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Hallo und herzlich willkommen zum zweiten Teil der Folge zum vereiterten Bombenanschlag auf den Bonner Hauptbahnhof. Ich bin Rudi Zerne und bei mir ist meine Kollegin Nicola Heinisch-Kurus. Willkommen auch von mir. Freut mich, dass ihr weiter dabei seid. Bei uns zu Gast sind wieder Kriminalrat Ralf Kachel und der erste Kriminalhauptkommissar André Meisner von der Abteilung TE des Bundeskriminalamts, die für die Ermittlungen im Bereich des islamistisch motivierten Terrorismus und Extremismus zuständig ist. Daher auch die Abkürzung TE. Ralf Kachel hat dort im Jahr 2012 die Ermittlungen zu einem Anschlagsversuch auf den Bonner Hauptbahnhof geleitet, der, man muss sagen, mit viel Glück glimpflich geendet ist. Denn der Sprengsatz, den der oder die Täter an Gleis 1 deponiert hatten, ist nicht explodiert. Und so wurde am Ende Gott sei Dank niemand getötet oder verletzt. In Folge 2 jetzt werden wir nun vor allem mit Ihnen sprechen, Herr Meissner. Sie waren sozusagen für die zweiten Ermittlungen in diesem Fall zuständig, auch wenn anfangs noch gar nicht sofort klar war, dass die mit dem Anschlagsversuch in Bonn zusammenhingen. Doch bevor wir dort einsteigen, wo wir in Folge 1 aufgehört haben, hier eine kurze Zusammenfassung.

Es ist der 10. Dezember 2012, ein Montag. Und am Bonner Hauptbahnhof herrscht reger Betrieb, als um kurz nach 13 Uhr einem Fahrgast an Bahnsteig 1 eine herrenlose blaue Tasche auffällt. Ein Blick hinein bestätigt die wohl schlimmsten Befürchtungen bei so einem Fund. In der Tasche liegt eine improvisiert wirkende Sprengstoffvorrichtung. An einem Rohrkörper sind Kabel befestigt, ein Wecker und vier Gaskartuschen sind mit der Konstruktion verklebt. Der Mann alarmiert das Personal der Deutschen Bahn und die herbeigerufenen Experten der Polizei bestätigen kurz darauf, es handelt sich mit größter Wahrscheinlichkeit um eine sogenannte unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung, kurz USBV, um eine Bombe also. Ja, ein absolutes Horrorszenario, aber der geplante Anschlag kann zum Glück vereitelt werden. Entschärfern der Bundespolizei gelingt es, den Sprengsatz mit Hilfe eines Wassergewehrs, also eines konzentrierten, druckvollen Wasserstrahls, zu entschärfen. Niemand wird bei dem versuchten Anschlag verletzt oder getötet.

Doch die Frage nach dem Täter bleibt. Wer hat die Tasche am Bahnhof abgelegt? Und werden der oder die Täter weitere Anschlagsversuche unternehmen? Wenige Tage nach dem Bombenfund übernimmt der Generalbundesanwalt die Ermittlungen zu dem Fall. Man geht inzwischen davon aus, dass eine terroristische Vereinigung hinter der Tat steckt. Mutmaßlich radikale Islamisten. Damit sind die Ermittlungen ein Fall für die Bundesanwaltschaft und somit auch für das Bundeskriminalamt, das nun die Suche nach dem oder den Tätern unter der Leitung von Kriminalrat Ralf Kachel übernimmt. Doch die Ermittlungen gestalten sich zunächst schwierig. Ein Zeugenhinweis auf einen islamistischen Gefährder, der sich angeblich zur Tatzeit am Gleis befunden und die Tasche abgelegt haben soll, stellt sich als Trugspur heraus. Der Mann hat ein wasserdichtes Alibi. Und auch die an der Bombe sichergestellten DNA-Spuren und eine sogenannte Herkunftsermittlung aller Einzelteile der Bombe führen zunächst zu keinem Ergebnis. Für die Beamtinnen und Beamten des BKA ist es eine extrem strapaziöse Ermittlung.

Denn die eine heiße Spur, die die Ermittlungen fokussieren und in eine konkrete Richtung lenken könnte, gibt es nicht. Und so ermittelt die besondere Aufbauorganisation, kurz BAO Tasche, mit hunderten Beamtinnen und Beamten in den ersten Wochen nach dem Attentatsversuch in alle erdenklichen Richtungen. Nicht wissend, dass sie dem Täter mit dem Kreis möglicher Verdächtiger, den sie mittlerweile erstellt haben, bereits dicht auf den Fersen sind. Doch noch bevor Ralf Kachel und sein Team ihre unterschiedlichen Ansätze ausermitteln können, überschlagen sich die Ereignisse.

Herr Kachel, Herr Meissner, wir haben in der letzten Folge bereits gehört. In der Nacht vom 12. auf den 13. März 2013, also ziemlich genau drei Monate nach dem Anschlagsversuch auf den Bonner Hauptbahnhof, machen sich zwei Männer mit dem Auto auf den Weg in Richtung eines Wohnhauses in der Nähe von Leverkusen und zwar mit einem brutalen Vorhaben. Sie wollen dort dem rechtsextremen Politiker Markus Beisicht auflauern, um ihn am Morgen vor seinem Haus zu erschießen. Die Männer, Marcel G., 25 Jahre alt und Edon B., 42 Jahre alt, sind Teil der islamistisch-salafistischen Szene in Bonn, also genau jener Szene, die Sie, Herr Kachel, auch schon mit dem Anschlagsversuch in der ehemaligen Hauptstadt in Verbindung gebracht haben. Doch zu dem Mord an Beisicht kommt es nicht. Das können wir, denke ich, hier schon einmal verraten. Nämlich, weil die Polizei die Männer am 13. März 2013, dem Tag, an dem sie zuschlagen wollen, schon längst im Visier hat. Bevor wir also zu den Ereignissen dieser Nacht kommen und dazu, was sie mit den Ermittlungen der BAO-Tasche zu tun haben, gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Wer die beiden Männer waren, hören wir gleich noch. Doch wie war man eigentlich auf sie gekommen? Das war eigentlich ganz spannend, denn im Prinzip kreuzten sich hier schon zwei Handlungsstränge.

Es gab zunächst zwei völlig unabhängige Ermittlungsverfahren zweier Behörden der Polizei Nordrhein-Westfalen, die von unterschiedlichen Seiten her mutmaßlich dieselbe islamistische Gruppe in den Blick nahmen.

Das war erstens ein Verfahren der Staatsanwaltschaft Dortmund, in dem die Polizei Essen ermittelt hat. und die waren Mitte 2012 auf einen gewissen Tolga S. aufmerksam geworden. Das ist ein damals 22-Jähriger, der war Teil der islamistischen Szene Essens und es gab Hinweise auf eine Radikalisierung dieser Person und eine mögliche Gefährdung. Und dementsprechend sind entsprechende verdeckte Maßnahmen initiiert worden. Dazu gehören die Telefonüberwachung und auch Observationsmaßnahmen. Und zweitens ein Verfahren, das bei der Staatsanwaltschaft und der Polizei in Düsseldorf geführt wurde. Und in diesem Verfahren wurde gegen einen gewissen Kerem D. Ermittelt, bereits seit 2011. Das ist ein damals 23 Jahre alter Deutscher, der in Hessen Arabistik studierte und auch in islamistischen Kreisen unterwegs war. Interessant war, diese Person hatte sich bei der Polizei in Bremen beworben und eine Einstellungszusage bekommen. Er war gleichzeitig in einem Schützenverein aktiv und hatte Schießtraining absolviert.

Und das Gesamtbild zu dieser Person führte die Kollegen dann zu der kriminalistischen Annahme. Da steckt mehr dahinter. Womöglich ist hier eine schwere staatsgefährdende Gewalttat geplant. Und die beiden kannten unsere Männer im Auto, die auf dem Weg zu Markus Beisicht waren, um ihn zu erschießen. Und wann wurde das alles klar? Das wurde eigentlich ziemlich schnell klar. Die beiden, also Tolga S. Und Kerem D., hatten Kontakt zueinander und deswegen wurden die Ermittlungen später auch zusammengelegt und die ermittelnden Behörden haben ihre Erkenntnisse ausgetauscht. Und bald darauf kamen noch weitere Personen hinzu.

Edon B., er stammt aus Albanien und war dort Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei gewesen und mittlerweile sehr stark in der islamistischen Szene in Nordrhein-Westfalen involviert. Und schließlich, Mitte Januar 2013, tauchte plötzlich eine weitere Figur auf. Marcel G., ein Konvertit aus Oldenburg, und er hatte bereits eine gewisse kriminelle Karriere hinter sich. Und durch die Ermittlungen in Essen und Düsseldorf wurde auch festgestellt, es gab mehrere Treffen, an denen sich alle vier Personen beteiligt haben. Also die Polizei in Nordrhein-Westfalen hatte die Gruppe im Blick. Die Telefone der Männer wurden überwacht. Erzählen Sie, was kam dabei heraus? Auch das ist interessant. Die Kollegen haben festgestellt, Die Gruppe hatte am 18. Januar 2013 eine Supermarktfiliale ausgekundschaftet. Und deswegen kamen sie, auch aufgrund der Observationserkenntnisse und überwachter Gespräche, zu dem Schluss, die planen einen Raubüberfall auf einen Lebensmittelmarkt.

Und es gab noch eine Erkenntnis. Marcel G. war offenbar der Wortführer der Gruppe. Denn er ordnete ein gemeinsames Treffen der Gruppe am 11. März 2013 in der Wohnung von Tolga S. An, die dieser kurz zuvor in Essen bezogen hatte. Und die Kollegen schlossen daraus, der 11. März ist der Tag, an dem der mutmaßliche Raub passieren sollte. Ja, und dann ging ja alles sehr, sehr schnell. Und man kann sagen, die Ermittlungen nahmen in den folgenden Tagen eine überraschende Wendung. Was sich genau dazu getragen hat, dazu kommen wir jetzt.

In den Tagen vor dem 11. März 2013 laufen die Ermittlungen der Beamtinnen und Beamten aus Nordrhein-Westfalen auf Hochtouren. Sie wissen nun, an diesem Datum soll der Tatplan, den sie immer noch für einen Raubüberfall halten, umgesetzt werden. Ihnen ist klar, die Täter werden aller Voraussicht nach mit dem Auto von Marcel G. Unterwegs sein, da er der Einzige in der Gruppe mit einem eigenen Fahrzeug ist. Wenn die Ermittlerinnen und Ermittler also mitbekommen wollen, was an diesem Tag genau passiert, wenn sie die Täter auf frischer Tat ertappen und den Überfall verhindern wollen, braucht es entsprechende Abhörmaßnahmen in G's Wagen. Die Polizei beschafft sich also einen richterlichen Beschluss für die Überwachung des Fahrzeugs. Dann ist es soweit. Am Nachmittag des 11. März, einem Montag, treffen Marcel G., Edon B. und Kerem D. Wie verabredet in Tolga S. Wohnung in Essen ein. Mutmaßlich, um letzte Details ihres geplanten Raubes zu besprechen.

Diesen Moment, in dem die Männer in der Wohnung zusammensitzen, nutzen die Beamten. Sie installieren die entsprechende Abhörtechnik im geparkten Auto von Marcel G. Von nun an können sie jedes Wort mithören, das später im Wagen gesprochen wird. Am Abend verlassen Marcel G., Kerem D. Und Edon B. die Wohnung und machen sich gemeinsam in G.'s Wagen auf den Weg in Richtung Bonn. Dort lebt Marcel G. mit seiner Frau und dem zweijährigen Sohn. Doch zuvor machen die Männer einen kleinen Umweg über Leverkusen. Die Ermittlerinnen und Ermittler hören, wie die drei sich im Wagen unterhalten. Und je länger sie dem Gespräch zuhören, desto deutlicher wird, hier geht es nicht um einen Raubüberfall auf einen Lebensmittelmarkt, es geht um einen geplanten Mordanschlag auf den bei Leverkusen lebenden Politiker Markus Beisicht. Ja, eine ziemliche Wendung. In Folge 1 haben wir schon kurz darüber gesprochen. Beisicht und seine Partei Pro NRW sorgen in dieser Zeit immer wieder für Schlagzeilen mit islamfeindlichen Parolen und Provokationen. Damit ziehen sie den Zorn vieler Muslime auf sich. Und nachdem Mitglieder von Pro NRW bei Kundgebungen Mohammed-Karikaturen gezeigt haben, fordern Teile der islamistisch-salafistischen Szene in Bonn die Ermordung des Parteivorsitzenden Markus Beisicht.

Und nun, während die Beamtinnen und Beamten aus Essen und Düsseldorf den Gesprächen der drei Männer im Auto lauschen, wird ihnen schlagartig klar.

Die wollen jetzt offensichtlich eben jene Forderung in die Tat umsetzen. Doch noch ist es nicht so weit. Die Polizei hört, wie Marcel G., Edon B. Und Kerem D., die nun vor Beisichts Haus stehen, über eine mögliche Umsetzung ihrer Pläne diskutieren. Wie sie laut darüber nachdenken, bald eine Handgranate unter Beisichts geparktem Auto zu platzieren. Wie sie sich am Ende aber darauf einigen, den Politiker doch vor seinem Haus aufzulauern und ihn zu erschießen. Zunächst aber macht sich die Gruppe auf den Weg nach Bonn. Die Nacht und den folgenden Tag verbringen sie in der Wohnung von Marcel G. Seine Frau und sein Sohn hat G. zu Bekannten gebracht, sodass die Männer in der Wohnung unter sich sind. Am Abend des 12. März 2013 besuchen Marcel G. und Edon B. zu zweit die Moschee in Bonn. Kirem D. bleibt allein in der Wohnung zurück. Im Auto unterhalten sich die beiden Männer erneut über die geplante Ermordung Beisichts.

Sie sprechen darüber, wie sie ihre Schusswaffe entsichern können. Hebel nach oben, die Waffe ist gesichert. Hebel nach unten, die Waffe ist schussbereit. Spätestens jetzt ist den mithörenden Ermittlerinnen und Ermittlern klar, was auch immer sie in den entscheidenden nächsten Stunden tun, sie müssen damit rechnen, dass die beiden Männer im Auto bewaffnet sind. Nach dem Moscheebesuch machen sich Marcel G. und Edon B. wieder auf den Weg. Es ist inzwischen kurz vor Mitternacht. Sie beschließen, noch einmal zu Beisichts Haus zu fahren, für ein letztes Auskundschaften. Am nächsten Morgen, am 13. März, wollen sie ihren Mordplan in die Tat umsetzen. Doch daraus wird nichts. Um kurz vor halb eins, nur 150 Meter vor dem Haus des Politikers, erfolgt der Zugriff der örtlichen Polizeikräfte. Alles geht ganz schnell. Zuerst kommt vor Marcel G.'s Wagen abrupt ein Kleinbus zum Stehen. Am Steuer ein Polizist mit kugelsicherer Weste. Hinter dem Auto bremsen kurz darauf zwei gepanzerte Limousinen. Rote Laserpunkte der Scharfschützen richten sich auf die beiden Männer. Über Megafon werden Marcel G. und Edon B. dazu aufgefordert, das Auto mit erhobenen Händen zu verlassen. Nach kurzem Zögern geben die Männer auf.

Herr Meissner, eine wirklich spektakuläre Festnahme, bei der die Kolleginnen und Kollegen der örtlichen Polizei ja durchaus damit rechnen mussten, dass es zu einem Schusswechsel kommt. Sie wussten ja durch die Abhörmaßnahmen, dass die Männer im Besitz einer Schusswaffe waren. In dem Moment, in dem der Zugriff erfolgt, ist ja da schon ordentlich Druck drauf, oder? Absolut, da steckt richtig viel Adrenalin drin. Man weiß nie, was einen erwartet, selbst bei guter Ausbildung und viel Erfahrung. Und man muss in Betracht ziehen, dass die Personen bewaffnet sind. Und das ist stressig, auch für die geübten Spezialeinsatzkräfte, wie sie hier involviert waren. Und es musste ja auch alles schnell gehen. Es war ein kurzfristiger Zugriff und man wusste, die Zeit drängt.

Und jetzt wurde ja mitgehört, was da im Auto gesprochen wurde. Wie brenzlig war denn die Situation? Haben Marcel G. und Edon B. denn kurz in Betracht gezogen? sich der Festnahme zu widersetzen? Selbst wenn das so gewesen wäre, sie hatten gar keine Möglichkeit dazu. Sie wurden von dem Zugriff völlig überrascht. Und das hörte man auch, weil sie sprachen, warum sind hier plötzlich so viele Leute und Fahrzeuge? Und wie sich dann nach dem Zugriff herausstellte, sie hatten die Waffe noch gar nicht dabei. Und das bekräftigte nochmal, in dieser Nacht sollte der Angriff auf Beisicht noch nicht geschehen, sondern es war ein letztes Auskundschaften.

Erst am Morgen wollten die beiden gemeinsam mit Kerem D. Und mit der Waffe zurückkehren und Markus Beisicht auflauern, wenn er das Haus verlässt. Ja, soweit kam es dann, wie wir nun wissen, nicht mehr. Marcel G. und Edon B. wurden vor Ort festgenommen. Zeitgleich haben Einsatzkräfte in Bonn Kerem D. Überwältigt, der in der Wohnung des Wortführers Marcel G. zurückgeblieben war. Und auch Tolga S. Wurde in seiner Wohnung in Essen festgenommen. Die Ermittlungen führte zu dem Zeitpunkt ja noch die Polizei in Nordrhein-Westfalen. Wann haben Sie beim BKA erstmals von dem geplanten Mordanschlag auf Beisicht gehört? Das war noch am 13. März. Doch für mich kam völlig überraschend diese Nachricht, dass die Polizei in NRW vier Personen festgenommen hatte, die im Verdacht standen, einen Mord an pro NRW-Chef Beisicht geplant zu haben. Die Namen der Männer waren mir bis dahin nicht bekannt. und Arbeitskollegen aus der Bärotasche, die zum Anschlag am Bonner Hauptbahnhof ermittelten, ist der Name Marcel G. sofort aufgefallen. Und sofort gab es die Vermutung, da könnte es einen Zusammenhang geben.

Weitere Erkenntnisse, die Kollegen aus NRW bei der Festnahme und Wohnungsdurchsuchung erlangt haben, haben diese Vermutung bestätigt.

Was bei der Wohnungsdurchsuchung bei Marcel G. gefunden wurde, dazu kommen wir dann gleich auch noch. Aber zunächst einmal Herr Kacheln.

Ihr Kollege Herr Meissner hier hat es gerade gesagt, der Name Marcel G. Ließ Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen bei der BAO-Tasche, die natürlich nach wie vor ermittelte, sofort aufhorchen. Denn G. war für Sie kein Unbekannter. Es hatte schon in den ersten Tagen nach dem Anschlagsversuch einen Hinweis auf ihn gegeben, oder? Ja, das ist richtig. Bereits am 20. Dezember 2012 hatte sich eine Zeugin an die Polizei gewandt und gesagt, dass sie Marcel G. Aus einem beruflichen Kontext kannte und meinte ihn aus den veröffentlichten Bildern, aus den Videoaufzeichnungen des Schnellrestaurants am Bonner Hauptbahnhof erkannt zu haben. Und ja, Marcel G. war ja auch eine Person in unserem personenbezogenen Ermittlungskonzept, was wir schon im ersten Teil besprochen hatten. Er war also auf der Liste derjenigen Personen, die es abzuklären galt. Und ja, Mitte Februar lagen dann natürlich noch weitere Erkenntnisse zu Marcel G. vor. Er war Teil der islamistischen Szene in Bonn. Er hatte eine allgemein kriminelle Vita, nämlich einige Jahre zuvor war er aufgrund von Betäubungsmitteldelikten erkennungsdienstlich behandelt worden. Es lag auch DNA vor und die wurde dann auch mit der mutmaßlichen Täter-DNA an der USB-V verglichen, die wir ja auch gesichert hatten. Und was kam dabei heraus? Welche Erkenntnisse konnten Sie gewinnen? Naja, die DNA von Marcel G. war nicht die, die an der USB-V war, an den beiden offenen Spuren sozusagen. Und so blieb natürlich der Hinweis zunächst einmal einer von vielen.

Wir hatten Mitte März 2013 ja auch noch eine einigermaßen lange Liste von Personen abzuarbeiten, die potenziell auch als Taschenträger für die Tat am Bonner Hauptbahnhof in Frage kamen. Und dennoch war Marcel G. in die engere Auswahl als Verdächtiger gekommen und weitere Ermittlungen hätten uns früher oder später, davon bin ich überzeugt, auch auf seine Spur geführt, wie es sich ja hinterher noch zeigen sollte.

Aber die Entwicklung rund um den Mordplan an pro NRW-Vorsitzenden Beisicht, die kam dem zuvor. Ja, denn nun tauchte der Name plötzlich wieder im Zusammenhang mit einer staatsgefährdenden Gewalttat aus dem islamistischen Spektrum auf. Und ich nehme an, spätestens nachdem die Ergebnisse der Wohnungsdurchsuchung bei Marcel G. In Bonn zu Ihnen, Herr Meissner, durchgedrungen waren, gingen endgültig alle Alarmglocken los. Was wurde da gefunden? Die Wohnung wurde noch in den Morgenstunden des 13. März durchsucht, nachdem man Kerem D. Dort festgenommen hatte. In der Tasche eines Mandels an der Garderobe hat man ein Päckchen gefunden. In Gefrierbeuteln und Plastiktüte eingewickelt befand sich eine weiße Substanz. Und es hat sich schnell herausgestellt, bei dieser weißen Substanz handelte es sich um einen selbst hergestellten Sprengstoff. Ammonium, Nitrat und Nitromethan. Übrigens der gleiche Sprengstoff, der bei der Rohrbombe am Bonner Hauptbahnhof verwendet wurde. Spätere kriminaltechnische Untersuchungen haben zudem ergeben, das Isotopenverhältnis beider Substanzen war identisch. Das war ein sehr starker Hinweis. Beide Substanzen stammten sehr wahrscheinlich aus derselben Quelle. Das war ein starkes Indiz dafür, dass es sich bei Marcel G. um den Taschenträger handeln könnte. Eine irre Wendung. Was wurde denn bei der Wohnungsdurchsuchung noch gefunden? Unter anderem eine Pistole CESCA, es wurden elektronische Datenträger sichergestellt.

Etwa hinter einer Wandcollage versteckt, zwei USB-Sticks.

Ferner hat man einen Laptop sichergestellt und das wurde später alles ausgewertet. Und darin waren wir vom BKA auch beteiligt. Aus dem, was wir auf den Datenträgern gefunden haben und aus den Informationen, die wir aus früheren Verfahren über Marcel G. Hatten, ergab sich dann am Ende ein sehr detailliertes Bild seiner Persönlichkeit sowie möglicher Tatmotivation. Sie vom BKA waren ja, wie schon bei den Ermittlungen zum geplanten Anschlag am Bonner Hauptbahnhof, früh in die Ermittlungen involviert, da nahe lag, dass es sich um einen Fall für den Generalbundesanwalt und damit auch für das BKA handeln könnte. Am 18. März 2013 hat die Bundesanwaltschaft dann auch in der Tat ein Ermittlungsverfahren gegen die vier Männer, also gegen Marcel G., Edon B., Kerem D. und Tolga S. eröffnet.

Sie, Herr Meissner, waren Verfahrensführer bei den Ermittlungen zum Mordanschlag auf Beisicht, die zunächst einmal getrennt von denen der BAO Tasche liefen. Aber natürlich immer in enger Absprache mit den Kolleginnen und Kollegen. Sie vermuteten ja bereits eine Verbindung zwischen den zwei Fällen. Wer war nun also Marcel G., mit wem hatten Sie es da zu tun? Ja, es war eine interessante Karriere, die wir da nachträglich ermitteln konnten. Marcel G. war damals 25 Jahre alt, er war deutscher Staatsbürger und nach islamischem Recht verheiratet. Er hatte einen Sohn und er war in Oldenburg bei seiner Mutter aufgewachsen. Er war nicht religiös und seinen Vater, einen ägyptischen Staatsbürger, hat er nie kennengelernt. Im Jugendalter ist er straffällig geworden. Erstmals 2004 wegen dreier Raubüberfälle auf immer denselben Lebensmittelmarkt dann auch verurteilt wurden. 2005 gab es Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz, später auch noch Körperverletzungsdelikte. Diese allgemeinkriminelle Witter hat letztlich zu einer Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren geführt. Zum Zeitpunkt seiner Festnahme war Marcel G. dann ja als Salafist bekannt. Wie kam es zu dieser religiös begründeten Radikalisierung? In einigen Medien konnte man ja zum Beispiel lesen, dass sie während der Haft passiert sein soll.

Wir halten es auch für wahrscheinlich, wobei wir den genauen Zeitpunkt nicht rekonstruieren konnten. Einen konkreten Auslöser für seine Radikalisierung konnten wir nicht ausmachen. Aber fest steht, irgendwann fand Geh zum islamischen Glauben.

Er schloss sich in Oldenburg einer islamischen Jugendgruppe in der dortigen Moschee an. Er nahm Islamunterricht. Später haben wir Mitglieder dieser Jugendgruppe vernommen. und auch durch die Auswertung von E-Mail-Kommunikation, die wir bei Marcel G. Sichergestellt haben, konnten wir feststellen, dass spätestens im Jahr 2010 eine immer stärker werdende Radikalisierung zu verzeichnen war. Was können Sie denn noch über diese E-Mails sagen? Er hatte mehrere E-Mails an einen Freund geschrieben und im Januar 2011, diese E-Mail, die war mir besonders aufgefallen Und ich erinnere mich fast heute noch an den Wortlaut. Geliebter Bruder, ich habe einen guten Plan, wie wir gegen diese dreckigen Kuffar vorgehen können und Allas Wohlgefallen erlangen können. Dazu muss ich sagen, der Begriff Kuffar bedeutet in seinen Worten Ungläubige. Für mich war das ein deutlicher Hinweis, dass er damals schon beschlossen hatte, etwas zu unternehmen, um die aus seiner Sicht Ungläubigen zu schädigen. Und irgendwann war die Radikalisierung dann offenbar so weit fortgeschritten, dass er auch Gewalt als legitimes Mittel seines Kampfes verstand.

Spätestens 2011 hat er dann Kontakt zur Bonner Islamisten-Szene gesucht und gefunden. Und im selben Jahr erfolgte dann schließlich auch der Umzug mit Frau und Kind nach Bonn. Auch seine Frau, eine Deutsche mit türkischen Wurzeln, soll Marcel G. Ja in der Zwischenzeit von seinen Vorstellungen von einer islamischen Ehe überzeugt haben. Und sogar seine Mutter brachte er mit der Zeit dazu, zum Islam zu konvertieren. Beide Frauen hatten zuvor keinen religiösen Lebensstil gepflegt. Man kann sich also vorstellen, mit welchem Nachdruck G. seine Hinwendung zum radikalen Islam betrieben hat. Und auch der Umzug nach Bonn lässt sich letztlich ja in die Richtung interpretieren. Wir haben ja vorhin und auch in der ersten Folge schon gehört, Bonn war damals Anfang der 2010er Jahre deutschlandweit bekannt für seine große und besonders radikale salafistisch-islamistische Szene. Ja, das ist richtig und für Marcel G. Gab es den großen Wunsch nach Bonn zu ziehen und näher an dieser Szene zu sein.

Die Vernehmungen insbesondere der Mitglieder aus der damaligen Jugendgruppe legen auch nahe, dass in Oldenburg alles nicht radikal genug war. Insofern ist der Umzug nach Bonn für ihn einfach folgerichtig gewesen und ein Zeichen seiner fortschreitenden Radikalisierung. Und ein weiteres Zeichen dafür, dass er sich dann spätestens 2011 dann dieser gewaltbereiten salafistischen Glaubensauslegung gänzlich hingegeben hat. Für mich bleibt es wirklich ein Rätsel, wie Menschen, gerade wenn sie eigentlich nicht religiös aufgewachsen sind, zu so einer radikalen und gewaltbereiten Auslegung des Islam oder auch anderer Religionen kommen können. Das geht mir sehr ähnlich. In den vergangenen Jahren hat man ja auch immer wieder von Fällen gehört, bei denen sich junge Menschen aus vermeintlich religiöser Überzeugung dem islamischen Staat angeschlossen haben und als Kämpfer ins syrische Kriegsgebiet gereist sind. Wie kommt es zu so einer Radikalisierung und wie viel hat sie am Ende überhaupt mit dem islamischen Glauben zu tun?

Darüber haben wir mit Rüdiger José Hamm gesprochen, den ihr schon in der ersten Folge gehört habt. Er ist einer der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus, die sich unter anderem gegen islamistische Radikalisierung engagiert. Und er sagt, die Gründe, warum sich junge Menschen solchen Bewegungen anschließen.

Haben wenig mit Religion zu tun. Das ist eine große Debatte innerhalb der Fachwelt. Inwieweit handelt es sich wirklich dabei um Religion oder nicht doch eher um eine politische Bewegung? Ich behaupte, der Großteil der Fachwelt und auch wir als BAG Rellex würden sagen, es ist eher eine politische Bewegung. Warum? Weil festgestellt wurde, dass die Jugendlichen, die sich beispielsweise dem islamischen Staat angeschlossen haben, kaum über religiös Wissen verfügt haben und sich das auch im Laufe der Zeit nicht angeeignet haben. Und wenn man sich die Motive anguckt, warum sich jugendliche extremistischen Organisationen oder auch speziell dem Islamismus zuwenden, dann gibt es da sehr, sehr vielfältige Gründe. Es gibt Gründe, die relativ allgemein sind, so etwas wie die Suche nach der eigenen Identität, wo gehöre ich hin, wer bin ich, wo erfahre ich Anerkennung. Die Suche nach einfachen Antworten auf komplexe Verhältnisse, der Wunsch danach, einer Gruppe angehörig zu sein, sich zugehörig zu fühlen.

Aktiv zu sein, also irgendwie einer vielleicht gefühlten Unmacht angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse, dass man sich da irgendwie Macht holt oder zumindest Zugehörigkeit und Anerkennung. Und das Interessante vor allem im islamistischen Spektrum, wenn man sich so die Anwerbungsversuche anguckt, geht es häufig auch um Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen. Das heißt, die Diskriminierungserfahrungen, die es auch durchaus gibt, sehr massiv, Werden aufgenommen, werden lebensweltlich verarbeitet. Es wird eine Authentizität hergestellt, eine Verbindung zwischen diesen Gruppierungen oder einzelnen Predigern und Jugendlichen. Einige sprechen davon, dass Salafistinnen oder Islamistinnen die besseren Sozialarbeiterinnen sind, weil sie einfach die Jugendlichen, wie man so schön sagt, da abholen, wo sie stehen. Ob Marcel G. In seiner Jugend Erfahrungen mit Ausgrenzungen gemacht hat oder ob er sich der islamischen Jugendgruppe in Oldenburg angeschlossen hat, weil er auf der Suche nach Zugehörigkeit und Identität war, wissen wir nicht. Klar ist aber, er ist einer, der nicht reinpasst, der früh straffällig wird und sich nicht in die Gesellschaft einfindet. Menschen mit solchen Biografien, sagt Hamm, könnten durchaus gefährdet sein, sich zu radikalisieren. Aber er sagt auch.

Diskriminierungserfahrung, soziale Ungleichheit oder ein Gefühl von Ungerechtigkeit oder ein Bewusstsein für Ungerechtigkeit, dass man was dagegen machen möchte, das sind alles so Faktoren, die eine Rolle spielen können, wenn sich Jugendliche von allgemeiner Gesellschaft oder den politischen und sozialen Verhältnissen abwenden und sich was Neues suchen. Das ist auf einer allgemeinen Ebene relativ normal und es ist auch nicht so, dass wenn Jugendliche in gewisse Kreise geraten.

Dass sie dann notwendigerweise zwangsläufig ein paar Jahre später terroristisch aktiv sind. Es gibt immer wieder Ausstiege. Das sind ja sehr, sehr, wie soll ich sagen, verworrene Wege, auf denen sich Jugendliche irgendwelchen Gruppierungen anschließen und die sind in hohem Maße wirklich an der eigenen Biografie zu erkennen und deswegen auch so unterschiedlich. Und, das ist wichtig zu betonen, nicht nur Menschen aus prekären Situationen oder die, die Diskriminierungserfahrung machen, können sich extremistischen Gruppierungen anschließen, sondern es gibt auch durchaus Menschen, die eher aus gut situierten Situationen kommen. Warum sich Menschen radikalisieren, ob das nun im islamistischen Kontext ist, im links- oder rechtsextremistischen, ist also gar nicht so leicht zu sagen. Rüdiger José Hamm meint aber grundsätzlich, Krisensituationen, sei es der Verlust eines Familienangehörigen, schlechte Erfahrungen in der Schule oder eben Diskriminierungserfahrungen, können Menschen anfälliger machen für die einfachen Antworten, wie sie extremistische Gruppen bieten. Mit emotionalisierenden Botschaften, oft über Social Media, aber auch auf der Straße oder in Gemeinden, versprechen sie Halt in einer immer komplexer werdenden Lebenswelt.

Unsere Redaktion hat Rüdiger José Hamm gefragt, können Eltern Lehrerinnen und Lehrer oder Freunde überhaupt erkennen, wenn sich jemand im eigenen Umfeld radikalisiert? Man kann, aber kann ist auch gleich die Falle. Es gibt Anzeichen, beispielsweise wenn sich Menschen auf einmal zurückziehen, auf einmal religiös äußern, wenn es ein Schwarz-Weiß-Denken gibt, wenn Diskriminierungserfahrungen verbunden werden mit antidemokratischen Denk- und Handlungsweisen. Das heißt, ja, eine klare Ablehnung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das können Anzeichen sein, auch beispielsweise die Änderung des Kleidungsstils oder auf einmal wird ein neuer Freundeskreis gesucht, der alte wird abgelehnt, weil sich dieser Freundeskreis oder diese Peergroup eben nicht mit Religion, in Anführungszeichen beschäftigt oder mit diesem politischen Phänomen Islamismus, aber gleichzeitig.

Können Hinweise sein, es müssen aber keine Hinweise sein. Denn, so Rüdiger José Hamm, solche Phasen der Identitätssuche seien insbesondere bei jüngeren Menschen normal. Umso wichtiger sei es, sich beim Verdacht einer Radikalisierung von nahestehenden Personen zu informieren und gegebenenfalls Hilfe zu suchen. Es gibt so etwas wie Hotlines, beispielsweise die BAMF-Hotline, Radikalisierung. Da kann man anrufen, wenn man der Meinung ist, im Umfeld gibt es jemanden, der oder die sich eventuell radikalisiert. Da wird Beratung angeboten. Es gibt auch sehr viele Angebote beispielsweise für Lehrerinnen und Lehrer, die sich für das Thema interessieren oder der Meinung sind, da gibt es irgendetwas, da ist eine Schülerin, ich bin mir nicht ganz sicher, die kleidet sich jetzt anders, auf einmal trägt sie ein Kopftuch, radikalisiert sie sich oder nicht. Also es fehlt da an sehr viel Wissen. Das ist auch kein Vorwurf. Lehrerinnen und Lehrer müssen nicht alles wissen. Wir verstehen uns als UnterstützerInnen für Regelstrukturen. Das heißt, Demokratie fördern, das hört sich immer ein bisschen abstrakt an, aber das heißt, einfache pädagogische, sozialarbeiterische, politisch-bildnerische Arbeit machen, also sich um die Jugendlichen kümmern.

Ja, eine sehr verantwortungsvolle und wichtige Aufgabe, deren Wirkung man, glaube ich, nicht unterschätzen darf. Im Fall von Marcel G. könnte wohl nur er selbst erklären, was zu seiner Radikalisierung geführt hat. Aber Herr Kachel, zumindest was die Motivlage für die späteren Gewalttaten angeht, gibt es bei Marcel G. einige Hinweise. Welche? Ja, das ist richtig. Wenn bei der Radikalisierung sicherlich verschiedene Aspekte einzubeziehen sind, was wir ja schon dargestellt haben, dann können wir doch in Bezug auf die Motivlage das Ganze etwas mehr zuspitzen. Wir hatten schon in der ersten Folge erwähnt, dass die Partei Pro NRW und insbesondere der Vorsitzende Beisicht in der salafistisch-islamistischen Szene zum Hassobjekt geworden. Und das verstärkte sich 2012 nochmal im Zuge der anstehenden Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen. Pro NRW hat es sich im Wahlkampf zum Ziel gemacht, maximale Provokation und hat dort eine Moscheentour organisiert, bei der dann auch Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt wurden. Das ist quasi eine Anleihe des Falls Westergaard aus Dänemark. Und dieser Fall hat schon gezeigt, derartige Karikaturen stellen eine massive Provokation für Muslime dar und sind geeignet, die Stimmung wirklich aufzuschaukeln.

Ja, das ist der Fall des dänischen Zeichners Kurt Westergaard, dessen Mohammed-Karikaturen zu extremen Reaktionen geführt haben. Er wurde massiv mit dem Tode bedroht und die Polizei musste mehrere Mordanschläge auf Westergard verhindern, Herr Meissner. Ja, das ist richtig und entsprechend waren auch die Reaktionen auf die Aktionen von Pro NRW. Und genau darauf hatte die Partei es ja auch angelegt. Sie lobte sogar einen Preis für die beste islamkritische Karikatur aus. Im Mai 2012 kam es dann schließlich in Bonn und Solingen zu großen Demonstrationen und Ausschreitungen. Die Partei und gewaltbereite salafistische Szene trafen aufeinander. Und das hat Schlagzeilen gemacht. Auch Polizisten wurden dabei verletzt. Hat Marcel G. denn an diesen Ausschreitungen teilgenommen? Das können wir nicht belegen, aber wir haben Anhaltspunkte, dass er an der Demo in Bonn-Bad Godesberg Anfang Mai 2012 teilgenommen hat. Zudem, und das erschien uns sehr wichtig, es gibt Videodateien auf seinem Laptop aus dem Jahr 2012, Mitte des Jahres, man hört dort seine Stimme, wie er Vorträge hält vor einem imaginären Publikum über die Auslegung des Islam. Hier wird er ganz deutlich und nimmt Bezug auf Pro-NRW und die Mohammed-Karikaturen. Und er sagt, indem sie das getan haben, ist eine rote Linie überschritten.

Und wohl einschneidend für ihn war auch, dass der Staat aus seiner Sicht nichts gegen Pro-NRW unternommen hat. Nämlich ein Verbot, dass die Karikaturen auf Pro-NRW-Veranstaltungen nicht gezeigt werden durften, wurde von dem Verwaltungsgericht Köln wieder aufgehoben. Mit Verweis auf die Meinungsfreiheit als hohes Rechtsgut.

Und das war wohl der ausschlaggebende Moment für Marcel G. Tätig zu werden. Also die Bombe zu konstruieren und am Bahnhof in Bonn abzulegen, denn seine Wut richtete sich offenbar nicht nur gegen Pro NRW, sondern auch gegen die in seinen Augen unsittliche Gesellschaft, den Westen und den deutschen Staat. Ist das so, Herr Kachel? Ja, das ist richtig. Aber die Stoßrichtung ging schon schließlich auch direkt gegen Pro NRW. Ich kann ergänzen, dass später in der Wohnung von Markus G. auch eine Kandidatenliste von Pro NRW gefunden wurde. Und mehrere Namen von Personen waren darauf mit rotem Edding markiert. Und später wurde eben auch ermittelt, dass die Tätergruppe nebenbei sich dann noch weitere Personen von dieser Liste ausgespäht hatte. Es ging also nicht nur um den Vorsitzenden. Man hatte auch weitere Parteimitglieder ins Visier genommen. Wirklich unglaublich. Sie sagten bereits, bei einer ersten Durchsuchung von Marcel G.'s Wohnung hatten Sie ja schon ein Sprengstoffgemisch sichergestellt, das mit größter Wahrscheinlichkeit mit dem von der Rohrbombe am Bonner Hauptbahnhof übereinstimmte. Das war allerdings nicht alles, was Sie gefunden haben, was außerdem in Marcel G.'s Wohnung lag. Dazu kommen wir jetzt.

Es sind die Tage nach der Festnahme der Gruppe um Marcel G. Nachdem die Ermittler von der Polizei Essen ihre erste Durchsuchung in G.'s Wohnung abgeschlossen haben, legen sie ein Verzeichnis an. Darauf vermerken sie alle Gegenstände, die sichergestellt worden sind. Marcel G. Sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. Als er dort eine Abschrift der Liste erhält, scheint er in Panik zu geraten. Denn er stellt fest, ein wichtiger Gegenstand fehlt auf der Liste. G. wendet sich an seine Sozialarbeiterin in der JVA. Er sagt, tragen Sie Sorge dafür, dass meine Frau und mein Kind sich von der Wohnung und vor allem vom Kühlschrank fernhalten. G. betont, er mache sich große Sorgen. Denn im Kühlschrank befinde sich eine gefährliche Substanz, HMTD. HMTD, eigentlich Hexamethylen-Triperoxydiamin, ist ein hochexplosiver Initialsprengstoff, der auch in gewaltbereiten islamistischen Kreisen verbreitet ist.

Bei einer sogenannten USBV, also einer unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtung, wie sie beim Anschlagsversuch in Bonn zum Einsatz kam, dient der extrem explosionsgefährliche Stoff als Bestandteil des Sprengzünders. Schon eine kleine Menge in einem Strohhalm oder einer Kugelschreibermine platziert reicht aus, um bei einer Explosion auch die gesamte restliche Sprengladung detonieren zu lassen. Als die Entschärfer am 10. Dezember 2012 am Bonner Hauptbahnhof die Bombe mittels eines Wassergewehrs entschärft hatten, war der gesamte Sprengsatz zerstört und in Kleinstteilen über den Bahnsteig versprengt worden.

Später, bei der Identifizierung und Untersuchung der Einzelteile, hatte nur ein entscheidendes Bauteil gefehlt, der Zünder.

Schon damals hatten die Ermittlerinnen und Ermittler vermutet, dass dabei ein Initial-Sprengstoff wie HMTD zum Einsatz gekommen sein könnte. In so kleinen Mengen, dass er nach der Entschärfung schlicht nicht mehr auffindbar war. Nun sagt Marcel G., genau so ein Initial-Sprengstoff liege bei ihm zu Hause im Kühlschrank. Zwei Beamte von der Polizei Essen befragen Marcel G. Daraufhin am 15. März 2013 erneut. Er wiederholt seine Warnung und er behauptet, er wolle nicht, dass irgendwem etwas passiert, auch keinem Polizisten. Wohl mit Blick auf Markus Beisicht sagt er, es habe nur diesen einen treffen sollen. Marcel G.'s Aussage führt zu einer weiteren Durchsuchung seiner Wohnung. Diesmal sind Spezialkräfte zugegen. Auch das BKA, das kurz darauf die Ermittlungen übernehmen wird, unterstützt mit eigenen Entschärfern. Im Kühlschrank in einem Pestoglas mit Schraubdeckel stellen sie einen kristallinen Stoff sicher. Daneben eine kleine Flasche mit einer dunklen Flüssigkeit. In beidem erkennen die Entschärfer hochexplosive Stoffe. Mit größter Vorsicht bringen sie die Behältnisse aus der Wohnung. Denn sie wissen, bei einem Initialsprengstoff wie HMTD können schon kleinste Erschütterungen zur Entzündung führen. Eine falsche Bewegung, ein Stoß oder sogar höhere Temperaturen können eine spontane Explosion auslösen.

Doch der Einsatz gelingt. Beide Behälter können in ausreichender Entfernung gezielt und kontrolliert gesprengt werden. Niemand kommt dabei zu Schaden.

Herr Meißner, Herr Kachel, nun war also klar, Marcel G. War in der Lage, diesen hochexplosiven Sprengstoff HMTD herzustellen und hatte das auch getan.

Was man da in seiner Wohnung gefunden hatte, war genau der Stoff, von dem sie vermuteten, dass er einmal Teil des Zündauslösemechanismus der Bombe vom Bonner Hauptbahnhof gewesen war und der aller Wahrscheinlichkeit nach durch die Entschärfung mit dem Wassergewehr nicht mehr auffindbar war. War das so? Ja, das war letztlich auch für uns der entscheidende Moment, der nochmal bestätigte. Bei G sind wir, auch was die Bombe angeht, auf der richtigen Spur. Und wir konnten die Ermittlungen nun endlich fokussieren. Wir wussten, wonach wir suchen müssen und in welche Richtung wir weiter ermitteln müssen. Und wir von der BAO Tasche und die Kollegen um André Meißner mit dem Fall Beisicht haben zunächst natürlich getrennt voneinander ermittelt, aber wir standen im engen Austausch. Und später hat der Generalbundesanwalt Teile der beiden Verfahren miteinander verbunden und dann ja auch später gemeinsam vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf zur Anklage gebracht. Dazu kommen wir noch. Aber tatsächlich kann man wohl sagen, nach der zweiten Durchsuchung und diesem Fund ist ja so ein Stück weit der Knoten bei den Ermittlungen geplatzt. Denn nun, da sie wussten, wonach sie suchen mussten, fanden sie ja immer mehr Beweise und Indizien, die Marcel G. Als denjenigen belasteten, der die Bombe gebaut und am Bonner Hauptbahnhof platziert hatte. Welche waren das, Herr Meissner? Die zweite Durchsuchung am 15. März 2013 war nochmal deutlich gründlicher gewesen. Und es sind diverse Funde gemacht worden, die genau in diese Richtung gingen.

Es sind verschiedene Bestellbestätigungen in der Wohnung gefunden worden für Sprengstoffgrundstoffe. Es konnten Kaufvorgänge nachvollzogen werden für Gegenstände, die für den Bau oder die Herstellung von Sprengstoff nötig waren, zum Beispiel Laborgeräte. Aber es gab auch einen Hinweis auf Nitromethan, der, wie bereits dargelegt, dem Sprengstoff nachweislich beigemischt war. Und wir konnten nun feststellen, auf den Namen von G.'s Frau wurde Nitromethan bestellt und bezahlt. Es wurde außerdem eine Bombenbauanleitung gefunden, wie sie noch heute in islamistischen Kreisen genutzt wird, die auf einem Datenträger gespeichert war, der hinter einer Wandcollage versteckt war. Einen weiteren spektakulären Fund haben Sie ja außerdem noch gemacht, als die Kriminaltechniker den Staubsauger der Familie G. untersucht haben. Was haben die da gefunden? Ja, das war wirklich interessant. Die Kriminaltechniker hatten sich zusammengefunden, um den Inhalt dieses Staubsaugers zu untersuchen.

Es ging eigentlich darum, in dem Staubsaugerbeutel Reste für die Herstellung von sprengfähigem Material oder auch für die Bombe zu finden. Und sie waren sehr überrascht, als sie unter dem Staubsaugerbeutel eine Pistole Beretta fanden. Und das Interessante an dieser Pistole war, daran befand sich ein Hebel. Und wir erinnerten uns an die Gespräche im Fahrzeug. Hebel oben gesichert, Hebel unten entsichert. Das heißt, wenn der Hebel sich in der unteren Stellung befindet, dann ist die Waffe schussbereit. Das war die Waffe, von der Edon B. und Marcel G. vor dem Anschlagsversuch auf Beissicht im Auto gesprochen hatten. Später haben Sie ja außerdem die Handydaten und die Daten des Navigationsgerätes von Marcel G. Auch noch ausgewertet. Was kam dabei heraus? Das war auch interessant. Während der Ablage der Bombe war das Handy von Marcel G. ausgeschaltet. Die Daten zeigen aber, unmittelbar vor und nach der Tat war G. in Bonn.

Und zum Zeitpunkt, als die Tasche abgelegt wurde, hatte er kein Alibi. Die Daten zeigen außerdem, nach der Tat, am Nachmittag, ist G. Von Bonn nach Duisburg gefahren. Mit seinem Auto. In die Wohnung von Edon B. Das ist übrigens belegt durch einen Strafzettel, den G. Dort bekam. Und ein Mitbewohner, der damals in der Wohnung von Edon B. Lebte, der mit der Sache aber nichts zu tun hatte, konnte sich anschließend auch gut an den Abend des 10. Dezember 2012 erinnern.

Er gab an, dass G. damals am Abend aufgetaucht sei. Er sei sehr aufgeregt gewesen und er habe mit Edon B. Immer getuschelt und immer versucht, ihn, den Mitbewohner, außen vor zu halten. Er war nach der Tat eine Woche lang bei Edon B. Geblieben und wir vermuteten, dass er zunächst abtauchen wollte, um sich aus dem Fokus der Ermittlungen fernzuhalten. Von dort aus hatte er auch Informationen über den Fall eingeholt, also alles das, was in den Medien darüber berichtet wurde. Er wollte einfach wissen, ob die Polizei ihm auf den Fersen war. Also man kann sagen, alles in allem, was Sie nun mit Blick auf Marcel G. An Informationen zusammengetragen haben, hat sich Stück für Stück zusammengefügt und am Ende ein ziemlich klares Bild ergeben. Das ist so, ne? Ja, also im Ergebnis muss man sagen, hier ist schon eine sehr dichte Indizienkette entstanden. Und beispielsweise waren wir jetzt auch in der Lage, die Puzzleteile, die wir noch aus der Herkunftsermittlung der Bombenbestandteile noch hatten, so langsam in das große Ganze zusammenzusetzen. Zum Beispiel konnten wir ermitteln, wo der Wecker, der für den Sprengsatz verwendet wurde, gekauft worden ist, nämlich in einem Einkaufscenter, nur wenige hundert Meter von Gees Wohnung entfernt. Dort konnten wir ein Vergleichsstück erwerben, was absolut identisch war mit dem Wecker, der in der Bombe Verwendung gefunden hatte.

Und auch die Batterien, die in diesen Wecker eingelegt wurden, waren, wie schon geschildert, Allerweltsbatterien sozusagen. Und auch hier konnten wir über die Chargenummern dann entsprechend und Funde in der Wohnung diese Puzzleteile dann zusammenfügen. Weiterhin wurden bei der Durchsuchung auch eine Heißklebepistole aufgefunden. Und auch hier haben unsere Kriminaltechniker festgestellt, dass die Heißklebepistole, zumindest der Kleber, der dort produziert wird, chemisch den Resten übereinstimmt, die noch am Wecker der Originalbombe sozusagen sichergestellt worden waren, um die Einzelteile dort zu verkleben. Und ein letzter, kann man sagen, Aha-Moment noch aus der Durchsuchung sozusagen. Eine Kollegin hat eine CD-Sammlung der Familie G. Ausgewertet sozusagen und auf einer CD hat sie ein Foto von Marcel G. Gefunden und dort trägt Marcel G. Offensichtlich eine Jacke, die identisch ist mit der Jacke, die der Taschenträger auf den Videoaufzeichnungen am Schnellrestaurant und von der Ebene des Hauptbahnhofs getragen hat.

Also für sich genommen, einzeln, ist es schwierig, dort einen Beweis zu führen. Aber in der Gesamtschau ergibt sich hier eine erdrückende Beweislast. Einen großen Durchbruch für den Tatnachweis gab es aber noch. Wir haben schon in der ersten Folge gehört, dass die Überreste der Bombe nach der Entschärfung auf DNA untersucht worden waren. Dabei hatte man eine weibliche und eine männliche DNA festgestellt. Beim Abgleich mit der Analysedatei war jedoch zunächst nichts herausgekommen.

Und auch mit der DNA von Marcel G. stimmten die Spuren nicht überein. Aber nun nach G.'s Festnahme haben Sie sich die DNA noch einmal vorgenommen und dabei eine überraschende Entdeckung gemacht. Welche war das, Herr Meisner? Ja, in der Tat. Wir hatten im Laufe der Ermittlungen auch DNA der Ehefrau von Marcel G. erhoben.

Und diese stimmte mit der weiblichen DNA-Spur am Weckerglas der Bombe überein. Und das zeigte, Teile der Bombe waren offenbar vorher in der Wohnung der Familie G. Aufbewahrt worden. Ein Kollege der BAU-Tasche hat sich dann noch einmal das DNA-Muster von Mesel G. Und die männliche Spur vom Rohrkörper vorgenommen, nebeneinandergelegt und hat sich gefragt, ist das eigentlich normal, dass je die Hälfte dieser DNA-Muster miteinander identisch ist? Er hat dann bei den Spezialisten unserer Kriminaltechnik nachgefragt und hat die Auskunft bekommen, ja, das ist dann normal, wenn eine Verwandtschaft ersten Grades besteht. Das heißt, die Spur also entweder von G.'s Vater oder von seinem Sohn her stand. Und mit dem DNA-Profil der Ehefrau konnten wir beide Hälften dann zusammenführen. Und das ließ keinen anderen Schluss zu als, der Sohn der beiden hatte die DNA-Spur am Rohrkörper gelegt. Das ist kaum zu fassen. Der zweijährige Sohn hatte also wohl mit dem Metallrohr gespielt, bevor Marcel G. es zur Bombe verbaut hat. Sie haben ja dann auch gegen G.'s Frau ermittelt. Zu welchem Ergebnis kamen Sie da? War sie in die Pläne Ihres Mannes eingeweiht? Ja, wir haben eine Zeit lang gegen sie ermittelt. Allein schon, weil die Nitromethan-Lieferung auf ihren Namen erfolgt war.

Aber die Ergebnisse der Ermittlungen waren entlastend. Sie hatte damit nichts zu tun. Die Ehefrau war also unschuldig. Marcel G. Selbst hat sich ja während des Ermittlungsverfahrens nicht mehr zu den Vorwürfen rund um den geplanten Sprengstoffanschlag geäußert. Und auch zum Mordkomplott gegen Markus Beisicht schwiegen die vier Männer. Aber durch die DNA von G.'s Frau am Sprengkörper und die des Sohnes hatten sie nun einen wichtigen, objektiven Beweis. Zusammen mit den unzähligen Indizien, die sie mittlerweile zusammengetragen hatten, wurde er zum Fundament der nun folgenden Anklage der Bundesanwaltschaft.

Im März 2014, rund 15 Monate nach dem versuchten Bombenanschlag auf den Bonner Hauptbahnhof, erhebt der Generalbundesanwalt Anklage gegen Marcel G., Edon B., Kerem D. Und Tolga S. wegen der Mitgliedschaft in einer inländischen terroristischen Vereinigung und des versuchten Mordes an Markus Beisicht. Marcel G. ist außerdem wegen des Versuchs, eine Sprengstoff-Explosion herbeizuführen, angeklagt. Das Verfahren vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf findet in einem Hochsicherheitstrag.

Es ist ein Mammutprozess. 155 Verhandlungstage kommen am Ende zusammen. 27 Sachverständige und 157 Zeuginnen und Zeugen werden im Laufe des rund zweieinhalbjährigen Verfahrens gehört.

Von Seiten der vier Angeklagten, insbesondere durch Marcel G., kommt es dabei immer wieder zu Provokationen. G. steht nicht auf, wenn die Richter den Saal betreten. Trotz Aufforderungen nimmt er seine Kopfbedeckung nicht ab. Zum Teil kommt es zu Wüstenbeschimpfungen des Senats. Über die Zeit sammelt der mittlerweile 30-Jährige 160 Tage Ordnungshaft an, wegen Missachtung des Gerichts. Auch Edon B. und Kerem D. Nutzen die Bühne des Verfahrens, um ihre Missachtung für die deutsche Justiz deutlich zu machen.

Allein Tolga S. verhält sich weitgehend ruhig und kontrolliert. Dann am 10. November 2015, das Verfahren ist noch im vollen Gange, machen Mitarbeiter der JVA Wuppertal im Haftraum von Marcel G. eine Entdeckung. Versteckt liegen dort ein Mobiltelefon, eine selbstgebastelte Stichwaffe und eine Skizze zu den An- und Abfahrtswegen der JVA. Außerdem finden sie einen Notizzettel. Darauf vermerkt ist das Datum, an dem die SEK-Beamten, die bislang zur Bewachung Gs abgestellt waren, abgezogen werden sollen. Offenbar hat Marcel G. die Änderung des Sicherheitskonzepts mitbekommen. Es wird klar, er hatte vor, aus der Untersuchungshaft zu fliehen, auch unter Anwendung von Gewalt. Der Vorfall macht erneut deutlich, Marcel G. Lehnt die deutsche Justiz und den deutschen Staat ab. und er ist bereit, dieser Ablehnung auch mit Gewaltnachdruck zu verleihen.

Doch genau das stellt G.'s Verteidiger während des Prozesses in Frage. Denn zentral während des Verfahrens ist die Frage, lässt sich zweifelsfrei nachweisen, dass Marcel G. Die Bombe konstruiert und platziert hat? Und vor allem, handelt es sich tatsächlich um einen funktionsfähigen Sprengsatz? Oder doch nur um eine aufwendige Attrappe, die erschrecken, aber nie explodieren sollte? Das zumindest behauptet Marcel G.'s Verteidiger, denn der Zünder, ein entscheidendes Bauteil also, war ja nach der Entschärfung nicht mehr auffindbar gewesen. Hatte es ihn überhaupt je gegeben?

Doch die aufwendige Ermittlungsarbeit des BKA und der Polizei Nordrhein-Westfalen und die umfangreiche Beweisaufnahme zahlen sich aus. Am Ende ist das Gericht überzeugt, für eine Attrappe war die Konstruktion der Bombe viel zu aufwendig. Marcel G. Hatte sich nachweislich über den Bau einer funktionsfähigen Bombe informiert, Anleitungen besorgt und sich über Monate hinweg alle notwendigen Stoffe beschafft. Um jemanden zu erschrecken, hätte es keine Sprengmasse gebraucht. Und G. hätte nach seiner Festnahme sogar selbst auf den in seinem Kühlschrank befindlichen Initialsprengstoff aufmerksam gemacht, der für einen funktionsfähigen Zünder nötig war. Das Gericht hatte am Ende keinen Zweifel. Es hatte einen Zünder gegeben. Dass die Fahrgäste am Bonner Hauptbahnhof am 10. Dezember 2012 einer Katastrophe entgangen sind, sei letztlich reines Glück gewesen. Marcel G. wird am 3. April 2017 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht stellt außerdem die besondere Schwere der Schuld fest. Auch am Tag der Urteilsverkündung erscheint G. mit Kopfbedeckung. Als er den Saal betritt, ruft er Allahu Akbar. Alaa ist groß und streckt den rechten Zeigefinger in Richtung der Richterbank. Mit Blick auf die unzähligen Tage an Ordnungshaft, die G. Im Laufe des Verfahrens schon angehäuft hat, sagt der vorsitzende Richter, bevor er das Strafmaß verkündet, heute, Herr G., ist alles inklusive.

Edon B., Kerem D. und Tolga S. werden zu Freiheitsstrafen zwischen 9,5 und 12 Jahren verurteilt.

Herr Meissner, Herr Kachel, das Verfahren hat noch mal gezeigt, welche große Verachtung Marcel G. Und seine Mittäter für den deutschen Staat und die deutschen Gerichte empfunden haben. Haben die sich je konkret zu ihren Taten geäußert oder sowas wie Reue gezeigt? Nun, seine Mittäter haben lange geschwiegen, erst spät in der Hauptverhandlung Angaben gemacht. Das ist aber nicht ungewöhnlich in diesem Phänomenbereich. Man wartet ab, welche Beweise die Behörden vorlegen und lässt sich dann entsprechend ein, um irgendwie noch mit Strafmelderung rauszukommen. Tolga S. sagte, sobald ich wusste, was die vorhaben, war ich raus. Und Kerem D., ich dachte, wir wollen Beisicht nur erschrecken oder verprügeln. Das war aber nicht überzeugend. Nur Edon B. hat weitestgehend gestanden. Und wie war es dann mit Marcel G.? Marcel G. hat sich nie zu dem Anschlag auf den Bonner Hauptbahnhof eingelassen. Und in Bezug auf Beisicht gab es nur die eine Äußerung am 15. März 2013, in dem er sagte, es sollte nur ihn treffen. Etwa vier Wochen nach dieser Äußerung waren nochmal Beamte des BKA bei ihm Und da sagte er, er könne keine Angaben machen, er sei kein Moslem mehr, wenn er Brüder verrate.

Das ist so eine Art Ehrenkodex in diesen Kreisen. Keine Aussage machen, niemanden verraten, um dadurch auch nach der Haft noch ein entsprechendes Ansehen in der Szene zu genießen. Man muss einfach feststellen, eine Kooperation mit den Ermittlern hätte einfach nicht ins Weltbild der Gruppe gepasst. Sie haben die deutsche Rechtsprechung und die Gerichtsbarkeit völlig abgelehnt. Für sie galten nur die Scharia. Und ich muss auch sagen, wenn man jetzt den Fall noch mal Revue passieren lässt, auch das täterseitige Handeln, ist die kriminelle Energie, die vor allem Marcel G. an den Tag gelegt hat, schon bemerkenswert. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil dann am 19. März 2019 auch bestätigt. Rund siebeneinhalb Jahre nach dem versuchten Attentat auf den Bonner Hauptbahnhof war die Entscheidung also rechtskräftig.

Sie hatten viele Monate unter großem Druck auf dieses Ergebnis hingearbeitet, einen wahnsinnigen Ermittlungsaufwand betrieben. Herr Meissner, was ging Ihnen vor, als klar war, nun ist der Fall endgültig abgeschlossen, abgehakt? Ja, am Ende natürlich eine große Erleichterung, dass der Prozess nach dieser langen Dauer endlich rechtskräftig zu Ende gegangen war. Und auch eine gewisse Zufriedenheit darüber, dass das Gericht unser Ermittlungsergebnis und natürlich auch das des Generalbundesanwalts mit diesem Urteil bestätigt hat. Das zeigt, dass wir das Richtige getan haben.

Letztlich, glaube ich, können wir rückblickend auch auf alle Kollegen, die an den Ermittlungen beteiligt waren, stolz und zufrieden sein, dass da alles so gut gelaufen ist. Und ich möchte aber auch nochmal betonen, wir haben viel über das BKA jetzt auch geredet. Wir sind die Vertreter des BKA hier, die den Fall darstellen. Aber wir stehen nur stellvertretend für zahlreiche Kriminalbeamtinnen und Kriminalbeamte, die an diesem Fall intensiv Mittel mittelt haben. Sei es von der Bundespolizei, sei es von den beteiligten Landesbehörden aus Köln, Bonn, Essen und Düsseldorf. und das macht einen schon zufrieden, dass man im Verbund so gut zusammen funktioniert hat und gute Arbeit geleistet hat. Darüber hinaus möchte ich auch erwähnen, dass man natürlich als Beamter irgendwann mal gelobt hat, auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verteidigen und hier haben wir es ja auch offensichtlich mit demokratiefeindlichen Strömungen zu tun gehabt, gegen die wir hier ermittelt haben und dass man hier quasi sein Gelöbnis sozusagen nochmal in die Tat umsetzen konnte, das macht einen natürlich auch zufrieden. Ein absolut wichtiges Zeichen, das jetzt von Ihnen nochmal gekommen ist. Vielleicht zum Abschluss noch eine Frage, die mich auch persönlich beschäftigt.

Wie würden Sie sagen, sollte man sich verhalten, wenn man einmal selbst in eine Situation kommt, wo man, sagen wir, am Bahnsteig oder unter einem Sitz im Zug eine herrenlose Tasche bemerkt? In unserem Fall haben ja mehrere Zeugen die Tasche geöffnet, sogar dagegen getreten. Wir haben ja darüber gesprochen, das hätte auch schief gehen können. Also erzählen Sie, wie sollte man sich richtig verhalten? Ja, also die Ratschläge können nur in eine Richtung gehen. Sobald ich einen solchen Gegenstand feststelle und einen Schluss daraus ziehe, der in die Richtung geht, ich könnte es hier mit einem gefährlichen Gegenstand zu tun haben, sofort Abstand nehmen.

Muss andere warnen, muss dafür sorgen, dass sich niemand mehr diesem Gegenstand nähert und sofort bei den entsprechenden Stellen, vor allem in der Polizei, Meldung machen. 1-1-0 geht da schnell. Damit sind wir auch am Ende der heutigen Folge. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen, bei Ralf Kachel und André Meissner. Schön, dass Sie bei uns im Studio waren und dass Sie sich die Zeit genommen haben. Vielen Dank. Es war schön, hier zu sein. Ja, vielen Dank auch von mir. Tschüss. Danke auch von mir. Schön, dass Sie da waren. Ein großer Dank geht auch an Rüdiger José Hamm von der BAG RELX und an Lale Atun, Autorin dieser Folge. Wie immer am Ende vielen Dank auch an euch fürs Zuhören. Ich sage bis zum nächsten Mal bei Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Ganz wichtig, bleibt sicher. Tschüss und bis bald. Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Eine Produktion der Securitel in Kooperation mit BUM-Film im Auftrag des ZDF.

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