Herzlich willkommen zu unserer heutigen Ausgabe von Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen mit einer neuen Spezialfolge. Mein Name ist Rudi Zerne und ich bin wie immer nicht allein. Stimmt. Ich bin Nicola Hänisch-Koros und freue mich, dass ihr eingeschaltet habt. Ja, Rudi, im Podcast haben du, Conny und ich schon mit einigen Ermittlerinnen und Ermittlern über die Aufklärung von Fällen und die Arbeit der Mordkommissionen gesprochen. Wie Tatorte gesichert werden zum Beispiel oder über Strategien zur Festnahme und Vernehmung von Verdächtigen.
Heute wollen wir mal etwas tiefer einsteigen. Übrigens, wolltest du als Kind eigentlich auch mal Polizist werden? Ja klar. Allerdings war mir damals nicht ansatzweise bewusst, was es überhaupt bedeutet, als Ermittler tätig zu sein. Ein Verbrechen aufzuklären verlangt nämlich immens viel Ausdauer, wie wir ja festgestellt haben. Gute Nerven, Fachwissen, Teamwork und eine gute Prise Intuition. Ihr Berufsalltag ist geprägt davon, Spuren zu analysieren und peu à peu die entscheidenden Puzzleteile zusammenzusetzen. Aber auch der Umgang mit unterschiedlichsten Schicksalen spielt eine große Rolle. Und während die meisten einen geregelten 9-to-5-Job oder planbare Schichtzeiten haben, können Mordermittler jederzeit in den Dienst gerufen werden. Auch an Weihnachten oder in ihrem Urlaub, wie wir im Podcast ebenfalls schon öfter gehört haben. Ja, wer diesen Beruf ergreifen will, braucht nicht nur ein feines Gespür für Menschen, sondern auch die Fähigkeit, Geduld und Hartnäckigkeit zu verbinden. Denn der Weg zur Wahrheit ist selten einfach.
Der Weg hier zu uns war dagegen deutlich unkomplizierter und wir sind sehr froh, heute eine erfahrene, ehemalige Mordermittlerin zu Gast zu haben. Sie hat viele Jahre bei der Kriminalpolizei in Berlin gearbeitet, war an vielen Ermittlungen beteiligt und sagt heute, wörtliche Rede, ich kann keine Leichen mehr sehen. Herzlich willkommen, Kriminalhauptkommissarin ad Barbara Blum. Schönen guten Tag, ich bedanke mich für die Einladung. Schön, dass Sie hier sind, Frau Blum. Sie sind ja quasi eine Pionierin unseres Podcasts, wenn man so will. Sie waren direkt zur zweiten Folge Mord und ein schwerer Verdacht, unser Gast.
Damals war es nicht nur Ihr erster Besuch bei uns, sondern auch Ihr erster Fall bei der Mordkommission. Erinnern Sie sich noch daran? Ja, natürlich. Erinnern kann ich mich da sehr gut dran.
Das war 2001, ist eine ältere Dame in Berlin umgebracht worden. Und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als der Sohn und die Schwiegertochter in Halberstadt unter anderem mit ihrem Geld ein Haus gekauft haben. Und um das jetzt kurz zu machen, es war das perfekte Alibi. Und wir hatten damals überlegt, ob das vielleicht sogar ausschlaggebend war, dieses perfekte Alibi und haben letztlich dann ihn, den Sohn und auch die Schwiegertochter zu Beschuldigten gemacht. Und das war für die, die anschließenden Ermittlungen waren für die wirklich eine sehr, sehr harte Zeit, unter der sie auch logischerweise sehr gelitten haben. Und wir haben dann, Gott sei Dank, nachher herausfinden können, dass die Täterin eine Tochter einer ehemaligen Arbeitskollegin von der älteren Dame war und insofern waren dann Sohn und Schwiegertochter rehabilitiert. Aber es ist natürlich immer so, dass etwas hängen bleibt und das tat uns dann auch schon leid.
Hat man denn als Ermittlerin zu seinem ersten Fall eigentlich eine besondere Beziehung, Also vielleicht so wie ein Chirurg zu seiner ersten OP oder ein Moderator bei seiner ersten Sendung, so ist es mir jedenfalls hergegangen, werde ich nie vergessen. Nein, kann ich jetzt in diesem Falle wirklich tatsächlich nicht so sagen. Es war ja zwar so, dass der Chef mir an meinem ersten Arbeitstag diesen Altfall, das war er dann immerhin schon, ich glaube fünf Jahre war er alt, hinlegte und sagte, ich sei jetzt Ermittlungsführerin. Aber wir haben so viel zu tun gehabt, dass sehr, sehr viele Fälle erst kamen, bis ich dann oder wir im Team 2006 richtig mit den Ermittlungen in diesem Fall loslegen konnten. Und insofern ist das jetzt nicht der spektakulärste gewesen, weil es einfach auch unzählige Fälle schon vor diesem Fall gab. Wir wissen aus unserem Vorgespräch, dass Sie ursprünglich Medizin studieren wollten und den Beruf als Kommissarin, Polizistin eigentlich gar nicht so auf dem Schirm hatten. Wie sind Sie dazu gekommen? Erzählen Sie doch mal. Na, ich gehöre ja zu der Babyboomer-Zeit. Ich bin 1961 geboren und habe 1979 Abitur gemacht. Und damals war der Numerus Clausus für Medizin, was mich wirklich sehr interessiert hat, sehr, sehr hoch. 1,0. Ich weiß das auch.
Also es war wirklich unglaublich und da reichte mein Abitur hinten und vorne nicht. Das muss man einfach mal ganz ehrlich zugeben. Und insofern musste ich mich da ein bisschen umorientieren. Und meine damals beste Freundin hatte die Idee, wir bewerben uns bei der Kripo, weil da das der erste Jahrgang war, wo Frauen in den gehobenen kriminalpolizeilichen Dienst aufgenommen wurden.
Ja, und ich hatte mich dann sachkundig gemacht, interessiert, haben mich Verbrechen schon immer, das muss man einfach mal sagen. Und wenn mir der Beruf gefällt, dann bleibe ich eben dabei. Und wenn es nichts für mich ist, dann fange ich das Medizinstudium an. Was hat denn die Familie damals dazu gesagt, zu diesem Entschluss, Polizistin zu werden? Also für die war das völlig okay. Also na klar, hätte mein Vater wahrscheinlich erstmal lieber gesehen, dass ich Ärztin werde. Aber es hat mich ja schon immer interessiert und das ist tatsächlich so, dass ich mit meinen Eltern schon als relativ kleines Kind Aktenzeichen XY noch mit Edith Zimmermann damals sehen durfte und insofern war das jetzt für sie nicht so überraschend. Ich weiß von vielen Freunden und Bekannten, die als Kind auch Aktenzeichen geguckt haben, aber es war Ihnen zu gruselig.
Ja, das kann ich nachvollziehen. Wobei ich, also das Gruselige bei mir war ja, dass ich, ich war noch so klein, dass wenn ich die Aufzeichnung gesehen habe, ich mich wirklich gefragt habe, wie man so eiskalt sein kann und als Kameramann daneben stehen kann, wenn da ein Mord passiert. Also ich habe ja das wirklich so empfunden, als wäre zufällig jemand dabei gewesen, der diesen Mord gerade filmt. Das heißt, Sie konnten gar nicht auseinanderhalten, ob das jetzt Realität oder Fiktion ist, nachgestellt ist. Genau. Und ich weiß noch, dass ich das damals zu meinem Vater gesagt habe. Wir haben das ja gemeinsam geschaut. Ich habe gesagt, ich finde das so fies, dass Menschen dabei sind und da passiert ein Verbrechen. Und dann tun die so, als müssten sie nachher sonst was unternehmen, um den Täter habhaft zu werden. Und eigentlich haben sie ihn wegrennen sehen und haben nicht eingegriffen. Und ja, ich weiß noch, dass mein Vater sich da köstlich drüber amüsiert hat. Aber daraus wurde ja klar, wie jung ich noch war.
Also dieser ungewöhnliche Startschuss für sie fiel Ende der 70er Jahre. Eine Zeit, zu der Frauen noch keine Selbstverständlichkeit bei der Kriminalpolizei waren. Wie haben Sie das damals erlebt? Also es war eine sehr, sehr schwierige Zeit, das muss ich sagen. Wir waren ja erst das zweite Semester mit Frauen, die nach dem Abitur in den gehobenen Dienst der Kripo aufgenommen worden sind. Und bei den älteren männlichen Kollegen, da herrschte extreme Skepsis und ganz offenkundig Ablehnung. Also es gab wirklich Kollegen, eigentlich sollte man immer Kollegen zugeteilt werden. Das nannte sich damals Bärenführer und der etwas ältere Kollege, das war ja auch sinnvoll, sollte dem Jüngeren dann also das Laufen beibringen. Und ich bin mit meinen Fragen derartig oft abgeblitzt und das war schwierig. Haben Sie da irgendwelche Beispiele für? Also wie hat man Sie abblitzen lassen? Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Einbruch. Ich bin einem Team in der Sofortbearbeitung zugeteilt worden und wir sind zu einem Einbruch gefahren. Ich bin immer hinterhergelaufen. Es war wirklich so, dass sie mich ignoriert haben.
Dann sind wir da in so einem Einfamilienhaus und die Besitzer öffneten die Tür. Die hatten die Polizei alarmiert, dass bei ihnen eingebrochen worden ist. Und die stellten sich vor und mich zum Beispiel nicht. Also die haben mich wirklich wie Luft behandelt, als wäre ich überhaupt nicht da. Und dann haben die die Arbeit eingeteilt. Der eine wollte die Spurensicherung machen und der andere wollte sich mit den Opfern unterhalten, was jetzt augenscheinlich fehlt oder kaputt gemacht worden ist oder so. Und ich bin einfach zu nichts eingeteilt worden. Und ich habe auch Angst gehabt, jetzt irgendwas zu zerstören. Also man läuft ja nicht einfach. Das war damals auch schon bei mir so, dass ich dachte, ich kann jetzt nicht einfach in so einen Tatort reinlaufen und kann ja da unter Umständen was falsch machen. Das heißt, ich stand eigentlich so ein bisschen im Windfang. Wie PIK 7 daneben, wie man so schön sagt. Ja, ich war Luft. Ich war Luft für alle. Und dann sind wir zurückgekommen auf die Dienststelle und die beiden haben sich dann hingesetzt, noch gegenüber, weiß ich, wie heute, haben Schreibmaschinen benutzt und der eine hat einen Tatortbericht und der andere hat den Allgemeinbericht geschrieben und ich habe mich dann daneben gestellt und habe gesagt, kann ich irgendetwas machen oder irgendwas? Und da sagt der eine, ja, kannst du, bleib da stehen und halt die Klappe.
Was war denn das Heftigste, das Sie erlebt haben im Kollegenkreis? Also ich bin damals einer neuen Dienststelle zugeteilt worden. Man hat alle halbe Jahre im Durchlauf gewechselt und hatte einen Chef im Diebstahlskommissariat.
Und der bat mich am ersten Tag zu einem Gespräch zu ihm. Und dieses Gespräch, das verlief schon sehr böse. Und letztlich fragte er mich dann aber im Anschluss, wie ich mir so dieses halbe Jahr vorstelle. Und da habe ich gesagt, ich freue mich eigentlich auf die Zeit und es wird für mich sicher interessante Erfahrungen geben und ich bin ja nun auch noch am Lernen. Und plötzlich sagt er, sagen Sie mal, wollen Sie mich nicht mal fragen, wie ich mir das halbe Jahr vorstelle? Da dachte ich so, was will er denn jetzt? Und habe dann gesagt, okay, dann frage ich Sie jetzt mal, wie stellen Sie sich das halbe Jahr vor? Und da sagt er zu mir, also meine Vorstellung ist, dass ich es schaffe, dass Sie in einem halben Jahr an den Herd zurückkehren, wo Sie als Frau hingehören.
Also wir halten fest, Ihr Chef hat Sie damals ziemlich heftig schikaniert. Zum Glück hat sie das nicht entmutigt. Was hat sie durchhalten lassen? Naja, zum einen, muss ich ganz ehrlich sagen, war ich noch so sozialisiert, dass ich von meinen Eltern mitbekommen habe, Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Und ich wusste ja auch nicht, das war meine erste Berufsausbildung, ich wusste ja nicht, dass das nicht normal ist. Also für mich war einfach, okay, das ist jetzt eine harte Zeit, aber da müssen alle Berufsanfänger durch. Und mit den Frauen aus dem Studio, mit denen ich Kontakt hatte, hier zum Beispiel meine beste Freundin, der ging es ja ähnlich. Die hat ähnliche Sachen erlebt. Ein bisschen anders, aber die ist genau so schikaniert worden. Also wir haben, wenn ich eine Akte zurückbekommen habe, ging die Tür auf. Die Akte flog ins Zimmer, die ist dabei zerrissen.
Und dann sagte der Chef zu mir... Sie werden hier jetzt heute so lange sitzen, bis Sie selber Ihren Fehler in der Akte gefunden haben. Und wer, ich erwische Sie, dass Sie irgendjemanden hier fragen. Also es war wirklich böse. Aber die Arbeit war interessant. Die Arbeit ist und bleibt interessant. Und es waren ja auch nicht alle so. Es gab ja durchaus Kollegen, die das bereichernd fanden, dass Frauen dabei waren. Und es war eben einfach eine harte Zeit. Aber ich wollte partout durchhalten. Also ich würde von mir behaupten, ich hätte wahrscheinlich mich in irgendein Zimmer zurückgezogen, hätte erst mal geheult. Gab es denn überhaupt die Möglichkeit, sich über solche Vorfälle zu beschweren? Beziehungsweise gab es dann irgendwann auch mal einen markanten Wendepunkt, wo Sie gesagt haben, da ist es jetzt aus irgendeinem Grund plötzlich besser geworden? Also ich habe mich tatsächlich beschwert. Ich bin zu meinem Inspektionsleiter gegangen und habe ihm von diesen Vorfällen berichtet. und.
Dann sagte der, ja, er wisse davon, das sei also schon ein spezieller Chef. Er weiß auch, der hat unverblümt gesagt, dass er nicht möchte, dass Frauen neben seiner Schreibdame dort arbeiten. Und er macht es mit Absicht. Er setzt immer ganz genau mit Absicht ihm eine Frau ins Team, damit er sich dran gewöhnt. Oder dran abarbeitet. Oder so.
Frau Blum, wie ging es dann für Sie weiter und wie sind Sie dann überhaupt bei der Mordkommission gelandet? Ich habe ja ursprünglich bei den Rohheitsdelikten im Norden Berlins gearbeitet. Also Rohheitsdelikte hat man dort bezeichnet, die gefährliche Körperverletzung, die Körperverletzung mit Todesfolge, aber dazu gehört da eben auch der unbefugte Waffenbesitz. Ja, und dazu gehörten auch die vermissten Sachen. Und mit zwei Pausen bezüglich meiner zwei Kinder bin ich da auch eigentlich immer geblieben. Und ich hatte tatsächlich mal einen eklatant entscheidenden, vermissten Fall, der sehr ungewöhnlich war. Und die Chefs haben dann gemeinsam entschieden, dass ich den Fall an die Mordkommission abgebe. Und der damalige Leiter der Mordkommission hat gesagt, dass ich dann aber auf jeden Fall mitkommen sollte ins Team für diese Kommission, Weil ich eben eine ganze Woche Ermittlungstätigkeit bereits alleine hinter mir habe und natürlich eine Woche mehr über den Fall weiß als dort jeder andere.
Und da habe ich dann gemerkt, dass mir die Arbeit sehr lag, dass mir das Team unheimlich gut gefallen hat. Diese Teamarbeit, die fand ich wirklich toll. Sehr interessant und ja, das stimmte eben einfach alles. Und man fragte mich danach, ob ich mir da eine Arbeit vorstellen könnte. Und ich habe gesagt, ich möchte jetzt noch ein bisschen warten, bis meine Tochter ein bisschen älter ist. Aber 2006 habe ich dann tatsächlich gewechselt. Frage, was bedeutet es denn, Sie haben das ja erstmal abgelehnt zu dem Zeitpunkt, weil Sie wollten warten, bis die Kinder oder das Kind groß genug ist. Was bedeutet es denn für einen Mordermittler oder eine Ermittlerin, Familie und Beruf verbinden zu müssen? Also diese Vermissten-Sache war, soweit ich mich erinnern kann, 2003 und das war so eine Phase, wo meine Tochter in der Grundschule war und ich mir das erstmal nicht vorstellen konnte. Und ja, Mordermittlerin ist eben von der Arbeitszeit, muss man da sehr flexibel sein. Und wenn man ein Kind in der Grundschule hat und mein Mann, der hat bei der Staatsanwaltschaft gearbeitet, der war also auch seinerzeit nicht so flexibel, dass er also jederzeit hätte die Arbeit verlassen können.
Dann stellt man das erst mal zurück und sagt sich, also das kann man jetzt, zu diesem Zeitpunkt kann ich das nicht machen. Und 2006 war aber meine Tochter wirklich schon sehr selbstständig und da war das kein Problem, wenn sie mal alleine nach Hause gekommen ist und da konnte ich mir das dann vorstellen, dass ich... Dann zur Mordkommission Wechsel. Gab es denn irgendeinen Moment in Ihrer Laufbahn, der Sie entscheidend geprägt hat? Ja, tatsächlich. Das war die Maueröffnung 1989.
Seinerzeit sind wir anlässlich der Wiedervereinigung zusammengelegt worden mit Kollegen aus der DDR. Und es war so, dass tatsächlich, um relativ schnell ein Team zusammenzustellen oder zumindest immer zwei Leute ein Team werden zu lassen auf einer Dienststelle, war das so, dass immer ein Kollege aus der DDR und ein Kollege aus West-Berlin, sage ich jetzt mal, zusammengelegt wurden. Und das hatte zur Folge, dass man erstmal die vorhandenen Vorurteile über Bord werfen musste und flexibel sein musste. Man konnte voneinander lernen und wir sind sehr zusammengewachsen, das muss man tatsächlich sagen. Und dann kam es immer häufiger vor, dass die Tür aufging und die Chefs reinkamen und dann zu dem Kollegen aus der DDR sagten, packen Sie jetzt bitte sofort die Waffe auf. Raus und geben sie ihre Marke ab und sie müssen das Schließfach räumen. Sie sind mit sofortiger Wirkung suspendiert.
Und wir haben das dann so unter uns genannt, der ist gegaukt worden. Das bedeutete also, dass die Behörde für die Staatssicherheitsunterlagen eine Meldung gemacht hat. Und wir haben natürlich nie die Hintergründe erfahren, was sehr böse ist in dem Moment, dass man also gar nicht genau weiß, was ihm vorgeworfen wurde. Klar war, dass eine Meldung kam, dass er für den Polizeidienst komplett nicht mehr tragbar ist. Es muss also schon so ein bisschen was Größeres gewesen sein. Aber ich war menschlich immer extrem enttäuscht, wenn sowas passiert ist, weil man sich einfach an die Menschen gewöhnt hat. Und da sieht man aber wieder, dass man niemandem ins Herz gucken kann.
Lassen Sie uns nochmal generell auf die Entwicklung Ihrer Laufbahn zurückkommen. Wird man denn in irgendeiner Form auf die Mordkommission vorbereitet? Beziehungsweise was braucht man, um ein guter Mordermittlerin zu sein? Also eine extra Vorbereitung gibt es nicht. Wenn man da anfängt, dann ist es ganz überwiegend learning by doing. Man weiß ja selber, ob einem es liegt, sehr kleinteilig zu arbeiten, äußerst präzise, ja eigentlich kann man sagen, pedantisch zu arbeiten und ob einem das liegt. Ich glaube, man braucht eine gute Teamfähigkeit. Das halte ich immer noch, ich persönlich, für eines der wichtigsten Dinge bei der Mordkommission. Man muss arbeiten. Unbedingt Vertrauen in die Arbeit der Kollegen setzen. Man muss einfühlsam sein, man muss unvoreingenommen sein und man muss aktiv zuhören können. Und es ist eigentlich relativ egal, wo jeder Mensch seine Stärken hat.
Es war immer das Motto, stärken, stärken, schwächen, schwächen. Das heißt, wenn ich jetzt aktiv zuhören kann, dann bin ich geeignet als Vernehmerin. Wenn ich empathisch bin, Dann kann ich die Betreuung von Angehörigen von Mordopfern übernehmen. Wenn ich natürlich technikaffin bin und mir das richtig Spaß macht, dann sind die Leute natürlich eher in dem Bereich der Spurensuche oder Auswertung von Computern und sowas eingesetzt worden. Also ich glaube, dass man gar nicht mal so ein Around-Talent sein muss. Man muss teamfähig sein und man muss also seine Stärken einbringen können. Und das, was wirklich noch wichtig ist, dass man flexibel ist, das hatte ich schon angedeutet mit der Zeit mit meiner Tochter.
Man hat also eine unglaubliche Flexibilität, muss man einfach an den Tag legen. Ja, man wird manchmal morgens wach und die nächsten Wochen verlaufen komplett anders, als man sich das so ursprünglich vorgestellt hat. Und damit muss man umgehen können und da muss man eben auch eine große Frustrationstoleranz haben. Also ein Geburtstag, auf den man sich gefreut hat oder das Weihnachtsfest oder das Silvesterfest wird unter Umständen eben anders laufen. Und wenn man die Frustrationstoleranz nicht aufbringt und sich darüber ärgert, dann ist man da falsch.
Frau Blum, die meisten Menschen stellen sich den Beruf der Ermittlerin vermutlich so vor, wie sie ihn aus diversen Krimiserien kennen. Was bedeutet es denn wirklich, Mordermittler, Mordermittlerin zu sein? Wie sieht zum Beispiel ein Arbeitstag bei der Mordkommission aus? Das ist sehr unterschiedlich. Ich finde es sehr unterschiedlich. Macht da einfach mal drei unterschiedliche Szenarien auf. Also in der normalen Mordkommission, wenn jetzt nichts in Anführungsstrichen Besonderes ist, dann geht es los mit einer Besprechung.
Jeder sagt, was er an dem Tag aufzuarbeiten hat. Und insbesondere ist wichtig, dass man die Sachen aus der letzten Bereitschaft aufarbeitet. Denn man weiß nie, wann man wieder in Bereitschaft geht oder sogar eine Kommission bekommt. Und meistens sind ja auch die Arbeiten aus der letzten Bereitschaft sind Haftsachen. Und bekanntermaßen muss man bei Haftsachen wirklich hintereinander wegarbeiten, sonst kann es tatsächlich passieren, dass ein Täter freigelassen wird, weil die Ermittlungen nicht schnell genug zu Ende geführt worden sind. Aber was heißt das? Also wenn ich mir das jetzt faktisch vorstellen muss, welche Arbeiten müssen Sie da verrichten? Bei Haftsachen müssen Sie Berichte schreiben? Genau. Man schreibt die Berichte zu Ende, man macht die Auswertung für die Telefonkommunikationsüberwachung, man hat noch Vernehmungen, die ausstehen, die vielleicht am Anfang noch nicht so priorisiert waren.
Man hat Zwischenberichte, man bekommt Aufträge von der Staatsanwaltschaft, die dann also feststellen, da und da muss nochmal nachgearbeitet werden. Dann kommen Beschlüsse rein, dann kommt unter Umständen mal ein Durchsuchungsbeschluss rein bei jemandem, wo noch nicht durchsucht worden ist. Das muss durchgeführt werden, inklusive Spurensuche eventuell. Dann muss das Spurensicherungsteam den Katalog da fertig machen, was sind für Spuren gesichert worden, in welche Richtung und was ist das Ergebnis.
Das muss dann immer alles der Staatsanwaltschaft zugetragen werden, denn die wollen ja recht zügig dann letztlich eine Anklage schreiben. Und was wäre jetzt sozusagen der zweite Bereich? Das waren jetzt die Haftsachen? Dann kommt der Bereich, man ist in Bereitschaft. In der Bereitschaft passieren natürlich sehr viele Dinge, die nicht planbar sind. Also da kommen zum Beispiel rein Bekanntsachen. Das heißt also so ein Ehemann ruft an, er hat seine Frau getötet. Das heißt, der Täter ist bekannt. Es ist trotzdem ein Tötungsdelikt, aber die Mordkommission geht nicht in Kommission. Wir brauchen ja nicht jemanden suchen, sondern der ist ja da. Das heißt, es kommt zu einer vorläufigen Festnahme, die Spurensicherung läuft an, die Vernehmungen laufen an. Das ist ja alles ganz genau so, nur mit dem Unterschied, dass wir nicht einen Täter suchen müssen, sondern einen haben.
Der Chef schreibt schon mal die Anregung Haftbefehl. Dann wird mit dem Gericht telefoniert, wann die Verkündung kommt.
In solchen Fällen kommt natürlich die Obduktion. Da werden zwei Leute abgestellt, die zur Obduktion fahren. Da muss mit der Staatsanwaltschaft abgesprochen werden, dass die dazukommen. Es ist selbstverständlich, dass die immer mit dabei sind. Der Gerichtsmediziner wird informiert. Also das ganze Programm und man wechselte früher nicht bei Bekanntsachen. Und insofern kann es auch durchaus oder ist es nicht selten vorgekommen, dass in Bereitschaftszeiten morgens ein Fall und abends ein Fall anlief. Und jetzt kommen wir auf den dritten Bereich zu sprechen. Ja, das ist der Fall, dass dann eine Mordkommission tatsächlich in Kommission geht. Oder es liegt eine BAO vor, eine besondere Aufbauorganisation. Das bedeutet, wir sind ja auch zuständig für Entführungen. Führungen, dann läuft wirklich alles anders. Also dann kann man die Aufarbeitung von irgendwelchen Fällen, die auf dem Tisch liegen, komplett vergessen. Dann kümmert sich, Eine Mordkommission beziehungsweise bei Entführungen zwei Mordkommissionen um nichts anderes als um die Namhaftmachung des Täters, der Täterin und die Inhaftierung. Und alles, was damit zusammenhängt, hat Vorrang. Das bedeutet auch wirklich, dass man fast... Nur so auf drei, vier Stunden Schlaf kam und mal zum Duschen nach Hause gegangen ist. Ich habe nicht selten im Dienst übernachtet.
Und da konzentriert sich wirklich alles und jeder nur auf diesen einen kompletten Fall, den wir jetzt haben.
Früher ist das so gewesen, dass dieses Bereitschaftssystem in Berlin sehr flexibel war und man konnte das überhaupt nicht planen. Das hat sich jetzt ein bisschen geändert. Da ist Berlin gerade im Umbruch und die versuchen jetzt gerade mal ein festes Bereitschaftssystem zu etablieren. Die sind aber noch in der Probe und ob das dann übernommen wird, ist noch nicht klar. Aber da kann man sich in etwa vorstellen, was es eben dann auch für Familien von Ermittlern bedeutet oder Ermittlerinnen, wenn sie jetzt dann oft dann vielleicht auch in solchen Situationen nicht nach Hause kommen konnten. Was war so die längste Zeit, die Sie zu Hause sich kaum haben blicken lassen können? Also genau kann ich das nicht mehr sagen und gar nicht zu Hause, stimmt auch nicht wirklich. Also duschen und mal zwei, drei Stunden schlafen durften wir immer. Aber es war schon 14 Tage bis drei Wochen richtig auf Hochdruck arbeiten. Sie haben von mehreren Mordkommissionen gesprochen. Berlin hat inzwischen acht. Wie viele Ermittlerinnen und Ermittler gibt es denn insgesamt bei den Berliner Mordkommissionen? Also jede Mordkommission hat ungefähr sechs bis acht Ermittler.
Aber das klingt jetzt gut und das wäre die Zahl, die wünschenswert wäre, acht. Denn es sind auch mal zwei Urlauber oder es sind mal zwei Kranke und wenn man dann in Kommission geht, dann wird es schon sehr eng. Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der Mordkommission? Also gibt es Aufgaben, die man tendenziell eher Frauen überträgt oder andersrum oder ist das generell gleichberechtigt? Seit ich dabei bin, war eher die Tendenz, dass jeder immer die Arbeit bekommt, für die er geeignet ist. Aber das ist nicht so geschlechtsspezifisch. Ich hatte jahrelang einen ganz festen Vernehmer an meiner Seite. Das war ein Mann, der wirklich sehr mit Empathie glänzte und das war ein tolles Team mit dem. Wo sehen Sie oder wo liegen Ihre Stärken? Also ich glaube, meine Stärke war tatsächlich Empathie und aktiv zuhören. Also Vernehmungen haben mir immer sehr viel Spaß gemacht und es fiel mir auch überhaupt nicht schwer, mich in andere Menschen reinzuversetzen. Und obwohl das ja auch manchmal so eine Gratwanderung war, dass man im ersten Moment vielleicht so ein, ich sag mal übertrieben so ein Haudegen gegenüber hatte.
Dem man dann letztlich auf Augenhöhe begegnen musste und dann aber wieder eine Stunde später Angehörige eines Mordopfers, die also permanent weinend zusammengebrochen sind. Und das fiel mir leicht. Also mir fällt es leicht, mich in andere Menschen reinzuversetzen und insofern konnte ich da mit denen immer sehr gut umgehen. Ich stelle mir jetzt auch den Umgang oder den Kontakt mit Angehörigen von Mordopfern sehr schwer vor. Wie haben Sie das erlebt?
Ich habe das auch als schwierig empfunden. Ich habe aber im Laufe meiner Zeit wirklich einen sehr, sehr guten Draht zu Angehörigen von Mordopfern gefunden. Man muss ihnen... Sehr genau zuhören und wir haben das auch in der Mordkommission immer so gepflegt, dass die wirklich jederzeit uns auch kontaktieren konnten. Also das Böse ist ja daran, dass bei so einem Mordfall auch immer die Presse uns im Nacken sitzt und auch oftmals reißerisch Sachen unter Umständen behauptet werden, die entbehren wirklich jeglicher Grundlage.
Und dann kommen die Angehörigen und rufen aufgeregt an oder kommen aufgeregt zu einem und sagen, sie haben uns ja gar nicht gesagt, dass sie den Täter festgenommen haben, was wir gar nicht haben. Und dann muss man natürlich mit vier Fingerspitzengefühl die wieder runterholen und sagen, sie sind hundertprozentig die Ersten, die es erfahren werden. Absolut hundertprozentig. Glauben Sie bitte nicht immer alles, was in der Presse steht. Und geben Sie auch möglichst nicht dauernd Auskünfte selber. Weil es ist eben einfach auch so, dass da Geschichten drum herum gesponnen werden, damit die einfach ein bisschen reißerischer sind. Und das trifft Angehörige dann sehr hart. Können Sie sich an einen besonders schlimmen Fall erinnern, der Sie geprägt hat?
Es gab mal einen Fall, den fand ich wirklich sehr schlimm. Der Ex-Freund einer Frau ist eines Morgens in ihre Wohnung eingedrungen, hat deren Kind gefesselt und geknebelt und eingesperrt. Sie dann mehrfach vergewaltigt und verstümmelt. und sie hat es dann geschafft...
Sich, als er die Wohnung verlassen hatte, sich insofern zu befreien, dass sie es geschafft hat, aus dem Fenster sich zu lehnen. Und dann hing sie praktisch aus dem Hochparterre-Fenster und diese Jalousie ist wieder runtergefallen, sodass sie da also eingeklemmt war. und es war Halloween. Und etliche Passanten sind vorbeigegangen und haben gesagt, ey, was für eine geile Halloween-Maske. Bis dann ein Passant tatsächlich gesehen hat, dass sie ja blutete, also wirklich tatsächlich blutete und dann natürlich der ganze Apparat anlief. Sie hat wie durch ein absolutes Wunder überlebt, Aber unter anderem war sie so schlimm zugerichtet, dass der erste Operateur in der Charité einen Weinkrampf bekam und ersetzt werden musste durch einen zweiten. Der war nicht in der Lage, sie zu operieren, weil es ihn so mitgenommen hat. Wie geht es der Frau heute?
Der Frau geht es heute sehr viel besser. Sie lebt im Ausland und ihre Tochter hat das auch relativ unbeschadet überstanden. Und ein anderer Fall, der mir also persönlich sehr markant immer wieder aufploppt, das war ein junger Mann, der hatte... Er hat krankheitsbedingt plötzlich eine Wahnvorstellung und hat seiner Freundin im Schlaf die Kehle durchgeschnitten. Und er hat dann aber gemerkt, dass es nicht ganz so okay war, hat eine große Teserbandrolle geholt und hat versucht, diesen Kopf mit Teserband wieder anzukleben.
Und dann ist natürlich, als dann die ganzen Maßnahmen anliefen, die Frau ist natürlich verstorben sofort, die ist verblutet, lag die so unglücklich hinter der Tür, dass wir, also um praktisch, also die Feuerwehr schon, um den Tatort zu betreten, mussten wir alle letztlich mit einem großen Schritt über diese Frau rübersteigen. Und das hat mich persönlich unglaublich berührt, dass ich gedacht habe, ist das ein unglaublich furchtbarer Moment. Ja, verständlich, dass einen solche Bilder nicht mehr loslassen, solche Erinnerungen. Wie wird man sowas los? Also wie schafft man es, so etwas nicht mit nach Hause zu nehmen? Ich sage immer, die wird man nicht los.
Und ich weiß auch gar nicht, ob das das Ziel sein sollte, dass man die Bilder los wird. Das gehört ja letztlich zumindest zu meinem Leben mit dazu.
Und wenn man ein intaktes Familien- und Freundesumfeld hat, dann kann man auch damit umgehen. Ich konnte natürlich auch relativ gut mit meinem Mann darüber sprechen, weil er aus dem gleichen Metier kam. Und ja, ich habe mir immer gesagt, das, was im Dienst ist und was man da sieht, Das sind eben die Schattenbeispiele und wenn ich nach Hause gekommen bin, dann waren das die Lichtbeispiele. Und das hat mir so gereicht. Sie haben Ihren Mann erwähnt. Mit wem darüber hinaus kann man über solche extremen Erlebnisse sprechen? Also gibt es vielleicht Gespräche mit Psychologen? Ja, es gab tatsächlich eine Psychologin, die im LKA I angestellt war und mit der konnten wir also persönliche Gespräche führen, aber die war natürlich auch für Opfer, aber auch ab und zu mal für Täter da. Ich würde Ihnen jetzt gerne eine sehr persönliche Frage stellen. Sind Sie religiös? Und wenn ja, welche Rolle würde der Gedanke an einen Gott in Bezug auf Ihre Erlebnisse im Beruf spielen? Ja, ich glaube an Gott.
Und ich sage aber auch, Gott hat ja den Menschen eine freie Rolle. Entscheidung, eine freie Meinungsentscheidung gegeben. Und insofern muss man einfach mal sagen, dass jeder eine Entscheidung hat, ob er sich dem Bösen oder dem Guten anschließt.
Und selbstverständlich muss man vielleicht auch in die Waagschale werfen, dass manch einer im Affekt etwas macht, was ihm vielleicht danach leidtut. Aber auch da muss ich sagen, es gibt Menschen, denen auch sehr, sehr viel Leid widerfahren ist, aber die dann eben einfach eine andere Frustrationstoleranz haben und anders damit umgehen. Nicht jeder Freund, der verlassen wird, bringt die Partnerin um und insofern, auch das ist letztlich im Ergebnis eine Entscheidung. Sicher auch eine Entscheidung, wo eine Sozialisierung oder eben auch die Herkunft eine Rolle spielt, weil die Werte anders gesetzt werden.
Aber letztlich ist es eine Entscheidung, die jeder Mensch für sich selber trifft. Haben Sie sowas wie ein Lebensmotto? Ja, im Prinzip schon. Also mein Lebensmotto ist eigentlich, dass ich immer sage, schaffen wir das irgendwie, die Welt ein bisschen besser zu machen. Das klingt jetzt irgendwie so abgedroschen, das meine ich so überhaupt nicht. Ich meine das wirklich so, das sind manchmal Kleinigkeiten und das konnte ich einfach im Beruf auch unter anderem sehr, sehr gut umsetzen. Man ist mit Zeugen sehr, sehr freundlich umgegangen und hat auch mal unter Umständen, wenn die irgendwie einen ganz besonderen Wunsch hatten, ist dem nachgekommen oder man ist eben abends doch nochmal rausgefahren, weil irgendwo Not am Mann war und.
Das ist eigentlich in meinem, das zieht sich so durch mein Leben und ich habe das auch versucht, meinen Kindern so klar zu machen, dass es eigentlich eine schöne Sache ist, wenn man so durchs Leben geht. Und was einem dann natürlich hilft, das ist ein gesunden Optimismus, den man immer wieder an den Tag legen muss, weil man ja immer auch wieder Rückschläge hat, wie ich das auch vorhin schon erwähnt habe mit den Kollegen aus der DDR, die dann gegaukt worden sind. Ich habe denen ja genau das gleiche Vertrauen entgegengebracht, wie ich allen anderen Kollegen entgegengebracht habe und da bin ich eben auch dann im Ergebnis bitter enttäuscht worden, aber das darf einen eben auch nicht so zurückwerfen, dass man sein Leben anders lebt. Also, ja, wenn man so will, ist das mein Lebensmotto.
Jetzt nochmal zu dem Fernsehklischee eines Kriminalbeamten. Wie sieht es in Ihrem Beruf denn konkret mit Gefahren aus? Also haben Sie schon mal von Ihrer Schusswaffe Gebrauch machen müssen in einer sehr prekären oder brenzligen Situation? Nein, davon bin ich Gott sei Dank verschont geblieben. Ich habe in meiner Tätigkeit in der Sofortbearbeitung, als ich noch sehr jung den Beruf ausgeübt habe, mal eine brenzlige Situation gehabt, dass wir einen Räuber nach einer Raubtat zu Fuß verfolgt haben. Und der lief dann vermutlich in Unkenntnis der Lokalitäten dort, lief der auf einen Parkplatz und der war praktisch umgeben mit Mauern, also das war eine Sackgasse. Und als ihm das klar war, wir waren also praktisch so kurz hinter dieser Durchfahrt, ihm auf den Fersen, da drehte er sich um und richtete die Waffe auf mich. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, das war so ein Bruchteil einer Sekunde, habe ich das empfunden.
Ich habe es gesehen und er hat sie auch wieder eingesteckt. Ich weiß bis heute nicht, ich hatte die Waffe in der Hand, sie war auch durchgeladen, es war klar. Ich habe nicht geschossen. Ich weiß bis heute nicht, warum nicht. Ich kann nur heute sagen, Glück gehabt. Und es hat sich nachher auch herausgestellt, dass das eine Gas- oder Schreckschusswaffe war. Es war also keine scharfe Waffe. Gut, das konnte ich aus der Entfernung natürlich überhaupt nicht überblicken. Aber das war so ein Blitzmoment und ich habe nicht geschossen. Gut, kommen wir zu einem anderen Thema, Nachwuchs. Ich habe von einem Kollegen von Ihnen neulich gehört, dass es so wie es eben früher war, alle zur Mordkommission wollten, eben nicht mehr ist. Heute steht die sogenannte Work-Life-Balance im Vordergrund.
Inwieweit gibt es da tatsächlich Schwierigkeiten, heute Nachwuchs zu generieren? Also das ist Tatsache so, dass wir ganz große Probleme haben, Nachwuchs zu bekommen. Wir hatten sehr viele Durchläufer, die das probiert haben und die reinschnuppern wollten.
Und ja, sie haben also manchmal gesagt, man kann ja wirklich sagen, das ist eine mordsmäßig interessante Arbeit, aber es ist nichts für uns. Und das ist wirklich zunehmend so. Also die Flexibilität, die man da an den Tag legen muss, da sind viele heutzutage nicht mehr bereit, das für einen Dienstherrn zu machen. Sie wollen einen gesicherten Tagesablauf, sie wollen auch gesicherte Zeiten, in denen sie für ihre Familie da sein können. Und das war damals eben wirklich schwerlich zu erreichen. Und das ist genau der Punkt, den ich vorhin ja schon angesprochen habe, warum die Berliner Mordkommission jetzt zurzeit gerade ein festes Bereitschaftssystem testen. Weil wir uns dann einfach erhoffen, dass junge Leute, wenn sie eine Planbarkeit im Laufe des Jahres haben.
Dann doch wieder an der interessanten Arbeit, natürlich die auch viele Überstunden in sich bürgt, das ist klar, aber doch ein größeres Interesse haben. So und jetzt nochmal dazu ein Plädoyer für die Mordkommission. Was spricht denn für ein Leben als Mordermittler oder Mordermittlerin? Ja, das ist eine unglaublich spannende Arbeit. Es ist eine erfüllende Arbeit. Wenn man merkt, dass man für die Angehörigen von Mordopfern da sein kann, die ja in dem Moment wirklich darauf angewiesen sind, die müssen mit der Sache abschließen können. Und die brauchen Ansprechpartner. Und das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Und wenn wir den nicht machen, dann macht ihn keiner.
Und ich halte das für eine insgesamt sehr erfüllende Tätigkeit. Und man muss natürlich Flexibilität mitbringen und man lässt natürlich auch Freizeit hinter sich. Aber ich glaube, dass das aufwiegt. Ich glaube, dass die Gestaltungsmöglichkeiten, die man in so einem Team hat und wenn man sehr viel Liebe für Gerechtigkeit hat und vor allen Dingen, wenn man immer den Ansporn hat, besser zu sein als die Gegenseite, dann ist das eigentlich ein gutes Gefühl. Und ja, das ist bereichernd. Das kann ich nicht anders sagen.
Ein Blick in die Zukunft. Was glauben Sie, wie sich Ihr Beruf in den nächsten Jahren entwickeln wird? Speziell, Wenn wir auf die KI schauen, künstliche Intelligenz. Ich kann mir vorstellen, dass die künstliche Intelligenz in vielen Bereichen sehr weiterhelfen wird. Also wenn ich überlege, dass wir, wenn wir Clan-Kriminalität aufgedröselt haben oder wenn wir große Strukturen in solchen großen Mordverfahren hatten mit, ich sag mal, Hunderten von Telefonnummern, die abgeglichen werden mussten. Und wer hat mit wem wann irgendwann mal telefoniert? Oder auch Autokennzeichen. Wer hat wann welches Auto gefahren? Wer ist wo in irgendwelche Kontrollen geraten? Woraus kann man da Schlüsse ziehen? Wer hat mit wem Kontakt? Das ist alles in großen, umfangreichen Verfahren extrem wichtig. Und wenn ich mir überlege, dass wir das immer noch so händisch gemacht haben. Also wir haben tatsächlich uns dann eine Telefonnummer rausgesucht. Und wir haben die natürlich durch so ein Suchprogramm laufen lassen. Aber natürlich hat das Suchprogramm dann rausgeschmissen, da und da ist die Nummer angerufen worden. Ja, das war aber dann der Pizzadienst.
Und das musste man dann alles wieder rausfiltern. Und das haben wir einfach im Laufe der Jahre immer noch händisch gemacht. Und ich glaube, dass da, wenn die KI das unterstützt, dann hat man einfach wahrscheinlich, wenn man die richtige Frage stellt, hat man in Sekunden eine Antwort. Und ich glaube, dass es in dem Bereich eine große, große Hilfe sein wird. Und ich glaube aber auch, dass der Beruf eines Mordermittlers nicht komplett von der KI ersetzt werden kann. Denn also empathische Vernehmungen mit Angehörigen von Mordopfern, das traue ich der KI dann trotzdem nicht zu. Zum Schluss noch eine kurze, schnelle Frage-Antwort-Runde, Frau Blum. Hätten Sie rückblickend lieber Medizin studiert oder haben Sie mit Ihrer Berufswahl alles richtig gemacht? Klar zu sagen, alles richtig gemacht. Wenn Sie eine Sache anders machen könnten, wäre das ... Ich wäre in meiner beruflichen Laufbahn eher zur Mordkommission gegangen. Ihr beruflich gesehen schönster Moment? Das war tatsächlich nach 13 Jahren mit dem Team in meinem Altfall, dass wir den gelöst haben und gepaart mit der Genugtuung, dass der Sohn und die Schwiegertochter damit nichts zu tun hatten. Das war ein toller Moment.
Was Sie den Kollegen damals aus Ihrer Ausbildungszeit schon immer mal noch sagen wollten, ist? Ätsch, obwohl ich wirklich sehr gerne koche, bin ich nicht am Herd gelandet, weil ich eine Frau bin. Ein schönes Schlusswort, sehr treffend. Vielen Dank, Barbara Blum, für diese wirklich fesselnden Einblicke in Ihre Arbeit, die ich faszinierend finde. Ich habe ja nun schon oft beruflich mit Ermittlerinnen und Ermittlern zu tun gehabt und ich kann wirklich sagen, dass ich die heutige Folge ausnahmspannend und unterhaltsam fand. Und dafür absoluter Dank. Ich bedanke mich, dass ich hier sein durfte. Ja, auch von mir ein großes Dankeschön. Damit sage ich Tschüss und bis zur nächsten Folge von Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Und wie immer, bleibt sicher. Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen ist eine Produktion der Securitel in Kooperation mit Bumfilm im Auftrag des ZDF.