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Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Ich bin Rudi Zerne. Und ich bin Conny Neumeyer. Auch von mir herzlich willkommen zu dieser Folge.

Rudi, du hast ja mal eine Zeit lang in Mannheim gelebt. Wusstest du, dass in den 90ern die sizilianische Mafia in Mannheim und eigentlich im ganzen Rhein-Neckar-Kreis höchst aktiv war? Also ich habe das schwach in Erinnerung, dass es da Vorfälle gab, aber sie sind mir nicht wirklich präsent. Du hast es gesagt. Ich habe in Mannheim sehr intensiv trainiert. Das war allerdings in den 80er Jahren in meiner Eislaufzeit. Also wenn es um Mannheim geht, werde ich immer hellhörig. Unsere Redaktion hat in der Vorbereitung für unsere Folge heute dazu mal recherchiert und ist auf eine Reihe, man könnte sagen, erschütternder Vorfälle gestoßen. Anfang der 90er hält eine Mordserie unter Italienern ganz Mannheim in Atem. Man spricht damals von einer Route des Todes zwischen der baden-württembergischen Stadt und Sizilien. Besonders der Bezirk Jungbusch gilt lange als Rückzugsort der Mafia. Die soll bis heute tatsächlich in Mannheim aktiv sein. Erschreckend, was sich damals mitten in Deutschland abgespielt hat. In unserem heutigen Fall spielt die Mafia auch eine Rolle. Es geht um einen Mord, der erst 20 Jahre später aufgeklärt werden konnte. Bei uns im Studio begrüßen wir dazu Kriminalhauptkommissar Jürgen Benz vom Polizeipräsidium Mannheim. Herr Benz, willkommen. Herzlichen Dank für Ihre Einladung. Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen sein zu dürfen. Schön, dass Sie da sind. Herr Benz, Sie sind zusammen mit einem Ermittlungsteam erst Anfang der 2000er Jahre zu diesem Cold Case dazu gestoßen, nicht? Ja, das ist korrekt. Obwohl der Fall als Cold Case eingestuft war, wurde die Akte nie ganz geschlossen.

Auch wenn Ermittlungen zeitweilig ruten, gab es immer wieder Überprüfungen gewisser Personen und verdeckte Ermittlungen, um in diesem Fall vorwärts zu kommen. Nachdem Ihr Team dann übernommen hatte, kam ja dann auch endlich Bewegung in den Fall, der für Sie noch außergewöhnlich werden sollte, oder? Ja, auch das ist korrekt. Das kann man beides wohl so sagen. Es war für mich persönlich und für die beteiligten Kollegen seiner Zeit ein äußerst emotionaler Fall. Und im Laufe der Ermittlungen ist es tatsächlich zu einigen Wendungen Überraschungen gekommen, die wir so niemals erwartet hätten. Ohne zu viel zu verraten, sie hatten einen Täter, der 20 Jahre nach der Tat einen entscheidenden Fehler gemacht hat. Und die Art und Weise, wie sie den Täter schließlich überführen konnten, war in ihrer beruflichen Laufbahn, vielleicht sogar in der deutschen Kriminalgeschichte einzigartig. Bevor wir von vorne anfangen, noch ein Hinweis. Aus rechtlichen Gründen haben wir alle Namen geändert.

Es ist der 20. April 1990, 4 Uhr morgens. In einem Mehrfamilienwohnblock in einer Arbeitersiedlung im Mannheimer Bezirk Neckarstadt-Ost lebt der aus Sizilien stammende Giancarlo Manzi zusammen mit seiner Frau Laurentina und ihren drei Söhnen im Alter von 26, 25 und 15 Jahren. Ihre 24-jährige Tochter Maria wohnt mit ihrem Mann und den Kindern nur wenige Häuser entfernt. Wie jeden Tag verlässt der 51-jährige Giancarlo Manzi sehr früh das Haus. Er will den Weg zur nahegelegenen Klinik, in der er als Küchenhilfe arbeitet, mit dem Fahrrad zurücklegen. Als er das Haus verlässt, stellt er fest, dass es regnet. Also kehrt Giancarlo wieder um, holt einen Schirm von zu Hause und setzt den 20 Minuten langen Weg zu Fuß fort. Etwa 500 Meter von seiner Wohnung entfernt biegt er in eine Seitengasse ein und kommt an der Parkplatzeinfahrt einer Brauerei vorbei. Plötzlich fallen drei Schüsse unmittelbar nacheinander. Giancarlo Manzi bricht auf dem Bürgersteig zusammen. Zwei Brauereiarbeiter, die kurze Zeit später zur Arbeit kommen, entdecken den leblosen Körper und rufen die Polizei.

Herr Benz, warum dachten die eintreffenden Beamten zunächst an einen Verkehrsunfall? Das lag an der Erstmeldung der beiden Brauerei-Mitarbeiter, die den Vorfall gemeldet hatten. Sie sprachen von lauten Geräuschen von der Straße herkommt und dass eine Person reglos auf der Straße liegt. In diesem Kontext ist man vielleicht von einem Verkehrsunfall dann ausgegangen. Erst nach Eintreffen der Rettungskräfte, die den Mann erst versorgen wollten, entdeckten sie, dass Giancarlo Manzi eine Einschusswunde am Kopf hat. Der Fall wurde dann sofort als mutmaßliches Tötungsdelikt eingestuft und herbeigerufene Forensiker haben danach noch zwei weitere Einschussstellen am Rücken gefunden. Später haben die ebenfalls zum Tatort herbeigerufenen Rechtsmediziner festgestellt, dass der Schuss in den Kopf sofort zum Tod geführt hat. Einer der Rückenschüsse wäre aber ebenso tödlich verlaufen, weil er die Leber perforiert hatte. Wie haben Ihre Kollegen denn herausgefunden, wer der Tote war? Soweit ich mich erinnere, hatte er Ausweispapiere bei sich in seiner Begleitung.

Daraufhin hat man sich zum nahegelegenen Wohnort seiner Familie begeben und ihr die Nachricht überbracht. Durch die Familie wurde der Tode dann abschließend identifiziert. Ja, und wie haben die Angehörigen die Nachricht aufgenommen und konnten sie irgendetwas zu einem möglichen Motiv sagen?

Dazu kann ich leider nichts mehr Belastbares sagen. Sie hatten sich damals aber auch sehr bedeckt gehalten, was eine mögliche Motivlage anbelangt. Herr Benz, die Art und Weise, wie Giancarlo Manzi getötet wurde, klingt ja schon nach einer Hinrichtung, ne? Ja, sicherlich. So wie der Tode vorgefunden wurde, haben die Kollegen jedenfalls auch vermutet, dass es nicht zu einer Auseinandersetzung gekommen ist. Es gab keinerlei Kampfspuren oder Spuren irgendeiner Auseinandersetzung am Tatort. Es sah vielmehr danach aus, dass es sich hier um eine gezielte Tötung gehandelt hat, da jemand, Giancarlo Manzi, offensichtlich an dieser Stelle aufgelauert und ihn dann erschossen hat. Die Kriminaltechnik hatte am Tatort Munitionsteile und eine vierte Patrone gefunden, die ungezündet aus einer Pistole vom Kaliber 45 gefallen ist. So ein Kaliber ist ziemlich ungewöhnlich, es ist recht groß und wird in halbautomatischen Waffen verwendet. Die offenbar gezielte Tötung und die Tatsache, dass das Opfer aus Sizilien stammte, ließ meine Kollegen seinerzeit vermuten, dass es sich hier um einen Auftragsmord der Mafia handeln könnte. Der Rhein-Neckar-Kreis und insbesondere Mannheim galten, wie wir anfangs gehört haben, in den 90er Jahren als deutsche Mafia-Hochburgen.

Herr Bent, Sie waren damals junger Schutzpolizist in Mannheim. War die Mafia da tatsächlich ein dominierendes Thema für Sie? Ja, es war ja so, dass es in Sizilien zwei verfeindete Mafia-Gruppen gab, die um die Vorherrschaft insbesondere in der Provinz Agrigent gekämpft haben und diese Revierkämpfe bis nach Deutschland verlagerten, insbesondere nach Mannheim.

Wir bekamen damals bei der Schutzpolizei deshalb die Losung, wenn wir in sizilianischen Kreisen ermitteln oder mit Personen aus diesem Umfeld zu tun haben, sollten wir bitte erhöht auf Eigensicherheit achten. Also in diesem Fall war nun also auch die Mafia im Zentrum Ihrer Ermittlungen, das ist richtig? Das ist nicht ganz richtig. Am Anfang einer solchen Ermittlung wird eine Sonderkommission, die dann sofort aufgerufen wurde, in alle Richtungen ermitteln. Aber natürlich war das einer der bevorzugten Tathypothesen angesichts des Tatbefundes, den wir da vor Ort angetroffen haben. Es hätte ja zum Beispiel auch eine Verwechslung sein können oder irgendein anderer Konflikt, der irgendwo am Schwelen war und sich dann entzündet hat. Aber diese Überlegung wurde dann zunächst hinten angestellt.

Vier Tage nach der Tat macht ein Hausmeister in einem Gebüsch in der Nähe des Tatorts eine ungewöhnliche Entdeckung. Er findet ein Pistolenmagazin, gefüllt mit sieben Patronen des Kalibers 45. Dasselbe Kaliber, das neben der Leiche von Giancarlo Manzi gefunden wurde. Die alarmierte Polizei sucht die Umgebung der Fundstelle ab. In einem Gebüsch, etwas weiter entfernt, entdecken die Beamten eine halbautomatische Pistole mit Schalldämpfer. Im Magazin drei Patronen vom Kaliber 45. Vier wurden also abgefeuert. Wir erinnern uns, Giancarlo Manzi wurde mit drei Schüssen getötet, eine vierte Patrone fiel unausgelöst aus der Waffe. Die ballistischen Untersuchungen bestätigen, dass es sich um die Tatwaffe handelt. Sie ist bislang der einzige Anhaltspunkt der ermittelnden Beamten. Deswegen kommen sie ziemlich schnell auf die Idee, die Waffe bei Aktenzeichen XY ungelöst zu präsentieren. Hören wir rein in die Sendung vom 1. Juni 1990, in der Eduard Zimmermann persönlich die Tatwaffe vorführt und die Zuschauerinnen und Zuschauer um Mithilfe bittet.

Jetzt, wie gesagt, für die Kripo Mannheim zu dieser Pistole. Mit ihr wurde vor knapp sechs Wochen am 20. April 1990 auf offener Straße ein 51-jähriger italienischer Staatsangehöriger erschossen. Die einzige Chance, in der Sache weiterzukommen, bietet die Tatwaffe. Mit ihr hat es nämlich eine besondere Bewandtnis. Sie ist aus mehreren Teilen unterschiedlicher Fabrikate zusammengesetzt. Der Lauf der Pistole und der Schalldämpfer sind von anderen Firmen gebaut. Man weiß aber nicht, von welchen. Die verwendete Munition Kaliber 45 wurde 1971 in den USA hergestellt. Frage, wer kann zur Herkunft dieser Pistole oder den verschiedenen Einzelteilen etwas sagen?

Herr Benz, wurde die Waffe damals von jemandem in der Sendung wiedererkannt? Leider nein. Es sind zwar einige Anrufer hereingekommen, aber trotz einer Belohnung von 3000 Mark haben sich keine konkreten Hinweise ergeben. Hat denn dann diese zusammengebaute Waffe, ja, also die Theorie des Mafia-Killers weiter genähert? Theoretisch ja, praktisch allerdings nicht. Bei so einer Waffe geht man einfach davon aus, dass sie von irgendjemandem extra für kriminelle Zwecke zusammengebaut worden ist. Das wäre pro der Mafia-Theorie. Die Kollegen haben allerdings bei ihren Ermittlungen keinerlei Verbindungen von Giancarlo Manzi ins Mafia-Milieu feststellen bzw. Bestätigen können. In der Zwischenzeit hatten sich ihre Kollegen auch bei Nachbarn und Bekannten von Giancarlo Manzi umgehört. Und dabei hat sich dann ein ganz anderes Bild ergeben, richtig? Ja, die weiteren intensiven Nachforschungen haben ergeben, dass Giancarlo Manzi sich öfters mit seinen Arbeitskollegen gestritten hatte. Es hat auch in seiner vorigen Wohnung im hessischen Streitereien mit den Nachbarn gegeben. Und schließlich gab es massive Konflikte innerhalb der eigenen Familie. Können Sie uns mehr über diese Konflikte erzählen? Was waren das für Konflikte? Zum einen, Giancarlo Manzi hatte sich einer Glaubensgemeinschaft zugewandt und versucht, seine Familie diesbezüglich zu bekehren.

Außerdem soll er seiner Frau gegenüber gewalttätig gewesen sein. Und nicht nur das, er soll auch gegen seine vier Kinder handgreiflich geworden sein. Am häufigsten allerdings gegen seine Tochter Maria. Herr Benz, damit ist ja die Zahl der Leute, die ein mögliches Motiv hatten, schlagartig größer geworden. Das ist korrekt. Bekannte der Familie, die von meinen Kollegen befragt wurden, äußerten auch den Verdacht, dass Giancarlos Kinder vielleicht den Mordauftrag selbst gegeben haben könnten, um sich des ungeliebten Familienoberhauptes zu entledigen. Meine Kollegen haben seinerzeit natürlich alles ausermittelt, was zu ermitteln war. Sie haben die Familienangehörigen vernommen, doch die Mutter und die Kinder haben jede Verbindung zu der Tat vehement abgestritten. Also die These des Mafiamords konnte nicht aufrechterhalten werden. Die Waffe wurde von niemandem erkannt und über die Familie waren die Beamten auch nicht weitergekommen. Was bedeutete das damals für die Ermittlungen ihrer Kollegen? Irgendwann ist auch eine noch so gut aufgestellte Sonderkommission mit ihrem Latein schlicht und ergreifend am Ende. Es konnten keine neuen Spuren und Hinweise mehr gefunden werden. Und so musste der Fall ruhen. Allerdings nicht vollständig, er wurde zwischendurch immer mal wieder aufgenommen, um Verdächtige oder neue Hinweisgeber zu überprüfen oder zu vernehmen.

1991 werden die Ermittlungen also vorerst eingestellt. Doch zwei Jahre später kommt wieder Bewegung in den Fall. Zwei junge Männer melden sich im Polizeipräsidium Mannheim beim Morddezernat. Sie wollen eine brisante Aussage machen. Es sind die beiden älteren Söhne von Giancarlo Manzi, inzwischen 28 und 29 Jahre alt. Sie behaupten, den Mörder ihres Vaters zu kennen. Es handele sich um ihre eigene Schwester, Maria. Im Streit habe sie ihnen gesagt, dass sie für den Tod ihres Vaters verantwortlich sei. Die Mutter Laurentina soll eingeweiht gewesen sein und hätte es gebilligt. Ihr Motiv sei das Verhalten des Vaters gegenüber allen Familienmitgliedern gewesen. Die beiden Brüder seien jetzt erst zur Polizei gegangen, weil es innerhalb der Familie zu einer Lagerbildung gekommen sei. Ihre Mutter und Maria auf der einen Seite, die Brüder auf der anderen. Auslöser dafür war, dass ihre inzwischen 27-jährige Schwester ein außereheliches Verhältnis mit einem zehn Jahre jüngeren Albaner eingegangen war. Im Streit darüber habe Maria dann die Wahrheit über den Tod des Vaters ausgepackt. Es ist eine schwerwiegende Anschuldigung, die Marias Brüder davor bringen. Wenn sie stimmt, würde sich die Vermutung der Bekannten, die Familie könnte etwas mit dem Mord an Giancarlo Manzi zu tun haben, bewahrheiten. Die Polizei geht behutsam vor und überprüft die Aussage der beiden im persönlichen Umfeld.

Der dritte, nun 18-jährige Bruder, der inzwischen nach Bayern gezogen ist, wird befragt. Er bestätigt die Geschichte, so auch die damalige Lebensgefährtin von einem der beiden Brüder. Maria Manzi und ihre Mutter Laurentina werden vernommen. Die Mutter verweigert die Aussage. Maria hingegen spricht mit der Polizei. Sie streitet ab, etwas mit der Tat zu tun zu haben, erzählt jedoch in zwei langen emotionalen Vernehmungen, wie ihr Vater Giancarlo Manzi jahrelang gewalttätig gegen die gesamte Familie gewesen sein soll. Und noch schlimmer, selbst Marias kleine Kinder, die mit ihr und ihrem Mann in derselben Straße ein paar Häuser weiter wohnten, sollen von Giancarlo Manzi nicht verschont worden sein. Die Beamten merken, dass Maria nach der zweiten Vernehmung mit sich ringt und dass ihr etwas auf der Seele liegt. Sie vermuten, dass sie vielleicht doch noch etwas zum Tod ihres Vaters sagen könnte und vernehmen sie ein drittes Mal. Aus taktischen Gründen wird das Vernehmungsteam ausgetauscht.

Herr Benz, ist diese Taktik aufgegangen? Ja, allerdings. Bei der dritten Vernehmung hat Maria plötzlich die Tat gestanden. Sie gab zu, den Mord an ihrem Vater im Auftrag gegeben zu haben. Sie habe davor alles mit ihrer Mutter Laurentina besprochen, die damit einverstanden gewesen sein soll. Wie Maria an einen Auftragsmörder kommen konnte, hören wir gleich. Zunächst interessiert uns aber die Frage, wie kann eine Tochter ihren eigenen Vater umbringen bzw. Umbringen lassen? Herr Benz, ist Ihnen in Ihrer Laufbahn schon mal ein ähnlicher Fall von Elterntötung begegnet? Wir hatten tatsächlich ein paar Fälle geplante Auftragsmorde an Eltern, die aber Gott sei Dank nie zur Ausführung gekommen sind, da es uns gelungen ist, die rechtzeitig aufzuklären und die Tatverdächtigen festzunehmen. Aber in der Konstellation wie in diesem Fall ist mir nichts bekannt. Wir haben dazu auch mit dem forensischen Psychiater Prof. Dr. Stefan Orlob gesprochen.

In seiner Tätigkeit als Gutachter ist er schon vielen Fällen von Elterntötung begegnet und er hat dazu eine wissenschaftliche Arbeit verfasst. Er hat uns im Interview berichtet, was aus psychologischer Sicht das Außergewöhnliche an der Tötung eines Elternteils ist, dem sogenannten Parentizid oder auch Parizid. Das ist schon etwas Besonderes, weil ja davon ausgegangen wird, dass der Mensch eh eine Hemmung davor hat, einen Artgenossen sozusagen zu töten. Und umso näher uns die Person ist, sozial gesehen, umso größer ist diese Hemmung nach sozialen Theorien, aber auch aus unserem Erfahrungswissen heraus. Und das ist natürlich jetzt in der Kind-Eltern-Beziehung besonders ausgeprägt, wenn wir von einer intakten Beziehung ausgehen.

Das müssen wir uns ja so vorstellen, wenn die Beziehung zu den Eltern intakt war, dann ist natürlich die Hemmung der Kinder, ihre eigenen Eltern oder Eltern teilzutöten, doch sehr, sehr groß. Stefan Orlop hat uns auch erläutert, welcher Typ Mensch dazu in der Lage ist, seine eigenen Eltern umzubringen oder umbringen zu lassen. Man kann im Grunde unterscheiden zwischen einmal jugendlichen, heranwachsenden Tätern, die das häufig aus einer hochkomplexen, gestörten Beziehung zu dem Elternteil oder zu den Eltern begehen. Das heißt also, die Motivation für den Parizid ist dann im Grunde genommen die gestörte Eltern-Kind-Beziehung. Das kann eine Traumatisierung sein, das kann sexueller Missbrauch sein.

Das kann eine Kombination sein, das kann einfach auch eine emotionale Vernachlässigung sein mit körperlicher Gewalt verbunden. Also das ist die eine Gruppe und die andere Gruppe sind erwachsene Täter und da haben wir festgestellt und das deckt sich jetzt mit Befunden anderer Forschungsgruppen, dass das häufig dann doch eher psychisch kranke Menschen sind. Maria würde damit in eine spezielle Kategorie fallen, wie uns Prof. Dr. Stefan Orlob geschildert hat. Also die Maria würde unter dem Täterprofil fallen, Tötung eines Tyrannen, so können wir es sozusagen zusammenfassen. Das ist etwas, was wir in der griechischen Mythologie schon finden, also den Tyrannenmord. Ich töte eine Person, von der ich mich unter Druck fühle, die mich eingeschränkt hat, die mich misshandelt hat. Und wir haben hier ja das Phänomen der körperlichen Gewalt auch in der Familie, also nicht nur Menschen, Der Unterdrückung durch den Vater, der sich wie ein Hierarch da aufgeführt hat.

Sondern eben auch der körperlichen Gewalt gegenüber den Familienmitgliedern, auch gegenüber den Geschwistern und der Mutter und selbst der Enkelkinder. Und insofern ist es so auch eine Befreiungstat, kann man sagen. Das heißt also, die Täterin befreit sich aus dieser Unterdrückung und wählt natürlich hier selber dann ein inadäquates Mittel, aber es ist sozusagen quasi eine Befreiung und die Täterin sieht möglicherweise für sich auch keine andere Chance, sich aus der Situation zu befreien, weil alle anderen vielleicht auch ausprobierten Wege wie Distanzierung oder Kontaktabbruch etc. Haben möglicherweise auch nicht funktioniert. Herr Benz, wie haben die Beamten Maria denn während der Vernehmungen wahrgenommen? Nehmen Sie uns da nochmal mit hin zurück. Konnten Sie diesen Wunsch nach Befreiung, von dem Herr Orlob hier gesprochen hat, auch bei ihr erkennen? Naja, ich war ja damals noch nicht dabei. Aber sie hat sich wohl eher wortkarg verhalten und ihre Unschuld beteuert. Das Emotionale wurde in den damaligen Akten eher nicht vermerkt. Kommen wir nun dazu, wie sich die Planung der Tat abgespielt haben soll. Wie kam Maria an jemanden heran, der in der Lage war, einen Auftragsmord auszuführen? Selbstverständlich kannte sie nicht gleich aus dem Stand jemanden, an den sie sich wenden konnte. Sie wusste aber sehr wohl, wo sie sich umzuhören hatte.

Maria hatte damals einen jungen Italiener kennengelernt, mit dem sie ein Verhältnis einging. Der Italiener lebte im Mannheimer Stadtteil Jungbusch und hat sich in Zähnelokalen herumgetrieben, in denen sich Mitglieder des organisierten Verbrechens trafen. Maria wusste ebenso, dass er Mafiabeziehungen pflegte und des Öfteren eine Schusswaffe mit sich führte. Gegenüber meinen Kollegen gab sie an, dass sie nur seinen Vornamen kennt, Antonio, und dass er Gärtner gewesen sei. Sie hat ihn gefragt, ob er jemand für so eine Tat kenne. Antonio wollte sich umhören und sehen, was sich da machen lässt. Nun gibt es also doch einen Bezug zur Mafia. Hatte dieser ominöse Antonio, von dem Maria nur den Vornamen kannte, jemanden gefunden, der zu so einer Tat bereit gewesen wäre? Nein. Antonio hatte Maria nach einiger Zeit wohl mitgeteilt, dass er die Tat selbst aushören würde. Er hatte sich von ihr genau erklären lassen, um welche Uhrzeit ihr Vater jeden Tag aus dem Haus geht und welchen Weg er dabei nimmt.

Der Preis für seine Tat sollte eine Liebesnacht mit Maria sein. Und so sei es dann auch gekommen. Zu Marias Aussage, dass sie einen Auftragsmörder für die Tötung ihres Vaters herangezogen habe, hören wir nochmal den forensischen Psychiater Prof. Dr. Stefan Orlop. Dass jetzt eine dritte Person in die Tathandlung mit einbezogen wird, ist doch sehr selten. Und dass jetzt ein professioneller Killer beauftragt wird, das ist, glaube ich, ein extrem seltenes Ereignis. Also häufiger ist es dann doch eine Freundin, also eine sozial nahe Person, die man sozusagen in die Täterschaft mit einbezieht. Das ist mir auch schon begegnet zum Beispiel, dass eine junge Frau ihren Freund als Täter gewonnen hat, der dann den Vater erschlagen hat. Das begegnet einem schon, aber dass jetzt wirklich ein professioneller Killer beauftragt wird und dann auch die Tat sozusagen vollzieht, das ist also ein extrem seltenes Ereignis. Herr Benz, Ihre Kollegen hatten jetzt die Aussage der Brüder und sie hatten das Geständnis von Maria.

Hat das gereicht, um Maria und ihre Mutter zu überführen? Für die vorläufige Festnahme auf alle Fälle. Aber dann kam für uns schon nach kurzer Zeit ein großer Dämpfer. Als die Kollegen Maria nach ihrer Aussage dem Haftrichter beim Amtsgericht Mannheim vorgeführt haben, hat sie dort plötzlich ihr komplettes Geständnis widerrufen. Das heißt, ihre Aussage konnte nicht verwertet werden und war damit wertlos? Ja, das ist korrekt. Wir hatten ja nur ihre Aussage und die der beiden Brüder, die wiederum auf Marias Aussage fußte.

Richtige, verwertbare und belastbare, objektive Beweise, Sachspuren hatten wir keine. Was passiert dann in so einem Fall? Wie macht man weiter? Wenn die vorläufige Festnahme erfolgt ist und die Beweislage dünn ist, dann ist die Mordkommission in einem unglaublichen Zugzwang. Es hätte zwar die Möglichkeit gegeben, dass man Tochter und Mutter aufgrund des widerrufenden Geständnisses anklagt, dann laufen sie allerdings Gefahr, dass das schief geht und die beiden Mangelsbeweisen freigesprochen werden. Mutter und Tochter kamen in Untersuchungshaft und die Kollegen haben dennoch weiter ermittelt. Zum Beispiel haben sie versucht, den Gärtner namens Antonio zu finden, aber leider ohne Erfolg. Schließlich haben sich nicht genug Verdachtsmomente ergeben und Maria und ihre Mutter mussten nach einem Monat aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Ich stelle mir vor, dass das für ihre Kollegen ziemlich frustrierend gewesen sein muss, oder? Das sagen sie was. Die Kollegen waren ja auch überzeugt, dass das, was Maria ausgesagt hatte, tatsächlich der Wahrheit entspricht. Da ist es schon äußerst frustrierend, wenn man jemanden laufen lassen muss, von dessen Schuld man überzeugt ist. Aber die Professionalität verlangt nun mal, dass man solche Rückschläge in Kauf nimmt, kurz in die Knie geht und dann wieder aufsteht.

Das kurz in die Knie gehen dauerte in diesem Fall etwas länger. Erst im Jahr 2006, 16 Jahre nach dem Mord und kurz nachdem sie zusammen mit einem Ermittlerteam zu diesem Cold Case gestoßen waren, kommt endlich wieder Bewegung in den Fall.

Ein Mannheimer Rechtsanwalt meldet sich bei der Polizei. Sein Mandant, der albanische Staatsbürger Tarek M., könne zur Tataufklärung im Fall Giancarlo Manzi beitragen. Tarek M. war ein Jahr zuvor wegen versuchten Totschlags verurteilt und abgeschoben worden. Sein Anwalt will durch die Aussage einen Deal aushandeln. Tarek M. Soll Bleiberecht in Deutschland erhalten. Eine ziemliche Zwickmühle. Einerseits könnte durch die Aussage des Mandanten vielleicht ein Mord aufgeklärt werden, der mittlerweile 16 Jahre zurückliegt. Andererseits würde man durch so einen Deal jemanden zurück ins Land lassen, der hier eine schwere Straftat begangen hat. Deshalb kann sich die Staatsanwaltschaft nicht darauf einlassen. Also leider doch keine neuen Erkenntnisse in dem Fall. Zumindest nicht auf diesem Wege. Aber dann hilft einige Monate später der berühmte Kommissar Zufall. Eine Streife des Fahndungsdezernats fährt durch die Mannheimer Innenstadt und beobachtet, wie vor ihnen ein Mann über den Zebrastreifen geht. Einem der Beamten kommt der Mann bekannt vor. Es ist der abgeschobene Albaner Tarek M., der illegal nach Deutschland zurückgekommen ist. Sie nehmen ihn in Haft.

Dort ist er auf einmal bereit, über sein Wissen im Fall Giancarlo Manzi auszusagen. Herr Benz, Rudi hat es gesagt, was für ein Zufall. Warum wollte Tarek M. jetzt auch noch ohne Deal aussagen? Der Zeuge wollte sich vermutlich ein paar Pluspunkte erarbeiten, die ihn in seinen Augen eventuell doch vor einer erneuten Abschiebung retten könnten. Bei Tarek M. handelte es sich um jenen Albaner, der damals als 17-Jähriger eine Affäre mit Maria Manzi hatte und wegen der ihre Familie in Streit geraten war. Herr Benz, war seine Aussage hilfreich für Sie? Ja, die war äußerst hilfreich. Maria hatte oft Albträume und im Schlaf geredet. Tarek M. hat Maria jedes Mal nach ihren Träumen gefragt. Sie wollte allerdings nichts dazu sagen. Doch er ist hartnäckig geblieben. In einer Nacht hätte sie ihm dann offenbart, dass sie immer denselben Traum habe. Ihr Vater würde im Traum aus seinem Grab steigen und sie mitten das Grab hinabzerren, weil er ihr die Schuld an seinem Tod gibt. Hat sie das Tarek M. Gegenüber denn auch als Albtraum dargestellt oder hat sie vielleicht sogar noch mehr erzählt? Sie hat ihm noch mehr gesagt.

Und sie soll zugegeben haben, jemanden zum Mord an ihrem Vater angestiftet zu haben. Einen Gärtner namens Antonio. Aber standen Sie jetzt nicht vor demselben Dilemma wie Ihre Kollegen zuvor, dass die Aussage des Zeugen ja wieder nur auf der Aussage von Maria basierte? Nicht ganz, denn diesmal hatten wir noch zwei wichtige Details mehr erfahren. Erstens, neben einer Liebesnacht hatte sie Antonio angeblich 80.000 D-Mark bezahlt. 60.000 Mark hätten von der Mutter aus einem Grundstücksverkauf in Sizilien gestammt. 20.000 Mark hätte Maria sich geliehen, zum Teil von ihrem Ehemann. Wusste ihr Ehemann denn, wofür sie so viel Geld gebraucht hat? Nein, er hat nicht gewusst, wofür das Geld gedacht war. Warum er bei ihr nicht nachgefragt hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Und was war das zweite wichtige Detail seiner Aussage? Maria hatte 1991, ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters, einen vierten Sohn bekommen. Sie soll Tarek M. Gestanden haben, dass dieses Kind nicht von ihrem Ehemann stammte, sondern das Ergebnis einer Nacht mit dem Auftragskiller Antonio gewesen ist. Das ist wirklich eine überraschende Wendung. Marias jüngster Sohn sollte also der Sohn des Mörders seines Großvaters Giancarlo Manzi sein.

Das muss man jetzt erstmal kurz sacken lassen. Herr Benz, wie oft ist Ihnen so eine Konstellation begegnet? Mir persönlich bis dahin niemals. Und glauben Sie mir, wir alle sahen uns in einen Kriminalroman versetzt. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es so einen Fall in der deutschen Kriminalgeschichte an anderer Stelle jemals gegeben hätte. Deshalb ist uns der Fall bis heute so im Gedächtnis geblieben. Wenn die Aussagen von Tarek M. stimmen, hätten Sie den Fall, dass Maria Manzis Sohn dieselbe DNA wie der Auftragsmörder hat. Wie konnten Sie in der Mordkommission diesen außergewöhnlichen Sachverhalt jetzt für sich überhaupt nutzen? Zunächst einmal galt es zu überprüfen, ob der jüngste Sohn von Maria tatsächlich nicht der Sohn ihres Ehemannes war. Dabei haben wir uns Hilfe vom Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg geholt. Wir haben einen Gentest zur Feststellung der Abstammung beantragt. Maria lebte mit ihrer Familie inzwischen in Trier. Wir haben einen richterlichen Beschluss erwirkt und Speichelproben von Maria, ihrem Mann und ihrem inzwischen 15-jährigen Sohn eingeholt und zur Untersuchung gebracht. Was hat diese Untersuchung ergeben? Die Erbgutanalyse hat eindeutig festgestellt, dass Marias Sohn nicht der Sohn ihres Ehemannes ist. Im Kontext des Geständnisses von 1993 und der Aussage des Zeugen Tarek M., die eindeutig auf Täterwissen beruhte, war diese Untersuchung für uns absolut verwertbar.

Das muss für Vater und Sohn ein Schock gewesen sein, kann ich mir vorstellen. Beide haben immerhin 15 Jahre lang in der Annahme gelebt, biologisch miteinander verwandt zu sein. Jetzt mussten Sie also, Herr Benz, mit Ihren Kollegen den Mann finden, der der leibliche Vater und somit wahrscheinlich der Mörder von Giancarlo Manzi ist. Ja, wir mussten in diese Richtung weitermachen. Das war eine nervenaufreibende Arbeit. Wir konzentrierten uns darauf, den Kindsvater zu finden. Die DNA des Sohnes konnten wir allerdings nicht dauerhaft in die DNA-Analyse-Datei einstellen, weil er ja kein Beschuldigter gewesen ist. Es gab aber turnusmäßig immer wieder einen manuellen Abgleich durch die Kollegen vom BKA. Sie ließen die DNA in bestimmten Abständen immer wieder durch die Datei laufen, ob es da jemanden gibt, der ein naher Verwandter sein könnte. Aber in der DNA-Datei fand sich zunächst kein Treffer. Der mögliche Kindsvater war also noch nicht polizeilich aufgefallen und registriert. Sie haben neben dem Abgleich mit der DNA-Analysedatei ja auch weitere Ermittlungen wieder aufgenommen. Erzählen Sie mal, was haben Sie da getan? Ja, wir haben selbstverständlich Personen aus dem Mafia-Umfeld mit dem Namen Antonio überprüft, die in den 80ern und 90ern rund um Mannheim gelebt hatten. Ich bin im Zuge dessen zum Beispiel selbst nach Bologna gereist, um dort eine Mafioso zu vernehmen und eine DNA-Probe zu erheben. Dieser Mann war zum Tatzeitpunkt in Mannheim sehr aktiv und hörte auf den Namen Antonio.

Er hatte dann aber nichts mit dem Fall zu tun. Antonio ist leider kein seltener Name in Italien. Vier Jahre später, im Jahr 2010, ließen ihre Kollegen vom BKA wieder die DNA des Sohnes durch die DNA-Analyse-Datei laufen. Und siehe da, plötzlich gab es einen Treffer. Antonio R., ein italienischer Staatsangehöriger, der in Sizilien geboren wurde und im Mannheimer Bezirk Jungbusch lebte. Er geriet mittlerweile in die DNA-Datei, weil er mit Falschgeld gehandelt und eine Schalldämpferpistole zum Kauf angeboten hatte, die man später in seiner Wohnung in einem Pizzakarton versteckt entdeckt hatte.

Herr Benz, das war jetzt natürlich eine äußerst heiße Spur. Was haben Sie über den Mann herausgefunden? Zunächst haben wir ihn einmal mit verdeckten Maßnahmen überprüft. Bis zu dem Zeitpunkt der Anzeige wegen Falschgeldes und Waffenbesitzes war Antonio R. Ja weder straf- oder auffällig geworden. Wir haben herausgefunden, dass er gut vernetzt war und in einem mafiösen Umfeld verkehrte. Was waren das für verdeckte Maßnahmen, die Sie gerade erwähnt haben? Aus ermittlungstaktischen Gründen kann ich hier leider keine Ausführung dazu machen. Haben Sie ihn denn dann festgenommen, vernommen? So einfach war es leider nicht. Der Abgleich seiner DNA mit der von Marias Sohn in der Analyse-Datei war nicht ausreichend. Dieses Ergebnis hat uns keine ausreichenden Gründe gegeben, den Mann vorläufig festzunehmen.

Um die Beweislage zu verfestigen, wäre ein Vaterschaftsgutachten notwendig gewesen. Dafür ist die Original-DNA des Verdächtigen wichtig, mit der man dann die der Mutter und des Sohnes vergleichen kann. Wir benötigten also nochmal die DNA des Mannes, ohne dass er Verdacht schöpft. Warum war es Ihnen denn so wichtig, dass er keinen Verdacht schöpft? Das war so. Die Straftat war 1990, also vor dem Schengener Abkommen. Das heißt, wenn er sich vor einer Festnahme ins Ausland abgesetzt hätte, würde ein Auslieferungsassuren schlicht und ergreifend ins Leere laufen. Wir haben dann einen richterlichen Beschluss zur DNA-Entnahme erwirkt. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie wir zu seinem Haus gegangen sind. Flankiert von verdeckt operierenden Spezialkräften, denn immerhin hatte er ja mutmaßlich einen Mord begangen und wir mussten davon ausgehen, dass er bewaffnet ist.

Wir haben ihn in der Wohnung in ein Gespräch verwickelt und gesagt, wir ermitteln in der Mordsache Giancarlo Manzi und schicken italienische Staatsangehörige mit dem Vornamen Antonio ab. Da seine Frau und seine vier Kinder da waren, wirkte er zögerlich. Wir haben ihm deshalb angeboten, dass er uns zur Dienststelle begleitet. Er ist dann freiwillig mit uns mitgekommen. Es gab also tatsächlich gar keine Gegenwehr von ihm, wie Sie vermutlich erwartet hatten, oder? Das kann man so und so sehen. Natürlich haben wir den Mann als gefährlich eingeschätzt. Allerdings wird ein Mensch in dieser Situation alles tun, um unverdächtig zu bleiben. Er hat uns dann zum Präsidium begleitet und hat uns dort dann auch freiwillig eine DNA-Probe abgegeben. Er dachte wahrscheinlich, er hätte keine DNA-Spuren hinterlassen. Wahrscheinlich war ihm auch bewusst, dass die Wissenschaft in Dingen DNA zum Tatzeitpunkt 1990 noch nicht so weit war und die kriminaltechnischen Standards eben andere waren. Aber er wusste, wie sie später herausstellen, nicht, dass er mit Maria einen Sohn hatte. Deswegen stellte diese DNA-Probe für ihn keine Bedrohung dar. Haben Sie ihn dann im Präsidium direkt auf Maria Manzi angesprochen? Ja, das haben wir getan. Und in diesem Moment konnten wir zum ersten Mal eine körperliche Regung bei ihm wahrnehmen.

Ich muss dazu ausführen, dass der Mann über den ganzen Kontakt hinweg sehr abgeklärt wirkte und sich in keinster Weise verdächtig verhalten hätte. Mein Kollege und ich haben uns in diesem Moment angeschaut und gewusst, ja, wir sind richtig. Wir haben ihn dann weiter ins Gespräch verwickelt, auch was seinen Werdegang anbelangt. So ganz nebenbei erwähnte er dann, dass er Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre einmal als Gärtner gearbeitet hatte. Auch Maria hatte ja bei ihrem Geständnis seiner Zeit von einem Gärtner gesprochen. Das war das Tüpfelchen auf dem I für uns. Wir waren uns ziemlich sicher, jetzt haben wir den richtigen. Bis so eine DNA-Probe ausgewertet ist, vergehen ja einige Tage. Mussten Sie jetzt nicht befürchten, dass er sich in der Zwischenzeit ins Ausland absetzt? Natürlich. Aus diesem Grunde haben wir ihn auch engmaschig observiert. Aber bereits sechs Tage später war der Befund der Rechtsmedizin Heidelberg da. Diesem Ergebnis folgend war Antonio R. Zu 99,99991% der Vater von Marias Sohn.

Damit war der abschließende Beweis erbracht und wir konnten einen Haftbefehl beantragen. 21 Jahre nach dem Mord an Giancarlo Manzi wird Antonio R. Verhaftet. Was passierte mit Maria und ihrer Mutter Laurentina Manzi? Die Mutter Laurentina war bereits in den 90ern zurück nach Italien gezogen. Wie erwähnt, gab es da noch kein Schengener Abkommen zur Auslieferung und freiwillig kam sie nicht mehr zurück. Maria Manzi haben wir in Dreh verhaftet. Sie hat keine Aussage mehr gemacht, aber viel geweint. Wir hatten den Eindruck, sie möchte etwas loswerden, hat es aber dann schlussendlich nicht getan. Antonio R. hat auch keine Aussage gemacht. Er hat nur beteuert, ich habe nichts gemacht.

Am 15. September 2011 beginnt ein aufsehenerregender Prozess am Landgericht Mannheim. Maria Manzi und Antonio R. sitzen auf der Anklagebank. Während die mittlerweile 45-Jährige auch vor Gericht viel weint, schweigt ihr ehemaliger Geliebter. Am dritten Prozestag soll Marias Sohn als Zeuge aussagen. Er steht nach 20 Jahren zum ersten Mal seinem leiblichen Vater Antonio R. gegenüber. Beide wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen und würdigen sich kaum eines Blickes. Maria Manzi selbst sagt aus, dass ihre Mutter den Auftragsmord vorgeschlagen hatte, um der dauernden Tyrannei Giancarlos ein Ende zu setzen. Laurentina habe ihre Tochter dann gefragt, ob sie jemanden kenne, der so eine Tat ausführen könne.

Außerdem stellt sich heraus, dass die Beziehung zwischen Maria und Antonio R. Noch einige Monate nach der Tat angehalten hatte. Marias Mann hatte sich mittlerweile von ihr scheiden lassen. Antonio R. äußert sich vor Gericht nicht zu der Tat. Am 10. Verhandlungstag verurteilt das Gericht Maria Manzi für die Anstiftung zum Mord an ihrem Vater zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Der Auftragsmörder Antonio R. erhält ebenfalls eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes aus Heimtücke und Habgier. Das Landgericht Mannheim führt in seinem Urteil aus, dass es nicht von einer Ausweglosigkeit der Situation ausgeht und sich Maria staatliche Hilfe hätte holen können. Deswegen gibt es für sie keine Strafmilderung.

Herr Benz, wie sehen Sie die Rolle der Großmutter? Da bin ich mir nicht völlig sicher. Auf alle Fälle hat die Großmutter des Kindes bzw. die Mutter der Maria.

Die Tat gut geheißen, sie hat sie gebilligt. Und da ist es für mich persönlich völlig unerheblich, von wem die Initiative zu diesem Auftragsmord ausging. Ob das jetzt von der Ehefrau des Opfers oder von der Tochter des Opfers ausging, ist völlig gleich. Sie hat dem Ganzen zugestimmt, das ist auch eindeutig erwiesen, dadurch, dass sie einen Großteil des geforderten Auftragslohnes bereitgestellt hat und das Geld offensichtlich dann auch weitergegeben hat. Und auch aufgrund der Tatsache, dass sie sich kurz nach der Tat bzw. Kurz nach ihrer Verhaftung im Jahre 1993 dann schlicht und ergreifend nach Italien abgesetzt hat. Herr Benz, die Tat liegt heute, mittlerweile 34 Jahre zurück, das Urteil 13 Jahre und trotzdem haben Sie unserer Redaktion ja im Vorfeld gesagt, dass Sie diesen Fall nie vergessen werden. Warum? Normalerweise sehe ich meine Arbeit äußerst professionell. Nach dem Fall ist vor dem Fall. Allerdings handelt es sich bei diesem Drama, was sich da in dieser Familie abgespielt hat, um eine dermaßen besondere Konstellation.

In der alle kriminalistischen Negativfaktoren sich vereint haben, um ein Sachverhalt mit absoluten Alleinstellungsmerkmalen. Sie müssen sich alles ganz einfach mal vor Augen führen. Ein Sohn erfährt, dass sein leiblicher Vater der Mörder seines Großvaters ist. Ein Ehemann, wenn er auch mittlerweile geschieden war, erfährt, dass sein jüngster Sohn nicht sein leibliches Kind ist. Eine Familie wurde zerrissen durch diese Tat. Insofern nimmt mich der Fall heute immer noch mit, sobald die Rede darauf kommt. Und glauben Sie mir bitte, wir sprechen in gewissen Abständen immer wieder über diesen Sachverhalt.

Damit sind wir am Ende dieser Folge angelangt. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen, Kriminalhauptkommissar Jürgen Benz, der uns den ganzen Fall wirklich sehr bildlich vor Augen geführt hat. Schön, dass Sie hier waren. Sehr gerne. Auch von mir ganz herzlichen Dank. Danke auch an den forensischen Psychiater Prof. Dr. Stefan Orlob für seine Erläuterungen und an André Stanley, den Autor dieser Folge. Und vielen Dank an euch fürs Zuhören. Ich sage bis zum nächsten Mal bei Aktenzeichen XY, unvergessene Verbrechen. Und wie immer ganz wichtig, bleibt sicher. Wenn euch die Folge gefallen hat, dann abonniert unseren Podcast gerne, damit ihr die nächste Folge auch nicht verpasst. Alle Infos zum Fall findet ihr wie immer in den Shownotes. Wir hören uns wieder in zwei Wochen. Macht's gut und bis dahin.

Aktenzeichen XY, unvergessene Verbrechen, ist eine Produktion der Securitel in Kooperation mit BUM-Film im Auftrag des ZDF.

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