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Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Aktenzeichen XY, Unvergessene Verbrechen. Mein Name ist Rudi Zerne und neben mir sitzt heute wieder meine Kollegin Conny Neumeyer. Hallo Rudi, hallo liebe Hörerinnen und Hörer, schön, dass ihr wieder dabei seid. Rudi, am Anfang einmal eine Frage an dich. Ist es dir vielleicht schon mal passiert, dass du, ja, du dachtest, du kennst jemanden wirklich gut, der stand dir nahe. Und du dachtest, du weißt alles über diese Person. Und dann passiert etwas, dann tut diese Person etwas und es stellt sich raus, der Mensch, von dem ich dachte, ich kenne ihn, der ist eigentlich ein ganz anderer.

Nee, ist mir so jetzt noch nicht passiert. Zum Glück, wobei ein wirklich anderer Mensch ist die Person in dem Fall ja auch gar nicht. Sie hat dir nur eben nicht überall Einblicke gegeben, also nicht alles mit dir geteilt. Ja klar, also das stimmt natürlich. Aber ich glaube, es bleibt am Ende die Frage, kann man oder konnte man denn dann jemals einschätzen, ob man seine Freundin, seine Partnerin sein möchte, wenn du eben nicht das ganze Bild hast? Kann ich gut nachvollziehen. Aber das ist ja vielleicht auch der Grund, warum jemand dem anderen vielleicht nicht alles sagt. Aus Angst, den anderen zu verlieren, dass er sich gegen einen entscheidet. Egal ob als Freund oder als Lebenspartner. Manchmal gibt es eben gute Gründe, warum man sich nicht in allen Lebensbereichen offenbaren kann oder auch will. An der Stelle, liebe Hörerinnen und Hörer, erklären wir, warum wir uns jetzt zum Einstieg mit dieser Frage so beschäftigt haben. Denn es geht heute um einen Fall, da spielt das Thema Doppelleben eine große Rolle und zwar in gleich mehrfacher Hinsicht. Ein Fall, bei dem zwei Menschen auf kaltblütige Weise ermordet und damit ihren Angehörigen für immer genommen wurden. Doch bevor wir euch davon erzählen, begrüßen wir ganz herzlich den ersten Kriminalhauptkommissar Steffen Gabriel von der Kripo Rüsselsheim. Sie waren ja schon mehrfach zu Gast bei uns in der TV-Sendung. Schön, dass Sie da sind. Hallo, ich freue mich sehr hier zu sein und bedanke mich für die Einladung. Hallo Herr Gabriel, herzlich willkommen. Fangen wir damit an, was damals passiert ist. Wir haben wie immer aus rechtlichen Gründen den Namen des Täters und die der Opfer geändert.

Es ist der 2. Juli 2010. Ein heißer Sommertag in Deutschland im hessischen Mörfelden-Walldorf. Ein junger Bundeswehrsoldat ist mit dem Auto von Koblenz auf dem Weg zu seiner Schwester nach Weiterstadt. Er fährt über die A5. Um kurz vor 13 Uhr hält er kurz am Parkplatz Steingrund, um auszutreten. Der Parkplatz ist durch einen Grünstreifen von der Autobahn getrennt. Der ist mit Büschen und Bäumen bewachsen, wodurch die Sicht sowohl von der Autobahn auf den Parkplatz als auch umgekehrt verhindert ist. Von dem Parkplatz aus geht ein schmaler, steil nach oben führender Pfad ab, auf dem man in ein angrenzendes kleines Waldstück gelangt, das von Trampelfaden durchzogen ist. Der Soldat folgt dem Pfad auf der Suche nach einem blickgeschützten Plätzchen. Da bemerkt er einen Mann, der oben auf der Böschung steht und aufgeregt mit ausländischem Akzent immer wieder kaputt, kaputt ruft. Der junge Mann läuft die Böschung hinauf, um herauszufinden, was los ist. Der Unbekannte führt ihn auf einem Trampelpfad in das Waldstück hinein zu der Leiche eines Mannes. Der Soldat läuft zu seinem Auto zurück. Von dort alarmiert er die Polizei. Während er den Notruf wählt und auf die Polizei wartet, verschwindet der Mann mit dem ausländischen Akzent spurlos.

Herr Gabriel, wissen Sie noch, wann dieser Notruf eingegangen ist? Ich glaube, es war kurz nach 13 Uhr, als der Zeuge anrief und eine tote Person meldete. Vom Büro aus wurde dann alles organisiert. Die Kolleginnen und Kollegen sind zum Tatort geschickt worden. Am Tatort selbst war ich erst nach der Obduktion. Das heißt, der Tatort wurde in der Zwischenzeit abgesperrt und schon mal genauer unter die Lupe genommen. Was wurde da vorgefunden? Ein älterer Herr, ein älterer Mann war augenscheinlich das Opfer. Der Gerichtsmediziner konnte eine Schussverletzung am hinteren Kopf entdecken. Die Leiche war unbegleitet gewesen, also komplett nackt und trug nur noch eine Uhr am Handgelenk sowie Sandalen. Zudem war die Leiche teilweise mit Laub im Genital- und Bauchbereich bedeckt gewesen. Haben Sie denn die Kleidung des Toten irgendwo in der Nähe gefunden? Nein, die Absuche am Tatort verlief leider negativ. Auch die Absuche im näheren Umfeld, andere Parkplätze und auch Mülltonnen auf dem Parkplatz Steingrund.

Wir konnten leider die Kleidung nicht finden. Hatten Sie damals schon eine Theorie dazu, warum der Mann nackt war? Wir sind davon ausgegangen, dass der Täter gegebenenfalls die Kleidung selbst mitgenommen hatte, um mögliche Spuren zu vernichten. Mögliche Sexualhandlungen können auch nicht ausgeschlossen werden. Auch eine Möglichkeit ist, dass zum Beispiel ein unbekannter Dritter die Kleidung mitgenommen hatte. Gab es denn irgendwelche Hinweise, wer der Tote war? Nein, nur dass der Mann schon älter war. Und was haben Sie denn anschließend unternommen, um seine Identität zu klären? Die Kollegen haben alle Fahrzeuge auf dem Parkplatz überprüft. Es gab ein Fahrzeug aus dem Main-Taunus-Kreis. Besonders auffällig war an diesem Fahrzeug, dass es beflaggt war mit einer deutschen, französischen und australischen Flagge. Zu dieser Zeit war ja die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika.

Sofort wurde Halteranschrift und Daten mit den Fahrzeugen eingefordert. Die Identität des Halters wurde am selben Tag noch bekannt. Was ja sehr schnell ist. Und so viel kann ich schon verraten. Dieser Parkplatz, dem kommt noch eine ganz besondere Bedeutung zu. Aber das wussten Sie ja zu diesem anfänglichen Zeitpunkt noch nicht.

Dazu später mehr. Zunächst wurde der Leichnam in der Rechtsmedizin untersucht. Sie waren bei dieser Obduktion dabei. Warum genau? Bei der Obduktion ist neben der Staatsanwaltschaft auch die Kriminaltechnik und natürlich auch der zuständige Ermittler immer anwesend. Hat sich denn der Verdacht nach der Obduktion auf sexuelle Handlungen bestätigt? Bei der Obduktion haben sich keine eindeutigen Spuren ergeben, dass eine Sexualhandlung zuvor stattgefunden hatte. Haben Sie denn geglaubt, der Mann hat sich freiwillig ausgezogen? Davon sind wir ausgegangen, weil wir haben keine Spuren von Gewalteinwirkung entdeckt. Natürlich gibt es da auch Hypothesen, dass wir gedacht haben, er ist bedroht worden mit der Schusswaffe, deswegen hat er sich ausgezogen. Oder er hat sich halt freiwillig ausgezogen. Dass zuerst geschossen wurde, davon sind wir nicht ausgegangen. Konnte denn damals DNA gesichert werden? Nein, die damalige Technik, wir sprechen ja vom Jahr 2010, war noch nicht so weit fortgeschritten gewesen, dass in diesem großen Umfeld DNA detektiert werden konnte. Wir haben natürlich weitergesucht im Rahmen der damaligen Möglichkeiten. Aber leider wurde nichts gefunden. Die Vermutung, dass das Opfer erschossen wurde, hat sich dann auch schnell bestätigt, nicht wahr? Ja, bei der Obduktion wurde ein kleingeschossiges Kaliber gefunden, was noch in seinem Schädel steckte. Der Schuss wurde mutmaßlich aus kurzer Distanz von hinten rechts in den Kopf abgegeben. Der Todeszeitpunkt war am 2. Juli 2010 zwischen 12 und 13 Uhr gewesen.

Also kurz bevor er aufgefunden wurde. Konnten Sie denn den Tathergang irgendwie rekonstruieren und warum war der Mann überhaupt nackt? Das Opfer stand und dann kam der Schuss. Wir gehen davon aus, dass er gar nicht den Schuss erwartet hatte, sondern eine ganz andere Handlung. Also er war vermutlich nackt gewesen, weil er Streicheleinheiten oder Ähnliches erwartet hatte. Er stand mit dem Rücken zum Täter und unverurft kam der Schuss. Die Rechtsmediziner konnten ein Projektil von 7 mm Durchmesser sichern. Ich nehme an, das ging dann erstmal in die ballistische Untersuchung, oder? Genau. Bis aber das Ergebnis da war, hat es noch ein bisschen gedauert. Sie haben ja dann zunächst die Soko Steingrund gegründet, angelehnt an den Namen des Parkplatzes. Das war am 3. Juli, also am Tag nach der Tat. Wie viele waren da beteiligt? Die Soko Steingrund bestand aus 20 Beamtinnen und Beamten und wurde im Laufe der weiteren Ermittlungen auf bis zu 30 Personen aufgestockt.

Mittlerweile hatten sie durch die Halteabfragen auch den Namen des Toten. Wir nennen ihn jetzt mal Heinrich Ellwang, ein 70-jähriger ehemaliger Lkw-Fahrer, der seit neun Jahren in Rente war. Sie haben dann Kontakt mit den Angehörigen aufgenommen, auch um diesen die Todesnachricht zu überbringen. Dazu kann ich vielleicht gleich schon sagen, vermisst hatte ihn bis zu diesem Zeitpunkt offiziell niemand, nicht? Ja, das Opfer war verheiratet bzw. Verwitwet gewesen und er lebte allein in seinem Haus. Er hat eine erwachsene Tochter und natürlich wurde dann die Tochter über den Tod des Vaters von den Kollegen informiert. Wann hat die Tochter ihren Vater denn zuletzt gesehen? Der Vater war am Vormittag des Todestages noch bei ihr gewesen, um sein Fahrzeug abzuholen. Grund war gewesen, die Tochter hatte am Vorabend Geburtstag gefeiert und aufgrund Alkoholkonsums hatte er vernünftigerweise das Fahrzeug stehen gelassen. Wo er dann hin wollte, das wusste sie nicht.

Oberste Priorität war es nun, den restlichen Tagesablauf von Heinrich Ellwang zu klären. Deshalb haben sie ja dann auch nach weiteren Zeugen gesucht, auch nach dem verschwundenen Mann, der den Toten in dem Waldstück ursprünglich gefunden hatte, nicht wahr? Ja, von dem Mann fehlte jede Spur. Wir haben natürlich alles unternommen, um auch weitere Zeugen zu finden. Aus Präventionsgründen hatten wir auf dem Parkplatz Steingrund die Besucherinnen und Besucher angesprochen und Flugzettel verteilt, um auf die Tat aufmerksam zu machen. Aber leider ist die Hoffnung zerschlagen worden, den betroffenen Zeugen auswendig zu machen. Natürlich wollten wir auch noch Zeugen finden, die besondere Beobachtungen am 2. Juli 2010 zwischen 10.30 Uhr und 14.30 Uhr gemacht hatten. Also, was sich rund um den Tatort abgespielt hat, dazu brauchten sie ganz dringend noch Informationen von möglichen Zeugen. Zeitgleich haben sie auch Angehörige befragt, um noch mehr über das Opfer herauszufinden. Hören wir mal, welches Bild sie da bekommen haben.

Heinrich Ellwang war finanziell abgesichert und Eigentümer eines gepflegten Einfamilienhauses. Er soll ein fürsorglicher, geselliger und herzlicher Mensch gewesen sein. 38 Jahre lang war er verheiratet. Seine Frau war zum Schluss schwer krank und die letzten Jahre bettlägerig. Heinrich Ellwang liebte seine Frau sehr und pflegte sie aufopferungsvoll bis zu ihrem Tod im Jahr 2006. Nach Aussage der Tochter sei die Pflege der Mutter über lange Zeit der einzige wirkliche Lebensinhalt ihres Vaters gewesen. Nach deren Tod sei er für Jahre in ein tiefes Loch gefallen. Tatsächlich war es erst die Bekanntschaft mit einem anderen Mann, den wir hier Jochen nennen, die ihn wieder aus dem seelischen Tief herausholte. Laut der Tochter bewunderte ihr Vater diesen Jochen sehr.

Herr Gabriel, bei all dem, was wir gerade gehört haben. Es kam bei Ihren Ermittlungen aber auch etwas heraus, das Heinrich Ellwang in seinem Umfeld über viele Jahre geheim gehalten hatte. Ja, das Opfer war bisexuell, hatte also auch homosexuelle Neigungen. Wie haben Sie das herausgefunden? Sehr zeitnah nach der Tat, im Rahmen von Zeugenvernehmungen, also weiteren Ermittlungen. Sie haben dann später ja auch mit der Tochter über dieses Thema gesprochen, oder? Ja, das haben wir. Seitens der Sonderkommission war natürlich ein sehr sensibler Umgang mit der Tochter notwendig, weil wir wussten ja gar nicht, ob sie bereits über die Neigung des Vaters Bescheid wusste. Wir wollten ja auch vermeiden, dass da ein doppelter Schock, erst der Tod und dann die sexuelle Neigung bekannt werden. Es stellte sich aber heraus, dass die Tochter bereits Bescheid wusste, weil der Vater hatte sich wenige Monate vor seinem gewaltsamen Tod ihr offenbart. Das Opfer hatte sich wohl sehr vor der Reaktion der Tochter gefürchtet. Aber sie hat die Neuigkeit gelassen aufgenommen, was bei ihm damalig für eine große Erleichterung gesorgt hatte. Wie er seine Sexualität konkret ausgelebt hatte, das wusste die Tochter nicht, das wollte sie auch nicht wissen. Mit dem Jochen war er sexuell aktiv gewesen, jedoch stand die sexuelle Komponente im Hintergrund und die Beziehung im Vordergrund, um sich mit ihm auszutauschen. Man kann durchaus sagen, dass er schwärmerische Gefühle für den Jochen hatte.

Der Jochen war auch sehr hilfsbereit gewesen und hatte ihm auch in anderen Bereichen, Lebensbereichen, wie zum Beispiel Umgang im Internet, geholfen. Auch hat Jochen ihm immer wieder gewarnt vor sexuellen Kontakten, insbesondere ihn vor ansteckenden Krankheiten gewarnt. Jochen wurde also ein wichtiger Zeuge. Dank ihm und seinem Lebenspartner Günther konnten sie den restlichen Tagesablauf des Toten rekonstruieren.

Sie haben ja bereits kurz nach der Tat mit den beiden gesprochen. Was haben Sie ausgesagt? Sie hatten angegeben, dass sie das Opfer auf dem besagten Parkplatz kurz nach halb zwölf getroffen hatten.

Ihnen war das unverwechselbare Fahrzeug, ich hatte es eingangs erwähnt, mit den Flacken sofort erkannt. Man verständigte sich per Handzeichen und fuhr gemeinsam zu dem nahegelegenen Parkplatz Steingrund. Den Parkplatz kannten alle drei. Man hatte sich dann dort kurz ausgetauscht, gesprochen nach deren Angaben und ist dann von dann gezogen. Damit erhält jetzt auch der Parkplatz Steingrund für uns eine ganz neue Bedeutung. Er ist nämlich ein Treffpunkt für Homosexuelle, die sich dort zum Sex verabreden. Aber zu Beginn der Ermittlungen wussten sie das noch gar nicht, oder? Nein, aber im Rahmen der Ermittlungen haben die Internetrecherchen das schnell ergeben, was den Parkplatz Steingrutt angeht, dass sich dort auch immer wieder Männer mit homosexuellen Neigungen treffen. Und auch Heinrich Ellwang war dort eben gelegentlich, um Gleichgesinnte zu treffen, oder? Ja, kaum jemand aus seinem persönlichen Umfeld wusste von seiner Bisexualität und von dem Parkplatztreffen. Aufgrund von Zeugenaussagen haben wir aber dann herausgefunden, dass er bereits vor der Ehe homosexuelle Neigungen hatte. Von wem und wann haben Sie das dann erfahren? Auch das haben wir durch Zeugen relativ zeitnah nach der Tat erfahren.

Seine homosexuellen Neigungen hat er viele Jahre intensiv, vor allem auf bekannten Autobahnparkletzen für anonymen Sex, ausgelebt. Es könnte aber auch sein, dass er schon durch seine frühere Tätigkeit als Lkw-Fahrer damit in Beruung gekommen war, was aber eine Mutmaßung ist. Also das heißt, dieser Parkplatz als Treffpunkt für homosexuelle Männer, auf dem Heinrich Ellwang erschossen wurde, war jetzt der Dreh- und Angelpunkt Ihrer Ermittlungen. Deshalb haben Sie sich ja auch Unterstützung ins Team geholt. In welcher Form und warum? Wir haben schon seit mehreren Jahren bei der hessischen Polizei Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Und ein Kollege war ein Teil der Sonderkommission und den haben wir uns ins Boot geholt. Auf was hat der Sie denn dann gebracht? Auf was hat er Sie hingewiesen? Er hat uns auf Internetforen, Homepages darauf hingewiesen, dass dort sich für den sogenannten Sex auf Parkplätzen verabredet wird.

Und dementsprechend hatten wir dort auch Ermittlungsansätze. Und wir sind auch davon ausgegangen, dass genau in diesem Umfeld der Täter die Täterin zu suchen sind. Wir haben dann auch noch beim Christopher Street Day in Frankfurt an einem Aktionsstand mit teilgenommen mit dem Kollegen. Und die Kollegenschaft hat uns da in dem Bereich sehr unterstützt. Ob Heinrich Ellwang sich allerdings mit jemandem Bestimmten treffen wollte, das wussten sie natürlich nicht. Er konnte auch einfach unverabredet auf Gut Glück dorthin gefahren sein, um zu schauen, auf wen er da möglicherweise treffen würde. Für dieses Vorgehen gibt es in dem Zusammenhang einen Namen, nämlich Cruising. Was genau die Bedeutung von Cruising ist, hat uns Anne von Knoblauch erklärt. Sie und ihr Kollege sind von der Zentralstelle für Prävention für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-, Intergeschlechtliche und queere Menschen.

Eine Abteilung der Polizei Berlin. Zusammen sind sie die Ansprechpartner LSBTIQ der Polizei Berlin. Ja, also ursprünglich Cruisen bedeutet umherziehen, umherfahren in dem Fall natürlich nicht, aber eben durch die Gegend schleichen und zu schauen.

Finde ich irgendjemanden, ist da irgendjemanden, mit dem ich in Kontakt treten kann. Und dafür gibt es öffentliche Parks, öffentliche Parkplätze und in diesen Gebieten befinden sich auch zumeist Cruising-Gebiete. Also das heißt, dass sich dort homosexuelle Männer treffen und dort sich kennenlernen und dann vermutlich auch einvernehmlichen Sex haben im Verborgenen. Anne von Knoblauch hat uns außerdem erklärt, warum dafür vor allem öffentliche Treffpunkte wie Parkplätze oder Parks aufgesucht werden. Ja, eigentlich sind Cruising-Gebiete aus der Historie heraus entstanden. Das heißt, es gab ja in Deutschland den Paragraf 175, das bedeutet männliche Homosexualität stand unter Strafe. Und das war noch bis in die 90er tatsächlich so. Und dann hat man sich halt anonym draußen irgendwo in öffentlichen Parks, in irgendwelchen Parkplätzen getroffen, um da eben andere Männer kennenzulernen, weil Homosexualität eben in der Gesellschaft nicht gut angesehen war. Und dann war es ja nicht unbedingt vorteilhaft, wenn sich zwei Männer ein Hotelzimmer gebucht haben oder der eine Mann den anderen mit nach Hause genommen hat, obwohl er möglicherweise verheiratet war und vielleicht auch Kinder zu Hause hat. Aber vorbei ist es mit den Hemmungen und Ängsten in diesem Zusammenhang wohl immer noch nicht. In gewissen Bereichen trauen sich Männer auch heute noch nicht, öffentlich zu ihrer Sexualität zu stehen. D.h. sie führen ein Doppelleben.

Also haben Frau, Kinder zu Hause oder eine tolle Stellung im Beruf, wo es sich nicht anbietet, zu sagen, ich bin schwul. Weil leider ist es auch in gewissen Bereichen heute noch so, dass Homosexualität nicht unbedingt als Stärke empfunden wird, sondern dass Männer eben schwach wirken, wenn sie schwul sind.

Es ist keine schöne Vorstellung, ein Leben im Verborgenen führen zu müssen, seine sexuelle Identität verstecken zu müssen und Bedürfnisse nur heimlich an bestimmten Orten, den sogenannten Cruising Areas, ausleben zu können. Und dazu kommt, dass Cruisen auch gefährlich sein kann. Es kann immer passieren, dass Personen mit schlechten Absichten diese Orte ausnutzen, um jemanden zum Beispiel auszurauben. Das kann tatsächlich überall und immer passieren. Und dieser Gefahr muss man sich auch beim Cruisen, aber auch bei Online-Dates immer bewusst sein. Und daher appellieren wir auch immer, wenn ihr euch in solche Gebiete begebt oder wenn ihr euch online mit irgendjemand verabredet, sagt zumindest dem besten Freund und Kumpel Bescheid, wo ihr euch aufhaltet, damit hier möglicherweise auch Hilfe nicht ganz so weit weg ist. Das ergibt Sinn. Übrigens, Anne von Knoblauch und ihr Kollege sind nicht nur für Polizeibeamtinnen und Beamte zuständig. Sie sind vielmehr auch Ansprechpartner für alle, die dieses Thema betrifft. Auch rund um die Sicherheit und die Prävention von Straftaten.

Kehren wir zurück zu unserem Fall, dem 70-jährigen Heinrich Ellwang, einem zugewandten Familienvater und Witwer, der ein Doppelleben führte. Er war vor seinem Tod auf einschlägigen Parkplätzen, um dort seine Neigungen ausleben zu können. Herr Gabriel, Sie gingen ja davon aus, dass der Täter vielleicht auch aus dieser Szene kam, beziehungsweise sich gezielt jemanden aus dieser Szene als Opfer ausgesucht hatte. Ist das wahr? Ja, das war ein Ansatz. Das Opfer war immerhin nackt gewesen. Denkbar war als Motiv Hass auf Homosexuelle oder auch ein Streit über die Uneinigkeiten bezüglich des Treffens.

Aber die Polizei ermittelt ja immer in alle Richtungen. Zuletzt wurde Heinrich Ellwang auf dem Parkplatz von seinen Freunden Jochen und Günther gesehen. Die haben ja ausgesagt, sich mit ihm auf dem Parkplatz ausgetauscht zu haben, bevor sie weitergefahren sind. Kurz darauf wurde Heinrich Ellwang ermordet. Aber die beiden Männer gerieten dann auch unter Verdacht. Weshalb? Ja, sie hätten Zeit gehabt, das Opfer zu ermorden. Die Auswertungen von Telefondaten bestätigten die Anwesenheit der beiden Personen auf dem Parkplatz. Zumindest konnte durch das Treffen und auch das Sehen der drei auf dem Parkplatz der Todeszeitraum eingegrenzt werden. Also sie hatten theoretisch auch Zeit gehabt, die Tat auszuführen. Die beiden waren angeblich auf einer Durchreise, auf eine Urlaubsfahrt gegen Süden. Deswegen sahen wir und die Staatsanwaltschaft die Fluchtgefahr. Ja, und der Richter ist dann ihren Bedenken ja auch gefolgt und hat für die beiden erst mal U-Haft veranlasst, relativ kurz nach der Tat am 3. Juni. Aber dann gab es eine überraschende Wende. Am 14. Juli erfolgte eine erste Information aus der Ballistik. Herr Gabriel, was kam dabei heraus? Dass das Projektil zu einer Handfeuerwaffe Typ Hemmerly gehörte. Ein mittleres Kaliber, was insbesondere von Sportschützen genutzt wird.

Anzumerken ist, dass dieses Kaliber seit 15 Jahren gar nicht mehr hergestellt wurde. Aber genau mit diesem Kaliber, mit derselben Schusswaffe, wurde zwei Monate zuvor ein Mann in Baden-Württemberg ermordet. Wie genau haben Sie davon erfahren? Wir haben das von der untersuchenden Behörde erfahren. Diese hatte uns mitgeteilt, dass mutmaßlich mit derselben Schusswaffe, aus demselben Lauf, ein Mann in Hölzertal ermordet wurde. Also, dass die beiden Tatgeschosse aus demselben Lauf verschossen wurden. Ich nehme an, Sie haben sich dann mit den Kolleginnen und Kollegen in Baden-Württemberg gleich in Verbindung gesetzt, oder? Ja, es gab bereits am 5. Juli 2010 aufgrund des innerpolizeilichen Informationsaustausches erste Kontakte. Als dann die Information kam, dass mutmaßlich mit derselben Schusswaffe die beiden Opfer erschossen wurden, haben wir uns natürlich intensiver ausgetauscht und regelmäßig getroffen. Auch das Opfer in Hölzertal wurde mit einem Kopfschuss getötet. Das gleiche Projektil, Sportpistole Kaliber 32. Also Sie gingen jetzt davon aus, dass der Täter schon vorher gemordet haben muss. Sprechen wir darüber, was zwei Monate vorher passiert ist, vor dem Mord an dem 70-jährigen Heinrich Ellwang.

Es ist der 8. Mai 2010, gegen halb zwölf Uhr nachts, als auf dem Parkplatz Hölzertal in Baden-Württemberg ein toter Mann aufgefunden wird. Die Beine des Toten liegen in seinem Auto mit geöffneter Fahrertür, sein Oberkörper auf dem Asphalt. Der Mann ist teilweise unbekleidet und wurde durch einen Kopfschuss getötet. Auf der Fahrerseite finden die Ermittler einen getragenen, umgestülpten Einweghandschuh, an dem sich Blut befindet. Neben dem Auto stellen sie einen Zigarettenstummel sicher. Der spielt im Laufe der Ermittlungen noch eine entscheidende Rolle. Über das Kennzeichen des Fahrzeugs gelingt schnell die Identifizierung des Toten. Es ist der 30-jährige Uwe Selbig aus Magstadt. Auch seinen Namen haben wir aus rechtlichen Gründen geändert. Er war mit dem Auto seines Bruders unterwegs, als er auf dem Parkplatz Hölzertal ermordet wurde. Dieser Parkplatz.

Als Treffpunkt für Homosexuelle. Nicht nur, dass der Mann auf ähnliche Art und Weise wie später der 70-jährige Heinrich Ellwang getötet wurde. Auch er hat seine homosexuellen Neigungen bis zuletzt weitgehend vor seinen Angehörigen verheimlicht. Er lebte getrennt von seiner Lebenspartnerin, mit der er eine gemeinsame Tochter hatte. Uwe Selbig war Soldat, aber nach traumatischen Erlebnissen im Kosovo und Afghanistan seit 2008 freigestellt. Freunde und seine ehemalige Lebenspartnerin beschreiben Uwe Selbig als einen ruhigen, in sich gekehrten Mann. Niemand weiß von seiner Bisexualität. Im Internet suchte auch Uwe Selbig nach homosexuellen Kontakten. Er selbst gab auf den entsprechenden Webseiten an, bisexuell zu sein. Ob er sich mit seinem Mörder im Vorfeld verabredet hatte oder ob es eine Beziehungstat war, ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar. An dem Zigarettenstummel und dem Einweghandschuh wird identische fremde DNA gefunden. Aber ein DNA-Abgleich in der Datenbank ergibt zunächst keinen Treffer. Schnell gerät ein 33-Jähriger aus Sindelfingen in den Fokus der Ermittlerinnen und Ermittler. Der war bereits in der Tatnacht im Zuge einer Großfahndung kontrolliert worden.

Sein Fahrzeug? Eine dunkle Limousine mit auffällig dunklen Seitenscheiben. Zeugen hatten so ein Fahrzeug in der Nähe des Parkplatzes gesehen. Die Polizei vernimmt den jungen Mann. Er bestreitet die Tat vehement. Die Tatwaffe wird bei ihm nicht gefunden, aber er verstrickt sich bei seiner Aussage in Widersprüche und streitet ab, überhaupt im fraglichen Zeitraum auf dem Parkplatz oder in der Nähe gewesen zu sein. Später zieht er diese Aussage wieder zurück. Er kommt zunächst in Untersuchungshaft.

Dass beide Opfer mit derselben Waffe und der gleichen, seltenen Munition getötet wurden, spricht für ein und denselben Täter. Insgesamt sitzen jetzt aber drei Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Der Mann aus Sindelfingen mit der dunklen Limousine und die beiden Freunde von Heinrich Ellwang, Jochen und Günther. Wurden die daraufhin freigelassen? Ja, denn für den ersten Mord im Mai hatten sie ein eindeutiges Alibi. Sie waren an dem Tag mit Freunden zusammen und konnten deshalb nicht in Hölzertal gewesen sein. Deshalb konnten sie den ersten Mord nicht begehen. Aber wir sind davon ausgegangen, die Soke Hölzertal und Soke Steinkrund, dass der erste und der zweite Mord von einem und demselben Täter begangen wurde. Aber auch der Mann aus Sindelfingen wird freigelassen. Denn als der zweite Mord an Heinrich Ellwang geschah, saß er bereits in Untersuchungshaft und hat somit ein wasserdichtes Alibi. Es ist nun Mitte Juli 2010. Zweieinhalb Monate nach dem ersten Mord an Uwe Selbig sind alle drei Untersuchungshäftlinge wieder frei und können vom Verdacht, die Morde begangen zu haben, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Die Morde sind in der Mitte der Morde, Die beiden Sonderkommissionen Hölzertal in Böblingen und Steingrund in Rüsselsheim stehen ermittlungstechnisch wieder am Anfang. Fast zumindest. Fassen wir zusammen. Es gibt zwei Morde, die einige Parallelen aufweisen. Sie fanden auf Parkplätzen statt, die als Cruising-Hotspots für homosexuelle Männer bekannt sind. Eine dunkle Limousine könnte das Fahrzeug des Täters gewesen sein, aber einen konkreten Hinweis darauf gibt es nicht.

Ermordet wurden zwei Männer mit der gleichen Munition aus derselben Schusswaffe. Die Munition ist zum Tatzeitpunkt sehr selten, da sie seit 15 Jahren nicht mehr hergestellt wurde. Am Tatort im Hölzertal wird identische unbekannte männliche DNA an einem Zigarettenstummel und einem Einweghandschuh gesichert. Herr Gabriel, die Tatorte liegen etwa 185 Kilometer voneinander entfernt. Was bedeutet das jetzt alles? Wir haben uns natürlich darüber Gedanken gemacht und sind davon ausgegangen, dass es sich bei dem Täter um einen reisenden Täter handeln könnte. Zum Beispiel ein Lkw-Fahrer, ein Monteur oder ein Handelsvertreter. Welches weitere Vorgehen hatten Sie mit den Kolleginnen und Kollegen von der Soko Hölzertal nun geplant? Wir haben uns natürlich auch noch weiterhin fokussiert auf den Zeugen, der gerufen hatte kaputt, kaputt. Und parallel dazu liefen weitere Ermittlungen. Unter anderem auch ein Aufruf in Aktenzeichen XY ungelöst. Sie waren dann damals im Oktober 2010 bei uns zu Gast in der Sendung. Hier ein Ausschnitt zum Fahndungsaufruf nach diesem wichtigen Zeugen.

In diesem Zusammenhang sucht die Polizei nach einem Zeugen, und das ist jetzt ganz wichtig. Ein Zeuge, der sich auf dem Parkplatz aufgehalten hat, als die Leiche gefunden wurde. Der Mann ist zwischen 50 und 60 Jahre alt, 1,75 groß und schlank, dunkle Augen, weißes T-Shirt, beigefarbene Jeans, helle Sandalen. Er sprach Deutsch mit ausländischem Akzent und er war mit einem grauen Trekking-Fahrrad unterwegs.

Ja, und hat sich der Zeuge bei der Polizei gemeldet? Nein, leider hatte sich nichts ergeben. Aber neben der Suche nach Zeugen war es uns auch wichtig gewesen, die Öffentlichkeit darauf hinzuweisen und eine Warnung in die Zähne auszusprechen, um letztendlich Prävention zu betreiben. Schließlich war der Mörder ja immer noch auf freiem Fuß und konnte jederzeit erneut zuschlagen. Aber dann, Ende November 2010, erfahren die beiden Sokos von einem weiteren Verbrechen, wodurch die Ermittlungsarbeit ganz neu in Bewegung gerät. Zunächst ist nicht offensichtlich, dass dieses Verbrechen etwas mit den anderen beiden Fällen zu tun haben könnte, da es völlig anders gelagert ist. Aber beginnen wir von vorne. Es ist der 6. Juni 2010, nach dem Mord an Uwe Selbig und noch vor dem Mord an Heinrich Ellwang. Da macht ein 62-jähriger Belgier, wir nennen ihn Jean-Pierre Duval, einen Ausflug nach Freudenstadt in Baden-Württemberg. Er parkt mit seinem Geländewagen am Marktplatz, als plötzlich ein unbekannter Mann zu ihm ins Auto steigt. Der bedroht ihn mit einem Messer und will, dass er losfährt. Der Belgier wehrt sich heftig. Für ihn sei es, so sagt er später aus, um alles oder nichts gegangen. Für Angst wäre keine Zeit geblieben. Es kommt zu einem heftigen Kampf. Dabei wird Jean-Pierre Duval mit dem Messer verletzt. Während er mit dem Unbekannten ringt, gelingt es dem 62-Jährigen immer wieder die Hupe zu betätigen.

Durch den Lärm werden einige Zeugen auf die Männer aufmerksam. Schließlich schafft es Duval, dem Angreifer das Messer zu entwinden und aus dem Auto zu fliehen. Dabei ruft er laut um Hilfe. Sofort kümmern sich herbeigeeilte Zeugen um den verletzten Mann und leisten erste Hilfe. Der Belgier hat etliche Schnittwunden an beiden Händen, währenddessen steigt der Täter aus dem Auto. Dabei wird er von einem Ehepaar beobachtet, dem er noch ein verlegen verschmitztes Lächeln zuwirft und sich dann eiligen Schrittes vom Marktplatz entfernt. Einer der Zeugen erkennt den Mann sofort wieder. Er hatte ihn zuvor auf einem Mäuerchen in der Nähe des Geländewagens sitzen und eine Zigarette rauchen gesehen. Zunächst nimmt ein anderer Zeuge die Verfolgung des Angreifers zu Fuß auf. Doch ohne Erfolg, der Mann kann unerkannt entkommen. Als die Polizei am Tatort eintrifft, vernimmt sie die Zeuginnen und Zeugen und stellt die Zigarettenstummel an dem Mäuerchen und auch das Messer sicher.

Ein französisches Fabrikat. Außerdem wird ein Phantombild des Mannes mithilfe der Zeugenbeobachtungen erstellt. Die Zigarettenstummel kommen in die kriminaltechnische Untersuchung. Und tatsächlich wird hier mit der festgestellten DNA ein unerwarteter Treffer in der Datenbank erzielt. Die stimmt mit der überein, die auch am Tatort zum Mord an dem 30-jährigen Uwe Selbig gesichert wurde. Herr Gabriel, wann haben Sie von dem Treffer erfahren? Den Kollegen in Freudenstadt und in Böblingen wurde vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg am 30.11.2010 eine DNA-Übereinstimmung von Tatortspuren mitgeteilt. Die in Freudenstadt Schwarzwald-gesicherte DNA-Spur wies dieselben Merkmale auf, wie sie auch bei dem Mord am 8. Mai 2010 in Hölzertal gesichert worden waren. In Freudenstadt wurde daraufhin die Ermittlungsgruppe Marktplatz eingerichtet. Wir, die Soko Steinkrund, die Soko Hölzertal und die EG Marktplatz trafen sich am 6. Dezember 2010 zu einer ersten Arbeitsbesprechung in Böblingen. Die drei ermittelnden Dienststellen standen im ständigen Kontakt und der Informationsaustausch sowie Ermittlungsaustausch. Die Morde an dem 30-jährigen Uwe Selbig und dem 70-jährigen Heinrich Ellwang, die wurden ja mit derselben Waffe begangen. Und bei dem Überfall an dem Belgier wurde dieselbe DNA gesichert, die auch am Tatort des ermordeten Uwe Selbig gesichert wurde.

Also war jetzt klar, es handelt sich in allen drei Fällen um denselben Täter. Aber noch hatten sie seine Identität nicht. Sie wussten nicht, wer es war. Trotzdem, sie waren damit schon mal einen ziemlich großen Schritt weiter.

Wie sind Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen dann weiter vorgegangen? Wir suchten zusammen nach Überschneidungen bei allen drei Taten. Bei nochmaliger Durchsicht der Fotografien des Fluchtweges des Täters in Freudenstadt fiel uns eine dunkle Limousine mit Estinger Kennzeichen auf.

Und genau so eine Limousine wurde ja auch in Hölzertal gesichtet. Das Kennzeichen ließ sich nicht vollständig ablesen. Aber die Recherchen beim Kraftfahrtbundesamt ergaben, dass eine schwarze Limousine mit dem Kennzeichen auf einen Mann zugelassen war. Ein Vergleich von zwei beim Einwohnermeldeamt Essling hinterlegten Passbildern dieses Mannes mit dem Phantombild des Überfalls ergab eine große Ähnlichkeit mit dem Halter des Fahrzeuges. Jetzt hatten wir einen dringenden Tatverdächtigen.

Und bei diesem Verdächtigen handelt es sich um Stefan R., einen 55-jährigen frühpensionierten Postboten, der in zweiter Ehe verheiratet ist. Am 11. Dezember 2010 ist es soweit. Polizeikräfte stürmen in Esslingen die Wohnung des Mannes. Aber die Beamtinnen und Beamten finden zunächst nur die geschockte Ehefrau vor, da Stefan R. Gerade beim Einkaufen ist. Als dieser zurück nach Hause kommt, wird er verhaftet. Dabei verhält er sich auffallend ruhig und protestiert nicht. Die Polizeikräfte der Soko-Hölzertal durchsuchen sowohl die Wohnung des Verdächtigen als auch sein Fahrzeug, das er in der Tiefgarage abgestellt hat. Währenddessen sitzt der Verdächtige zeitweise weinend zusammengesunken auf einem Stuhl vor der Wohnung und reagiert kaum auf Ansprache. In der Wohnung stoßen die Beamtinnen und Beamten auf zahlreiche Waffen, Waffenzubehör und ein Messer. Es ist vom selben französischen Hersteller wie das Messer, mit dem der belgische Tourist bedroht wurde. In seinem Pkw findet die Polizei außerdem eine Pistole der Marke Hemmerly, die Tatwaffe der beiden Morde, sowie die dazugehörige seltene Munition.

Außerdem Einweghandschuhe, ein Elektroschocker, Viagra-Pillen und handschriftliche Zettel, auf denen sinngemäß Überfall, Geld her steht. Die Beamtinnen und Beamten der Soko-Hölzertal vernehmen den Tatverdächtigen. Stefan R. Habe dabei leicht genervt gewirkt und den Polizeikräften das Gefühl vermittelt, intellektuell überlegen zu sein. Als ihm zu Beginn der Vernehmung die beiden Mordvorwürfe vorgehalten werden, zeigt er sich weder überrascht noch entsetzt. Sondern er versucht sogar, die Angelegenheit ins Lächerliche zu ziehen. Die Polizei konfrontiert den Verdächtigen mit der Tatsache, dass am Tatort des ermordeten Uwe Selbig DNA von ihm gesichert wurde. Aber Stefan R. Bestreitet die Tat, verlangt nach einem Anwalt. Weitere Angaben will er nicht machen, woraufhin die Vernehmung am frühen Abend beendet wird. Seitdem schweigt Stefan R. zu den Vorwürfen.

Herr Gabriel, haben Sie den Mann persönlich kennengelernt? Nein, die Kollegen der Soko Hölzertal haben ihn vernommen. In dieser Vernehmung hat er ja Angaben zu sich selbst gemacht. Was hat er erzählt? Unter anderem gab er in der Vernehmung auch an, dass er HIV-positiv sei. Gegenüber der Polizei hatte er angegeben, dass er in den 80er Jahren mit seiner damaligen Frau in Kenia im Urlaub war. Bei diversen sexuellen Kontakten hatte er sich mit HIV angesteckt. Wie es wirklich zu der Ansteckung kam, ob eventuell sogar durch einen homosexuellen Kontakt, konnte nie festgestellt werden. Fest steht jedoch nach den Aussagen des behandelnden Hausarztes, dass Stefan R.'s HIV-Ansteckung nicht in den 80er Jahren, sondern Mitte, Ende der 90er Jahre passierte. Wer ist dieser Mann, der scheinbar willkürlich Menschen tötet und angreift? Auch er scheint ein Doppelleben geführt zu haben.

Stefan R., der vermeintlich so liebevolle, gutbürgerliche Postbeamte, war zweimal verheiratet. Seine letzte Ehe war circa 23 Jahre zuvor geschlossen worden. Erst als er verhaftet wird, erfährt seine Frau Sibylle, dass er zwei Menschen getötet und einen weiteren angegriffen hat. Seine Frau beschreibt ihren Mann später in einem von ihr veröffentlichten Buch als eine sehr ruhige und zurückhaltende Person, die nie viel geredet, sie aber auf Händen getragen habe. Sie habe sich sehr geliebt gefühlt und sie hätten viel Zeit zusammen verbracht. Jedoch sei er auch sehr eifersüchtig und manchmal jezornig gewesen, was ihr dann Angst gemacht habe. Ihr Mann habe sie immer für sich haben wollen und habe es nicht gerne gesehen, wenn sie Kontakt zu ihren Kindern aus ihrer vorangegangenen Beziehung oder zu ihrer Familie hatte.

Aus Liebe zu ihm habe sie sich von ihrer Familie distanziert. In dem Buch erfährt der Leser auch, dass die beiden wohl seit circa acht Jahren keinen Geschlechtsverkehr mehr hatten, da er keinen Sex mehr bräuchte, was seine Ehefrau akzeptiert habe. Sie wusste auch von seiner HIV-Infektion. Richtig gestritten hätten sie in ihrer Ehe nie. Ab und an gab es wohl kleinere Auseinandersetzungen. Da habe ihr Mann zugemacht und meistens damit gedroht, sie zu verlassen, woraufhin sie nachgegeben habe. Sie glaubt, es sei vielleicht auch ein Fehler gewesen, dass sie nie genau habe wissen wollen, was wirklich los war. So wusste sie auch nicht, dass ihr Mann mehrere sexuelle Kontakte zu anderen Frauen unterhalten hatte. Aber während der Ermittlungen gegen ihn werden auch E-Mails von homosexuellen Chatpartnern gefunden. Im Internet hatte sich Stefan R. unter einem Frauennamen angeboten.

Herr Gabriel, hatte er sich denn auch jemals mit Homosexuellen getroffen? Es konnte nicht nachgewiesen werden, ob er homosexuell war, weil er nie Angaben gemacht hatte. Aber er suchte häufig schwulen Pornokinos und entsprechende homosexuellen Lokale auf. Haben Sie denn eine Theorie über das Motiv? Das ist jetzt spekulativ. Vielleicht war es eine Art Mordlust, die in ihm steckt, weil er den Trieb dazu hat, Menschen zu verletzen, zu töten. Vielleicht auch, weil er seine eigene Homosexualität sich nicht eingestehen konnte. Dass er eine große Wut auf HIV-Infizierte hatte, weil er sich letztendlich infizierte und sich jetzt mit dieser Tat oder mit diesen Taten rächen wollte. Stefan R. tötet zweimal mit einer Waffe und geht gezielt auf Homosexuelle los. Und dann greift er einen ihm unbekannten Mann mit einem Messer an. Wie passt das alles zusammen? Also ich habe keine Ahnung, aber ich glaube, ich gehe davon aus, er hätte weiter getötet. Es hätte weitere Opfer gegeben.

Was seine Beweggründe für die Morde und auch den Angriff auf den Belgier waren, das ist bis heute nicht geklärt. Auch hat sich Stefan R. nie zu seiner sexuellen Orientierung geäußert. Aber es gibt Menschen, die andere Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung hassen und massiv gegen sie vorgehen. Man spricht hier dann auch von Hasskriminalität. Und dazu hören wir jetzt nochmal Anne von Knoblauch. Auch wir kriegen ja alle Fälle der Hasskriminalität zugeliefert, wo es gegen die sexuelle Orientierung und oder geschlechtliche Identität geht. Und auch hier können wir feststellen, dass es auch ab und zu Täter sind, die eigentlich doch irgendwie möglicherweise auch in die schwule Community reingehören könnten, das aber auf gar keinen Fall zulassen wollen. Und natürlich hier, das ist dieser angesprochene Hass, so einen Hass auf sich selbst haben und so angewidert sind von dem, was einem selbst eigentlich so passiert, dass man versucht, dass eben durch diese Straftaten, durch diese Gewaltausbrüche durchzuführen. Zu verdecken.

Am 29. August 2011 beginnt am Landgericht Stuttgart der Prozess gegen Stefan R. Die Anklage lautet auf zweifachen Mord und gefährliche Körperverletzung mit versuchter Nötigung. Von Anfang an stellt sich die Frage nach dem Motiv. Handelte Stefan R. aus Rache, aus Hass gegen Homosexuelle, weil er sich vor Jahren mit HIV infiziert hatte? Oder war es besondere Niedertracht, wovon der Staatsanwalt ausgeht. In einem Nachrichtenmagazin wird er so zitiert. Stefan R. Habe aus Freude an der Vernichtung von Menschenleben gehandelt und würde mit großer Wahrscheinlichkeit aus Lust am Töten weitere Straftaten begehen. Mit Spannung erwarten alle Prozessbeteiligten, ob sich Stefan R. Im Laufe des Prozesses endlich zu seinen Motiven äußern wird. Auch seine Frau wird als Zeugin im Gerichtssaal angehört. Aber Stefan R. schweigt. Er liefert keine Antworten. Doch dass er die Taten begangen hat, steht zweifelsfrei fest, schließt die vorsitzende Richterin am Ende des Prozesses. Stefan R. sehe sich als, Zitat, Herrscher über Leben und Tod und würde jederzeit wieder morden. Darum fällt das Gericht das härteste aller möglichen Urteile, nämlich lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Nach dem Prozess lässt sich seine Ehefrau von ihm scheiden. Zurück bleiben die Angehörigen der beiden Toten, die bis heute nicht wissen, warum ihre Lieben sterben mussten. Auch der 62-jährige Belgier ist schwer traumatisiert durch den Angriff. Er fürchtet sich noch Wochen nach der Tat, in sein Auto einzusteigen. Und damit gab es auch für Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen keine Antwort auf das Warum. Warum? Herr Gabriel, grübelt man da im Nachhinein noch länger drüber oder haben Sie das mit dem Urteil abgehakt? Ich habe darüber nicht nachgegrübelt, aber natürlich haben wir uns im Nachgang die eingesetzten Kolleginnen und Kollegen immer wieder darüber unterhalten, über diesen Fall, der ja schon recht einzigartig war. Das Urteil selbst ist das Ergebnis der guten Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Polizeibehörden. Da möchte ich übrigens erwähnen, dass ein erheblicher Anteil an dem Ermittlungserfolg auch den Kolleginnen und Kollegen in Baden-Württemberg zuzuschreiben ist. Wichtig, dass Sie sowas nochmal erwähnen. Herr Gabriel, wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen, dass Sie zu uns ins Studio gekommen sind. Schön, dass Sie hier waren. Sehr gerne. Vielen Dank für die Einladung. Danke auch an Euch, wie immer, fürs Zuhören und auch an Arno Trümper, Carsten Frank und Corinna Prinz, den Autoren dieser Folge. Alle Infos findet Ihr wie immer in den Shownotes. Und ich sage bis zum nächsten Mal bei Aktenzeichen XY unvergessene Verbrechen. Und ganz wichtig, bleibt sicher.

Aktenzeichen XY unvergessene Verbrechen ist eine Produktion der Sicuritel in Kooperation mit BUM-Film im Auftrag des ZDF.

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