Polizisten als ihren Angreifer wiedererkannt?
Nein, wir haben ihr das Foto gezeigt und sie hat ganz klar gesagt, das war er nicht. Und deswegen war der Kollege dann auch eigentlich raus aus den Ermittlungen. Ja, klare Sache. Sie waren natürlich alle erleichtert, dass es der Kollege nicht war.
Und trotzdem standen sie damit auch wieder ganz am Anfang. Aber es gibt eine Methode, die manchmal erfolgreich ist, wenn kaum etwas über einen Täter bekannt ist. Die sogenannte Lichtbildvorlage. Axel Pütter und sein Team wollten Katrin Fotos von Personen zeigen, die wegen anderer Straftaten bereits in den Registern der Polizei erfasst sind. Herr Pütter, erzählen Sie mal, wie wählt man in so einem Fall überhaupt die Person aus, die sich das Opfer ansehen soll? Ja, es geht hauptsächlich darum, wie ein Täter beschrieben wird. Also das Alter, die Größe, die Haare, die Frisur, Statur spielen alle eine Rolle, aber auch die Straftat, weswegen jemand da in Verdacht geraten ist. Und diese Daten kriegt der Computer und hat dann auch uns tatsächlich etwa 400 oder noch mehr Personen ausgeworfen sozusagen. Und wir müssen dann sortieren, wie wir da weiter vorgehen. Natürlich viel zu viele, um Sie, Katrin Hoffmann, alle zu zeigen. Wie haben Sie die Auswahl eingegrenzt? Ja, insbesondere geht es darum, die Anzahl der Übereinstimmungen festzustellen. Und je mehr Übereinstimmungen da sind, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Person auch passt. Und natürlich ist auch einer der Hauptfaktoren die Straftat selbst. Da waren wir uns ja alle nicht sicher, weswegen. Und da war ein Raubdelikt zu vermuten.
Wenn jemand eine Frau in der Nacht niedersticht und hätte jetzt die Möglichkeit, die Handtasche, die sie hatte, mitzunehmen, es nicht tut, schadet eigentlich ein Raubdelikt aus, aber es können ja auch andere Umstände dazu führen, dass er eben nicht seine Tat vollendet. Dann hatten wir auch den Verdacht, dass es sich möglicherweise um ein Sexualdelikt handeln könnte, die Geschädigte hat sogar ausgesagt. Als er sich über sie gebeugt hat, hat sie befürchtet, dass er sie jetzt vergewaltigt. Und da hat man ja natürlich erst einmal diesen Ansatz. Und der andere Ansatz war eben der, dass ein Mensch, der wahllos andere Menschen attackiert, Frauen attackiert, dass eben auch hier ein Sexualdelikt vorliegen könnte. Das wissen wir aus der Geschichte. Und wir haben noch die Befürchtung gehabt, es könnte ein Sexualdelikt sein, weil eben keine Beziehungstat vorgelegen hat, wenn das stimmt, was uns die Geschädigte seinerzeit gesagt hat. Und da sind wir jetzt von ausgegangen.
Sie haben dann einige Dutzend Gesichter auf Papier gedruckt, jeweils ohne Namen und sind mit dieser Auswahl zu Katrin Hoffmann ins Krankenhaus gefahren. Und dann sah es auf einmal so aus, als wären Sie der Lösung des Falls sehr nah. Was war da passiert? Ja, wir haben mehrere Seiten an Bildern der Geschädigten vorlegen wollen. Das heißt, wir haben auf jedem Blatt Papier DIN A4 Blatt neun Köpfe und wir haben etwa zehn Seiten davon gehabt und haben die mit ins Krankenhaus genommen und wollten der Geschädigten eben diese einzelnen Blätter vorlegen, dass sie sich diese Bilder im Einzelnen genau anschaut. Und da hat sie gar nicht lange suchen müssen. Sie hat auf dem ersten Blatt gleich eine Person vermeintlich wiedererkannt und hat gleich auf eine Person oben rechts im Bild gezeigt und hat gesagt, der war es.
Nach der falschen Fährte mit Ihrem Kollegen die erste heiße Spur. Ja, wir hatten tatsächlich am Anfang die Euphorie, möglicherweise einen Schritt weiter zu kommen, Täter zu ermitteln. Und wir müssen natürlich dann immer fragen, ob es tatsächlich auch sich bestätigt oder nicht. Und da waren wir noch.
Katrin Hoffmann war sich wohl sehr sicher. Der Mann, den sie erkannt haben wollte, hatte etwa zehn Jahre zuvor einen Diebstahl begangen und war deswegen in der Datenbank. Er arbeitete als Gärtner ganz in der Nähe von Katrins Wohnung. Er war sogar schon dort gewesen, denn Katrins Nachbarin war eine Kollegin von ihm und er hatte ihr beim Umzug geholfen. Herr Pütter, wie hat der Gärtner reagiert, als Sie ihn damit konfrontiert haben, dass ihn das Opfer als Angreifer erkannt hatte? Ja, er war zunächst natürlich geschockt und hat auch vehement abgestritten, dass er mit der Tat in Verbindung steht. Und dann haben die Kollegen ihn aber weiter vernommen und haben versucht, ihm ein Alibi zu entlocken. Auch er hatte kein Alibi. Und ja, dann kann ich mich erinnern, dass ein Kollege aus der Vernehmung rauskam. Das war ein junger Kollege seinerzeit, der noch nicht so viel Erfahrung hatte mit Vernehmung von Beschuldigten. Und der hat mich angesprochen, sagt er, pass auf, Axel, geh du mal rein, sprich du mal mit ihm. Ich habe nicht das Gefühl, dass er es war. Und dann habe ich mich in die Vernehmung gesetzt und habe mit ihm geplaudert. Und ja, da gibt es sowas wie ein Bauchgefühl und ich habe eigentlich ein ganz gutes Bauchgefühl und auch hier musste ich sagen, also so wie er sich verhält.
Dass er nicht der Täter ist, das war auch so mein Gefühl, aber dieses Gefühl kann auch trüben und ich habe es auch erlebt, dass ich falsch gelegen habe. Also es gab keine konkreten Hinweise gegen ihn, obwohl der Gärtner kein Alibi hatte und trotzdem muss man sagen, außer Katrins Aussage hat nichts gegen ihn gesprochen. Nicht einmal das Foto, mit dem sie ihn identifiziert hatte, denn das sah ihm überhaupt nicht ähnlich. Was meinen Sie, wie kam das dazu? Ja, das Problem war, dass das Foto, das wir der Geschädigten vorgelegt haben, schon zehn Jahre alt war und in der Zwischenzeit hatte dieser Gärtner über 30 Kilo abgenommen und das hat man dann auch im Gesicht erkennen können. Und deswegen haben wir noch mal ein weiteres Foto von ihm gemacht, aktuell auch der Geschädigten vorgelegt, auch im Rahmen einer Lichtbildvorlage, wo eben mehrere Köpfe drauf sind. Und sie hat ihn da gar nicht mehr wiedererkannt. Also konnte gar nicht mehr sagen, dass das die Person war, die sie vorher wiedererkannt hatte. Also da waren wir natürlich dann auch ein bisschen geschockt. Also leider wieder ein Rückschlag. Wieder ein Rückschlag. Die Anfangseuphorie war dann auch wieder verschwunden. Und ja, wir waren schon enttäuscht, weil wir gedacht haben, dem Ziel ein wenig näher zu kommen. Aber leider auch hier wieder nicht.
Katrin Hoffmanns körperliche Verletzungen sind zu diesem Zeitpunkt ausreichend verheilt, sodass sie aus dem Krankenhaus nach Hause darf. Normalerweise ist das für Patienten eigentlich eine schöne Nachricht. Endlich raus und nach Hause. Katrin Hoffmann fühlte sich nach der Tat dort aber nicht mehr sicher. Immerhin war sie ja in ihrem Wohnhaus angegriffen worden und musste jetzt bei jedem nach Hause kommen, an dem Platz im Hausflur vorbei, an dem das alles passiert war.
Psychisch stelle ich mir das alleine schon als unglaublich belastend vor. Meine Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion haben im Vorfeld zu dieser Aufnahme mit Florian Stöck gesprochen. Er ist Psychologe und Kriminologe und hat uns erklärt, mit welchen Folgen Opfer von solchen Gewalttaten zu kämpfen haben. Typische Folgen einer solchen Tat können in der kurzfristigen Phase eben alle Reaktionen sein, die man so aus dem Stressbereich kennt. Also erstmal, dass ich sehr sensibel bin, dass ich schreckhaft bin, nicht einschlafen kann, nicht durchschlafen kann, weil diese Gefahr quasi omnipräsent ist, immer wieder da ist und ich in einem Art Alarmmodus bin. Das muss aber nicht nur nachts sein, das kann auch irgendwo sein, auf einer Straße, wenn es dunkel ist vielleicht, wenn ein bestimmtes Geräusch aufkommt oder irgendwas, was die Erinnerung wiederbringt. Und dann auch Vermeidung von solchen Situationen, dass ich eben versuche, gar nicht mehr mich dem auszusetzen. Das heißt tatsächlich, entweder bestimmte Straßen meide, bestimmte Orte meide, zu bestimmten Zeiten das Haus nicht mehr verlasse, vielleicht auch sogar gar nicht mehr das Haus verlasse. Bis hin aber eben auch, dass ich vermeide, schlafen zu gehen oder auch alleine zu schlafen.
Katrin Hoffmann wollte nach der Tat so schnell wie möglich umziehen und den Ort hinter sich lassen, der mit dieser schlimmen Erfahrung verbunden war. Anderen Opfern geht es oft ähnlich, hat uns Florian Stöck erzählt. Wir wissen, dass tatsächlich in einer hohen Anzahl Menschen, die eben Opfer einer Straftat geworden sind, im Nachgang ihr Leben verändern, ihre Lebensweisen verändern. Dann will heißen, beispielsweise den Wohnort aufgeben, den Wohnort wechseln. Das sehen wir beispielsweise beim Wohnungseinbruchsdiebstahl. Da gibt es ganz gute Untersuchungen dazu, dass innerhalb von zwei Jahren ein ganz, ganz großer Anteil eben den Wohnraum aufgibt und verlässt.
Und aber auch natürlich bei Gewalttaten, dass man versucht, ein Stück weit eben von dem Umfeld wegzukommen. Das mich vielleicht an das Ereignis erinnert, das mich an das, was geschehen ist, erinnert. Das kann eine Vermeidungsstrategie sein, sagt Florian Stöck. Dass Opfer nach einer Straftat manchmal Veränderung suchen, kann aber auch eine andere Ursache haben. Wir sehen ganz häufig, dass Menschen, wenn sie eine Straftat erlebt haben, wenn sie Opfer geworden sind und das überlebt haben.
Dass sie das Gefühl entwickeln, sie werden ausgeliefert, sie werden hilflos, sie hätten versagt in der Situation. Und dieses Gefühl gilt es zu überwinden und das kann man tatsächlich schon mit ganz kleinen Maßnahmen machen, eben dass man Betroffenen wieder die Möglichkeit gibt, eigene Entscheidungen zu treffen und so Stück für Stück eben auch das Gefühl der Kontrolle wieder aufzubauen, bis hin zu eben auch Entscheidungen, wie geht es jetzt für dich weiter. Auch wenn Opfer es schaffen, an einem neuen Ort Fuß zu fassen und sich vielleicht auch wieder sicher fühlen, macht es eine existenzielle Erfahrung wie eine Gewalttat aber natürlich nie ungeschehen. Was man aber nicht vergessen darf, ist, dass wenn so ein Ereignis passiert ist, dann wird das immer Teil der eigenen Biografie sein. Das wird immer da sein und wird natürlich wie eine körperliche Verletzung quasi eine Narbe hinterlassen. Und diese Narbe kann eben auch im weiteren Verlauf Probleme machen. Eine vollständige Heilung ist häufig denkbar in Einzelfällen, aber tatsächlich nicht das Ziel, sondern eher das Ziel, einen gesunden Umgang mit dem Ereignis zu entwickeln. Für viele Betroffene heißt das, dass sie ihre Erfahrungen in einer Therapie aufarbeiten. Und das kann entscheidend sein, hat uns Florian Stöck erklärt. Wenn Opfer nämlich keine ausreichende psychologische Unterstützung bekommen, können sie nach einer Gewalttat langfristig schwere psychische Einschränkungen entwickeln. Schwierigkeiten mit der Lebenszufriedenheit, so ein Unsicherheitsgefühl.
Also Dinge, die uns im Alltag ein Stück weit beeinträchtigen, bis hin natürlich dann auch zu schwerer Erkrankung, so etwas wie eine posttraumatische Belastungsstörung. Neben der posttraumatischen Belastungsstörung ist aber auch die Entwicklung weiterer Erkrankungen denkbar. Beispielsweise das Ausbilden einer Depression, so wie es die meisten kennen dürften, also mit niedergeschlagen sein, fehlendem Antrieb, Ängstlichkeit, Angststörungen, aber auch Zwangsstörungen. Wie gut Opfer die Erfahrung einer Gewalttat verarbeiten können, hängt aber nicht nur von therapeutischer Unterstützung ab. Auch Familie und Freunde spielen eine wichtige Rolle. Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind, die brauchen in erster Linie Zuwendung. Und Menschen in ihrem Umfeld, die da sind, die ein Stück weit Stabilität ausstrahlen, Sicherheit vermitteln. Das heißt, auf die Betroffenen zugehen, nicht bedrängen, ein Angebot machen und eben ein Stück weit der Fels in der Brandung sind nach so einem Ereignis. Und das nicht nur in der ersten Phase, sondern möglicherweise auch dauerhaft. Und schwierig ist es dann, wenn sie erfahren, dass da eigentlich kein Interesse mehr da ist, beziehungsweise eben das Leben für die Außenstehenden weitergegangen ist und für sich selbst aber das Bedürfnis sehen, das Ereignis als solches nochmal aufzugreifen, aufzuarbeiten und darüber zu sprechen.
Auch Katrin Hoffmann beginnt nach der Tat eine Therapie und versucht, ins Leben zurückzufinden.
Währenddessen sucht die Mordkommission weiter nach dem Täter. Der Versuch, ihn über die Polizeidatenbank zu ermitteln, ist ins Leere gelaufen. Die Mordkommission arbeitet damals von frühmorgens bis spätabends, teils zwölf Stunden am Tag. Denn nach den Berichten in der Presse erreichen sie dutzende Hinweise.
Manche wollen ein passendes Auto gesehen haben, andere einen Mann, der dem Phantombild zum Verwechseln ähnlich sieht. Axel Pütter und sein Team gehen jedem Hinweis nach, aber keiner bringt die Ermittlerinnen und Ermittler weiter. Bis sich eine junge Frau meldet. Wir nennen sie hier Claudia Wolf. Mit ihrem Anruf bekommen die Ermittlungen noch einmal eine völlig neue Dimension. Denn auch sie wurde nachts auf dem Heimweg von einer Ü30-Party zu ihrer Wohnung im Bochumer Norden verfolgt. Von einem roten Auto. Claudia fuhr mal schneller, mal langsamer. Trotzdem war das andere Auto immer hinter ihr. Voller Angst bog sie in die Sackgasse ein, in der sie wohnte, duckte sich und wartete, bis der Verfolger vorbeigefahren war. Dann rannte sie zum Haus. An der Haustür war der Mann dann hinter ihr aufgetaucht. Sie schaffte es gerade noch nach drinnen. Aus dem Fenster sah sie ihn auf der Straße stehen. Er blickte sie an, dann ging er weg. Ganz gemächlich. Das geschah einige Wochen, bevor Katrin Hoffmann niedergestochen wurde. Als Claudia dann in der Zeitung davon erfuhr, meldete sie sich sofort bei der Polizei.
Denn ihr war nicht nur fast das Gleiche passiert. Ihr Verfolger sah auch noch genauso aus wie der auf dem Phantombild.
Ja, es gab also viele Parallelen zu Ihrem Fall, Herr Pütter. Welche Schlüsse haben Sie dann daraus gezogen? Ja, man musste erst mal feststellen, dass die zweite Zeugin einfach nur Glück gehabt hat, dass ihr nichts passiert ist, sie nicht niedergestochen worden ist. Und die Schlüsse, die wir daraus gezogen haben, waren eigentlich die Parallelen, die wir gesehen haben. Es gab so viele Übereinstimmungen, was die beiden Fälle angeht. Beide Frauen waren gleich alt, sie waren auch gleich groß, hatten beide schwarze, lange Haare. Sie waren schlank und die Beschreibung des Täters passte auch bei beiden überein und hinzu kommt, dass sie auf einer Ü30-Party gewesen sind. Beide, sowie auch die Begehungsweise, die der Täter an den Tag gelegt hat, war identisch und beide Frauen waren auch alleine. Also es waren so viele Parallelen, dass wir davon ausgegangen sind, wir haben es mit einem Serientäter zu tun.
Eine heftige Erkenntnis. Wie hat sich die auf Ihre Ermittlungen ausgewirkt? Indem sich der Fahndungsdruck nun erhöht. Wenn wir offen über einen Serientäter sprechen, dann wird natürlich der Druck sehr groß. Zum einen verlangt die Presse Aufklärung. Die Bevölkerung möchte einen Täter festgenommen sehen und die Angst, die in der Bevölkerung besteht. Der Druck einer Mordkommission besteht auch darin, dass auch die Behördenleitung nachfragt und die einzelnen Kriminalkommissare, die ihre Leute in die Mordkommission gesteckt haben, die möchten auch ein Ergebnis haben. Und wir wissen, bei einem Serientäter haben wir viel Arbeit und wir haben eine große Aufmerksamkeit. Und das ist eben das Problem, wenn wir tatsächlich über einen Serientäter sprechen. Also Sie haben sich dann entschieden, mit der Information an die Öffentlichkeit zu gehen. Was haben Sie sich davon erhofft?
Ja, erst einmal die Entscheidung selbst, die treffen wir auch nicht alleine, sondern mit dem Staatsanwalt und der hat uns auch grünes Licht gegeben und der hat das alles voll unterstützt. Und ja, womit wir rechnen müssen, ist eben, dass das mediale Interesse viel größer ist, als wenn wir es nur mit einer Einzeltat zu tun haben. Und bei größerem Interesse in der Bevölkerung haben wir auch größere Chancen, dass wir Hinweise bekommen. Und ein weiterer Aspekt, der noch eine Rolle spielt, ist, wenn wir da in die Öffentlichkeit gehen und von einem Serientäter sprechen, sind vielleicht auch Frauen gewarnt und sind vorsichtiger und sehen sich vielleicht einmal mehr um und geben uns vielleicht auch Hinweise, dass ihnen Ähnliches passiert ist wie den anderen Frauen. Bevor wir jetzt über die Hinweise sprechen, die Sie nach dieser Pressekonferenz bekommen haben, wollen wir noch kurz bei diesem zweiten Opfer Claudia Wolf bleiben. Auch ihr haben sie ja nämlich Fotos von möglichen Tätern gezeigt und auch sie tippte direkt auf ein Bild. Ja, das war das Erstaunliche. Auch sie, wir haben auch bei diesen Fotos, die wir ihr vorgelegt haben, auch wieder die Tatverdächtigen, die wir bereits hatten, also unseren Kollegen und den Gärtner dabei gehabt und sie tippte auch wieder auf den Gärtner.
Und ja, das war natürlich das, was uns auch stutzig gemacht hat, dass er zweimal quasi von einer Geschädigten wiedererkannt wurde. Darf ich zwischenfragen, war das das Bild sozusagen, wo er schon über 30 Kilo abgenommen hatte, das neue Foto oder das alte Foto? Ja, das war das neue Foto und da sah er wieder schlanker aus und die Geschädigte hatte uns gesagt, sie würde ihn so sehen, wie er da auf dem Bild ist, aber etwas fülliger im Gesicht und deshalb haben wir das Phantombild nochmal abgewandelt. Sie haben ihn dann ein zweites Mal vernommen? Ja, wir haben ihn dann wieder von seiner Arbeitsstelle abgeholt und haben ihm offenbart, dass auch eine zweite Frau ihn als Täter wiedererkannt hat. Und er war auch hier wieder total geschockt und hat aber vehement nach wie vor abgestritten mit der Tat, was zu tun zu haben. Aber wir hatten ihn nun mal wieder bei uns in den Räumen. Er hat wohl auch befürchtet, also er soll sich so ähnlich gehäußert haben, dass sein Leben in Freiheit jetzt wohl vorbei sei. Also ich glaube, er hat so ein bisschen resigniert. Zwei Frauen haben ihn unabhängig voneinander erkannt.
Ja, das ist schon keine leichte Situation. Ja, sicher. Und genau das war eben der Punkt, so wie Sie es gesagt haben. Er hat tatsächlich abgeschlossen und hat gesagt, ja, ich war es nicht, aber ich weiß, jetzt gehe ich eben für ein paar Jahre ins Gefängnis, wenn zwei Frauen mich wiedererkannt haben als Täter. Aber noch einmal, er war eigentlich sehr ruhig in der Vernehmung. Und ja, es war auch so, dass wir auch bei ihm tatsächlich die Befürchtung hatten, er ist es wirklich nicht. Sie sind den nächsten Schritt gegangen, haben dann beide Frauen ins Präsidium gebeten für eine Gegenüberstellung. Wie lief das ab? Ja, das kann man sich tatsächlich so vorstellen, wie es im Fernsehen schon mal dargestellt wird. Allerdings nur mit einem Spiegel und nicht mit so einem riesen Vernehmungsraum. Also es ist so, dass wir einen sogenannten venezianischen Spiegel haben.
Der Tatverdächtige und Personen, die wir aus dem Präsidium heraussuchen, die Ähnlichkeit mit diesem mutmaßlichen Täter haben, die werden in eine Reihe gestellt. Jeder kriegt eine Nummer und die Geschädigte hat dann in einem separaten Raum die Möglichkeit, durch den venezianischen Spiegel hindurchzugucken. Auf der anderen Seite ist aber tatsächlich dieses Spiegelbild, sodass man nicht sehen kann, wer ist denn hinter diesem Spiegel und wer will mich jetzt da raussuchen. Und wir haben also beide Zeuginnen beziehungsweise Geschädigte gehabt und haben die nacheinander in diesen Raum geführt und haben sie alleine in den Raum des Erkennungsdienstes schauen lassen. Und da standen eben sieben Leute mit jeweils einer Nummer vor der Brust. Und wie gesagt, das ist wie im Fernsehen. Und da haben beide unabhängig voneinander auch wieder diesen Gärtner herausgepickt und haben gesagt, der wäre es. Jetzt nur noch mal rein Interesse halber. Also da steht der Gärtner. Und wer sind die anderen sechs? Das sind Kollegen, die wir raussuchen, die Ähnlichkeiten mit Größe und dem Alter und dem Aussehen haben, die wir dann suchen müssen. Und das ist dann manchmal nicht immer so einfach, aber es ist immer einfach, Kollegen irgendwo aus dem Dienst rauszuziehen, die dann eben als Vergleichsperson in diesem Raum stehen, neben dem Täter. Haben da die Kollegen Lust dazu, sowas zu machen? Ich finde das eine unangenehme Situation. Ich hatte immer die Befürchtung, dass da jemand mal auf mich zeigt. Ja, da muss man mitrechnen.
Aber nein. Okay, also die beiden Frauen haben jetzt unabhängig voneinander wieder den Gärtner identifiziert. Wie sicher waren sich die beiden denn? Ja, auch wieder kurios. Beide hatten zu 90 Prozent den Gärtner als Täter wiedererkannt, aber 90 Prozent sind nicht 100 Prozent. Und das mussten wir dann auch berücksichtigen. Ja, da würde sich sofort jeder Verteidiger drauf stürzen, nicht? Natürlich, jeder Verteidiger wird da versuchen, einen Zeugen unglaubwürdig zu machen und wenn 90 Prozent eben als Täter, wenn eine Person zu 90 Prozent als Täter wieder erkannt worden ist, dann wird das der Rechtsanwalt auseinandernehmen. Da haben wir überhaupt keine Chance. Wenn, dann haben wir nur eine Chance, wenn es wirklich 100 Prozent Sicherheit gibt, dass der Mensch, der da identifiziert wurde, auch der Täter war. Das heißt, Sie mussten ihn gehen lassen? Ja.
Wieder führt also eine vermeintlich heiße Spur ins Nichts. Trotzdem haben die Ermittler einiges zu tun. Denn mit der Information, dass sie nach einem Serientäter suchen, geben sie auch ein neues Phantombild heraus, das sie mit Hilfe der zweiten Zeugin Claudia Wolf erstellt haben. In der Folge melden sich Frauen aus ganz Deutschland und sogar aus dem Ausland, die in ähnlicher Weise oder von einem ähnlich aussehenden Mann verfolgt worden seien. Drei der Hinweise sind am Ende entscheidend. Einer kommt dabei von Nicole Krüger. Sie ist im Juni 1999 spätabends mit ihrem Auto unterwegs, also gut ein Jahr vor dem Angriff auf Katrin. Und auch ganz in deren Nähe, in Dortmund etwa 20 Kilometer von Kathrins Wohnort Bochum entfernt.
Auch Nicole ist auf dem Heimweg, als sie bemerkt, dass ihr ein Auto folgt. Nicole hat Glück, dass sie sich in Dortmund gut auskennt. Sie fährt zu einer Polizeiwache, die von außen als solche nicht erkennbar ist und erzählt den Beamten, was ihr gerade passiert ist. Als die nach draußen laufen, ist der Verfolger weg. Nach kurzer Suche entdecken sie in der Nähe ein Auto. Einen roten Wagen. Der Motor ist noch warm und der Fahrer sitzt drin. Die Polizisten durchsuchen das Fahrzeug und finden Paketschnur, Klebeband und ein Messer. Der Fahrer sagt, er habe die Orientierung verloren und streitet ab, Nicole verfolgt zu haben. Die Utensilien habe er für seinen Umzug gebraucht. Die Beamten lassen ihn gehen, aber erst nachdem sie seine Personalien aufgenommen haben. Wir nennen den Mann hier.
Axel Pütter und sein Team erreicht außerdem einen Anruf aus Herdecke, gut 30 Kilometer südlich von Bochum. Am Telefon ist eine Krankenschwester, Sandra Schäfer. Auch sie erzählt von einer Verfolgungsfahrt im Sommer des Vorjahres, also 1999. Ein Mann ist ihr bis nach Hause hinterher gefahren, vorgeblich, um sie auf ihren platten Hinterreifen aufmerksam zu machen. Als Sandra, ihr Freund und der Mann gemeinsam nachsehen, ist der Reifen aber intakt. Er habe sich wohl getäuscht, sagt der Fremde und steigt in seinen Wagen und fährt davon. Am nächsten Morgen ist der Reifen dann aber tatsächlich platt. Durch einen winzigen Einstich ist die Luft über Nacht entwichen. Sandra erzählt auf der Arbeit davon und wird prompt von einer Kollegin in der Klinik angesprochen, der exakt das Gleiche passiert ist. Die Polizei überwacht von da an den Parkplatz des Krankenhauses, in dem die Frauen arbeiten. Und es dauert nicht lange, bis ein Mann in einem roten Auto vorfährt. Er parkt, steigt aber nicht aus. Den Polizisten, die ihn gleich darauf kontrollieren, sagt er, er habe die Orientierung verloren. Es ist Dirk E.
Die Kollegen in Herdecke wussten damals nicht, dass Dirk E. kurz zuvor schon in Dortmund aufgefallen war. Die Fäden sind dann erst ein Jahr später bei ihm zusammengelaufen. Ja, das ist richtig. Und zwar gab es sogar noch einen weiteren Fall in Bochum, wo eine Verfolgungsfahrt stattgefunden hat. Und diese Frau hatte sich ein Fragmentkennzeichen gemerkt, das heißt ein Bruchteil des Kennzeichens, nämlich die Anfangsbuchstaben der Stadt. Und das war identisch auch mit dem, was der mutmaßliche Täter tatsächlich auch an seinem Fahrzeug hatte. Und wir haben dann diese Hinweise der Frauen, wo eben Dirk E. Als Verfolger quasi identifiziert wurde, uns die Akten geholt. Und diese Akten haben wir dann studiert. Und wir hatten jetzt zum ersten Mal eine Identität eines möglichen Verfolgers und hatten da natürlich auch die Hoffnung, Das könnte unser Täter auch tatsächlich sein, der in Bochum die Frau niedergestochen hat. Die Frage war, ob Dirk E. auch Katrin Hoffmann verfolgt und angegriffen hatte. Das Problem daran, selbst wenn sie ihn zu 100 Prozent als Täter identifiziert hätte, hätte das vor Gericht nur wenig Aussagekraft gehabt, weil sie zuvor auch schon den Gärtner zu 90 Prozent als Täter ausgemacht hatte.
Die beste Chance herauszufinden, ob Dirk E. etwas mit dem Messerangriff auf Katrin Hoffmann zu tun hatte, war also seine Vernehmung. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet, Herr Pütter? Ja, also grundsätzlich muss ich erst einmal sagen, es ist äußerst wichtig, mit einem mutmaßlichen Täter ins Gespräch zu kommen. Und das schaffen wir immer nur mit rechtsstaatlichen Mitteln. Und es bringt nichts, wenn wir ihn irgendwie unter Druck setzen oder sonst was. Und wir haben natürlich auch versucht, erst einmal festzustellen, was ist das überhaupt für ein Mensch und wo arbeitet er und gibt es irgendwas an Vorstrafen oder sonst was. Aber der war unbefleckt, sage ich jetzt mal. Und er war aber auch ein cleverer Mensch und war als IT-Fachmann im Ruhrgebiet beschäftigt. Und das Alter war 28 Jahre.
Wir wollten dann auch versuchen, dass wir ihn so ein bisschen überraschen, haben quasi festgelegt, wie wir vorgehen. Und zwar haben wir an seiner Firma die Leitung befragt, ob wir einen Raum zur Verfügung haben, wo wir ihn ansprechen würden als Mordkommission. Und er sollte aber nicht wissen, dass wir dort auflaufen und wollten also auch seine Reaktion mal testen, wenn wir uns als Mordkommission vorstellen und ihn gerne sprechen wollen. Und wie hat Dirk E. jetzt überhaupt reagiert? Ja, ich muss dazu sagen, ich selbst war nicht vor Ort. Ich hatte eine private Familienfeier und habe das da meine Kollegen machen lassen. Und er hat tatsächlich sehr eigenartig reagiert, denn die Kollegen haben sich vorgestellt, wir sind von der Mordkommission, wir müssen sie mal sprechen. Und er hat überhaupt nicht gefragt, er hat gar nichts gemacht und hat alles so quasi über sich ergehen lassen. Er hat nicht eine einzige Frage gestellt, auch im Auto nicht, als wir ihn zum Präsidium gebracht haben, hat er nicht nachgefragt, warum die Mordkommission ihn gerade sprechen möchte. Also wir können festhalten, er hat sich ungewöhnlich ruhig verhalten.
Erzählen Sie weiter. Ja, wir haben, also die Kollegen haben mir erzählt, dass sie eben, als er in den Raum hineinkam, waren natürlich überrascht, da sitzen mehrere Leute und die sind von der Mordkommission. Und als einer der Kollegen ihn gesehen hat, ist ihm aufgefallen, der sieht ja dem Phantombild verdammt ähnlich und hat dann versucht, einem Kollegen das mitzuteilen, hat aber mit dem Fuß unter dem Tisch sein Bein getroffen und der ist dann ein bisschen heftiger ausgefallen, dieser Tritt. Und nichtsdestotrotz war aber all jedem klar, die Ähnlichkeit ist verblüffend mit den Phantombildern, die wir hatten und mit ihm als mutmaßlichen Täter. Wie verlief dann die anschließende Vernehmung? Wie ging das weiter?
Ja, wir mussten ihn natürlich zunächst einmal belehren, dass er hier bei uns aussagen soll. Und er hat also auch das Recht, die Fragen nicht zu beantworten bzw. Zu schweigen. Aber er wollte auch mit uns reden und wir haben uns zunächst einmal auf die persönlichen Dinge von ihm beschränkt. Das machen wir grundsätzlich. Das gehört auch mit zu einer normalen Vernehmung dazu, dass erst die persönlichen Dinge abgefragt werden. Und so kommt man dann auch vielleicht irgendwie besser ins Gespräch mit einem Menschen. Und so war es auch hier. Wir haben abgefragt, wo er zur Schule gegangen ist, wie seine Kindheit verlaufen ist und die Arbeitsstelle, ob ihm das gefällt und was er für Vorstellungen hatte beruflich. Und dementsprechend haben wir auch seine Verwandtschaftsverhältnisse abgeklärt und dann hat man schon mal so einen Einstieg gehabt und danach geht es eigentlich erst zur Sache, so heißt das auch bei uns so, dass eben dann die Dinge abgefragt werden, die für uns wichtig sind, wo hat er sich aufgehalten, war er schon mal in Dortmund, war er schon mal hier, war er schon mal da.
Genau zu diesem Punkt. Aus den Berichten der Zeuginnen wussten Sie, dass Dirk E. in Herdecke, Dortmund und Bochum unterwegs war. Ich nehme an, Sie haben ihn damit konfrontiert. Genau. Und er hat zunächst alles abgestritten, hat überhaupt abgestritten, dass er in Dortmund, in Bochum schon mal gewesen sei oder in Herdecke. Und wir hatten aber die Hinweise, dass er da war. Und da ist die Frage natürlich klar, warum lügt er? Und das macht ihn natürlich auch verdächtig. Aber wir hatten nicht einen stichhaltigen Beweis, dass er auch wirklich eine Frau attackiert hatte. Und wir haben ihn natürlich auch gefragt, ob er vielleicht einen Rechtsanwalt haben möchte. Aber nein, er hat das alles abgelehnt. Und dementsprechend haben wir mit der Vernehmung weitergemacht.
Sieben Stunden lang haben Ihre Kollegen Dirk eh vernommen, erfolglos. Also er wirkte zunächst mal stressresistent. Aber dann hat sich das Blatt auf einmal gewendet. Die Situation war so, dass ich, wie gesagt, nicht vor Ort war. Und die Kollegen haben mir dann immer telefonisch gesagt, wie weit sie sind. Und haben mir dann auch gesagt, dass sie Hoffnung haben, dass das sein könnte, weil er abgestritten hat, dass er eine Frau in Herdecke verfolgt hatte. Und irgendwann hat er sich aber dann dahingehend geöffnet, hat das auch bestätigt, dass er die Frauen verfolgt hatte. Und der Kollege, der mit mir permanent telefoniert hatte, der war wieder mal draußen aus der Vernehmung. Wir machen ja auch ab und zu mal eine kleine Pause, damit er sich ein bisschen erholen kann. Und er saß da alleine mit dem jüngeren Kollegen und da hat er plötzlich zu den Kollegen gesagt, ja, ich weiß, was ihr wissen wollt. Ihr wollt von mir hören, dass ich die Frau hier in Bochum niedergestochen habe. Ja, das war ich. Und jetzt nehmen Sie sich einen Zettel und einen Bleistift. Ich habe noch mehr gemacht.
Unglaublich. Aber Sie haben ihn danach noch mehrfach vernommen? Zu welchen Fakten? Ja, er hat uns eben mehrere Taten zugegeben. Die haben wir dann im Einzelnen abgeklärt und zumindest vernehmungstechnisch aufgenommen. Und wir haben im Nachhinein insgesamt 16 Verfolgungsfahrten verifizieren können, wo eben auch im Nachhinein sich die beschädigten Frauen gemeldet hatten. Und dementsprechend sind wir da natürlich glücklich gewesen, dass wir da diese Taten eben klären konnten. Wie viele Taten konnten Sie ihm denn zuordnen nach seiner Vernehmung, wo er Frauen tatsächlich niedergestochen oder angegriffen hatte? Er hat uns von sechs Fällen berichtet.
Einen Fall konnten wir nicht näher verifizieren. Das war ein Fall in Delmenhorst, wo er in ein Auto eingestiegen ist und die Frau attackieren wollte. Da ist aber nichts passiert. Deshalb hat die Frau wohl nicht die Tat angezeigt und deswegen konnten wir es auch nicht nachvollziehen. Jetzt fragt man sich aber, warum dauerte es bis zu seinem Geständnis, dass man ihn als Täter in, sagen wir mal, nicht in all diesen Fällen, aber zumindest in weiten Teilen der Fälle hätte ausmachen können. Gab es denn da nicht schon mal vorher Anzeigen über diese Vorfälle? Also hätte man da nicht irgendwo schon mal gucken können, ah, da gibt es ähnliche Fälle, da gibt es ähnliche Fälle? Wie war das? Ja, das Problem war, dass... Die Taten in ganz Deutschland passiert sind, hauptsächlich im Norden Deutschlands und im Ruhrgebiet, aber auch in Holland. Und er hat auch die, wir sagen den Modus operandi, also die Begehungsweise geändert. Er hat nicht immer das Gleiche gemacht. Und da die Taten so weit auseinander liegen, sind ja auch örtliche Zuständigkeiten gegeben und es wurden ja auch nicht alle Taten angezeigt, sodass das also schwierig war, da einen Zusammenhang zu erkennen. Und das hätten wir wahrscheinlich so auch nie feststellen können, denke ich mir.
Also im Grunde genommen hat sich dieser Tatzusammenhang erst ergeben, als wir sein Geständnis hatten und die Zeuginnen, die sich im Nachhinein gemeldet haben, da konnten wir also wirklich feststellen, das sind tatsächlich 16 nachvollziehbare Verfolgungsfahrten gewesen, die auch für die Frauen sehr massiv gewesen sein sollen. Wir haben aber auch, denke ich mir, ein großes Dunkelfeld hier, weil wir da wahrscheinlich nur einen Bruchteil von dem, was er tatsächlich gemacht hat, auch nur nachvollziehen konnten. Das war unser Problem. Denn er sprach ja später einmal davon, dass er 60 Mal Frauen verfolgt habe. Und da bin ich mir auch nicht sicher, ob das nicht vielleicht irgendwo gelogen war und da noch weitere Taten im Hintergrund waren. Also Sie haben, glaube ich, im Vorgespräch auch gesagt, dass er sich selbst nicht mehr so richtig erinnern konnte. Ja, erst mit seinem Geständnis und den Hinweisen der Frauen, die sich im Zuge unserer Ermittlungen meldeten, konnten wir ihm 16 Verfolgungsfahrten zuordnen. Wahrscheinlich war es aber nur ein Bruchteil dessen, was er tatsächlich gemacht hat, weil er sich auch selbst nicht mehr an alles erinnern konnte.
Ob Dirk E. sich tatsächlich nicht erinnern konnte oder nicht wollte, das bleibt eine offene Frage. Die Angriffe auf fünf Frauen, wegen denen er später vor Gericht stand, wollen wir an dieser Stelle aber nochmal erwähnen. Oktober 1998, Emden. Dirk E. verfolgt eine Frau nach Hause. Vor der Haustür sticht er ihr mit einem Messer in die Brust. Er sticht noch mehr als zehnmal auf sie ein, dreht das Messer und verletzt dabei unter anderem Rippen, Leber, Zwerchfell und Bauchspeicheldrüse. Peicheldrüse. Juli 1999, Wuppertal. Der damals 27-Jährige verfolgt eine Frau bis zur Haustür. Mit einem Radmuttern-Schlüssel zielt er auf ihren Kopf. Aber sie dreht sich schnell genug weg. Er trifft ihre Schulter. Juni 2000, Münster. Er verfolgt eine Frau bis zu ihrem Studentinnenwohnheim, vor dessen Tür er etwa siebenmal auf ihre Beine und ihren Bauch einsticht. Juli 2000, Bochum. Dirk E. Verfolgt Katrin von der Ü30-Party und sticht ihr vor ihrer Haustür in den Rücken. August 2000, Venlo. Nur drei Tage bevor die Polizei ihn festnimmt, versucht Dirk E. Eine Frau mit einem Küchenmesser anzugreifen. Sie wehrt sich und entkommt unverletzt.
Man muss wirklich sagen, es grenzt fast an ein Wunder, dass all diese Frauen überlebt haben. Ihr Leben veränderte sich wegen Dirk E. allerdings radikal. Die meisten von ihnen haben nach der Tat Schlafstörungen und Albträume. Alle sagen, sie sind seitdem ängstlicher, besonders im Dunkeln, besonders wenn sie allein sind. Eine der Frauen hatte zwischenzeitlich sogar Suizidgedanken. Bis heute ist nicht klar, ob Dirk E. nur diesen Frauen Gewalt angetan hat oder ob er vielleicht sogar noch Schlimmeres verbrochen hat. Zu seinem Motiv kommen wir gleich. Doch zunächst einmal haben die Ermittler nach seinem Geständnis versucht herauszufinden, wo er sich ab seinem 14. Lebensjahr aufgehalten hat. Also ab dem Zeitpunkt, ab dem er strafmündig ist. Und ob es dort möglicherweise noch weitere Verfolgungen oder Angriffe auf Frauen gegeben hatte.
Sie sind dabei auf Dutzende ähnliche, bislang ungeklärte Fälle gestoßen. Herr Pütter, wie hat Dirk E. reagiert, als Sie ihn mit diesen Taten konfrontiert haben? Ja, es gab mehrere Taten, die uns angeboten wurden, wo eben die Opfer auf ähnliche Art und Weise attackiert worden sind. In den meisten Fällen hat er da sehr selbstsicher reagiert und hat auch gesagt, dass er damit nichts zu tun hat. Mit einer Ausnahme nicht? Ja, mit einer Ausnahme. Es war ein Fall auch in Norddeutschland, wo ein junges Mädchen niedergestochen wurde, auch vor der Haustür. Und da hat er ganz anders reagiert. Er wurde nämlich etwas nervös und hatte auch den Blickkontakt nicht mehr so halten können und wollte eigentlich weg von dieser Tat. Das hat uns natürlich stutzig gemacht und ein Kollege hat dazu auch einen bestimmten Eindrucksvermerk geschrieben. Aber wir konnten die Tat nicht nachweisen und von daher mussten wir es dabei belassen.
Anfang der 2000er kommt Dirk E. wegen fünf der Angriffe vor Gericht, die er Axel Pütter und seinen Kollegen gestanden hat. Eine weitere Frau, die er laut eigener Aussage 1993 in Delmenhorst mit einem Messer attackiert haben soll, konnte nie ermittelt werden. Der Prozess gegen ihn beginnt am 24. April 2001 vor dem Landgericht Bochum. Er wird wegen versuchten Mordes in drei und wegen gefährlicher Körperverletzung in fünf Fällen angeklagt. Im Prozess wird klar, dass Dirk E. mindestens 60 Frauen verfolgt hat, um sexuelle Fantasien zu verwirklichen. Er tat das über mehr als acht Jahre hinweg, seit er Anfang 20 war.
Dirk E. kommt aus einer gläubigen protestantischen Familie, in der Eltern und Großeltern streng darauf achteten, dass die Regeln der Kirche eingehalten werden. Über Sexualität wurde wohl nicht gesprochen. Als Kind fügte sich Dirk E. in die strenge Ordnung, unterdrückte seine Sexualität und flüchtete sich in seine Fantasien. Darin war er nicht gehemmt und beschämt, sondern mächtig. Um seine Fantasien zu verwirklichen, suchte er ab Anfang der 90er Jahre wahllos Frauen, die er verfolgte und attackierte. Im Wissen, dass sie sterben könnten. Der Psychiater und der Psychologe, die vor der Verhandlung mit Dirk E. Sprechen, diagnostizieren ihm unter anderem eine sadistisch-perverse Entwicklung. Ihm sei wichtig gewesen zu sehen, wie seine Opfer ihn verängstigt anblicken, so beschreibt Dirk E. es später selbst in einem Interview.
Für Opfer kann so ein Prozess unglaublich belastend sein, weil sie wieder mit der Tat konfrontiert werden. In Deutschland können Opfer vor Gericht aussagen, ohne dass der Täter anwesend ist. Warum sich trotzdem viele entscheiden, dem Täter noch einmal zu begegnen, dazu hören wir noch einmal den Psychologen Florian Stöck. Wir wissen aber, dass Menschen, die Opfer einer Straftat geworden sind, sehr häufig nach dem Warum suchen, nach dem Hintergründen forschen und wissen wollen, was hat denn dazu geführt. Und bei einem fremden Täter sind natürlich sehr viele Unbekannte im Spiel. Und das führt eben auch dazu, dass Menschen aktiv an Gerichtsprozessen teilnehmen, wenn tatsächlich der Täter, die Täterin identifiziert wurde und es zur Verhandlung kommt, weil sie sich eben diese Antworten erhoffen. Weil sie erhoffen, Licht ins Dunkle zu bekommen, was eben dazu geführt hat, dass sie diejenigen sind, die Opfer dieser Straftat geworden sind und versuchen eben damit ein Stück weit die Verarbeitung auch voranzutreiben. Auch wenn das mit einer möglicherweise belastenden Konfrontation verbunden ist. Es gibt aber auch noch einen Grund, warum eine Gerichtsverhandlung für Opfer einer Gewalttat schwierig sein kann. Eine große Gefahr einer Gerichtsverhandlung ist eben auch, dass es zu einer sogenannten sekundären Victimisierung kommt.
Und einer sekundären Victimisierung versteht man, dass eine Person ein zweites Mal passiert. Zum Opfer wird, ein zweites Mal in eine Situation gerät, in der sie die Kontrolle verliert. Und unser Strafprozess ist darauf angelegt, dass dem Täter, der Täterin eben die Schuld zu beweisen ist. Und das kann passieren, dass eben eine geschädigte Person vor Gericht mit dem Ereignis konfrontiert wird und eben da auch die Frage gestellt bekommt, wo lag denn dein eigener Anteil? Hättest du nicht was anderes machen können? Hast du vielleicht provoziert? Was natürlich für die betroffene Person potenziell wieder retraumatisierend sein kann, eben zu einem Wieder-zum-Opfer-Werden-Gefühl führen kann. Und deswegen ist es so wichtig, dass eben Betroffene vor Gericht auch adäquate Unterstützung bekommen. Und deswegen haben wir seit einigen Jahren eben die sogenannte psychosoziale Prozessbegleitung, die die Betroffenen ein Stück weit auf solche Befragungen, Auseinandersetzungen auch vorbereitet und eben aber auch zur Seite steht, dass man ein solches Ereignis, eine solche Gerichtsverhandlung nicht alleine durchstehen muss.
Das Urteil gegen Dirk E. fällt am 22. Mai 2001. Er wird wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in einem und in vier weiteren Fällen wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Außerdem entscheidet das Gericht, dass er in einer psychiatrischen Klinik untergebracht wurde. Täter, die in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden, müssen dort mitunter länger bleiben, als ihre Haftstrafe dauert. Sie werden erst entlassen, wenn sie nicht mehr als gefährlich gelten und müssen dafür einen langwierigen Prozess durchlaufen.
Herr Pütter, wissen Sie, wie es Katrin Hoffmann heute geht? Ja, ich habe vor wenigen Tagen noch mit ihr telefoniert und sie hat mir berichtet, dass sie das mittlerweile psychisch einigermaßen aufgearbeitet hat. Sie hat ja über viele Jahre auch eine Therapie durchgeführt und das hat ihr wohl offensichtlich sehr geholfen. Und sie weiß, dass sie eigentlich nicht gemeint war, sondern es hätte jede andere Frau auch sein können mit der Attacke des Täters und das war für sie auch etwas Beruhigendes und sie hat das also, sag ich mal, gut überwunden.
Kurze weitere Frage noch an der Stelle. Haben die Opfer eigentlich jemals untereinander Kontakt gehabt? Nein, nur während der Gerichtsverhandlung, denke ich mir, Da war der Kontakt da, weil die drei nach vor Gericht vernommen worden sind. Aber ansonsten ist mir nicht bekannt, dass sie tatsächlich Kontakt miteinander hatten.
Wir können ihr, also Katrin Hoffmann und allen anderen Opfern von Dirk E. An dieser Stelle nur das Beste wünschen und nochmal betonen, wie wichtig es ist, sich unbedingt an die Polizei zu wenden, wenn man sich zum Beispiel verfolgt fühlt oder sogar belästigt wird, auch dann, wenn die andere Person nicht gewalttätig wird. Man weiß nie, welche Informationen Ermittlerinnen und Ermittler brauchen, um einen Fall oder sogar eine Serie von Fällen aufzuklären und ob man nicht vielleicht das fehlende Puzzlestück in den Ermittlungen ist. Ja, und damit sind wir am Ende der heutigen Folge. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen, Herr Pütter, dass Sie sich die Zeit genommen haben und heute zu uns ins Studio gekommen sind. Ja, ich danke Ihnen, dass ich heute hier sein durfte. Vielen Dank. Ja, auch von mir herzlichen Dank, Herr Pütter, dass Sie da waren. Danke auch an Florian Stöck und Carolin Rückel, die Autorin dieser Folge. Wie immer am Ende vielen Dank auch an Euch fürs Zuhören. Ich sage bis zum nächsten Mal bei Aktenzeichen XY, unvergessene Verbrechen. Ganz wichtig, bleibt sicher. Wenn es euch gefallen hat, drückt doch gerne auf Abonnieren, damit ihr auch die nächste Folge nicht verpasst. Bis dahin und tschüss. Aktenzeichen XY, unvergessene Verbrechen, ist eine Produktion der Securitel in Kooperation mit Bumfilm im Auftrag des ZDF.