Music.

Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY, Unvergessene Verbrechen. Ich bin Rudi Zerne und bei mir sitzt heute mal wieder meine Kollegin Nicola Hänisch-Koß. Willkommen zu dieser Folge. Ja, Rudi, worüber sprechen wir heute? Ja, natürlich wieder über Kriminalfälle, aber keine, wie wir sie sonst so kennen, sondern über Verbrechen, wie sie immer wieder vorkommen, über islamistischen Terror. Ein Thema, das unheimlich aufgeladen ist, auch weil es vielen Menschen große Angst macht, verständlicherweise.

Gerade deshalb ist es uns wichtig, in unserer Doppelfolge zu diesem Thema keine Spekulationen oder Vorurteile zu bedienen und klar zu unterscheiden zwischen friedlicher Religionsausübung und jenen, um die es heute geht. Fanatiker, Ideologen, die eine Religion als Vorwand nutzen, um teils schlimme Straftaten zu begehen. Und für genau diesen präzisen und differenzierten Blick sind wir heute nicht allein. Unsere Redaktion hat in Vorbereitung der heutigen Folge mit Rüdiger José Hamm gesprochen. Er ist einer der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus, kurz BAG Rel Ex, die sich unter anderem gegen islamistische Radikalisierung einsetzt. Und wir sprechen natürlich mit den Kriminalbeamten, die in unserem heutigen Fall ermittelt haben, ohne zu viel vorwegzunehmen.

Bei dem versuchten Anschlag, um den es heute geht, gab es weder Tote noch Verletzte. Aber dass es so glimpflich ausging, das, muss man ganz klar so sagen, war großes Glück. Fast hätte man damals im Jahr 2012 vom ersten islamistischen Anschlag in Deutschland sprechen müssen, der vermutlich ähnlich fatal wie die Terroranschläge von Madrid 2003 und dem auf die Londoner U-Bahn 2005 ausgegangen wäre. Am Ende war es der akribischen Arbeit der Ermittlerinnen und Ermittler des Bundeskriminalamtes und der Polizei in Nordrhein-Westfalen zu verdanken, dass nicht viel Schlimmeres passiert ist. Doch bevor wir da tiefer einsteigen, möchten wir unsere heutigen Studiogäste begrüßen, nämlich genau die Beamten, die maßgeblich zur Klärung des Fallkomplexes beigetragen haben, um den es in unserer Doppelfolge geht. Bei uns sind Kriminalrat Ralf Kachel und erster Kriminalhauptkommissar André Meissner. Beide sind Teil der Abteilung TE des Deutschen Bundeskriminalamts.

Sie sind zuständig für Ermittlungen im Bereich des islamistisch motivierten Terrorismus und Extremismus, deshalb auch die Abkürzung TE. Also an Sie beide ein herzliches Willkommen. Ja, schön, dass Sie da sind. Hallo. Ja, vielen Dank. Ich freue mich, hier zu sein und dass ich Ihnen den Fall näher bringen kann. Ja, für mich guten Tag und danke für die Einladung. Herr Kachel, Sie sind mittlerweile im Führungsstab der Abteilung TE beim Bundeskriminalamt, Kriminalamt, also eher in einer, man kann sagen, leitenden koordinativen Rolle, haben aber vorher auch viele Jahre selbst ermittelt, unter anderem in dem Fall, um den es heute geht. Genau wie Sie, Herr Meissner. Sie ermitteln bis heute zu verschiedenen Fällen, die in den Bereich der Abteilung TE fallen. Erklären Sie uns doch bitte mal kurz, was genau ist die Abteilung TE beim Bundeskriminalamt? Ja, die Abteilung TE ist Teil des sogenannten polizeilichen Staatsschutzes.

Darunter sind viele Phänomenbereiche, so wie wir es im polizeilichen Bereich nennen, zusammengefasst. Üblicherweise die Straftaten links- und rechtsextremistisch motiviert, aber auch Spionage, Straftaten nach dem Völkerstrafgesetzbuch. Und ein wesentlicher Teil, der nach dem Anschlag insbesondere auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016 nochmal ausgebaut wurde und dann zu einer eigenen Abteilung wurde, ist der Bereich islamistischer Terrorismus und Extremismus in Berlin. Ein großer Bereich. Ja und in dieser Abteilung ermitteln Sie tagtäglich zu schweren, staatsgefährdenden islamistischen Straftaten kein leichtes Thema also. Also, heute sprechen wir über einen, Gott sei Dank muss man sagen, missglückten Anschlagsversuch, nämlich über den auf den Bonner Hauptbahnhof im Jahr 2012, zu dem vor allem Sie, Herr Kachel, ermittelt haben. Sie haben es in Ihrer Abteilung immer wieder mit terroristischen Attentaten und Attentatsversuchen zu tun.

Ist ein Anschlagsgeschehen wie dieses demnach für Sie nun vielleicht nicht Alltag, aber doch nur eine Ermittlung von vielen? Nein, sicher nicht. Dieser Fall war, und wir werden auf die verschiedenen Facetten ja noch zu sprechen kommen, Tatsächlich etwas Besonderes. Ich bin nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den Ermittlungsbereich des polizeilichen Staatsschutzes gewechselt und bin dort dann 18 Jahre lang aktiv gewesen. Und rückblickend muss ich sagen, das war schon ein besonderer Fall in der Karriere. Wieso war er so herausragend oder besonders für Sie? Naja, es war natürlich eine außerordentlich herausragende Gefahrenlage. Es war großes Glück, wie wir ja später noch besprechen werden, dass der Sprengsatz, um den es hier geht, nicht tatsächlich hochgegangen ist, so will ich es mal formulieren, und tatsächlich viele Opfer gefordert hat. So wie Sie es eingangs schon zu den Anschlägen in Madrid und London besprochen haben, gab es mehrere hundert Tote, das waren verheerende Anschläge. Und sowas hat man natürlich vor Augen, wenn man in so eine Ermittlung geht. Herr Meissner, haben Sie Einzelheiten dazu? Man muss dazu auch sagen, der Bombenanschlag, der war zwar gescheitert, aber die Täter waren zunächst unbekannt. Und es war klar, wir hatten es mit einer Tätergruppe oder vielleicht auch nur einem Täter zu tun, die extrem hohe kriminelle Energie aufgewiesen haben. Und man musste jederzeit damit rechnen, dass diese Personen oder Personen wieder aktiv werden. Diese Befürchtung hat sich dann ja auch bestätigt. Ja und wie genau, dazu kommen wir gleich.

Zuvor noch ein kurzer Hinweis. Aus rechtlichen Gründen haben wir die Namen aller Tatverdächtigen geändert. Aber beginnen wir zunächst damit, was sich damals ereignet hat.

Es ist der 10. Dezember 2012, ein Montag. Am Hauptbahnhof in Bonn herrscht reger Betrieb. Es ist kurz vor 13 Uhr, da fällt einem Mann, der an Bahnsteig 1 auf seinen Zug wartet, eine blaue Reisetasche auf, die herrenlos unter einer Sitzgruppe liegt. Der Mann geht zu den Sitzen, zieht die Tasche hervor und öffnet den Reißverschluss. Ein kurzer Blick in die Tasche genügt, um zu erkennen, die Lage ist absolut ernst. Er kann einen Rohrkörper ausmachen, Kabel, die aus dem Inneren ragen, einen Wecker und Gaskartuschen, die mit dem Rest der Vorrichtung verklebt sind. Der Mann wird sofort klar, er hat einen Sprengsatz vor sich. Was einem in so einem Moment durch den Kopf geht, lässt sich nur erahnen. Der Mann jedenfalls schiebt die Tasche zurück unter die Sitzreihe. Er eilt in die Bahnhofsvorhalle zu einem Service Point der Deutschen Bahn, um die Mitarbeiter über seinen erschreckenden Fund zu informieren. Die setzen sofort die für solche Fälle vorgesehene Informationskette in Gang und geben die Nachricht über den vermuteten Sprengstofffund an die Bundespolizei weiter. Sie ist in Deutschland zuständig für alle polizeilichen Aufgaben auf dem Gebiet der Bahnanlagen des Bundes, also auch auf dem Bonner Hauptbahnhof. Während in der Leitstelle der Polizei alle notwendigen Protokolle anlaufen und die zuständigen Einheiten informiert werden, bleibt die verdächtige Tasche an Bahnsteig 1 auch für weitere Fahrgäste nicht unbemerkt.

Zwei Jungen, einer zwölf und der andere 13 Jahre alt, die gerade noch im angrenzenden Schnellrestaurant gegessen haben, nehmen auf der Sitzgruppe Platz.

Die Tasche bemerken sie zunächst nicht, dafür aber einen Mann, der daneben auf dem Boden hockt. Später werden sie ihn gegenüber der Polizei als, Zitat, farbige Person beschreiben. Plötzlich springt der Mann auf und wirft den beiden Jungen eben jene blaue Tasche vor die Füße und läuft weg. Auch die beiden Jungen werfen nun einen neugierigen Blick in die Tasche. Auch sie erkennen sofort die verdächtige Vorrichtung im Innern, lassen die Tasche fallen und weichen zurück. Nach kurzer Diskussion nähern sie sich der Tasche erneut. Ein zweiter Blick bekräftigt noch einmal, das könnte in der Tat ein Sprengsatz sein. Einer der Jungen versetzt der Tasche einen kräftigen Tritt und kickt sie zwei, drei Meter von der Sitzgruppe weg. In diesem Moment treffen auch schon die Beamten der Bundespolizei am Bahnsteig ein. Sie sprechen die beiden Jungen an, schauen nun selbst in die Tasche und kommen zu demselben Schluss wie die bisherigen Zeugen. Bei dem verdächtigen Gegenstand in der Tasche handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen gefährlichen Sprengsatz. Abgelegt am helllichten Tag an einem der zentralen Verkehrsknotenpunkte in Nordrhein-Westfalen. Allein auf diesem Bahnsteig befinden sich zu dem Zeitpunkt 30 bis 40 Personen. Im gesamten Bahnhofsgebäude sind es noch weit mehr. Sofort fordern die Beamten Verstärkung an.

Herr Kachel, Herr Meissner, Sie und das BKA waren ja damals noch nicht in diese ersten Ermittlungen involviert. Das kam ja erst einige Tage später. Trotzdem wissen Sie natürlich genau, was sich in den folgenden Minuten und Stunden am Bahngleis 1 in Bonn am Hauptbahnhof abgespielt hat. Vor allem Sie, Herr Kachel, Sie sollten später, als das BKA übernahm, ja die Ermittlungen zum Anschlagsversuch vor Ort leiten. Sie haben ja eben schon einmal angedeutet, Routine ist so eine Lage auch für einen Polizeibeamten wie Sie nicht, also auch wenn Sie so erfahren sind. Nein, natürlich nicht. Das ist richtig. Aber gleichwohl gibt es natürlich auch gewisse Abläufe an so einer Art Einsatzprotokoll, an das man sich dann auch hält, an konsentrierte Maßnahmen, die man dann zu treffen hat. Es gibt es sowohl beim Bundeskriminalamt als auch bei der übrigen Bundes- und Landespolizei.

Und so haben das hier auch die Kräfte der Bundespolizei und der Bonner Polizei natürlich gemacht, insbesondere als der Fund dann auch sozusagen gemacht wurde. Da greift man auf geschulte Abläufe zurück. Es gibt Strukturhandlungssicherheit. Gleichwohl ist es natürlich so, wie Sie gesagt haben. Es gibt bei solchen Einsätzen immer Unwägbarkeiten. Es gibt immer natürlich auch eine gewisse Hektik und Aufregung vor Ort, Und somit ist so ein Fund und so ein Ereignis natürlich nie Alltag, auch nicht für den Polizisten. Wie ging es dann weiter? Es wurde ein Entschärfungskommando eingesetzt. Genau. Also der Gang der Dinge ist dann wie folgt. Am Anfang steht nicht direkt die kriminalpolizeiliche Ermittlungsarbeit, sondern erstmal vordringlich ist die Gefahrenabwehr. Das heißt, im Gefahrenbereich muss erstmal Sicherheit hergestellt werden. Das heißt, alle dort auffälligen Personen müssen so weit wie möglich entfernt werden. Der Bereich muss abgesperrt werden und dann muss beraten werden, wie man vorgeht. Und in diesem Fall ist es so, dass dann ein Entschärfungskommando der Bundespolizei alarmiert wurde. Das sind Experten, um sogenannte USBVen dann auch unschädlich zu machen. Und die gibt es bei der Bundespolizei, bei allen Landeskriminalämtern. Aber auch das BKA hat solche Entschärfungsdienste.

USBV, sagen Sie, was heißt das genau? Das ist eine gesamte unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung. Also das ist ein selbstgebauter, improvisierter Sprengsatz oder langläufig auch eine Bombe, so wie man es sagt. Das ist bei uns im Bereich des islamistischen Terrorismus natürlich kein unbekanntes Phänomen. Und ja, wie geht man an so einem Fall vor? Die Entschärfer haben es ja in diesem Fall auch so gemacht. Die haben eine kleine Sichtprobe genommen, geschaut, womit haben wir es zu tun. Und dann treffen sie eine fachliche Einschätzung. Und hier sind sie zu dem Schluss gekommen, dass sie eine Interventionsmaßnahme vornehmen möchten. Und zwar eine Entschärfung oder auch, wie man im Fachjogon sagt, eine Delaboration. Herr Kachel, jetzt hat sich bei mir im Hinterkopf das Wort Delaborieren festgesetzt. Was genau ist das jetzt? Naja, das ist eine sogenannte Entschärfung. Also man delaboriert sozusagen den Gegenstand. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten.

Vielleicht kennen Sie es ja im Film. Da ist dann oft die Entscheidung, nehme ich den blauen Draht oder den roten Draht. So ist es im echten Leben natürlich nicht. In diesem Fall ist es so gewesen, dass man sich dazu entschlossen hat, diesen Sprengsatz mit einem sogenannten Wassergewehr unschädlich zu machen. Das ist ein Gewehr, was quasi mit sehr hohem Druck und sehr konzentriert einen Wasserstrahl ausschießt. Und man hat quasi diesen Schuss ausgerichtet auf die Zündauslösevorrichtung. Funken sprühen. Das heißt, man kann nicht ungewollt sozusagen den Sprengsatz sozusagen entfachen oder dort etwas verursachen. Und so ist man hier vorgegangen. Und womit hatte man es jetzt hier genau zu tun? Na, ganz offensichtlich hat diese Sichtprobe ergeben, dass es so eine Art Rohrbombe ist. Es war ein Metallrohr zu sehen, wie man später auch feststellte, wie es eine Art im Wasserbau Verwendung findet. Dieses Metallrohr war an einer Seite mit einer Muffe zugeschraubt, An der anderen Seite war es offen. Man hat eine Art Klarsicht oder Zellophanfolie gesehen.

Paketklebeband war auszumachen und es waren Gaskartuschen mit diesem Paketklebeband mit dem Metallrohr verbunden. Außerdem hat man einen auffälligen Plastikwecker mit einem auffälligen Ziffernblatt gesehen. Drähte schauten heraus, Verbindungen, weitere Klebebänder auszupacken. Was man nicht feststellen konnte, ist akustisch ein Ticken dieses Weckers. Das konnte man nicht wahrnehmen. Aber die Experten, denen war sofort klar, entweder es ist eine extrem aufwendig gemachte Attrappe oder tatsächlich ein funktionsfähiger Sprengsatz. Ja, also eine ziemlich gefährliche Situation. Man musste ja im Grunde jederzeit damit rechnen, dass dieser mögliche Sprengsatz detoniert, richtig? Ja, so ist es. Und deswegen war es auch angezeigt, hier den Sprengsatz zu delaborieren. Und das ist auch gelungen. So viel kann ich vorwegnehmen. Es ist sogar sehr gut gelungen, um es mal so zu formulieren. Denn nachdem der Beschuss durchgeführt wurde, der wird ja mit sehr hoher Energie ausgeführt, sind Teile des Zündauslösemechanismus großflächig über dem Bahnsteig und auch im Bahngleis sozusagen verteilt worden. Teilweise sind die Teile 14 bis 15 Meter weit geflogen, wie die spätere Tatortaufnahme ergeben hat.

Und insbesondere der Plastikwecker, der war von einer sehr einfachen Bauart gewesen. Der hat sich in sehr, sehr viele Einzelteile zerlegt, genauso natürlich auch wie diese Butangaskartuschen. Der Rohrkörper selbst ist unversehrt geblieben. Und als man sich den dann näher angeschaut hat, hat man in diesem Rohrkörper eine weiße, klumpige Substanz festgestellt. Hat dort vor Ort noch einen Schnelltest auf Sprengmittel durchgeführt. Und das führte zu dem Ergebnis, dass man Ammoniumnitrat festgestellt hat. Das ist eine Art bekanntes Selbstlaborat, was auch in solchen USBVen als Sprengstoff im Bombenbau Verwendung findet. Das war uns bekannt. Und das war für uns natürlich ein deutlicher Hinweis, dass wir uns hier nicht mit einer Attrappe zu tun haben. Wir hatten im Vorfeld, also in Vorbereitung zu dieser Folge ja auch nochmal über diesen Zusammenbau gesprochen und Sie hatten da erwähnt, dass da eine Heißklebepistole zum Einsatz kam. Ja, das ist richtig. Das, was wir später sozusagen in der Tatortarbeit dann auch rekonstruieren konnten, das waren sehr, sehr viele kleinteilige Teile verwendet worden. Man hat bei dieser Art Plastikwecker auch Anbohrungen vorgenommen, dann Drähte angebracht mit einer Heißklebepistole.

Hat wiederum dann noch Klebeband genutzt und andere improvisierte kleine Teile, um dort einen Zündauslösemechanismus, der dann zeitgesteuert durch den Wecker gewesen ist, um dann später elektrische Kontakte auszulösen, dann entsprechend zu konstruieren. Ist das denn typisch für islamistischen Terror? Ja, das ist uns aus vergangenen Fällen durchaus bekannt. Es ist eine sehr improvisierte Machart und so wie es hier ausgeführt worden ist, war es auch eine sehr, ich würde mal sagen, fragile Konstruktion. Sie haben gerade den Einsatz des Wassergewehrs beschrieben, wie also praktisch diese Bombe in Einzelteile zerstört wurde. Und diese Einzelteile sind 14, 15 Meter weit geflogen. Und warum der Verlust einzelner Teile der Bombe später zu Problemen geführt hat, dazu kommen wir später noch. Und auch dazu, warum man von Glück reden muss, dass die Bombe nicht gezündet hat. Immerhin haben die beiden Jungen ja dagegen getreten. Nun aber erstmal die Frage. Die akute Gefahr war nach der Entschärfung der Bombe abgewendet. Jetzt ging es an die Suche, Nach dem oder dem Täter nehme ich an. Ja, das ist richtig. Dann beginnt natürlich das, was man so kennt, die klassische kriminalpolizeiliche Arbeit. Zunächst mal am Tatort. Die Spuren müssen gesichert werden, die Zeugen müssen identifiziert und vernommen werden.

Sie müssen im Prinzip beginnen, den Geschehensablauf dieser Ablage der Tasche und so mit der Bombe so gut wie möglich zu rekonstruieren und dann Ermittlungsansätze zu generieren, um den Täter zu finden. Also einfach gesagt, wir müssen herausfinden, womit haben wir es zu tun. Das ist natürlich erstmal die Aufgabe der örtlich zuständigen Kollegen gewesen, also der Bundespolizei vor Ort und auch der Kollegen der Polizei in Bonn. Aber schon relativ schnell war klar, dass man es hier mit einem Anschlagsgeschehen zu tun hat und das für eine örtliche Polizeibehörde natürlich zu komplex wird von der Ermittlungsarbeit.

Deswegen sind die Ermittlungen noch am Abend an das Polizeipräsidium in Köln übergeben worden. Und dort hat man aufgrund der Komplexität der Ermittlungen eine sogenannte BAO, eine besondere Aufbauorganisation, eingerichtet. Das ist eine Dienststelle, wo diverse Kräfte zusammengezogen werden und sozusagen eine Einheit aus dem Boden gestampft wird, die diesen Fall dann bearbeitet, exklusiv bearbeitet. Und ja, wie muss man sich das vorstellen? Das ist eine Zahl von beteiligten Ermittlern, ich würde sagen, im dreistelligen Bereich, die man hier angesetzt hat. Und welche Maßnahmen haben die Kölner Kolleginnen und Kollegen dann getroffen? Zunächst mal sind sie davon ausgegangen, dass sie mindestens einen flüchtigen Täter haben, mit dem sie es zu tun haben und denen es zu identifizieren gilt. Das stand natürlich erstmal im Zentrum der Maßnahmen. Das heißt, die Erstbefragung der Zeugen am Tatort zielen genau darauf ab, Hinweise zu gewinnen, auf denjenigen, der die Tasche abgelegt hat. Außerdem guckt man natürlich, gibt es irgendwo Videokameras im Umfeld? Können wir Videoaufnahmen generieren, um ein Bild vom Täter oder auch Aufnahmen vom Hergang dieser Taschenablage zu haben. Aber was die Polizei in solchen Fällen auch macht, sind kalendermäßig vorbereitete Sofortfahndungsmaßnahmen. Das werden Sie vielleicht kennen.

Ringalarmfahndungsmaßnahmen werden vorher festgelegte Punkte besetzt durch Polizeikräfte und dann werden alle Personen und Fahrzeuge notiert, die dann dort vorbeifahren, um einfach erstmal ein Netz auszulegen, um, dem Täter habhaft werden zu können. Und das kann man natürlich auch kalendermäßig weiter ausweiten. Das haben die Kollegen aufgrund der Bedeutung des Sachbeides hier auch getan. Man hat also auch kalendermäßig an Flughäfen und entfernten Bahnhöfen gefahndet, um eben auch einen möglichen Fluchtweg des Täters abdecken zu können.

Kalendermäßig heißt es, dass man da bestimmte Zeiträume festlegt, die wichtig sind? Genau, Zeiträume. Und man berechnet dann, wie weit könnte es der Täter von einem bestimmten Zeitpunkt aus vom Tatort weggeschafft haben. Und dann besetzt man bestimmte vorher festgelegte Punkte mit Einsatzkräften. Herr Meissner, ging die Kölner Polizei denn von vornherein von einem islamistisch motivierten Anschlagsversuch aus? Auch wenn es Anzeichen dafür gab, dass es sich um einen islamistisch motivierten Anschlagsversuch handelt, es ist nie ratsam. Sie von vornherein auf einen Phänomenbereich und eine Täterhypothese festzulegen und nur in eine Richtung zu ermitteln. Und das wurde ja, wie Sie wissen, bei den Ermittlungen zum sogenannten NSU stark kritisiert. Und das kann dazu führen, dass die Ermittlungen in eine völlig falsche Richtung laufen. Man läuft sich fest und kommt da nicht mehr raus. und dementsprechend wird bei einer unklaren Informations- und Erkenntnislage immer in alle Richtungen ermittelt.

Allerdings, das muss ich auch sagen, die Annahme einer islamistischen Motivation drängte sich hier schon auf. Wieso das? Können Sie das näher festlegen? Der öffentliche Personennahverkehr, hier der Bahnhof in Bonn als sogenanntes weiches Angriffsziel, also ungeschützt und ohne große Sicherheitshürden. Das sprach dafür und mich hat das vom Motus Operandi erinnert an die... Zum Glück gescheiterten Kofferbomben, Anschläge in Köln im Jahr 2006. Die Anschläge in Madrid und in London, die islamistischen, Anfang der 2000er Jahre, sind ja ähnlich abgelaufen. Und diese USBV, die war uns von der Machart her aus dem islamistischen Bereich bereits bekannt. Dort gibt es ähnliche Fälle und Bauanleitungen.

Und hinzu kommt, muss ich auch sagen, die gesellschaftspolitische Situation in Nordrhein-Westfalen in dieser Zeit. Der Fund fand nicht im luftleeren Raum stand, sondern es gab einen Kontext dazu. Und wie war es in Bonn? Ja, das kann ich vielleicht ergänzen. Also Bonn war damals schon bekannt für, sag ich mal, es war eine bekannte Szene für radikal-islamistisches Personenpotenzial. Wenige Monate zuvor, im Mai 2012, ist es in Bonn zu Demonstrationen gegen die rechtsextreme Partei Pro NRW gekommen. Und bei diesen Demonstrationen ist es dann auch zu gewalttätigen Übergriffen gekommen durch salafistische, islamistische Gruppierungen, die dort demonstriert haben, auch gegen Polizeibeamte. Die Veranstaltungen sind also regelrecht eskaliert. Und die haben eine sogenannte Moscheentour damals veranstaltet und haben auch mit den Mohamed-Karikaturen, die damals auch in Dänemark schon bekannt waren, agiert. Und das hat natürlich, das hat sogenannte Salafisten und islamistische Personen im Bereich Bonn und Nordrhein-Westfalen natürlich extrem provoziert und hat hohe Wellen geschlagen. Und bei derartigen Demonstrationen ist es dann auch zu Handgreiflichkeiten gekommen und zu Straftaten. und das hat damals in Bonn und Umgebung schon für Aufsehen gesorgt.

Ja, der eine oder die andere wird sich sicher noch erinnern. Ich habe es zumindest noch ganz gut vor Augen. Es ist eine Zeit, in der der Begriff Salafismus auf einmal in den Nachrichten extrem präsent ist. In der extremistische Prediger wie die Konvertiten Pierre Vogel und Sven Lau für großes Aufsehen in den Medien sorgen und die Angst vor islamistischen Terroranschlägen in Deutschland wächst.

In Vorbereitung zu dieser Podcast-Folge haben wir mit Rüdiger José Hamm gesprochen. Er ist einer der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus, die sich unter anderem für ein friedvolles Miteinander gegen islamistische Radikalisierung engagiert. Von ihm wollten wir wissen, was genau versteht man unter Salafismus? Also Salafia ist die Bezeichnung einer innerislamischen Reformbewegung des 19. Jahrhunderts. Und die Anhängerinnen dieser Bewegung beziehen sich auf die sogenannten frommen Altvorderen. Das heißt, es ist eine konservative Strömung innerhalb des sunnitischen Islams und darin eine sehr fundamentalistische Strömung. Was im allgemeinen Sprachgebrauch unter Salafismus verstanden wird, ist aber eher das, was wir zumindest in Deutschland seit ungefähr den 2010er Jahren beobachten. Man könnte es fast so eine Art Jugendbewegung nennen oder Subkultur.

Das heißt, Jugendliche fingen an, sich für Islamismus zu interessieren und finden offensichtlich gewisse Dinge innerhalb dieser Art Subkultur. Das heißt, sie suchen nach Identität, Zugehörigkeit, Anerkennung. Das sind oft Gründe, warum sich vor allem Jugendliche bestimmten Subkulturen anschließen. Das an sich, sagt Rüdiger José Hamm, ist auch völlig normal, dass vor allem junge Menschen aber auch ältere Halt und Zugehörigkeit in einer Gruppe suchen. In den frühen 2000er und 2010er Jahren seien das aufgrund der zunehmenden Islamfeindlichkeit für manche, vor allem muslimisch geprägte Jugendliche, eben auch religiöse Gruppen gewesen.

Dabei sehr wichtig zu betonen, sagt Ham, dass auch nicht alle Salafisten automatisch gewaltbereit seien. Und auch das ist ihm wichtig, dass man Salafismus nicht mit dem Islam gleichsetzen könne. Der Salafismus ist, wie gesagt, sehr fundamentalistisch, konservativ, rückwärtsgewandt. Das heißt, er ist antimodern, auch antidemokratisch. Es gibt aber verschiedene Strömungen innerhalb dieses Salafismus. Es gibt eine Strömung, die eben eher auf Gewalt verzichtet und versucht mit Propaganda die eigenen Vorstellungen durchzusetzen. Grundsätzlich kann man sagen, Ziel ist ein wie auch immer geartetes Kalifat nach der eigenen Interpretation des Islam. Das ist mir auch sehr wichtig zu betonen, das ist eben nicht der Islam, sondern eine Strömung, die natürlich nicht ganz unbedeutend ist.

Im Zuge dieser Verbindung mit terroristischen Aktivitäten, vor allem zu den Hochzeiten des sogenannten Islamischen Staates. Also da gab es sehr starke Verbindungen. Früher wurde der Satz geprägt, nicht jeder Salafist ist ein Anhänger oder eine Anhängerin des Islamischen Staates, Aber die Anhängerinnen, die beispielsweise ausgereist sind aus Deutschland, kamen alle aus dem salafistischen Spektrum. Insofern, nicht alle Salafistinnen sind aktiv kämpferisch, extremistisch, aber man kann sagen, alle neigen eher zu antidemokratischen Denk- und Handlungsverfahren.

Ja, eine sehr wichtige Differenzierung. Herr Kachel, Ihre Kolleginnen und Kollegen von der Kölner Polizei hatten es in der Vergangenheit natürlich vor allem mit dem gewaltbereiten Teil der islamistisch-salafistischen Szene in Nordrhein-Westfalen zu tun gehabt. Sie haben den Kontext ja eben kurz skizziert und schon sehr kurz nach dem Anschlagsversuch hatten die Ermittler aus Köln ja auch einen ziemlich handfesten Grund. Zumindest einen der Täter in genau dieser Szene zu vermuten, oder? Das ist richtig. Anlass waren die Aussagen von zwei Jungs, die am Bahnsteig 1, wie schon geschildert, gegen die blaue Tasche mit dem Sprengsatz getreten hatten. Die wurden auch am selben Tag vernommen und berichteten, ich zitiere, von einem farbigen Mann, der ihnen die Tasche vor die Füße geworfen habe und dann weggelaufen sei. Die Jungs gingen davon aus, dass der Mann die Person war, die die Tasche auch abgelegt hatte.

Im Anschluss wurde dann noch ein Phantombild der Person gefertigt. Da man aber auch früh islamistische Täter vermutete, hat man den Jungen auch sogenannte Wahllichtbildvorlagen vorgelegt. Darunter waren unter anderem auch Fotos von ehemaligen Tatverdächtigen oder sogenannten Gefährdern aus der islamistischen Szene in Bonn und in Nordrhein-Westfalen. So, dass Kollegen davon ausgegangen sind, dass möglicherweise hier passen könnte. Und haben die Jungs jemanden erkannt? Ja, einer der Jungen meinte, auf einem Foto den Mann vom Bahnsteig wiederzuerkennen.

Er sagte, er sei sich zu, und ich zitiere auch hier wieder, zu 90 Prozent sicher gewesen. Und der Mann auf dem Foto war uns, also auch den Ermittlern bekannt. Es war Ayman D., ein deutscher Somalier, eine bekannte Figur aus der islamistisch-salafistischen Szene im Raum Köln-Bonn.

Die Ermittlungen haben sich dann sehr schnell auf ihn konzentriert und am Tag nach dem Bombenfund hat die Polizei Bonn in kurzfristig ein Gewahrsam genommen, aber dann auch einige Stunden später wieder entlassen, weil man keinen dringenden Tatverdacht belegen konnte. Trotzdem, die Kolleginnen und Kollegen hatten diesen, so schien es zumindest, sehr konkreten Hinweis auf den Mann, der den beiden Jungen die Tasche hingeworfen hatte. Sie hatten ein Phantombild und Sie hatten noch etwas anderes. Es gab Videoaufnahmen von einem weiteren mutmaßlichen Täter. Was war darauf zu sehen? Genau, an Bahnsteig 1 grenzte ein Schnellrestaurant mit direktem Zugang zum Bahnsteig zum Gleis 1. Und die Aufzeichnungen der deutlichen Videokameras sind ausgewertet worden und zeigten eine Person, die die besagte blaue Tasche in der Hand hatte. Allerdings war das Problem, dass der Winkel der Kameras sehr steil war. Die Kameras waren oben im Deckenbereich angebracht und somit war das Gesicht des Mannes nicht zu erkennen und eine Identifizierung nicht möglich. Eindeutig zu erkennen war nur, der Mann war weiß und hatte einen Vollbart. Zu dem Zeitpunkt mussten die Kollegen also mit Blick auf die Angaben der beiden Jungs von mindestens zwei Tätern ausgehen.

Zeitlich befinden wir uns hier in den ersten Tagen nach dem gescheiterten Anschlagsversuch, also in einem ganz frühen Stadium der Ermittlungen. Mit welcher Dringlichkeit und mit welchem Tempo die Ermittlungsbehörden hier vorgehen, zeigt auch die Tatsache, dass sie sich bereits am 12. Dezember 2012 nur zwei Tage nach dem Bombenfund an die Öffentlichkeit wenden. Und zwar in Aktenzeichen XY ungelöst. Darin werden die Bilder von der blauen Tasche und Aufnahmen der Kameras vom Schnellrestaurant am Bahnhof gezeigt. Und das Phantombild, das die Ermittler der Kripo Köln nach der Vernehmung der beiden Jungs haben anfertigen lassen. Hören wir mal rein.

Ein hochaktueller und hochbrisanter Fall. Die Kripo Köln hat uns vor wenigen Stunden um die Ausstrahlung gebeten. Es geht um den vereitelten Bombenanschlag im Bonner Hauptbahnhof vor zwei Tagen. Sie haben sicher davon gehört. Am Montag wurde im Hauptbahnhof Bonn diese Reisetasche mit zündfähigem Material gefunden. Heute hat die Polizei das Video eines Mannes veröffentlicht, der offenbar diese Tasche trägt. Hier durchquert er das Restaurant. In der rechten Hand trägt er die Tasche. Das war um 12.45 Uhr am Montag. Eine Viertelstunde später steht die blaue Tasche an Gleis 1. Fahrgästen kamen sie verdächtig vor und sie meldeten den Fund der Polizei. Ein dunkelhäutiger Mann, der so ausgesehen haben soll, wie auf diesem Phantombild, soll die Tasche abgestellt haben. Die Krippe aus Köln fragt nun, wer kennt diese beiden Männer? Wer hat sie am Montag im Bonner Hauptbahnhof gesehen? Wer kennt die Tasche oder hat gesehen, wie sie an Gleis 1 abgestellt wurde?

In der Sendung war kurz darauf dann nochmal der damalige Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Zierke aus Berlin zugeschaltet und hat mit dir gesprochen, Rudi. Auch da hören wir noch mal kurz rein. Herr Zierke, welche Schwere nimmt dieser Fall für Sie ein in Ihrer Einschätzung?

Also wir stehen ganz am Anfang der Ermittlungen, Herr Zerne. Wir müssen Ruhe bewahren zunächst einmal, die Untersuchungen am Tatort abwarten. Ich weiß, dass die Kölner Polizei mit großem Nachdruck ermittelt. Ich habe volles Vertrauen darauf, dass wir in den nächsten Tagen mehr Klarheit haben. Dazu soll ja auch diese Sendung beitragen. Aber es wäre im Moment verfrüht, Spekulationen anzustellen. Wir nehmen aber diesen Fall sehr ernst. Ist das jetzt schon ein Fall für das Bundeskriminalamt oder zunächst für die Kölner Kriminalpolizei? Also wir sind ja bereits eingeschaltet. Wir unterstützen die Kölner Kollegen bei den kriminaltechnischen Untersuchungen. Und ich habe auch den Generalbundesanwalt angeschrieben und ihn gebeten zu prüfen, wenn wir beauftragt werden sollten, würden wir gemeinsam mit den Kölner Kollegen den Fall bearbeiten. Herr Kachel, wir hören schon, so langsam kommen das BKA und Sie ins Spiel. Bevor wir darüber sprechen, aber zunächst einmal die Frage, gab es nach der Sendung sachdienliche Hinweise auf den oder die Täter? In der Tat gab es eine relativ große Anzahl an Hinweisen. Ich will vielleicht eins schon mal vorwegnehmen, wir als BKA, wir haben die Ermittlungen tatsächlich am 16. Dezember 2012, also sechs Tage nach der Tat, übernommen. Zu der Zeit waren bei der Kölner Polizei schon um die 500 Hinweise eingegangen. Bis zu den Feiertagen, die dann ja bevorstanden, wurden es noch mehr. Und über die Feiertage der Natur gemäß weniger, da die Leute da mit anderen Dingen beschäftigt waren. So will ich es mal formulieren. Natürlich sind Hinweise immer eine große Hilfe.

Andererseits, Hinweise müssen natürlich auch dienstkundlich, fachlich, aufwendig und korrekt abgearbeitet werden. Und einer großen Menge an Hinweisen nachzugehen, das dauert dann einfach. Später sollte sich noch herausstellen, dass wir bereits am 20.12., also wenige Tage nach der Tat, einen Hinweis auf den tatsächlichen Täter erhalten haben. Rückblickend wünscht man sich bei sowas natürlich immer, man hätte ihn schon damals geschnappt und den Fall sozusagen gelöst bloß. Zu diesem Zeitpunkt war es tatsächlich nur ein Hinweis von vielen und der Hinweis war einfach auch nicht ausreichend konkret genug, um darauf weitere Ermittlungsmaßnahmen anzusetzen. Also ein Schnellschuss war uns hier leider nicht vergönnt. Was für ein Hinweis das war, dazu kommen wir noch. Sie haben es ja gerade gesagt, das BKA hat die Ermittlungen wenige Tage nach der Tat übernommen. Der damalige BKA-Präsident hatte in der Sendung ja auch schon davon gesprochen, dass man bereits mit den Kolleginnen und Kollegen in Köln in Kontakt sei. Aber wer entscheidet jetzt eigentlich, wann die Ermittlungen abgegeben werden müssen?

Zunächst einmal sind immer die örtlichen Ermittlungsbehörden zuständig. Das war in diesem Fall die Staatsanwaltschaft Bonn, die die Polizei in Köln mit den Ermittlungen beauftragt hatte. Damit das BKA im Bereich des Terrorismus ins Spiel kommt, muss zunächst eine rechtliche Hürde überwunden werden. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe muss die Ermittlungen an sich ziehen und das BKA mit selbigen beauftragen. Das macht der Generalbundesanwalt, wenn terroristische Vereinigungen involviert sind in den Sachverhalt oder wenn es generell um Fälle von besonderer Bedeutung geht.

In unserem vorliegenden Fall hat der Generalbundesanwalt sich etwa vier Tage nach der Tat entschlossen, die Ermittlungen an sich zu ziehen. Am 14. Dezember 2012, also vier Tage nach dem Bombenfund, hat der Generalbundesanwalt dann entschieden, ein Verfahren einzuleiten und das BKA mit den Ermittlungen zum Fall zu beauftragen. Am 16. Dezember haben Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen offiziell übernommen.

Wie kann man sich jetzt Ihre Situation bis zu dieser Entscheidung vorstellen? Also steht man da bereit in Hab-Acht-Stellung und wartet, ob man übernehmen soll? Wir haben das natürlich schon in gewisser Form erwartet. Herr Meissner hat ja vorhin schon ausgeführt, dass schon die Vermutung nahelag, dass sich um einen islamistischen Anschlag handeln könnte. Und tatsächlich habe ich auch schon vor dem 14. Dezember mich mit einigen Kollegen nach Köln begeben. Und wir haben sozusagen uns schon versucht, in den Fall einzuarbeiten. Und die Ermittlungen der Kölner Kollegen in gewisser Weise zu begleiten. Also versucht, den Ermittlungsstand mitzuschneiden, die Herausforderungen bei den Ermittlungen zu verstehen, zu schauen, welche Maßnahmen angestrengt wurden, um dann später auch, wenn wir denn den Staffelstab übernehmen, das auch nahtlos tun zu können. Weil das eine große Herausforderung, wenn man einen Fall und auch alle Ermittlungsmaßnahmen von einer Behörde zur nächsten übergeben muss, dann darf darunter der Fortgang der Ermittlungen nicht leiden. Wir müssen den Fahndungsdruck aufrecht erhalten und dürfen uns keine Verzögerungen erlauben. Und das geht nur, wenn sie quasi überlappend arbeiten und parallel zu den Maßnahmen der Kölner Kollegen schon ihre eigene sozusagen Übernahme vorbereiten. Wir haben es ja eben im Gespräch mit dem früheren BKA-Präsidenten gehört. Ein wichtiger Teil der Ermittlungen waren zu der Zeit die erwarteten Ergebnisse aus den kriminaltechnischen Untersuchungen.

Eine Frage, um die es dabei ja ging, war, war der Sprengsatz überhaupt zündfähig? Genau, das war eine Frage, die uns auch sehr bewegt und beschäftigt hat. Die Reste der Bombe wurden ja nach der Delaboration am Tatort eingesammelt und durch unsere Kriminaltechniker auch rekonstruiert worden. Das heißt, man hat versucht, den Sprengsatz dann wieder zusammenzusetzen, um entsprechende Rückschlüsse über den Aufbau ziehen zu können. Und alles deutete tatsächlich darauf hin, dass wir es hier mit einem funktionsfähigen Sprengsatz zu tun haben. Das war zumindest die Aussage unserer Kriminaltechniker.

Allerdings, wir haben keinen Zünder gefunden. Das ist jetzt bei dieser Art der Delaboration auch nicht ganz überraschend, denn bei einem Selbstlaborat oder einem selbstgebauten Sprengzünder muss man ein extrem reaktives Material für die Zündung verwenden, zum Beispiel HMTD, wie es in diesem Fall wahrscheinlich eingesetzt worden ist. Da reichen kleinste Mengen aus, die man zum Beispiel in einen Strohhalm einbringt oder in eine Kugelschreibermine, also ganz alltägliche Gegenstände. Und dieser relativ kleine und fragile Zünder war ganz offensichtlich durch den Einsatz des Wassergewehrs und die hohe Energie, die dabei erzeugt wird, zerstört worden. Und die Reste waren dann einfach zu klein und zu fein, um sie am Tatort noch aufsammeln zu können. Bleibt trotzdem offen, warum ist die Bombe dann am Bahngleis nicht hochgegangen, nicht explodiert? Immerhin hat einer der beiden Jungen ja sogar dagegen getreten. Genau, hier müssen wir tatsächlich von Glück ausgehen, denn offenbar war die Bombe, das zeigt ja unsere Konstruktion, improvisiert und die ganze Konstruktion recht fragil. Wir vermuten, dass durch das Bewegen der Tasche und das Treten gegen die Tasche tatsächlich sich diese lose Konstruktion so verändert hat, dass die Teile nicht mehr so verbunden waren, um entsprechend funktionsfähig zu sein. Und diese Reaktionskette, die zur Umsetzung des Sprengsatzes erforderlich ist, danach auszulösen.

Glückliche Umstände, muss man sagen, denn ansonsten wären die 30 bis 40 Personen, die sich zu der Zeit auf dem Bahnsteig aufgehalten, getötet oder ernsthaft verletzt worden. Eigentlich ziemlich unfassbar zu hören, welchen Anteil der Zufall am Ausgang dieser beinahe Katastrophe hatte, denn man muss ja trotz allem sagen, gegen eine mutmaßliche Bombe zu treten, ist wohl nicht die beste Idee.

Das hätte ja auch anders ausgehen können, man sollte das also wohl nicht unbedingt nachmachen, oder?

Da haben Sie vollkommen recht. Das Vorgehen sollte man nicht wählen und man weiß eben im Vorfeld auch nie, mit welcher Art von Sprengsatz man es zu tun hat. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass Täter entsprechende Fallen in solche Sprengsätze einbauen, die eben dann schon reagieren, wenn sie unsachgemäß behandelt werden. Die Überreste der Bombe wurden ja auch auf DNA-Spuren untersucht. Was kam dabei heraus? Am markantesten waren eine männliche DNA, die wir am Rohrkörper gefunden haben und eine weibliche DNA, die am Glas des Plastikweckers gefunden wurde. Allerdings, beide DNA-Profile waren aber nicht in unserer BKA-Analysedatei hinterlegt und haben somit keinen Treffer geliefert. Die Spuren führten also erstmal ins Leere, aber da kommen wir ja noch zu, die sollten später noch wichtig werden. Sie wussten also nach wie vor nicht, wer die Tasche am Bonner Hauptbahnhof abgelegt hatte. Einen Verdächtigen gab es aber ja schon, als sie die Ermittlungen übernahmen. Einer der beiden Jungen, die am Tattag gegen die Tasche getreten hatten.

Meinte ja in einer der Lichtbildvorlagen eben jenen Mann wiedererkannt zu haben, der ihm und seinem Freund die Tasche mit dem Sprengsatz vor die Füße geworfen hatte. Noch dazu handelte es sich bei dem Mann, den er identifizierte, um einen islamistischen Gefährder aus der Bonner Szene. Das schien also auch von der vermuteten Motivlage her zu passen. Die Kölner Ermittler hatten den Verdächtigen bereits kurzzeitig in Gewahrsam genommen. Doch dann nahm dieser frühe Ermittlungsansatz eine überraschende Wendung. Dazu kommen wir jetzt.

Es sind die ersten Tage nach dem missglückten Bombenanschlag und die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Nach wie vor hoffen die Kölner Polizei und das BKA auf einen schnellen Fahndungserfolg. Im Zentrum der Ermittlungen, die das BKA inzwischen übernommen hat, steht der verdächtige Ayman D. Der islamistische Gefährder, so vermuten die Ermittlerinnen und Ermittler, könnte der Mann sein, der die blaue Tasche an Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs abgelegt hatte. Ein Mann D.s Wohnung wird in der Folge durchsucht. Dabei stellen die Beamtinnen und Beamten diverse elektronische Speichermedien sicher und werten sie aus. Außerdem wird Ein Mann D. überwacht. Doch alles, was bei den Ermittlungen und Maßnahmen rauskommt, ist entlastender Natur. Nichts deutet darauf hin, dass der Mann an dem Anschlag beteiligt war. Dann zeigt sich obendrein noch, ein Mann D. hat ein Alibi. Zur Tatzeit arbeitete der Mann in einem Internetcafé. Am Bonner Hauptbahnhof konnte er am Mittag des 10. Dezember 2012 nicht gewesen sein. Eine Woche nach dem Anschlagsversuch am 18. Dezember 2012 wird der Junge, der den Mann am Tatort gesehen haben wollte, noch einmal vernommen. Es dauert nicht lange, da zieht er seine Behauptung, den Mann wiedererkannt zu haben, zurück. Er sagt, man habe ihn wohl falsch verstanden. Sicher sei er sich bei dem Mann auf dem Foto nie gewesen.

Ja, Herr Kacheln, mit Zeugenaussagen ist das also immer so eine Sache, auch wenn der sich ja zu 90 Prozent sicher gewesen war oder die Jungs sich zu 90 Prozent sicher waren, dass sie den Mann gesehen hatten. Ja, beim Zeugenbeweis müssen wir immer berücksichtigen, dass Menschen sich irren können, Erinnerungen können trügen. Leute wollen natürlich helfen, füllen aber dann bisweilen auch Wissenslücken, um eben nachvollziehbare Antworten geben zu können. Und nach der zweiten Vernehmung der beiden Jungs habe ich beispielsweise auch mit den Vernehmungsbeamten gesprochen und mir das Gespräch schildern lassen. Und der Junge hat demnach tatsächlich die Wiedererkennung auf der Wahllichtbildvorlage stark relativiert. Er sagte, 100 Prozent sei für ihn sicher und ob er nun 90 Prozent sagt oder 20 Prozent, das würde keinen Unterschied machen. Am Ende sei beides unsicher. Gut, so kann man es natürlich auch sehen. Gab es denn weitere Hinweise darauf, wer der Mann am Bahnsteig gewesen sein könnte? Ja, wir haben in den folgenden Tagen natürlich weitere Zeugen befragt und unter anderem konnte der Mann identifiziert werden, der die Tasche zuerst entdeckt und dann auch beim Infoschalter der Deutschen Bahn im Bahnhofsgebäude die entsprechende Erstmeldung abgegeben hatte.

Der war im Durcheinander, so will ich es mal schildern, der Gefahrenabwehrmaßnahmen und Sofortmaßnahmen am Tator zunächst nicht identifiziert worden und hat es einige Tage gedauert, bis man ihn finden konnte. Und erst nach seiner Aussage konnte man das Geschehen am Tator tatsächlich sinnvoll rekonstruieren. Der Mann, von dem die Jungs glaubten, er habe die Tasche dort platziert, Hatte die Tasche nämlich wohl selbst nur gefunden, reingeschaut und diese dann erschrocken weggeworfen. Ja, im Grunde bestätigt das ja noch einmal, was Sie vorhin schon eingangs gesagt hatten. Es ist nie sinnvoll, sich auf eine Ermittlungshypothese zu versteifen. Man muss für alle Richtungen offen bleiben, nicht? Das ist richtig. Im Umkehrschluss heißt es natürlich auch, so eine Trugspur ist natürlich ärgerlich, weil sie Ressourcen der Ermittlungen bindet und dann am Endeffekt auch wertvolle Zeit kostet. Aber es ist auch ein einigermaßen normaler Vorgang bei so einer komplexen Ermittlung, dass sich eine vermeintliche Spur als falsch herausstellt. Und bei so einer komplexen Lage dauert es immer, bis man alle Erkenntnisse, die man im Laufe der Ermittlungen gewinnt, entsprechend sortiert hat, einordnen kann und dann auch eine verlässliche Ermittlungsrichtung bestimmen kann. Da muss man ganz schön strukturieren. Ja, das ist richtig. Das ist durchaus alles komplex.

Perfektion, die man natürlich im Rückblick gerne hätte. Und wenn wir diesen Fall jetzt betrachten und strukturiert darüber berichten, ist es natürlich einfach zu sagen. Aber Perfektion kann man bei so einer Ermittlung eigentlich nie erzielen. Man muss handwerklich einfach sauber vorgehen, man muss die Ruhe bewahren, man muss jedem einzelnen Hinweis nachgehen, dem man habhaft werden kann. Und einfach akzeptieren, dass es einige Tage dauert, bis man alle gesammelten Informationen entsprechend sortiert hat.

Und das, was Herr Meißner auch schon gesagt hat, ist natürlich nie ratsam, in den ersten unklaren Stunden und Tagen bei so einer Ermittlung etwas kategorisch auszuschließen oder zu priorisieren. Man muss vielleicht auch noch einmal dazusagen, wir sprechen hier ja immer noch von den ersten Tagen der Ermittlung. Der Anschlagsversuch war erst eine Woche her. Trotzdem, nun waren Sie wieder bei Null. Wie groß war der Druck in diesem Moment für Sie? Naja, eine richtig heiße Spur hatten wir tatsächlich nicht. Und das war sehr herausfordernd, weil wir die Ermittlungen nun mal einfach nicht auf eine bestimmte Richtung fokussieren konnten. Wir hatten einfach viele verschiedene Ansätze, die wir versucht haben anzustrengen. Das Bild von den vielen Bällen, die man in der Luft halten muss, die beschreibt das eigentlich ganz gut. Und was man auch nicht vergessen darf, wenn sie keine Ergebnisse und keine Richtung vorweisen können, dann entsteht in so einem herausgubenden Fall natürlich auch ein gewisser Druck. Vorgesetzte wollen Ergebnisse sehen.

Die Öffentlichkeit ist weiterhin besorgt, weil wir es mit einem flüchtigen Täter zu tun haben. Es gibt Presseberichte, es gibt eine Erwartungshaltung, die wir zu erfüllen haben. Diesen Druck spüren sie natürlich, während sie ermitteln und arbeiten. Das sorgt für eine gewisse Spannung und natürlich steigt dann der Druck, Ergebnisse vorweisen zu können. Und wenn das über mehrere Tage geht, dann ist das auch durchaus anstrengend, egal wie erfahren man ist. Das klingt in der Tat sehr strapaziös.

Wenn ich mal so fragen darf, wie viel Zeit bleibt da fürs Privatleben? Keine Zeit. Tatsächlich, wir müssen hier auch noch in Betracht ziehen, dass unsere Dienststelle ja eigentlich in Berlin beheimatet ist und die Ermittlungen aber vor Ort in Köln geführt wurden. Das heißt, wir haben nach Köln verlegt und haben dort mit einer großen Anzahl von Ermittlern gearbeitet. Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir 14 Tage vor Ort ermitteln und dann zwei bis drei Tage rausgelöst werden und mal nach Hause fahren können, um durchzuschnaufen. Dann geht es aber wieder vor Ort und es wird weiter ermittelt. Und wenn man in Köln ist und vor Ort ermittelt, in so einem herausragenden Fall. Dann tun sie eigentlich nichts anderes, außer, ich will es mal so salopp formulieren, außer arbeiten, essen und schlafen. Weil dafür sind sie letztlich da. Sie sind viel am Schreibtisch, sie haben wenig Ausgleich. Sie müssen sich ständig mit den Ermittlungen befassen. Das hat man natürlich auch in anderen Berufen. Ja, das ist richtig. Aber wie schon von mir beschrieben, der Druck auf die Ermittlungen und der Erfolgsdruck, der ist einfach allgegenwärtig. Den können sie kaum abschütteln. Sie haben eben von den vielen Ermittlungsansätzen gesprochen. Also viele Bälle, mit denen sie gleichzeitig jonglieren mussten. Einer dieser Bälle war das Überprüfen all der Hinweise, die sie unter anderem nach der Aktenzeichen XY-Sendung erhalten hatten. Das dauerte ja auch nach wie vor an.

Ein anderer war ihre Suche nach weiterem Videomaterial von dem Taschenträger, den die Kölner Kolleginnen und Kollegen ja auch schon auf eine Aufnahme des Schnellrestaurants am Bonner Hauptbahnhof gesichtet hatten. Sie wollten den Weg des Mannes von der Innenstadt zum Bahnhofsgebäude rekonstruieren und haben so auf weitere Hinweise gehofft zu dem Unbekannten. Das war jetzt aber alles gar nicht so leicht, richtig? Ja, das ist richtig. Vielleicht kennen Sie das aus Ermittlungen im angelsächsischen Raum, in den USA oder in England.

Da ist es oft möglich, Täter nach Anschlägen oder auch anderen Delikten, die begangen werden, quasi lückenlos durch Videokameras zu verfolgen und so die Tat dekonstruieren zu können. Davon sind wir in Deutschland Lichtjahre entfernt. Es gibt tatsächlich, und das merken wir immer wieder bei derartigen Ermittlungen, bei uns kaum Kameras im öffentlichen Raum, auf die wir zurückgreifen können. Und das erschwert tatsächlich unsere Ermittlungsarbeit. Und auch in diesem Fall waren wir überrascht, nicht mal am Gleis 1, also am Hauptgleis des Bonner Hauptbahnhof, gab es eine Videoaufzeichnung. Es gab zwar eine Kamera, aber die hat eben keine Aufzeichnung angefertigt, auf die wir zurückgreifen konnten. Also nicht einmal im Bahnhofsgebäude oder am Gleis 1. Das erklärt natürlich auch, warum Sie lange nicht genau wussten, wer die Tasche letztlich abgelegt hatte und was es mit dem Mann auf sich hatte, der die Tasche den beiden Jungs vor die Füße geworfen hatte. Ja, das ist korrekt. Mit den Videoaufzeichnungen hätten wir diese Trugspur viel früher als solche erkannt und uns aufwendige Ermittlungen ersparen können. Es gab aber auch keine Videoaufzeichnung in den meisten Zügen, die wir natürlich auch überprüft haben, weil wir vermutet hatten, dass der Täter sich möglicherweise auch mit dem Zug vom Tatort entfernt haben könnte.

Ja, wir hatten gehofft, entsprechende Aufnahmen feststellen zu können, dem war aber nicht so. Und die Rekonstruktion seiner Bewegungen zum Tatort und vom Tatort weg war dadurch extrem aufwendig. Wir haben natürlich Videomaterial im Umfeld sichergestellt, aber ja, das war eher unspezifisch. Also es war so ein Schuss ins Blau. Wir haben tatsächlich terabyteweise Material sichergestellt und ausgewertet. Das hat uns aber ehrlich gesagt eher frustriert, da wir einfach keine Aufnahmen finden konnten, die uns weitergeholfen haben. Am Ende ist es unter sehr großem Aufwand möglich gewesen, ihn auf drei kurzen Aufnahmen, sozusagen drei weiteren Aufnahmen ergänzend zu denen vom Schnellrestaurant, nochmal festzustellen.

Aber auch da waren die Aufnahmen letztlich so rudimentär, dass wir weder ein Gesicht erkennen konnten, noch war es zu Identifizierungen irgendeiner Form hilfreich. Trotzdem können Sie da genauer drauf eingehen. Was war da zu sehen? Ja, also wir haben eine Aufzeichnung noch von der sogenannten Zwischenebene des Bonner Bahnhofs. Das ist ein Weg quasi vom Gleis rüber in die City, eine Art Unterführung. Da gab es eine Kameraaufnahme, tatsächlich eine Ganzkörperaufnahme, die durchaus verwertbar gewesen ist. Und dann haben wir noch Aufnahmen von einem Service-Point der Bonner Stadtwerke. Aber auch das wieder nur eine hilfsweise Aufnahme ist, also eine Kamera, die eigentlich den Innenraum eines Schalterbereichs filmt. Und diese Kamera hatte einen Aufnahmewinkel, der noch durch eine Glastür die Fußgängerzone gefilmt hat. Und da haben wir dann quasi die Beine des Mannes gesehen und die Tasche, die er in der Hand trug.

Diese Aufnahmen haben wir quasi zweimal gehabt, also einmal in die City und einmal von der City zurück. Und das war das, was uns zur Rekonstruktion zur Verfügung stand. Und später, durch sehr extensive Auswertung von Videomaterial, konnten wir dann noch feststellen, weil ein Bus noch eine Kameraaufnahme nach außen getätigt hatte, wo der Täter quasi vor einem Bus vorbeigelaufen ist. Aber auch diese Aufnahme finden Sie nur durch extrem kleinteilige Auswertung dieses Videomaterials. Jetzt mussten Sie das ja alles zusammensetzen, diese einzelnen Teile. Was konnten Sie daraus ableiten? Genau, also das Ganze ist natürlich eine Rekonstruktion, die auch Zeugenvernehmungen einbezieht und andere Ermittlungsergebnisse, die wir erzielt haben. Und dadurch konnten wir quasi feststellen, dass der Täter sich sozusagen mit der Tasche zum Ablageort, zum späteren Ablageort begeben haben muss. Er ist dabei auch durch besagtes Schnellrestaurant gelaufen, wohl auf der Suche nach einer Örtlichkeit, um dort den Auslösemechanismus der Bombe scharf zu stellen. Nur leider gab es in einem Schnellrestaurant weder eine Toilette noch eine Nische, wo er sich zurückziehen konnte. Deshalb gehen wir davon aus, dass er sich nochmal in Richtung der Innenstadt, also vom Bahnhof weg, bewegt hat, sich dort eine Stelle gesucht hat, wo er das geschützt tun konnte.

Dann hat er sich wenige Minuten später wieder zurück zum Bahnhof bewegt und hat dann dort an Gleis 1 die Tasche abgestellt unter einer Sitzgruppe und hat sich so dann zu Fuß wieder vom Tatort entfernt.

Was uns dann die von mir schon erwähnte Ganzkörperaufnahme aus der Zwischenebene des Bahnhofs noch geliefert hat, war tatsächlich ein Hinweis, der hilfreich war. Wir konnten durch eine sogenannte fotogrammetrische Vermessung, das heißt, man stellt auf einer Videoaufnahme einen Bezug von einer Person zu einem feststehenden Gegenstand her, dann können Sie entsprechende Messungen vornehmen. Und dadurch konnten wir Rückschlüsse ziehen auf die Größe des Taschenträgers. Und das war hier sehr auffällig, weil wir von einem Mann ausgegangen sind und die größten Ermittlungen ergeben hat, dass der Mann nur ...

Die 167 bis 172 Zentimeter groß ist. Und das grenzt natürlich ein Täterprofil schon entsprechend ein und war für uns sehr hilfreich und auch ein wichtiger Ermittlungsansatz. Und Herr Kachel, was haben Sie mit dieser Erkenntnis anfangen können? Ja, da muss ich noch ein bisschen auswählen. Wir hatten natürlich, wie ich vorhin beschrieben habe, schon mehrere Bälle in der Luft sozusagen. Und was wir auch getan haben ist, wir haben ein sogenanntes personenbezogenes Ermittlungskonzept angesetzt.

Das heißt, wir haben diverse Behörden kontaktiert, unsere Erkenntnisse zum Tatablauf geteilt und gebeten, dass die Kollegen uns tatsächlich phänomenoffen Namen von möglichen Tätern zuliefern, die aus ihrer Sicht für so eine Tat infrage kommen könnten. Dadurch sind dann tatsächlich diverse Listen entstanden, die wir dann auch mit unseren Ermittlungsergebnissen, zum Beispiel im Hinweisaufkommen, abgeglichen haben. Wir haben dann diese Erkenntnis zu den Personen auch entsprechend verdichtet verdichtet und natürlich auch entsprechend die Größenangaben zu den Personen erhoben. Um dann abgleichen zu können, kommen von der Liste bestimmte Personen möglicherweise in Frage. Und das ist so ein klassisches Vorgehen, um den Kreis der Verdächtigen dann sukzessive immer enger zu ziehen und sich dann irgendwann auf einen bestimmten Personenkreis konzentrieren zu können. Also nach der Größenvermessung und mit dem Wissen, dass Sie es hier mit einem ungewöhnlich kleinen und weißen Mann zu tun hatten, Konnten Sie den Kreis an möglichen Tätern also stark reduzieren? Kann ich das so folgern? Ja, das ist korrekt. Wobei man das auch in gewisser Weise relativieren muss, weil es blieben immer noch zahlreiche Personen übrig.

Und zu den Personen fehlte natürlich immer noch eine heiße Spur, um sie mit der Tat in Verbindung zu bringen. Ja, und weil wir mit dem schönen Bild der Bälle weitermachen, welche Bälle hatten Sie noch in die Luft geworfen?

Also was wir noch hatten, waren natürlich die Bestandteile der USB-V. Das heißt, die Metallteile. Wir hatten Batterien, wir hatten die Butangasflaschen, wir hatten den Sprengstoff an sich, der ja auch hergestellt werden musste und dann führt man in der Regel sogenannte Herkunftsermittlungen durch. Das heißt, wir schauen uns genau an.

Wie kann man an diese konkreten Bestandteile als Täter rankommen? Wo beschafft man die? Wie sind Betriebswege? Wir versuchen, Handels- und Produktionsketten nachzuvollziehen. Das heißt, es kann dann so weit gehen, dass man sich auch bei Batterien zum Beispiel anschaut, wie sind die ausgeliefert worden, wo sind die üblichen Verkaufsstellen, um einfach zu gucken, wo gibt es dort weitere Ermittlungsansätze. Eine unglaubliche Kleinstarbeit, sehr mühevoll. Geben Sie uns mal einen Einblick, wie müssen wir uns das vorstellen? Naja, also das erzählt sich jetzt relativ leicht runter, aber Sie müssen natürlich verstehen, wir hatten keine heiße Spur. Und diese Maßnahmen, die wir jetzt hier angestrengt haben, die sind extrem zeitintensiv, die sind anspruchsvoll.

Ja, ich will es mal so sagen, diese Maßnahmen strengt man im Prinzip zum Beispiel bei einem Mordfall nur an, wenn man über mehrere Wochen oder Monate nicht weitergekommen ist. Dann sind das quasi so eskalierende Maßnahmen, die man dann nochmal on top macht. Und bei uns war es eben so, dass wir diese sehr aufwendigen Maßnahmen schon in der heißen Phase der Ermittlungen durchgeführt haben. Um wirklich alles in Bewegung zu setzen, was ging, weil der Fall eben von so großer öffentlicher Bedeutung war. Und im Nachhinein muss man ja sagen, mit ihren breit gefächerten Ermittlungen waren sie, ohne es zu diesem Zeitpunkt zu wissen, dem Täter schon extrem nahe gekommen. Sogar so nahe, dass der Name des Mannes, der die Tasche an Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs abgelegt hatte, sich bereits in der engeren Auswahl an Verdächtigen befand, die nun nach und nach abgeklärt werden sollten. Auf eben diesen Mann, das haben wir vorhin schon gehört, hatte es auch nach der Aktenzeichen XY-Sendung schon einen Hinweis gegeben. Allerdings, noch bevor Sie, Herr Kachel, und Ihre Kolleginnen und Kollegen, Ihre Ermittlungen auf den Mann eingrenzen konnten, überschlugen sich die Ereignisse. Und man kann wohl sagen, Ihr Fall ging nun, genau drei Monate nach dem gescheiterten Attentat im März 2013, nahtlos in einen zweiten Fall über.

Es ist die Nacht vom 12. auf den 13. März 2013. Die Suche nach dem Taschenträger vom Bonner Hauptbahnhof läuft seit drei Monaten auf Hochtouren. Als um kurz nach Mitternacht ein unauffälliger Kombi mit Kindersitz auf der Rückbank ein Wohngebiet in der Nähe von Leverkusen durchquert. Vorne im Wagen sitzen zwei Männer. Sie heißen Marcel G. und Edon B. Beide sind Teil der salafistischen Szene in Nordrhein-Westfalen. Die Männer sind auf dem Weg zum Wohnhaus des Politikers Markus Beisicht. Der 50-Jährige ist damals Chef der rechtsextremen islamfeindlichen Partei Pro NRW. In den vergangenen Monaten hat diese immer wieder gegen den Islam gehetzt. Bei Kundgebungen haben Mitglieder von Pro NRW Mohammed-Karikaturen gezeigt und so den Zorn vieler Muslime auf sich gezogen.

In Salafistenkreisen ist der Vorsitzende Markus Beisicht längst zur Hassfigur geworden. Schon im Vorjahr hat es aus der islamistischen Szene Bonds und sogar von Terrororganisationen im Ausland heraus Aufforderungen zum Mord an ihm gegeben. Die beiden Männer im Auto sind Anhänger dieser Szene.

Und in den Morgenstunden des 13. März 2013 sind sie auf dem Weg, um die Mordpläne gegen Beisicht in die Tat umzusetzen. Herr Kachel, Herr Meißner, noch war nicht klar, dass die eben beschriebene Szene in irgendeiner Verbindung zu Ihren nach wie vor anhaltenden Ermittlungen stand. Aber das sollte sich bald ändern. Sie, Herr Meißner, haben dann ja die Ermittlungen zu diesem zweiten Fallkomplex geleitet. Und darüber sprechen wir intensiv in der nächsten Folge. An dieser Stelle machen wir zunächst einmal einen Cut, wie die brenzlige Situation vor dem Wohnhaus des Politikers Markus Beisicht endete und was der geplante Mordanschlag von Marcel G. und Edon B. Auf einen rechtsextremen Politiker mit dem Attentat auf den Bonner Hauptbahnhof zu tun hatte, das hört ihr in Teil 2 dieser Folge, die wir zeitgleich veröffentlicht haben. Ja, und damit verabschieden wir uns vorerst. Danke schon einmal an dieser Stelle an Sie, Herr Kachel und Herr Meissner fürs Kommen. Sehr gerne, auf Wiedersehen. Auch von meiner Seite, sehr gerne. Dankeschön. Schön, dass Sie bei uns waren. Und bitte bleibt sicher. Unser Dank geht auch an unseren Gesprächspartner Rüdiger-Rosé Hamm, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus und an Lale Artun, Autorin dieser und somit auch der nächsten Folge. Wir freuen uns, wenn es euch bis hierhin gefallen hat und ihr auch an der nächsten Folge wieder dabei seid.

Aktenzeichen XY – Unvergessene Verbrechen Eine Produktion der Securitel in Kooperation mit Bumfilm im Auftrag des ZDF.

Music.