Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Ich bin Rudi Zerne und bei mir ist wieder meine Kollegin. Genau, mein Name ist Conny Neumeier. Ich begrüße euch ebenfalls zur heutigen Folge unseres Podcasts. Und Rudi, an dich zum Einstieg eine Frage. Es geht um das Weihnachtsfest.
Dein Metier, das ist ja auch der Sport. Vor allem im Winter finden ja viele Wettkämpfe statt. Skirennen, Eiskunstlaufen, Eishockey und so weiter und so fort. Und darüber hast du ja auch oft berichtet. Ist es denn auch schon mal passiert, dass du über Weihnachten Dienst hattest, vielleicht auch im Ausland, also nicht mit deiner Familie feiern konntest? Nee, nicht, dass ich wüsste. Die Wettbewerbe sind ja meistens erst zwischen den Jahren oder erst im Januar, Februar. Da hatte ich vermutlich mehr Glück als unser heutiger Gast, Heinz Greta. Er war zuletzt als Kriminaldirektor-Chef bei der Kripo in Mannheim und ist dort vor elf Jahren in Pension gegangen. Wer unseren Podcast schon länger hört, kennt ihn vielleicht noch aus der Folge Das falsche Alibi. Hallo und herzlich willkommen, Herr Greta. Schön, dass Sie heute wieder bei uns sind. Ja, danke für die Einladung. Es macht immer wieder Spaß und gibt einen guten Rückblick auf die ehemalige Tätigkeit, wenn ich hier sein darf und an einem Podcast mitwirken kann. Auch von mir natürlich herzlich willkommen. Klar, Verbrechen, die gibt es auch an Weihnachten, die machen keine Pause. Wie oft waren Sie denn, Herr Greta, in Ihrer aktiven Zeit an diesen Feiertagen, naja, vielleicht auch mal mehr im Büro als zu Hause? Ja, also das kam schon sehr oft vor oder öfters vor. Ich erinnere mich noch an gravierende Fälle. Einmal stürzte in der Region ein Flugzeug ab. Es gab 27 Tote und ich war mit einigen Kollegen einen Tag vor Heiligabend nur damit beschäftigt, Leichen zu identifizieren.
Oder ein anderes Mal gab es einen Mord in der Nähe meiner eigenen Wohnung. Also es gab schon immer wieder mal Fälle, an denen man an Weihnachten eingebunden war. Ja, und auch in dem Fall, um den es heute geht, blieb Weihnachten für Sie auf der Strecke. Oder gab es auch die Möglichkeit, mal wenigstens schnell zur Bescherung nach Hause zu fahren oder zu gehen? Ja, also ein paar Minuten blieben da schon noch übrig. Aber Bescherungsgedanken und so richtige Weihnachtsstimmung kamen nach diesem Fall natürlich nicht auf. Ja, wir sprechen heute über einen Mordfall vor 23 Jahren, der eine ganze Region betroffen gemacht hat. Wie immer haben wir alle Namen geändert.
Es ist der Tag vor Heiligabend 2002. In Heidelberg praktiziert der weithin bekannte und geschätzte Kinderarzt Dr. Wolfgang Arend. Jahrzehntelang hat der 61-Jährige fast alle Kinder aus dem Stadtviertel in seiner Praxis behandelt. Inzwischen kümmert er sich auch um deren Kinder. Nachdem er an diesem Vormittag noch einige seiner kleinen Patienten behandelt hat, kehrt ab Mittag Ruhe in der Praxis ein. Seine Arzthelferinnen verabschiedet er am Mittag in die Weihnachtsferien. Nur die 24-Jährige Susanne Fischer bleibt noch. Sie hat sich bereit erklärt, ihrem Chef bei der Buchführung zu helfen. Dr. Arendt wohnt mit seiner fünf Jahre älteren Frau Ruth im selben Stadtteil. Sie ist Allgemeinärztin und führt zusammen mit ihrem Mann eine Gemeinschaftspraxis. Die erwachsenen Kinder, eine Tochter und zwei Söhne, sind längst ausgezogen und wohnen in Berlin. Doch Weihnachten feiert die Familie zusammen. Die Tochter, noch Studentin, ist als erste zu Hause angekommen. Gemeinsam mit ihrer Mutter verbringt sie den Nachmittag in der Stadt, um letzte Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Der Jüngere der beiden Söhne kommt um 16 Uhr in Heidelberg an.
Zwei Stunden später, es ist 18.12 Uhr. Familie Arendt erhält zu Hause einen merkwürdigen Anruf. Ruth Arendt nimmt ihn entgegen, am anderen Ende ist ihr Mann. Er will seine Tochter sprechen und das in einem recht ungewöhnlichen Ton. Sehr bestimmt, fast schon ungeduldig. Er fordert die überraschte junge Frau auf, mit der EC-Karte für ihr Konto zur Praxis zu kommen. Als sie zögert, weil ihr das Gespräch komisch vorkommt, wird ihr Vater energisch. Er sagt, es handele sich um einen Notfall. Wörtlich sagt er, komm jetzt oder ich lege auf. Und dann legt er tatsächlich auf. Die Familie ist irritiert. Die Tochter hat zwar einen Führerschein, aber ihr Vater weiß, dass sie eine sehr ungeübte Fahrerin ist und sich deshalb äußerst ungern ans Lenkrad setzt.
Wird der Familienvater etwa von jemandem erpresst? Schließlich schnappt sich die Mutter ihre Handtasche, setzt sich in ihr Auto und fährt zur Kinderarztpraxis. Als ihre Eltern nicht nach Hause kommen, wird die Tochter unruhig. Etwas widerwillig gibt ihr Bruder nach, als sie ihn bittet, nach dem Rechten zu sehen. Gegen 19 Uhr macht er sich ebenfalls auf den Weg. Zunächst zur Bankfiliale, direkt nebenan im Nachbargebäude, die zu diesem Zeitpunkt aber längst geschlossen ist. Dann weiter zur Arztpraxis. Da von außen kein Licht in den Räumen zu sehen ist, geht er davon aus, dass beide zu Fuß unterwegs sind, um noch letzte Besorgungen zu machen. Also keiner mehr da, denkt er sich und fährt zurück zum Elternhaus. Die Geschwister warten eine Stunde. Vergeblich. Ihre Eltern kommen nicht nach Hause. Auf Drängen seiner Schwester macht sich der Bruder gegen 20.15 Uhr erneut auf den Weg zur Praxis. Dort ist alles unverändert. Hinter dem Haus parken das Auto seines Vaters und das von Arzthelferin Susanne Fischer. Der Wagen seiner Mutter steht neben dem Haus, auf einem ansonsten leeren Firmenparkplatz. Der Sohn klingelt mehrfach an der Haustür, aber niemand macht auf. Stattdessen hält ein Streifenwagen vor dem Haus. Die Tochter hat inzwischen die Polizei verständigt. Auch dem Beamten gelingt es nicht, ins Haus zu gelangen. Die Glastür am Eingang ist verschlossen. Auch er klingelt Sturm. Keiner reagiert.
In dem Haus befinden sich keine Wohnungen, lediglich Arztpraxen. Einen Schlüssel hat der Sohn nicht. Seine Mutter hatte ihn mitgenommen. Der Polizeibeamte verständigt die Feuerwehr. Sie bricht zunächst die Haustür und dann die Tür zur Arztpraxis auf. Was den Beamten und die Feuerwehr in den Praxisräumen erwartet, ist der reinste Horror. Drei mit Handschellen und Stricken gefesselte Personen sind an einem Heizkörper festgebunden. Der Kinderarzt, seine Frau und die Arzthelferin. Ein sofort alarmierter Notarzt kann bei allen nur noch den Tod feststellen. Kurz darauf übernehmen die Beamtinnen und Beamten des Kriminaldauerdienstes den Tatort für den ersten Angriff, wie es im Kriminalistendeutsch heißt.
Herr Greta, was wird da genau gemacht? Nun, die Beamten des Kriminaldauerdienstes verschaffen sich zunächst einen Überblick, führen Verständigungsmaßnahmen durch, sie leiten eventuell notwendige Verhandlungsmaßnahmen ein, sie veranlassen die Verständigung der Rechtsmedizin, alles Dinge, die unaufschiebbar erscheinen in diesem Moment, bis dann der zuständige Fachdienst oder das zuständige Fachdezernat die Ermittlungen übernimmt. Und Sie persönlich erhielten dann auch einen Anruf? Ich war damals gerade mit meiner Frau, einem befreundeten Ehepaar, im Kino. Und während der Kinovorstellung brummte mein leise gestelltes Handy. Und man hat mich dann davon in Kenntnis gesetzt, dass also diese drei Leichen in der Arztpraxis gefunden wurden. Und klar, der Kinobesuch war beendet. Und ich machte mich dann sofort auf den Weg, um nach Heidelberg zu fahren. Ich war damals Leiter einer Kriminalinspektion, in der... Drei Dezernate zusammengefasst waren, wo unter anderem auch das Dezernat Tötungsdelikte dazugehörte. Und es war sofort klar, dass hier mit der Regelorganisation nur mit ein paar Leuten diese Ermittlungen nicht aufgenommen werden konnten, sondern dass wir hier einen größeren Personalansatz brauchen.
Wie sind Sie denn dann weiter vorgegangen? Haben Sie eine Sonderkommission zusammengestellt? Ja, wir hatten bei der Polizeidirektion Listen, wo für diese Fälle schon Personen benannt waren. Aber es war natürlich jetzt in der Weihnachtszeit so, dass viele, die auf der Liste standen, sich schon im Weihnachtsurlaub befunden haben. Und deswegen wurde dann alles mal zunächst, was erreichbar war, alle Kolleginnen und Kollegen, die das Telefon abgenommen haben, wurden gebeten, zur Dienststelle zu kommen. Und dann hat man erste Einteilungen gemacht mit den ersten Maßnahmen, die aus unserer Sicht dann notwendig waren. Wie lange hat das gedauert und wie viele Leute waren dabei? Also ich erinnere mich noch, dass wir dann einen ziemlich starken Personalansatz so gegen 11 Uhr abends zustande gebracht haben. Es werden Kolleginnen und Kollegen eingeteilt für die Ermittlungsgruppe. Es bedarf Kolleginnen und Kollegen zur sogenannten Auswertung. Es müssen Spezialisten dabei sein, die sich mit der Auswertung von Telefondaten auskennen.
Und so kam es, dass wir letztendlich die Sonderkommission mit 45 Kolleginnen und Kollegen aufstellen konnten. Das ist ja schon eine große Anzahl von Leuten und das an Weihnachten. Wie viele sind denn normalerweise in so einer Soko? Also wir hatten beinahe in Heidelberg zu diesem Zeitpunkt beinahe 200 Kriminalbeamtinnen und Beamte. Und natürlich befanden sich viele im Weihnachtsurlaub. Aber es hängt immer davon ab, welchen Ermittlungsaufwand man vermutet. Und somit kann es auch mal sein, dass man nur mit einer Ermittlungsgruppe daran geht, mit 10, 15 Leuten.
Und wenn man dann aber eine richtige, eine ganze Sonderkommission aufstellt, dann sind das schon in der Regel 30, 40 Beamte. Können auch mal in einem aufwendigen Fall auch noch mehr sein. Was war denn überhaupt an Heiligabend und an den Feiertagen möglich an Ermittlungen? Also wir hatten vor allem erstmal übliche Routinearbeiten. Wir haben Nachbarn der Praxis nach Beobachtungen befragt. Die Leute waren noch zu Hause und waren auch erreichbar. Wir haben die Angehörigen der Opfer vernommen.
Wir haben Opferumfeldermittlungen begonnen, in welchem möglichen Bezug kommen Personen aus dem Umfeld. Wir haben erste Ermittlungen zur Herkunft der verwendeten Tatmittel, der Handschließen und des Seils zum Beispiel, begonnen. Es wurden Verbindungsdaten erhoben, der Telefone und auch eine Funkzellenauswertung von Mobiltelefonen wurde eingeleitet. Wir hatten eine riesige Patientenkartei. Es stand ja auch die Vermutung im Raum, dass diese Tötungsdelikte etwas mit der Tätigkeit der Ärzte zu tun haben könnten. Und somit war klar, dass wir hier einen sehr großen Aufwand betreiben müssen. Das ist eine ganze Menge. Und an Ihrer Aufzählung kann man ja auch erkennen, da wurde tatsächlich in alle Richtungen ermittelt. Dazu kommt noch die Spurensicherung am Tatort. Konnte man zu diesem Zeitpunkt schon erahnen, wie das Verbrechen genau stattgefunden hat? Augenzeugen gab es ja keine. Nein, leider nicht. Es gab auch keine Zeugen, die verdächtige Personen gesehen haben.
Und man muss ja letztendlich sagen, die einzigen Zeugen waren getötet. Wie wurden sie denn getötet? Was hat die Obduktion dazu ergeben? Alle drei Opfer wurden erwirkt, vermutlich mit einem Seil. Die Rechtsmedizinerin war ja mit vor Ort. Man kann bei erdrosselten bzw. Erwirkten Personen Einblutungen der Augenlider feststellen und andere Merkmale wie Stauungsblutungen, die dann relativ schnell auf die Tötungsart schließen lassen. Dazu kamen noch insbesondere bei der Ärztin massive Verletzungen, die sie entweder beim Abwehrkampf erlitten hat oder dass sie unter Umständen sogar von dem Täter geschlagen wurde.
Das hat sich dann auch bei der Obduktion bestätigt, dass sie vermutlich mit einem Seilstück, das von diesem Seil, das auch zur Fesselung diente, erdrosselt wurden. Und dass sie möglicherweise mit einem Stuhl geschlagen wurde. Konnten Sie denn am Tatort irgendwelche Spuren sichern, die auf den Täter oder die Täter deuteten? Ja, am Tatort ließ einiges auf den Täter schließen. Die gesamte Situation deutete auf einen Einzeltäter hin. Zwei oder drei Täter hätten vermutlich auch die Opfer getrennt. In verschiedene Räumlichkeiten.
Der Schuhabdruck, den wir fanden, es war eine Schuhgröße 44 oder 45, ließ auch auf eine kräftige Statur schließen von diesem möglichen Täter. Und dass er Raucher war, von dem sind wir auch ausgegangen, weil wir im Hausflur vor der Praxis drei Kippen fanden, die wir eindeutig dem Täter zuordneten, weil es schlecht vorstellbar war, dass irgendeine Person im Hausflur rumsteht und hier Ketten raucht. Diese Handschellen an den Opfern, da haben die ersten Ermittlungen ergeben, dass es sich um Massenware handelt, die auch über Großhändler vertrieben werden. Das Seil, das war ein Kunststoffseil, ein rotes, wie es auch zur Herstellung von Netzen verwandt oder als Spannseile. Es war auch nichts total Individuelles. Es hat sich nur hinterher herausgestellt, dass die Farbe relativ individuell war.
Zwischen den Jahren sind Sie dann den Spuren ja weiter nachgegangen, auch der Spur zum Seil. Da sind Sie sogar in China gelandet. Ja, wir hatten Ermittlungen zu dem Seil, haben wir getätigt. Es hat sich herausgestellt, dass es vermutlich in China hergestellt wird. Wir konnten auch über ein ähnliches Seil, nur mit einer anderen Farbe, einen Hersteller in China ausmachen. Der wurde dann kontaktiert. Das ging dann über das Bundeskriminalamt, das man fernschriftlich angefragt hat. Und bei den Chinesen kam das dann wohl so an. Die haben Verdacht geschöpft, dass es sich hier um einen Konkurrenten handeln könnte, der ihre Vertriebswege ausfindig machen will. Und deswegen haben sie uns zunächst keine Auskunft gegeben. Aber dieses Missverständnis konnten wir dann ausräumen. Aber das Ergebnis war dann auch wenig hilfreich für uns, weil die Chinesen haben uns nur mitgeteilt, dass sie solche Seile herstellen und sie in Afrika, Südamerika und einigen europäischen Ländern vertreiben. Also das hat uns nicht wirklich weitergebracht. Dafür waren Sie erfolgreicher mit der Kreditkartenspur.
Die führte ja ins benachbarte Mannheim. Wie kam das? Ja, es hat nicht lange gedauert. Dann wurde uns von der Bank in Mannheim mitgeteilt, dass also mit der Kreditkarte von den Opfern einmal Bargeld abgehoben wurde und zum anderen mit einer Kreditkarte versucht wurde, Bargeld abzuhäuben. Was aber bislang, weil die PIN-Nummer nicht richtig war. Und die Karten waren an einem Bankautomaten eingesetzt in der Mannheimer Fußgängerzone, der an dem Außenbereich angebracht ist. Und die Geldkarten gehörten Dr. Arendt und seiner Frau. Wie viel wurde da jeweils abgehoben? Ich glaube, Gesamtbetrag war letztendlich 1.000 Euro. Also die jeweiligen Abhebungen handeln sich jeweils um zwei Beträge von 500 Euro. Und die Karte von der Ärztin wurde probiert, aber wie gesagt ohne Erfolg. Sie hatte diese Karte schon einmal versucht wieder einzusetzen, hatte schon zwei erfolglose Versuche damit und die Karten waren letztendlich gesperrt. Jetzt könnte man ja auch denken, super, dass er da versucht hat Geld abzuheben, weil er wahrscheinlich gefilmt worden ist. War das so? Ja, diese Hoffnung hatten wir auch. Und...
Wir waren natürlich schon ganz happy, jetzt bekommen wir vielleicht ein Bild von einem Tatverdächtigen. Aber leider gehörte dieser Bankautomat zu den wenigen, die keine Kameraausstattung haben. Ob unser Täter das gewusst hat und deshalb bewusst diesen Automaten gewählt hat, das ließ sich allerdings nicht mehr klären. Aber jetzt mussten wir eben versuchen, auf anderem Wege zu ermitteln, Um die Ecke von der Bank, an der der Automat sich befindet, befindet sich ein größerer Taxistand. Hat man natürlich dann versucht, über diesen Taxistand die Taxifahrer zu befragen, ob sie verdächtige Wahrnehmungen zu dem fraglichen Zeitpunkt gemacht haben, ob vielleicht sogar ein Fahrgast transportiert worden ist. Und das war natürlich dann schon wieder ein eigener Ermittlungskomplex.
Stichwort Ermittlungskomplex. Gehen wir mal Punkt für Punkt durch. Zunächst das Seil. Mit dem Seil hatten wir das Glück, dass sich am Tag nach der Tat ein Müllmann bei uns gemeldet hat, der ca. 500-600 Meter von der Praxis entfernt bei der Leerung eines Mülleimers den Rest eines Seiles gefunden hat. Es war ihm zu schade, das wegzuwerfen. Er hat gedacht, das kann ich noch für etwas gebrauchen. und hat es mal aus dem Mülleimer rausgenommen und in seinen Spind gelegt. Als er dann später nach Weihnachten in der Zeitung von dem Verbrechen gelesen hat und was in diesem Zusammenhang die Polizei für Fragen hat, unter anderem nach diesem roten Seil, hat er sich an dieses Seil erinnert und hat es sofort an die Polizei weitergegeben. Und wir konnten also feststellen, es war tatsächlich das Reststück, von unserem identischen Seil am Tatort.
Also zumindest mal ein Teilerfolg an dieser Stelle. Wie sah es bei den Handschellen aus, Herr Greta? Die Handschellen, wie schon erwähnt, das war Massenware. Sie waren allerdings auch ziemlich neuwertig, ziemlich ungebraucht. Und wir hatten die Hoffnung, dass sich in irgendeinem Geschäft jemand an so einen Verkauf erinnert, wenn er drei Handschellen dieser Marke gleichzeitig verkauft. Und Sie waren dann ja auch erfolgreich. Wie ging es weiter? Ja, wir hatten gedacht, wir haben jetzt eine richtig heiße Spur. Wir haben den Anruf erhalten einer Mitarbeiterin von einem Sexshop und sie hat sich daran erinnert. Vor Weihnachten kamen zwei junge Männer, Anfang 30, Mitte 20, gut gekleidet, kamen ins Geschäft und haben sich nach Handschellen erkundigt. Sie stellten noch die Frage, ob es nicht abgepolsterte mit Plüschbesatz sein sollen. Nein, sagten die wohl, wir möchten richtige Handschellen, wie sie auch bei der Polizei verwendet werden beispielsweise.
Und haben dann zunächst zwei gekauft. Und kurz darauf kam einer zurück und hat eine dritte verlangt. Und damals dachten wir, das kann kein Zufall sein. Und gingen natürlich von einer richtig heißen Spur aus. Die Verkäuferin, die konnte Ihnen ja sogar noch den Kreditkartenbeleg zeigen, der zu dem Verkauf der Handschellen gehört hat. Und damit konnten Sie dann ja auch die beiden Kunden ermitteln, richtig? Ja, ich erinnere mich noch an diesen Moment.
Da war schon fast Erleichterung zu spüren. Jetzt sind wir ganz nah dran. Also so clever sind Täter doch oft nicht, dass sie an alles denken. Und wir waren der Meinung, jetzt haben sie hier den großen Fehler gemacht. Jetzt werden bald die Handschellen bei ihnen klicken. Und wir haben dann noch ein Sonderkommando angefordert zur Festnahme dieser beiden Käufer der Handschellen. Und wurden dann aber relativ schnell ernüchtert, da ihre gekauften Handschellen zum Teil noch an den Bettpfosten hingen, weil das Weihnachtsgeschenke für die Freundinnen waren. Und so ist eine heiße Spur zerplatzt wie eine Seifenblase.
Wenn die Tat, die zu diesen Ermittlungen geführt hat, nicht so grausam wäre, könnte man über die Erkenntnisse schmunzeln. Auch wenn das gewünschte Ergebnis damit nicht in greifbarer Nähe war, die Handschellenspur war damit trotzdem nicht tot, oder? Zu den Handschellen gab es noch weitere Hoffnungsschimmer. Die Handschellen, die hatten ja auch sogar Individualnummern und da hatten wir schon noch die Hoffnung, dass wir den Verkaufsweg noch nachvollziehen können und eine Spur zu dem Käufer herstellen können. Es gab zum Beispiel auch Hinweise auf eine Überfallsserie in Rheinland-Pfalz, Es handelte sich um Überfälle auf Bankfilialen. Die Opfer bzw. Die Angestellten bei diesen Überfällen wurden mit genau solchen Handschellen gefesselt.
Und die Überlegung war, hatte auch unser Täter einen Überfall auf eine Bankfiliale geplant, weil ja die Fesselungen bei diesen Überfällen auch mit Handschließen stattgefunden hatten. Aber das brachte uns dann auch nicht weiter, weil kein Tatverdächtiger genannt werden konnte für diese Überfälle. Einen Fortschritt, den gab es ja aber recht schnell bei den Schuhabdrücken, oder? Ja, anhand dieser Schuhsohlenabdrücke konnte über den Hersteller eine individuelle Zuordnung erfolgen zu einem bestimmten Schuh. Daraufhin konnten wir sogar einen Vergleichsschuh bekommen und zusammen mit diesen Bildern der Vergleichsschuhe dann auch den wahrscheinlich getragenen Schuh in den Medien veröffentlichen. Das haben Sie ja auch mit den Zigarettenkippen gemacht, die am Tatort gefunden wurden. Eigentlich recht gute Ansatzpunkte, weil es sich um eine, zumindest bei uns hier in Deutschland, recht unbekannte Marke gehandelt hat, oder? Ja, die Zigarettenkippen, das war nochmal eine ganz besondere Spur, weil wir zahlreiche Packungen kaufen mussten, um zu überprüfen, ob die Filter mit unseren Filtern übereinstimmen. Und es handelte sich um keine Zigaretten, sondern die werden Zigarillos mit Filter, Filterzigarillos genannt. Und es war eine preiswerte Marke.
Die laut Hersteller insbesondere von einem Käuferkreis, der nicht besonders betucht ist, beliebt sind.
Und den ähnlichen Rückschluss, komme ich nochmal auf die Schuhsohlenabdrücke zurück, diesen Schuh, den wir als Vergleichsschuh bekommen haben, den hat auch nur eine bestimmte Klientel getragen. Die Veröffentlichung dieser Ansatzpunkte in den Medien haben der Soko kaum hilfreiche Hinweise gebracht, dafür aber eine Menge Kritik.
Vor allem eine Zeitung war wohl mit ihrem Bericht über die bisherigen Erkenntnisse nicht so richtig zufrieden. Da wurde die Überschrift formuliert, was verschweigt uns die Polizei? Herr Greta, war die Kritik gerechtfertigt? Haben Sie der Öffentlichkeit tatsächlich etwas verschwiegen? Also aus unserer Sicht war die Kritik nicht gerechtfertigt. Wir haben an die Medien eigentlich alles rausgegeben, was uns bekannt war. Dass wir von einem Einzeltäter ausgehen, der vermutlich in Raubabsicht gehandelt hat. Wir haben die Gegenstände vorgestellt und Fotografien herausgegeben von diesen Gegenständen, die offensichtlich vom Täter stammen und zu denen wir nur Hinweise haben wollten. Also genau so, wie wir in Aktenzeichen XY auch immer vorgehen. Ja, genau. Und das war einigen Reportern einfach nicht genug. Es war inzwischen schon Mitte Januar und es machten verschiedene Gerüchte die Runde in dem Stadtteil.
Es konnte sich einfach niemand vorstellen, dass ein Mann oder ein Täter drei Leute in seine Gewalt bringt und sie umbringt, nur aus Raubabsicht. Dieses Motiv Raub, Das war vielen zu einfach. Sie haben vermutet, da muss doch was anderes dahinter stecken, wenn jemand so eine Tat begeht. Und es ging natürlich bei dem Kinderarzt im Hintergrund dann die Gerüchte rum, dass es vielleicht ein Familienvater war, dessen Kind medizinisch falsch behandelt worden ist. Oder auch ein betrogener Ehemann, der hinter das Verhältnis seiner Frau mit dem Kinderarzt gekommen sein könnte. Solche Gerüchte, die kursieren immer wieder. wenn so ein Fall auftritt.
Und natürlich haben wir diesen Gerüchten wenig Glauben geschenkt.
Rudi, ihr verratet in der Sendung ja auch nicht immer alles, oder? Ja, oft bittet uns die Polizei ja, die eine oder andere Information wegzulassen, aus ermittlungstaktischen Gründen, wie es heißt. Ganz einfach, auch um dem Täter oder den Täter nicht zu verraten, was die Kripo schon über sie weiß und wie nah sie an ihnen dran ist. Oder schlichtweg wegen Datenschutz, um Opfer oder ihre Angehörigen zu schützen. Der Dreifachmord von Heidelberg, der war dann ja auch ein Fall für XY. Allerdings wurde er nicht verfilmt, sondern das war ein Wortbeitrag, ein Studiofall. Welche Absicht steckte dahinter? Ja, wir haben uns erhofft, dass wir über die XY-Sendung weitere Hinweise bekommen. Wir hätten uns natürlich gern einen Filmbeitrag gewünscht, der die ganze schreckliche Tat mehr in den Vordergrund gestellt hätte. Aber es hätte natürlich auch dann viel zu lange gedauert, bis dieser Fall dann in XY gesendet worden wäre. Und es hat uns kurz nach der Veröffentlichung dieser Gegenstände mit allem, was wir hatten, in den Printmedien auch geholfen, dass dann der Fall in XY dargestellt werden konnte. Das war am 17. Januar 2003, also drei Wochen nach der Tat. Hören wir mal rein.
Der dreifache Mord von Heidelberg, einen Tag vor Weihnachten, sorgt seit Wochen bundesweit für Schlagzeugen. In einer Arztpraxis waren am 23. Dezember zwischen 17 und 21 Uhr drei Menschen gefesselt und erdrosselt worden. Ein 61-jähriger Kinderarzt, seine 66-jährige Ehefrau und eine Arzthelferin. Die Kripo geht mittlerweile von einem Raubmord aus und die Spuren deuten darauf hin, dass das Verbrechen von einem Einzeltäter begangen wurde. Von ihm ist inzwischen Folgendes bekannt. Bei der Tat trug er solche Lederstiefeletten, Größe 44 oder 45, Farbe vermutlich schwarz. Und der Täter rauchte Filterzigarellos, die in solchen roten Schachteln verkauft werden. Auffällig hierbei das braune Zigarettenpapier. Gefesselt wurden die Opfer mit einem solchen roten Kunststoffseil. Die Frage der Polizei jetzt, wer weiß, wer ein solches Seil besessen hat und gleichzeitig Zigarellos raucht.
Ich könnte mir vorstellen, die Kripo wollte damit vielleicht auch ein bisschen mit den Gerüchten aufräumen. Kann das sein, Herr Greta? Sie waren ja damals im Studio. Den Hintergedanken hatten wir, dass auch die Gerüchte damit mehr verstummen, wenn in der Sendung nochmal das Motiv dargelegt wird, von dem wir ausgegangen sind. In erster Linie ging es aber darum, Zeugen zu finden, die Angaben zu den Gegenständen und zu den Schuhen machen konnten. Und im Hintergrund wurden dann Hinweise ausgewertet von Leuten, die dazu angerufen haben.
Inzwischen war ja auch eine relativ hohe Belohnung ausgesetzt, 15.000 Euro für Hinweise, die zur Aufklärung der Tat führen könnten. Konnte Ihnen das Publikum weiterhelfen? Ja, also vom Fernsehpublikum haben wir leider wenige Hinweise erhalten. Also es gab in dieser Richtung nichts wirklich Neues. So etwas kommt immer mal wieder vor. Aber Sie hatten ja ohnehin schon eine Ahnung, wo der Täter vielleicht zu finden ist. Quasi in der Nachbarschaft in Mannheim, nicht? Ja, vor allem, weil der Täter auf diese Presseberichte reagiert hat. Fast täglich wurde über den Fall berichtet und über den Fortgang der Ermittlungen. Und dann wurde mir morgens ein Brief übergeben, der an den Herrn Socko adressiert war. Der Brief war sogar mit Datum versehen.
Und zwar hatte er den 6.1. als Datum seiner Verfassung notiert, abgestempelt aber war drei Tage später, am 9.1., auch in Mannheim. Und eingegangen bei uns ist er dann am 13.1. Als ich den Brief vorsichtig aus dem Briefumschlag genommen habe, dann war relativ schnell klar, dass sich hier jemand meldet, der mit dem Fall zu tun haben musste. Und es stand wie ein persönlicher Brief, sehr geehrter Herr Sokow, in Heidelberg war die Polizei vor der Bank, deshalb mit Taxi nach Mannheim und zurück. Sie brauchen uns nicht zu suchen, wir fliegen Wochenende in Heimat zurück und mein Bruder hat Frau Doktor mit Kopf an Heizung gebunden. Ich habe Herrn Doktor in linke Hand geschnitten wegen Checkkarte. Das sind ziemlich konkrete Angaben, die ja so nie veröffentlicht wurden, oder? Ja, und ob. Der letzte Satz ließ uns insbesondere aufhorchen. Da wurde ganz eindeutig oder offensichtlich Täterwissen offenbart, wie wir das nennen. Diese Dinge, dass die Frau mit dem Kopf an die Heizung gebunden war und dass dem Arzt in die linke Hand geschnitten wurde wegen der Steckkarte.
Das konnte sonst niemand wissen außer uns. Das hatten wir nie an die Presse rausgegeben. Genau daran sieht man, wie gut es ist, wenn man nicht unbedingt alles ausplaudert, sondern gewisse Sachen aus taktischen Gründen, wie es immer heißt, für sich behält. Übrigens haben wir den Brief in unserer Sendung auch nicht erwähnt, weil die kriminaltechnischen Untersuchungen daran seinerzeit noch in vollem Gange waren. Sie ergaben, dass der Brief tatsächlich vom Täter geschrieben wurde. Es fanden sich Fingerspuren am Briefpapier und sogar DNA auf der Rückseite der Briefmarke. Sie waren mit den am Tatort gesicherten Spuren identisch, etwa an Gegenständen, die der Täter angefasst hatte, oder an den Zigarilloresten. Die Fingerabdrücke und DNA waren jedoch in keiner polizeilichen Datei registriert. Und das war nicht das Einzige, was sich aus dem Brief herauslesen ließ. Der Täter wollte ganz offensichtlich eine falsche Fährte legen, indem er einen angeblich tatbeteiligten Bruder erwähnt hat und den Eindruck erwecken wollte, beide seien Ausländer. Ihre Heimat, in die sie zurückkehren wollten, die sei nicht Deutschland.
Herr Greta, Sie haben Kopien des Briefs an das LKA in Baden-Württemberg und an das Bundeskriminalamt zur Untersuchung weitergeleitet. Was haben Sie sich davon denn erhofft? Wir hatten zwar unsere eigenen Vermutungen, was den Inhalt des Briefs anbelangt hat, aber es gibt eben in diesen Behörden Spezialisten, die alle Facetten abdecken können und die uns unsere Vermutungen dann entweder bestätigen oder andere Rückschlüsse ziehen können.
Und da geht es um den Inhalt, um die Art, wie der Text verfasst wurde. Und da sind eben auch Psychologen unter Umständen dabei, die diese Dinge anders bewerten können wie Kriminalbeamte, die mit solchen Dingen sonst nichts zu tun haben. Aber wir waren uns alle einig, dass der Brief eine Finte war. Und dass eigentlich die Aussagen, die im Brief getroffen waren, einfach ins Gegenteil zu verkehren waren. Das zum Beispiel... Kein Bruder beteiligt war, sondern dass der Briefschreiber Alleintäter war, dass er kein Ausländer ist, sondern Deutscher, dass er nicht verreist ist, sondern noch hier, und dass er nur zum Geldabheben nach Mannheim gefahren ist, wollten wir dann auch nicht glauben, sondern dass er dort wohnt. Und deshalb haben wir dann unsere Ermittlungen auch auf Mannheim fokussiert.
Aufgrund der identischen Fingerspur auf Briefbogen und einem Gegenstand aus der Praxis musste es sich um eine Täterspur handeln. Deshalb erhielten alle Ermittlungsteams die Anordnung, ab sofort Speichelproben und Vergleichsfingerabdrücke von allen Personen zu nehmen, die in diesem Fall überprüft werden sollten. Kripoarbeit ist auch viel Laufarbeit, sagt man. Also Polizistinnen und Polizisten, die Treppauf, Treppab durch Häuser laufen, klingeln, Fragen stellen müssen und weiter und weiter und weiter gehen. Ihre Soko-Mitglieder, Herr Greta, waren ja jetzt tatsächlich viel in Mannheim unterwegs. Dort in einem Kaufhaus stießen die Beamtinnen und Beamten dann tatsächlich auf ein rotes Seil, das man dort kaufen konnte.
Hatte der Täter sein Fesselwerkzeug da gekauft? Wir sind diesem Seil, diesem bestimmten Farbton lange Zeit hinterhergelaufen. Und in diesem Kaufhaus in Mannheim konnte ein Seil gefunden werden, was genau diesen Farbton des bei der Tat verwendeten Seils entsprochen hat. Und darauf konnten wir natürlich dann auch unsere Ermittlungen konzentrieren, ob auch andere Gegenstände gekauft wurden. Das hat dazu geführt, dass in dem Kaufhaus alle Kassenrollen vom fraglichen Zeitraum vor Weihnachten darauf überprüft werden sollten. Das wäre eine Wahnsinns-Handarbeit gewesen. Unsere Kolleginnen und Kollegen kamen mit einem Waschkorb voll Kassenrollen aus Mannheim zurück. Es war zunächst offensichtlich nicht möglich, andere Auswertungen zu betreiben, als alle Kassenzettel durchzusehen und nach der Artikelnummer und dem Preis des Seils zu suchen. Es war eigentlich eine Wahnsinnsarbeit gewesen. Die Kollegen haben schon die Hände über den Kopf zusammengeschlagen. Aber dann war es Gott sei Dank nicht nötig, da eine Buchhalterin im Kaufhaus auf die Idee kam, in der dortigen EDV zu recherchieren. Und hat die Buchhalterin die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen gefunden?
Es wurde tatsächlich... Ein Verkauf gefunden mit exakt diesem Preis von dieser Seilrolle und was dann schon mehr darauf schließen ließ, dass es sich um unser Seil handelt, weil dieser Artikel im Dezember 2002 nur einmal verkauft wurde und zwar konkret am 5. Dezember.
Und was für uns ein sehr guter weiterführender Hinweis war, derselbe Kunde hatte auch ein Päckchen Plastikhandschuhe gekauft. Wie sie der Täter am Tatort getragen hatte, weil wir das ja feststellen konnten, weil ein abgerissener Finger eines solchen Plastikhandschuhs gesichert werden konnte. Und da hatte sich der Täter wohl den Handschuh beim Öffnen des Reißverschlusses an der Handtasche, den Handschuh eingeklemmt und dabei einen Teil des Handschuhs abgerissen.
Nun lag die Frage nahe, wenn der Täter zwei tatrelevante Sachen im Kaufhaus gekauft hatte, vielleicht hatte er an diesem Tag noch mehr Utensilien dort gekauft. Die Handschellen vielleicht? Sowas hat das Kaufhaus nicht im Angebot. Aber 200 Meter weiter gibt es ein Waffengeschäft, in dem die Kripo nachfragt. Der Inhaber kann sich allerdings nicht erinnern, im Dezember jemandem drei Handschellen verkauft zu haben. Und die Kassenbelege sind nicht mehr vorhanden. Die hat er schon seinem Steuerberater gegeben. Also nächste Station, der Steuerberater. Dort werden die entsprechenden Belege überprüft. Und siehe da, auf einem Kassenzettel vom 5. Dezember 2002 ist dreimal derselbe Kaufbetrag aufgedruckt. Dreimal der Preis der Handschellen. Zurück zum Kaufhaus. Das erweist sich nämlich für die Ermittlungen als wahre Fundgrube. Wir erinnern uns, da hatte jemand am 5. Dezember Seil- und Plastikhandschuhe gekauft. Im Erdgeschoss befindet sich zudem ein Kiosk und dort kann man die besagten Filterzigarrillos erwerben. Die Beamten befragen sofort das Verkaufspersonal nach Kunden, die diese Zigarillos kaufen. Eine Verkäuferin erinnert sich. Am Monatsende bzw. Am Monatsanfang kommt immer einer vorbei und kauft gleich acht Stangen davon. Den Ermittlern verspricht sie, sich zu melden, wenn der Kunde das nächste Mal auftaucht.
Und Herr Greta, hat die Verkäuferin Wort gehalten? Ja, gewissermaßen ja. Ja, am 21. Januar 2003 waren Kollegen wieder in dem Kaufhaus unterwegs und kamen am Kiosk vorbei. Die Verkäuferin sprach sie aufgeregt an und zeigte ihnen einen ziemlich korpulenten Mann, der gerade das Kaufhaus verlassen wollte. Das sei der Kunde, der immer seine Rillos am Montagsanfang kauft. Und die Verkäuferin hatte gewissermaßen Miss Marble gespielt. Sie hatte nämlich diesen Mann überredet, Name und Anschrift auf einen Zettel zu schreiben, dass sie ihm erzählte, das Tabakunternehmen wolle Raucher für Marktforschungszwecke befragen. Und diesen Zettel übergab sie dann diesen Beamten, die gerade im Kaufhaus unterwegs waren. Wie fanden Sie das Engagement der Verkäuferin? Also wir fanden das alle toll, das war eine richtig clevere Aktion.
Allerdings hat sich dann herausgestellt, dass der Mann ihr falsche Personalien aufgeschrieben hatte Und eine telefonische Datenabfrage hat auch kein Ergebnis gebracht Die Kollegen gingen aber auch sofort diesem Mann hinterher, sprachen ihn draußen vor dem Kaufhaus an Und erklärten, dass sie eine Personenüberprüfung im Rahmen eines Mordfalls in Heidelberg durchführen Sie ließen sich seinen Ausweis zeigen und befragten ihn zu den falschen Personalien.
Er lieferte dann eine plausible Erklärung ab, weil er nicht ständig Werbung bekommen wolle und andererseits der netten Verkäuferin auch den Gefallen tun wollte. Aber auch deshalb hat er einfach unrichtige Personalien angegeben. Er zeigte sich sonst eigentlich sehr kooperativ und hatte auch kein Problem, seine Vergleichsfingerabdrücke und seine DNA-Probe abzugeben. Und die Kollegen haben abends noch diesen Mann eigentlich als Täter ausgeschlossen. Er sei hilfsbereit, auskunftsfreudig gewesen und seiner Körperfille wegen wäre er gar nicht in der Lage gewesen, so eine Tat zu machen. Sie waren ja damals mit Ihrer Soko bereits dabei, eine sogenannte Massenspeichlung zu planen. Männer aus Mannheim, die bestimmte Kriterien erfüllten, die auch dem Täter zugeschrieben wurden, sollten eine DNA-Probe abgeben. Doch die Aktion wurde dann erstmal abgeblasen. Was war der Grund für diese Absage? Ja, wir waren eigentlich über die Absage ganz froh, weil DNA-Tests, MassendNA-Tests machen viel Arbeit. Es ist ein hoher Organisationsaufwand erforderlich. Es verursacht hohe Kosten. und wir hatten den Kreis der in Frage kommenden Personen immer weiter eingeschränkt.
Wir hatten uns auf Personen aus einem bestimmten sozialen Umfeld eingestellt und wollten mit Männern in einem bestimmten Quadrat in Mannheim beginnen.
Und dann kam aber am 30. Januar 2003 die erlösende Nachricht, Wir wurden angerufen, dass die Fingerspur aus der Praxis einer Person zugeordnet werden konnte. Und zwar die Vergleichsspur, die wir einige Tage vorher zur Untersuchung eingeschickt hatten. Und zur großen Überraschung gehörte sie zu dem 51-Jährigen aus Mannheim, der von der Kioskbesitzerin zur Abgabe seiner Personalien gebeten worden war. Wir nennen ihn Ernst L. Die Soko hatte ja dank der Überprüfung dann seine richtige Adresse und noch am selben Tag durften die beiden Beamten, die ihn vor ein paar Tagen überprüft hatten, dorthin fahren. Unterstützt wurden sie von Kolleginnen und Kollegen des Fahndungskommissariats. Das Ziel der Aktion war die Festnahme des Mannes. Herr Greta, erzählen Sie uns, wie lief die Festnahme ab?
Wir hatten uns in der Leitung der Soko, ich mit meinem Vertreter, geeinigt, dass wir die beiden Beamten, die Beamtinnen und den Beamten, ja, irgendwo auch zum Abschluss ihrer Hinweisüberprüfung auch dafür einsetzen, diesen Mann festzunehmen. Sie hatten uns ja geschildert, dass dieser Mann jetzt keine besondere Gefährlichkeit ausgestrahlt hatte, sodass wir auf den Einsatz eines Spezialeinsatzkommandos verzichtet haben. Und sie haben zusammen dann mit zwei weiteren Beamten des Verhandlungsdezernats die Wohnungsanschrift aufgesucht, geklingelt, Zunächst wurde ihnen auch nicht geöffnet. Sie haben dann die Feuerwehr dazugerufen, die gewaltsam die Türe geöffnet haben. Unser Tatverdächtiger saß in seiner Wohnung vollkommen apathisch an einem Tisch. Er saß vor einem übervollen Aschenbecher und einem Stapel Papier, auf das er handschriftlich eine Art Geständnis niedergeschrieben hatte. Offensichtlich hatte er die letzten Tage überhaupt nichts mehr gegessen, sondern nur noch geraucht und hat auf seine Festnahme richtiggehend gewartet.
Er leistete keinen Widerstand, als er dann Handschellen angelegt bekam und er nach Heidelberg gebracht wurde.
Die Festnahme verdankt die Kripo der Kioskverkäuferin des Mannheimer Kaufhauses. Sie bekommt später auch die Belohnung von 15.000 Euro. In Heidelberg löst die Festnahme Erleichterung aus. Endlich scheint der Fall geklärt, der schwer auf den Einwohnern und den Angehörigen der Opfer lastete. Die Gerechtigkeit, so hofft man, nimmt jetzt ihren Lauf. Ernst L. Ist kein unbeschriebenes Blatt. Immer wieder fällt er durch kleinere Straftaten auf. Unterschlagungen, Betrügereien, Schwarzfahren, Steuerhinterziehung. Und immer kommt er mit Geldstrafen davon.
Als er im Jahr 2000 bei Versandhäusern Waren bestellt, ohne sie zu bezahlen, kassiert er eine Gefängnisstrafe. Sie wird auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Auch danach leidet Ernst L. ständig unter Geldnot. Seit langem lebt er von Sozialhilfe. Dazu sucht er Möglichkeiten, legale wie illegale, seinen Unterhalt zu bestreiten. Er hat zwei Kinder, denen er selten etwas bieten kann. Dazu kommen massive Alkoholprobleme. Durch seine Trinksucht verwahrlost er im Laufe der Zeit. Wird fettleibig. Zur Tatzeit wiegt er 145 Kilo. Seine Körperstatur ist mehr als auffällig. Er bekommt Probleme beim Gehen. Seine Kinder überreden ihn irgendwann zu einer Entziehungskur. Danach ist er zwar nicht trocken, aber er schafft es, den Alkoholkonsum erheblich einzuschränken. Leider nur für kurze Zeit. Seine Frau, die Mutter seiner Kinder, ist bereits 1993 gestorben. Auch sie war alkoholkrank. Ernst L. hat sein Geständnis handschriftlich verfasst. Sowohl bei der Kripo als auch später vor Gericht macht er darüber hinaus nur noch Angaben über seine Lebensumstände in der Vergangenheit.
Der Prozess gegen ihn findet gut ein halbes Jahr nach der Festnahme statt. Im September und Oktober 2003 wird das Verbrechen vor dem Landgericht Heidelberg noch einmal in allen Einzelheiten rekonstruiert. Als Grundlage dienen vor allem das schriftliche Geständnis, die Ergebnisse der Spurensicherung, die Gutachten eines Psychiaters und eines Rechtsmediziners sowie die Aussagen der Ermittlerinnen und Ermittler. Auch für hartgesottene Zuschauer im Gerichtssaal streckenweise schwere Kost. Der Angeklagte selbst schweigt zur Tat. Und so rekapitulieren die Richter das Geschehen. An Weihnachten 2002 wollte Ernst L. seinen Kindern endlich eine Freude machen. In den Jahren zuvor war Weihnachten wegen Geldmangels schlicht ausgefallen. Doch wie sollte er an Geld kommen? In seinem Geständnis heißt es, Anfang Dezember kam mir der Gedanke, meine kümmerliche Sozialhilfe für ein besseres Weihnachtsfest mit einem kleinen Raubüberfall auf einen Arzt einen Tag vor Weihnachten aufzubessern. Die letzten fünf Weihnachten waren sehr, sehr kümmerlich. Dann beschreibt der Täter, wie er den Tatort ausbaldobert hat. Mit der Straßenbahn fährt er wenige Tage vor der Tat nach Heidelberg und geht zu Fuß durch die Stadt. Das Haus, in dem der Kinderarzt praktiziert und in dem sich noch zwei weitere Praxen befinden, bringt ihn auf die Idee, dass bei diesen Ärzten sicher Geld zu holen ist.
Er schreibt sich die Telefonnummer von Dr. Arendt auf und ruft dort am nächsten Tag unter falschem Namen von einer Mannheimer Telefonzelle aus an. Er fragt, ob die Praxis am Tag vor Weihnachten geöffnet ist. Die Antwort lautet ja. Wie er in seinem Geständnis weiter ausführt, will er die Leute in der Praxis, so wörtlich, nur fesseln und sonst nichts. Als Waffe will er einen 30 Zentimeter langen Dolch mitnehmen. Nur zur Bedrohung, wie er schreibt. Am Freitagabend vor der Tat vergewissert er sich noch einmal vor Ort, ob am kommenden Montag tatsächlich jemand in der Praxis ist. Als er dort klingelt, ist nur die Putzfrau noch anwesend. Sie sagt ihm, der Doktor sei am Montag wieder da. Damit ist der Überfall beschlossene Sache. Am Tattag packt er alle Utensilien, die er für den Überfall braucht und die er sich schon lange vorher zusammengekauft hat, in eine Plastiktüte.
Mit einem dicken Schal will er sich maskieren. In eine zweite Plastiktüte packt er eine Wegzehrung ein. Vier kleine 0,1 Fläschchen mit Schnaps. Mit dem Alkohol trinkt er sich unterwegs Mut an. Mit der Folge, so wörtlich, danach hatte ich einen völligen Blackout. Ich erinnere mich leider an nichts mehr. Erst am nächsten Mittag sei er wieder zu sich gekommen. Das Thema Alkohol ist sein Hauptthema vor Gericht. Mehrfach beteuert er, dass er während der Tat total betrunken war. Zu diesem Thema wird ein Sachverständiger vor Gericht gehört. Sowohl bei seiner Vernehmung bei der Kripo als auch im Gespräch mit ihm hat Ernst L. Erklärt, er habe an diesem Tag noch mehr Alkohol als in seinem schriftlichen Geständnis aufgeführt, getrunken. Der Sachverständige rechnet aufgrund der Angaben des Angeklagten zurück und kommt bei ihm auf 1,3 Promille zum Tatzeitpunkt.
Genau dazu haben wir einen Experten befragt, der sich beruflich damit beschäftigt. Dr. Martin Jübner, stellvertretender Leiter der forensischen Toxikologie des Instituts für Rechtsmedizin in Köln. Dr. Jübner hat uns erzählt, warum die Berechnung der Blutalkoholkonzentration, kurz BAK, in vielen Gerichtsverfahren eine große Rolle spielt. In der Hauptsache beschäftigen wir uns mit der Analyse und der Bewertung von Blutproben lebender Personen. Hier insbesondere unter verkehrsmedizinischen Aspekten, aber auch im Hinblick darauf, war ein Substanzeinfluss hinsichtlich einer Straftat hier relevant im Sinne einer Strafzumessung bzw. Strafminderung. Aber wir haben auch fallmäßig das Gebiet der Leichentoxikologie, was wir bearbeiten, also.
Im Hinblick darauf, wurde jemand zum Beispiel vergiftet oder war jemand zum Zeitpunkt des Versterbens relevant unter einem Alkoholbetäubungsmittel oder Medikamenteneinfluss? Wir wollten von Dr. Jübner wissen, wie sich der Alkoholpegel auf die Steuerungs- und damit auch Schuldfähigkeit eines Menschen auswirken kann. Die Steuerungsfähigkeit ist das, wenn man es jetzt mal runterbrechen will. Ich weiß zwar, dass das, was ich tue, Unrecht ist, das heißt eine Einsichtsfähigkeit liegt noch vor, aber ich bin aufgrund eines Substanzeinflusses, eines Alkohol- oder Drogen- oder Medikamenteneinflusses nicht mehr in der Lage, mein Verhalten dementsprechend nach dieser Einsicht zu steuern. Das führt in der Regel dazu, wenn wir zu diesem Schluss kommen als Gutachter, dass das vorgelegen hat, zu einer Schuldminderung oder im Extremfall sogar dazu, dass eine aufgehobene Steuerungsfähigkeit vorgelegen hat und in der juristischen Folge davon eine Schuldunfähigkeit angenommen wird. Das ist § 20 Strafgesetzbuch. Und wenn jemand im Zustand der Schuldunfähigkeit eine Straftat begeht, kann er dafür nicht bestraft werden. Damit sind wir bei der Frage, kann man die Blutalkoholkonzentration mehrere Wochen später überhaupt noch zuverlässig zurückrechnen?
Eine tatsächlich vorliegende akute Beeinflussung kann man nur feststellen, indem man eine zeitnah entnommene Blutprobe analysiert. Wenn das nicht der Fall ist, kann man das nicht so feststellen, aber im Hinblick von Alkohol kann man anhand von Trinkangaben dann eine...
BAK errechnen und zwar auch die Höhe, wie hoch sie theoretisch minimal gewesen sein muss und maximal gewesen sein kann. Der wahre Wert, wenn dann die Trinkangaben stimmen, liegt irgendwo in der Mitte. Das sind aber theoretische Berechnungen. Wirklich festzustellen, wie die aktuelle Beeinflussung zu einem Zeitpunkt war, geht nur, wenn man eine Blutprobe hat. Das ist in dem hier angesprochenen Fall ja offenbar nicht möglich gewesen. Insofern gibt es hier nur die Möglichkeit einer theoretischen Berechnung der Alkoholisierung anhand von Trinkangaben.
Auffällig an dem Verfahren im Dreifachmord war, dass der Angeklagte Ernst L. Geradezu darauf bestand, die Tat unter Alkoholeinfluss begangen zu haben. Vermutlich, um ein milderes Urteil zu erlangen oder gar die Einweisung in eine therapeutische Einrichtung statt Knast. Wir wollten wissen, ist eine solche Strategie gang und gäbe? Also das ist tatsächlich der Regelfall bei entsprechenden Substanzbeeinflussungen, dass darauf abgezielt wird, dass die Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert aufgrund eines Alkoholeinflusses oder eines Einflusses anderer Substanzen und es dann in der juristischen Konsequenz zu einer Verschiebung des Strafrahmens soll heißen, zu einer geringeren Bestrafung kommt. Das ist gang und gäbe tatsächlich als Verteidiger-Taktik.
Die Richter des Heidelberger Schwurgerichts jedenfalls folgen dem Sachverständigen. Er war zu der Auffassung gelangt, der Angeklagte sei bei der Ausführung der Tat voll und ganz schuldfähig gewesen. Wäre er so stark alkoholisiert gewesen, wie er immer wieder betont hat, hätte L. den Überfall und die Morde gar nicht begehen können. In seiner Urteilsbegründung fasst der Vorsitzende Richter das Tatgeschehen vom 23. Dezember 2002, so wie es im Verlauf des Prozesses rekonstruiert wurde, zusammen. Vieles konnte nur anhand der akribischen Spurensuche der Kripo rekonstruiert werden, aber manches blieb auch im Dunkeln. Fest steht, dass Dr. Arendt und seine Arzthelferin bis in den Abend hinein im Arbeitszimmer des Arztes über dem Quartalsabschluss sitzen. Ernst L. kommt gegen 17.30 Uhr im Ärztehaus an. Eine halbe Stunde später hält er sich noch im Treppenhaus auf, raucht drei Zigarillos, deren Stummel man später dort finden wird. Es ist kurz nach 18 Uhr, als es an der Praxistür klingelt und damit auch der automatische Türöffner betätigt wird. Keiner hat ihn ausgeschaltet.
Susanne Fischer schaut nach und stößt im Eingangsbereich auf den Täter, der sie sofort mit seinem Dolch bedroht und zwingt, ins Arbeitszimmer zu gehen. Es gibt allerdings noch eine Variante. Es ist möglich, dass Dr. Arendt die Praxis zuvor kurz verlassen hat. Dafür spricht, dass Susanne Fischer um 18 Uhr mit ihrem Freund telefoniert und Bescheid sagt, es werde später. Sie sei im Moment allein in der Praxis.
Möglicherweise trifft der Kinderarzt im Treppenhaus bereits auf den Täter. Dieser bedroht ihn mit dem Dolch und geht mit ihm zurück in die Praxis. Im Arbeitszimmer muss Dr. Arendt seiner Sprechstundenhilfe Handschellen anlegen und die Füße mit einem Stück des roten Kunststoffseils fesseln. Dann legt der Täter dem Arzt ebenfalls Handschellen an und zwingt ihn zu verraten, wo er seine Geldkarten aufbewahrt. Dr. Arendt versichert dem Täter, er verfüge lediglich über eine EC-Karte. Offenbar verspricht sich Ernst L. davon zu wenig Geld. Deshalb muss der Doktor zu Hause anrufen und dafür sorgen, dass eine weitere Scheckkarte gebracht wird. Der Täter fügt dem Arzt mit seinem Dolch eine Schnittwunde an der Innenfläche der linken Hand zu. Vielleicht will er damit seiner Forderung Nachdruck verleihen. Jedenfalls kommt es um 18.12 Uhr zu dem für die Familie mysteriösen Anruf.
Danach macht sich die Ehefrau des Arztes mit der EC-Karte der Tochter auf den Weg zur Praxis. Ihre eigene Bankkarte hat sie ebenfalls in der Handtasche. Etwa eine Viertelstunde später trifft Dr. Ruth Arendt in der Arztpraxis ein. Susanne Fischer durfte ihrem Chef inzwischen die stark blutende, drei Zentimeter lange Wunde an der Hand mit einer Mullbinde aus dem Sanitätsschrank verbinden. Wie das genau vonstatten ging, kann nicht geklärt werden. Beide sind nach wie vor gefesselt, möglicherweise sogar aneinander und sitzen jetzt im Behandlungsraum. Als Ruth Arendt in die Praxis geht, wird sie im Arbeitszimmer vom Täter überrascht. Er stürzt sich auf sie, packt sie und stößt sie ins Behandlungszimmer zu den beiden anderen Geiseln. Dort landet sie auf dem Boden. Auch die Ärztin wird mit Handschellen gefesselt und an den Füßen mit einem weiteren Stück des Stricks fixiert.
Wieso Ernst L. sich ausgerechnet drei Paar Handschellen besorgt und jetzt auch dabei hat, auf diese Fragen gibt es bis heute keine Antwort. Vermutlich fügt sich Dr. Ruth Arendt genau wie ihr Mann in das Geschehen und erfüllt alle Forderungen des Täters, wie es in der Urteilsbegründung heißt, in der Hoffnung, die so wörtlich durch das Vorgehen des Angeklagten massiv verdeutlichte Gefahr des Todes oder einer schweren Verletzung abwenden zu können. Schließlich bindet der Täter den Kinderarzt und seine Sprechstundenhilfe am Heizkörper fest. Frau Dr. Arendt muss ihm die Geheimnummer ihrer EC-Karte nennen. Was er nicht weiß, die Ärztin hat Probleme, sich ihre PIN zu merken. Deshalb hat sie sie Mitte Dezember schon zweimal falsch eingegeben. Ein Umstand, der dem Täter später noch Probleme bereiten wird. Denn auch ihm hat die Ärztin eine falsche Nummer gesagt. Er erkundigt sich bei seinen Opfern nach den PINs aller Geldkarten, die er findet, und notiert sie sich mit Filzstift darauf. Danach nimmt er vermutlich Pflaster aus dem Verbandsschrank und verklebt jedem Opfer den Mund. Vielleicht haben seine Geiseln in diesem Moment die Hoffnung, der Täter mache sich zur Flucht bereit und wolle sie daran hindern, sich bemerkbar zu machen. Damit wäre der Spuk vielleicht vorbei. Doch was dann folgt, ist an Grausamkeit kaum zu überbieten.
Vermutlich hat der Täter Angst, später aufgrund der Zeugenaussagen und wegen seiner auffälligen Statur aufzufliegen. Vielleicht ist auch der Schal, den er als Maskierung um den Kopf geschlungen hat, irgendwann mal verrutscht. Daher entschließt er sich, seine Opfer zu töten. Vor den entsetzten Augen der beiden Frauen erdrosselt er den Kinderarzt mit einem Kabel vom elektrischen Ohrenspiegel. Danach tötet er die Kinderärztin und die Sprechstundenhilfe. Auch die tote Ärztin bindet er noch mit dem Kunststoffseil, mit dem er sie erdrosselt hat, an den Heizkörper. In Ruth Ahrens Handtasche findet er beim Gehen noch ihr Portemonnaie. Er nimmt sämtliche Geldscheine mit, die er darin findet. Dann verlässt er die Praxis und schließt mit dem Schlüssel der Ärztin die Tür zu. Vor dem Haus wirft er den Schlüsselbund in eine Rasenfläche und die restlichen 11 Meter Seil in eine Mülltonne. Mit dem Linienbus fährt er ins Stadtzentrum und von dort mit dem Zug nach Mannheim. In der Nacht versucht er dann, mit Hilfe der erbeuteten Geldkarten an einem Bankautomaten Geld abzuheben. Mit geringem Erfolg. Lediglich 1.000 Euro bekommt er ausgezahlt. Von dem Geld kauft er am 24. Dezember einen Geschenkkorb mit Lebensmitteln als Weihnachtsgeschenk für seine Tochter. Mit ihr und seinem Sohn feiert er dann Heiligabend. Am nächsten Tag hat er Geburtstag. Für sich und seinen Sohn bestellt er an diesem und an den darauffolgenden Tagen Essen aus diversen Gaststätten, bis das erbeutete Geld verbraucht.
Am 7. Oktober 2003 verurteilt das Schwurgericht Ernst L. Wegen Mordes in drei Fällen jeweils in Tateinheit mit schwerem Raub, in zwei Fällen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu lebenslanger Freiheitsstrafe mit besonderer Schwere der Schuld. Das heißt also, dass er nach 15 Jahren nicht, wie meist üblich, auf Bewährung entlassen werden kann. Herr Greta, waren Sie beim Prozess dabei? Nein, es waren nur einige Kollegen aus der Sonderkommission dabei, die als Zeugen aussagen mussten. Ich habe mir vorher schon aus verschiedenen Gründen abgewöhnt, bei Verhandlungen dabei zu sein. Ich nehme an, mit dem Urteil waren Sie aber alle zufrieden. Ja, richtig. Also aus unserer Sicht konnte es nur dieses Urteil für den Dreifachmord geben. Und wir sind auch froh, dass er mit seiner Trunkenheitstaktik nicht mehr zu wissen, nicht durchgekommen ist. Die Klärung dieses Falles hat uns dann auch für die entgangenen Weihnachtstage entschädigt.
Was haben Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen denn darüber gedacht, dass der Täter ausgerechnet in einer Kinderarztpraxis das Verbrechen verübt hat, um seine eigenen Kinder an Weihnachten beschenken zu können? Ja, es ist schwer nachvollziehbar, wie so ein Motiv entstehen kann. Aus dem Gewinn eines Dreifachmannes dann seine Kinder beschenken zu wollen, also was Absurderes kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen. Und ich bin immer noch der Meinung, dass es nur reiner Zufall war, dass er bei dieser Arztpraxis gelandet ist und dass er vielleicht doch andere Pläne hatte.
Aber er war wahrscheinlich auch nicht der Mensch, der sich da Gedanken gemacht hat, mit welchem Geld er dann seine Kinder beschenken möchte. Eine letzte Frage noch. Was ist aus ihm geworden? Sitzt er noch im Gefängnis? So viel ich jetzt weiß, ist er nicht mehr aus dem Gefängnis herausgekommen. Er ist vor drei oder vier Jahren im Gefängnis verstorben.
Ja, damit saß er dann tatsächlich für den Rest seines Lebens hinter Gittern. Damit, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, sind wir am Ende dieser Podcast-Folge. Aber nicht, bevor wir Danke gesagt haben. vor allem unserem Studiogast, Kriminaldirektor AD Heinz Greta, für die Einblicke in die aufwendige und letztlich erfolgreiche Ermittlungsarbeit seiner damaligen Soko-Praxis. Ja, ich bedanke mich für die Einladung. Und es war für mich ein Markstein in meiner Dienstzeit.
Und ja, es war ein sehr interessanter Tag, bei der Entstehung des Podcasts mitwirken zu dürfen und sage Tschüss. Vielen Dank, dass Sie da waren. Unser Dank geht natürlich auch an den Toxikologen Dr. Martin Jübner, der uns zum Thema Blutalkoholpegel und seine Nachweisbarkeit für Strafverfahren aufgeklärt hat. Und ein besonderer Dank geht auch an unseren Kollegen Rüdiger Wellnitz für das Manuskript zu dieser Podcast-Folge. Und auch euch danken wir fürs Zuhören und für euer Interesse. In diesem Sinne bis zur nächsten Folge und bleibt sicher. Wie immer, die nächste Folge gibt's in zwei Wochen und alles Weitere zu dieser Folge findet ihr in den Shownotes. Bis bald. Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen ist eine Produktion der Securitel in Kooperation mit Bumfilm im Auftrag des ZDF.