Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Aktenzeichen XY, Unvergessene Verbrechen. Mein Name ist Rudi Zerne. Und ich bin Conny Neumeier. Schön, dass ihr zuhört. Der heutige Fall beginnt mit dem Fund einer Leiche. An einem Ort, an dem man zwar mit dem Tod rechnet, aber nicht auf diese Weise. Und schon gar nicht unter diesen Umständen. Es ist April 2020, als ein junger Mann entdeckt wird. Tod, verscharrt. Und was zunächst nach einem rätselhaften Fund aussieht, entpuppt sich dann schnell als Gewaltverbrechen. Die Ermittlungen laufen bei der Mordkommission in Hannover. Und sie führen in ein Umfeld, das zunächst niemand auf dem Zettel hatte. Was ist passiert? Wer ist der Tote? Und warum befindet er sich an einem so ungewöhnlichen Ort? Antworten darauf hat auch Kriminalhauptkommissar Ralf Klemm gesucht. Er hat die Mordkommission in diesem Fall geleitet und ist heute bei uns im Studio. Schön, dass Sie da sind. Hallo. Ja, hallo. Guten Tag, Frau Neumeyer. Guten Tag, Herr Zerne. Vielen Dank für die Einladung und danke, dass ich diesen spektakulären Fall hier vorstellen darf. Herzlich willkommen.

Ja, als Experten für diese Folge haben wir außerdem mit Dr. Ingo Spitzock von Bresinski gesprochen. Er ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der LVR-Klinik in Viersen. Die Klinik ist auf psychische Erkrankungen und Autismus spezialisiert. Und eine Form auf dem Autismus-Spektrum ist das Asperger-Syndrom. Und auch darum wird es in unserer heutigen Folge gehen. Bevor wir dazu kommen, machen wir aber einen Sprung zurück. Und zwar ins Frühjahr 2020. Zu dem Tag, an dem die Leiche eines jungen Mannes gefunden wurde. Alle Namen haben wir wie immer geändert.

Der Jakobi-Friedhof in Hannover-Kirch-Rode. Es ist der 15. April 2020, ein Mittwoch. Früh am Morgen um kurz nach 7 Uhr ist dort eine Friedhofsgärtnerin mit einem Grab beschäftigt, das wenige Monate zuvor, im Februar 2020, aufgelöst wurde. Allerdings bemerkt die Mitarbeiterin, dass nun zahlreiche Fliegen über die frühere Grabstätte kreisen. Außerdem sieht der eingeebnete und neu gesäte Rasen in diesem Bereich etwas aufgewühlt aus. Die Friedhofsgärtnerin will die Stelle wieder herrichten. Bei ihrer Arbeit bleibt die Frau mit dem Rechen an einem Stück Stoff hängen. Sie gibt ihrem Chef Bescheid, dass da etwas nicht in Ordnung ist. Um das genauer zu kontrollieren, holt der einen Spaten. Wegen des Fliegenbefalls um die Stelle herum vermuten beide, dass dort womöglich ein Tier vergraben wurde. Der Mann beginnt damit, die Stelle mit dem Spaten freizulegen und stößt bald auf einen menschlichen Fuß inklusive Schuh. Die beiden verständigen umgehend die Polizei. Der Hinweis landet zunächst beim Kriminaldauerdienst, einer Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft der Polizei, die sich in solchen Fällen einen ersten Eindruck verschafft.

Die Beamtinnen und Beamten fahren zum Friedhof und gehen bereits nach kurzer Begutachtung von einem Verbrechen aus. Daraufhin informieren die Einsatzkräfte die Mordkommission Hannover. Mit seinem Chef macht sich Kriminalhauptkommissar Ralf Klemm auf den Weg zum Tatort. Auch die Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule wird hinzugezogen. Händisch und mit Vorsicht legen die Beamten weitere Teile der Friedhofsstelle frei. Und stoßen dabei auf einen männlichen Leichnam. Er liegt quer im Grab, zusammengekauert auf der linken Körperseite. Je weiter die Polizisten und Kriminaltechniker den Toten freilegen, desto deutlicher zeigt sich, der Mann wurde Opfer roher Gewalt. Sein gesamter Körper ist von Stichverletzungen übersät. Oberkörper, Unterkörper, selbst der Kopf ist massiv betroffen. Der linke Oberschenkel ist fast vollständig durchtrennt.

Herr Klemm, Sie waren vom ersten Tag an, also gleich als die Leiche gefunden wurde, an den Ermittlungen beteiligt. Wie tief war der Tote denn dort vergraben und hatten Sie Hinweise darauf, wie lange er da schon lag? Die Leiche lag ungefähr in 30 Zentimeter Tiefe. Tief genug, dass man keinen wirklichen Hügel mehr sehen konnte, aber immer noch recht nah an der Oberfläche. Der Fäulnisprozess war schon eingetreten, das Opfer war also wohl schon eine gewisse Zeit tot. Wie lang genau, konnten letztendlich die Rechtsmediziner nicht mehr sagen. Die Spurensuche wurde dadurch natürlich erschwert. Die Kriminaltechnik hat dann entsprechend das Erdreich ganz vorsichtig abgehoben, um den Leichnam ganz frei zu legen, ohne entsprechende Spuren zu vernichten. Interessant war, der Chef der Friedhofsgärtnerin meinte, für so eine Kuhle braucht man ungefähr eine Stunde Zeit. Das Problem war aber, das Erdreich war recht hart und fest. Deswegen kam die Person, die ihn da verbuddelt hat, wohl auch nicht weiter nach unten.

Wäre die Leiche tiefer vergraben gewesen und es hätte wohl nicht so viel Fliegen gegeben, man kann davon ausgehen, der Gärtnerin wäre nichts aufgefallen und die Leiche wäre vielleicht nie gefunden worden. Bevor wir gleich zu Ihren ersten Ermittlungsschritten kommen, wollen wir vielleicht erst mal klären, um wen es sich bei dem Toten handelte. Sie konnten die Identität des Mannes ja dann recht schnell feststellen, richtig? Ja, der Mann war komplett bekleidet, auch wenn die Kleidungsgegenstände durch die Stiche natürlich arg ramponiert waren. Er trug ein dunkelblaues T-Shirt mit Aufdruck, weiße Turnschuhe und eine olivgrüne Cargohose. Wir haben in der rechten Gesäßtasche tatsächlich ein Portemonnaie gefunden.

Darin war der Pass mit den Personalien, was letztendlich gegen einen professionellen Täter spricht, denn der hätte das Portemonnaie sicherlich verschwinden lassen. Wir nennen den Toten in dieser Folge Onur Shahin. Er wurde zwar in Hannover geboren, lebte aber bereits seit einigen Jahren in Bielefeld. Der 28-Jährige hatte sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsangehörigkeit. Herr Klemm, außer der Kleidung und dem Geldbeutel haben Sie auf dem Friedhof nichts gefunden. Also es gab kein Handy, keine Tatwaffe oder ähnliches. Die Leiche von Uno Sahin wurde dann natürlich obduziert. Erzählen Sie mal, welche Erkenntnisse sich daraus ergeben haben. Das Ausmaß an Gewalt war wirklich erschütternd. Unendlich viele Stiche am ganzen Körper des jungen Mannes. Im Fachjargon spricht man von einem extremen Übertöten. Die Rechtsmedizin ging von einem hohen Blutverlust als Todesursache aus. Dadurch war augenscheinlich klar, der Fundort auf dem Friedhof war wohl nicht der Tatort. Bei der Obduktion wurden am Ende 111 Hiebe und Stiche gezählt. Diese müssen mit einer Tatwaffe mit langer Klinge durchgeführt worden sein. Vorstellbar eine Art Kurzschwert. Die Organe waren teilweise komplett durchstoßen. Dazu kam das fast abgetrennte linke Bein.

Sowas sieht man auch bei einer Mordkommission nicht jeden Tag. Mehr als 100 Stiche, wirklich kaum vorstellbar. Da hat der Täter oder die Täterin wohl eine unheimliche Wut entladen. Sie mussten dann natürlich die Familie des Toten über den Fund informieren. Was konnten Sie denn über die Verhältnisse herausfinden, in denen Onur Sahin gelebt hat? Onur ist in Hannover geboren. Er lebte eigentlich in einem sehr geordneten Familienumfeld. Die Eltern stammten aus der Türkei. Sie haben sich relativ früh getrennt.

Außerdem hatte er eine Schwester. Die Mutter ist irgendwann nach Bielefeld gezogen. Onur Sahin hat aber seine Kindheit und Jugend in Hannover verbracht und ist erst später nach Bielefeld gezogen, weil die Mutter dort halt gelebt hat. Er hatte aber in Bielefeld eine eigene Wohnung. Er hatte auch weiterhin einen guten Kontakt zum Vater. Auch seine Tante wohnte noch in Hannover. Und er hat beide regelmäßig besucht. Onur hatte zwar in Bielefeld keinen riesigen Freundeskreis, aber doch einige ganz gute Freunde. Und dort auch eine feste Freundin. Er war, glaube ich, mit seinem Leben insgesamt ganz zufrieden. Gesundheitlich war bei Onur Schahin ja nicht immer alles in Ordnung. Er war seit seiner Geburt körperlich eingeschränkt, könnte man sagen. Stimmt. Er hatte seit Geburt an Epilepsie. Ihm wurde deswegen aber recht früh ein sogenannter Schand ins Gehirn eingesetzt. Das medizinische Implantat soll überflüssige Hirnflüssigkeit ableiten und so epileptische Anfälle verhindern. Er brauchte deswegen auch keine Medikamente. Allerdings hatte er weitere körperliche Einschränkungen. Die linke Körperhälfte, was die Muskelkraft angeht, war von Anfang an schwächer ausgebildet als die rechte und auch das linke Bein war kürzer als das rechte. Er hat versucht, das zu kompensieren durch viel Kraftsport. Das konnte man auch letztendlich an seiner recht athletischen Statur sehen.

Onur wollte sich insgesamt fit halten. Er hat zum Beispiel Vater und Tante in Hannover auch mit dem Fahrrad besucht. Immerhin gut 100 Kilometer von Bielefeld aus entfernt. Was hat Onur Sahin beruflich gemacht? An einer Förderschule für Kinder mit einer Körperbehinderung hatte er den Hauptschulabschluss gemacht. Danach war er an einer Berufsschule in Hannover-Kirchrode, welche speziell darauf ausgerichtet war, Jugendliche mit Einschränkungen auszubilden. Das war keine spezialisierte Berufsausbildung, sondern eher eine berufsfördernde Maßnahme. Letztendlich hat er in einem Supermarkt in Bielefeld im Lager gearbeitet. Eine eher leichtere Tätigkeit aufgrund seiner körperlichen Behinderung. Onur war dort im Supermarkt aber gut angesehen. Er war immer zuverlässig, immer pünktlich. Er hat sich in seiner Freizeit auch auf Social Media im Bereich Hilfsorganisationen für Menschen mit Behinderung ein bisschen engagiert und eingebracht.

Guter Kontakt zu den Eltern und Freunden, ein solides Arbeitsumfeld und eine feste Freundin. Unus Sahin ist eingebunden in ein stabiles soziales Netzwerk. Und den Menschen um ihn herum fällt selbstverständlich auf, als der Kontakt zu ihm nach dem 5. April 2020 mit einem Mal abrupt abreißt.

Zwei Tage später macht sich Unus Vater bereits große Sorgen. Weder er noch sonst jemand hat etwas von seinem Sohn gehört. Mit Unus Schwester fährt er zur Wohnung seines Sohns in Bielefeld. Der Vater hat einen Schlüssel. Doch in der Wohnung ist niemand und es gibt keinen Hinweis, wo UNO sein könnte.

Der 28-Jährige hat eine Katze. Wasser und Futternapf sind aber leer. Auch das alarmiert die Familie. Alle wissen, wie sehr er das Tier liebt. Am 7. April melden sein Vater und seine Schwester Ono Sahin bei der Polizei in Bielefeld als vermisst. Wenige Tage später, am 12. April, erstattet Onos Vater noch eine zweite Vermisstenanzeige. Diesmal bei der Polizei in Hannover. Diese beiden Meldungen machen es den Ermittlern, um Ralf Klemm leicht, nach dem Leichenfund schnell an die Familienangehörigen heranzutreten. Die Polizei versucht zu klären, was am 5. April 2020 passiert ist. Zehn Tage bevor Onurs Leiche gefunden wurde. Warum brach der Kontakt plötzlich ab? Und wo war Onur an diesem Tag eigentlich unterwegs? Sein Handy fehlt bis heute. Das Opfer hatte aber mehrere Handynummern, zu denen die Polizei jeweils eine Funkzellenabfrage durchführt. Das Ergebnis? Am Nachmittag des 5. April um 15.13 Uhr versuchte ein ehemaliger Schulfreund aus Kirchrode, Onor anzurufen. Dessen Handy war zu diesem Zeitpunkt in der Funkzelle eingewählt, die auch den Leichenfundort abdeckt. Der Freund gerät dadurch kurzzeitig ins Visier der Polizei.

Recht schnell stellt sich aber heraus, dass der Anruf reiner Zufall war. Die Ermittlerinnen und Ermittler rekonstruieren den 5. April dann anhand der Nachrichten, die UNO am Tag seines Verschwindens verschickt hat. Einer Freundin schickt er am frühen Nachmittag eine Sprachnachricht. Im Hintergrund der Aufnahme sind Zuggeräusche zu hören. In einer Lautsprecheransage ist von Haste die Rede, ein Ort auf der Zugstrecke zwischen Bielefeld und Hannover. Seiner Freundin schickt Onur aus dem Zug ein Foto seiner Hand. An der hatte er sich kurz zuvor leicht verletzt. Das Foto kommt um 14.13 Uhr an. Zeitverzögert, wie sich wenig später herausstellt. Die Polizei gleicht die Uhrzeiten der verschickten Nachrichten mit Videoaufzeichnungen der entsprechenden Bahnhöfe ab. Sie kann nachverfolgen, wie Onur am 5. April um 12.24 Uhr mit der Westfalenbahn von Bielefeld nach Hannover gefahren ist. Die Überwachungskamera zeigt, wie er um 13.50 Uhr auf Gleis 10 angekommen ist und den Bahnhof kurz darauf zu Fuß in Richtung Innenstadt verlassen hat.

Herr Klemm, nun wussten Sie also, dass Onur Sahin bis zum frühen Nachmittag mit dem Zug nach Hannover unterwegs war. Hatten Sie denn eine Vermutung, was er dort wollte? Nein, das war tatsächlich ein absolutes Rätsel für uns. Er war nicht mit dem Vater oder der Tante verabredet. Vor allem war unklar, warum er in Kirchrode gelandet war. Tatsächlich war er dort in der Schule und auch in der Berufsschule gewesen, aber vor vielen Jahren. Wir konnten uns nicht erklären, warum er am Ende dort gefunden wurde. Konnten Sie denn ermitteln, wohin Ono Sahin unterwegs war, nachdem er den Hauptbahnhof Hannover zu Fuß verlassen hat? Wir haben versucht, das mit sogenannten Man-Trailern, also mit Spürhunden, herauszufinden.

Kräfte von uns waren einen Tag nach dem Leichenfund in Onos Wohnung in Bielefeld. Wir haben dort unter anderem Kleidung des Getöteten sichergestellt. Man muss sich vorstellen, Mantrailer brauchen Vergleichsmaterial, um eine Geruchsspur aufnehmen zu können. Wir haben dafür Oberbekleidung von Ono genommen. Der Einsatz des ersten Spürhunds am Bahnhof Hannover war am 21. April. Das war dann ja mehr als zwei Wochen, nachdem Onur im Bahnhof unterwegs war. Ist ein Spürhundeinsatz nach so langer Zeit denn überhaupt noch erfolgsversprechend? Ja, das ist ein guter Punkt, den Sie da ansprechen. Die Erfahrung zeigt, Mantrailer können Spuren eigentlich nur drei bis vier Tage nach einem Ereignis wieder aufnehmen. Wir haben es einfach trotzdem versucht. Und tatsächlich, der Hund konnte Onus Spur am Bahnhof aufnehmen. Wir wussten ja über die Videoüberwachung, wo genau er dort am Bahnhof langgelaufen ist. Der Hund hat uns dann über eine Rolltreppe zu einem Gleis der U-Bahn-Station Kröpke geführt. Die Station liegt ganz in der Nähe vom Hauptbahnhof und ist zentraler Verkehrsknotenpunkt in Hannover.

Von dort fahren Bahnen in alle möglichen Richtungen der Stadt, auch nach Kirchrode. Sie konnten also davon ausgehen, dass Onur Sahin nicht zu Fuß in Hannover unterwegs war, sondern die U-Bahn genommen hat. Dort in der U-Bahn-Station Kröpke war für den Spürhund dann aber Schluss, oder? Erstmal ja. Wir wussten nicht, welche Bahn Unur Shahin dort genau genommen hat. Die Videoaufzeichnung der Stadtbahnen und einzelnen Stationen werden nur 24 Stunden gesichert und dann gelöscht. Um die zu sichten, war es da schon zu spät. Wir haben dann aber gedacht, wenn das mit dem Spürhund am Bahnhof so gut geklappt hat, vielleicht kann der die Fährte ja am Bahnsteig Kirchrode wieder aufnehmen. Das hat dann sogar wirklich geklappt. Der Hund hat auch in Kirchrode wieder angeschlagen. Wir müssen allerdings im Nachhinein sagen, der Hund hat uns dort in eine Richtung geführt, die, wie sich später herausstellen sollte, nicht tatrelevant war. Am nächsten Tag haben wir noch mit einem zweiten Spürhund versucht, dort nochmal eine Spur aufzunehmen, da wir dachten, dass vielleicht der erste einfach mit seiner Aufnahmefähigkeit fertig war. Der zweite Man-Trailer hat uns nochmal in eine völlig andere Richtung geführt. Dort wurden dann entsprechende Hausbefragungen gemacht. Diese führten aber zu keinen tatrelevanten Ergebnissen.

Man kann sagen, die Spur vom Bahnhof weg, konnten die Hunde nachvollziehen. In Kirchrode haben sie die dann aber verloren. Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen haben ja sicher auch in der Gegend rund um den Leichenfundort nach Zeugen gesucht und mehr Anwohnerinnen und Anwohner befragt, oder? Selbstverständlich. Es gab parallel vor allem rund um den Friedhof eine große Öffentlichkeitsfahndung. Wir haben Plakate ausgehängt, Handzettel in die Briefkästen verteilt und Anwohner rund um den Friedhof befragt. Dazu gab es Aufrufe in den lokalen Medien. Alles mit der Bitte um Hinweise. Es gab aber kaum relevante Informationen mit einer ganz wichtigen Ausnahme. Eine Zeugin hat ausgesagt, sie hätte in der Nacht vom 9. Auf den 10. April so gegen 3 Uhr in der Straße direkt neben dem Jakobi Friedhof schleifende Geräusche gehört. Können Sie diese Geräusche näher beschreiben? Also was muss man sich vorstellen darunter? Etwas schweres, das man zum Beispiel über Asphalt zieht? Genau. Die Zeugin sei vom Geräusch aufgewacht, hätte aus dem Schlafzimmer geschaut und gesehen, wie eine Person auf dem gegenüberliegenden Gehsteig einen großen Gegenstand in Richtung Friedhof zieht. Außerdem sei noch eine zweite Person dabei gewesen, die aber nur daneben gestanden hätte. Man muss allerdings dazu sagen, es war natürlich mitten in der Nacht.

Es war dunkel und nicht richtig zu erkennen. Aber es war ein sehr wichtiger Hinweis, dass da wohl irgendwas Richtung Friedhof transportiert wurde. Ja, Sie haben da sicher sofort an Onur Schahin gedacht. Ein unglaublicher Gedanke. Jemand zerrt mitten in der Nacht eine Leiche über die Straße. Absolut. Wir haben auf dem Gehweg und dem Straßenbereich, den die Zeugin benannt hatte, auch tatsächlich Schleifspuren festgestellt, ohne genau sagen zu können, woher die kamen. Dann haben wir einen Leichenspürhund entlang der Straße hin zum Friedhof eingesetzt. Der Hund schlug dann auch an fünf verschiedenen Stellen an. Wir nennen das Anzeigeverhalten. Man kann sich das so vorstellen, dass der Hund ad hoc sich hinsetzt und bellt. Mit bloßem Auge war dort nichts zu erkennen. Aber die Stellen wurden natürlich professionell von der Spurensicherung untersucht.

Die Laborergebnisse zeigten, dort war Blut und es war vom Opfer Onur Shahin. Ja, an der Stelle könnte man ja jetzt meinen, super gelaufen, einfach die Schleif- und Blutspuren zurückverfolgen und dann landet man bestenfalls direkt am Tatort, wo Onur Shahin möglicherweise umgebracht wurde. Das haben wir versucht, aber es war natürlich nicht ganz so einfach. Es gab weitere Schleifspuren rund um den Friedhof und auch der Leichenspürhund hat weiter angeschlagen. Das hat dann zu einem Bereich geführt mit vier Garagen. Auch davor gab es Blutspuren. Sie stammten nach der Untersuchung allerdings nicht von Onur Shahin. Trotzdem fremdes Blut in der Nähe von Garagen. Die haben Sie sicherlich auch ganz genau unter die Lupe genommen. Die vier nebeneinanderliegenden Garagen gehörten letztendlich Anwohnern. Wir haben Personen überprüft und auch die Garagen entsprechend durchsucht. Es gab da aber keinerlei Auffälligkeiten. Später stellte sich heraus, das Blut dort war vom Täter, der sich bei der Tat selbst verletzt hatte. Das ist ein gutes Stichwort. Herr Klemm, wir haben jetzt schon viel über Ihre Ermittlungen erfahren. Wir wissen, wo Uno Sahin am Tag des Verschwindens ungefähr unterwegs war. Wir wissen mit großer Sicherheit, dass seine Leiche in der Nacht vom 9. Auf den 10. April 2020 zum Friedhof geschleift wurde. Vier Tage, nachdem er nach Hannover gefahren war.

Nur über eine Sache haben wir die ganze Zeit über noch gar nicht geredet. Mögliche Tatverdächtige. Ja, das war für uns das nächste große Rätsel. Wir sind bis zu diesem Zeitpunkt einfach auf keine Person im Umfeld von Onua Schein gestoßen, die ein Motiv für eine solche Tat gehabt hätte. Man muss sich einfach nochmal vor Augen führen.

111 Messerstiche, das heißt eine völlige Eskalation, eine völlige Übertötung. Klar, es gibt auch Fälle, wo sich Täter und Opfer überhaupt nicht kennen und so etwas passiert. Wenn wir aber davon ausgehen, dass es eine Beziehung zwischen Unor Shahin und dem Täter gab, sind bei einem solchen Ausbruch wahnsinnige Gefühle im Spiel. Zum Beispiel purer Hass, Rachsucht oder ähnliches. Keine uns bekannte Person passte in dieses Bild. Sie sind also davon ausgegangen, dass der oder die Täter bei Ihren bisherigen Ermittlungen noch nicht auf der Bildfläche erschienen waren, wenn man das so sagen kann. Wie sind Sie denn dann weiter vorgegangen? Seit dem Leichenfund waren noch keine zwei Wochen vergangen. Die Frage, die wir uns immer stellen, wenn es nach Anfangsermittlungen keine Verdächtigen gibt, gibt es in der Nähe des Leichenfundortes polizeibekannte Personen, solche, die durch Gewaltdelikte aufgefallen sind. Wir haben dann mit zuständigen Kollegen der Polizeiinspektion Süd gesprochen. Das ist der Bereich, der quasi für den Leichenfundort zuständig ist.

Und dort bekamen wir den Hinweis, nur ein paar hundert Meter vom Friedhof entfernt gibt es ein Wohnhaus. Das war früher eine Beratungsstelle der Drogenhilfe und es gab dort oft Auseinandersetzungen mit der Polizei. Was man da wahrscheinlich noch wissen muss, ist, dass es ja auch kein ganz gewöhnliches Mehrparteienhaus war. Erzählen Sie mal. Stimmt. Dort waren Menschen untergebracht, die in unterschiedlicher Art und Weise betreut werden mussten. Eine Art soziales Wohnhaus.

Insgesamt lebten dort sechs Menschen, zwei Suchtkranke und vier, die anderweitig betreut wurden. Die Kollegen gaben den Hinweis, dort wohnt ein Brüderpaar, das schon oft durch Gewaltdelikte aufgefallen ist. Einer der Brüder war zudem psychisch beeinträchtigt. Das klingt nach einer vielversprechenden Spur und würde auch die zweite Person erklären, die die Zeugin in der Nacht vom Schlafzimmerfenster aus gesehen hatte, nicht? Das dachten wir auch. Wir haben dann aber gleich alle Menschen in diesem Wohnhaus überprüft. Dabei sind wir auf etwas anderes, sehr, sehr Auffälliges gestoßen. Eine 25-jährige Frau aus dem Haus hatte nur ein paar Monate zuvor Strafanzeige wegen Vergewaltigung erstattet. Und zwar gegen einen Mann aus Bielefeld. Die Stadt Bielefeld war für uns natürlich sofort ein Trigger. Wir nennen die Frau, die in dem Wohnheim gelebt hat, in dieser Folge Vanessa R. Herr Klimm, was genau war denn der Inhalt der Anzeige? Laut Angaben von Vanessa R. Hätte sie online einen Mann aus Bielefeld kennengelernt, der sich auf einer Internetplattform ManFit genannt hätte.

Auf dem Chatportal haben alle Pseudonyme. Im Februar 2019 hätte sie sich mit dem Mann, in dessen Wohnung in Bielefeld getroffen und dabei sei es zu einer Vergewaltigung gekommen. Vanessa R. hatte die Anzeige erst am 11. Oktober 2019 in Hannover gestellt, also über ein halbes Jahr nach dem Treffen. Ihr neuer Freund Murat K. war als Begleiter dabei. Dieser wohnte ebenfalls in dem benannten Wohnheim.

Sie wusste den Namen des mutmaßlichen Täters nicht, konnte aber angeben, dass er Deutsch-Dürke war, 28 Jahre alt und eine Wohnung im zweiten Stock hatte. Wo genau in Bielefeld, wusste sie auch nicht mehr. Allein jetzt rein von der Beschreibung des Tatverdächtigen her könnte es sich zwar um Uno-Schein handeln, aber sicher konnten sie sicher nicht sein, oder? Mit dieser ersten Angabe alleine nicht. Es gab aber eine zweite Vernehmung mit Vanessa R. Bei der Polizei Hannover am 4. November 2019, einen knappen Monat nach der Anzeige. Zu diesem Zeitpunkt kannte Vanessa R. zwar immer noch nicht den Namen des Beschuldigten, aber sie hat ein Handyfoto oder Screenshot vom Mann mitgebracht, der sie vergewaltigt haben soll. Das Foto liegt in den Polizeiakten. Und es zeigt eindeutig Onur Shahin. Sie hatten jetzt also praktisch aus dem Nichts eine direkte Verbindung zwischen dem Getöteten und zwei Menschen, die in unmittelbarer Umgebung zum Leichenfundort wohnten und eine mögliche Vergewaltigung, die im Raum stand.

Was hatten denn die Ermittlungen zu dieser Strafanzeige ergeben? Onur Shahin und Vanessa R. hatten offenbar vor dem Treffen in Bielefeld gemeinsam geplant, Sex zu haben. Vanessa R. Hätte sich eine Beziehung erhofft und äußerte im Chat sogar den Wunsch, schwanger zu werden. Vanessa gab in der Anzeige dann an, dass sie während dem Sex starke Schmerzen gehabt hätte, sie das aber nicht verbal gegenüber dem Partner geäußert habe. Sie hat auch nur nach eigener Aussage auch nicht gesagt, dass er den Verkehr abbrechen soll. Sie habe zwar vor Schmerzen gestöhnt, sagte aber selbst, dass man das auch als Lustempfinden hätte verstehen können. Auch danach hatten die beiden noch mehrmals sexuelle Kontakte, haben gemeinsam geduscht und sich geküsst. Sie blieb auch noch einige Tage bei ihm und beide haben zusammen in einem Bett geschlafen.

Onur hat sie nach einer Woche aus seiner Wohnung geworfen, weil sie sich über das Essen beschwertet. Freiwillig machte sie davor, keine Anstalten zu gehen. Nach all diesen Infos hatten die Ermittler große Zweifel daran, ob an dem Vergewaltigungsvorwurf tatsächlich etwas dran war. So wie Vanessa R. Die Umstände beschrieben hat, konnte Ono Sahin wahrscheinlich gar nicht wissen, dass sie mit etwas nicht einverstanden gewesen war. Wie ging es denn damals mit der Anzeige weiter, Herr Klemm? Die Ermittler des Kommissariats für Sexualdelikte hatten den Eindruck, dass Vanessa R.'s Freund Murat K. Ein halbes Jahr später auf die Anzeige gedrängt hat. Die Ermittlungen wurden nach der zweiten Vernehmung letztendlich von Hannover an die Staatsanwaltschaft Bielefeld abgegeben. Die stellte das Verfahren Ende Januar 2020 ein, weil die Personalien des mutmaßlichen Täters nicht ermittelt werden konnten.

Das war gut drei Monate vor dem Tod von Onur Shahin. Zumindest konnten Sie über das hinterlegte Foto in der Anzeige davon ausgehen, dass Vanessa R. Tatsächlich mit Onur Shahin über das Online-Portal geschrieben hatte. Konnten Sie die Chat-Verläufe einsehen? Das war letztendlich der entscheidende Punkt. Wir haben zu dem Online-Portal Kontakt aufgenommen und gebeten, dass wir die Chat-Protokolle von Onur Shahin bekommen. Mit dem Ergebnis, Onur Shahin hat dort mit einer 25-jährigen Frau geschrieben. Ihr Pseudonym war eine abgewandelte Form von Vanessa R.'s Namen. Ja, man könnte jetzt natürlich sagen, dass es sich bei der Chat-Partnerin tatsächlich um Vanessa R. Gehandelt haben könnte, oder? Das alleine nicht. Es gab aber auch einen Twitter-Account mit demselben Profilnamen, den wir ebenfalls Vanessa R. zugerechnet haben. Der entscheidende Punkt war letztendlich, Onur Shahin wurde Anfang Februar 2020 wieder auf dem Flirtportal angeschrieben. Und zwar von dem mutmaßlichen Account von Vanessa R., Die Nachrichten gingen ungefähr so. Das ist ja beim ersten Kennenlernen alles nicht so gut gelaufen. Ich würde dich jetzt aber gern nochmal genauer kennenlernen. Wie sieht es denn aus? Wollen wir uns nochmal treffen?

Zwischenzeitlich stand ein Treffen in Bielefeld im Raum. Daraus wurde letztendlich aber nichts. Anschließend wurde vereinbart, sich in Hannover Kirchrode zu treffen. Am 5. April, dem Tag, an dem Onur Shahin verschwunden ist. Onur Shahin wurde also vermutlich in eine Falle gelockt. Warum hat er sich denn überhaupt auf das Treffen eingelassen? Er hatte doch eine feste Freundin und Vanessa R. hat ihn ja angezeigt. Der springende Punkt war, dass Onur Shahin nichts von der Anzeige wusste. Die war ja letztendlich gegen Unbekannt. Sonst wäre er da vermutlich nicht hingefahren. Und wegen der festen Freundin, tja, er hat da wohl eine Chance gewittert, möglicherweise eine Gelegenheit für einen weiteren Sexualkontakt. Es gab noch ein interessantes Detail hierzu. Es war gar nicht in erster Linie Vanessa R., die ihn in die Falle gelockt hat. Es hat sich später herausgestellt, vor allem ihr Freund Murat K. Hat geschrieben und sich als Vanessa R. ausgegeben. Er war letztendlich die treibende Kraft, aber sie war auch involviert. Nach etwas hin und her im Chat stand dann die Vereinbarung, Onur Sahin sollte zum Bahnhof Kirchrode kommen, Vanessa R. Würde ihn dort abholen und gemeinsam würde man in die Wohnung gehen. Onur Sahin wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass es sich um Murats und nicht um Vanessas Wohnung handelte.

Der Chat zwischen den Accounts endete um 14.14 Uhr, kurz bevor Onur Schahin in Kirchrode ankam.

Für die Staatsanwaltschaft Hannover sind die Erkenntnisse ausreichend. Vanessa R. Und Murat K. sind dringend tatverdächtig, etwas mit dem Tod von Onur Schahin zu tun zu haben. Ein mobiles Einsatzkommando bereitet die Festnahme vor. Aufgrund der brutalen Tat, die Murat K. und Vanessa R. vorgeworfen wird, gehen die Beamten von gewaltsamem Widerstand aus. Am Mittwoch, den 6. Mai 2020, genau drei Wochen nach dem Leichenfund, erfolgt der Zugriff. Gegen sechs Uhr morgens stürmen die Spezialeinheiten der Polizei das Haus in der Nähe des Jakobi-Friedhofs. Die Wohnungstüren von Murat K. und Vanessa R. werden aufgebrochen, die beiden Tatverdächtigen sofort überwältigt, Ohne Widerstand festgenommen und zur Vernehmung in die Polizeidienststelle mitgenommen.

Dort angekommen, werden beide über ihre Rechte belehrt, auch darüber, dass sie keine Aussagen machen müssen und Anspruch auf einen Anwalt haben. Doch beide wollen reden. Murat K. gesteht sofort, Onur Shahin getötet zu haben. Allerdings lautet Murat K.s Version der Geschichte so. Seine Freundin soll am 5. April nachmittags zusammen mit Onur Shahin in die Wohnung gekommen sein. Er selbst hätte davon angeblich erst gar nicht wirklich etwas mitbekommen. Uno Sahin hätte dann sofort angefangen, an Vanessa R. rumzufummeln und sie zu begrapschen. Um das abzuwehren und seine Freundin zu beschützen, hätte Murat K. Pfefferspray gegen Uno Sahin eingesetzt. Daraufhin hätte dieser ein Kurzschwert gegriffen, das sich zur Deko in der Wohnung befunden hätte und ihn damit angegriffen. Bei der Waffe handelte es sich um ein japanisches Tantomesser mit einer über 33 Zentimeter langen Klinge. Murad K. hätte versucht, Onur Shahin das Schwert zu entreißen und sich dabei an der Hand verletzt. Letztlich hätte er es aber geschafft und sich mit dem Messer selbst verteidigt. Dabei sei Onur Shahin zu Tode gekommen. Nach dem Geständnis ergeht am Tag nach der vorläufigen Festnahme ein Haftbefehl. Murad K. und Vanessa R. kommen in Untersuchungshaft. Allerdings halten die Ermittler die Schilderung von Murad K. Für unglaubwürdig. und sie können schon recht bald beweisen, dass es sich in Wahrheit anders abgespielt hat.

Herr Klimm, warum haben Sie die Version von Murat K. nicht geglaubt? Die entscheidenden Passagen zu Motiv und Abläufe stimmten einfach nicht. Murat hat wohl eine Variante gesucht, um sich vorteilhaft darzustellen. Wir haben natürlich Kunden und Computer der Verdächtigen ausgewertet. Das Ergebnis war, dass Murut K. Ein japanisches Kampfmesser erst an dem Tag online bestellt hat, an dem er auch über das Online-Profil von Vanessa R. Wieder Kontakt zu Onur gesucht hatte. Sie haben gemeinsam für den Abtransport der Leiche auch einen rechtsgroßen Koffer online bestellt. Wir gehen davon aus, dass Vanessa R. nicht allein an der U-Bahn-Station auf Onur gewartet hat. Sie war zu so einer strukturierten Vorgehensweise allein nicht fähig. Murat K. hat das Ganze mutmaßlich beobachtet und ist dann heimlich voraus, um in der Wohnung auf die beiden zu warten. Wir gehen außerdem davon aus, dass er Onur Sahin gleich nach Betreten der Wohnung mit Pfefferspray außer Gefecht gesetzt hat. Das war keine Notwehrsituation, sondern ganz im Gegenteil eine geplante Tat. Wir sprechen gleich darüber, warum Vanessa R. zu so einer strukturierten Aktion, wie Sie gesagt haben, allein wohl gar nicht fähig gewesen wäre.

Erstmal die Frage, was hat sie denn in der Vernehmung ausgesagt? Ja, das war auch etwas seltsam. Sie sagte aus, Onur Shahin sei aus dem Nichts die Treppe im Wohnhaus hochgekommen und hätte sie befummelt, während Murat K. Gerade Müll rausgebracht hätte.

Woher er plötzlich gekommen sei, konnte sie angeblich nicht sagen. Für uns absolut nicht schlüssig. Die eigentliche Tat wies sie Murat K. zu. Bei dem Abtransport der Leiche sei sie aber dabei gewesen. Was ich mich jetzt an der Stelle frage ist, was war denn überhaupt das Motiv? Also warum musste Ono Shahin sterben? Wir haben nach der Festnahme auch Schätz zwischen Murat K. und Vanessa R. überprüft. Es gab einen ganz intensiven Austausch wegen der angeblichen Vergewaltigung in Bielefeld. Murat K. hatte sich da ziemlich reingesteigert. Die Kommentare wurden immer hasserfüllter. Es gab wildeste Gewaltfantasien. Er wollte das Opfer, und jetzt zitiere ich einfach mal, leiden sehen, verstümmeln, abschlachten, zerlegen. Ohne nur Sahin hätte seiner Freundin die Unschuld geraubt. Das war für Murat K. ein Riesenthema. Er war 23, hatte selbst noch keine sexuellen Kontakte und Vanessa R. War seine erste Freundin. Sie sollte noch Jungfrau sein. Er wollte unbedingt, wenn sie zusammen sind, dass sie gemeinsam das erste Mal erleben, was jetzt ja nicht mehr möglich war. Das Schreiben von der Staatsanwaltschaft Bielefeld, dass das Verfahren wegen Vergewaltigung eingestellt wird, war letztendlich für Murat K. wie ein Trigger.

Unter dem Motto, wenn die Justiz nicht für Gerechtigkeit sorgt, dann muss sie es halt selber machen. Es ging in dem Chat darum, dass Onur Shahin umkommen soll, dass er lange leiden soll und so weiter. Da ging ganz deutlich hervor, dass die Tat geplant war.

An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass wir es hier mit zwei Verdächtigen zu tun haben, die in einer betreuten Einrichtung leben. Sowohl Murat K. als auch Vanessa R. haben das sogenannte Asperger-Syndrom, eine Variante von Autismus. Aber was genau ist das eigentlich, Autismus und Asperger? Um das besser zu verstehen, hat unsere Redaktion für diese Folge mit Dr. Ingo Spitzock von Brzezinski gesprochen. Er ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der LVR-Klinik Viersen. Seit über 30 Jahren beschäftigt sich Dr. Spitzock von Brzezinski mit Autismus-Spektrumstörungen, auch im Zusammenhang mit Kriminalität. Und zum Einstieg wollten wir von ihm wissen, was Menschen mit Autismus eigentlich charakterisiert. Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen und genau zu verstehen, was das Gegenüber fühlt und was es sagt und was es sagen will vor allen Dingen. Immer dann, wenn die Dinge direkt ausgesprochen werden, ist das kein Problem. Aber wenn es sich um Doppeldeutigkeiten, um Anmerkungen, die im verdeckten Sinn hat, handelt, dann ist das schwierig für autistische Menschen, das nachzuvollziehen.

Außerdem ist es so, dass die meisten autistischen Menschen auch relativ begrenzte Interessen haben, sich also nicht für alles Mögliche in der Welt interessieren, sondern häufig ein Gebiet oder zwei Gebiete, Dann können noch weitere Punkte dazukommen. Es können Überempfindlichkeiten und Unterempfindlichkeiten für Temperatur, für Berührung, für Geräusche dazukommen. Viele autistische Menschen sind sehr eingeschränkt, was das angeht, was sie gerne essen und trinken. Also sind da auch nicht bereit, viel zu experimentieren und viel verschiedene Dinge zu sich zu nehmen. Und sie haben meistens eine große Beharrlichkeit darin, Dinge zu planen und nachzuverfolgen und möglichst immer gleich zu machen. Also die meisten autistischen Menschen haben keinen Spaß an spontanen Veränderungen des Alltags. Als Ursache für Autismus-Spektrumstörungen spielen laut Dr. Spitzock von Prisinski genetische Aspekte eine wichtige Rolle.

Es gibt aber nicht die eine genetische Ursache, sondern viele verschiedene Konstellationen, die zu Autismus führen können. Genetisch heißt auch nicht immer vererbbar. Es gäbe zwar Häufungen innerhalb von Familien, also ja ein erhöhtes Risiko, aber auch Eltern ohne Autismus können Kinder mit Autismus bekommen und umgekehrt. Laut Dr. Spitzock von Bresinski spielen offenbar auch Umweltfaktoren eine Rolle. Welche genau und wie groß deren Einfluss ist, sei aber noch nicht klar. Etwa ein Prozent aller Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen ist laut dem Chefarzt von Autismus betroffen. Das Spektrum an unterschiedlichen Ausprägungen ist dabei sehr groß. Ja, die schwerste Form ist, wenn jemand überhaupt keinen Kontakt aufnimmt zu seinem Gegenüber.

Allenfalls noch um ein Bedürfnis befriedigt zu bekommen, zum Beispiel ein bestimmtes Spielzeug oder ein bestimmtes Essen. Aber wo dann das Gegenüber nur als Instrument benutzt wird, als Objekt und nicht als Mensch. Oft sind diese Kinder, Jugendlichen oder Erwachsenen durchaus auch im Bereich von den kognitiven Fähigkeiten, im Bereich einer Intelligenzminderung.

Es gibt aber auch recht intelligente Menschen mit einer Autismus-Spektrumstörung, die schwer beeinträchtigt sind in ihren psychosozialen Kompetenzen, in der Kommunikation. Sodass auch da jeder merkt, da stimmt irgendwas nicht. Das ist also das eine Ende der schweren Ausprägung. Und dann gibt es auf der anderen Seite Menschen, die häufig auch recht intelligent sind, viel gelernt haben über den Kopf, nicht übers Gefühl, nicht intuitiv, sondern überauswendig lernen und dadurch viel ausgleichen können. Also wenn sie gelernt haben, lass dein Gegenüber ausreden, dass sie dann nicht dazwischen funken, sondern das Gegenüber ausreden lassen. Allerdings müssen sie dann erkennen, wann das Gegenüber ausgeredet hat oder vielleicht nur eine Denkpause macht. Das ist also alles nicht ganz so einfach. Sie können äußerst erfolgreich sein.

Solange die Kontextbedingungen gut sind. Beim Autismus macht das Asperger-Syndrom die mit Abstand größte Gruppe aus, etwa 80 Prozent. Auch bekannte Personen wie Elon Musk oder Greta Thunberg haben ihre Diagnosen dazu öffentlich gemacht. Dr. Spitzock erklärt, was dieses Syndrom ausmacht. Das Besondere beim Asperger-Syndrom ist gute sprachliche Fähigkeiten im Vergleich zu den anderen Fähigkeiten, den nicht sprachlichen Fähigkeiten. Während beim frühkindlichen Autismus das häufig umgekehrt ist, dass die nichtverbalen Fähigkeiten besser ausgeprägt sind als die sprachlichen Fähigkeiten. Außerdem darf beim Asperger-Syndrom keine geistige Änderung vorliegen. Das heißt, die allgemeine Entwicklung muss jetzt nicht überdurchschnittlich sein, kann es aber sein, aber es darf keine Intelligenzminderung vorliegen. Oft wird Menschen mit Autismus oder Asperger auch pauschal unterstellt, sie seien empathielos. Auch für die Empathie gilt, dass es sehr unterschiedliche Abstufungen dazu gibt und dass manche Menschen durchaus ein gewisses Maß an Empathie empfinden. Also ich mache mal ein ganz plattes Beispiel. Wenn das Geschwisterkind sich stößt und wehgetan hat und weint, dann gibt es autistische Geschwister, die dann lachen.

Es gibt aber autistische Geschwister auch, die das weinende Kind in den Arm nehmen und trösten.

Das hängt einmal davon ab, was sie gelernt haben, was die Eltern beigebracht haben oder Geschwister oder im Kindergarten oder in der Schule. Aber auch von dem, was sie an empathischen Grundkompetenzen mitbringen. Laut Dr. Spitzhock gibt es viel wissenschaftliche Forschung zu autistischen Menschen im Zusammenhang mit Kriminalität. Man kann sagen, der Durchschnittsmensch mit Autismus-Spektrumstörungen übertritt seltener die Gesetze und kommt seltener mit der Polizei in Kontakt und mit Gerichten. Aber wenn es dann doch so ist, von denjenigen, die dann entsprechende Taten begangen haben, ist der Anteil derer, die dann etwas schwerer sind, höher als in der allgemeinen Bevölkerung. Die Unterschiede sind sehr gering. Ein bis zwei Prozentpunkte. Deswegen wollen wir an der Stelle betonen, Menschen mit Autismus sind nicht gefährlicher als andere. Die allermeisten stellen keinerlei Bedrohung dar. Das ist wichtig, weil Autismus genau wie psychische Erkrankungen immer noch mit einem großen Stigma und Berührungsängsten verbunden ist. Für autistische Menschen ist es nicht immer möglich, sich in andere hineinzuversetzen. Trotzdem haben die meisten ein klares Unrechtsbewusstsein, weil sie ihr Leben anhand gelernter Regeln gestalten.

Herr Klemm, inwieweit hat sich das Asperger-Syndrom von Murat K. und Vanessa R. In Ihrem Fall auf die Ermittlungen oder Vernehmungen ausgewirkt? Wir haben das ehrlich gesagt erst nach den ersten Vernehmungen erfahren, als man mit Betreuern in Austausch kam, als ärztliche Unterlagen eingeholt wurden. Die Betreuer waren zuständig für den Schriftverkehr mit Behörden, für die Wohnungssuche, für die Arbeitssuche und so weiter. Im sonstigen Alltag waren Vanessa R. und Murat K. aber sehr selbstständig. Die Symptomatik war auch in Gesprächen nicht direkt auffällig, eher durch manche Randgeschichten. Da gab es ein Beispiel, beim Kampf mit Unur Shahin hat sich Murat K. Ja an der Hand verletzt. Während der Mann, den er eben umgebracht hatte, blutüberströmt in der Wohnung lag, hat Murat K. den Rettungsdienst gerufen. Die Polizei wurde automatisch auch verständigt. Ein Beamter vor Ort war zufällig auch Ersthelfer. Und der hat dann Murat K. tatsächlich medizinisch versorgt, während im ersten Stock die Leiche lag. Sowas würde man ja normal niemals riskieren. Ja, das klingt alles tatsächlich sehr gewagt. Wir haben Dr. Spitzhock von Bresinski gefragt, warum das aus Sicht eines autistischen Menschen aber durchaus Sinn ergeben kann. Das ist durchaus etwas nicht Ungewöhnliches.

Weil man davon ausgeht, die meisten autistischen Menschen denken eher einzelheitlich, also nicht kontextbezogen. Kontextbezogenes Denken fällt ihnen schwer. Und wenn Sie das als zwei Einzelheiten sehen, die erstmal miteinander nicht viel zu tun haben, einmal blutet der Finger und einmal liegt da jemand ermordet im Zimmer rum, dann können Sie rein einzelheitlich denken, wenn ich mir Hilfe rufe, wieso sollte das irgendwas zu tun haben mit dem Opfer, das da liegt. Also das wäre durchaus etwas, was bei autistischen Menschen mit so eine Rolle spielen könnte.

Warum jetzt der Täter so merkwürdig, unlogisch und unvernünftig aus seiner Sicht gehandelt hat. Herr Klemm, welche Dynamik hatten Vanessa R. und Murat K. miteinander? Das spielt eine ganz, ganz wichtige Rolle. Es gab dazu im Prozess später auch ein psychiatrisches Gutachten. Murat K. war der Dominante der beiden, mit einer sehr, sehr geringen Frustrationstoleranz. Vanessa R. war so eher das Gegenteil, eher unterwürfig, ließ sich recht leicht manipulieren, man konnte ihr auch Dinge einreden. Ihre Kolleginnen und Kollegen haben ja bereits vermutet, dass Murat K. Seiner Freundin die Vergewaltigung in Bielefeld gewissermaßen eingeredet hat, oder? Genau. Ich glaube nicht, dass Vanessa R. von sich aus eine Anzeige gestellt hätte. Murat K. war bei allem die Triebfeder, der aktive Bart.

Vanessa eher passiv und eher Mitläuferin, auch bei der letztendlichen Tötung von Onur Shahin. Haben Sie eigentlich in den Wohnungen der beiden Verdächtigen auch noch Spuren der Tat gefunden? Ja, über 100 Stiche am ganzen Körper verursachten natürlich eine Unmenge an Blut. Murat K. hat versucht, seine Wohnung komplett sauber zu machen. Er hat teilweise die Wände übermalt. Wir konnten aber mit spezieller Bedampfungstechnik noch viele Rückstände vom Blut von Unur Shahin in der Wohnung finden. Zum Beispiel, dass die Wände immer noch ringsum voll mit Blutspritzern waren. Wir haben dann auch den Laminatboden gelöst und haben festgestellt, dass auf der Unterseite noch jede Menge Blut war. Wie kamen die Täter eigentlich auf die Idee, die Leiche auf dem Friedhof zu vergraben? Also das ist fast schon eine ganz kuriose Geschichte. Murat K. hatte einen ehemaligen Betreuer und den hat er gefragt, wie man rein hypothetisch eine Leiche verschwinden lassen könnte. Der Betreuer, der die Frage natürlich nicht ernst genommen hatte, sagte dazu, ich würde die Leiche zerstückeln, in kleine Plastiksäcke packen und auf einem Friedhof vergraben, weil da sucht man sowieso nicht. Murat K. wollte offenbar genau das machen. Er hat ja auch versucht, das Bein der Leiche abzutrennen, dann aber festgestellt, nee.

Das packe ich dann doch nicht und hat abgebrochen. Nachdem der Leichnam ein paar Tage in der Wohnung lag, mussten die beiden natürlich etwas tun. Der Verwesungsgeruch war doch zu penetrant. Sie wollten dann den Körper nachts auf dem Friedhof vergraben. Auf dem Weg dorthin hatte sie, das hatte ich vorhin ja schon erwähnt, die Anwohnerin beobachtet.

Der Leichnam passte dann letztendlich nicht so ganz in den großen Koffer, den die beiden ja online bestellt hatten. Und deswegen gab es letztendlich auch die Blutspuren auf dem Weg zum Friedhof. Haben Sie den Koffer, die Tatwaffe und das Werkzeug zum Graben eigentlich noch irgendwo gefunden? Nein. Laut Murat K. sind sie am 18. April nach Hamburg gefahren und hätten Beweismittel im Hafen bei den Landungsbrücken im Wasser versenkt. Wir haben dann Kontakt mit der Bundespolizei aufgenommen, die den Hamburger Hauptbahnhof betreut. Es wurden Videoaufnahmen von dem besagten Tag gesichtet. Tatsächlich, die Täter waren an jenem Tag bei der Ankunft mit dem Koffer auf dem Video zu sehen. Bei der Rückfahrt hatten sie keinen Koffer mehr. Wir gehen davon aus, dass die Geschichte stimmt und die Beweismittel irgendwo im Hamburger Hafen liegen. Die Kommission hat dann nicht mehr groß angelegt danach gesucht. Wir hatten ja das Geständnis und wir hatten genug Beweise, zum Beispiel das Blut. Und selbst wenn wir den Koffer gefunden hätten, hätte das Salzwasser den Beweiswert wahrscheinlich zunichte gemacht.

Anfang September 2020 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Murat K. und Vanessa R. Wegen gemeinschaftlichen Mordes. Ihnen wird vorgeworfen, Onur Shahin heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen getötet zu haben. Ende Oktober beginnt der Prozess vor dem Landgericht Hannover. Die Presse berichtet über die Verhandlung und beschreibt das Verhalten der Verdächtigen als teilnahmslos. Murat K. und Vanessa R. bleiben bis zum Ende bei der Schutzbehauptung, sie hätten Onur Shahin aus Notwehr umgebracht. Auch an dem Vergewaltigungsvorwurf gegen den Getöteten halten die Angeklagten bis zum Schluss fest. Am 2. Februar 2021 spricht das Landgericht die Angeklagten wegen Mordes aus Heimtücke schuldig, stellt bei beiden aber aufgrund ihres Asperger-Syndroms eine verminderte Schuldfähigkeit fest.

Hierzu haben wir nochmal Dr. Spitzok von Bresinski befragt. Wir wollten von ihm wissen, welchen Einfluss Autismus auf die Schuldfähigkeit von Tatverdächtigen haben kann. Schuldfähigkeit kann eigentlich immer nur individuell festgestellt werden und auch dort müssen ganz viele Faktoren gegeneinander abgewogen werden, sodass man nicht sagen kann, autistische Menschen sind grundsätzlich eingeschränkt schuldfähig, sondern das fängt erstmal von der einzelnen Person ab. Wie stark sind die Defizite ausgeprägt, eben auch im Rahmen der Empathie, im Rahmen der Impulskontrolle? Dann, wie war die Situation? War das komplex? War das eine einfache Sache? War das geplant? Und wenn es geplant war, war die Ausführung auch genau so geplant oder ist dann in der Situation plötzlich was hervorgebrochen?

Durch die verminderte Schuldfähigkeit der beiden Angeklagten im Mordfall Onur Shahin lautet das Urteil nicht, wie sonst bei Mord üblich, lebenslänglich. Murat K. erhält 14 Jahre und die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik. Dort soll er seine Strafe absitzen. Die Strafe von Vanessa R. beläuft sich auf neun Jahre. Lange hat die Entscheidung des Gerichts aber nicht Bestand. Die Verteidigung legt Revision ein. Und tatsächlich, Ende Juli 2021 hebt der Bundesgerichtshof das Urteil auf und ordnet an, den Prozess neu aufzurollen. Der Grund? Das Landgericht Hannover habe die autistische Störung der Täter in seiner Urteilsbegründung nicht ausreichend berücksichtigt. Im Januar 2022 folgt dann das endgültige rechtskräftige Urteil. Die Strafen von Murat K. und Vanessa R. Werden um jeweils eineinhalb Jahre reduziert. Für Murat K. Bedeutet das zwölfeinhalb Jahre Haft, für Vanessa R. siebeneinhalb. Bestehen bleibt, dass Murat K. die Strafe im Maßregelvollzug einer psychiatrischen Klinik verbüßt. Vor einer möglichen Entlassung am Ende der Zeit steht ein psychiatrisches Gutachten inklusive Prognose zum weiteren Gefährdungspotenzial.

Vanessa R. verbüßt ihre Strafe in einer Justizvollzugsanstalt für Frauen. Herr Klemm, am Ende einer unglaublichen Bluttat ist ein junger Mensch tot und zwei andere junge Menschen sitzen in Haft. Zwei Menschen, die sich in eine Idee verrannt hatten, nämlich eine Vergewaltigung zu rächen, die es wahrscheinlich überhaupt nicht gegeben hat. Was bleibt Ihnen bei diesem Fall am meisten in Erinnerung? Auf jeden Fall die Schnelligkeit, mit der sich zum Schluss das Blatt gewendet hat. Wir hatten ja anfangs überhaupt keine Idee, wer das getan haben könnte. Und wir waren wirklich überhaupt nicht in der Lage, uns vorstellen zu können, warum Unur Sahin da in Kirchrode angekommen ist. Und dann gab es diese Anzeige einer Frau aus Kirchrode, das Wort Bielefeld und ein Foto von Unur. Von da an ging alles ganz fix. Obwohl Murat K. und Vanessa R. den Mord geplant und Onur Sahin bewusst nach Hannover gelockt hatten, ist aus Sicht der Täter ja aber einiges schief gelaufen, oder? Ja, das kann man wohl sagen. Einerseits hatten sie sich fest vorgenommen, Onur Sahin umzubringen und sie hatten auch einen Plan. Bei der Umsetzung gab es aber relativ viel Naivität. Das viele Blut, der misslückte Abtransport, das Vergraben, was letztendlich dann nicht so geklappt hat, wie er hofft.

Wir hatten ja darüber gesprochen, dass beide Täter im Moment der Festnahme überrascht waren. In der Vernehmung haben dann aber beide gesagt, dass sie schon damit gerechnet haben, dass irgendwann die Polizei kommt. Ich glaube, sie haben es auch ein bisschen gehofft. Sie konnten mit der gesamten Situation für sich nicht mehr so richtig umgehen. Damit sind wir jetzt auch am Ende dieser Folge. Wir verabschieden und bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen, Herr Klemm, für die Einblicke in Ihre Ermittlungsarbeit. Schön, dass Sie hier waren. Sehr gerne und ebenfalls vielen Dank. Auch von mir ganz herzlichen Dank. Kommen Sie gut nach Hause, nach Hannover. Dankeschön. Außerdem bedanken wir uns beim Psychiater Dr. Ingo Spitzock von Bresinski für seine Expertise zu Autismus-Spektrum-Störungen und Asperger. Ein weiterer besonderer Dank gilt dem Autor dieser Folge, Jonas Wengert. Das war es jetzt auch. Bis zum nächsten Mal, sage ich, bleibt sicher. Die nächste Folge gibt es wie immer in zwei Wochen. Alle Infos zu dieser Folge findet ihr in den Shownotes. Macht's gut.