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Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY, unvergessener Verbrechen. Ich bin Rudi Zerne. Und ich bin Nicola Hines-Koros, auch von mir herzlich willkommen zu dieser Folge. Rudi, du moderierst Aktenzeichen XY inzwischen seit über 20 Jahren. Die Sendung ist ja, wenn man zurückblickt, mittlerweile auch so etwas wie eine Chronik der spektakulärsten Verbrechen in und um Deutschland. Viele Verbrecher, die später wegen ihrer Taten berühmt oder besser berüchtigt wurden, waren auch einmal Teil einer Öffentlichkeitsfahndung bei Aktenzeichen XY ungelöst. Ich denke da zum Beispiel an den Bromimörder, an den Erpresser Dagobert oder den sogenannten Würger von Aachen.

Mal Hand aufs Herz, kannst du verstehen, dass einige Verbrecher auf viele Menschen eine gewisse Faszination ausüben? Absolut. Wenn ich vor allen Dingen jetzt mal als Beispiel an den Tunnelraub von Berlin-Steglitz denke, einer der spektakulärsten Bankeinbrüche Deutschlands. 10 Millionen Euro wurden erbeutet. Von einer Tiefgarage aus hatten die Täter ein mannshohes Loch in die Wand gebohrt und haben dann einen Tunnel über 45 Meter gegraben, rein in den Tresorraum und haben dort alles ausgeräumt. Also ein Stoff unbedingt für einen Hollywoodstreifen. Ja, du hast recht, Nikola. Verbrechen üben gelegentlich eine gewisse Faszination aus und dementsprechend auch die Täter, die diese Verbrechen begehen. Um einen Mann, der besonders viele Menschen in seinen Bann gezogen hat und das obwohl oder vielleicht weil er nachweislich mehrere grausame Verbrechen begangen hat, geht es auch in dieser heutigen Folge. Die Rede ist von dem österreichischen Mörder Jack Unterweger.

Vielleicht hat der eine oder andere schon von ihm gehört. Von Jack Unterweger, dem Frauenschwarm, dem Literaturstar, dem Menschenfänger. Dem Serienmörder. Es klingt merkwürdig. Dabei sind das nur ein paar der Bezeichnungen, die im Laufe der Jahre für ihn verwendet wurden. Ihr merkt, wir haben es heute mit einer der umstrittensten Figuren der deutschsprachigen Kriminalgeschichte zu tun und dem wohl spektakulärsten Kriminalfall Österreichs. Ja, es ist irritierend. Obwohl Jack Unterweger für mehrere grausame Morde an Frauen verantwortlich ist, übt auch er, so merkwürdig es klingt, noch heute eine große Faszination auf viele aus. Es gibt zahlreiche Dokus über ihn, Spielfilme und sogar ein Musiktheater, in dem der US-amerikanische Schauspieler John Malkovich in seine Rolle schlüpfte.

Unterweger wurde außerdem von mehreren Bands besungen. Und auch damals, zur Zeit seiner Taten, hatte Unterweger zahlreiche Fürsprecher. Wie es ihm gelingen konnte, so viele Menschen um den Finger zu wickeln beziehungsweise zu blenden, sich durch die Unterstützung von Prominenten und Politikern sogar buchstäblich aus der Haft herauszuarbeiten? Dazu hören wir später den forensischen Psychiater Prof. Dr. Reinhard Haller. Er hat Unterweger für seinen zweiten Mordprozess vor einem Grazer geschworenen Gericht begutachtet. Und wir sprechen mit jemandem, der Unterweger aus nächster Nähe kannte, die österreichische Strafverteidigerin Dr. Astrid Wagner. Sie lernte Unterweger als junge Juristin kennen, da war er schon ein verurteilter Mörder und verliebte sich in ihn.

Was sie an ihm faszinierte und warum das auch mit dem damaligen Zeitgeist zu tun hatte, das hat sie uns in Vorbereitung auf diese Doppelfolge erzählt. Doch zunächst möchte ich unseren heutigen Gast begrüßen. Bei uns ist wieder einmal Hofrat Ernst Geiger. Sie waren bereits für die Mädchenmorde von Wien bei uns im Studio und wir freuen uns nun sehr, dass Sie erneut da sind. Herzlich willkommen. Herzlichen Dank für die Einladung. Auch von mir herzlich willkommen. Bis zu ihrer Pensionierung 2017 waren sie Leiter der Abteilung 3 des österreichischen Bundeskriminalamts und zuständig für organisierte und allgemeine Kriminalität. Doch bekannt wurden sie zuerst wegen ihrer Rolle als Leiter der Sonderkommission im Fall Jack Unterweger bei der Bundespolizeidirektion in Wien. Herr Geiger, man kann sagen, der Fall Jack Unterweger ist in die österreichische Kriminalgeschichte eingegangen. Sie selbst hat dieser Mann ja offensichtlich auch sehr in seinen Bann gezogen. Immerhin haben Sie sich noch lange mit ihm beschäftigt, haben sogar ein Buch über ihn bzw.

Den Fall geschrieben. Ja, man muss sagen, es war der herausragendste Fall in meiner langjährigen Zeit als Ermittler. Das beschäftigt mich bis heute. Denn es war der größte Fall, den ich je hatte. Und wie Sie sagten, der größte Fall überhaupt in der österreichischen Kriminalgeschichte. Jack Unterweger war bei uns der erste Serienmörder.

Es gab eine große Anzahl an Tötungsdelikten, die da dort waren über ganz Österreich verteilt und darüber hinaus in der damaligen Tschechoslowakei und in den USA. Es gab nie mehr einen Fall mit derartiger Dimension. Wollen wir gleich hier festhalten, die Dimension des Falls war das eine und diese außergewöhnliche Täterpersönlichkeit, mit der sie es hier zu tun hatten, das andere, nicht wahr? Richtig. Als ich es mit Tschech Unterweger zu tun bekam, war er bereits ein Vorbestrafter und vorzeitig aus der Haft entlassener Mörder. Zugleich war er damals ein Vorzeigefall für gelungene Resozialisierung in Österreich. Ein gefeierter Schriftsteller, der sich aus dem Gefängnis freigeschrieben und schon während der Haft viele Unterstützer hatte. Er war schon eine Berühmtheit. Über dieses schillernde Bild darf man aber nicht vergessen, Er war auch ein etler Selbstdarsteller, ein eiskalter Mörder, der keine Gnade mit seinen Opfern kannte. Dazu kommen wir noch, aber fangen wir zunächst damit an, wie alles begann. Und so viel vorweg, das, was wir gleich im Anschluss erfahren werden, ist erstmal nur so etwas wie die Vorgeschichte zu dem, was sich alles noch abspielen sollte und was die Ermittler noch aufdeckten. Übrigens, wir haben für die Folgen lediglich die Namen aller Opfer geändert.

Wir gehen also zurück in das Jahr 1974 nach Deutschland. Es ist die Nacht des 11. Dezember. Im mittelhessischen Ebersbach ist die 18-jährige Monika Dippold mit Freunden aus dem örtlichen Skiclub verabredet. Es ist ein ausgelassener Kegelabend in der Gaststätte zum Hirsch. Gegen 23 Uhr verlässt Monika das Lokal mit einigen anderen aus der Gruppe. Etwa in der Ortsmitte trennen sich ihre Wege. Monika geht allein weiter bis zu ihrem Elternhaus. Doch offenbar ist der Abend für sie noch nicht beendet. Sie zieht sich noch einmal um und verlässt das Haus. Danach verliert sich die Spur von Monika Depold. Über drei Wochen suchen die Polizei und ihre Angehörigen nach ihr. Dann, im Januar 1975, machen zwei Jäger im Stadtwald bei Herborn, etwa 20 Kilometer vom Ort des Verschwindens entfernt, eine furchtbare Entdeckung. Dort, neben dem Stamm einer Lerche, liegt die Leiche einer jungen Frau Der Körper ist entkleidet, bloß einen Ring und eine Armbanduhr trägt die Tote noch am Körper, Teilweise ist sie von Blättern und Erde bedeckt Und um den Hals der Toten ist ihr BH geknotet Schnell ist klar, bei der Frau handelt es sich um die vermisste Monika Dipold aus Eversbach.

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Herr Geiger, der Fall, den wir gerade geschildert haben, trug sich 1974 in Hessen zu. Trotzdem sollte dieser Fall viele Jahre später in gewisser Weise auch zu Ihrem werden. Sie kennen ihn inzwischen also sehr genau. Warum? Darauf kommen wir noch zurück. Aber zunächst jetzt hier die Frage, was können Sie uns über die damaligen Ermittlungen der zuständigen Kripo in Dillenburg überhaupt erzählen? Den Ermittlern war damals schnell klar, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelte. Die Leiche von Monika Diephold wurde obduziert. Dabei wurde festgestellt, sie wurde offenbar schwer misshandelt, hatte zahlreiche Verletzungen am Kopf, Hals und im Brustbereich. Die Todesursache allerdings war Strangulation. Sie wurde mit ihrem eigenen Büstenhalter erdrosselt, der mit einem sehr speziellen Knoten zusammengebunden war. Besonders auffällig war die Auffindungssituation. Erzählen Sie, wie sah die aus? Der Täter hatte die Leiche regelrecht in Szene gesetzt, entkleidet, bloß den Schmuck an der Leiche belassen. Ihr Körper war mit Erde und ein paar Blättern bedeckt, gerade so viel, dass man sie noch entdecken konnte. Gab es am Tatort denn irgendwelche Spuren oder Hinweise, die die Ermittlungen in eine bestimmte Richtung gebracht haben? In der Nähe der Leiche hat man noch einen braunen Gürtel gefunden.

Man vermutete, dass er zu einem Mantel oder zu einem Trenchcode gehörte. Die damaligen Ermittler gingen davon aus, dass Monika Diebold damit gefesselt worden war und dass der Gürtel dem Täter oder einer anderen anwesenden Person gehörte. Es gab mehrere Zeugenaufrufe sowie eine Öffentlichkeitsfahndung in der örtlichen Presse. Da wurden auch das Foto des Gürtels und eines vergleichbaren Mantels gezeigt. Die Staatsanwaltschaft in Limburg lobte 5000 DM Belohnung für sachdienliche Hinweise aus. Es gab sogar einen dringend Tatverdächtigen, ein 26-jähriger Dillenburger. Doch er hatte ein glaubhaftes Alibi und wurde dann wieder freigelassen. Aber dann, am 17. Januar 1975, wurde in der Schweiz ein 24-jähriger Österreicher verhaftet.

Ja, und zwar zunächst wegen einer ganz anderen Sache. Der Mann, den die Schweizer Beamten in Basel verhaften, heißt Jack Unterweger. Bisher war er den Ermittlungsbehörden eigentlich als Kleinkrimineller bekannt, der in den vergangenen Jahren und Monaten aber auch zunehmend wegen Zuhälterei und Gewalttaten gegen Frauen aufgefallen ist. Mehrere Fälle von Diebstahl und Einbruchsdiebstahl gehen bereits auf sein Konto, dazu Fälle von Körperverletzung, Nötigung und Vergewaltigung. Wegen dieser Taten saß er bereits mehrmals im Gefängnis. In Basel wird Unterweger nun aber wegen der Entführung einer gewissen Maria E. Verhaftet. Er hatte die 18-Jährige im Juli 1974 in Österreich kennengelernt und war mit ihr über die Grenze in die Schweiz durchgebrannt.

Zwar gibt Maria E. später an, freiwillig mit Unterweger zusammen gewesen zu sein. Aber weil sie erst 18 ist und man damals in Österreich erst mit 19 Jahren volljährig wird, haben die Ermittler Unterweger auf dem Schirm. Dass er Maria E. über die Grenze mitgenommen hat, gilt als Entführung. Daneben liegen in Österreich weitere Anzeigen gegen Unterweger vor. Wegen gewaltsamer Übergriffe auf mehrere Frauen. In der Schweiz arbeitet Unterweger als Disc-Jockey, also als DJ und Kellner. Um das Einkommen des Paares aufzubessern, schickt er Maria E. auf den Strich. Warum sie dem zugestimmt hat, wissen wir nicht. Vielleicht aus Liebe zu ihm.

Kurz darauf jedenfalls, im September 1974, lernen die beiden die ebenfalls 18-jährige Christine S. kennen. Auch sie verliebt sich in Jack Unterweger. Auch sie schafft bald darauf für ihn an. Als die Schweizer Beamten Unterweger im Januar 1975 in Basel verhaften und kurz darauf nach Österreich ausliefern, ist auch Christine S. bei ihm. Bald schon stellt man fest, sie ist Deutsche und stammt aus einem kleinen Ort in Hessen, aus Ebersbach. Demselben Ort, in dem nur Wochen zuvor die 18-jährige Monika Depold getötet wurde. Und es gibt Indizien, die Christine S. und Jack Unterweger mit der Tat in Verbindung bringen. Zum einen haben die beiden sich im November und Dezember 1974 nachweislich in Deutschland aufgehalten, nachdem man Christine S. Zwischenzeitlich aufgegriffen und aus der Schweiz abgeschoben hatte. Zum anderen finden die Ermittler außerdem bei ihnen Kleidung aus dem Besitz der Toten. Und, so stellt sich heraus, Monika Diephold und Christine S. kannten sich. Sie sind nur ein paar Häuser voneinander entfernt aufgewachsen.

Schließlich erzählt Christine S. den Ermittlern, was sich in der Nacht auf den 12. Dezember zugetragen hat. Christine S. und Jack Unterweger sind an diesem Abend in seinem Wagen unterwegs nach Eversbach. Eigentlich hatte Unterweger Christine S. wieder auf den Strich schicken wollen. Doch es ist kaum etwas los und so schlägt sie vor, weiter nach Eversbach zu fahren, ihrem Heimatort. Ihre Eltern seien sicher ausgegangen und so könnten sie unbemerkt Geld aus dem Haus stehlen. Als die beiden aber vor dem Haus der Eltern ankommen, brennt Licht. Sie trauen sich nicht hinein. Gerade als sie unverrichteter Dinge weiterfahren wollen, sehen sie im Schein der Straßenlaternen eine junge Frau. Christine S. erkennt ihre Kindheitsfreundin, Monika Dippold.

Auf Jack Unterwegers Drängen hin spricht sie Monika an und lädt sie ein, sich zu den beiden ins Auto zu setzen. Man könne ja noch gemeinsam etwas trinken gehen. Monika hegt keinen Argwohn. Sie kann nicht wissen, dass sie diese Nacht nicht überleben wird. Sie fahren in Richtung einer Kneipe. Doch es dauert nicht lang, da hält Unterweger den Wagen an. Plötzlich wird er aggressiv. Er greift die überraschte Monika an, zwingt sie sich auszuziehen und fesselt ihre Hände mit dem Gürtel aus Christine S. Mantel. Er nimmt der jungen Frau die Brieftasche ab, doch sie hat kaum Bargeld dabei. Also fahren die drei weiter zu Monikas inzwischen verlassenem Elternhaus. Dort entwenden Jack Unterweger und Christine S. Bargeld und Kleidung. Es ist inzwischen gegen Mitternacht.

Doch anstatt die flehende Monika nun gehen zu lassen, fahren sie mit ihr weiter in die Nacht. Irgendwann nahe der Stadt Herborn biegt Unterweger auf einen dunklen Waldweg ab. Er versetzt ihr einen heftigen Schlag ins Gesicht. Die junge Frau ist vor Angst wie erstarrt. Sie fleht Christine S. An, ihr zu helfen, doch die lässt Unterweger gewähren. Er zwingt Monika, nackt aus dem Wagen zu steigen, hinaus in die eiskalte Dezembernacht. Christine S. sieht noch, wie Unterweger ihre Kindheitsfreundin in den Wald zieht. Eine Viertelstunde später kehrt er ohne Monika zurück, in der Hand eine blutverschmierte Stahlrute. Er setzt sich schweigend ans Steuer des Wagens neben Christine S. Und fährt los in Richtung Frankfurt am Main. Während der Fahrt wirft seine Komplizin die Stahlrute, an der noch Monikas Haare kleben, aus dem Fenster. Ein weiteres, wirklich verstörendes Detail, das aber erst viel später bekannt werden wird. Unterweger notiert die Tat sogar in seinem Tagebuch. Dort heißt es kühl, 11. Dezember 1974, Mord an Monika Tipold.

Herr Geiger, eine wirklich unfassbare Tat, extrem kaltherzig auch das Verhalten danach. Die Unterlagen über den Fall sind nicht einsehbar. Deshalb bleiben viele Details für uns im Unklaren. Was wir aber wissen, Jack Unterweger wurde dann am 31. Mai 1976 vor dem Landgericht Salzburg wegen Mordes und schweren Raubes angeklagt. Herr Geiger, wieso eigentlich nicht in Deutschland, wo der Mord geschehen ist und das Opfer herkommt? Weil Unterweger österreichischer Staatsbürger war und nach der damaligen Rechtslage wurden Staatsbürger nicht ausgeliefert. Daher musste Österreich die Strafverfolgung übernehmen. Hat er sich denn selbst in irgendeiner Weise zu dem Mord geäußert? Ja, er hat die Tötung vor Gericht gestanden. Leugnen brachte er auch nichts. Es gab eine Tatzeugin, nämlich Christine S. Er hat aber stets beschritten, dass es sich um einen sexuell motivierten Mord handelte. Das vermuteten jedoch die Ermittler wegen der Auffindungssituation. Monika war nackt und wurde mit ihrem BH erdrosselt.

Unterweger bekannte sich immer nur wegen Raubes schuldig und behauptete, er habe Monika Diebold nicht umbringen wollen. Er habe sie versehentlich mit einer Stahlrute erschlagen und dem BH dann nur lose um den Hals vernotet, um ein Sexualdelikt vorzutäuschen. Aber die Obduktion ergab eindeutig einen Tod durch Erdrosselung. Und auch die gesamte Auffindungssituation, wie die Leiche drapiert war und das Vorgehen mit dem Büstenhalter, sprachen gegen eine Tötung im Affekt. Er hatte eindeutig Freude an der Tat und hat die Gewalt und die Machtausübung genossen. Rückblickend hat schon dieser erste Mord seine wahren sadistischen Neigungen gezeigt. Ja, und am Ende muss man sagen, haben Unterweger seine Behauptung ja auch nichts genutzt. Denn das Landgericht Salzburg folgt seiner Geschichte von der versehentlichen Tötung jedenfalls nicht.

Es verurteilt Unterweger am 1. Juni 1976 wegen Mordes an Monika Dippold zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Seine Begleiterin Christine S. wird in Deutschland vor der Limburger Jugendstrafkammer wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Es gibt allerdings keine Informationen mehr darüber, ob bzw. Zu welcher Haftstrafe sie verurteilt wurde. Herr Geiger, es zeichnete sich aber schon damals ab, dass es sich möglicherweise nicht um Jack Unterwegers erstes Tötungsdelikt handelte. Ist das richtig? Ja, das ist richtig. Schon im Frühjahr 1975 hatte die Staatsanwaltschaft Salzburg Anklage gegen Unterwege erhoben wegen mehrerer Gewalt- und auch Sexualdelikte gegen Frauen. In den Jahren 1971 bis 1974. Da meldete sich ein Salzburger Kriminalbeamter namens August Schenner bei der Staatsanwaltschaft. Er hatte zwei Jahre davor zum Mord an einer jungen Frau ermittelt. Ein Fischer hatte sie am 1. April 1973 tot im seichten Wasser des Salzachsees im Norden Salzburgs gefunden. Ihre Hände waren vor dem Körper mit einer Krawatte gefesselt, die Beine mit einer Strumpfhose.

Das Gesicht war mehrfach mit einem Verband umwickelt, damit sie nicht schreien konnte. Ließ sich denn die Todesursache feststellen? Die Gerichtsmäziner stellten Spuren von stumpfer Gewalt fest, die aber nicht tödlich waren. Die eigentliche Todesursache war, dass sie ertränkt wurde. Der Täter hatte sie gefesselt und wehrlos ins Wasser geworfen und ertrinken lassen. Unvorstellbar. Wer war die Tote? Was konnte man herausfinden? Sie konnte am Tag nach dem Pfund als 24-jährige Olga Petrowitz identifiziert werden. Ihr Ehemann hatte sie als vermisst gemeldet. Sie war Dienstmädchen, stammte aus Zagreb und lebte in Salzburg. Ihr Ehemann hatte am Abend des 31. März 1973 von einer Nachbarn erfahren, dass Olga in die Stadt gegangen, jedoch nicht zurückgekommen war. Ja, ich nehme mal an, die Angaben des Ehemanns wurden damals überprüft. Was kam dabei heraus? Ja, natürlich konzentrieren sich die Ermittlungen immer zuerst auf das persönliche Umfeld, weil die meisten Daten sind ja Beziehungsdaten. Aber die Angaben des Ehemannes konnten sehr schnell bestätigt werden. Seine Aussagen waren glaubwürdig.

Als einzige Spur blieb die Krawatte. Die führte aber zunächst ins Leere. Ja, und damit wären die Ermittlungen im Fall Olga Petrowitz wahrscheinlich zu Ende gewesen, hätte der zuständige Kriminalbeamte August Schenner nicht im Frühjahr 1975, von der Verhaftung und Anklage gegen einen jungen Mann erfahren, den die Staatsanwaltschaft Salzburg bereits wegen mehrerer Angriffe auf Frauen im Visier hatte und der sich bald auch wegen des Mordes an einer 18-jährigen Deutschen namens Monika Tipold zu verantworten hatte. Das war Jack Unterweger. Richtig, Schenner las nun die Akten und stellte fest, Unterweger war zuletzt 1973 aus dem Gefängnis im oberösterreichischen Wels entlassen worden. Er war dort wegen eines Diebstahls eingesessen. Die Krawatte, mit der Olga Petrowitz gefesselt worden war, wurde nur zwei Monate später in einem Modegeschäft in Wels gekauft. Das war kurz vor dem Mord an Olga. Einige Jahre später, als Unterweger längst in Haft wegen des Mordes an Monika Tipol saß, fand Schenner außerdem eine Zeugin, die ihm bestätigte, dass Unterweger in der Mordnacht ganz in der Nähe gewesen war. Eine damalige Freundin von Unterweger bestätigte, dass sie gemeinsam in der Nacht des Mordes in einem Gasthof in Salzburg übernachtet hatten.

Unterweger war kurz vor dem Verschwinden Olga Petrowitz noch einmal ausgegangen. Er hatte also kein Alibi. Schöner war überzeugt, dass Unterweger der Täter war. Trotzdem kam es nie zu einer Anklage gegen Unterweger wegen des Mordes an Olga Petrowitz. Wieso eigentlich nicht? Schenner hat Unterwege im Gefängnis besucht und dazu befragt. Er hat sich aber nicht darauf eingelassen und nur ausweichend geantwortet. Es gab keine eindeutigen Beweise gegen ihn. Damals gab es auch noch keine DNA-Analyse in Österreich. All das reichte der Staatsanwaltschaft nicht für eine Anklageerhebung. Es hieß, er sitzt doch ohnehin schon lebenslänglich. Schöner solle sich zufrieden geben, Unterweger wird nicht mehr herauskommen. Schöner hat Unterweger aber nie vergessen. Später sollte Unterweger der Mord noch zum Verhängnis werden. Ja, wieso, dazu kommen wir noch. Doch nun erst einmal dazu, wie es für Jack Unterweger nach seiner Verurteilung wegen des Mordes an der Deutschen Monika Depold weiterging.

Oktober 1976. Das Urteil gegen Jack Unterweger wegen des Mordes an Monika Dippold mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe ist inzwischen rechtskräftig. Absitzen soll Unterweger seine Haft in der Männerstrafanstalt Stein, der größten und bekanntesten Strafvollzugsanstalt Österreichs. Von den Insassen, darunter viele schwere Straftäter, wird sie nur der Felsen genannt. Sie gilt als gewaltig und unbezwingbar. Eine Welt für sich. Zunächst wird es still um Unterweger. Doch schon bald wird er wieder von sich reden machen. Als sogenannter Häfenpoet. Häfen, sagt man in Österreich für Knast. So steigt er zu einem regelrechten Stern am österreichischen Literaturhimmel auf. Und zum Vorzeigehäftling, der eine geradezu beeindruckende Resozialisierung hingelegt hat. Vom Mörder zum Bestsellerautor. Zunächst beginnt alles mit Briefen. Schon früher waren es vor allem die Frauen gewesen, die Jack Unterweger schnell für sich gewinnen und für seine Zwecke gefügig machen konnte. So war es schon mit Maria E. und Christine S. Gewesen. Und so ist es auch jetzt in der Männerhaftanstalt Stein. Natürlich ist es hier nicht mehr so einfach für Unterweger mit Frauen in Kontakt zu treten.

Es dauert nicht lange, da hat sich der nur 1,70 Meter große Mann mit den jungenhaften Zügen ein beeindruckendes Netzwerk an Brieffreundinnen gesponnen. Schon hier zeigt sich, Unterweger hat ein Talent fürs Schreiben. Er ist überzeugend, wortgewandt, einfühlsam. Viele Frauen, die er kontaktiert, antworten ihm und sind bald bereit, dem Häftling kleinere und auch größere Gefallen zu tun. Es beginnt mit Briefmarken, die sie ihm in die Haft schicken, damit er ihnen öfter schreiben kann. Bald sind es Geschenke, die sie bei Besuchen mitbringen. Unterweger hat viel Zeit und widmet sich ausgiebig seinen Gönnerinnen. Unter ihnen ist auch eine gewisse Sonja von Eisenstein, eine Wiener Schriftstellerin und Literaturkritikerin. Sie lebt damals in Deutschland und hört dort vom Fall Unterweger. Bald schreiben sie einander regelmäßig und Sonja von Eisenstein ist begeistert von den literarischen Fähigkeiten ihres Schützlings. Sie beginnt Unterwegers zaghafte Schreibversuche zu fördern und ermutigt ihn, mehr zu verfassen. Dass das Gedicht über die eigene Todessehnsucht, das Unterweger ihr unter seinem Namen schickt und dass sie besonders begeistert eigentlich Bruder Tod heißt und von Hermann Hesse stammt, bemerkt sie nicht.

Mit der Zeit schreibt Unterweger immer mehr. Er holt seinen Schulabschluss nach, veröffentlicht zwei Gedichtbände und betätigt sich als Autor für das Traum-Männlein. So etwas wie das österreichische Sandmännchen im ORF. Ein Mörder, der Gute-Nacht-Geschichten schreibt.

1983 veröffentlicht er dann sogar einen autobiografischen Roman. Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus. Darin beschreibt er ausführlich seine traumatische Kindheit im österreichischen Kärnten. Er schildert den Vater als abwesend, wohl ein US-amerikanischer Besatzungssoldat. Die Mutter als Prostituierte, die ihn vernachlässigt und früh weggibt. Den Großvater, zu dem er abgegeben wird, als versoffenen Schläger, der vor den Augen des Kindes mit zahllosen Frauen verkehrt. Eine regelrechte Hölle während der Kindheit. Der Roman macht Unterweger schlagartig berühmt. Ein Straftäter ohne große Bildung, der so etwas schreiben kann. Die österreichische Literaturszene ist geradezu verzückt. Zur damaligen Zeit zumindest. Heute gibt es große Zweifel an Unterwegers Version. Daran, ob es die dramatische Kindheit, die Unterweger in seinem Buch beschreibt, überhaupt gegeben hat. Was man weiß ist, dass er wechselnd in Pflegefamilien, bei seinem Großvater und in Kinderheimen aufgewachsen ist. Seine Behauptung, die Mutter sei eine Prostituierte gewesen, ist jedenfalls inzwischen widerlegt. Tatsächlich arbeitete sie als Kellnerin. Die Beschreibungen des grausamen Großvaters halten Experten zumindest für übertrieben. Und auch die Entstehung von Unterwegers Buch »Fegefeuer« selbst wird inzwischen kritisch betrachtet. Hat er es wirklich eigenhändig geschrieben?

Als Wahrscheinlicher gilt heute, dass seine Förderin Sonja von Eisenstein es mitverfasst oder zumindest stark überarbeitet hat. Doch in den 80er Jahren ist die Begeisterung groß und der Erfolgszug des Häfenpoeten Jack Unterweger nicht mehr zu stoppen. 1988 wird Fegefeuer sogar verfilmt. Unterweger schreibt am Drehbuch mit. Er veröffentlicht weitere Werke, auch Theaterstücke. Er gründet seine eigene Literaturzeitschrift mit dem Namen Wortbrücke. Und wird zu Interviews in Fernseh- und Radiosendungen aus dem Gefängnis zugeschaltet. Einer seiner größten Förderer ist schon bald der Direktor der Männerstrafanstalt Stein. Ein gewisser Hofrat Dr. Karl Schreiner, der innerhalb des österreichischen Strafvollzugs als Reformer gilt.

Für seinen Vorzeigehäftling Unterweger erlaubt er sogar Lesungen in der Haftanstalt. Und Unterweger erhält Sondergenehmigungen. Für Theaterpremieren, Interviews und Buchvorstellungen wird er ausgeführt. Bald schon ist Jack Unterweger in ganz Österreich bekannt. In seiner Literaturzeitschrift erscheinen Gastbeiträge von berühmten Schriftstellern wie Franz Kabelka, Alfred Kolleritsch, Elfriede Jelinek oder Andrea Wolfmeier. Er erhält einen Literaturpreis. Und der österreichische Justizminister Harald Ofner nennt Unterweger einen Zitat.

Es dauert nicht lange, da werden Rufe nach Unterwegers Entlassung laut.

Es ist einfach unglaublich, dass jemand wie Jack Unterweger zu der damaligen Zeit so sehr in den Himmel gelobt wurde. Aber es war wirklich so. Herr Geiger, während seiner Haftzeit hat sich Jack Unterweger einen beachtlichen Unterstützerkreis aufgebaut, darunter Sozialarbeiter, Therapeuten, Politiker und zahlreiche bekannte Schriftsteller und Intellektuelle, aber auch unbekannte Menschen, die von seiner Läuterung überzeugt waren. Wie war es Unterweger jetzt überhaupt gelungen, so viele Menschen für sich einzunehmen? Dafür gab es zwei Gründe. Erstens der damalige Zeitgeist. Es war vor allem in linken gesellschaftskritischen Kreisen und im Kulturbetriebsjähn Mode, sich um Straftäter zu bemühen. Auch die Politik hatte begonnen, Resozialisierungsgedanken und eine Abkehr von reiner Verwahrung der Häftlinge voranzutreiben. Viele engagierte Menschen haben sich damals Häftlingen angenommen.

Brieffreundschaften in Strafanstalten wurden gepflegt, sogar Schülerinnen wurden angehalten, Brieffreundschaften mit Haftinsassen einzugehen. Unterweger füllte diese Sehnsucht nach der gelungenen Ressourzialisierung perfekt aus, wusste damit zu spielen, knüpfte zahlreiche Kontakte und spielte die Rolle des geläuterten Straftäters und des Künstlers. Er konnte außerdem sehr gut mit Medien umgehen, gab viele Interviews, trat später auch auf Veranstaltungen und Talkshows auf.

Die Medien waren dabei ein großer Treiber. Gab es denn niemanden, der Zweifel an der Geschichte vom Vorzeigehäftling und Gefängnisliteraten hatte? Wenige. Unter anderem Karl Rotenschlager, ein skeptischer Sozialarbeiter in der Strafanstalt Stein, in der Unterweger einsaß. Er hatte einen sehr kritischen Blick auf ihn. Unterweger war auch bei den Mithäftlingen nicht allzu beliebt. Die haben ihn eher abgelehnt. Sie waren aber auf der anderen Seite beeindruckt von Vergünstigungen, die Unterweger sich erschrieben hatte. Letztlich gab es aber keine großen Kritiker. Alle wollten an den Vorzeigefall für gelungene Resozialisierung glauben. Sie sprachen gerade von zwei Gründen, warum es Unterweger gelang, Menschen für sich einzunehmen. Der zweite war seine sehr große Wirkung auf Frauen.

Er hatte vor allem weibliche Unterstützerinnen, die ihm halfen. Mit vielen hatte er Flirts und Affären. Er wirkte auf viele Frauen ungemein attraktiv. Ja, ich muss ganz ehrlich sagen, ich finde das ziemlich irritierend, die Vorstellung, dass Frauen sich von einem Mann angezogen fühlen, der in Haft ist, weil er eine andere Frau ermordet hat. Dafür, dass Frauen sich zu Straftätern nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Gewalttaten hingezogen fühlen, gibt es einen Fachbegriff. Man spricht in solchen Fällen von Hybristophilie. Das ist im Übrigen kein seltenes Phänomen. Vor der Aufzeichnung heute haben wir mit dem forensischen Psychiater Prof. Dr. Reinhard Haller gesprochen. Er hat Jack Unterweger Anfang der 90er Jahre untersucht und ein psychiatrisches Gutachten über ihn erstellt. Und er hat sich auch damit beschäftigt, warum Unterweger so viele Menschen, vor allem Frauen, in seinen Bann ziehen konnte. Er sagt, eine anerkannte psychiatrische Diagnose ist die sogenannte Hypristophilie nicht. Aber die Tatsache, dass sich Frauen in Häftlinge in zu lebenslanger Haft verurteilte Gewalttäter, Mörder verlieben und sie in eine intensive Beziehung aufbauen, das trifft man sehr häufig.

Es gibt dafür verschiedene Erklärungen. Auf der einen Seite dieser nahezu Erlöserauftrag, den man hat, ich muss den bekehren, ich muss den zu einem guten Menschen machen, ich muss zu dem stehen, was auch immer er getan hat. Und eine Erklärung, die ich dafür finde, wie gesagt, ist aber jetzt vielleicht eher etwas zum Schmunzeln. Das ist, dass man doch nachgewiesen hat, dass viele von diesen Frauen vorher eine schwere Liebesenttäuschung erlebt haben, verlassen worden sind und jetzt jemanden suchen, der ihnen hundertprozentig nicht davonlaufen kann. Prof. Dr. Reinhard Haller sagt auch, bei Jack Unterweger konnte man dieses Phänomen besonders deutlich beobachten.

Wie sehr er von den Frauen umschwärmt wurde, konnte Haller auch bei seinen späteren Untersuchungen Unterwegers erleben. Der Eindruck, den er auf Frauen gemacht hat, der war wirklich phänomenal. Das muss man einfach sagen. Mir hat er einmal während eines Untersuchungsgesprächs, da sollte er also Tests ausfüllen, Testfragebögen. Und dann hat er gesagt, während ich das mache, damit es Ihnen nicht langweilig wird, gebe ich Ihnen gerade die Post des heutigen Tages. 42 Briefe von Frauen, von ganz normalen, möchte ich sagen, Berufstätigen, von Hausfrauen, von einer Klosterschwester, von einer Filmschauspielerin, von einer Künstlerin und so weiter. Und alle haben ihm mehr oder minder vermittelt, dass sie ihn sehr lieben. Die einen haben gesagt, naja, er ist unschuldig und wir müssen dich retten. Die anderen haben gesagt, auch wenn du schuldig bist, du bist derartig liebenswert, dass wir zu dir stehen werden. Und auf jeden Fall aus diesem reichen Angebot heraus hat er natürlich auch seine Kontakte geknüpft und diese Beziehung natürlich schamlos ausgenützt.

Eine, die später zu Jack Unterwegers Unterstützerinnen zählen wird, ist die Rechtsanwältin Dr. Astrid Wagner. Heute ist sie eine der bekanntesten Strafverteidigerinnen Österreichs. Als sie Unterweger Anfang der 90er Jahre kennenlernt, ist sie eine junge Juristin in Graz. Für Unterweger, den sie zunächst in einem Briefwechsel kennenlernt, verlässt Astrid Wagner schließlich sogar ihren langjährigen Freund und beginnt eine romantische Beziehung mit dem Straftäter. Über das, was sie mit ihm erlebt hat, hat Wagner auch ein Buch mit dem Titel Liebe, Mord und Zweifel geschrieben. Mehr über ihre Geschichte werden wir in Teil 2 dieser Folge hören. Doch zunächst haben wir in einem Telefonat mit Dr. Astrid Wagner über die Faszination gesprochen, die Jack Unterweger hervorrief. Auch sie sagt, Unterweger machte vor allem auf Frauen einen großen Eindruck.

Jack Unterweger war auch so, man kann fast sagen, wie schon ein Rotjammand, ein Schillender. Er hatte einfach wahnsinnig viele Facetten, er hatte eine irrsinnige Bandbreite und die reichte eben von diesem Macho-Typ, der natürlich war, nicht von Natur aus, aber vom Leben so geprägt, der praktisch mehr als die Hälfte seines Lebens, weit mehr als die Hälfte im Gefängnis verbracht, war so geprägt. Und dann hat er eine ganz weiche Seite gehabt, auch in seinen Augen. Er hatte etwas sehr, sehr Sensibles und er war ein Künstler. Also man hat die Künstlerseele an ihm spüren können. Und es war einfach diese faszinierende Mischung aus so vielen Facetten, die eben wirklich ganz einmalig war. Und ich kann wirklich mit Fug und Recht sagen, ich habe nie wieder einen Menschen getroffen, einen Mann getroffen, der ähnlich gewesen wäre. Also er war schon etwas sehr Einzigartiges. Und das hat natürlich eine junge Frau wie mich damals sehr fasziniert. Astrid Wagner sagt, die Gründe, warum Frauen sich zu Jack Unterweger hingezogen fühlten.

Das waren jene Frauen, die einfach wirklich das Faszinierende gefunden haben, dass er ein Hörber ist. Ja, das gibt es halt einmal, das ist ein bisschen eigenartig, die das Grusel sozusagen geliebt haben. Dann gibt es aber eben jene, die sozusagen eine Art Mutterreflex heraus, kann man sagen, so nach dem Motto. Aber meiner ist ganz anders. Das heißt also Frauen, die glauben, sie sind jetzt auserkoren, um jemanden zu retten. Der hat es immer ganz schlecht gehabt, hat keine Mutter gehabt und keiner hat es verstanden, aber ich bin jetzt die Auserwählte und ich kann ihn retten. Und ich würde schon sagen, dass ich in dieser Gruppe gefallen bin, also sozusagen schon eine Art Helfer-Syndrom. Diesen Jahr auf Eigen kommt mir in meinem Beruf sehr zugute. In diesem Beruf kann man ja sein Helfer-Syndrom eben ausleben.

Auch Astrid Wagner ist der Meinung, dass dieser Impuls, Straftätern, moralisch und gesellschaftlich Verirrten helfen zu wollen, in den 70er und 80er Jahren in Österreich sehr verbreitet war. Naja, Zeitgeist kam natürlich Menschen, Mieczek Unterweger, entgegen, weil damals ja der Gedanke der Resozialisierung sehr präsent war. Man sprach also von den sogenannten Sozialromantikern, also man meinte eben, dass jeder Mensch eine zweite oder auch dritte Chance verdient hat, dass also die schlechte Kindheit schuld sei, dass er eben kriminell geworden ist, bis hin eben zu dem Mord, den er dann begangen hat. Es war alles irgendwie immer entschuldigt. Es war sozusagen der Täter eigentlich das Opfer. Das war der Zeitgeist, der in den 70er und 80er Jahren eben die Menschen sehr geprägt hat.

Täter, die aufgrund eigener Gewalterfahrungen in der Kindheit später als Erwachsene straffällig werden, das sind natürlich Überzeugungen, die heute auch noch in der Kriminologie Bestand haben und im Übrigen auch durch Studien belegt sind. Das Ausmaß an Verständnis, das Jack Unterweger während seines Aufstiegs zum Häfenpoeten entgegengebracht wurde, finde ich mehr als schwierig. Und ich frage mich da schon, was ist eigentlich mit dem Mordopfer Monika Dippold? Das scheint ja für Unterwegers Unterstützerinnen und Unterstützer ja damals überhaupt keine Rolle mehr gespielt zu haben. Ja, mir geht es da ähnlich. Fakt ist aber, Mitte der 80er Jahre fordern nun immer mehr Menschen eine vorzeitige Entlassung Unterwegers aus der Haft. Kaum einer scheint noch so recht den grausamen Mord und die furchtbaren Gewalttaten an Frauen vor Augen zu haben, die der neue Stern am Literaturhimmel vor gerade einmal zehn Jahren begangen hat.

Herr Geiger, Jack Unterweger war ja 1976 vom Landgericht Salzburg zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Nun ist es ja im deutschen Strafrecht so, dass lebenslang in vielen Fällen nicht wirklich lebenslang bedeutet. Nach frühestens 15 Jahren Haftzeit kann die Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden. Wie ist das in Österreich? In Österreich ist es genauso. Ein Vollzugsgericht, ein sogenannter Dreirichtersenat, muss dann darüber befinden, ob vom Straftäter noch Gefahr ausgeht und ob eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung möglich ist. Dafür wird ein psychologisches Prognosegutachten eingeholt. So war es auch im Fall Unterweger. Und was hat dieses Gutachten ergeben? Das Gutachten kam von einer jungen Psychologin und war durchwegs positiv. Sie sah keine Rückfallsgefahr bei Unterweger. Das kam sehr überraschend, denn alle vorherigen Prognosegutachten aus der Haftzeit waren sehr ungünstig. Unter anderem muss ein Straftäter sich mit seiner Tat auseinandersetzen, Reue zeigen. Das hat Unterweger aber nie getan.

Er hat zwar in seinem Buch Fegefeuer ausführlich über sein Leben geschrieben oder über das, was er dafür ausgab. Aber den Mord an Monika Diebold erwähnt er nicht mit einer Zeile. Auch in Interviews sagt er nur, es ist eben geschehen, ich kann es nicht ungeschehen machen, daher muss ich damit leben. Trotzdem wurde Unterweger sicher, vor allem aufgrund des öffentlichen Drucks, am 23. Mai 1990 auf Bewährung aus der Haft entlassen.

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Jack Unterweger ist im Frühjahr 1990 also wieder ein freier Mann.

Entlassen nach 16 Jahren Haft wegen des Mordes an Monika Dippold. Mit nur wenigen Auflagen. Seine Unterstützer sind begeistert. Unter ihnen ist auch eine wohlhabende Unternehmergattin, die noch vor Unterwegers Haftentlassung eine Affäre mit ihm begonnen hat. Jetzt sorgt sie für ihn. Sie stellt ihm eine großzügige Wohnung im 8. Bezirk in Wien und richtet sie liebevoll ein. Später kauft sie Unterweger ein Auto. Österreichs Vorzeigefall für Resozialisierung taucht nun in das Wiener Gesellschaftsleben ein. Unterweger verkehrt in Szene-Restaurants, bekannten Bars und Diskotheken. Im weißen Anzug und meist mit einer Frau im Arm sieht man ihn bei Theaterpremieren und auf Lesungen in ganz Österreich. Er gibt Interviews und wird von seinen Gönnern umschwärmt. Er schreibt, spielt Theater, ab und zu arbeitet er auch als Journalist. Unter anderem für den ORF. Es scheint, als führe Jack Unterweger nun ein ausgefülltes Leben in Wiens besserer Gesellschaft. Was dann passiert, dazu kommen wir jetzt. Es ist der 20. Mai 1991, ein Sonntag. Der Schottenwald, ein Teil des Wiener Waldes, ist bei Ausflüglern in Österreich beliebt. Es gibt dort ein Restaurant und einen Pferdehof. Gleich eine ganze Reihe von Spazier- und Wanderwegen führt durch das Gebiet. An der Kreuzeichenwiese einer großen Freifläche bemerkt ein Spaziergänger einen strengen Geruch.

Als der Mann sich dem Rand der Wiese nähert, macht er eine furchtbare Entdeckung. Dort, hinter umgestürzten Baumstimmen verborgen, liegt die Leiche einer Frau.

Herr Geiger, Sie waren damals gerade zum Leiter der Wiener Mordkommission und zum stellvertretenden Vorstand des Wiener Sicherheitsbüros befördert worden. Als man die Frau fand, hat man sie deshalb ja mit als Ersten informiert. Welche Erinnerungen haben Sie an den Tag? Es war ein Sonntag. Eigentlich hatte ich frei und mit meiner Frau und meiner Tochter einen Ausflug geplant.

Aber gerade als wir das Haus verlassen wollten, erreichte mich ein Anruf, dass eine Leiche im Schottenwald gefunden wurde. Ich bin dann natürlich sofort dorthin gefahren. Was haben Sie da vorgefunden, als Sie ankamen? Die Leiche lag auf dem Bauch, die Beine weit gespreizt, der Unterkörper unnatürlich in die Höhe gestreckt. Das Gesicht war in den Boden gedrückt, der Kopf mit Blättern und Zweigen bedeckt. Die Frau war entkleidet und mit Hilfe eines auffälligen Knotens mit ihrer eigenen Strumpfhose erdrosselt worden. Der Inhalt ihrer Handtasche war ausgestreut. Ich wusste sofort, das ist ein komplexer Fall. Alles hier war inszeniert. Das war kein gewöhnlicher Tatort. Hier drückte der Täter noch etwas aus. Und wieso war das sofort so ersichtlich, so klar? Es war nicht nur die Art der Tötung. Die Obduktion bestätigte später, dass sie mit ihren eigenen Kleidungsstücken erdrosselt wurde. Aber die Art, wie die Leiche abgelegt war, das war Inszenierung.

Der Täter hatte sich Zeit gelassen, sich die Mühe gemacht, den Körper in einer bestimmten Form zu platzieren. Er hatte kleine Zweige draufgelegt, zu wenige, um die Leiche zu verbirgen. Es war eine Art Ritual und das hatte der Täter scheinbar genossen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um eine sexuell motivierte Tat handelte. Haben Sie Hinweise darauf gefunden? Es gab keine Spermaspuren der Leiche, aber die Handschrift des Täters deutete eindeutig auf eine sexuelle Motivation hin. Davon gingen wir von Anfang an auch aus. Gab es denn am Tatort irgendwelche Spuren, die Ihnen Hinweise auf den Täter gegeben haben? Nein, wir fanden keine biologischen und auch keine sonstigen Spuren. Sie hatten also die Leiche einer Frau, von der Sie nicht wussten, wer sie war oder was ihr zugestoßen war. Eine ziemlich verzwickte Ausgangslage für eine Ermittlung, kann ich mir vorstellen, oder? Richtig, das blieb aber nicht lange so. Mir sind dann die Vermisstenmeldungen durchgegangen und konnten die Tote bald als die 25-jährige Michaela Gruber aus Wien identifizieren.

Sie arbeitete als Verkäufer in einer Bäckerei, ging jedoch ohne Wissen ihres Mannes nachts auf den Wiener Straßenstrich, um dadurch ihre Heroinsucht zu finanzieren. Zuletzt war sie am 16. April 1991 an ihrem Standplatz in der Jonsstraße gesehen worden. Allerdings hat er niemand gesehen, ob sie zu jemandem ins Auto gestiegen oder mit jemandem mitgegangen war. Seither war sie jedenfalls verschwunden. Hatten Sie damals denn eine Theorie, was mit ihr passiert sein könnte? Man beginnt natürlich immer zunächst im persönlichen Umfeld zu ermitteln. Wir haben alle Möglichkeiten in Betracht gezogen. Eifersucht ist ehemannes Konflikt im Rotlichtmilieu, Probleme mit Zuhältern. Aber das alles konnten wir bald ausschließen. Es gab keine heiße Spur, bis wir drei Tage später einen Anruf von den Kollegen der Kriminalabteilung Niederösterreich erhielten.

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Es ist der 23. Mai 1991. Seit dem Fund der Leiche von Michaela Gruber sind nur drei Tage vergangen. Da melden sich Spaziergänger bei der Polizei in Niederösterreich. In einem Waldstück außerhalb von Wien haben auch sie einen schrecklichen Fund gemacht. Dort, auf dem Waldboden, liegt die Leiche einer jungen Frau. Sie ist nackt, nur ihren Schmuck trägt sie noch. Sie liegt auf dem Bauch, um ihren Hals ist ihr eigener Body geschlungen und aufwendig verknotet. Der Kopf ist mit Ästen und etwas Laub bedeckt. Ein Zusammenhang mit dem Fund von Michaela Gruber ist den Ermittlern sofort klar. Sie kontaktieren die Kollegen aus Wien. Der Fundort der zweiten Leiche liegt nur wenige Kilometer außerhalb des Wiener Zuständigkeitsbereichs. Die Tote ist schnell identifiziert. Auch sie ist eine Wiener Prostituierte.

Die Ermittler finden heraus, die 25-jährige Bettina Koslova war in der Nacht vom 7. Mai von ihrem Standplatz verschwunden. Auch sie arbeitete, wie Michaela Gruber, im Wiener Strichgebiet. Herr Geiger, nun gab es schon eine zweite Leiche. Beide Frauen waren, wie wir gehört haben, Prostituierte aus Wien. Beide waren offenbar mit ihrer eigenen Wäsche erdrosselt, vom Täter entkleidet und im Wald platziert worden. Die Kollegen aus Niederösterreich haben Sie ja nach dem Fund sofort kontaktiert, weil sie von einem Zusammenhang ausgingen. Sie auch, Herr Geiger? Ja, das war uns gleich klar wegen der Übereinstimmung bei den Opfern, dem gleichen Modus operandi der Täterhandschrift der zeitlichen Nähe. Wir haben dann geprüft, ob in Wien weitere Prostituierte seit kurzem vermisst wurden. Das war der Fall. Jarena Oswald, 24, verschwunden am 8. April 1991 und Carmen Pölzl, 33, verschwunden am 28. April 1991.

Beide wurden zuletzt am Standplatz auf dem Straßenstrich gesehen. So zynisch es klingen mag, wir warteten von da an schon auf die nächste Leiche. Und die findet man nur wenig später am 4. Juli 1991 in einem Waldstück in Niederösterreich, dem sogenannten Wolfsgraben. Wieder ist die Tote entkleidet, liegt in Bauchlage auf dem Erdboden. Wieder ist sie mit ein paar Ästen und Laub notdürftig bedeckt. Schnell ist klar, es handelt sich um die 24-jährige Irena Oswald. Auch sie wurde, wie die Obduktion ergibt, mit ihrer eigenen Unterwäsche erdrosselt. Und auch hier ist den Ermittlern der ungewöhnliche Knoten aufgefallen, mit dem die Wäsche verschnürt wurde.

Herr Geiger, was können Sie uns noch dazu erzählen? Der Fundort war nur 22 Kilometer vom Ort des Verschwindens entfernt. Trotzdem, wieder waren Kollegen Niederösterreich zuständig, weil die Leiche von Irena Oswald in ihrem Zuständigkeitsbereich lag. Wir haben aber eng zusammengearbeitet und wussten, wir haben es hier offenbar mit einem Serientäter mit Hass auf Prostituierten zu tun. Wir mussten davon ausgehen, dass ihm auch die Vermisste, Carmen Pölzl, zum Opfer gefallen ist und dass weitere Frauen in Gefahr sind. Gab es von Carmen Pölzl denn schon irgendeine Spur? Nein, wir machten große Suchaktionen im Wiener Wald mit Hundertschaften leider erfolglos. Sie blieb vorerst verschwunden. Allerdings einige Wochen nach ihrem Verschwinden machte Carmen Pölzls Ehemann im eigenen Hausbriefkasten einen verstörenden Fund. Was war da? Richtig, vier leere Zigarettenpackungen ihrer bevorzugten Marke lagen im Hausbriefkasten.

In einer befand sich ein Passbild des elfjährigen Sohnes, das hatte Carmen Pölzl immer in ihrer Geldbörse. Der Ehemann erhielt dann auch anonyme Anrufe, bei denen laute Stöhnen und einige sinnlos schändete Sätze am anderen Ende zu hören waren. Wir waren sicher, das ist der Täter. Leere Zigarettenpackungen, anonyme Anrufe. Warum macht der Täter sowas? Er hat seine Befriedigung erreicht, indem er provoziert hat. Die Polizei, die Opfer, die Angehörigen. Also die Opfer degradierend zur Schau gestellt, die Angehörigen durch die Anrufe provoziert, das war der zusätzliche Kick zum Töten. Aber wir konnten die Anrufe nicht rückverfolgen. Als wir ihre Leiche erst Monate später ebenfalls in einem Waldstück gefunden haben, war sie schon so verwest, dass nicht einmal mehr der Todeszeitpunkt feststellbar war.

Es blieben nur wenige Knochen und Kleidungsstücke. Kaum vorstellbar, was das für den Ehemann bedeutete und ein ziemlicher Druck, der da auf Ihnen lastete, kann ich mir vorstellen. Immerhin wussten Sie ja, da läuft jemand frei herum, der schon viermal gemordet hatte. Wann haben Sie die Öffentlichkeit über all das informiert? Wir haben die Bevölkerung von Anfang an informiert. Es gab eine Öffentlichkeitsfahndung und eine Befragung der Prostituierten, ob sie jemanden gesehen haben, der sich auffällig verhalten hat. Wir haben alle überprüft, die sie genannt haben. Und diverse weitere Männer überprüft, die wegen Sexualdelikten oder Gewalt gegen Prostituierte Polizei bekannt waren. Was Sie, Herr Geiger, anfangs noch nicht wussten, neben Ihnen und Ihren Kollegen sprach damals noch ein ganz anderer Mann mit den Frauen über die Morde. Er befragte sie, wie sie sich gegen den Mörder schützen könnten. Wer war das? Das war ein Reporter des österreichischen Rundfunks. Ich kannte ihn damals noch nicht. Aber es handelte sich um Jack Unterweger.

Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen. Sie, Herr Geiger, sollten Jack Unterweger schon bald darauf persönlich kennenlernen und das Gefühl entwickeln, mit diesem Mann stimmt etwas ganz und gar nicht. Doch dazu kommen wir in der nächsten Folge. An dieser Stelle machen wir jetzt erst mal einen Cut. Wie es mit den Ermittlungen von Hofrat Ernst Geiger und seinen Kolleginnen und Kollegen des Wiener Sicherheitsbüros weiterging, welche spektakulären Wendungen der Fall noch nehmen sollte und welche Rolle Jack Unterweger darin spielte, das hört ihr in Teil 2 dieser Folge, die wir zeitgleich zu dieser veröffentlicht haben. Damit verabschieden wir uns vorerst. Danke schon einmal an dieser Stelle an Sie, Herr Geiger. schön, dass Sie hier waren. Ich war sehr gerne hier und wir sehen uns in der nächsten Folge. Ja, ich bedanke mich, dass Sie da waren. Unser Dank geht aber außerdem an unsere Gesprächspartner, Prof. Dr. Reinhard Haller und Dr. Astrid Wagner. Und ein weiterer Dank auch an Lale Atun, die Autorin dieser Doppelfolge. Wir freuen uns, wenn es euch bis hierhin gefallen hat und ihr auch in der nächsten, in der zweiten Folge wieder dabei seid. Aktenzeichen XY Y. Unvergessene Verbrechen ist eine Produktion der Securitel in Kooperation mit Bumfilm im Auftrag des ZDF.

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