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Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Mein Name ist Rudi Zerne. Und ich bin Conny Neumeyer. Schön, dass ihr wieder dabei seid.
Rudi, du hast mir ja im Vorfeld dieser Folge erzählt, dass ihr manchmal Fälle in der Sendung habt, bei denen die Polizei sich eigentlich schon sicher ist, wer der Täter oder die Täterin ist. Das wird aber nicht wirklich thematisiert. Das heißt, der Fall wird bei euch dann so präsentiert, als wäre erst mal noch komplett unklar, wer das Verbrechen begangen hat. Genau, das stimmt. Denn selbst wenn die Polizei weiß, wer es war, muss es natürlich immer auch gelingen, das zu beweisen. Und nicht immer gibt es genug Beweise. Dafür braucht es dann weitere Zeugen oder auch andere Hinweise. Und die versucht man dann über uns und unsere Sendung noch zu bekommen. Unser heutiger Fall ist jedenfalls ein ganz gutes Beispiel dafür. Es geht bei uns heute um das Verschwinden einer 39-jährigen Frau aus Schleswig-Holstein im Oktober 2017. Die Polizei geht damals sehr schnell davon aus, dass sie umgebracht wurde und sie hat schon bald den starken Verdacht, dass eine ganz bestimmte Person etwas damit zu tun haben könnte. Zu Gast bei uns im Studio heute Kriminalhauptkommissar Frank Hansen. Er ist stellvertretender Leiter der Mordkommission Lübeck und hat in dem Mordfall ermittelt. Hallo, herzlich willkommen Herr Hansen. Schönen guten Tag, ich freue mich, dass ich hier sein darf. Schön, dass Sie da sind. Herr Hansen, Sie waren bei den Ermittlungen von Anfang bis Ende dabei. Dazu werden wir gleich auch noch ausführlich sprechen, aber eine Frage vorweg. Wie oft hatten Sie schon den Fall, dass Sie sicher sind, Sie haben den Täter oder die Täterin vor sich sitzen, konnten bzw.
Können es aber nicht beweisen? Das ist ja eigentlich immer der Ausgangspunkt unserer Arbeit. Wir haben einen Tatverdacht, einen Anfangsverdacht, beginnen zu ermitteln und dann gibt es immer wieder das Problem, dass wir glauben zu wissen, unser Mann, unsere Frau war es und es fehlen einfach die sicheren Beweise. Das kommt regelmäßig vor. Beziffern mag ich das gar nicht. Wir haben für diese Folge auch mit dem Kriminaldirektor und Präventionsexperten Harald Schmidt gesprochen. Der arbeitet bei der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention. Und er hat uns erklärt, wie sich Opfer von Straftaten, wie eben die, über die wir jetzt gleich sprechen, besser schützen können. Und so viel können wir nämlich schon vorab sagen. Die Umstände dieses Mordes, die sind leider kein Einzelfall. Aber beginnen wir von vorne und gehen zurück in den Herbst 2017 in ein kleines Dorf in Schleswig-Holstein.
Yvonne Rieken, ihren Nachnamen haben wir geändert, ist 39 Jahre alt und wohnt in einem Dorf mit nur wenigen hundert Einwohnern. Das kleine Örtchen liegt etwa auf halber Strecke zwischen Hamburg und Lübeck. In ihre neue Wohnung ist Yvonne Rieken erst am 1. Oktober gezogen, vor weniger als vier Wochen. Vorher hat sie gemeinsam mit ihrem Ex-Freund in einer kleinen Ortschaft in der Nähe gewohnt. Von ihm hatte sie sich im Sommer nach mehr als vier Jahren Beziehung getrennt, nachdem sie herausgefunden hat, dass er sie über längere Zeit betrogen hatte. Aus einer früheren Beziehung hat Yvonne Rieken einen Sohn. Er ist 18 Jahre alt und wohnt inzwischen in Hamburg, wo er eine Ausbildung macht. Yvonne Rieken hat zwei Jobs. Sie arbeitet in einem Geschäft für Tiernahrung und auch an der Kasse einer Autobahnraststätte. Dort hatte sie auch ihren Ex-Freund kennengelernt. Eigentlich hatten die beiden vor, zusammen ein Wohnhaus samt angeschlossener Tankstelle zu kaufen und diese gemeinsam zu betreiben. Die notariellen Kaufverträge dafür waren bereits unterschrieben, dann kam die Trennung. Yvonne Rieken hatte für die fällige Grunderwerbsteuer sogar schon einen Kredit aufgenommen. Jetzt will die 39-Jährige von dem Geschäft natürlich zurücktreten. Sie ist inzwischen aber auch wieder neu verliebt. In Mario Funke. Auch seinen Namen haben wir geändert. Sie hat ihn über Bekannte bei einem Wochenendurlaub kennengelernt. Er wohnt in Berlin, die beiden schreiben sich täglich.
Neue Wohnung, neue Beziehung. Eigentlich läuft es für Yvonne Rieken nach schwierigen Monaten der Trennung gerade wieder richtig gut. Wenn da nur nicht dieser Kaufvertrag für das Wohnhaus inklusive Tankstelle wäre. Ihr Ex-Freund versichert ihr zwar, dass sie sich mit seinem Anwalt um die Angelegenheit kümmere und sie aus dem Geschäft aussteigen könne. Doch die Sache kommt seit längerem nicht voran. Das soll sich ändern. Es ist Mittwoch, der 25. Oktober 2017. Yvonne Rieken ist am Abend mit ihrem Ex-Freund verabredet. Es geht um Unterlagen, mit denen sie von dem Kauf entbunden werden könnte. Die 39-Jährige ist an diesem Tag schwer erkältet und fühlt sich nicht gut. Aber es hilft nichts. Sie will die Angelegenheit endlich abschließen. Kurz vor dem Treffen mit ihrem Ex bespricht sich Yvonne Rieken mit ihrem neuen Freund. Wir haben das Telefongespräch für die Spezialsendung Aktenzeichen XY gelöst, nachgestellt.
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Hallo, wie geht es denn in der Erkältung? Nicht viel besser. Es hat eine richtige Bronchitis. Klaus hat sich eben gemeldet. Er hat jetzt die Unterlagen vom Anwalt und hat gefragt, ob ich noch schnell vorbeikomme. Ja, zum Unterschreiben. Heute noch? Um die Zeit? Yvonne, was soll denn das? Du bist doch krank. Er hat wohl morgen früh einen Banktermin und bis dahin muss das alles irgendwie geregelt sein. Wochenlang hält er dich hin und jetzt macht er so einen Druck. Finde ich nicht gut. Ich will aus diesem Vertrag raus. Kannst du das verstehen? Ja, natürlich.
Also fährt Yvonne Rieken spätabends zu ihrem Exfreund. Sie hat ihren Hund dabei. Um 22.12 Uhr schickt sie eine letzte Nachricht an ihren Freund, in der sie schreibt, dass sie versuche, es kurz zu machen. Es ist das letzte Lebenszeichen von der 39-Jährigen. Am nächsten Morgen kann Mario Funke seine Partnerin nicht erreichen. Er sieht auch, dass die Nachrichten, die er ihr in der Nacht noch geschrieben hat, nicht gelesen wurden. Mario Funke macht sich große Sorgen. Am Nachmittag meldet er seine Freundin bei der Polizei als vermisst. Mit dem Hinweis, dass sie zuletzt zu ihrem Ex-Freund fahren wollte. Die Polizei sucht, zusammen mit der Feuerwehr, noch am Abend die Wohnung der Vermissten auf. Über ein Fenster im Obergeschoss betreten erst die Feuerwehrleute die Wohnung, dann sehen sich auch die Polizistinnen und Polizisten um. Auf den ersten Blick ist alles unauffällig. Einrichtung und Kleidung sind da, nur von Yvonne Rieken fehlt jede Spur.
Herr Hansen-Yvonne Rieken verschwindet in dieser Oktobernacht 2017 spurlos. Die Polizei sucht gleich nach der Vermisstenmeldung des Freundes nach ihr.
Das ist eher ungewöhnlich, oder? Immerhin war die Frau noch nicht mal 24 Stunden vermisst. Naja, es ist so, dass es bei vermissten Sachen eigentlich kein Normal gibt. Die Bearbeitung von vermissten Sachen ist immer ein Balanceakt. Wenn beispielsweise ein 15-Jähriger aus seiner Pflegefamilie zehnmal im Monat verschwindet, ist das für den Sachbearbeiter ein normaler Vorgang. Das wird abgearbeitet, der taucht irgendwann wieder auf. Wenn aber wie bei Yvonne Rieken eine Person ohne Ansatz, ohne erkennbare Gründe aus ihrem angestammten Lebensumfeld verschwindet, dann muss beim Ermittler eigentlich jede Alarmglocke läuten. Wie geht es denn dann weiter? Also in so einem Fall, was waren die ersten Maßnahmen Ihrer Kolleginnen und Kollegen? Es wurde zunächst mit dem persönlichen Umfeld von Frau Rieken gesprochen. Die Wohnung wurde aufgesucht, sie wurde durch die Feuerwehr geöffnet und man hat dort Nachschau gehalten, ohne jetzt irgendeinen Anhaltspunkt für ein Verbrechen zu finden. Durch die Erhebung von Verbindungsdaten zu dem Telefonanschluss von Frau Rieken konnten dann Standortdaten festgestellt werden, auf Grundlage dessen dann Suchmaßnahmen durchgeführt wurden.
Das heißt, es gab einen Hubschrauberüberflug über den Bereich, wo man das Handy von Frau Rieken vermutet hatte. Desgleichen wurden Suchmaßnahmen durch eine Hundertschaft durchgeführt. Sie müssen sich das so vorstellen, dass das ein sehr ländlicher Bereich ist mit Wiesen, Auen und Wäldern. Und dort wurde dann abgesucht, allerdings alles ohne Erfolg. Und Sie haben ja auch noch den Ex-Freund von Yvonne Rieken für eine Befragung zur Wohnung gebeten.
Das hat er dann auch gemacht. Er ist vorbeigekommen und Sie haben ihn befragt. Wir nennen ihn in dieser Folge übrigens Klaus W. Was hat Klaus W. Ausgesagt? Ja, das haben die Kollegen von der Vermisstensachbearbeitung am selben Tag noch veranlasst. Er erzählte den Kollegen eine Geschichte, die in den groben Zügen auch so stattgefunden haben dürfte.
Er sagte also, dass er mit Frau Rieken abends noch verabredet gewesen wäre, man hätte die Rückabwicklung des Kaufes besprechen wollen und den Verbleib von Möbelstücken, persönlichen Gegenständen von Yvonne Rieken, die sich noch in der Wohnung von ihrem Exfreund befunden hatten, klären wollen. Er berichtete dann weiter, dass Yvonne Rieken mit ihrem Auto gekommen wäre. Den Hund, den sie immer mitbringt, hätte sie im Auto gelassen. Sie war stark erkältet, hat ihre Jacke beim Betreten in der Wohnung gar nicht ausgezogen und dann habe man die Dinge geklärt, die zu klären waren. Und plötzlich sei ihr dann schlecht geworden und er hätte ihr vorgeschlagen, ich bringe dich nach Hause, dazu nutze ich deinen Wagen.
Du lässt bitte den Hund bei mir und am nächsten Morgen komme ich dann mit dem Hund und deinem Auto wieder zu dir nach Hause und du bringst mich dann zurück zu mir, weil ich dann einen Anschlusstermin habe. Diesen Vorschlag soll sie angenommen haben, sodass er sie dann tatsächlich zurückgefahren hätte und kurz vor Ortseingang habe sie dann gebeten, einmal aussteigen zu dürfen, weil sie die letzten Meter, das sind 180 Meter gewesen, hätte zu Fuß gehen wollen. Und dem habe er zugestimmt, sich nichts weiter dabei gedacht. Sie rausgelassen, das Fahrzeug gewendet und sei wieder weggefahren. Und das wäre der letzte Zeitpunkt gewesen, wo er sie gesehen haben will. Und gab es denn irgendwelche Belege für diese Geschichte? Die Kollegen waren im Anschluss auch nochmal am Wohnort des Klaus W., konnten da den Wagen der Yvonne Rieken feststellen, haben sich den einmal angesehen. Dort lagen noch Sachen von ihr drin, was aber nicht weiter betrachtet worden war. Dann hatten die Kollegen die Verbindungsdaten angefordert, die Verbindungsdaten von dem Handy der Yvonne Rieken.
Und daraus ergab sich die Bewegung ihres Handys erst in den Wohnort ihres Ex-Freundes, dann von dort wieder zurück. Und das bestätigte ja auch letztendlich seine Geschichte. Das ist natürlich kein Beleg dafür, dass Yvonne Rieken selbst auch dabei war und vor allem noch am Leben. Letztendlich ließ sich damit aber auch die Geschichte des Klaus W. nicht widerlegen. Das Handy selbst hat dann noch ungefähr zwei Tage gefunkt und ging dann aus über den Telefonanbieter, konnten wir dann nachvollziehen, dass der Akku leer gelaufen war. Alles aber immer am Standort ihrer Wohnung. Und die Kollegen haben selbstverständlich auch im Bereich der Wohnung, des Wohnortes nach diesem Handy gesucht, ohne das aber finden zu können. Nun, falls ihr euch fragt, wo ihr Hund abgeblieben war, also der war beim Ex-Freund geblieben und kam dann zu ihrem neuen Freund. Herr Hansen, die ganzen ersten Maßnahmen wurden ja von Ihren Kolleginnen und Kollegen der örtlichen Polizeidienststelle gemacht. Wann hatten Sie denn jetzt als Mordkommission das erste Mal mit dem Fall zu tun? Das war Montag, der 30.10., das war ein Brückentag. Wir waren nur dünn besetzt auf der Dienststelle, also ein Kollege und ich waren vor Ort und erhielten dann einen Anruf vom Leiter der benachbarten Dienststelle, der uns erzählte, wir möchten euch nur einmal vorwarnen, wir haben eine Vermissten-Sache, daran arbeiten wir, das wird nichts für euch sein.
Wir haben also keinen Anhaltspunkt von einem Verbrechen auszugehen. Wir treffen aber Maßnahmen, die ihr vielleicht mitbekommt und deswegen informieren wir euch vorab.
Und da haben wir selbst schon gespürt, dass das vielleicht doch eher was für uns werden wird. Ja klar, warum hatten Sie da so ein Bauchgefühl? Ja, das ist die berufliche Erfahrung, die man mitbringt. Wenn man den Sachverhalt geschildert bekommt und man erfährt, da ist eine Frau aus seinem Umfeld verschwunden, was überhaupt keinen Anlass für ein Ausreißen gibt, dann muss man eigentlich schon spüren, dass da irgendetwas nicht stimmt. Und letztendlich war es dann ja auch so, dass wir die Ermittlungen am 1. November übernommen haben. Da war Yvonne ja dann eine gute Woche schon verschwunden. Trotzdem nochmal die Nachfrage an der Stelle, hätte es denn nicht auch sein können, dass Yvonne Rieken freiwillig verschwunden ist? Ich denke da an den Fall zurück, den wir schon mal im Podcast hatten. Da ist jemand auch aus einem vermeintlich wahnsinnig stabilen Leben einfach von heute auf morgen verschwunden und dann stellte sich raus, das war alles freiwillig. Ja, das ist natürlich eine Hypothese, die wir dann auch bewegen bei unseren Ermittlungen. Aber wie ich gerade eben schon einmal sagte, gab es überhaupt keinen Anlass für Yvonne Rieken aus ihrem Lebensumfeld zu verschwinden. Sie hatte einen Sohn, um den sie sich immer noch kümmern musste, auch wenn der schon in Ausbildung und nicht mehr zu Hause wohnhaft war. Sie hatte zwei Jobs, die sie sehr gerne wahrgenommen hat. Sie hatte ihren Hund, den sie niemals zurücklassen würde. Dieser Hund war ein Geschenk ihres Großvaters, so berichteten uns das Zeuginnen. Und dann hatte sie ja auch ein komplett neu eingerichtetes Umfeld. Sie hat sich von ihrem Ex-Freund getrennt, sie hat sich eine neue Wohnung gesucht, die hat sie eingerichtet.
Bis kurz vor dem Verschwinden hat sie Bestellung getätigt für den anstehenden Fasching. All solche Dinge, die dann später zum Vorschein kamen, ließen uns einfach daran zweifeln, dass das ein freiwilliges Verschwinden war. Welche Theorie hatten Sie stattdessen jetzt zum Verbleib von Yvonne Rieken? Also hätte ihr auf dem kurzen Nachhauseweg von der Bushaltestelle etwas passieren können? Das ist eine Möglichkeit, die wir natürlich auch in Betracht gezogen haben. Das konnten wir aber sehr schnell verwerfen. Ein Unfallgeschehen wäre sofort aufgefallen. Das ist eine kleine Örtlichkeit. Es gibt eine Durchgangsstraße.
Theoretisch hätte es auch sein können, dass sie durch einen unbekannten Dritten verschleppt worden wäre. Aber auch das haben wir in unseren Überlegungen hinten angestellt. Wir gingen also nach Übernahme dieses Vorgangs nach einer Woche sehr schnell davon aus, dass Yvonne Rieken nicht mehr am Leben war. Der Mario Funke war relativ schnell raus aus dieser Überlegung. Der hatte ein Alibi, der war also nachweisbar in Berlin zum Zeitpunkt des Verschwindens. Und diesen Zeitpunkt konnten wir auch sehr eng eingrenzen. Da gab es also keine Zweifel. Und dann blieb letztendlich nur ihr Ex-Freund, der Klaus W. Und dazu muss man auch sagen, dass bei all diesen kriminalistischen Überlegungen und den vielen verschiedenen Möglichkeiten meist die naheliegendste auch die richtige ist. Der Klaus W., der Ex-Freund, der wurde dann ja auch von der Mordkommission befragt und das haben wir als Gespräch bei Aktenzeichen XY gelöst nachgestellt. Ich habe echt keine Ahnung, was da passiert sein könnte.
Wenn ich Yvonne doch nur nach Hause gefahren hätte, ich mache mir solche Vorwürfe. Wann haben Sie denn bemerkt, dass Yvonne weg war? Sie wollten ja doch am nächsten Morgen Ihr Auto zurückbringen. Ja, ich habe Sie angerufen und Ihnen eine SMS geschickt, aber da hat sie nicht darauf geantwortet. Das war schon merkwürdig. Und nachdem Sie Sie an der Bushaltestelle abgesetzt haben, sind Sie dann direkt nach Hause gefahren? Ja, aber ich habe einen kleinen Umweg gemacht über die A21 und die A1. Dann war ich kurz zu Hause und habe den Hund mitgenommen, spazieren gehen. Und wann waren Sie dann wieder zu Hause? Gar nicht. Ich habe mit dem Hund im Auto geschlafen. Das mache ich öfter so.
2017 leitete Emanuel Zatkowski die Mordkommission Lübeck. Er beurteilte die Aussagen von Klaus W. bei der Polizei in der Aktenzeichen XY gelöst. Spezialsendung, damals so. Der Mann hatte auf alles eine Antwort. Die Fahrtstrecke, die er uns nannte, entsprach den Standortdaten seines Handys. Aus unserer Erfahrung ist es so, wenn jemand zu gut auf eine Vernehmung vorbereitet ist, schnell auf jede Frage eine Antwort hat, ist das schon immer ein Grund zu zweifeln an der Richtigkeit seiner Aussage. Herr Hansen, Sie waren in diesem Fall für die Aktenführung zuständig und nicht selbst bei der Befragung von Klaus W. dabei. Aber Sie waren natürlich als Team im Austausch. Und Sie haben Klaus W. Die Geschichte, dass er Yvonne Rieken nachts zu der Bushaltestelle gefahren habe, nicht abgenommen. Nein, wir hielten das für erfunden und hatten den starken Verdacht, dass Klaus W. Für das Verschwinden von Yvonne Rieken verantwortlich war. Und zwar aus mehreren Gründen. Yvonne Rieken hatte sich im Streit von ihm getrennt. Wir wussten von ihrem neuen Freund, dass Klaus W. extrem eifersüchtig war. Er hatte nach der Trennung zum Beispiel ihr Fahrzeugverwand, ein Handy da reingelegt, um sie tracken zu können. Er hat sie damit verfolgt. So gab es einen Vorfall in Berlin, um sie dort dann auf einem Parkplatz zur Rede zu stellen. Das gipfelte letztendlich sogar an einem Polizeiansatz. Zu einem anderen Zeitpunkt hatte er versucht, ihr eine Spionagesoftware auf das Handy zu spielen, was dann allerdings aus verschiedenen Gründen nicht geklappt hatte. Aber dieses Bemühen hat er immer wieder an den Tag gelegt.
Und dann verschwindet sie plötzlich, nachdem sie einen Abend allein bei ihm zu Hause war. Es kamen natürlich noch viele andere Dinge hinzu. Als Beispiel sei erwähnt, dass Zeuginnen, Freunde von Yvonne Rieken uns berichteten, dass sie ihren Hund niemals über Nacht bei Klaus W. Gelassen hätte. Ganz egal, wie krank sie auch gewesen sein mag. Und sie haben ja dann auch schnell gehandelt. Bereits am 3. November 2017, neun Tage nach dem Verschwinden von Yvonne Rieken, wurde Klaus W. Vorläufig festgenommen und als Beschuldigter nochmals vernommen. Er blieb aber bei seiner Aussage, nicht? Ja, das war die erste offizielle Vernehmung mit ihm im Beschuldigtenstatus. Im Vorwege hat er ja den Kollegen von der vermissten Dienststelle berichtet, was er erlebt haben will. Nun wurde er vernommen. Er blieb bei dieser Geschichte und war in der gesamten Situation auch immer entspannt und stringent, zumindest nach außen. Er hat sich auch nicht aus der Ruhe bringen lassen, dass wir ihn ganz direkt eines Mordes beschuldigten. Das ist ja so die klassische Frage. Waren sie es, waren sie es nicht. Wir haben dann parallel zu seiner Vernehmung natürlich auch seine Wohnung durchsucht, sein Fahrzeug. Und dabei haben wir uns auch Blut- und Leichenspürhunden bedient. Und die haben dann auch angeschlagen, richtig? Ja, die Hunde haben im Auto von Klaus W. auf Blut angeschlagen.
Allerdings muss man da auch vorsichtig sein und sollte seine Erkenntnisse nicht allein davon abhängig machen. Natürlich war auch DNA im Fahrzeug. Das ist aber auch logisch, weil die beiden ja vier Jahre zusammen waren. Und auch Blut kann durch irgendwelche anderen Geschehnisse in so ein Fahrzeug gelangen. Wir konnten also bei den Durchsuchungen keine konkreten Beweise finden, dass Klaus W. Für das Verschwinden von Yvonne Rieken tatsächlich verantwortlich war. Und die Staatsanwaltschaft sagte dann auch, dass die Indizien nicht ausreichen würden, um Klaus W. Als dringend tatverdächtig in Untersuchungshaft zu nehmen. Und dann haben wir ihn wieder entlassen, was im Nachhinein für uns ein Glück war. Wieso war das ein Vorteil für Sie? Erzählen Sie mal. Naja, die Untersuchungshaft ist immer zeitlich begrenzt. Nach Beginn der Untersuchungshaft haben wir so einen sechsmonatigen Zeitraum maximal, um die Ermittlungen abzuschließen und eine Anklage zu fertigen. Und diese Zeit hätte uns nicht gereicht. Uns fehlte die Leiche und wir hatten wenig Beweise. Und dadurch, dass wir nun nicht an diese Sechsmonatsfrist gebunden waren, konnten wir uns in den Ermittlungen Zeit lassen. Wir konnten ja diesen zeitlichen Rahmen einfach ausschöpfen. Ansonsten hätte auch die Anklage auf wackeligen Füßen gestanden.
Die Kripo Lübeck ist sich zu diesem Zeitpunkt sicher. Klaus W. Hat Yvonne Rieken umgebracht. Aber sie können es nicht beweisen. Noch nicht. Deshalb fokussiert die Polizei ihre Arbeit jetzt erstmal ausschließlich auf ihn. Klaus W. ist Handwerker. Anfang der 2000er zieht er mit seiner damaligen Freundin nach Schleswig-Holstein. Er arbeitet in einem Callcenter und anfangs nur als Aushilfe in einer Tankstelle an der Autobahn. Dort wird er dann aber fest angestellt und nach ein paar Jahren sogar Leiter der Tankstelle. Später macht sich Klaus W. dann selbstständig und übernimmt eine andere Tankstelle. Man kann Klaus W. als Machertyp beschreiben, fleißig und umtriebig. Charakterlich präsentiert er sich der Polizei gegenüber nicht unsympathisch. Jemand, mit dem man sich gut vorstellen kann, ein Bier trinken zu gehen.
Aber das war eben nur eine Seite. Es gibt aber auch die andere Seite. Und die zeigt Klaus W. vor allem gegenüber seinen Partnerinnen. Er kontrolliert, stalkt, schüchtert ein und schreckt auch vor körperliche Gewalt nicht zurück. Von der Überwachung von Yvonne Riekens Handy haben wir ja schon gehört. In dieser Zeit, während der Beziehung, kommt es auch zu einem Streit in der gemeinsamen Wohnung, bei dem Klaus W. Der 39-Jährigen das Handy wegnimmt und sie zeitweise im Schlafzimmer einsperrt. Yvonne Rieken schreit nach ihrem Sohn, fordert ihn auf, die Polizei zu rufen. Sie kann sich dann aber doch selbst aus der Situation befreien. Allerdings schubst Klaus W. sie beim Verlassen des Zimmers gegen einen Kleiderschrank. Yvonne Rieken hat nach dem Vorfall mehrere blaue Flecken, so erzählt es ihr Sohn später der Polizei. Klaus W. lässt außerdem nichts unversucht, Yvonne Riekens neue Beziehung zu sabotieren. Er behauptet, dass er Mario Funke, Yvonnes aktuellen Freund, beauftragt habe, sich ihr an einem Urlaubswochenende zu nähern, um zu sehen, ob sie darauf anspringen würde. Diese Geschichte versucht er mit Nachrichten aus einem gefälschten Facebook-Profil zu belegen. Yvonne Rieken glaubt ihm aber nicht. Klaus W. Lügt daraufhin noch skrupelloser und gibt vor, ein Sexvideo von Yvonne Rieken zu haben, das Mario Funke heimlich aufgenommen habe. Als die 39-Jährige das Video sehen will, kommt es wieder zum Streit im Haus, bei dem sie die Treppe hinunterfällt.
In einem letzten Akt der Verzweiflung macht Klaus W. Seiner Ex-Freundin im September 2017 sogar noch einen Heiratsantrag, um sie zurückzugewinnen. Aber Yvonne Rieken lehnt diesen ab. Spätere Aussagen von Ex-Partnerinnen zeigen, dass sein Verhalten gegenüber Yvonne Rieken kein Einzelfall war. Eine Ex-Freundin berichtet z.B., dass sie mit Klaus W. zusammen im Urlaub in Tunesien war. Dort sagte sie ihm, dass sie die Beziehung beenden will. Daraufhin nahm Klaus W. Ihr den Reisepass ab, sperrte sie zeitweise im Hotelzimmer ein und zerriss vor ihren Augen das Rückreiseticket. Dabei handelte es sich zwar nur um eine Kopie, aber die Frau hatte Angst, dass sie nicht mehr nach Deutschland zurückreisen kann. Danach reiste sie sehr lange nicht mehr ins Ausland. Eine andere Ex-Freundin erzählt der Polizei, dass Klaus W. Sie einschüchterte, indem er bei einer gemeinsamen Autofahrt mit 160 kmh durch Ortschaften gerast sei. Später habe er sie bei einem Streit an den Haaren gezogen, aufs Sofa geworfen und sich auf ihr Gesicht gesetzt, um ihr die Luft abzudrücken. Klaus W. ließ erst von ihr ab, als seine Mutter, die im selben Haus wohnte, dazwischen ging. Die Zeugin flüchtete nach diesem Vorfall ins Frauenhaus. Dort drohte Klaus Weder mit ihren Hund, den sie bei ihm zurückgelassen hatte, mit Bauschaum auszusprühen.
Herr Hansen, Klaus W. war in seinen Beziehungen häufig übergriffig bis gewalttätig. Wegen dieses Musters war er in Ihren Augen ja auch für das Verschwinden von Yvonne Rieken verantwortlich. Sie mussten ihm das aber eben auch beweisen können. Deshalb haben Sie ihn nach der vorläufigen Festnahme observiert. Wie lief das ab? Ja, Details dazu kann ich natürlich aus nachvollziehbaren Gründen nicht nennen. Aber wir haben ihn dann über einen längeren Zeitraum beobachtet, um zu sehen, wo er sich hinbegibt, wo er langfährt. Unsere große Hoffnung war natürlich, dass er nochmal zu dem Leichenversteck Yvonne Riekens fährt. Diesen Gefallen hat er uns aber leider nicht getan. Glauben Sie denn, dass er gemerkt hat, dass er beobachtet wurde? Während dieser Maßnahmen nicht. Da gab es also keinen Anhaltspunkt für. Im Nachhinein hatte er mir irgendwann später berichtet, dass er diese Sorge durchaus hatte.
Sein Verhalten war auffällig. Er fuhr mit dem Auto herum, kam von der Arbeit, stellte sich auf irgendeinen Rastplatz und schlief dann dort. Zwei, drei Stunden, um dann wieder loszufahren. Und er sagte dazu, dass er das irgendwann unterlassen hätte, weil er das Gefühl hatte, ständig kontrolliert zu werden durch die Polizei. Und das wiederum führte er auf unsere Ermittlung zurück. Sie haben es jetzt gerade schon angedeutet. Sie haben bei den Observierungen von Klaus W. Etwas beobachtet. Und zwar, er hat immer seltener zu Hause geschlafen. Richtig. Uns berichtet er, dass er es schon immer so gemacht hat. Das war so seine Art. Unsere Beobachtungen haben aber auch gezeigt, dass er insgesamt sich sehr schwer tat, überhaupt Schlaf zu finden.
Oft klappte das nur wenige Stunden. Das ist das, was ich gerade berichtete. Er hielt auf einem Parkplatz an, hielt sich da zwei, drei Stunden auf, fuhr dann weiter. Im Laufe der Monate, in denen wir ermittelt haben, merkte man ihm die Erschöpfung tatsächlich an. Könnte man sowas denn dann als Indiz werten? Also gehen wir jetzt mal davon aus, dass Klaus W. Yvonne Rieken bei sich zu Hause umgebracht hat. Hält er es dort nicht mehr aus, weil ihn die Tat dort in irgendeiner Form verfolgt? Er kommt nicht mehr zur Ruhe, weil er seine eigene Tat nicht verarbeiten kann? Ja, man kann da natürlich viel reininterpretieren. Aber ein wirklich belastbares Indiz ist das nicht. Eher eine interessante Beobachtung. Mit steigender Erschöpfung steigt natürlich auch die Chance, dass jemand einen Fehler macht. Wobei man sagen muss, dass Klaus W. an seinen sonstigen Abläufen nach dem Verschwinden von Yvonne Rieken kaum etwas geändert hat. Die Übernachtung im Auto war nichts ganz Neues. Ein wirklicher Beweis wäre es ja gewesen, wenn sie die Leiche von Yvonne Rieken gefunden hätten und sich daraus einen Zusammenhang mit Klaus W. ergeben hätte. Wie gingen Ihre Suchmaßnahmen nach der Leiche voran? Also insgesamt zog sich diese Suche über Monate. Wir haben aufgrund unserer Ermittlungsergebnisse immer wieder an neuen Orten gesucht. Beispielsweise, weil wir aufgrund der Autofahrten von Klaus W. Neue Verstecke vermutet haben. Das mögen Autobahnraststätten gewesen sein, ehemalige Parkplätze an Landstraßen, Waldstücke, die auf seinem Fahrtweg lagen. All das haben wir über Monate immer wieder durchsucht, mit Hunden, mit Einsatzhundertschaften. Wir haben die Bewegung durch die Funktionen-Daten seines Handys analysiert.
In den Wochen nach dem Verschwinden von Yvonne Rieken haben wir natürlich das ganze Gebiet intensiv rund um den Wohnort abgesucht. Das Gebiet war aber letztendlich über 100 Quadratkilometer groß. Das war die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Im Winter 2017 hatten wir zum Beispiel auch einen nahegelegenen Fluss abgesucht. Letztendlich blieben alle diese Maßnahmen erfolglos. Ja, und nicht nur die Leiche von Yvonne Rieken, die blieb verschwunden. Sie konnten ja auch ihr Handy nicht finden. Zumindest bis zum Januar 2018, also drei Monate nach ihrem Verschwinden. Da ist das Handy dann plötzlich buchstäblich aus dem Nichts wieder aufgetaucht und zwar an der Bushaltestelle, an der Klaus W. Yvonne Rieken angeblich aus dem Auto gelassen hat und sie angeblich nach Hause laufen wollte von dort. Ja, dieser Fund war wirklich kurios. Wir hatten das Gebiet natürlich lückenlos abgesucht mit Technik. Wir hatten Knicks dort auf Null runtermähen lassen, waren mit Sonden unterwegs. Wir konnten also gesichert sagen, im Winter 2017 lag dieses Gerät nicht dort. Und nun meldet sich Mario Funke, der neue Freund von Yvonne Rieken und sagt, ich habe dieses Handy an der Bushaltestelle gefunden, da wo Yvonne rausgelassen worden sein soll.
Jetzt kann man sagen, gut, was macht der wieder im Wohnort von Yvonne Rieken, da er ja eigentlich in Berlin wohnt, aber der nutzte diese Besuche dort vor Ort immer noch, um die ganze Sache für sich zu verarbeiten. War auch immer wieder in der Wohnung und inzwischen hatte Mario auch den Hund seiner Freundin übernommen. Und an diesem Tag ist er einfach mit dem Hund Gassi gegangen durch den Wohnort und beim Spazierengehen fand letztendlich der Hund dieses Handy. Ist das jetzt nicht merkwürdig, dass ausgerechnet der neue Freund das Handy genau an der Stelle findet? Klingt auf irgendeine Art doch auch verdächtig.
Kam Mario Funke für Sie denn auch als Täter in Betracht? Naja, zumindest kam uns allen auch das verdächtig vor. Das ist ganz klar. Wir haben dann auch nochmals ein Alibi überprüft. Das führte aber zu gar nichts. Es gab keine Anhaltspunkte, dass er irgendwas mit dem Verschwinden zu tun haben könnte.
Trotzdem war das Handy natürlich für uns kurios. Wir hatten zwischenzeitlich den Verdacht, dass Klaus W. Das Handy so gut versteckt hatte, dass wir es nicht finden konnten und dass er es später absichtlich an dieser Stelle, an dieser Bushaltestelle platziert hat, um irgendwas damit zu suggerieren. Aber es gab natürlich auch noch eine andere Erklärung. Was war das für eine Theorie? Ich habe letztendlich geglaubt, dass irgendjemand aus dem Dorf, ein Teenager, ein Jugendlicher, das Handy gefunden hatte und sich dachte, cool, das nehme ich mal mit. Und dann letztendlich durch unsere Öffentlichkeitsfahndung merkte, dass das ein wichtiges Beweismittel ist und im Zusammenhang mit einem Mord steht und es dann irgendwann dort wieder hingelegt hat, um es loszuwerden. In der Hoffnung, wir finden das. Haben Sie denn dann auf dem Handy irgendwelche relevanten Daten sichern können? Nein, leider nicht. Nachdem Yvonne sich von Klaus W. getrennt hatte, hat sie ihren PIN geändert. Den konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Und das Gerät ging dann zu unseren Technikern, zu unserer IT und lag dann auch tatsächlich über den gesamten Zeitraum unserer Ermittlung dort, um es zu entschlüsseln. Das funktionierte bis zum Ende des Verfahrens nicht. Wir wissen also nicht.
Welche Inhalte dieses Handy uns geboten hätte. Was tatsächlich auf diesem Handy ist, daran kamen Sie bis heute nicht ran. Allerdings haben Sie auch an der Außenseite des Geräts einen weiteren Anhaltspunkt gefunden. Was war das für einer? Wir haben natürlich nach jedem Strohhalm gegriffen. Und in der Annahme, dass Klaus W. Dieses Handy im Besitz hatte, bis zu dem Zeitpunkt, wo er es vielleicht wieder an die Bushaltstelle gelegt hatte, haben wir das untersuchen lassen und feststellen können, dass es eine kleine Lackspur daran gab. Dieser Lack wurde identifiziert als ein Lack, der für Heizungsanstriche Verhändung fand. Und weil wir wussten, dass Klaus W. zusammen mit einer Freundin eine weitere Tankstelle renovierte, sanierte und aufbaute, war die Annahme, dass er dort vielleicht das Handy versteckt hatte. Das veranlasste uns dann wieder zu einer recht umfangreichen Spurensicherungsmaßnahme an dieser Tankstelle. Wir haben dort also jedweden lackierten Gegenstand uns angesehen, Proben entnommen, das abgeglichen, aber auch das war negativ. Das wäre im Übrigen auch nur ein weiteres Indiz gewesen. Herr Hansen, Sie haben Klaus W. auch in der Zeit danach beobachtet und weiter ermittelt. Es fehlte aber weiterhin ein Durchbruch. Ein knappes Jahr nach dem Verschwinden von Yvonne Rieken waren sie dann im September 2018 bei mir in der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst zu Gast.
Was hatten sie sich von dem Auftritt damals in der Sendung versprochen? Wir hatten zu dem Zeitpunkt eine Menge Indizien gegen Klaus W. Zum Beispiel die Tatsache, dass er Yvonne Rieken als letztes gesehen hatte und dass wir sein gewalttätiges Verhalten in der Vergangenheit belegen konnten. Aber es gab eben keine Leiche, auch keine eindeutigen Beweise. Unsere Hoffnung war gar nicht in erster Linie, dass wir durch die Sendung den entscheidenden Hinweis bekommen hätten. Wir hatten gedacht, dass wir mit dem Auftritt vielleicht eine Reaktion bei Klaus W. hervorrufen könnten.
Dafür haben wir ihn in der Zeit rund um die TV-Sendung nochmal besonders intensiv beobachtet, um zu schauen, ob er nicht doch nochmal zum Versteckte Leiche fährt. Wir haben ja schon über seine Schlaflosigkeit und Abgekämpftheit gesprochen und wir dachten, dass er mit mehr öffentlichem Druck vielleicht einen Fehler machen wird. Also es ging Ihnen darum, Druck auf den Verdächtigen auszuüben, aber es gab natürlich trotzdem die Chance, dass sich durch die Sendung vielleicht auch noch ein Zeuge oder eine Zeugin mit einem entscheidenden Hinweis meldet. Kam der denn dann vielleicht auch? Ja, erstaunlicherweise ja. Obwohl wir es nicht zu hoffen gewagt hatten, meldete sich nach der Sendung tatsächlich ein Zeuge mit einem sehr entscheidenden Hinweis für uns. Dieser Zeuge gab an, dass er in der Nacht von Yvonne Riekens Verschwinden zur fraglichen Uhrzeit durch den Wohnort gefahren war. Der Zeuge kam zu dem Zeitpunkt von seiner Arbeitsstelle und dabei sah er auf Höhe des Ortseingangs ein Auto, das ihn blendete. Er fuhr dort über so eine Kuppe auf der Landstraße und ärgerte sich dann darüber, dass dieser Typ dort mit eingeschaltetem Fernlicht stand. Er fuhr dann relativ langsam an dieser Stelle vorbei und konnte einen Mann im Auto erkennen und zwar Klaus W., der auch nach seiner Aussage, also der Aussage des Zeugen, allein im Fahrzeug war. Und von den zeitlichen Abläufen her hätte der Zeuge Yvonne Rieken sehen müssen, wenn sie in der Nacht dort gewesen wäre. Warum hat sich der Zeuge nicht schon viel früher gemeldet? Naja, uns gegenüber hat er gesagt, er hatte zu dem damaligen Zeitpunkt persönliche Probleme, einen Trauerfall in der Familie und einfach nicht den Kopf dafür. Und nach Ausstrahlung dieser Sendung habe ihm dann seine Freundin gesagt, Mensch, du musst dich da bei der Polizei melden.
Im Nachhinein kann ich ihm deswegen auch gar nicht böse sein, weil er ein wirklich sehr guter Zeuge war.
Und auch mit diesem zeitlichen Abstand uns deutlich weiterhelfen konnte in der ganzen Ermittlung. Er kannte zwar Klaus wenig persönlich, aber durch die damalige Öffentlichkeitsfahndung war der Name schon bekannt und er hat sich den einfach ergoogelt und durch ein Facebook-Profil konnte er ihn dann auch als diejenige Person identifizieren, die er da im Auto gesehen haben will. Dieser Abend, von dem wir sprechen, der lag zu dem Zeitpunkt ja schon fast ein Jahr zurück und es war mitten in der Nacht, also dunkel.
Wie konnten Sie sich jetzt sicher sein, dass es Klaus W. war, den der Zeuge da gesehen hat? Wir haben die Situation ganz genau ein Jahr später nachgestellt. Wir hatten das Auto von Yvonne Rieken, wir hatten ihre Jacke, wir hatten dann eine Kulisse aus Schauspielern. Letztendlich waren es Kollegen, die dem Klaus W. sehr ähnlich sahen, die die gleiche Statur wie Yvonne Rieken hatten. Und mit all dem stellten wir dann die Situation vor Ort zur gleichen Uhrzeit nach. und dann konnte man sehr schnell erkennen, dass selbst bei ausgeschaltetem Innenraumlicht im Fahrzeug die Person zu erkennen war. Und aus dem Diesen Ergebnissen dieser Nachstellung konnte man sehen, dass der Zeuge tatsächlich in der Lage war, die Situation so zu beobachten, wie er sie uns geschildert hat. Das ist jetzt aber dann doch schon mehr als nur ein Indiz, oder? Also vor allem, wenn der Zeuge auch noch klar aussagt, das war der Klaus W. Am Steuer, da war keine Yvonne Rieken nebendran, weder neben ihm noch auf dem Weg nach Hause. Ja, das ist eine wichtige Zeugenaussage und sie bestätigt unsere Theorie. Nämlich, dass Yvonne Rieken zu diesem Zeitpunkt bereits tot war und Klaus W. In dieser Nacht nur mit dem Handy des Opfers zur besagten Bushaltestelle gefahren war, um sich seine Geschichte zurechtzulegen.
Die Polizei ist sich ziemlich sicher, dass die Zeugenaussage nach der Aktenzeichensendung zusammen mit den Indizien und dem Motiv von Klaus W. Für einen Prozess reichen würden. Auch ohne Leiche. Doch als die Ermittler zusammen mit der Staatsanwaltschaft gerade dabei sind, die Anklage vorzubereiten, passiert das völlig Unerwartete. Es ist der 25. April 2019. Ein Landwirt und sein Sohn sind auf ihrer Koppel unterwegs, um einen kaputten Zaun zu reparieren. Die Koppel liegt an einer Böschung gleich neben der A1, ungefähr 20 Autominuten südlich von Yvonne Riekens Wohnort. Während sie ihrer Arbeit nachgehen, machen die beiden eine grausame Entdeckung. In einer Böschung tief im Gehölz entdecken Sie eine Leiche, eingewickelt in Plastiksäcke, daneben eine blaue Jacke. Die Leiche liegt an einer Stelle, die normalerweise von Wasser bedeckt und nur selten zugänglich ist. Sofort alarmieren die beiden die Polizei, die kurz darauf eintrifft.
Herr Hansen, waren Sie sich gleich sicher, dass es sich hier um Yvonne Rieken handelt? Also ich wollte meine Euphorie erst dämpfen in diesem Moment. Aber als wir dann vor Ort waren, konnte allein ich sie schon anhand der Kleidung identifizieren. Gewissheit hat dann aber erst die Obduktion gebracht. Ja, und die blaue Jacke, die ja neben Yvonne Rieken gefunden wurde, die wird ja dann zu einem ganz wichtigen Beweisstück, weil man an ihr die DNA von ihrem Ex-Freund Klaus W. Sichergestellt hat. Ja, und nicht nur das. Außerdem fanden wir in der Jackentasche ein Bonbonpapier. Die Chargenummer in diesem Papier zeigte, dass dieser Bonbon weit nach dem Verschwinden von Yvonne Rieken produziert wurde. Das bedeutete, dass Klaus W. also später nochmal an den Ablageort gegangen sein muss. Vielleicht um die Leiche an einen anderen Ort zu bringen, weil er Angst hatte, man könnte sie von der Autobahn aus sehen. Aber dafür war sie dann wohl schon zu verwest. Warum hat er denn seine Jacke überhaupt dort zurückgelassen? Ich glaube, ganz unabhängig davon, was er später erzählt hat, dass er sich einfach beim Umlagern der Leiche beschmutzt hat und festgestellt hat, die Jacke kann ich so nicht mehr mitnehmen und sie dann einfach dort liegen gelassen hat. Die Auffindesituation sprach dafür, dass Yvonne Rieken nicht dort ermordet wurde.
Konnte denn bei der Obduktion noch die Todesursache festgestellt werden? Nein, die Leiche war bei ihrem Fund schon so stark skelettiert, dass die Rechtsmedizin keine genaue Todesursache mehr feststellen konnte. Somit gab es auch keine Spuren, die auf einen Tathergang schließen lassen konnten. Aber die Plastiksäcke lassen sich der Tankstelle von Klaus W. zuordnen. Die Indizien und Beweise gegen ihn sind jetzt erdrückend. Am 30. April 2019, fünf Tage nachdem die Leiche von Yvonne Rieken gefunden wurde und knapp eineinhalb Jahre nach ihrem Verschwinden, wird Klaus W. verhaftet. Auf die Frage, wie er Yvonne Rieken umgebracht hat, schweigt er zunächst.
Wir haben es hier mit einem leider sehr klassischen Mordfall zu tun. Der Ex-Freund tötet Ex-Frau oder Ex-Freundin, weil er die Trennung nicht akzeptieren kann. Das nennt man Intimizid oder Femizid und wir haben im Vorfeld dieser Folge mit Kriminaldirektor und Präventionsexperte Harald Schmidt gesprochen. Er arbeitet bei der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention und diese Stiftung, die arbeitet mit der Politik und der Polizei zusammen und soll helfen, Opfer besser vor Gewalt zu schützen. Jeden zweiten Tag kommt es in Deutschland zu einem Intimizid, also zu einer Tötung durch den Intimpartner. In 80 Prozent sind die Opfer Frauen, sagt Schmidt. 2023 wurden außerdem 170.000 Frauen Opfer von häuslicher Gewalt. Und das sind nur die bekannten Fälle. Die wahre Zahl dürfte laut Schmidt deutlich höher liegen. Es ist ein erhebliches Dunkelfeld, weil wir eben auch wissen, dass es häufig schambehaftet ist, dass sich die Opfer nicht trauen, entsprechend Hilfe zu holen und dass wir ein Stück weit dann hier auch alleingelassen sind. Der Gang dann zur Polizei, der ist ein Stück weit für viele mit einer Hürde versehen.
Und deswegen ist es wichtig, dass man hier dann aber auch sich niedrigschwelliger Hilfe holt. Und da ist dann beispielsweise eben das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, die 116 016 rund um die Uhr, die eben das in verschiedenen Sprachen anbietet, eine sehr gute Möglichkeit. Harald Schmidt sagt, dass Übergriffigkeit in Beziehungen nicht erst mit körperlicher Gewalt anfängt. Letztendlich ist es wichtig, sich in der Beziehung schon im Vorfeld einfach gewisse Dinge nicht gefallen zu lassen. Sondern einfach Übergriffigkeiten, Kontrolle, das heißt auf das Handy des anderen draufschauen, dann einfach dazu sehr dominantes Verhalten. Das sind alles Dinge, die im Vorfeld auch schon von körperlicher Gewalt stattfinden und wo es ganz klar eben Grenzen zu ziehen gilt. Und wenn wir uns dann im Bereich der körperlichen Gewalt bewegen, dann ist es ganz klar, dann sind.
Dann sollten die Warnsignale letztendlich deutlich bei ihnen sein und dann sollten sie sich immer dann, wenn es um eine akute Bedrohung geht, über den Polizeinotruf, die 110, an die Polizei wenden, die sie dann eben entsprechend auch schützen kann. Und dann im Anschluss sollten sie die Tat auch entsprechend zur Anzeige bringen. Die große Schwierigkeit bei Gewalt in Partnerschaften ist, laut Harald Schmidt, überhaupt erstmal zu erkennen, dass man in einer bedrohlichen Situation ist. Letztendlich ist die Wahrnehmung für jeden Einzelnen sehr individuell. Aber man muss eben für sich erkennen, ab wann ist für mich eine Partnerschaft nicht mehr gesund und belastet mich. Und das kann ja auch im Vorfeld von schon körperlichen Auseinandersetzungen sein, weil es gibt ja hier auch dann eben einfach psychischen Stress, psychische Gewalt, die der Partner ausübt, dass er einen kontrolliert, dass er einfach rasend eifersüchtig ist, dass er einen absondert vom Freundeskreis, vom Rest der Familie.
Und da muss man ein Stück weit halt für sich erkennen, wann fühle ich mich damit nicht mehr wohl und wann bin ich dann bereit, Hilfe anzunehmen. Beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen gibt es die Möglichkeit, sich niederschwellig mit Expertinnen auszutauschen. Da kann man anonym über die eigene Situation sprechen und bekommt einen Blick von außen. Wir haben euch die Infos dazu, wie ihr dieses Hilfetelefon erreicht, nochmal in die Shownotes gepackt. Die Mitarbeiterinnen, die zeigen euch auch Möglichkeiten auf, was man konkret tun kann. Also da können sie nur gewinnen, wenn sie da anrufen und deswegen, glaube ich, ist es gar nicht so entscheidend für sich zu akzeptieren, ich bin hier Opfer von etwas, sondern ich fühle mich mit einer Situation nicht mehr wohl und diese möchte ich jetzt mal durch eine neutrale Stelle beleuchtet und betrachtet haben. Jede Art von Gewalt, auch partnerschaftliche Gewalt, ist schlimm. Im schlimmsten Fall führt es eben zu Tötungsdelikten. Präventionsexperte Harald Schmidt gibt einen wichtigen Ratschlag, was man besser nicht tun sollte, wenn man es schon geschafft hat, sich aus der Gewaltspirale zu befreien. Ganz wichtig ist, dass wenn ich mich entsprechend getrennt habe von meinem Partner, dass ich das dann auch konsequent aufrechterhalte.
Aktuellere Studien zeigen auch, dass häufig dann Stalking-Verhalten des Ex-Partners vorausgeht. Und wenn das stattfindet, dann gilt es hier ganz konsequent, die Polizei zu verständigen, die Dinge anzuzeigen und dann aber eben auch vorsichtig zu sein zur berühmten letzten Aussprache. Also es mag viele letzte Aussprachen geben, wo auch danach eine Partnerschaft nochmal eine Chance bekommen hat. Aber es gibt eben auch Femizide, die dann teils geplant, teils dann spontan im Rahmen einer letzten Aussprache erfolgt sind. Wenn man zwingend nochmal Kontakt braucht, dann ist Harald Schmitzrath, den Ex-Partner oder die Ex-Partnerin auf keinen Fall allein zu treffen, sondern immer eine Begleitung dabei zu haben und sich an öffentlichen Orten zu verabreden.
Ja, Herr Hansen, Kriminaldirektor Harald Schmidt warnt Frauen, allein zu einer sogenannten letzten Aussprache zu gehen. Bei Yvonne Reken war es ja so ähnlich. Sie wollte mit dem Ausstieg aus dem Immobilienkauf endlich einen Schlussstrich unter die Beziehung setzen und dieses Gespräch wurde ihr zum Verhängnis. Ja, wir haben ja darüber gesprochen, wie sich dieses übergriffige bis gewalttätige Verhalten des Täters durch viele seiner Beziehungen gezogen hat. Von daher kann man Opfer von häuslicher und partnerschaftlicher Gewalt nur ermutigen, solche Vorfälle konsequent bei der Polizei zu melden, damit diese Täter so früh wie möglich gestoppt werden. Ja, und dieser Appell geht sicher nicht nur an die Opfer selbst, die in einer besonders schwierigen Situation sind, sondern auch an das Umfeld. An Freundinnen und Freunde, an Familie, Nachbarn, die den berechtigten Verdacht haben, in manchen Fällen vielleicht, dass da Gewalt ausgeübt wird. Auch da sollte man einschreiten und darf nicht wegschauen. Herr Hansen, der Täter Klaus W. ging bei der Tötung von Yvonne Rieken ja erkennbar geplant vor. Woran machen Sie das fest? Klaus W. hatte die Tat geplant, das bestätigen unsere Mittlung ganz klar. Der Ablageort der Leiche im Gehölz ist so gut versteckt, dass man dort nicht zufällig vorbeikommt.
Sondern den hatte Klaus W. gezielt ausgewählt. Wie unsere Funkzellenauswertung gezeigt hatte, ist er kurz vor der Tat nochmals dorthin gefahren. Er stellte sein Auto auf einem Parkplatz in der Nähe ab. Er wollte sich wahrscheinlich vergewissern, dass er sein Vorhaben durchziehen und die Leiche später an dieser Böschung ablegen könnte. Er hat sie dann auch unter dem Vorwand, vertragliche Papiere zur Entbindung des Hauskaufs zu unterschreiben, zu sich gelockt. Dieses Treffen wurde von ihm immer wieder hinausgezögert, bis er dann letztendlich an diesem Abend zugestimmt hatte, nachdem er sich über den Tag immer wieder entschuldigte bei ihr, dass das jetzt noch nicht geht. Und ohne diesen Grund, diese Rückabwicklung des Haus Kaus, wäre Yvonne Rieken niemals zu ihm gefahren. Nicht so, wie sie sich an diesem Abend fühlte. In unseren Ermittlungen fanden wir jedoch heraus, dass es diese Papiere nie gegeben hatte. Ein Vorwand. Konnten Sie denn rekonstruieren, was stattdessen im Haus von Klaus W. genau passiert ist? Nein, leider nicht. Wie ich ja schon erwähnte, war die Leiche komplett skelettiert. Und der Ex-Freund selbst hat ja dazu zunächst keine Aussage gemacht.
Aber das soll sich bald ändern. Im Oktober 2019 beginnt der Prozess gegen Klaus W. am Landgericht Lübeck. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt davon, dass W. seine Ex-Freundin ermordet hat. Er konnte es nicht verkraften, dass sie sich von ihm getrennt hatte. Deshalb fordert der Staatsanwalt lebenslang. Am zweiten Prozestag macht Klaus W. dann schließlich doch eine Aussage. Er gesteht die Tötung seiner Ex-Freundin. Aber er behauptet, die Tat sei nicht geplant gewesen.
Als er Yvonne Rieken an der Bushaltestelle absetzen wollte, sei es zu einem Streit gekommen.
Dabei habe sie ihn verhöhnt, ihm nicht geglaubt, dass er sich ändern wolle, ihn sogar beleidigt. Da sei ihm eine Sicherung durchgebrannt und er habe sie erwürgt. Weiter sagte aus, dass er danach panisch und ziellos mit dem Auto herumgefahren sei, seine tote Ex-Freundin neben ihm auf dem Beifahrersitz. Ihr Handy habe er in hohem Bogen aus dem Fenster geworfen. Schließlich habe er in einem Waldgebiet gehalten und dort Yvonnes toten Körper in zwei Plastiksäcke verpackt, die er zufällig im Kofferraum gehabt habe. Dann habe er die Leiche am späteren Fundort abgelegt. Aber diese Version glaubt ihm die Staatsanwaltschaft nicht und geht vielmehr davon aus, dass Klaus W. seine Tat geplant hat. Dafür sprechen unter anderem seine Handydaten. Bereits vor der Tat war er am Fundort der Leiche gewesen. Vermutlich, um die Umgebung auszukundschaften. Und die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Klaus W. Yvonne Rieken schon zu Hause getötet hat. Dann brachte er ihre Leiche über die Terrasse ins Auto von Yvonne Rieken, damit die Überwachungskamera des Nachbarn ihn nicht beim Entsorgen der Leiche aufnehmen konnte. Um vorzutäuschen, dass sie nach Hause zurückgekehrt sei, fuhr er zunächst zu ihr, um ihr Handy in der Nähe ihres Wohnhauses zu deponieren und sich mit den Funkzellendaten seines Handys ein Alibi zu verschaffen. Der Fundort war schwer zugänglich. Das Gericht ging davon aus, dass man so einen Ort nicht zufällig findet, sondern gezielt ausgewählt haben muss.
Ebenfalls für eine geplante Tat spricht, dass Klaus W. die beiden stabilen Plastiksäcke dabei hatte.
Herr Hansen, auch die konstruierte Lügengeschichte, die Ihnen Klaus W. Während der Ermittlungen erzählt hat, die zeigt, dass er den Verdacht von sich ablenken wollte, oder? Ja, er wollte auf jeden Fall glaubhaft machen, dass er sie noch lebend gesehen hatte. Der Zeuge, der sich nach Aktenzeichen XY ungelöst gemeldet hat, hatte Klaus Weh ja am Tatabend an der Bushaltestelle gesehen. War das der Moment, in dem er das Handy dort weggeworfen hat? Was denken Sie? Der Zeuge hatte bei der Vorbeifahrt im Innenraum des Fahrzeuges Licht gesehen. Das wird wahrscheinlich das Handylicht gewesen sein, also das erleuchtete Display, bevor er das weggeschmissen hatte. Vielleicht hatte er versucht, das zu entsperren oder auszuschalten oder nochmal was drin nachzugucken. Letztendlich ist das aber die Situation gewesen, da sind wir uns sicher, als er das Handy wegwarf. Kommen wir noch einmal auf die Jacke von Klaus W. zu sprechen, die neben der Leiche gefunden wurde. Wir haben ja vorhin schon gehört, dass Sie glauben, er habe die Jacke dort zurückgelassen, weil er sich bei dem Versuch, die Leiche umzulagern, schmutzig gemacht haben könnte. Hat Klaus W. diese Theorie vor Gericht bestätigt? Nein, er behauptete, ihm sei aufgefallen, dass man die blaue Folie der Plastiksäcke von der Straße aus hätte sehen können. Er hatte Kopfkino und deshalb sei er nochmal zum Ablageort und habe seine Jacke dort gelassen. auch in der Absicht, dass sollte die Leiche irgendwann mal gefunden werden, niemand anderes verdächtigt wird, also die Spur direkt zu ihm führt. Das ist das, was er so bei Gericht gesagt hat. Und das ist auch das, was er mir in einem späteren Gespräch noch mal so bestätigte. Na gut, das klingt an der Stelle natürlich irgendwie eher unglaubwürdig, weil dann hätte man ja auch gleich gestehen können.
Also auch wenn Klaus W. nicht zugegeben hat, die Tat geplant zu haben, seine Handydaten bzw. Sein Bewegungsprofil und die Zeugenaussagen, die sprechen ja ganz klar dafür. Das sieht auch das Gericht so. Am 21. April 2020 verurteilt das Landgericht Lübeck Klaus W. Wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Das Gericht sieht das Mordmerkmal der niederen Beweggründe als erfüllt an und geht davon aus, dass Klaus W. Yvonne Rieken getötet hat, weil er die Trennung nicht akzeptieren konnte und ein übersteigertes Besitzdenken hatte. Also wenn er sie nicht haben konnte, sollte auch niemand anderes sie haben. Herr Hansen, Sie haben Klaus W. Zwischen seiner Festnahme und dem Prozessbeginn im Gefängnis gesprochen. Welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht? Er war eigentlich wie ausgewechselt. Wir hatten ja darüber gesprochen, wie fertig er wirkte, wie abgerockt. Und diesen Eindruck hatten wir auch zum Zeitpunkt der Festnahme von ihm. Der Mann war erschöpft, der Mann war müde.
Nach seiner Festnahme, als es dann zu diesen Besuchen in der JVA kam, war er wie ausgewechselt. Er war ausgeruht, er war ausgeschlafen, sodass man den Eindruck gewinnen konnte, diese Festnahme und das spätere Geständnis ja auch, haben einfach eine große Last von ihm genommen. Den Druck der Ermittlungen, der Angst, doch festgenommen zu werden, das war so ganz deutlich zu sehen und zu spüren. Das klingt jetzt wahrscheinlich etwas komisch, weil man so einem Täter diese Seelenruhe vielleicht nicht gönnt. Aber anscheinend war die Aufklärung des Falls auch für ihn eine Erleichterung. Jedenfalls. Es gibt durch den Fund der Leiche und das Geständnis für alle Gewissheit, auch für die Angehörigen, die wenigstens nicht mehr spekulieren müssen, was mit Yvonne Rieken passiert ist.
Ein sehr aufwühlender Fall. Damit sind wir am Ende dieser Folge. Wir verabschieden und bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen, Herr Hansen, für die Einblicke in Ihre Ermittlungsarbeit. Schön, dass Sie hier waren. Ja, sehr gerne. Ich bedanke mich bei Ihnen. Vielen Dank. Kommen Sie gut nach Hause. Außerdem bedanken wir uns beim Präventionsexperten Harald Schmidt für seine Ausführungen. Ein weiterer besonderer Dank gilt dem Autor dieser Folge, Jonas Wengert. Das war's. Bis zum nächsten Mal und wie immer mein Wunsch bleibt sicher. Ihr kennt das Spiel schon. Wenn euch die Folge gefallen hat, dann folgt unserem Podcast gerne, abonniert ihn und alle Infos findet ihr wie immer in den Shownotes. Dort findet ihr außerdem die Nummer für das Hilfetelefon für Gewalt gegen Frauen. Bis zur nächsten Folge, bis in zwei Wochen. Bewertenzeichen XY unvergessene Verbrechen ist eine Produktion der Securitel in Kooperation mit Bumfilm im Auftrag des ZDF.
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