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Hallo und herzlich willkommen zum zweiten Teil der Folge zum wohl größten Kriminalfall Österreichs, dem Fall des Frauenmörders Jack Unterbieger. Ich bin Roli Zerne und an meiner Seite ist wieder einmal meine Kollegin Nicola Hänisch-Kurus. Ja, willkommen auch von mir. Freut mich, dass ihr zuhört. Ja, und bei uns zu Gast ist auch wieder Dr. Ernst Geiger. Er war Anfang der 90er Jahre Leiter der Wiener Mordkommission und auch der Sonderkommission, die die Ermittlungen wegen einer Reihe aufsehenerregender Prostituiertenmorde geführt hat. Herr Dr. Geiger, schön, dass Sie wieder bei uns sind. Freut mich sehr. Ja, mich auch. Hallo. Hallo. So, bevor wir dort einsteigen, wo wir in Folge 1 aufgehört haben, hier eine kurze Zusammenfassung.

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Es ist das Jahr 1974. In einem Waldstück in der Nähe vom mittelhessischen Ewersbach finden Passanten die Leiche der 18-jährigen Monika Dippold. Die junge Frau wurde offenbar entkleidet, schwer misshandelt und mit der eigenen Unterwäsche erdrosselt. Es dauert nicht lange, da fassen die Ermittler den Täter. Es ist ein 24-jähriger Kärntner namens Jack Unterweger. Er hat Monika Dippold mithilfe einer gemeinsamen Bekannten in sein Auto gelockt und getötet.

Unterweger wird 1976 vom Landgericht Salzburg wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Es könnte das Ende dieser sehr grausamen Geschichte sein. Doch die Verurteilung Jack Unterwegers ist erst der Anfang. Es dauert nicht lange, da hat er sich in der Männerstrafanstalt Stein, wo er einsitzt und darüber hinaus einen bemerkenswerten Ruf erarbeitet, als Schriftsteller und begabter Poet. Bald schon hat er unzählige Unterstützer um sich gescharrt. Es sind vor allem Frauen, die sich zu dem charmanten Häfenpoeten, wie er nun genannt wird, hingezogen fühlen. Doch je mehr Unterweger schreibt und veröffentlicht Gedichte, schließlich auch den autobiografischen Roman Fegefeuer, desto mehr interessiert sich auch die österreichische Kulturszene für ihn und schließlich auch die Politik. Autoren, Intellektuelle und sogar der Justizminister loben den gelungenen Resozialisierungsfall Jack Unterweger. Auch wegen der großen Unterstützung, die er in der Gesellschaft genießt, kommt Unterweger im Mai 1990 nach 16 Jahren Haft auf Bewährung frei. Nur wenige Monate später, im Frühjahr 1991, beginnt eine grausame Mordserie. Vier Prostituierte verschwinden kurz nacheinander vom Wiener Straßenstrich. Es dauert nicht lange, da findet die Polizei in Wien und in Niederösterreich die Leichen der vermissten Frauen.

Sie alle wurden auf dieselbe perfide Weise getötet. Der Täter hat sie entkleidet, mit ihrer eigenen Unterwäsche erdrosselt und in unterschiedlichen Waldstücken nahe Wien abgelegt. Schnell ist den Ermittlern klar, sie haben es mit einem Serientäter zu tun, der aller Wahrscheinlichkeit nach Wieda zuschlagen wird. Was sie nicht wissen, neben ihnen gibt es noch jemand anderen, der nun im Wiener Strichgebiet Prostituierte befragt. Sie nach den Ermittlungen der Polizei aushorcht und danach, wie sie gedenken, sich vor dem Täter zu schützen. Es ist Jack Unterweger.

Herr Geiger, Sie ermittelten damals gerade mit Hochdruck wegen der Prostituiertenmorde in Wien. Wir haben in der ersten Folge gehört, zwei Leichen hatten sie im Juni 1991 schon gefunden. Zwei weitere Frauen galten zunächst als vermisst, später fand man auch sie. Und dann fährte ein Reporter des ORF durch das Wiener Strichgebiet, der selbst schon einmal wegen des Mordes an einer Frau verurteilt worden war, und interviewt die Prostituierten. Kam Ihnen das nicht komisch vor? Wir wussten ja anfangs nichts davon. Ich kannte Jack Unterweger nur aus den Medien, nicht persönlich. Das änderte sich aber rasch. Wir hatten schon am 1. Juni 1991 einen Anruf von einem Salzburger Kriminalbeamten namens August Schenner erhalten. Dieser hatte Mitte der 70er Jahre zum Mord an Olga Petrovic ermittelt. Darüber hatten wir in Folge 1 gesprochen. Die Leiche war mit einer Krawatte gefesselt und mit ihrer eigenen Strumpfhose erdrosselt. Das Gesicht war mit einem Verband umwickelt.

Der Fall konnte nie geklärt werden, aber Schöner war sich sicher, dass Unterweger der Täter war. Er rief nun im Sicherheitsbüro an und sagte, schaut euch den Unterweger an, der wohnt in Wien. Es gibt Ähnlichkeiten zu den Morden an Olga Petrowitz und an Monika Dieppold. Und haben Sie das gleich gemacht? Haben Sie sich ihn nochmal angeschaut oder mal genauer hingeschaut? Das ging anfangs in der Masse der Hinweise unter, wurde zunächst kaum beachtet, denn die Hinweise werden priorisiert und dann nach Wichtigkeit abgearbeitet. Doch nur wenige Tage später stellte sich eben jener Jack Unterweger selbst bei einem Vorgesetzten, Hofrat Max Edelbacher, Chef des Wiener Sicherheitsbüros, vor. Also Jack Unterweger kam zu Ihnen ins Sicherheitsbüro. Wie lief diese Begegnung ab? Er kam als Reporter des ORF, stellte sich vor und sagte, dass er für die Sendung General Panorama einen Beitrag über die Prostituiertenmorde machen sollte. Das war an sich nichts Ungewöhnliches. Es gab damals großes Medieninteresse und viele Journalisten kamen ins Sicherheitsbüro.

Edelbacher gab ihm dann ein Interview, sprach über den Ermittlungsstand, ohne eigentlich zu wissen, wen er für sich hatte. Die Sendung wurde dann am 5. Juni 1991 ausgestrahlt.

Darin auch Unterweges Interviews mit Prostituierten. Inzwischen war auch Schenas Hinweis vom Journaldienst, in Deutschland sind das die Kollegen vom Bereitschaftsdienst, an uns weitergegeben worden. Als wir die Verbindung bemerkten, war uns ganz klar, das ist höchst merkwürdig. Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Nicht nur also, dass dieser Reporter im Wiener Strichgebiet Frauen befragt, wie sie sich schützen und sich selbst beim Leiter des Wiener Sicherheitsbüros über den Stand der Ermittlungen informiert. Sondern eben dieser Reporter stellt sich dann aufgrund eines Hinweises von einem Kollegen als ein verurteilter Frauenmörder heraus, der erst vor kurzem aus der Haft entlassen wurde. Ich stelle mir vor, da schrillen bei einem Ermittler doch gleich alle Alarmglocken. Ja, das war in der Tat höchst merkwürdig und verdächtig, war allerdings bis dahin nur ein Gefühl.

Denn es gab keinen konkreten Tatverdacht. Oder Zeugen, die Unterwege mit den Opfern in Verbindung bringen konnten. Wir kannten seine Vorgeschichte noch nicht im Detail. Wir wussten, Unterweger galt inzwischen als berühmter Schriftsteller und Vorzeigefall für Resozialisierung. Er lebte offenbar auf großem Fuß und schien nicht ins Bild eines Prostituiertenmörders zu passen. Also wie sind Sie dann vorgegangen? Was haben Sie unternommen? Wir haben uns entschieden, ihn zu observieren, um zu sehen, ob es neben der Öffentlichen auch eine andere, eine dunkle Seite gibt. Ja, und was die Ermittler bei ihrer Observation von Jack Unterweger feststellten und was danach passiert, das erzählen wir euch jetzt.

Es ist der 7. Juni 1991, als die Ermittler der Wiener Mordkommission anfangen, Jack Unterweger zu observieren. Sie folgen ihm auf Schritt und Tritt, um unbemerkt mehr über den berühmten Schriftsteller zu erfahren, der sich selbst so auffällig in die Mordermittlungen geschoben hat. Allerdings, im Grunde können die Beamten nur Entlassendes feststellen. Unterweger, so beobachten sie in den nächsten Tagen, ist rund um die Uhr unterwegs. Er fährt von einem Rendezvous zum nächsten, nimmt Pressetermine wahr und besucht Theaterabende. Abends verkehrt er in Wiens angesagten Innenstadtlokalen. Immer dabei eine oder gleich mehrere schöne Frauen, die Unterweger umschwärmen. Erst spätabends kehrt er in seine großzügige Wohnung im 8. Bezirk zurück. Ins Wiener Strichgebiet fährt er nie. Allerdings kommt für die Observation erschwerend hinzu, schon nach drei Tagen verlässt Unterweger die Stadt. Am 10. Juni 1991 nimmt er einen Flug nach Los Angeles in die USA, um dort, wie man hört, an einer Reportage über die sozialen Unterschiede zwischen Arm und Reich in L.A. zu arbeiten. Zu dem Zeitpunkt ahnen Ernst Geiger und seine Kollegen noch nicht, dass ihre Ermittlungen sie in den kommenden Monaten ebenfalls nach Los Angeles führen werden. Jack Unterweger bleibt rund einen Monat in L.A. Die Ermittler der Wiener Mordkommission sind in dieser Zeit nicht untätig.

Unterweger steht noch nicht im Zentrum ihrer Ermittlungen. Dafür gibt es schlicht zu viele Verdächtige. Männer, die wegen Gewalttaten gegenüber Prostituierten aufgefallen sind, Spanner oder auch Sexualstraftäter. Die Hinweise vor allem aus dem Milieu sind zahlreich.

Dennoch lässt sich Ernst Geiger nun Unterwegers Vorstrafakte zukommen. Bisher weiß er aus dem Strafregisterauszug nur, dass Unterweger wegen Mordes verurteilt worden war. Als Geiger die Akte vor sich hat, stellt er fest, der Modus operandi bei der Tötung der Deutschen Monika Dippold ist dem der Wiener Prostituiertenmorde auffallend ähnlich. Auch sie wurde mit einem Auto an den Tatort in einem Waldstück gebracht. Auch sie wurde entkleidet und mit ihrer eigenen Unterwäsche erdrosselt, die der Täter mit einem auffälligen Knoten verschnürt hatte. Doch es gibt auch Unterschiede. Monika Dippold war keine Prostituierte. Und bei dieser Tat war noch eine weitere Person dabei, Unterwegers damalige Freundin Christine S. Dennoch, als Ernst Geiger auch noch die Akten zu den Vergewaltigungen liest, wegen derer Unterweger 1975 verurteilt wurde und die zum ungeklärten Mord an Olga Petrowitz, stellt er fest, auch bei diesen Taten gibt es auffallend viele Gemeinsamkeiten mit der Wiener Serie. Er hat das Gefühl, das könnte ihr Mann sein. Doch noch bevor sich die Ermittler von der Wiener Mordkommission diesen Jack Unterweger noch einmal genauer anschauen können, taucht der Häfenpoet plötzlich wieder selbst am Empfang des Wiener Sicherheitsbüros auf.

Herr Geiger, ein paar Wochen nach seiner Rückkehr aus L.A. stand Jack Unterweger wieder bei Ihnen in der Direktion. Zu der Zeit hatten sie ja schon den Verdacht, dass er mit den Morden in Verbindung stehen könnte. Was ging in ihnen vor, als er auftauchte? Ich fand das schon sehr auffällig. Heute würde ich sagen, er suchte bewusste Nähe zur Polizei. Es war ein Spiel für ihn, eine Provokation. Er hielt sich für den Schlauesten und hatte Freude daran, uns an der Nase herumzuführen. Er bat mir ein erneutes Gespräch mit meinem Vorgesetzten Hofer Edelbacher. Dabei sagte er, er fände ihn so sympathisch und wolle ihm Bilder von seiner Reportage in Los Angeles zeigen. Tja, das ist ziemlich frech, würde ich sagen. Wie hat Ihr Vorgesetzter reagiert? Edelbacher sagt Unterweger gerade heraus, dass es inzwischen einen Anfangsverdacht gegen ihn gäbe und dass man ihn gerne einvernehmen würde.

Und Unterweger, wie hat er reagiert darauf? Gar nicht allzu konsterniert. Er war sich wohl sicher, dass er das leicht bewältigen würde. Ihr vorgesetzter Hofrat Edelbacher hat Unterweger dann am 22. Oktober 1991 zur Vernehmung einbestellt. Auch Sie waren bei diesem Gespräch zugegen und haben Unterweger zum ersten Mal persönlich getroffen. Welchen Eindruck hatten Sie von ihm?

Rückblickend leicht gesagt, aber er wirkte auf mich von vornherein nicht vertrauenswürdig. Ich kannte ja auch schon seine Akte. Er gab sich kultiviert, wirkte aber auf mich wie ein alter Häfenbruder. Ein Knacki. In Deutschland sagt man dazu Knacki. Besonders aufgefallen sind mir seine Augen. Die waren sekundenlang ohne Liedschlag geöffnet. Mir waren diese Augen unheimlich. Andere, vor allem Frauen, haben sie fasziniert. Was hat Unterweger Ihnen während dieser Vernehmung denn alles erzählt? Wir haben ihn natürlich nach den Tagen gefragt, an denen Prostituierte verschwanden. Er hat sehr weitschwerfig geantwortet. Auffällig war, er hatte für keinen dieser Tage ein überprüfbares Alibi. Er hat natürlich abgestritten, etwas mit dem Morden zu tun zu haben. Er habe ein sexuell ausgefülltes Leben, viele Freundinnen, Verkehre mit Künstlern.

Er brauche keine Prostituierten. Er schwor, er habe seit seiner Haftentlassung im Mai 1990 keinen einzigen privaten Kontakt zu Prostituierten gehabt. Darauf haben wir ihn dann festgenagelt. Wir haben mehrmals das hinterfragt und das sollte ihm, ohne dass er oder wir es noch wussten, noch zum Verhängnis werden. Warum Unterweger diese Aussage später zum Verhängnis werden sollte, dazu kommen wir gleich. Aber zuvor schauen wir noch einmal auf die weiteren Ermittlungen, die nun langsam, aber sicher Fahrt aufnehmen.

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Die Ermittler rund um Ernst Geiger hegen schon seit einer Weile die Vermutung, dass der Täter, um wen auch immer es sich handelt, noch weitere Opfer getötet haben könnte. Mordfälle werden in Österreich, genau wie in Deutschland, nicht zentral bearbeitet. Wurden weitere Morde der Serie bisher übersehen, weil sie in einem anderen Bundesland geschehen sind, mit anderer polizeilicher Zuständigkeit? Die Ermittler suchen also zunächst nach vergleichbaren Tötungsdelikten in ganz Österreich. Und tatsächlich, schon bald werden sie fündig. Am 26. Oktober 1990, also noch vor den Morden in Wien, verschwindet die 39-jährige Prostituierte Gertraud Steiger von ihrem Standplatz in der Grazer Griesgasse. Monate später wird ihre Leiche in einem Waldstück in der Steiermark entdeckt, acht Kilometer vom Ort des Verschwindens entfernt. Auch die 31-jährige Prostituierte Dorothee Riedel verschwindet am 6. Dezember 1990 von ihrem Arbeitsort in einer Bregenzer Tiefgarage. Ein Zeuge sieht sie zuletzt um Mitternacht, dann verliert sich ihre Spur.

Spaziergänger finden ihre Leiche im Lustenauer Wald, elf Kilometer von der Tiefgarage entfernt. Und wieder in Graz verschwindet am 7. März 1991 die 35-jährige Prostituierte Wiebke Bischof. Von Zeugen wird sie zuletzt gegen 22.30 Uhr im Volksgarten gesehen. Ähnlich wie im Fall der vermissten Prostituierten Carmen Pölzel aus Wien erhalten Bekannte von Wiebke Bischof in den Tagen nach ihrem Verschwinden mysteriöse Anrufe. Sie hören nur, wie jemand am anderen Ende in den Hörer stöhnt. Doch die Anrufe lassen sich nicht zurückverfolgen. Am 5. Oktober 1991 findet man ihre Leiche in einem ca. 20 Kilometer entfernten Waldstück. Bei allen drei Tötungen fällt auf, es gibt starke Ähnlichkeiten zu den Morden in Wien. Auch in Graz und Bregenz wurden die drei Frauen offenbar mit dem Auto an den Tatort gebracht. Sie wurden bis auf den Schmuck entkleidet. Dann wurden sie mit ihrer eigenen Unterwäsche erdrosselt, jeweils mit Hilfe des gleichen komplizierten Knotens. Anschließend hat der Täter sie in Bauchlage auf dem Waldboden abgelegt und mit Blättern und Zweigen bedeckt. Gerade so viel, dass man sie noch leicht entdecken kann. Die Ermittler sind sich sicher. Die Fälle hängen mit den Morden in Wien zusammen.

Allerdings gibt es auch hier kaum verwertbare Spuren. Die Leichen lagen über Monate im Freien. Beim Körper von Wiebke Bischof ist die Verwesung sogar so weit fortgeschritten, dass nicht einmal die Todesursache noch zweifelsfrei festgestellt werden kann. Sie ist schon fast vollständig skelettiert. Aber einen Fund machen die Ermittler doch. Am Körper des Bregenzer Opfers Dorothee Riedl können sie rote Textilfasern sicherstellen. Die werden später noch ein entscheidendes Indiz sein.

Herr Geiger, Sie hatten nun, die in Wien mit eingerechnet, insgesamt sieben Morde identifiziert, die über ganz Österreich verteilt lagen und von denen Sie vermuteten, dass ein und derselbe Täter sie begangen hatte. Sein unglaubliches Ausmaß, das sich da andeutete, ist so etwas auch für einen Polizeibeamten schwer zu verarbeiten? Ja, bei einem Fall dieser Dimension ist man natürlich massiv angespannt und gefordert. Man geht kaum um 17 Uhr nach Hause, kommt sehr spät in der Nacht heim, kann nicht abschalten. Natürlich gibt es dann auch Probleme mit der Familie, die sich vernachlässigt fühlt. Man hat nicht so viel Zeit wie bei einem normalen Job. Die Ermittlungen zogen sich jetzt schon über Monate hinweg. Und es gab auch großen medialen Druck. Das erzeugte ein Wellental persönlicher Gefühle. Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Wie gingen Sie denn dann jetzt vor? Wir haben die Ermittlungen deutlich intensiviert. Unterweger war nach der Vernehmung im Sicherheitsbüro unser Hauptverdächtiger.

Mit den Kollegen aus Graz und Bregenz haben wir vereinbart, dass sie in ihren jeweiligen Strichgebieten Prostituierte konkret befragen, ob sie Unterweger im Milieu gesehen haben. Er hat ja behauptet, seit seiner Haftentlassung keinen Kontakt zu Prostituierten mehr gehabt zu haben. Das wollten wir uns genauer anschauen. Beamte sind mit seinem Foto herumgegangen und haben recherchiert. Und hat ihn jemand auf den Bildern erkannt? Ja, in der Tat.

Eine Grazer Prostituierte. Sie sagte am 13. Januar 1992 aus, Unterweger habe sie mit dem Auto im Strichgebiet aufgelesen und sei mit ihr in den Wald bei Graz gefahren. Dazu musste er sie erst überreden, indem er sagte, er sei ein bekannter Journalist, er könne sich in der Stadt nicht sehen lassen. Im Wald angekommen, hat er sie dazu gebracht, sich von ihm fesseln zu lassen. Das hat er wieder mit seiner Überredungskunst zustande gebracht. Aber sie hat dann Angst bekommen, hat geweint, geschrien und zum Glück hat er sie dann freigelassen. Herr Geiger, warum hat er sie freigelassen? Das wissen wir nicht hundertprozentig genau. Sie hat gesagt, in der Nähe ist ein Licht angegangen. Vielleicht hat er gemeint, er ist nicht weit genug im Wald drinnen. Da ist noch jemand, er läuft gefahrt, entdeckt zu werden. Auf der anderen Seite aber hat sie wirklich Angst gehabt, hat geweint. Sie war noch sehr jung, er ist ganz frisch im Strich. Vielleicht hat er auch Mitleid mit ihr.

Hundertprozentig wissen wir es nicht. Aber das zusammen mit seiner Behauptung bei der Einvernahme, er habe nie mehr mit Prostituierten zu tun gehabt, zeigte uns, er lügt. Das war der Wendepunkt in der Ermittlung. Endlich gab es einen dringenden Tatverdacht. Anlass für einen Haftbefehl und eine Haustagssuchung. Mitte Februar 1992 wurden Sie dann auch Leiter einer neu gegründeten Sonderkommission, die von nun an die Aufklärung der Morde übernehmen sollte. Wie ging das weiter? Das war der Zeitpunkt, an dem wir alle bisherigen Ermittlungen in den verschiedenen Städten und Bundesländern zusammengeführt haben. Die unterschiedlichen Zuständigkeiten hatten Aufklärung bisher behindert. Nun sollten alle Erkenntnisse der verschiedenen Polizeidienststellen in Wien gebündelt werden.

Es kamen die Ermittler aus Graz, der Steiermark, Vorarlberg und Niederösterreich. Als erster Schritt war geplant, am 14. Februar 1992 Unterwegers Wohnung zu durchsuchen. Gleichzeitig wurde er wieder unter Observation gestellt.

Er sollte noch am selben Tag verhaftet werden. Ja, und dann kam doch alles ganz anders als geplant. Ja, Unterweger ist bei der Observation entwischt. Das war gar keine Absicht von ihm. Er wurde einfach im Stadtverkehr aus den Augen verloren. Das hat uns aber dann große Probleme bereitet, denn er ist doch am selben Tag in die Schweiz gefahren und war für uns somit erstmals weg. Hinzu kam, im Laufe des Tages ist durchgesickert, dass es einen Haftbefehl gegen ihn gab. Abends berichtete darüber als erstes die kleine Zeitung aus Graz. Herr Geiger, Unterweger ist in der Schweiz also gewarnt worden von wem? Eine Wiener Freundin hat ihn angerufen und hat ihn gewarnt. Er ist dann sofort mit der 18-jährigen Elvira M., die in der Schweiz als Kellnerin arbeitete, nach Paris gefahren und von dort mit dem Flieger nach Miami geflüchtet. Dieser 18-Jährige, hatte er mit der auch was? Ja, das war seine Freundin, mit der in Wien eigentlich zusammen lebte. Er hatte viele Freundinnen, aber das war seine Hauptfreundin, kann man sagen. Nochmal Interesse halber zum Vergegenwärtigen, wie alt war Unterweger damals? Unterweger war damals 42. Also Sie 18, er 42.

Interessantes Paar. Und damit war er dann zunächst einmal außerhalb Ihrer Reichweite. Ein ziemlicher Gau für Sie als Ermittlungsleiter, kann ich mir vorstellen. Ja, wir waren natürlich die Blamierten. Das Presseleck, er war weg und wir wussten nicht einmal wo. Wir standen schlecht da. Auf der anderen Seite gab es bisher nach wie vor keine Sachbeweise gegen Unterweger. Wir haben also versucht, die Ermittlungen während seiner Abwesenheiten voranzutreiben und seine Flucht verschaffte uns diese Zeit. Und Sie hatten ja kurz vor seiner Flucht die Wohnung durchsucht von ihm. Hat sich denn da irgendwas ergeben? Haben Sie irgendwas gefunden, was Ihnen geholfen hätte? Ja, aber die Smoking Gun, die rauchende Pistole, also die ganz heiße Spur, war zunächst nicht dabei. Wir haben zunächst Kleidung sichergestellt, unter anderem einen roten Schal und eine Jacke.

An der Leiche von Dorothee Riedl waren Fasern sichergestellt worden und wir wollten diese mit den Fasern an den Kleidungsstücken vergleichen. Daneben vor allem Aufzeichnungen, Belege für Buchhaltung, auch Tagebücher. Er hat immer sehr benibel Tagebuch geführt. Darum gab es ja unter anderem auch den Vermerk über die Ermordung von Monika Thiebold. Das hatten wir schon einmal in der ersten Folge gehört. wirklich unglaublich. Fanden sich in den Tagebüchern denn auch Aufzeichnungen zu weiteren Morden? Nein, gerade die Tagebücher zu den tatkritischen Zeiten waren verschwunden und sind es auch bis heute geblieben, sie sind nie mehr aufgetaucht. Auch Habseligkeiten der Opfer, die ja an den Fundorten fehlten, waren nicht in der Wohnung. Aber anhand von Buchhaltung, Belegen, Flugbuchung etc.

Konnten wir ein sehr genaues Bewegungsbild mit all seinen Bewegungen und Reisen seit der Haftentlassung erstellen. Eine Art Zeitstrahl seiner Reisen. Dieser zeigte, zur Zeit der jeweiligen Morde war er immer in der Nähe gewesen, in Graz, in Bregenz, in Wien, was nicht so ungewöhnlich war, aber auch an allen anderen Orten immer zu bestimmten Terminen, Lesungen und Reisen. Und es gab uns Hinweise darauf, wo wir noch nach möglichen weiteren Opfern suchen könnten.

Bevor wir dazu kommen, was diese Suche ergeben hat, inzwischen war ja durchgesickert, dass Jack Unterweger Österreichs Vorzeigefall für Resozialisierung verdächtigt wurde, wieder gemordet zu haben. Das hat sich ja für ziemlich Aufregung gesorgt, nicht? Ja, das öffentliche Interesse war sehr groß. Und es wurde noch größer, als Unterweger sich aus der Versenkung meldete. Er verschickte, während er auf der Flucht war, Presse-Statements an Journalisten und Politiker. Es war eine Art Verteidigungsschrift, er sei unschuldig, man verfolge ihn nur, weil er vorbestraft sei. Das war aber nicht alles. Unterweger hat sich sogar telefonisch in den Inlandsreport einschalten lassen, ein politisches Magazin des ORF, und beteuerte auch dort seine Unschuld. Ja, seine Version kam bei vielen überzeugend an, vor allem bei seinen Unterstützern und Förderern, denn natürlich wollte sich keiner für einen Serienmörder eingesetzt haben. Die ständigen Kontaktaufnahmen nach Wien sollten aber dann letztendlich zum Verhängnis werden.

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Ja, und warum das so war, dazu kommen wir jetzt. Im Februar 1992 laufen die Ermittlungen wegen der Prostituiertenmorde weiter auf Hochtouren. Die Sonderkommission, bestehend aus Ermittlern aus Wien, Niederösterreich, Steiermark und Vorarlberg, vollzieht Unterwegers Bewegungsprofil nach und sucht nach Fällen, die zur Mordserie passen. Sie wendet sich an Kollegen in Los Angeles, wo Unterweger wenige Monate zuvor einige Wochen verbracht hatte, und in Prag.

Dorthin war er im September 1990, kurz nach seiner Haftentlassung, ebenfalls für eine Reportage gereist. Gab es dort in der fraglichen Zeit vergleichbare Taten? Wo sich der verdächtige Unterweger zu dem Zeitpunkt aufhält, ist unbekannt. Doch dann meldet sich ein Mann bei Ernst Geiger und seinen Kollegen. Er ist Verleger und kennt Unterweger von einer früheren Zusammenarbeit. In dieser Zeit hatte Unterweger auch ein Verhältnis mit einer der Verlagsmitarbeiterinnen begonnen. Bei ihr, das konnte der Vorgesetzte mithören, hat sich Unterweger nun von seiner Flucht aus gemeldet und um Geld gebeten. Es ist der entscheidende Hinweis. Die Ermittler erfahren, dass Unterweger sich in Miami aufhält. Sie veranlassen eine Geldsendung an eine dortige Bankfiliale. Unterweger lassen sie glauben, die Überweisung komme von seiner Geliebten. Zeitgleich nehmen die Ermittler über das Wiener Büro des US-Inlandsgeheimdienstes FBI Kontakt zu den Kollegen in Miami auf. Die US-Ermittler sind sofort bereit, die österreichische Polizei bei der Festnahme Unterwegers zu unterstützen. Am 27. Februar 1992 ist es soweit. Als Unterweger bei der Bankfiliale in Miami erscheint, schickt er erst seine Freundin Elvira M. vor, um nach dem Geld zu fragen.

Die beiden wissen nicht, dass die gesamte Umgebung bereits seit Stunden vom Marshall Service observiert wird. Als Elvira M. die Bank verlässt, greifen die Beamten zu. Unterweger versucht zu fliehen. Doch er wird schließlich festgenommen.

Herr Geiger, Ihr Verdächtiger Jack Unterweger war nach einer, man muss wirklich sagen, spektakulären Jagd über den halben Erdball endlich festgenommen worden. Unter Beteiligung des FBI und der örtlichen Marshals in Miami. Ich nehme an, große Erleichterung, oder? Ja, das kann man wohl sagen. Die Flucht war natürlich ein Tiefschlag für uns gewesen. Aber die Festnahme durch die Kollegen in den USA, das war schon ein gehöriges Erfolgslebnis. Also Unterweger saß nun zunächst in Miami in Haft und Sie, Herr Geiger, haben sich inzwischen um seine Auslieferung nach Österreich bemüht. Und das war gar nicht so einfach, richtig? Stimmt, wir mussten die Auslieferungsunterlagen erstellen, die sie im Justizweg übermitteln. Das ist ein langwieriger Prozess, der Monate dauert. Im April bin ich dann auch selbst mit Beamten der Sonderkommission in die USA geflogen. Allerdings nach Los Angeles. Ja und dort, das wussten Sie, hatte sich Unterweger im Sommer 1991 für einige Monate aufgehalten. So ist es. Wir hatten ja bei den dortigen Mordermittlern angefragt, ob sie ungeklärte Fälle hatten, die zu unserer Serie passten. Das war in der Tat so.

In der Zeit, in der Unterweger vor Ort war, wurden in der Nähe seines Hotels in Los Angeles in kurzen Abständen drei Prostituierte ermordet. Am 19. Juni 1991 die 21-jährige Lori Thompson, am 29. Juni 1991 die 33-jährige Teresa Jones und am 6. Juli 1991 die 27-jährige Rebecca Moore. Nach den ersten zwei Morden hatte Jack Unterweger sogar das Hotel gewechselt. Der nächste Mord fand dann wieder ganz nahe beim neuen Hotel statt. Wir haben dann gemeinsam mit den Kollegen die Akten verglichen und die Tatorte besichtigt. Das heißt, es gab auch da Gemeinsamkeiten zu den Morden in Österreich? Ja, alle drei Frauen waren entkleidet und mit dem BH erdrosselt und in ähnlicher Weise waren die Leichen dann abgelegt worden. Und es gab in allen Fällen denselben auffällige Knoten, der auch bei den Prostituiertenmorden in Österreich verwendet worden war. Das Ganze wurde in Los Angeles von einer auf Knoten spezialisierten Forensikerin untersucht.

Die sagte, mit hoher Wahrscheinlichkeit stammen alle Knoten von einem Täter. Eines der Opfer wies zudem starke Verletzungen von einem Aufprall auf. Der Wagen, den Jack Unterweg in Los Angeles gemietet hatte, hatte bei der Rückgabe eine eingeschlagene Scheibe. Das passte genau zu den Verletzungen. Ermittler der LAPD sind dann nach Miami geflogen und haben Unterweger dort im Gefängnis einvernommen. Und hat er dann was dazu gesagt zu den Taten? Hat er sich geäußert? Er war nicht geständig. Die US-Ermittler waren sich allerdings ziemlich sicher.

Dass er der Mann war, den sie suchten. Wir hätten ihn natürlich wegen der Morde in Los Angeles in den USA anklagen können, haben dann aber mit der Staatsanwaltschaft in Los Angeles ausgehandelt, dass die Anklage in Österreich erfolgen soll. Im Juni 1992 wird Jack Unterweger dann tatsächlich von den USA nach Österreich ausgeliefert. Als die Nachricht kam, waren Sie, Herr Geiger, gerade in Prag. Was haben Sie denn dort gemacht? Das war die letzte Station in unseren Ermittlungen.

Gleichzeitig war es vermutlich der erste Mord, der den Anfang für die furchtbare Serie machte. Wir hatten bei der Hausdurchsuchung Unterlagen sichergestellt, aus denen hervorging, dass Jack Unterweger auch in Prag war und haben dann dort nachgefragt. Kurz nach seiner Haftentlassung im September 1990 war Unterweger in Prag. Man muss sich vorstellen, der eiserne Vorhang war erst kurz davor 1989 gefallen. Es gab damals natürlich noch keine wirklich effektive internationale Zusammenarbeit zwischen der Wiener und der Prager Polizei. Das alles musste sich erst einspielen. Wir erfuhren also erst recht spät von dem Mord, der sich im Herbst 1990 dort ereignet hatte. Ja, und was genau in Prag geschehen ist, das hören wir jetzt.

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Es ist der 15. September 1990. Prag ist inzwischen eine offene, lebendige Stadt. Es kommen Touristen aus dem Westen. Die Lokale und Kneipen sind gut besucht. Unter den Kneipengängern ist auch Yolanda Novakova. Die Metzgereimitarbeiterin ist 33 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. An diesem Abend ist sie mit einem Freund verabredet. Die beiden verbringen den Abend in einer Bar am Wenzelsplatz in der Prager Altstadt. Gegen Mitternacht verabschieden sie sich. Yolanda Novakova verlässt die Bar. Danach verliert sich ihre Spur. Am nächsten Tag entdecken Passanten die Leiche von Yolanda Novakova. Sie liegt im seichten Wasser eines Seitenarms der Moldau, einige Kilometer außerhalb von Prag. Bis auf den goldenen Ehering am Finger ist die Leiche nackt. Die Beine sind gespreizt, der Körper ist mit ein paar Zweigen bedeckt. Sie wurde offenbar mit ihrer eigenen Strumpfhose erdrosselt. Obwohl die Ermittler keine Spermaspuren an der Leiche sicherstellen können, gehen sie aufgrund der Auffindesituation von einer sexuell motivierten Tötung aus. Erst vermuten sie eine Beziehungstat. Der Ehemann und der Freund, mit dem Jolanda Nowakowa am Abend ihres Verschwindens zusammen war, haben jedoch beide ein Alibi.

Und so verlaufen die Ermittlungen im Sande. Was die Prager Ermittler nicht wissen, ein verurteilter Frauenmörder aus Österreich ist genau zur Tatzeit am Prager Wenzelsplatz, nur wenige Meter von Jolanda Nowakowa entfernt.

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Die Rede ist natürlich von Jack Unterweger. Was hat er am 15. September 1990 in Prag gemacht? Er war vom 14. bis 16. September, also genau zur tatkritischen Zeit, in Prag und wollte eine Reportage über Obdachlose und Prostituierte schreiben. Er war in Begleitung zweier Freundinnen, beide um die 20. Er nahm sich in Prag eine Dolmetscherin, bei der hat er mit den Mädchen auch genächtigt. Am Abend des 15. September ist er dann mit der Dolmetscherin am Wenzelsplatz herumgegangen, um seine Reportage zu machen, um Leute zu befragen. Gegen 23.45 Uhr hat er sich dann von der Dolmetscherin getrennt. Sie ist nach Hause gegangen. Er sagte, dass er nachkommen werde.

Aber er kam dann erst in den frühen Morgenstunden, das hatte Dolmetschowin später ausgesagt. Unterweger hatte seinen Wagen in einer Garage am Wenzelsplatz abgestellt. Die Vermutung war, dass er gegen 23.45 Jolanda Novakova zufällig am Wenzelsplatz getroffen hatte, sie in den Wagen gelockt und dann mit ihr zum späteren Tat- und Auffindungsort gefahren ist. Das ist wirklich unglaublich. Bei dieser Mordserie zeichnete sich ja nun wirklich eine Dimension ab, wie es sie vorher in Österreich nicht gegeben hatte. Man muss aber sagen, sie hatten zu diesem Zeitpunkt eine Reihe sehr überzeugender Indizien, die auf Unterweger hindeuteten. Aber Sachbeweise gab es nach wie vor keine, oder? Ja, das war unser großes Problem.

Unterweger war inzwischen nach Österreich ausgeliefert, saß in Graz in Untersuchungshaft wegen Mordverdachts in elf Fällen, sieben in Österreich, einer in Prag und drei in Los Angeles. Ich habe ihn dann in der Haft besucht und einvernommen.

Hoffte, er würde sich äußern. Ich habe ihn darauf hingewiesen, dass er zur Tatzeit immer in Dadortnähe war, aber er hat alles abgestritten. Er konnte aber für keinen einzigen der Morde ein Alibi für die Tatzeit nennen und das war schon sehr ungewöhnlich, wo er durch immer genaue Aufzeichnungen geführt hatte und wusste, wo er war. Dann habe ich ihn mit der Ähnlichkeit zum Mord an Monika Diebold konfrontiert. Die Strangulation mit ihren eigenen Kleidungsstücken, der Knoten und die Ablagesituation der Leiche. Da ist er völlig ausgeflippt, hat mich beschimpft und wir mussten die Vernehmung abbrechen.

Wir haben dann nichts mehr von ihm erfahren. Er wollte mit der Polizei nicht mehr sprechen und auch vor dem Untersuchungsrichter hat er nicht wirklich konstruktive Angaben gemacht. Das heißt, Sie haben ihn komplett aus der Fassung gebracht, aber was war das, was ihn so hat ausflippen lassen? Er hatte ihm abgestritten, dass der Mord an Monika Diebold sexuell motiviert war. Es wäre ein Raubmord gewesen. Er hätte sie mit einer Stahlrute erschlagen und dem BH locker um den Hals gelegt, um einen Sexualmord vorzutäuschen. Aber das war es nicht. Und vermutlich war ihm klar, dass wir ihn durch Knoten und Modus operandi mit den anderen Morden in Verbindung bringen können. Das war aber, wie Sie richtig sagten, nur Indizien. Wir brauchten aber dringend Sachbeweise.

Die Textilfasern, die wir an der Leiche der Dorothee Riedl gefunden hatten, wurden noch in einem Schweizer Labor untersucht und mit dem Schal und der Jacke aus Tscheck Unterweggers Wohnung verglichen. Das war ein langwieriger Prozess und hat sich über eine längere Zeit hingezogen. Wir sprechen ja hier von den frühen 90er Jahren. Gab es denn da überhaupt schon die Möglichkeit eines DNA-Beweises? Also wie gut waren da Ihre Chancen? Theoretisch war es möglich, aber die DNA-Analyse steckte noch in den Kinderschuhen. Sie war in Österreich bisher noch nie in einem Gerichtsprozess als Beweismittel verwendet worden. Außerdem brauchte man sehr viel Spurenmaterial, zum Beispiel ein Haar mit Wurzel. Heute reicht eines ohne Wurzeln aus. Ein Haar mit Wurzel hatten wir aber an keiner der Leiche gefunden. Wir wussten aber, der Täter hatte die Frauen immer im Auto mitgenommen, denn die Leichen wurden viele Kilometer vom Ort des Verschwindens entfernt aufgefunden.

Unser Ziel war es daher, die tatkritischen Fahrzeuge zu finden. Wir hofften darin, entsprechendes Spurenmaterial sicherstellen zu können. Ja, und um diese Fahrzeuge zu finden, hatten sie sich schon einige Wochen zuvor, noch vor der Auslieferung Jack Unterwegers durch die USA, für eine Öffentlichkeitsfahndung entschieden und sich an Aktenzeichen XY ungelöst gewandt. In der Sendung vom 13. April 1992 wurde die Ermittlung vorgestellt und Eduard Zimmermann schaltete dafür zum Leiter des Wiener Aufnahmestudios, Peter Niedetzki. Hören wir mal kurz rein.

Nun zu einem Fall, der in den letzten Wochen in Österreich für große Aufregung gesorgt hat. Bitte Peter Niedetzki. Ja, sicherlich derzeit das Dreiskriminalfall Nummer 1. Es geht um die Morde an sieben Postierten aus Wien, Graz und Bregenz. in deren Zusammenhang ein ehemaliger Häftling und späterer Schriftsteller in Tatverdacht geraten ist. Der Mann heißt Jack Unterweger, hatte sich in die Vereinigten Staaten abgesetzt, wurde dort verhaftet und sitzt mittlerweile im Gefängnis von Miami in Florida. Auch in den USA ist er unter Mordverdacht geraten. Die zuständigen österreichischen Behörden betreiben seine Auslieferung. Unterdessen wird hier natürlich weiter ermittelt. Gesucht wird auch bis heute ein Auto, das auf den tatverdächtigen Unterweger vorübergehend zugelassen war, nämlich von November 1990 bis April 1991. Es trug das Kennzeichen W-Check-1. Die Polizei hofft, dass in dem Fahrzeug möglicherweise Spuren im Zusammenhang mit einem der Mordfälle zu finden wären. Sachdienliche Hinweise bitte an jede Polizeidienststelle oder an eines unserer Aufnahmestudios heute Abend.

Herr Geiger, gab es nach der Sendung Hinweise auf den gesuchten Wagen? Ja, in der Tat. Ein Zuschauer der Sendung aus Wien entdeckte den Wagen im Urlaub in Italien. Er war bei einer Werkstatt in Badur abgestillt. Wir setzten große Hoffnungen auf einen Durchbruch in der Sachbeweisführung. Daher haben wir das Fahrzeug vom Deutschen Bundeskriminalamt untersuchen lassen. Die waren in der Technik damals am fortschrittlichsten. Allerdings, es gab zwar jede Menge von Haaren im Fahrzeug, aber kein einziges mit einer Wurzel. Also man muss sagen, die ganzen Bemühungen waren also umsonst sehr frustrierend, kann ich mir vorstellen. Ja, leider. Es gab allerdings noch zwei weitere datkritische Fahrzeuge. Ein Kombiwagen, mit dem er in der Schweiz und dann weiter nach Paris geflüchtet war.

Wir haben in mühevoller Zusammenarbeit mit der französischen Polizei das Fahrzeug auf einem Schrottplatz nahe des Pariser Flughafens gefunden. Allerdings gab es auch dort wieder jede Menge von Haaren, Fasern, aber keine für uns verwertbaren Spuren. Und eine Limousine, mit der nach Prag gefahren war, im Fall Jolanda Nowakowa. Diese war schon verschrottet. Wir konnten allerdings die Sitze ausfindig machen. Die hatte der Schrotthändler an einen Autoliebhaber verkauft und sie standen in einer Garage in Oberösterreich. Und dort haben wir dann tatsächlich Haare und davon ein einziges mit einer Wurzel sicherstellen können. Tja, großartig. Und was hat die Untersuchung des Haares ergeben? Es passte genau zum Mordopfer Jolanta Novakowa. Das war dann der Durchbruch. Ja, unglaublich. Nach so langer Zeit und so viel akribischer Arbeit endlich eine Belohnung. Natürlich, das war für uns der Durchbruch die große Erleichterung. Die Analyse hat lange gedauert, mehrere Monate.

Das Gutachten war dann erst ganz kurz vor Beginn des Prozesses im April 1994 fertig. Der Prozess war am Landesgericht in Graz. Zu der Zeit kam dann auch das Ergebnis zu den Textilfasern, die im Schweizer Labor untersucht wurden. Die Fasern waren identisch mit dem Schal und der Jacke, die wir in Schick Unterweges Wohnung sichergestellt hatten. Wir hatten nun drei wirklich starke Beweisstränge. Die Gesamtheit der Indizien, dass er nachweislich bei allen elf Morden zur Tatzeit in Dadortnähe war, aber kein einziges Alibi hatte.

Die gleiche, einzigartige Vorgehensweise. Er hat Frauen, meist Prostituierte, mit einem Auto mitgenommen, weit weg in ein Waldstück gebracht, sie mit ihren Kleidungsstücken erdrosselt, einen einzigartigen Knoten angebracht, sie bis auf den Schmuck entkleidet und danach degradierend abgelegt und zur Schau gestellt. Und die Sachbeweise, Textilfasern und in einem Fall die DNA. Damit sind wir dann in den Prozess gegangen. Welche Erwartungen hatten Sie dann an den Gerichtsprozess? Sie hatten ja Monate, sogar Jahre in die Ermittlungen gesteckt. Waren Sie jetzt sicher, dass es für eine Verurteilung reichen würde? Gehofft hatten wir es. 100% sicher waren wir natürlich nicht. Es war ein geschworenen Gericht. Anders als in Deutschland entscheiden bei uns acht Geschworene ohne Berufsrichter allein mit Stimmenmehrheit über die Schuldfrage. Und Jack Unterweger genoss nach wie vor große Popularitäten der Bevölkerung, hatte lautstarke Fürsprecher, hatte viele Medien hinter sich. Aufgrund seiner Vorgeschichte war er das Beispiel schenkbar gelungenere Sozialisierung und das wollten natürlich viele aufrechterhalten.

Man kann sagen, die Bevölkerung war gespalten. Etwa die Hälfte hielt ihn für schuldig, die andere Hälfte für unschuldig. Eine, die damals von der Unschuld Jack Unterwegers überzeugt ist, ist die junge Juristin Astrid Wagner. In der letzten Folge hat sie uns bereits von der Faszination erzählt, die Unterwege auf sie ausübte und von dem damaligen Zeitgeist, der stark dahin ging, Straftätern eine zweite, manchmal auch dritte oder vierte Chance geben zu wollen. Heute ist Wagner eine der bekanntesten Strafverteidigerinnen Österreichs. Damals, Anfang der 90er, steht sie gerade am Beginn ihrer Karriere und lebt in Graz. und zwar nur wenige Meter von der Haftanstalt entfernt, in der der berühmte Jack Unterweger mittlerweile wieder wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft sitzt.

Als sie hört, dass Unterweger einen Suizidversuch begangen hat, schreibt Wagner ihm einen Brief.

Ich habe Bücher von Jack Unterweger gelesen, kannte ihn schon, als er noch in Haft in Stein war. Und ich habe auch den Schild damals im Kino gesehen, Fegefeuer, hat mich damals als junge Studentin sehr fasziniert. Und als Jack Unterweger dann plötzlich verdächtigt wurde, mehrere Frauen ermordet zu haben, dann kann ich durchaus sagen, dass mein Bild, dass ich erschüttert war, mein Weltbild ist eigentlich ins Wanken geraten, weil es für mich in so etwas eigentlich Schreckliches war, dass ein Mensch, der ja eigentlich resozialisiert war, jetzt plötzlich in der Kriminelle geworden sein soll. Ich habe das dann in den Medien verfolgt und dann ist Jack Unterlieger ausgerechnet in jene Stadt eingeilfert worden von Amerika, wo ich wohnte. Und zwar überhaupt nur ein Haus, also praktisch zweimal um die Ecke war das Gefängnis. Und als er dann diese Selbstmordversuch unternommen hat, habe ich beschlossen, ihm einen Brief zu schreiben. So nach dem Motto, es hat sich nicht jeder vorverurteilt. Und er hat dann geantwortet, relativ schnell. Und sehr schnell kam dann eben auch der Vorschlag, dass ich ihn besuchen könne in der Haft.

Und da hat sich dann eben relativ schnell eine Beziehung entwickelt. In den folgenden Monaten bis zum Prozessbeginn beinahe zwei Jahre lang besucht Astrid Wagner Unterweger immer wieder in der Untersuchungshaft.

Nur einmal kommt es zu einem Kuss zwischen den beiden. Über die Morde wegen derer Unterweger angeklagt ist, sprechen sie zwar, doch auch Astrid Wagner gegenüber beteuert Unterweger immer wieder seine Unschuld. Also das sogenannte erste Mord war zwischen uns ein Tabuthema. Ich habe gespürt, dass da etwas ist an ihm, über das er nicht reden will mit mir, dass er da einfach etwas spürt.

Und während jene Morde, wegen denen er ja in Untersuchungshaft war, da haben wir sehr viel darüber geredet, aber nur in diese Richtung. Also er war wirklich, das große Motto hieß bei ihm, also das war wirklich, das war fast über allen Stadten, ich bin unschuldig, ich bin unschuldig. Das war wie ein Mantra. Und dann hat man halt darüber geredet, warum man unschuldig ist und warum dies und das eben falsch sei und was die Polizei falsch gemacht hätte und so weiter und so fort. Also da haben wir natürlich geredet, aber niemals hätte man auf einen Zweifel setzen dürfen, dass er vielleicht schuldig gewesen wäre. Ich habe es natürlich auch versucht. Ich habe schon einmal so einen Hölzl geworfen, so quasi, ja, ich würde trotzdem zu dir stehen, aber da ist er überhaupt nicht eingegangen darauf.

Astrid Wagner ist damals nur eine von vielen, die Unterweger bei der Vorbereitung auf seinen Prozess unterstützen. Über die Wirkung, die er insbesondere auf Frauen hatte, hatten wir schon in der letzten Folge gesprochen.

Am 20. April 1994 schließlich beginnt unter großem Medienandrang der Prozess gegen Unterweger vor einem Grazer Geschworenengericht. Er ist angeklagt wegen Mordes an elf Frauen. Vier in Wien, zwei in Graz, einer in Bregenz, drei in Los Angeles und einer in Prag. Unterweger weiß genau, wie er sich vor den Geschworenen, den Zuschauern und der Presse in Szene setzen muss. Er ist keiner, der sich als Angeklagter hinter einem Aktenordner versteckt. Er tritt selbstbewusst auf, erscheint im schicken Anzug, lässt sich fotografieren und gibt den intellektuellen zu Unrecht verfolgten Lebemann. Gleich zu Beginn sagt er in Richtung der Geschworenen, ich zitiere. Meine Damen und Herren Geschworenen, wir sind jetzt für die nächsten zwei Monate zusammen und ich möchte kein steriler Schauspieler sein. Ich möchte es mit Ihnen so haben wie im Kaffeehaus. Falls Sie Fragen haben, stellen Sie sie bitte und ich werde Ihnen auf alles, wirklich alles Antwort geben. Sehen Sie, ich habe den großen Vorteil, dass ich nichts zu verbergen habe, da ich nicht der Mörder bin. Wenn Sie mich bei einer Lüge erwischen, dann verurteilen Sie mich. Zitat Ende.

Einer der Unterweger während des Verfahrens genau beobachtet, ist der Psychiater Prof. Dr. Reinhard Haller. Wir haben ihn schon einmal kurz in der ersten Folge gehört. Er soll über Unterweger ein psychiatrisches Gutachten erstellen. Warum er damals als Gutachter bestellt wird und wie er Unterweger erlebt, darüber hat er im Vorfeld mit uns gesprochen. Jack Unterweger hat viele psychiatrische Gutachter abgelenkt. Das Gericht hat daraufhin beschlossen, jemanden ganz Unverdächtigen, weit weg von Graz, der ihm auch nicht bekannt war, zu nehmen, damit er nicht den Eindruck hat, dass die Gutachter alle voreingenommen seien. Er hat dann allerdings auch mich abgelehnt, woraufhin das Gericht beschlossen hat, dass ich während dieses Schwurgerichtsprozesses im Publikum Platz nehme und ihn beobachte und dann eben am Schluss sage, ich habe dieses und jenes feststellen können. Ich bin ein freundlicher Mensch und habe mich deswegen in der Pause des Prozesses bei Jack Hunterweger vorgestellt.

Daraufhin hat er sofort gesagt, ach Sie sind da, natürlich lasse ich mich für Ihnen untersuchen. Kommen Sie doch heute Nacht in dergleichen meine Zelle. Und das ist nicht deswegen geschehen, weil er mich jetzt sonderlich sympathisch gefunden hat und mir das zugetraut hätte, sondern ich war damals jung und habe auch noch jünger rausgesehen. Und dann hat natürlich der große Meister der Psychologie gedacht, mit dem jungen Greenblatt werde ich ohne weiteres fertig und was Besseres kann mir nicht passieren. Und so ist es also zu diesem gutachterlichen Gespräch gekommen. In den folgenden Gesprächen versucht Unterweger den forensischen Psychiater durch seine eloquente und charmante Art für sich einzunehmen. Als er ist, das weiß ich noch genau, in sommerlicher Kleidung gekommen, kurze Hosen und hat bei sich getragen, einen ganzen Koffer voll Hacktenmaterial.

Und er war dann also sehr aufgeschlossen, sehr eloquent, hat sehr viel Spontanaktivität gezeigt, ein großes Sprechbedürfnis gehabt und hat mich zu überzeugen versucht, dass er ein durchaus guter Mensch ist, keinesfalls bösartig und dass er diese Taten nicht begangen hat, beziehungsweise dass man ihm das nicht beweisen wird können. Das war so mein Eindruck, dass es ihm eigentlich eher darum gegangen ist, zu belegen, mir kann man den entsprechenden Nachweis nicht bringen. Also ich bin denen sozusagen intellektuell überlegen, als dass er gesagt hätte, ich war wirklich nicht der Täter. Allerdings, sagt Prof. Dr. Reinhard Haller, habe Unterweger bei der Überlegung einen entscheidenden Fehler gemacht. Und zwar, der war ja von 1976 bis 1990 in Haft und während dieser Zeit hat die Kriminaltechnik einen Quantensprung gemacht. Und das hat er, glaube ich, nicht erfasst. Er hat zu Beginn des Verfahrens zu den Geschworenen in selbstdarstellerischer Manier gesagt, in einer durchaus merkenswerten Rede, Wenn Sie mich nur einer einzigen Lüge und einer einzigen Unrichtigkeit überführen können, bitte, bitte verruhenteilen Sie mich dann. Er war also fest davon überzeugt, dass er aufgrund seiner doch guten Intelligenz.

Letztlich die Sache im Griff hat. Aber er hat dabei eben dem Faktum nicht Rechnung getragen, dass kriminaltechnisch hier eine Beweisführung möglich war, die es für ihn noch nicht gegeben hat, die ihm fremd war. Und daran ist er letztlich hängen geblieben. Im Lauf dieser Gespräche hat es einmal eine ganz eigenartige Situation gegeben. Und zwar, das war an einem Samstagnachmittag, da ist ein schweres Gewitter über Graz, diese Untersuchungen haben in Graz stattgefunden, gezogen. Es war plötzlich also absolut dunkel in dieser Zelle, also das Tageslicht völlig verschwunden. Und da ist er in eine eigenartige rührselige Stimmung geraten, eigentlich das einzige Mal, dass ich bei ihm wirklich Emotionalität erlebt habe, Affekt erlebt habe. Und dann hat er so einen fast weinerlichen Ton gesagt, ich habe mit niemandem in meinem Leben so viele Stunden gesprochen wie mit Ihnen und ich will Ihnen jetzt etwas sagen, die Tragik an meinem Fall ist.

Dass ich an einer einzigen Faser hängen bleibe. Und zwar hat er damit gemeint, dass man ihm kriminaltechnisch nachgewiesen hat, dass bei einer dieser Prostituierten eine Faser gefunden worden ist, die mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu mehreren Milliarden von seinem Schal stammen muss. Und in dieser Situation, da habe ich gespürt und er gespürt, das ist ein Geständnis.

Ein wirklich erstaunlicher Moment. Allerdings, im Verfahren selbst legt Unterweger kein Geständnis ab. Und, so sagt Reinhard Haller, als forensischer psychiatrischer Gutachter ist es natürlich nicht seine Aufgabe, über die Schuld oder Unschuld des Angeklagten zu entscheiden. Stattdessen konzentriert er sich in seinem Gutachten auf die Beurteilung von Unterwegers geistigem Zustand. Rainer Thaler stellt fest, Jack Unterweger ist überdurchschnittlich intelligent. Er ist nicht psychisch krank. Aber bei Unterweger liegt eine schwere Persönlichkeitsstörung vor, die in den USA bereits mehrfach bei Serienmördern beschrieben wurde. Der sogenannte bösartige Narzissmus. Vereinfacht gesagt, bösartige Narzissen steigern ihr eigenes, geringes Selbstwertgefühl, indem sie andere erniedrigen. In der extremsten Form mündet diese Erniedrigung in Gewalt, in Vergewaltigungen oder in einem Mord. Solche Taten werden bei bösartigen Narzissten auch dadurch begünstigt, dass sie eine deutliche Dissozialität aufweisen, wie es Psychiater nennen. Das heißt, sie halten sich nicht an soziale Regeln oder Gesetze. Verschärfend kommt ein starker Hang zum Sadismus hinzu.

Bösartige Narzissten können nur dann wirkliche sexuelle Lust empfinden, wenn sie andere Menschen quälen. Reinhard Haller sagt, in Jack Unterwegers Biografie und in seinem Verhalten während der Begutachtung zeigen sich all diese Symptome geradezu lehrbuchhaft. Herr Geiger, Sie wurden während des Verfahrens gegen Unterweger als Zeuge gehört und haben Ihre Ermittlungen vorgestellt. Können Sie uns mal beschreiben, wie Sie das alles erlebt haben? Die Befragung erstreckte sich über den ganzen Tag. Am Vormittag schilderte ich über den Gang der Ermittlungen in allen Ermittlungsabschnitten. Und am Nachmittag wurde ich dann von Unterwegers Anwälten befragt. Sie stellten mir etwa 500 Fragen und ganz zum Schluss kam Unterweger selbst dran. Auch er befragte mich. Ich war natürlich konzentriert, angespannt. Es war auch für mich ein einzigartiges Erlebnis, einen ganzen Tag da im Gerichtssaal zu stehen. Und sein Anwalts-Team hatte es darauf angelegt, Widersprüche aufzuzeigen, Widersprüche zwischen den einzelnen Ermittlungsabschnitten. Dazu waren ja die Fragen angelegt.

Aber Unterwegers Fragen waren auch nicht die schlechtesten. Er war ja an allen Tatorten, kannte sie genau, wollte zum Beispiel wissen, woher wir überhaupt wussten, dass Auffindeort auch gleich dem Tatort war. Er wusste genau, das sind nur Annahmen. Am letzten Prozestag kam es ja dann noch zu einem, ja man möchte fast sagen, denkwürdigen Auftritt. Inwiefern? Da hat die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung ihre Plädoyers gehalten. Dann hatte Unterweger sein Schlusswort.

Normalerweise sind das nur wenige Worte, wenn überhaupt. Unterweger hingegen hat daraus eine große Show gemacht, versucht mit den Emotionen der Geschworenen zu spielen. Er erzählte eine Geschichte seiner großen Läuterung. Zu den harten Fakten traf er keine klaren Aussagen.

Das hatte er am Schiff. Ja, und nach all dem hieß es dann erst einmal abwarten. Das war ein quälendes Warten. Die Urteilsverkündigung kam erst am Abend. Die Wartezeit war der schlimmste. Ich hatte schon den Eindruck, dass der Prozess gut abgelaufen war. Aber es gab doch Zweifel, ob es wirklich ausreicht, ob die Geschworenen seinem Charme erlegen waren oder ob sie die harten Fakten beurteilten. Am Ende war es ja dann auch gar nicht ganz eindeutig, sondern doch recht knapp. Ja, Sie haben es gesagt, für eine Verurteilung mussten mindestens fünf der acht Geschworenen überzeugt werden. Bei einem Patt, vier Stimmen gegen vier, wäre Unterweger freigesprochen worden. Doch dazu kommt es nicht. Am 28. Juni 1994 wird Unterweger wegen neunfachen Mordes zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Diesmal ohne die Möglichkeit auf eine frühe Bewährung. Aber in zwei der elf Mordfälle wird Unterweger freigesprochen. Es sind die Morde an Wiebke Bischof und Carmen Pölzel, bei denen man die Leichen erst so spät gefunden hatte, dass nicht einmal mehr die Todesursache feststellbar war. In den anderen neun Fällen verurteilen die geschworenen Unterweger mit einer Stimmenmehrheit von 6 zu 2.

Das heißt, in allen elf Fällen hat Unterweger zwei der sechs Geschworenen überzeugen können, dass er unschuldig ist.

Hätte er noch zwei mehr auf seine Seite gezogen, wäre er freigesprochen worden. Der Menschenfänger Jack Unterweger hat auch noch bei seinem letzten großen Auftritt, so manchen Zuhörer für sich gewinnen können. Auf Prozessbeobachter wirkt Unterweger nach dem Urteil erschüttert. Er war sich wohl sicher gewesen, das Gericht als freier Mann zu verlassen. Nach der Verkündung wird er zurück in die Justizanstalt Graz-Jakomini gebracht. In der Nacht finden ihn die Justizvollzugsbeamten erhängt in seiner Zelle vor. Für den Strick, so heißt es, benutzte Unterweger denselben speziellen Knoten, wie er bei den Prostituiertenmorden verwendet worden war. Herr Geiger, wo waren Sie, als Sie vom Suizid Unterwegers erfuhren? Nach der Urteilsverkündung haben wir noch mit allen Kollegen der Sonderkommission in Graz in einem Lokal den Abschluss der Ermittlungen gefeiert. Uns war ein Stein vom Herzen gefallen.

Danach war es schon spät. Als ich in Wien ankam, bin ich sofort ins Bett gegangen und bald darauf schon klingelte das Telefon. Als ich von der Todesnachricht erfuhr, war ich zunächst enttäuscht und dachte, vielleicht hätte er irgendwann doch einmal etwas über die Umstände der Morde ausgesagt, ein Geständnis abgelegt. Außerdem wurde das Urteil durch den Suizid nicht mehr rechtskräftig. Bis heute gilt Unterweger deshalb im juristischen Sinne nicht als rechtskräftig verurteilter Serienmörder. Heute aber bin ich froh. Wir wären sonst noch jahrelang mit Rechtsmitteln beschäftigt gewesen. Er hätte sicher mit seiner großen Anhängerschar eine Wiederaufnahme des Verfahrens verursacht, hätte viele Unterstützer dabei gehabt. So war der Fall ein für allemal abgeschlossen. Mit welchem Gefühl denken Sie heute an das Verfahren und an das Urteil zurück? Mit Erleichterung, mit einem Glücksgefühl. Ich hätte es nicht ertragen, wenn er freigesprochen worden wäre. Er hätte sicher nach einiger Zeit wieder weitergemordet, irgendwo auf der Welt. Er war ja sehr beweglich, ist viel herumgefahren, wahrscheinlich nicht mehr in Österreich, aber sonst irgendwo in Europa oder vielleicht auch in Übersee.

Damit sind wir jetzt auch am Ende der heutigen Folge. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen, Herr Geiger, dass Sie sich die Zeit genommen haben und zu uns ins Studio gekommen sind, um uns die Einzelheiten dieser unglaublichen Mordserie zu schildern. Schön, dass Sie hier waren. Danke und auf Wiedersehen. Ja, auch von mir auf Wiedersehen, Herr Geiger, und nochmals vielen Dank, dass Sie da waren. Danke außerdem an Prof. Dr. Reinhard Haller und Dr. Astrid Wagner und auch an Lale Atun, der Autorin dieser Doppelfolge. Damit verabschieden wir uns von euch, liebe Hörerinnen und liebe Hörer. Danke, dass ihr dabei wart. Ich sage bis zum nächsten Mal bei Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Macht's gut und bleibt sicher.

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