Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Ich bin Rudi Zerne und selbstverständlich nicht allein im Studio. Genau, ich bin natürlich auch wieder mit dabei. Mein Name ist Conny Neumeier. Auch ich begrüße euch zu einer neuen Folge unseres XY-Podcasts. Heute geht es um einen ungelösten Fall, der schon eine ganze Zeit lang zurückliegt. Das ist ein sogenannter Cold Case, also ein Altfall. Genau, Cold Case heißt ja wörtlich übersetzt Kalter Fall und genau darum geht es in der Kriminalistik. Dort gibt es immer kalt und heiß, eine heiße Spur zum Beispiel. Das kennen wir aus Aktenzeichen XY ungelöst. Da tun sich häufig aufgrund der Hinweise heiße, also vielversprechende Spuren auf. Wenn die Krepo-Beamtinnen und Beamten in den Wochen danach den Spuren nachgehen, können die natürlich auch ganz schnell wieder erkalten. Oder sie führen eben zu ganz neuen Erkenntnissen und im Idealfall zur Aufklärung. Aber gehen wir nochmal zurück zu den Cold Cases. Der Begriff, der stammt aus den USA.
Da hat man bereits in den 1970er Jahren systematisch versucht, alte, ungeklärte Mordfälle mit Hilfe von neuen wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen. In vielen Fällen mit Erfolg. Cold Case hat sich als Fachbegriff weltweit durchgesetzt. Manche deutsche Polizeidienststellen haben dafür heute sogar spezielle Kommissariate. In einigen Bundesländern erledigen diese Aufgabe sogar pensionierte Kriminalbeamtinnen und Beamte. Die schauen die alten Akten nochmal gründlich durch, mehr in der Hoffnung darin, vielleicht weitere Ansätze für die Ermittlungen zu finden. Vor allem DNA-Spuren, aus denen man mit den heutigen Untersuchungsmethoden noch neue Erkenntnisse gewinnen kann. Auch hier in München werden immer wieder Altfälle neu aufgerollt. Dazu gehört auch der ungelöste Fall, über den wir heute sprechen. Einer der zuständigen Ermittler ist jetzt zu Gast bei uns im Studio. Erster Kriminalhauptkommissar Matthias Heitmann. Schön, dass Sie da sind. Hallo, danke, dass ich da sein darf. Auch von mir herzlich willkommen. Seit vielen Jahren gehören Sie ja jetzt schon dem Kommissariat 11 im Münchner Polizeipräsidium an. Das ist das, was man gemeinhin als die Mordkommission bezeichnet. Das ist jetzt nicht ganz korrekt, dieser Ausdruck. Wir sind eigentlich fünf Mordkommissionen, die ständig wechselnd auch immer Bereitschaften übernehmen. Unsere Mordkommissionen beschäftigen sich mit allen Arten von Tötungsdelikten, die bei uns im Bereich von München passieren.
Wir bearbeiten aber auch Vermisstenfälle, bei denen vieles dafür spricht, dass vermutlich ein Tötungsdelikt dahinter steckt oder stecken könnte. Was man auch dazu sagen muss, ist, dass wir noch keine spezielle Abteilung für Cold Cases bei uns im Präsidium haben. Aber da ist man jetzt auch dran, dass man das jetzt vielleicht irgendwann realisieren kann. Sie haben es gerade selber gesagt, Vermisstenfälle, bei denen vermutlich ein Tötungsdelikt dahinter steckt. Darum geht es ja auch in unserem heutigen Fall, der inzwischen schon 30 Jahre zurückliegt und für den Sie zuständig sind. Die Akten stehen unübersehbar in Ihrem Büro, haben Sie in Ihrem Vorgespräch erzählt. Wie viele sind es denn genau? Ich habe gestern nochmal nachgezählt. Es sind tatsächlich 50 Ordner insgesamt. Das haben wir auch aufgeteilt. Es ist ja auch nicht so, dass ich den Fall alleine bearbeite, sondern meine Kommission bearbeitet das, weil der wirklich sehr aufwendig ist.
Ja und in diese Ordner schauen Sie immer mal wieder hinein. Wann haben Sie denn überhaupt Zeit dazu? Ja, das ist natürlich schwierig. Unsere aktuellen Fälle gehen davor in München, aber der Fall ruht ja aufgrund dieser Entwicklung der letzten Jahre überhaupt nicht. Vor allem durch die Medienberichterstattung haben wir immer wieder neue, auch vielversprechende Hinweise, denen wir dann aber auch nachgehen. Das wird dann bewertet und dann sagen wir, da müssen wir jetzt sofort was machen. Also wir haben es gerade schon gesagt, der Fall, den wir gleich besprechen, ist bis heute ungeklärt. Jetzt gehen wir ganz zurück an den Anfang dieses Falls, ins Jahr 1995. Die Namen aller Beteiligten, außer den des Opfers, haben wir wie immer geändert.
Dienstag, der 4. April 1995, ist ein besonderer Tag für Sonja Engelbrecht. Die Absolventin der Wirtschaftsfachoberschule feiert gemeinsam mit ihrer Familie ausgiebig ihren 19. Geburtstag.
Die junge Frau wohnt im Münchner Stadtteil Leim, nahe der Autobahn nach Stuttgart. Sonja ist eine attraktive junge Frau, schlank, langes blondes Haar, wirkt eher schüchtern. Sie hat einige Verehrer, doch einen festen Freund hat sie nicht. Wie viele Jugendliche zu der Zeit fühlt sie sich von der Waver-Bewegung angezogen. New Wave heißt die Musikrichtung, die es den Anhängern dieser Welle angetan hat. Dazu trägt sie häufig schwarz. Sonjas Eltern stehen dem Ganzen eher skeptisch gegenüber. Sie sind besorgt, dass ihre Tochter in diesen Kreisen verkehrt und hoffen, dass es sich nur um eine Phase handelt. Sonja wohnt noch bei ihren Eltern, denn München ist schon damals ein teures Pflaster, was die Mieten angeht. Ihre ältere Schwester Carolin studiert, ist aber bereits ausgezogen. Sie wohnt mit ihrer dreijährigen Tochter in der Nähe. Die Familie kümmert sich gerne um die Kleine, damit die Alleinerziehende ungestört lernen kann. Die Schwestern verstehen sich meist super, teilen sich sogar ein kleines Auto, das ihnen die Eltern geschenkt haben. Am Montag, dem 10. April, will sich Sonja erstmal erholen. Es sind Osterferien, deshalb kann sie ausschlafen. Sie hat ihre Mutter gebeten, mögliche Anrufe für sie abzuwimmeln. Sie möchte ihre Ruhe haben. Aber so ganz konsequent ist sie dann selbst nicht.
Am Nachmittag nimmt Sonja einen Anruf entgegen. Ein Freund ist am Telefon und überredet sie, am Abend nochmal mit ihm loszuziehen. Allerdings hat Sonja keine Lust, schon wieder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Sie würde gern das gemeinsame Auto nehmen, aber ihre Schwester braucht es an diesem Abend dringend. Am Abend macht sie sich zum Ausgehen fertig. Lilafarbener Pullover, darüber eine schwarze Lederjacke, die sie von ihrer Oma geerbt hat, eine schwarze Lederhose, die sie sich kürzlich zugelegt hat und zu der Zeit moderne Schnürstiefel. In diesem Outfit verabschiedet sie sich kurz vor 21 Uhr von ihren Eltern.
Keiner von ihnen ahnt, es ist ein Abschied für immer. Sonja geht zur U-Bahn-Station. Eigentlich hasst sie U-Bahn-Fahren, aber es hilft nichts. Um halb zehn kommt sie am Hauptbahnhof an. Dort wartet schon ihr Bekannter, Markus, auf sie. Zusammen fahren sie eine Station weiter, zum Stiegelmeierplatz, ein Verkehrsknotenpunkt im Stadtteil Maxvorstadt, am Rand von Schwabing. Die zahlreichen Kneipen im bekannten Münchner Szeneviertel sind bei den jungen Leuten beliebt. Die beiden gehen noch ein Stück zu Fuß und kehren schließlich um 21.45 Uhr in der Studentenkneipe Vollmond ein. Das Lokal ist, wie so oft, auch an diesem Abend ziemlich voll. In der Kneipe treffen die beiden zwei Bekannte von Markus, Steffen und Timo. Die vier unterhalten sich den ganzen Abend, bis Steffen plötzlich den Vorschlag macht, noch zu ihm zu gehen. Seine Eltern seien über die Osterferien verreist und er habe währenddessen sturmfrei. Eigentlich will Sonja lieber nach Hause aufbrechen. Aber Markus überzeugt sie schließlich, noch für eine Weile mitzukommen. Anderthalb Stunden hören die Jugendlichen bei Steffen zu Hause Musik und spielen auf der Gitarre.
Kurz nach zwei Uhr machen sich Markus und Sonja dann auf den Heimweg. Sie gehen zum Stiegelmeierplatz zurück, um eine Tram oder die U-Bahn zu erwischen. Auf dem Weg dorthin muss Sonja dringend mal austreten. Sie geht an einem der Mietshäuser in die Büsche. Aber ganz wohl dabei ist ihr nicht. Als sie zu Markus zurückkommt, sagt sie, dass sie das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Die beiden sehen sich um, können aber niemanden entdecken. Also gehen sie weiter zur Haltestelle und stehen dort um zwei Uhr dreißig vor einem Problem. Wir haben die Szene für die XY-Spezialsendung Cold Cases vom 1. März 2023 nachgestellt. Hören wir mal rein. Du, ich glaube übrigens, die U-Bahn können wir vergessen. Die letzte ist so vor zwei Stunden gefahren. Naja, gibt ja noch die Nachtram. Ja gut, aber welche nehmen wir da? Und wann kommt die überhaupt? Die 20er. Für mich passt die super. Ja, für mich aber nicht. Na, dann rufe ich einfach meine Schwester an oder meine Mutter, dass sie mich abholen sollen. Echt? Um die Zeit? Ja, freuen werden die sich jetzt nicht, aber das machen die schon.
Jetzt taucht das nächste Problem auf. Sonja hat nur noch 1,20 Mark im Portemonnaie. Markus hilft ihr an der Telefonzelle gegenüber der Haltestelle mit seiner Telefonkarte aus. Da ist noch ein Guthaben von 6 Mark drauf. Plötzlich hält die Nachttram an der Haltestelle Stiegelmeier Platz. Markus rennt los und erwischt die Straßenbahn. Er geht davon aus, dass seine Schulfreundin in Kürze von jemandem aus der Familie abgeholt wird. Doch weder bei den Eltern noch bei ihrer Schwester klingelt in dieser Nacht das Telefon. Als die 19-Jährige am Dienstagnachmittag immer noch nicht nach Hause gekommen ist, wundern sich ihre Eltern. Es ist noch nie passiert, dass ihre Tochter über Nacht weggeblieben ist, ohne Bescheid zu geben. Ihre Mutter ruft drei um Sonjas Bekannte an, soweit sie die kennt und ihre Telefonnummern hat. Jemand aus der Clique gibt ihr Markusnummer. Von ihm erfährt sie, dass er Sonja zuletzt am Stiegelmeierplatz gesehen hat, wo sie telefonieren wollte.
Jetzt wählt die Mutter die 110, den Polizeinotruf. Aber für eine Vermisstenanzeige ist es noch zu früh, bekommt sie von dort zu hören. Sonja sei schließlich volljährig und könne gehen, wohin sie wolle. Der Beamte hat noch einen schwachen Trost. Vielleicht habe sie ja jemanden Nettes kennengelernt und ziehe noch mit ihm rum. Auch wenn es schwerfällt, die Familie müsse sich gedulden. Um 20 Uhr an diesem Abend halten es die Eltern nicht mehr aus. Sie suchen ein Foto von Sonja raus und gehen zum nächsten Polizeirevier in Leim. Auch dort macht man ihnen nochmal klar, dass Sonja als Volljährige wegbleiben darf, ohne jemandem Rechenschaft abzulegen. Die Mutter macht darauf aufmerksam, dass ihre Tochter so gut wie kein Geld dabei habe, höchstens etwas über eine Mark. Was sie darauf zu hören bekommt, verzeiht sie dem Beamten vermutlich bis heute nicht. Mit einem Blick auf Sonjas Foto soll er gesagt haben, so wie die aussieht, braucht sie kein Geld.
Fragen wir mal unseren Gast. Herr Heidmann, was halten Sie von so einer Bemerkung? Wenn das wirklich so gesagt wurde, ist das natürlich nicht sehr geschickt den Eltern gegenüber und mit Sicherheit auch keine gute Werbung, sage ich jetzt mal, für die Polizei, für deinen Freund und Helfer. Wenn man da in so einer Ausnahmesituation ist wie die Eltern, so wie man das jetzt bisher gehört hat, möchte man ja auch wirklich empathisch da empfangen werden und auch ernst genommen werden. Ich hoffe nicht, dass das wirklich passiert ist, dass man das gesagt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das heute auf einer Polizeiwoche so noch hören würde.
Im Nachhinein ist das schwer zu beurteilen, wie man das damals gemeint hat, der Kollege, der das da gesagt haben soll. Aber so ist das eigentlich ein No-Go. Nachdem sich Sonja nach wie vor nicht meldete, hat die Polizei einen Tag später dann doch eine Vermisstenanzeige aufgenommen. In diesem Fall wurde allerdings auch relativ schnell entschieden, den Fall an ihr Kommissariat abzugeben. Was war der Grund? Einfach aufgrund der Gesamtumstände, die sich in diesem Fall ergaben. Sonja hatte ein stabiles soziales Umfeld. Die Geschichte, die Angaben von dem Freund und von den beiden Begleitern, von denen wir ja schon gehört haben, waren in sich stimmig. Natürlich auch die Gegend des Verschwindens hatten da eine Rolle gespielt. In der Nähe vom Hauptbahnhof, wo naturgemäß natürlich zwielichtige Gestalten sich rumtreiben und auch dort in der Gegend war damals der Straßenstrich. Man ist natürlich auch der Frage nachgegangen, ob die Sonja vielleicht irgendwas mit Drogen zu tun hätte oder Sonstiges in diese Richtung. Aber das konnte man sehr schnell ausschließen.
Und letztendlich hat man da natürlich auch als Kriminalbeamter eine Arbeitshypothese, dass die Sonja vielleicht telefonisch niemand erreicht hat. So wie man gehört hat, wollte sie ja jemanden anrufen, dass sie abgeholt wird. Sie hat dann deswegen jemand anderes gesucht, das sie in der Mitfahrgelegenheit vielleicht auch gefunden hat und stieg vielleicht zu einem Fremden ins Auto. Und da sie sich dann auch nicht mehr bei der Familie gemeldet hat, war da natürlich der Verdacht eines Verbrechens naheliegend. Wie sehen denn dann die Ermittlungen bei jungen Erwachsenen wie Sonja Engelbrecht aus, die vermisst werden? Wo fängt man da an? Das kommt natürlich auf den Einzelfall an. Zunächst natürlich, die Polizei ist auch eine Verwaltungsbehörde, muss man erstmal die ganzen Anzeige aufnehmen. Man muss ein Foto vielleicht einholen, beschreiben, wie sie ausgesehen hat oder was sie getragen hat. Heutzutage würde man natürlich auch sofort gucken, ob man vielleicht eine DNA-Probe bekommt von der vermissten Person. Heute, damals war es nicht möglich, da gab es noch keine Handys. Natürlich die Erreichbarkeiten, um darüber vielleicht einen letzten Standort zu bekommen. Standardmäßig werden Krankenhäuser von der vermissten Stelle kontaktiert, ob da vielleicht jemand eingeliefert worden ist.
Taxizentralen und auch natürlich die Ermittlungen vom Ort des Verschwindens, dem letzten Ort, wo man die Person gesehen hat. Heute würden wir natürlich erst mal schauen, wo sind Kameras. Auch das damals, das gab es nicht. Was man natürlich dann auch noch macht, ist bei der Familie nachzuschauen, ob man vielleicht irgendwo im Zimmer irgendwelche Hinweise findet zu bekannten Freunden, die vielleicht die Familie so nicht kennt. Gerade bei jungen Frauen, ich weiß gar nicht, ob es das wirklich noch so gibt, auch ein Tagebuch, dem man vielleicht mehr vertraut als der besten Freundin. Ja, auch diese Situation haben wir bei XY Cold Cases dargestellt. Zwei Kripo-Beamte durchsuchen Sonjas Zimmer. Hören wir nochmal rein. Hat Sonja einen Freund, zu dem sie gefahren sein könnte? Nein, das haben wir den Kollegen auch schon gesagt. Gab es Streit innerhalb der Familie zwischen Ihnen dreien oder zwischen Sonja und Ihrer Schwester? Ich verstehe ja, dass Sie das fragen müssen, aber unsere Tochter hätte absolut keinen Grund gehabt, einfach so abzuhauen. Selbst wenn sie die Schule hätte schmeißen wollen, mit's Ausland zu gehen, dann hätten wir drüber geredet. Das weiß sie auch. Bitte, wirklich, da muss was passiert sein. Sonja ist zuverlässig. Sie würde nicht einfach so verschwinden, ohne Bescheid zu geben.
Diese Reaktion zeigt schon, wie unangenehm solche Fragen für die Angehörigen sind. Werden die wirklich gestellt? Das gehört natürlich leider dazu. Es ist nie auszuschließen, dass Konflikte im näheren Umfeld der Grund für ein Verschwinden sind. Zum Beispiel die Tochter bremt mit einem Freund durch, den der Vater nicht mag. Das gab schon alles. Deswegen muss man das natürlich auch abklären. Und auch die Wohnung der Familien muss man nach weiteren Ansatzpunkten absuchen, wie ich schon gesagt habe. Damals ist sogar der Schrebergarten der Familie angeschaut worden, inspiziert worden, ob sie sich nicht vielleicht dort über Nacht aufgehalten hat. Natürlich sind da Angehörige oft pikiert und geschockt. Aber wenn es gar keine Konflikte in der Familie gibt, läuten bei uns umso mehr die Alarmglocken und wir müssen von einem Verbrechen ausgehen. Und Sie haben ja wahrscheinlich auch den letzten, der Sonja gesehen hat, Markus, eingehend befragt, oder? Natürlich, er wurde über die Jahre immer wieder kontaktiert und befragt. Er ist natürlich unsere wichtigste Informationsquelle gewesen, weil er Sonja einfach zum Schluss begleitet hat und als letztes gesehen hat. Da war es aber auch so, das ist immer für die Person natürlich sehr unangenehm. Der letzte Begleiter, der wird natürlich sehr ausgiebig befragt. Da war es auch immer so ein bisschen im Hintergrund, schwelgte da so mit, hat er nicht doch was damit zu tun. Aber für uns mit den damaligen Möglichkeiten hat er immer schlüssige Antworten gegeben. Ich wich davon auch nie ab.
Und das, was man dann auch versucht hat, objektiv zu überprüfen, hat sich dann auch so bestätigt, dass seine Geschichte da passt. Und da muss man dann auch nochmal heute sagen, mit Stand heute können wir ihn auch als Täter ausschließen.
Auf diese neuen Erkenntnisse kommen wir später noch zu sprechen. Doch zunächst ergaben sich trotz dieser ganzen Maßnahmen keine neuen Hinweise, was mit Sonja passiert ist. Das war dann auch der Moment, als der Fall an die Mordkommission übergeben wurde, weil immer deutlicher wurde, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss.
Was war in der Nacht zum 11. April 1995 am Stiegelmeierplatz passiert? Warum haben weder die Eltern noch Sonjas Schwester einen Anruf bekommen?
Denkbar wäre, dass die 19-Jährige ihre Schwester Carolin anrufen wollte und sie das Telefon im Schlaf nicht gehört hat. Ob Sonja aber überhaupt versucht hat anzurufen, kann nicht überprüft werden. Die technischen Voraussetzungen dafür stecken zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen. Für die Kriminalbeamten am realistischsten erscheint diese Arbeitshypothese. Sonja steht ganz allein am Stiegelmeierplatz, überlegt, wie sie nun heimkommen soll und versucht es per Anhalter. Ein Autofahrer hält an, vielleicht sogar mit Hintergedanken. Wie schon erwähnt, in diesem Viertel gibt es auch einen Straßenstrich. Vielleicht verspricht sich der Fahrer entsprechende sexuelle Aktivitäten und bietet Sonja an, sie zu Hause abzusetzen oder lockt sie durch einen falschen Vorwand in seinen Wagen. Dann wird er wahrscheinlich zudringlich. Sonja wehrt sich, er bringt sie um und lässt die Leiche verschwinden. Sonjas Familie möchte von solchen Gedankenspielen nichts hören. Sie glaubt fest daran, dass die 19-Jährige noch lebt. Und sie tut alles, um sie zu finden. Die Familie lässt Plakate drucken und hängt sie überall in München auf. Sie gibt Interviews in örtlichen wie in regionalen Medien, geht in Talkshows. Carolin schickt vor laufenden Kameras einen ergreifenden Appell an ihre verschwundene Schwester. Für den Beitrag in XY wurde der später nachgestellt.
Sonja, bitte, falls du das hier sehen kannst, bitte melde dich. Natürlich haben wir uns manchmal übereinander geärgert, aber das ist ja völlig normal unter Schwestern. Falls das der Grund sein sollte, komm bitte zurück. Wir vermissen dich so.
Der Appell hat nicht den erhofften Erfolg. Sonja bleibt verschwunden. Für die Familie besonders schlimm. Festtage wie Weihnachten, der nächste Geburtstag, der übernächste. Ohne Sonja. Doch die Eltern geben nicht auf. Sie machen sich die Suche nach ihrer Tochter zur Lebensaufgabe und klammern sich an jeden Strohhalm. Dabei fallen sie auch auf kriminelle Geschäftemacher und Betrüger herein. Sie engagieren einen angeblichen Privatdetektiv, der ihnen eine Menge Geld abknöpft, ohne Ergebnisse zu liefern. Wie perfide manche Menschen mit dem Leid der Familie umgehen, zeigt auch dieses Beispiel. Eines Abends klingelt bei den Eltern das Telefon. Ein Mann meldet sich und macht ihnen Hoffnung. Auch dieses Gespräch haben wir für XY rekonstruiert. ...
Ich weiß, wo Ihre Tochter ist. Was? Sie wissen, wo Sonja ist? Ja, genau. Was ist mit Sonja? Wo ist sie? Wie geht's ihr? Es geht ihr gut. Ich habe sie gesehen. Sie ist in Budapest. Sie arbeitet dort in einem Nachtclub. In einem Nachtclub in Budapest? Sie wurde verschleppt. Ich kann Ihnen helfen. Ich kann Sonja zurückbringen. Aber das kostet Geld. Sonjas Eltern geben ihm das Geld. Ihre letzten Ersparnisse. Danach hören sie nie wieder etwas von dem Anrufer.
Herr Heidmann, gerade bei vermissten Fällen laufen die Aktionen der Angehörigen oft parallel zu ihren Ermittlungen. Sind solche Aktionen hilfreich oder stören sie die polizeiliche Arbeit? Grundsätzlich können wir natürlich das Verhalten zum Teil nachvollziehen. Wir würden in einer ähnlichen Situation, wenn uns das passieren würde, vermutlich genauso handeln, wenn man so verzweifelt ist und sein Kind sucht. Es kommt natürlich immer wieder vor, dass Angehörige den Eindruck haben, dass die Polizei nichts oder zu wenig tut.
Tatsächlich, das sieht man auch in den Akten, es ist wirklich jeder noch so kleine Hinweis von den damaligen Ermittlern überprüft worden, so absurd er auch scheinbar gewesen ist. Das waren beispielsweise, Sonja ist in einem türkischen Harem, es waren Sichtungen auf Teneriffa oder sogar im Iran. Wir haben aber immer sehr schnell gemerkt, dass an den Hinweisen nichts dran ist. Und wir haben da auch natürlich festgestellt, dass dieser vermeintliche Detektiv einfach nur ein Betrüger ist und das Leid der Familie schamlos ausgenutzt hat. Aber natürlich auch das Engagement der Eltern in dem Fall hat sich dann auch etwas schwieriger entwickelt über diese gesamte Zeit der Ermittlungen. Was meinen Sie damit? Was gab es für Schwierigkeiten? Es waren da schon auch vereinzelt Vorwürfe. Wie gesagt, die Polizei macht zu wenig. Wie kann es sein, dass man in Bayern nicht meine Tochter findet? Man hat sich immer ständig rechtfertigen müssen. Das ging dann auch schreiben an unsere vorgesetzten Dienststellen damals oder sogar in die Politik. Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert, weil dann muss man sich da dauerhaft rechtfertigen, schreiben, vorbereiten etc. Und dann verliert man halt auch immer mehr Zeit, die wichtig ist, um dann vielleicht auch diese Ermittlungen durchzuführen.
Problem war dann auch, dass die Eltern parallel im Freundeskreis recherchiert haben. Das hat sich dann so ein bisschen verselbstständigt, dass dann Informationen sich vermischt haben, weil die Eltern natürlich jetzt nicht so ausgebildet sind wie wir, dass man das genau trennt mit Fakten, sondern da hat sich das vermischt. Man hat dann die Freunde auch befragt, die haben dann irgendwelche Vermutungen als Fakten dargestellt, das musste man dann wieder alles rausbekommen. Da besteht natürlich die Gefahr, dass vermeintliche Fakten einen falschen Fokus bekommen, sich alles verwässert und wir dann mit aufwendigen Ermittlungen dann wieder die Tatsachen richtig stellen müssen. Der Vermisstenfall hatte ja mehr einen lokalen oder regionalen Bezug und trotzdem haben sich, nicht zuletzt durch die Medienpräsenz der Eltern, auch überregionale Medien für das Schicksal von Sonja Engelbrecht interessiert. Vor allem haben aber die Münchner Boulevardblätter fast jeden Jahrestag genutzt, um erneut über den Fall zu berichten. Jedes Mal hat das neue Hinweise zufolge gehabt. Und nicht nur das, auch selbsternannte Hellseher und Wahrsager sind dann darauf aufmerksam geworden und haben der Familie ihre Dienste angeboten. Die Eltern sind darauf auch mehrfach eingegangen, aber ohne greifbares Ergebnis.
Hellseher und Wahrsager, mit diesem Phänomen werden auch wir bei Aktenzeichen XY ungelöst hin und wieder konfrontiert. Wir haben uns mal mit Angela Nachtigall darüber unterhalten, meiner Kollegin. Sie ist stellvertretende Redaktionsleiterin und seit fast 20 Jahren in der XY-Redaktion. Von ihr wollten wir wissen, welche Erfahrungen sie und die anderen Redaktionskolleginnen und Kollegen damit gemacht haben. Ja, also das Phänomen ist nicht neu. Das kennen wir praktisch von Anfang an, seit es die Sendung gibt.
Bis heute melden sich regelmäßig Hellseher und sogenannte Wahrsager und wollen Hinweise geben zur Aufklärung von Fällen oder zu Vermisstenfällen. Die sagen dann zum Beispiel, wir wissen, wo der Vermisste ist oder was mit ihm passiert ist. Wie die Redaktion und vor allem die Polizei zu solchen Angeboten steht, auch dazu hat Angela Nachtigall eine persönliche Erfahrung gemacht. Also ich glaube, da sind wir uns einig. Da ist absolut Skepsis angesagt. Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass es übersinnliche Fähigkeiten tatsächlich gibt.
Und ich bin die Tochter eines Kriminalbeamten. Mein Vater war Chef der Mordkommission in Ludwigshafen am Rhein viele Jahre. Und wenn man den gefragt hat, was er von übersinnlichen Fähigkeiten hält, dann hat er immer gesagt, es gab eine Organisation in Amerika, die hat eine Million Dollar ausgelobt für denjenigen, der nachweisen kann, übersinnliche Fähigkeiten zu haben. Die Million ist bis heute nicht abgeholt und da kann man sich fragen, warum. Jetzt behaupten ja aber nicht wenige Hellseher, in dem einen oder anderen Fall maßgeblich an der Aufklärung mitgewirkt zu haben. Was davon zu halten ist, auch dazu nochmal Angela Nachtigall. Ja, also da muss man nur mal googeln. Soweit ich weiß, wurde kein einziger Fall durch hellseherische Fähigkeiten geklärt. Da gibt es ganz viele Beispiele, wo Hellseher ihre Fähigkeiten angeboten haben. Also da gab es zum Beispiel den Fall Ursula Herrmann, die 1981 entführt worden ist. Und da haben sich auch Hellseher gemeldet. Die Polizei wollte nichts unversucht lassen, ist diesen Hinweisen nachgegangen und an den Stellen, wo gesagt wurde, das Kind sei dort, hat man nichts gefunden. Tatsächlich ist Ursula später ganz woanders gefunden worden, übrigens in einer Kiste verscharrt unter der Erde und die ist tragischerweise darin auch verstorben, also erstickt.
Genau, also das ist nur ein Beispiel für viele, wo Hellseher ihre Fähigkeiten angeboten haben. In der Realität werden Kriminalfälle nicht durch übersinnliche Fähigkeiten geklärt.
17 Jahre nach Sonja Engelbrechts Verschwinden wendet sich die Kripo auch an Aktenzeichen XY ungelöst. In der Spezialausgabe Wo ist mein Kind? haben wir den Fall im November 2012 aufgerollt in der Hoffnung auf neue Hinweise, neue Impulse oder vielleicht sogar auf Mitwisser. Herr Heitmann, hat sich die Hoffnung nach so langer Zeit erfüllt? Es gab natürlich eine Vielzahl von neuen Hinweisen. Es haben sich auch vereinzelt Frauen gemeldet, die etwa zu der Zeit von Sonjas Verschwinden ebenfalls in der Umgebung. des Stiegelmeierplatzes von Männern angesprochen oder belästigt wurden. Das ließ sich aber nach so langer Zeit kaum noch verifizieren. Das waren ja dann schon 17 Jahre nach dem Vorfall. Diese Vorfälle, soweit sie überhaupt damals angezeigt worden waren, waren nicht mehr bei uns in dem Polizeicomputer verzeichnet. Entweder waren sie gar nicht angezeigt worden oder waren schon wegen des Datenschutzes gelöscht. Diese Hinweise waren aber zum Teil auch einfach nicht griffig genug. Da gab es nur oberflächliche Beschreibungen oder auch nur vage Hinweise, was da überhaupt passiert ist. Was wir aber auch gemacht haben in dem Zusammenhang, wir haben nochmal einschlägig bekannte Männer überprüft, die sich in dem Bereich aufgehalten haben, ob die vielleicht irgendetwas mit dem Verschwinden von der Sonja Engelbrecht zu tun hatten. Aber letztendlich haben wir keinen neuen heißen Hinweis bekommen und keine heiße Spur.
Um den Fall Engelbrecht wird es im Laufe der Jahre und Jahrzehnte ruhiger. Nach wie vor gibt es keine Spur, keinen konkreten Hinweis auf Sonjas Schicksal. Die Zeitungen berichten weiterhin gelegentlich über den Fall. Meist, wenn sich der Tag des Verschwindens wieder einmal jährt. Oder auch, wenn an Münchens spektakulärste ungeklärte Fälle erinnert wird. Dreimal beschäftigt sich auch Aktenzeichen XY mit dem mysteriösen Vermisstenfall. Zum ersten Mal, wie schon erwähnt, im November 2012. Vielen Dank. Zu Gast ist nicht nur der damalige Sachbearbeiter in dem Fall, sondern auch Sonjas Eltern, die wir zu uns eingeladen haben. Sie wirken inzwischen etwas resigniert, zermürbt. Aber dennoch. Die Hoffnung, ihre Tochter lebend wiederzusehen, haben sie auch nach 17 Jahren nicht aufgegeben, wie Sonjas Mutter sagt. Irgendwann wollten sie Sonja trotzdem für tot erklären lassen. Aber die Bürokratie würde das erschweren, so erzählt sie es in der Sendung. Doch dann, wieder acht Jahre später, endlich die große Wende in dem Fall. Im Sommer 2020 macht ein Forstarbeiter im Wald bei Kipfenberg, eine Gemeinde etwa 100 Kilometer nördlich von München im Landkreis Eichstätt, einen schrecklichen Fund, einen menschlichen Oberschenkelknochen. Wie sich später herausstellen wird, von Sonja Engelbrecht.
Herr Rittmann, wann haben Sie davon erfahren? Das war tatsächlich erst im November 2021, also gut anderthalb Jahre später, was für alle vollkommen überraschend war. Ich kann mich da noch gut an diesen Anruf erinnern, der da bei mir einging.
Ursprünglich waren Kollegen von der örtlichen Kripo von Ingolstadt für diesen Knochenfund zuständig. Die gaben dann natürlich routinengemäß das Fundstück an das LKA zu weiteren Untersuchungen ab. Wieso hat das so lange gedauert? Dass es da überhaupt zu einem Treffer kam, verdanken wir in der Rückschau dem damaligen Sachbearbeiter, dem Herrn Bader, der ja bei Ihnen, Herr Zerner, auch damals in der Live-Sendung war. Der hatte festgestellt, dass es in dem Fall überhaupt gar keine reine DNA von der Sonja Engelbrecht in unseren Dateien gab, sondern nur von Angehörigen. Er hat deswegen nochmal die Familie kontaktiert und die Mutter hatte dann noch Milchzähne der Sonja aufbewahrt. Daraus konnte die Rechtsmedizin München DNA generieren und diese DNA wurde dann in die DNA-Datei eingestellt und führte letztendlich zu dem Treffer mit diesem Knochenfund in Kipfenberg. In diesem Waldstück bei Kipfenberg, da wurden ja dann auch sofort umfangreiche Suchmaßnahmen unternommen. Allerdings sind die Suchmannschaften dann schnell an Grenzen gestoßen. Was war da los? Zum einen war das ein riesengroßes Gebiet, dieses Waldstück oberhalb von Kipfenberg.
Wir haben uns das dann nochmal im Vorfeld angeschaut, aber letztendlich drei Tage später gleich mit den Suchmaßnahmen begonnen. Wir haben da die Bereitschaftspolizei im nahegelegenen Eichstätt um Hilfe gebeten. Da waren dann die Ausbildungsbeamten dort, die uns geholfen haben. Wir haben um Hilfe gebeten bei speziellen Suchhunden, sogenannten Kadaver-Docs, in diesem Fall aus Kroatien.
Die sind für das Aufspüren von menschlichen Kadavern, muss man tatsächlich sagen, trainiert, nicht für Knochen. Die waren auch im Balkankrieg im Einsatz damals und von daher nimmt die Polizei in Deutschland oder auch in Europa gerne diese Runde zur Hilfe. Wir mussten aber dann leider nach drei Tagen erfolgloser Suche witterungsbedingt unterbrechen, weil plötzlich dann Schnee kam. Das wussten wir vorher, hatten aber gehofft, dass wir vielleicht schon mehr finden. Das war aber leider nicht so.
Der Fall liegt dann sprichwörtlich für ein halbes Jahr auf Eis. Dafür geht es Ende März 2022 mit umso größerem Aufwand weiter. Um das unüberschaubare Waldgelände absuchen zu können, bietet die Polizei nochmals mehrere hundert Beamtinnen und Beamte auf. Dazu kommen erneut spezielle Suchhunde. Neben den Suchkräften am Boden sind diesmal auch Angehörige der alpinen Einsatzgruppe am eher unzugänglichen Steilhang zu Gange. In Bayern, in der Nähe der Alpen, gibt es die natürlich. Fast jede Polizeiinspektion im Voralpengebiet verfügt über passionierte Bergsteiger und Bergführer, die einer alpinen Einsatzgruppe, so die offizielle Bezeichnung, angehören. Fünf bis sechs Leute aus dieser Einheit unterstützen nun die Suchmannschaften bei Kipfenberg. Sie steigen in die Felsformation und finden dort tatsächliche weitere menschliche Knochen. Von Sonjas Kleidung allerdings fehlt jede Spur. Sonja wurde demnach vom Täter unbekleidet in der Felsspalte abgelegt. Denn Leder wäre im Laufe der Zeit lediglich verwittert, aber nicht kaputt gegangen. Die Kripo geht aufgrund der Gesamtumstände davon aus, dass Sonja Engelbrecht sehr bald nach ihrem Verschwinden vermutlich noch am selben Tag umgebracht worden ist.
Die auffinde Situation lässt außerdem den Schluss zu, dass sie Opfer eines Sexualmordes wurde. In der Felsspalte liegt fast das gesamte Skelett der jungen Frau. Der Täter hat die Leiche in Müllsäcke und Planen aus Kunststoff verpackt, die noch am Fundort liegen. Die wenigen fehlenden Knochen, wie auch der zuerst gefundene Oberschenkelknochen, wurden wohl von Tieren verschleppt. An den Plastiktüten und Folien haftet Wandfarbe. Vermutlich sind sie bei Bau- oder Renovierungsarbeiten benutzt worden. Der Täter könnte also zum Tatzeitpunkt mit handwerklichen Tätigkeiten beschäftigt gewesen sein. Entweder beruflich oder privat.
Dazu passt ein weiterer interessanter Aspekt. In der Woche vor Sonjas Verschwinden im Jahr 1995 fand eine große Baumaschinenmesse auf der Theresienwiese statt, die von vielen Handwerkern aus nah und fern besucht wurde. Vielleicht gehörte auch der Täter dazu. In der Feldspalte finden die Einsatzkräfte noch etwas Interessantes. Ein Stoffknäuel, das sich bei näherer Betrachtung als verwitterte, blau-schwarze Wolldecke herausstellt. Sie wird später in der XY-Sendung zum wichtigsten Ansatzpunkt. Vermutlich hat der Täter Sonjas Leiche darin eingewickelt. Am 1. März 2023 stellt also die Kripo München den Fall Sonja Engelbrecht ein zweites Mal in der Sendung vor. Für das XY-Spezial Cold Cases haben wir einen neuen Filmbeitrag erstellt. Darin zu sehen, der Knochenfund in Kipfenberg. Im anschließenden Studiogespräch mit Kriminalhauptkommissar Roland Bader kommen auch noch weitere Vermutungen zu Sonjas Mörder zu sprechen. Sie hängen mit dem Fundort zusammen.
Dieser Auffindeort bei Kipfenberg spielt bei den Ermittlungen jetzt eine ganz zentrale Rolle. Was haben Sie dazu herausgefunden? Dieser Auffindeort ist tatsächlich speziell. Er befindet sich in dem besagten Waldstück. Es ist eine Felsformation mitten in diesem Wald. Und diese Örtlichkeit wird im Normalfall nicht von Pilzesammlern oder Wanderern aufgesucht. Wir gehen daher davon aus, dass der Täter einen Ortsbezug hat. Auch gehen wir davon aus, aufgrund unserer Ermittlungen, dass der Täter auch zuvor bereits an dieser Örtlichkeit war und auch wahrscheinlich danach die Örtlichkeit nach der Ablage von Sonja Engelbrecht wieder aufgesucht hat. Also Ortsbezug zu Kipfenberg bzw. Region Ingolstadt-Eichstätt.
Diesmal hat XY die Münchner Kripo tatsächlich erheblich weitergebracht. Im Gegensatz zur ersten Sendung Wo ist mein Kind elf Jahre zuvor? Inwiefern, Herr Heitmann? Wir haben tatsächlich eine Vielzahl von neuen Hinweisen bekommen, interessanten Hinweisen und natürlich auch zu dieser verwitterten Decke, die wir ja speziell angefragt haben. Zuschauer haben diese Decke erkannt, die konnten uns sagen, wie die ursprünglich aussah und ich kann mich da noch gut dran erinnern, einen Tag später kam dann ein Anruf aus der Nähe von München, da sagte dann eine Frau, sie hat tatsächlich so ein identisches Vergleichsstück noch zu Hause liegen im Keller, vollkommen unbeschädigt. Und aufgrund dieses Vergleichsstückes konnten wir dann wirklich sagen, wie diese Decke aussah. Die war zwei Meter lang, 1,40 Meter breit, die Farbe in schwarz und blau, so wie man das auch bei den Überresten schon erkennen konnte und das Motiv war ein junges Liebespaar auf einer Parkbank.
Trotz dieser vielen Hinweise suchen wir aber nach wie vor nach Personen, die eine solche Decke insbesondere bis 1995 besessen haben und zusätzlich möglicherweise einen Bezug zur Region um den Fundort in Kipfenberg und München gehabt haben. Vielleicht jemand, der damals auch gebaut oder renoviert hat. Diese Fragen haben wir drei Wochen später noch einmal in der regulären XY-Sendung dem Publikum gestellt. Wie war da die Resonanz? Auch nochmal sehr hoch. Wir haben wieder viele neue Hinweise bekommen, aber leider bislang noch keine entscheidenden. Und das, obwohl Sie ja vor einigen Monaten im April 2025 nochmal einen weiteren Aufruf gestartet haben. Gab es denn da etwas Neues zu berichten oder was war der Anlass? Naja, der Anlass war natürlich, dass sich das Verschwinden, der Tag des Verschwindens zum 30. Mal gejährt hat. Das ist immer wieder eine gute Gelegenheit für uns, an ungeklärte Fälle zu erinnern. Wir sind nochmal mit dieser auffälligen Decke an die Öffentlichkeit gegangen und haben nach ehemaligen Besitzern gefragt. Vielleicht weiß auch jetzt hier einer der Zuhörer des Podcasts eine Antwort, wer diese Decke vielleicht besessen hat. Diese Decke, die kann man sich nach wie vor im Internet anschauen. Ja, und einen entsprechenden Link findet ihr in den Shownotes zu dieser Podcast-Folge.
Sonjas Vater hat die jüngste Entwicklung nicht mehr mitbekommen. Er ist vor einigen Jahren gestorben.
Der Mutter war durch die Gewissheit, dass ihre Tochter nicht mehr lebt, eine schwere Last von den Schultern genommen. Ihr Glaube half ihr sicher, diese Nachricht zu verkraften. Sie hat schon im Filmbeitrag zur XY-Spezialsendung Wo ist mein Kind? Gesagt, ich bete jeden Abend, wenn sie lebt, dass sie geschützt werden soll. Und falls sie doch tot sein sollte, dann soll es ihrer Seele gut gehen. Herr Heidmann, haben Sie eigentlich nach wie vor noch Kontakt zur Familie? Ja, der ist nach wie vor sehr eng. Der läuft inzwischen über Sonjas Schwester, von der wir ja auch schon gehört haben. Ich versuche sie auch da ständig auf dem Laufenden zu halten. Wir telefonieren da turnusmäßig und ich habe auch mit ihr gesprochen. Sie hat ja ihr Okay gegeben, dass wir diesen Fall hier im XY-Podcast nochmal behandeln. Das freut uns sehr, Herr Heidmann. Dann beenden wir an dieser Stelle auch diese Podcast-Folge. Ich bedanke mich ganz herzlich, dass Sie zu uns ins Studio gekommen sind und den Fall auch hier nochmal vorgestellt haben. Danke Ihnen. Vielen Dank für die Einladung und vielleicht bis zu einem nächsten Fall. Auch ich sage vielen Dank und wünsche Ihnen und natürlich Sonjas Angehörigen, dass der Fall doch noch geklärt werden kann. Wir bedanken uns auch bei unserem Kollegen Rüdiger Wellnitz, der das Manuskript für diese Podcast-Folge verfasst hat. Und natürlich bei euch, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, für euer Interesse. Und damit sage ich wie immer, bleibt sicher. Alle Infos zum heutigen Fall, die findet ihr wie immer in den Shownotes. Wir hören uns in zwei Wochen wieder. Bis dann.
Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen ist eine Produktion der Securitel in Kooperation mit BUM-Film im Auftrag des ZDF. Musik.