WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:10.000
Music.

00:00:09.986 --> 00:00:13.526
Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY. Unvergessene Verbrechen.

00:00:13.786 --> 00:00:17.866
Ich bin Rudi Zerne. Und ich bin Conny Neumeyer. Schön, dass ihr wieder zuhört.

00:00:18.626 --> 00:00:22.206
Gelten Rosen normalerweise als Symbol für Liebe und Romantik,

00:00:22.246 --> 00:00:25.786
so sind sie in unserem heutigen Fall die Kulisse für einen grausamen Mord,

00:00:25.966 --> 00:00:31.746
der sich 1996 in den Niederlanden ereignet hat, nämlich am Rande eines Rosenfeldes.

00:00:32.046 --> 00:00:34.946
Dort wurde eine junge Frau tot aufgefunden.

00:00:35.646 --> 00:00:40.266
Die niederländische Polizei hat damals alles daran gesetzt, das Verbrechen aufzuklären,

00:00:40.346 --> 00:00:41.586
allerdings vergeblich.

00:00:41.786 --> 00:00:46.226
Der Fall wurde also zum Cold Case, bis er 2007 dann neu aufgerollt wurde.

00:00:46.786 --> 00:00:50.626
Und 2009 gab es dann endlich eine heiße Spur und die hat nach Deutschland geführt,

00:00:50.846 --> 00:00:52.026
genauer gesagt nach Köln.

00:00:52.406 --> 00:00:56.286
Und damit sind wir auch direkt bei unserem heutigen Gast, Kriminalhauptkommissar

00:00:56.286 --> 00:01:00.466
Dieter Heimann, der damals bei der Kölner Kriminalpolizei die Ermittlungen der

00:01:00.466 --> 00:01:06.426
Mordkommission Rosen leitete und auch schon für den Fall der Tote aus der Maas bei uns zu Gast war.

00:01:06.546 --> 00:01:09.366
Herr Heimann, schön, dass Sie wieder hier sind. Vielen Dank für die Einladung.

00:01:09.546 --> 00:01:11.986
Ich freue mich, dass ich hier sein darf. Wir freuen uns auch, dass Sie da sind.

00:01:12.606 --> 00:01:15.546
Herr Heimann, ereignet hat sich die Tat im Juni 1996.

00:01:16.366 --> 00:01:18.366
Sie sind allerdings erst 2009,

00:01:18.766 --> 00:01:22.686
also 13 Jahre später, in die Ermittlungen eingestiegen. Wie kam es dazu?

00:01:22.966 --> 00:01:26.526
Zum Zeitpunkt des Leichenfonds in den Niederlanden war ich zwar schon bei der

00:01:26.526 --> 00:01:29.046
Polizei Köln, allerdings noch nicht in der Mordkommission.

00:01:29.686 --> 00:01:33.626
Die Ermittlungen lagen damals erst einmal viele Jahre komplett bei der niederländischen Polizei.

00:01:34.126 --> 00:01:37.846
Und die hat die deutschen Kollegen allerdings bald um Mithilfe gebeten. Warum?

00:01:38.246 --> 00:01:42.166
Erstens, weil die Tote eben im Grenzgebiet gefunden wurde. Da ist es normal,

00:01:42.426 --> 00:01:45.186
dass angrenzende Nachbarländer in die Ermittlungen mit einbezogen werden.

00:01:45.806 --> 00:01:48.726
Und zweitens hat es aber auch damals schon erste Hinweise darauf gegeben,

00:01:49.066 --> 00:01:51.446
dass es in der Tat einen Bezug nach Deutschland haben könnte.

00:01:51.666 --> 00:01:53.346
Genau dazu kommen wir gleich auch.

00:01:53.606 --> 00:01:56.466
Über die lang ersehnte Wendung und warum der Fall vom Rosenmädchen,

00:01:56.466 --> 00:01:59.826
Rosenmädchen, so der Name, den die Ermittler und die Presse dem Opfer aufgrund

00:01:59.826 --> 00:02:04.106
der Auffindesituation am Rosenfeld gegeben haben, aus juristischen Gesichtspunkten

00:02:04.106 --> 00:02:07.566
nämlich ein ganz besonderer ist, darüber werden wir später im Detail sprechen.

00:02:08.126 --> 00:02:11.566
Jetzt gehen wir zurück in die Zeit, in der die Tat geschehen ist.

00:02:11.600 --> 00:02:18.000
Music.

00:02:17.845 --> 00:02:23.165
Am 4. Juni 1996 begeben sich zwei Gemeindearbeiter in der Nähe von Lottum in

00:02:23.165 --> 00:02:27.185
den Niederlanden auf die Suche nach illegalen Mülldeponien im Wald.

00:02:27.705 --> 00:02:33.925
Dort machen sie eine schreckliche Entdeckung. Die Leiche einer jungen Frau nahe eines Rosenfeldes.

00:02:34.245 --> 00:02:36.805
Ihre Hose und Unterhose sind heruntergelassen.

00:02:37.245 --> 00:02:40.485
Die unbekannte Frau hat zahlreiche Wunden im Kopfbereich.

00:02:40.885 --> 00:02:45.145
Überall ist Blut. Die beiden Gemeindearbeiter eilen ins Rathaus und verständigen

00:02:45.145 --> 00:02:48.945
zunächst ihre Vorgesetzte. Die Bürgermeisterin der Gemeinde Grubenforst.

00:02:49.165 --> 00:02:53.805
Die fährt direkt selbst zum Tatort, wie sie später einem niederländischen Rundfunksender berichtet.

00:02:54.605 --> 00:02:59.705
Was sie dort vorfand, würde sie, laut eigener Aussage, ihr Leben lang nicht mehr vergessen.

00:03:01.985 --> 00:03:05.945
Die hübsche junge Frau, die am Rande des beschaulichen Dörfchens getötet wurde,

00:03:06.065 --> 00:03:08.385
sei auf furchtbare Art und Weise zugerichtet gewesen.

00:03:09.405 --> 00:03:14.285
Die Bürgermeisterin informiert sofort bzw. dann endlich die örtliche Polizei,

00:03:14.525 --> 00:03:17.545
die den Tatort begutachtet und die Spurensicherung verständigt.

00:03:17.745 --> 00:03:21.905
Die anschließende Untersuchung durch die Rechtsmedizin verstärkt den Verdacht

00:03:21.905 --> 00:03:26.085
der Polizei, dass es sich um ein Sexualverbrechen handelt, da am Körper der

00:03:26.085 --> 00:03:28.185
Frau Spermaspuren nachgewiesen werden können.

00:03:28.965 --> 00:03:33.945
Doch die Suche in der landesweiten DNA-Datenbank ergibt keinen Treffer.

00:03:34.725 --> 00:03:38.985
Die Obduktion ergibt außerdem, dass das Opfer massiv misshandelt wurde,

00:03:38.985 --> 00:03:41.945
fast jeder Knochen im Gesicht der jungen Frau war gebrochen.

00:03:42.445 --> 00:03:47.905
Letztlich ist sie infolge stumpfer Gewalt gegen den Kopf und Hals an ihrem eigenen Blut erstickt.

00:03:48.145 --> 00:03:52.505
Die Rechtsmediziner schätzen das Alter der Frau auf etwa 18 bis 25 Jahre.

00:03:52.805 --> 00:03:55.645
Außerdem sei sie vermutlich osteuropäischer Herkunft.

00:03:56.745 --> 00:04:01.045
Mehrere ältere Narben an ihrer Stirn, ihrer Hüfte und ihrem linken Unterschenkel

00:04:01.045 --> 00:04:03.865
deuten auf einen schweren Unfall in den vergangenen Jahren hin,

00:04:04.085 --> 00:04:06.345
bei dem wohl auch beide Beine gebrochen wurden.

00:04:06.565 --> 00:04:10.105
Wichtige Hinweise für die Ermittler, denn die stehen vor einem großen Problem.

00:04:10.445 --> 00:04:12.365
Wer ist die unbekannte Tote?

00:04:13.785 --> 00:04:18.065
Am Tatort wird kein Hinweis auf ihre Identität gefunden und es liegt in den

00:04:18.065 --> 00:04:21.725
Niederlanden keine Vermisstenanzeige vor, die auf das Opfer passen könnte.

00:04:22.245 --> 00:04:25.305
Die junge Frau wird schließlich namenlos beerdigt.

00:04:26.145 --> 00:04:30.365
Um ihr Grab kümmern sich die Bewohnerinnen und Bewohner der kleinen niederländischen

00:04:30.365 --> 00:04:32.105
Ortschaft Lottum liebevoll.

00:04:36.565 --> 00:04:40.265
Herr Heimann, auch wenn Sie damals noch nicht Teil des Ermittlungsteams waren,

00:04:40.565 --> 00:04:44.085
nicht zu wissen, um wen es sich beim Opfer handelt, das erschwert die Suche

00:04:44.085 --> 00:04:45.825
nach dem Täter immer immens, oder?

00:04:46.145 --> 00:04:50.165
Ja, in den meisten Fällen weiß die Polizei relativ schnell, um wen es sich bei

00:04:50.165 --> 00:04:54.085
dem Opfer handelt und kann dann die Ermittlungen im entsprechenden Umfeld dieser Person durchführen.

00:04:54.705 --> 00:04:58.945
Und in vielen Fällen ist der Täter ohnehin im näheren Umfeld des Opfers zu finden.

00:04:59.565 --> 00:05:03.105
Wissen Sie noch, wie die niederländische Polizei damals bei ihren Ermittlungen

00:05:03.105 --> 00:05:07.505
vorgegangen ist? Die Niederländer hatten damals alles daran gesetzt, die Tat aufzuklären.

00:05:08.145 --> 00:05:12.465
Vermisstenanzeigen überprüft, Öffentlichkeitsfahndungen durchgeführt und andere Ermittlungsschritte.

00:05:13.165 --> 00:05:17.785
Sie haben im Rotlichtmilieu dies und jenseits der Grenze ermittelt, jedoch ohne Spur.

00:05:17.885 --> 00:05:21.945
Und aufgrund der Grenznähe hatte man auch relativ bald die deutschen Behörden um Mithilfe gebeten.

00:05:22.165 --> 00:05:25.625
Aber auch das hat ja dann erstmal nichts ergeben, oder? Nein,

00:05:25.725 --> 00:05:28.505
denn auch in Deutschland gab es keine entsprechende Vermisstenanzeige,

00:05:28.545 --> 00:05:29.705
die zu Toten gepasst hätte.

00:05:30.005 --> 00:05:34.245
Es war im Ergebnis nicht gelungen, die Identität dieses Rosenmädchens zu ermitteln.

00:05:35.085 --> 00:05:40.145
Die holländische Kriminalpolizei hat sich dann an Aktenzeichen XY ungelöst und

00:05:40.145 --> 00:05:45.625
an das eigene Pendant, Ops-Bording verzorgt, gewandt, um jeweils mögliche Hinweise

00:05:45.625 --> 00:05:46.945
aus der Bevölkerung zu erhalten.

00:05:48.147 --> 00:05:53.967
Am 23. August 1996, fast drei Monate nach dem Fund der unbekannten Leiche,

00:05:54.587 --> 00:05:59.367
rief Aktenzeichen XY-Erfinder Eduard Zimmermann in seiner Sendung die Zuschauerinnen

00:05:59.367 --> 00:06:02.967
und Zuschauer dazu auf, bei der Identifizierung zu helfen.

00:06:03.587 --> 00:06:05.567
Wir hören an der Stelle mal rein.

00:06:09.427 --> 00:06:14.367
Bis heute weiß die Polizei nicht, wer die Frau ist. 18 bis 25 Jahre alt,

00:06:14.467 --> 00:06:17.627
ein 60 groß, schlank. dunkel gefärbtes

00:06:17.627 --> 00:06:20.847
Haar, am Hinterkopf lose zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

00:06:21.767 --> 00:06:27.947
Zur Bekleidung der Frau, sie trug diesen grauen Pullover mit bunten Muster und Holzperlen.

00:06:28.747 --> 00:06:30.807
Außerdem Jeans, möglicherweise in

00:06:30.807 --> 00:06:35.707
Deutschland gekauft, dazu einen braunen Ledergürtel mit geprägtem Muster.

00:06:36.687 --> 00:06:39.687
Der Bistenhalter könnte aus Polen stammen.

00:06:43.327 --> 00:06:47.767
Herr Heimann, gab es denn nach den Sendungen in den Niederlanden und bei uns Hinweise?

00:06:48.087 --> 00:06:52.687
Nein, leider keine Vielversprechenden und der Fall wurde somit erstmal zum sogenannten Cold Case.

00:06:57.027 --> 00:07:02.327
2007, also elf Jahre nach der Ermordung des Rosenmädchens, nimmt die niederländische

00:07:02.327 --> 00:07:07.647
Cold Case Einheit der Polizei der Ermittlungen neu auf. Dabei profitieren die

00:07:07.647 --> 00:07:10.987
Ermittlerinnen und Ermittler von den Fortschritten der Kriminaltechnik.

00:07:11.507 --> 00:07:15.387
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am niederländischen Forensischen Institut in

00:07:15.387 --> 00:07:21.267
Den Haag gleichen die gesicherten Spermaspuren mit dem neuen DNA-Datenbanksystem ab.

00:07:21.587 --> 00:07:23.507
Zunächst wieder ohne Ergebnis.

00:07:24.747 --> 00:07:30.767
Doch dann wird die DNA-Probe 2009 ans BKA in Wiesbaden weitergeleitet und erneut an.

00:07:32.817 --> 00:07:36.637
Es gibt einen Treffer. Endlich der langersehnte Hinweis.

00:07:38.597 --> 00:07:41.877
Herr Heimann, Sie waren zu diesem Zeitpunkt neu bei der Mordkommission.

00:07:42.077 --> 00:07:43.857
War Ihnen der Fall da eigentlich schon bekannt?

00:07:44.577 --> 00:07:49.857
Ich kam ein Jahr nach Auffindung der Leiche 1997 zur Kölner Mordkommission und

00:07:49.857 --> 00:07:53.077
der Fall war dort bis 2009 nicht bekannt geworden.

00:07:53.797 --> 00:07:57.557
Von wem stammte die DNA denn nun? Was konnten Sie rausfinden?

00:07:57.797 --> 00:08:02.657
DNA konnte einem damals 56-jährigen Mann aus dem Kölner Rotlichtmilieu zugeordnet werden.

00:08:03.077 --> 00:08:06.897
Er war bereits wegen Sexualdelikte, Zuhälterei und auch Verstößen gegen das

00:08:06.897 --> 00:08:12.757
Betäubungsmittelgesetz vorbestraft und deshalb auch in der DNA-Analysedatei beim BKA gespeichert.

00:08:13.237 --> 00:08:17.757
Was wussten Sie denn zu dem Zeitpunkt über den Mann, den wir hier jetzt Gerd M. nennen?

00:08:17.957 --> 00:08:23.297
Gerd M. war zu älter, allerdings war er im Kölner Rotlichtmilieu keine Größe, eher eine Randfigur.

00:08:23.557 --> 00:08:26.917
Er hat aber schon einige Frauen laufen und war auch im Kokainhandel aktiv.

00:08:27.257 --> 00:08:31.077
Also Frauen laufen bedeutet, er hatte Prostituierte, die für ihn gearbeitet

00:08:31.077 --> 00:08:33.177
haben. Ja, genau so muss man sich das vorstellen.

00:08:33.497 --> 00:08:38.837
Gerd M. ist deutscher Staatsbürger und hatte mit dem Opfer vor der Tat offensichtlich Geschlechtsverkehr.

00:08:39.477 --> 00:08:44.977
Aber ob der Sex einvernehmlich war, das konnte zunächst nicht zweifelsfrei festgestellt werden.

00:08:45.617 --> 00:08:49.177
Dass es eine Verbindung zwischen Gerd M. und der Toten gab, dagegen schon.

00:08:50.297 --> 00:08:53.417
Wie gingen Sie und Ihr Team denn dann weiter vor?

00:08:53.617 --> 00:08:57.917
Schließlich lag zu diesem Zeitpunkt die Zuständigkeit ja noch bei der niederländischen Polizei.

00:08:58.117 --> 00:09:02.157
Normalerweise laufen Ermittlungen im Ausland so, dass man für jeden Ermittlungsschritt

00:09:02.157 --> 00:09:06.657
ein justizielles Rechtshilfersuchen benötigt und das unter Zuhilfenahme der

00:09:06.657 --> 00:09:07.997
deutschen Staatsanwaltschaften.

00:09:08.197 --> 00:09:11.777
Also man müsste jede einzelne Kleinigkeit mühsam miteinander abstimmen.

00:09:12.017 --> 00:09:16.777
In unserem Fall wurde allerdings schon relativ bald eine gemeinsame Ermittlungsgruppe

00:09:16.777 --> 00:09:20.097
zwischen der deutschen und niederländischen Polizei unter Einbeziehung beider

00:09:20.097 --> 00:09:21.497
Staatsanwaltschaften eingerichtet.

00:09:22.097 --> 00:09:25.277
Was die Niederländer wussten, gaben sie an uns weiter und umgekehrt.

00:09:25.637 --> 00:09:30.457
Und so entwickelte sich eben eine gute Zusammenarbeit zwischen der niederländischen Polizei und uns.

00:09:31.297 --> 00:09:36.097
Trotzdem wurde der Fall ja letztendlich an die Kölner Staatsanwaltschaft übergeben. Warum?

00:09:36.677 --> 00:09:39.817
Als durch die Ermittlungen klar wurde, dass mutmaßlich ein Deutscher die Tat

00:09:39.817 --> 00:09:44.157
begangen hat, wurde der Fall am 6. November 2009 an Köln übergeben.

00:09:44.417 --> 00:09:48.397
Wir von der Kölner Kriminalpolizei konnten die niederländischen Kollegen davon

00:09:48.397 --> 00:09:51.417
überzeugen, dass es Sinn macht, dass die Zuständigkeit bei uns liegt.

00:09:51.920 --> 00:09:55.480
Aber wir haben weiterhin als gemeinsame Ermittlungsgruppe zusammengearbeitet.

00:09:58.980 --> 00:10:03.540
Es gibt nun also einen Tatverdächtigen. Die DNA-Spur von Gerd M.

00:10:03.760 --> 00:10:07.820
Und die heruntergelassene Hose der Toten, die nach Vergewaltigung aussah,

00:10:08.200 --> 00:10:11.180
reichten für eine Hausdurchsuchung beim Tatverdächtigen aus.

00:10:11.800 --> 00:10:15.400
Wie sind sie dann vorgegangen? Immerhin lag die Tat ja schon lange zurück.

00:10:15.880 --> 00:10:19.900
Da das Ganze ein sogenannter Cold Case war, hatten wir einen klaren Vorteil,

00:10:19.900 --> 00:10:24.240
denn wir mussten nicht wie bei üblich aktuellen Fällen alles zeitnah erledigen,

00:10:24.400 --> 00:10:28.700
sondern hatten mehr Zeit, uns in Ruhe auf diese Hausdurchsuchung vorzubereiten.

00:10:28.900 --> 00:10:31.940
Haben Sie sich denn vorher auch im Umfeld des Verdächtigen umgehört,

00:10:32.060 --> 00:10:33.460
um mehr über ihn herauszufinden?

00:10:33.620 --> 00:10:36.940
Wir konnten den Background des Tatverdächtigen jetzt nicht durch Befragen ermitteln.

00:10:37.220 --> 00:10:41.120
Erstens hätten wir ihn damit gewarnt und zweitens ist und war es im Rotlichtmilieu

00:10:41.120 --> 00:10:44.740
nicht üblich, mit der Polizei zu reden und schon gar nicht jemanden zu verpfeifen.

00:10:45.640 --> 00:10:49.460
Also haben Sie Gerd M. direkt mit dem Verdacht konfrontiert?

00:10:49.460 --> 00:10:52.780
Ja, wir hatten einen Durchsuchungsbeschluss, allerdings noch keinen Haftbefehl.

00:10:53.040 --> 00:10:54.640
Dafür hat der Verdacht noch nicht ausgereicht.

00:10:55.140 --> 00:10:56.780
Wir haben aber das Überraschungsmoment genutzt

00:10:56.780 --> 00:11:00.340
und standen mit dem Durchsuchungsbeschluss am Tag X vor seiner Tür.

00:11:00.660 --> 00:11:05.480
Und wie hat er reagiert? Wie erwartet. Er überrascht, ablehnt und wortkarg.

00:11:05.620 --> 00:11:09.580
Was haben Sie sich denn von der Durchsuchung erhofft, also so viele Jahre nach der Tat?

00:11:09.840 --> 00:11:13.600
Dass wir in seiner Wohnung etwas finden, dass irgendwie Hinweise auf die Tat

00:11:13.600 --> 00:11:16.300
und vor allem auch auf die Identität des Opfers geben könnte.

00:11:16.300 --> 00:11:18.260
Haben Sie das auch tatsächlich gefunden?

00:11:18.460 --> 00:11:20.820
Wie lebte Gerd M. denn zu dieser Zeit?

00:11:21.120 --> 00:11:24.980
Gerd M. war ein typisches Beispiel für Typen, die mal im Rotlichtmilieu aktiv

00:11:24.980 --> 00:11:27.260
waren, aber nie eine echte Größe waren.

00:11:28.000 --> 00:11:32.360
Er lebte allein und war zurückgezogen in einem Einzimmerpartner mit Kochnische

00:11:32.360 --> 00:11:35.340
in einer nicht gerade angesehenen Gegend.

00:11:35.680 --> 00:11:39.140
Und gefunden haben wir bei ihm nichts. Dennoch haben wir ihn mit seinem Einverständnis

00:11:39.140 --> 00:11:40.060
mit zur Vernehmung genommen.

00:11:40.694 --> 00:11:43.334
Ja, und wie hat sich Gerd M. dann bei dieser Vernehmung verhalten?

00:11:43.394 --> 00:11:46.874
Wie ist das alles abgelaufen? Er war wortkarg, wie nicht anders zu erwarten.

00:11:47.274 --> 00:11:49.494
Wir haben ihm dann in der Befragung die Gelegenheit gegeben,

00:11:49.514 --> 00:11:51.234
etwas zu dem Verdacht gegen ihn zu sagen.

00:11:51.554 --> 00:11:55.354
Hat er gleich zugegeben, die Tote gekannt zu haben? Nein, das hat er zunächst

00:11:55.354 --> 00:11:58.374
will im Endeffekt abgestritten und vielmehr auf einem Rechtsbeistand bestanden.

00:11:58.714 --> 00:12:02.914
Da es ja sein Sperma war, das an der Toten gefunden wurde, konnte er ja nicht

00:12:02.914 --> 00:12:04.874
behaupten, die Frau nicht gekannt zu haben.

00:12:05.514 --> 00:12:09.214
Nein, das hat er wahrscheinlich auch nach Beratung mit seinem Rechtsanwalt relativ

00:12:09.214 --> 00:12:12.734
schnell eingesehen und dann auch zugegeben, die Frau gekannt und sogar mit ihr

00:12:12.734 --> 00:12:13.774
zusammengelebt zu haben.

00:12:14.514 --> 00:12:20.334
Er sagte, sie wäre eines von seinen Mädchen gewesen, mit der er auch eine Beziehung gehabt habe.

00:12:21.014 --> 00:12:25.174
Sie sei Polin gewesen und habe als Prostituierte in Deutschland gearbeitet.

00:12:25.594 --> 00:12:26.974
Also mit anderen Worten, hatten Sie

00:12:26.974 --> 00:12:30.714
jetzt endlich den echten Namen dieses Rosenmädchens, oder? Leider nein.

00:12:31.074 --> 00:12:34.094
Er gab an, den echten Namen nicht zu kennen, sondern sie immer nur Goscher genannt

00:12:34.094 --> 00:12:38.014
zu haben. Das war damals der Spitzname, den sie auch im Milieu gehabt habe.

00:12:38.754 --> 00:12:44.074
Also die beiden haben zusammengelebt und der Mann kannte den vollständigen Namen seiner Freundin nicht.

00:12:44.594 --> 00:12:47.534
Ist das glaubwürdig? Für viele ist es das wahrscheinlich nicht,

00:12:47.634 --> 00:12:51.334
aber man muss bedenken, dass er ihr Zuhälter war und die beiden höchstwahrscheinlich

00:12:51.334 --> 00:12:54.474
nicht so als Paar zusammengelebt haben, wie wir uns das vorstellen.

00:12:55.594 --> 00:12:59.534
Also könnte es gut sein, dass er wirklich nur ihren Spitznamen oder Milieunamen kannte.

00:12:59.754 --> 00:13:03.734
Viele Prostituierte legen sich nämlich Arbeitsnamen zu. Und außerdem haben wir

00:13:03.734 --> 00:13:06.874
bei der Durchsuchung auch keine Unterlagen, Post oder ähnliches von dem Opfer

00:13:06.874 --> 00:13:08.574
gefunden, wo ein Name drauf kommt.

00:13:08.880 --> 00:13:15.760
Music.

00:13:17.325 --> 00:13:21.445
Gerd M. gab es an, dass Goscha zurück nach Polen zu ihren Eltern wollte und

00:13:21.445 --> 00:13:25.405
sie deshalb vor ihrer Abreise einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehabt hätten,

00:13:25.545 --> 00:13:26.545
zum Abschied sozusagen.

00:13:27.345 --> 00:13:30.465
Das wäre ja dann die Erklärung für seine DNA-Spur. Richtig.

00:13:31.425 --> 00:13:35.685
Zeitlich kam das hin, denn die DNA-Spuren wurden damals schon als frisch bewertet.

00:13:35.945 --> 00:13:38.905
Anschließend sei seine Freundin auch mit einem Bekannten und dessen Partnerin,

00:13:38.965 --> 00:13:41.425
die ebenfalls aus Polen stammte, dorthin gefahren.

00:13:41.585 --> 00:13:44.345
Die beiden wollten angeblich dort eh hin und hätten ihm angeboten,

00:13:44.345 --> 00:13:47.845
mitzufahren. Hat er Ihnen gesagt, wie dieser Bekannte heißt?

00:13:48.105 --> 00:13:51.685
Er wusste allerdings nur noch den ungefähren Namen und ein paar grobe Infos

00:13:51.685 --> 00:13:53.305
zu dem Mann, sagte er zumindest.

00:13:53.665 --> 00:13:56.925
Die beiden hätten seine Freundin jedenfalls mitgenommen und danach hätte er

00:13:56.925 --> 00:13:58.385
nie wieder etwas von ihr gehört.

00:13:58.925 --> 00:14:03.385
Schwer zu glauben. Die Partnerin fährt angeblich zu den Eltern nach Polen,

00:14:03.865 --> 00:14:07.245
meldet sich nie wieder und man akzeptiert das einfach so.

00:14:07.905 --> 00:14:11.825
Allerdings. Wir konnten ihnen zu dem Zeitpunkt aber nichts Gegenteiliges beweisen.

00:14:11.825 --> 00:14:14.905
Er hatte ja mit einem Kumpel und dessen Freundin jemanden ins Rennen geworfen,

00:14:15.125 --> 00:14:17.265
der mit dem Verschwinden zu tun haben könnte.

00:14:18.025 --> 00:14:20.825
Allerdings haben wir das zu dem Zeitpunkt für eine Schutzbehauptung von ihm

00:14:20.825 --> 00:14:23.285
gehalten und ihn in U-Haft genommen.

00:14:23.705 --> 00:14:27.665
Schließlich gab es nun mal den dringenden Verdacht, dass er 1996 seine Freundin

00:14:27.665 --> 00:14:29.585
vergewaltigt und ermordet haben könnte.

00:14:33.605 --> 00:14:36.865
Der Spur mit dem Kumpel ist die Polizei natürlich nachgegangen.

00:14:37.405 --> 00:14:41.845
Da Gerd M. ja zumindest einen ungefähren Namen und ein paar Infos preisgegeben

00:14:41.845 --> 00:14:45.445
hat, können die Beamtinnen und Beamten relativ schnell ermitteln,

00:14:45.705 --> 00:14:47.165
dass es sich dabei um Hans P.

00:14:47.385 --> 00:14:49.865
Handelt. Auch seinen Namen haben wir geändert.

00:14:50.750 --> 00:14:54.550
Am darauffolgenden Tag, einem Samstag, sind die Beamtinnen und Beamten zu der

00:14:54.550 --> 00:14:58.950
Adresse des Mannes gefahren, um ihn mit der Aussage von Gerd M. zu konfrontieren.

00:14:59.990 --> 00:15:03.750
Herr Heimann, Ihnen ist dieser Tag auch nach so langer Zeit noch im Gedächtnis. Warum?

00:15:04.090 --> 00:15:07.630
Ja, an diesem Tag hat die deutsche Fußballnationalmannschaft im Viertelfinale

00:15:07.630 --> 00:15:09.270
der WM gegen Argentinien gespielt.

00:15:09.650 --> 00:15:12.370
Wir sind extra morgens zu dem Zeugen gefahren, in der Hoffnung,

00:15:12.510 --> 00:15:14.410
nachmittags das Spiel noch sehen zu können.

00:15:15.130 --> 00:15:19.610
Wie lief das Aufeinandertreffen mit Hans P. denn dann ab? Wir haben an jedem Tag, am 3.

00:15:19.810 --> 00:15:24.730
Juli 2010, wieder das Überraschungsmoment genutzt, was auch gut funktioniert hat, denn Gerd M.

00:15:24.930 --> 00:15:28.610
Hatte gar keine Gelegenheit mehr, ihn vorzuwahren, da er ohnehin bereits in U-Haft war.

00:15:29.150 --> 00:15:32.650
Wir haben geklingelt und sind hoch zu seiner Einliegerwohnung gegangen.

00:15:33.290 --> 00:15:37.310
Dort stand dann Hans P., hat uns neugierig erwartet und gefragt, was ist.

00:15:37.910 --> 00:15:42.090
Wir haben ihm dann gesagt, dass wir von der Polizei kämen. Er hinterfragte sofort,

00:15:42.730 --> 00:15:45.490
worum geht's? Daraufhin haben wir ihm gesagt, um Mord.

00:15:46.330 --> 00:15:49.430
Ja, und dann ist etwas sehr Unerwartetes passiert. Erzählen Sie mal.

00:15:49.690 --> 00:15:53.550
Die Stimmung ist sehr schnell umgeschlagen. Er ist einige Schritte zurückgetorkelt,

00:15:53.810 --> 00:15:57.250
Kreide weiß geworden und wortlos mit dem Rücken an die Wand gelehnt,

00:15:57.550 --> 00:15:58.870
auf dem Boden zusammengesunken.

00:15:59.250 --> 00:16:02.170
Eine Reaktion, die vermutlich Bände spricht, nicht? Ja,

00:16:02.430 --> 00:16:05.370
er hat sich dann aufgerappelt, ist wortlos in seine Wohnung gegangen,

00:16:05.630 --> 00:16:10.110
hat den Fernseher und andere Geräte ausgemacht, die Stecker herausgezogen und

00:16:10.110 --> 00:16:13.170
sowas gesagt wie, da komme ich wohl für lange Zeit nicht wieder.

00:16:13.610 --> 00:16:15.350
Dies haben wir zunächst nicht weiter kommentiert.

00:16:16.370 --> 00:16:20.510
Ja, sowas erleben Kriminalbeamtinnen und Beamte wahrscheinlich auch nicht alle Tage, oder?

00:16:20.850 --> 00:16:23.890
Nein, das werde ich auch so nie vergessen. Ich habe ihm dann gesagt,

00:16:24.010 --> 00:16:25.170
er soll jetzt erst einmal mitkommen.

00:16:25.450 --> 00:16:28.450
Ich nehme an, seine Reaktion kam für Sie einem Geständnis gleich.

00:16:28.710 --> 00:16:32.370
Genau. Wir wollten ihn eigentlich nur als Zeugen befragen, mit der Aussage von Gerd M.

00:16:32.670 --> 00:16:35.010
Konfrontieren, um zu hören, was er dazu zu sagen hat.

00:16:35.770 --> 00:16:36.590
Letztendlich mussten wir ihn

00:16:36.590 --> 00:16:39.550
dann aber ebenfalls als Beschuldigten führen und haben ihn mitgenommen.

00:16:39.600 --> 00:16:46.640
Music.

00:16:46.483 --> 00:16:50.643
Hans P. wird also auf die Dienststelle gebracht. Dort packt er umfangreich zum

00:16:50.643 --> 00:16:52.263
angeblichen Tatgeschehen aus.

00:16:52.543 --> 00:16:57.243
Er sagt, er kenne Gerd M. aus dem Rotlichtmilieu, man sei befreundet und gemeinsam

00:16:57.243 --> 00:16:58.843
im Drogengeschäft tätig gewesen.

00:16:59.463 --> 00:17:04.243
Über seine eigene Freundin Magdalena K., die ebenfalls aus Polen stammt und

00:17:04.243 --> 00:17:07.483
der wir hier ebenfalls einen anderen Namen gegeben haben, hätte Gerd M.

00:17:07.563 --> 00:17:09.303
Das spätere Opfer kennengelernt.

00:17:09.863 --> 00:17:12.923
Daraufhin hätte sein Kumpel mit ihr eine Beziehung begonnen.

00:17:14.123 --> 00:17:17.663
Aber der jungen Polin hätte es nicht gefallen, dass ihr Freund Gerd M.

00:17:17.823 --> 00:17:21.443
Mit Kokain handelt und sie hätte das bei der Polizei anzeigen wollen.

00:17:21.683 --> 00:17:25.183
Und daraufhin hätte Gerd M. gesagt, die muss weg.

00:17:25.623 --> 00:17:30.923
Die muss weg. Diesen Satz versteht Hans P. laut eigener Aussage klar als Mordauftrag.

00:17:32.243 --> 00:17:36.263
Zumal ihm Gerd M. als Bezahlung dafür Kokain angeboten haben soll.

00:17:36.923 --> 00:17:41.523
Das Ganze sei im Beisein von Hans P.'s Lebensgefährtin Magdalena K.

00:17:41.683 --> 00:17:43.803
Geschehen, die das Gespräch mitbekommen habe.

00:17:44.803 --> 00:17:48.903
Laut der Aussage von Hans P. gaukeln die beiden dem späteren Opfer vor,

00:17:49.023 --> 00:17:52.483
nach Polen fahren zu wollen und bieten ihr an, sie dorthin mitzunehmen,

00:17:52.703 --> 00:17:54.483
damit sie ihre Familie besuchen könne.

00:17:54.643 --> 00:17:58.563
Statt nach Polen wären sie mit der arglosen Frau aber in die Niederlande gefahren.

00:17:58.883 --> 00:18:02.563
Nachdem sie dort die Grenze passiert hätten, sei Goscha misstrauisch geworden.

00:18:02.563 --> 00:18:04.243
Dennoch gelingt es Hans P.

00:18:04.383 --> 00:18:09.243
Und Magdalena K. die Zweifel der jungen Frau zu zerstreuen, so Hans P. in der Vernehmung.

00:18:10.763 --> 00:18:14.403
Magdalena K. gibt vor, kurz austreten zu müssen und so steuert Hans P.

00:18:14.483 --> 00:18:15.803
Ein verlassenes Waldstück an.

00:18:16.083 --> 00:18:20.203
Es ist mittlerweile fast Mitternacht und auch die junge Polin möchte sich erleichtern.

00:18:21.448 --> 00:18:25.668
Die perfekte Gelegenheit für Hans P. seinen grausamen Plan in die Tat umzusetzen.

00:18:25.968 --> 00:18:29.948
Er holt einen Hammer aus dem Kofferraum und schlägt damit auf den Kopf der Frau

00:18:29.948 --> 00:18:32.628
ein, die mit heruntergelassener Hose in der Hocke kauert.

00:18:34.148 --> 00:18:37.928
Anschließend lassen Hans P. und seine Freundin das Opfer dort liegen und fahren

00:18:37.928 --> 00:18:41.468
zurück nach Köln, um Gerd M. den Vollzug der Tat zu melden.

00:18:41.768 --> 00:18:45.748
Im Gegenzug hätte er dann das versprochene Kokain erhalten.

00:18:46.468 --> 00:18:48.548
So die Version von Hans P.

00:18:49.268 --> 00:18:52.768
Damit konnten schon viele Fragen zum möglichen Tatablauf geklärt werden.

00:18:53.048 --> 00:18:56.788
Aber, Herr Heimann, auch nach dieser Aussage waren Sie bei der Suche nach der

00:18:56.788 --> 00:18:58.808
Identität des Opfers keinen Schritt weiter.

00:18:59.008 --> 00:19:04.028
Nein, auch Hans P. und seine Lebensgefährte Magdalena K. kannten den echten Namen angeblich nicht.

00:19:04.448 --> 00:19:08.428
Sie hätten einfach den Auftrag von GDM ausgeführt. Wir mussten zu dem Zeitpunkt

00:19:08.428 --> 00:19:11.248
davon ausgehen, dass dieser Auftrag wirklich so erteilt wurde.

00:19:11.248 --> 00:19:15.148
Allerdings haben Sie ja bereits am ersten Tag der Vernehmung von Hans P.

00:19:15.568 --> 00:19:19.688
Einen, sagen wir mal, interessanten Einblick in dessen Charakter erhalten. Erzählen Sie mal.

00:19:20.408 --> 00:19:23.708
Während einer Zigarettenpause bei dieser ersten Vernehmung hat er uns nach dem

00:19:23.708 --> 00:19:27.228
Zwischenstand des WM-Spiels gefragt und wir haben ihm es natürlich auch mitgeteilt.

00:19:27.548 --> 00:19:30.988
Wir hatten das Gefühl, er redet sich mit seinem Geständnis die Belastung von

00:19:30.988 --> 00:19:34.328
der Seele, die sich so viele Jahre nach der Tat bei ihm aufgestaut hat.

00:19:34.968 --> 00:19:39.268
Zum Verständnis, wäre die Tat wirklich so abgelaufen, wie der Geständige es

00:19:39.268 --> 00:19:43.728
geschildert hat, wäre klar, Gerd M. war der Auftraggeber Hans P.

00:19:44.448 --> 00:19:49.168
Tatausführender und dessen Lebensgefährtin Magdalena K. so etwas wie ein Lockvogel.

00:19:49.628 --> 00:19:53.708
Denn die Polizei geht davon aus, dass das spätere Opfer mit Hans P.

00:19:53.948 --> 00:19:59.068
Gar nicht erst mitgefahren wäre, wäre da nicht noch eine Frau dabei gewesen, die sie kennt.

00:19:59.428 --> 00:20:03.008
Die Folge, Haftbefehle gegen beide. Während Hans P.

00:20:03.248 --> 00:20:06.428
Direkt nach seiner Aussage in U-Haft kam, konnte Magdalena K.

00:20:06.588 --> 00:20:07.988
Ja erst später verhaftet werden.

00:20:08.448 --> 00:20:11.468
Genau, Magdalena K. war zu dem Zeitpunkt nämlich nicht aufzufinden,

00:20:11.588 --> 00:20:13.568
weil sie öfter ihren Wohnsitz gewechselt hatte.

00:20:14.108 --> 00:20:17.128
Schließlich konnte sie festgenommen werden und hat nach ihrer Festnahme auch

00:20:17.128 --> 00:20:19.628
von Recht Gebrauch gemacht, keine Aussage zu machen.

00:20:19.760 --> 00:20:27.280
Music.

00:20:26.448 --> 00:20:30.208
Herr Heimann, Sie hatten nun also drei Personen, die irgendwie mit der Tat zu

00:20:30.208 --> 00:20:33.348
tun hatten, aber immer noch keinen Namen des Opfers.

00:20:33.748 --> 00:20:38.668
Genau, das passiert so in der Regel eigentlich nicht und war schon etwas Besonderes.

00:20:39.028 --> 00:20:42.328
Und wir haben uns dann dazu entschlossen, eine Öffentlichkeitsfahndung durchzuführen

00:20:42.328 --> 00:20:44.028
und zu fragen, wer die Frau kennenzulernen.

00:20:45.457 --> 00:20:50.177
Diesmal wendet sich also die Kölner Polizei mit dem Fall des Rosenmädchens am 4.

00:20:50.317 --> 00:20:53.457
August 2010 an Aktenzeichen XY ungelöst.

00:20:54.497 --> 00:20:59.637
Dort habe ich in der Rubrik Aktenzeichen XY Update, in der es um Fälle geht,

00:20:59.757 --> 00:21:03.097
die noch nicht ganz geklärt sind, bei denen die Kripo aber neue Erkenntnisse

00:21:03.097 --> 00:21:07.137
hat, mit Ihnen, Herr Heimann, über den damaligen Stand der Ermittlungen gesprochen.

00:21:07.757 --> 00:21:09.177
Wir hören auch hier mal rein.

00:21:12.717 --> 00:21:17.377
Einer der Festgenommenen räumt ja inzwischen sogar ein, an der Tat beteiligt gewesen zu sein.

00:21:17.737 --> 00:21:20.017
Das ist doch ein Pfund. Weswegen kommen Sie trotzdem nicht weiter?

00:21:20.217 --> 00:21:23.817
Es liegen zwar Aussagen dieser Tatverdächtigen vor, diese Aussagen führten aber

00:21:23.817 --> 00:21:27.117
bislang nicht zur Aufklärung der genauen Tatumstände und vor allen Dingen nicht

00:21:27.117 --> 00:21:28.617
zur Identifizierung der Toten.

00:21:29.077 --> 00:21:31.357
Und daher haben wir das große Problem, immer noch nicht zu wissen,

00:21:31.537 --> 00:21:35.417
wer diese tote Frau ist. Das ist das größte Problem jetzt für Sie in der Ermittlungsarbeit.

00:21:36.017 --> 00:21:38.637
Und bei diesem Punkt, liebe Zuschauer, können Sie jetzt natürlich der Kripo

00:21:38.637 --> 00:21:39.917
wieder enorm weiterhelfen.

00:21:43.077 --> 00:21:46.237
Sie haben an dieser Stelle in der Sendung ja nochmal alles aufgezählt,

00:21:46.317 --> 00:21:49.997
was über die tote Frau bekannt war und gehofft, dass ein entscheidender Hinweis

00:21:49.997 --> 00:21:53.317
aus der Bevölkerung kommt. Aber auch dieses Mal vergeblich.

00:21:53.637 --> 00:21:58.037
Währenddessen sitzen die Tatverdächtigen ja weiterhin U-Haft. Wie ging es dann weiter?

00:21:58.397 --> 00:22:02.477
Einige Wochen nach dieser Verhaftung von Hans B. hat diese über seinen Anwalt

00:22:02.477 --> 00:22:05.197
ausrichten lassen. Er wollte seine Aussage nochmal ergänzen.

00:22:05.417 --> 00:22:09.417
Und wir haben da natürlich große Hoffnungen hineingesetzt. Aber kurz vor dem

00:22:09.417 --> 00:22:12.757
Termin passiert ja dann etwas, womit keiner gerechnet hat.

00:22:13.097 --> 00:22:17.017
Ja, das war ein Samstag. Da rief der Rechtsanwalt an und teilte uns mit,

00:22:17.117 --> 00:22:20.857
dass Hans P. am 8. Oktober 2010 in der UAV verstorben sei.

00:22:21.137 --> 00:22:24.997
Das ist jetzt, wenn ich das mal vorsichtig ausdrücken darf, auch was die Ermittlungen

00:22:24.997 --> 00:22:26.637
betrifft, keine gute Nachricht.

00:22:26.937 --> 00:22:29.257
Was ging Ihnen dazu alles durch den Kopf?

00:22:29.992 --> 00:22:33.912
Auch wenn Hans B. nur eine Rangfigur im Milieu war, er hat nun mal einen anderen

00:22:33.912 --> 00:22:37.152
aus dem Milieu verpfiffen und deswegen wäre einem Fremdverschulden bei seinem

00:22:37.152 --> 00:22:38.292
Tod natürlich denkbar gewesen.

00:22:38.532 --> 00:22:41.432
Aber die Todesursache war damit vermutlich schnell geklärt, richtig?

00:22:41.832 --> 00:22:46.352
Ja, es konnte durch eine Objektion ziemlich schnell geklärt werden, dass Hans B.

00:22:46.552 --> 00:22:50.132
Im Gefängnis eines natürlichen Todes gestorben ist, nämlich an einem Herzinfalt.

00:22:50.532 --> 00:22:55.232
Es kam dann auch raus, dass er kurz zuvor schon öfter einen Arzt in der JV aufgesucht

00:22:55.232 --> 00:22:56.492
hat, weil es ihm schlecht ging.

00:22:56.812 --> 00:22:59.572
Es gab also keinen Zweifel daran an seinem natürlichen Tod.

00:23:00.512 --> 00:23:04.472
Jetzt ist also der Einzige, der etwas zur Tat ausgesagt hat, tot.

00:23:04.872 --> 00:23:09.352
Was bedeutet das für Ihre Ermittlungen? Wir haben infolge seine Zelle erstmal

00:23:09.352 --> 00:23:13.452
durchsucht, in der Hoffnung Hinweise darauf zu finden, womit er seine Aussage ergänzen wollte.

00:23:13.992 --> 00:23:16.972
Dabei haben wir aber dann im Kalender einen Eintrag für ein geplantes Gespräch

00:23:16.972 --> 00:23:21.632
mit seinem Rechtsanwalt zur Vorbereitung für die weitere polizeiliche Vernehmung gefunden.

00:23:22.072 --> 00:23:25.312
Das Gespräch hat aber nicht stattgefunden und Hans B. hatte wohl offensichtlich

00:23:25.312 --> 00:23:28.692
im Kalendereintrag handschriftlich Brief an Rechtsanwalt vermerkt.

00:23:29.252 --> 00:23:32.092
Also der Anwalt hat tatsächlich einen Brief von Hans P. erhalten.

00:23:32.392 --> 00:23:36.312
Konnten Sie den einsehen? Wir durften ihn nicht lesen. Es war Anwaltspost,

00:23:36.392 --> 00:23:39.592
da steht es den Rechtsanwälten frei, ob sie uns das genehmigen oder nicht.

00:23:39.792 --> 00:23:43.932
Wir wissen aber, dass der Brief ergänzende Hinweise zum Tatablauf enthalten hatte.

00:23:44.712 --> 00:23:48.552
Den Brief haben weder die Polizei, die Staatsanwaltschaft noch später das Gericht

00:23:48.552 --> 00:23:51.452
zu sehen bekommen, sondern nur die Rechtsanwälte des Beschuldigten.

00:23:51.632 --> 00:23:55.192
Was ist mit dem Brief passiert? Das weiß ich bis heute nicht.

00:23:59.992 --> 00:24:04.352
Eine Frage stand nach wie vor im Raum. Wer ist das tote Rosenmädchen?

00:24:04.872 --> 00:24:09.992
Keiner der Angeklagten konnte oder wollte etwas zur Aufklärung der Identität beitragen.

00:24:11.087 --> 00:24:15.207
Und so war es nach wie vor Aufgabe der Polizei, auch die Menschen ausfindig

00:24:15.207 --> 00:24:17.167
zu machen, die um die Tote trauern können.

00:24:17.567 --> 00:24:21.307
Außerdem bestand die Hoffnung, Angehörige des Opfers könnten durch ihre Aussagen

00:24:21.307 --> 00:24:23.707
wichtige Informationen für die Ermittlungen liefern.

00:24:23.927 --> 00:24:27.427
Denn, Herr Heimann, es gab in diesem Fall nach wie vor viele offene Fragen, nicht?

00:24:27.687 --> 00:24:29.567
Wir von der deutschen Polizei hatten

00:24:29.567 --> 00:24:34.067
uns ja im August 2010 nochmal so ein Aktenzeichen XY ungelöst gewandt.

00:24:34.067 --> 00:24:37.687
Aber auch den Niederländern hat das Ganze keine Ruhe gelassen und so wurde die

00:24:37.687 --> 00:24:41.747
Folge auch dort ausgestrahlt. Der dortige Sender hat sich dann an ein ähnliches

00:24:41.747 --> 00:24:45.087
Format in Polen gewandt und dieser Aufruf dort hatte endlich Erfolg.

00:24:45.267 --> 00:24:49.167
Also es hat jemand die junge Frau erkannt? Ja, eine Tante der Toten hatte die

00:24:49.167 --> 00:24:50.847
Sendung gesehen und ihre Nichte erkannt.

00:24:51.067 --> 00:24:55.047
Sie hat sich dann an die polnische Polizei gewandt und die haben sich wiederum bei uns gemeldet.

00:24:55.407 --> 00:24:59.147
Wir haben dann in Folge die Angehörigen aus Polen in Frankfurt-Oder vernommen,

00:24:59.467 --> 00:25:01.427
damit sie nicht so weit fahren mussten.

00:25:01.727 --> 00:25:05.627
Und so bekamen wir wichtige Informationen zum Opfer, die wir für die weiteren

00:25:05.627 --> 00:25:06.807
Ermittlungen benötigten.

00:25:07.647 --> 00:25:10.947
Hätten wir die Angehörigen in Polen vernommen, hätte das im Rahmen zeitaufwendiger

00:25:10.947 --> 00:25:12.347
Rechtshilfversuchen geschehen müssen.

00:25:15.707 --> 00:25:21.147
Josefa. Nach 14 Jahren hat das Rosenmädchen endlich einen Namen und ihre Familie

00:25:21.147 --> 00:25:23.407
in Polen Gewissheit, was mit ihr passiert ist.

00:25:24.187 --> 00:25:30.747
Wegen ihres zweiten Vornamens, Maugoschata, wurde sie von allen mit dem Spitznamen Goscha angesprochen.

00:25:31.247 --> 00:25:36.487
Zum Zeitpunkt ihres Todes war sie erst 20 Jahre alt. Ihre Angehörigen erzählen,

00:25:36.607 --> 00:25:40.087
dass Josefa während ihrer Zeit in Polen einen schweren Autounfall hatte.

00:25:40.467 --> 00:25:44.327
Das erklärt auch die vielen Narben und verheilten Brüche, die damals bei der

00:25:44.327 --> 00:25:47.387
Obduktion der Leiche in den Niederlanden festgestellt werden konnten.

00:25:48.067 --> 00:25:51.827
Aufgrund ihrer Verletzungen fand sie in Polen wohl keinen regulären Job mehr

00:25:51.827 --> 00:25:54.607
und zog Anfang 1996 nach Deutschland.

00:25:55.427 --> 00:25:59.647
Ihrer Familie gegenüber gab sie an, in Berlin als Küchenhilfe arbeiten zu wollen.

00:26:00.767 --> 00:26:04.747
Letztlich arbeitete sie als Prostituierte und in einer Bar in Bergisch Gladbach.

00:26:04.827 --> 00:26:08.687
Nach einer Weile hätte ihre Familie nichts mehr von ihr gehört und sie schließlich

00:26:08.687 --> 00:26:10.327
in Polen als vermisst gemeldet.

00:26:10.707 --> 00:26:14.247
Die dortige Polizei hat die Suche jedoch eingestellt und erklärt,

00:26:14.347 --> 00:26:18.827
dass Josefa über 18 sei und selbst entscheiden könne, wo sie leben und ob sie

00:26:18.827 --> 00:26:21.007
den Kontakt zur Familie aufrechterhalten wolle.

00:26:21.360 --> 00:26:29.040
Music.

00:26:28.930 --> 00:26:32.730
Identität des Rosenmädchens geklärt und einige Details zu ihrem Leben ermittelt.

00:26:33.850 --> 00:26:36.950
Juristisch gesehen besteht allerdings eine außergewöhnliche Situation.

00:26:37.450 --> 00:26:42.350
Es befanden sich drei Beschuldigte in Untersuchungshaft. Der einzige Geständige

00:26:42.350 --> 00:26:46.410
ist dort an einem Herzinfarkt gestorben, und zwar vor Prozessbeginn.

00:26:47.330 --> 00:26:51.610
Wir haben im Vorfeld dieser Folge mit Prof. Dr. Marc Zöller gesprochen.

00:26:51.930 --> 00:26:57.030
Er lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Strafprozessrecht.

00:26:57.290 --> 00:27:01.750
Wir haben ihn gefragt, was es für einen Prozess bedeutet, wenn der Hauptverdächtige

00:27:01.750 --> 00:27:05.130
zuvor stirbt. Klingt nach einer sehr großen Ausnahme.

00:27:05.350 --> 00:27:08.330
Wir wollten von ihm wissen, ob so etwas häufiger vorkommt.

00:27:08.570 --> 00:27:13.470
Also der Strafprozess ist letztendlich auch nur ein Abbild des normalen prallen Lebens.

00:27:13.770 --> 00:27:17.810
Und wie dort eben auch Menschen sterben, sterben sie auch in Strafverfahren.

00:27:17.950 --> 00:27:20.970
Wir haben ja auch manche Strafverfahren gegen Sehrhalter angeklagt.

00:27:21.070 --> 00:27:26.430
Wenn man an die Aufarbeitung des nationalsozialistischen Unrechts denkt,

00:27:26.430 --> 00:27:29.650
Und da kommt das natürlich statistisch gesehen noch häufiger vor.

00:27:30.010 --> 00:27:34.010
Aber das ist schon nicht so selten. Also das passiert häufiger und dann muss

00:27:34.010 --> 00:27:35.610
die Justiz damit eben umgehen.

00:27:36.070 --> 00:27:39.330
Ja, und wie die Justiz mit einem verstorbenen Beschuldigten umgeht,

00:27:39.490 --> 00:27:44.090
der in den polizeilichen Vernehmungen zumindest teilweise geständig war, das hat uns Prof. Dr.

00:27:44.310 --> 00:27:49.290
Zöller ebenfalls erzählt. Denn juristisch belangen kann man ihn ja nun offensichtlich nicht mehr.

00:27:49.590 --> 00:27:54.570
Also für den Verstorbenen kann man sagen, In gewisser Weise stirbt dann auch

00:27:54.570 --> 00:27:58.910
mit dem Beschuldigten das Strafverfahren, das gegen ihn geführt worden ist.

00:27:59.450 --> 00:28:01.330
Wenn man es jetzt mal ein bisschen mehr juristisch formuliert,

00:28:01.350 --> 00:28:06.050
würde man sagen, der Tod des Beschuldigten führt zu einem Verfahrenshindernis.

00:28:06.810 --> 00:28:09.910
Das heißt, man konnte eben nicht mehr über die eigentliche Sache,

00:28:10.070 --> 00:28:12.050
das war ja der Mordvorwurf, entscheiden.

00:28:12.816 --> 00:28:16.116
Allerdings muss man immer beachten, das Verfahren endet nicht von alleine,

00:28:16.176 --> 00:28:19.536
was man ja denken könnte, weil es gibt ja keinen mehr, bei dem man noch eine

00:28:19.536 --> 00:28:20.676
Strafe vollstrecken könnte,

00:28:21.256 --> 00:28:25.216
sondern man braucht immer noch eine förmliche Entscheidung der Strafverfolgungsbehörden

00:28:25.216 --> 00:28:28.336
oder der Justiz. Das muss aber förmlich eingestellt werden.

00:28:28.936 --> 00:28:33.076
Und dann ist der Prozess gegen den Verstorbenen auch offiziell vorbei.

00:28:33.756 --> 00:28:36.856
Nun gibt es in diesem Fall aber nicht nur einen Beschuldigten,

00:28:37.076 --> 00:28:41.956
sondern zwei weitere, die in der U-Haft auf den Prozess warten und zu den Tatvorwürfen

00:28:41.956 --> 00:28:43.976
schweigen bzw. sie abstreiten.

00:28:44.716 --> 00:28:49.516
Was bedeutet der Tod von Hans P. für die beiden und vor allem sein Geständnis,

00:28:49.656 --> 00:28:52.416
das auch sie belastet? Dazu nochmal Prof.

00:28:52.676 --> 00:28:58.036
Dr. Marc Zöller. Das ist ein bisschen kompliziert, weil da mehrere Grundprinzipien

00:28:58.036 --> 00:29:02.816
des deutschen Strafverfahrens letztendlich zusammentreffen. Ganz wichtig ist

00:29:02.816 --> 00:29:05.776
dann der Grundsatz der freien Beweiswürdigung.

00:29:05.916 --> 00:29:09.996
Der spielt hier in diesem Fall für das Landgericht Köln aus meiner Sicht auch

00:29:09.996 --> 00:29:11.816
die entscheidende Rolle.

00:29:12.296 --> 00:29:15.856
Freie Beweiswürdigung bedeutet, dass das Tatgericht, also das Gericht,

00:29:15.936 --> 00:29:19.636
was tatsächlich so die Beweise erhebt, also Zeugen vernimmt, Urkunden verliest,

00:29:20.296 --> 00:29:24.676
dass die grundsätzlich an keine Vorschriften darüber gebunden sind,

00:29:24.836 --> 00:29:29.976
unter welchen Voraussetzungen die einen Sachverhalt für bewiesen halten.

00:29:30.536 --> 00:29:33.956
Und wenn die nicht ganz, ganz krasse Fehler machen, dann kann später auch nicht

00:29:33.956 --> 00:29:39.536
der Bundesgerichtshof als Revisionsgericht kommen und das Ganze wieder aufheben.

00:29:40.236 --> 00:29:43.936
Das heißt, man muss sich also im Grunde mal schauen, was hatten die denn eigentlich

00:29:43.936 --> 00:29:48.696
noch an Beweisen in dem Prozess dann gegen die beiden Angeklagten,

00:29:48.796 --> 00:29:49.876
die ja noch am Leben waren.

00:29:50.956 --> 00:29:54.616
Und dann hatten wir einmal die beiden Angeklagten, die sind auch kein klassisches

00:29:54.616 --> 00:29:56.496
Beweismittel, aber die können natürlich was sagen.

00:29:56.716 --> 00:30:01.696
Dann gab es eine DNA-Spur. Die führte tatsächlich zu dem möglichen Hintermann.

00:30:02.036 --> 00:30:05.796
Die war aber, wenn ich das richtig gesehen habe, auf Gegenständen,

00:30:05.856 --> 00:30:09.556
die bei dem Opfer gefunden waren. Und jetzt muss man natürlich wieder den Sachverhalt kennen.

00:30:10.156 --> 00:30:15.316
Das Opfer und dieser mögliche, mutmaßliche Hintermann, der mögliche Anstifter,

00:30:15.456 --> 00:30:19.756
die haben ja zusammen gelebt, hatten wohl ja auch eine sexuelle Beziehung.

00:30:20.056 --> 00:30:25.136
Dass da also DNA-Spuren auf dem Körper des jeweils anderen sind,

00:30:25.136 --> 00:30:27.396
ist jetzt auch nicht eindeutig belastend.

00:30:27.920 --> 00:30:34.800
Music.

00:30:34.701 --> 00:30:39.361
Am 18. Februar 2011 beginnt der Prozess gegen Gerd M. und Magdalena K.

00:30:39.481 --> 00:30:40.861
Vor dem Landgericht Köln.

00:30:41.181 --> 00:30:45.081
Da Hans P. ja selbst nicht mehr aussagen konnte, haben Sie, Herr Heimann,

00:30:45.221 --> 00:30:49.741
als ermittelnder Kripo-Beamter das vorgetragen, was der Verstorbene in den polizeilichen

00:30:49.741 --> 00:30:51.641
Vernehmungen zu Protokoll gegeben hat.

00:30:52.241 --> 00:30:55.541
Und auch dazu hören wir jetzt nochmal den Juristen Prof. Dr. Mark Zöller.

00:30:56.141 --> 00:30:59.181
Da kommt man jetzt sozusagen in juristische Schwierigkeiten,

00:30:59.421 --> 00:31:02.621
denn das ist ein sogenannter Zeuge vom Hörensagen.

00:31:02.621 --> 00:31:07.121
Der hat ja die Tat nicht selber erlebt, sondern der kann nur darüber was erzählen,

00:31:07.121 --> 00:31:12.721
was der frühere Beschuldigte ihm jetzt wieder gegenüber erzählt hat.

00:31:13.161 --> 00:31:17.701
Und da sind wir beim zweiten Grundsatz des deutschen Strafprozesses,

00:31:17.841 --> 00:31:21.601
das ist für juristische Leine immer so ein bisschen schwer nachzuvollziehen,

00:31:21.681 --> 00:31:24.521
nämlich das sogenannte Unmittelbarkeitsprinzip.

00:31:25.321 --> 00:31:28.801
Und das heißt, das Gericht muss sich einen möglichst unmittelbaren Eindruck

00:31:28.801 --> 00:31:31.521
vom Tatgeschehen verschaffen.

00:31:32.001 --> 00:31:35.761
Und es gibt eine ganz klare Rechtsprechung des Deutschen Bundesgerichtshofs,

00:31:35.861 --> 00:31:42.621
die sagen, alleine auf die Aussage eines Zeugen vom Hörensagen kann man keine Vorurteilung stützen.

00:31:42.881 --> 00:31:46.481
Das heißt, dieser Zeuge vom Hörensagen, weil er nicht selber dabei war,

00:31:46.621 --> 00:31:51.341
dessen Aussage hat einen geringeren Beweiswert als die Aussage eines Zeugen.

00:31:52.101 --> 00:31:55.921
Da gab es ja hier keinen mehr, der zur Verfügung stand, der das direkt miterlebt hat.

00:31:56.101 --> 00:32:02.461
Und deswegen sind solche Aussagen immer besonders vorsichtig und kritisch zu prüfen.

00:32:02.941 --> 00:32:07.061
Herr Heimann, wie haben sich denn die anderen beiden Angeklagten vor Gericht überhaupt verhalten?

00:32:07.361 --> 00:32:11.381
Die beiden haben gar nichts mehr gesagt. Gerd M. hat nur noch Aussage zu seiner

00:32:11.381 --> 00:32:14.741
Person und seinem Lebenslauf gemacht und sonst nichts mehr ausgesagt.

00:32:15.181 --> 00:32:18.181
Und so hatte die Aussage des Verstorbenen dem Gericht nicht gereicht.

00:32:18.181 --> 00:32:22.621
Und es hat letztendlich die Haftbefehle gegen Gerd M. und Magdalena K. aufgehoben.

00:32:23.141 --> 00:32:24.641
Sie sind dann auch während der

00:32:24.641 --> 00:32:27.301
laufenden Hauptverhandlungen aus der Untersuchungshaft entlassen worden.

00:32:27.621 --> 00:32:31.461
Auch der Anwalt von Gerd M. hat betont, dass es keine objektiven Beweise für

00:32:31.461 --> 00:32:33.921
die Schuld seines Mandanten gäbe. Die Folge?

00:32:34.461 --> 00:32:39.581
Am 29. Juni 2011 spricht das Landgericht Köln Gerd M. und Magdalena K.

00:32:39.781 --> 00:32:43.561
Frei, da man weder die Anstiftung zum Mord noch eine Beteiligung an der Tat

00:32:43.561 --> 00:32:47.661
nachweisen konnte. So hart der Freispruch vielen Menschen auch vorkommen mag,

00:32:48.041 --> 00:32:51.401
rein juristisch gesehen ist er nicht zu beanstanden, wie uns Prof.

00:32:51.641 --> 00:32:54.841
Dr. Mark Zöller im Vorfeld dieser Folge bestätigt hat.

00:33:00.870 --> 00:33:04.190
Und dann sind sie aus meiner Sicht zu Recht freigesprochen worden,

00:33:04.450 --> 00:33:06.790
auch wenn das dann manchmal ein bisschen hart klingt.

00:33:07.470 --> 00:33:10.490
Und die haben sogar von der Staatskasse, sofern ich informiert bin,

00:33:10.570 --> 00:33:13.310
dann auch eine Entschädigung für ihre Haftzeit bekommen.

00:33:13.550 --> 00:33:16.830
Herr Heimann, Hand aufs Herz, was macht das mit Ermittlerinnen und Ermittlern,

00:33:16.910 --> 00:33:21.970
die so lange dafür gekämpft haben, die Tat aufzuklären und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen?

00:33:22.390 --> 00:33:24.610
Ganz ehrlich, damit müssen wir leben.

00:33:25.130 --> 00:33:28.710
Man empfindet zwar so etwas wie Frust, aber wir haben in Deutschland nun mal

00:33:28.710 --> 00:33:30.790
ein Rechtssystem, das wir uns alle halten müssen.

00:33:31.710 --> 00:33:34.950
Die Staatsanwaltschaft legte gegen den Freispruch Revision ein.

00:33:35.350 --> 00:33:38.970
Hatten Sie da noch ein wenig Hoffnung, dass die beiden eventuell doch noch verurteilt

00:33:38.970 --> 00:33:41.470
werden? Also wenn Sie mich so fragen, nicht wirklich.

00:33:41.830 --> 00:33:46.910
Am 16. Januar 2013 bestätigt der Bundesgerichtshof den Freispruch der beiden

00:33:46.910 --> 00:33:49.090
Angeklagten und deren Haftentschädigung.

00:33:49.610 --> 00:33:54.870
Das Urteil des Bundesgerichtshofs liegt uns vor und auf Seite 6 heißt es unter anderem,

00:33:54.870 --> 00:33:59.330
Das Landgericht hat sich in seinen Feststellungen im Wesentlichen auf die Angaben

00:33:59.330 --> 00:34:03.610
des verstorbenen früheren Mitbeschuldigten sowie der Angeklagten in ihren polizeilichen

00:34:03.610 --> 00:34:04.770
Vernehmungen gestützt.

00:34:05.230 --> 00:34:09.370
Es hat sich die Überzeugung, die Angeklagten seien an der Tötung des Tatopfers

00:34:09.370 --> 00:34:12.690
beteiligt gewesen, nicht bilden können und hat sie freigesprochen.

00:34:13.250 --> 00:34:15.850
Eine Auftragserteilung sei nicht nachweisbar gewesen.

00:34:20.890 --> 00:34:24.270
Also Rudi, ich weiß nicht, wie es dir geht. In dubio pro reo,

00:34:24.390 --> 00:34:28.550
ja, so lautet der Grundsatz, aber in diesem Fall heute habe ich irgendwie ein

00:34:28.550 --> 00:34:30.770
ungutes Gefühl. Ja, mir geht es da ganz ähnlich.

00:34:31.150 --> 00:34:35.130
Auch wenn dieser Fall also juristisch in den Augen vieler Menschen wohl kein

00:34:35.130 --> 00:34:39.390
gerechtes Ende gefunden hat, gibt es noch eine Geschichte, die das Ganze zumindest

00:34:39.390 --> 00:34:41.370
etwas versöhnlich erscheinen lässt.

00:34:41.870 --> 00:34:47.150
Das Rosenmädchen lag ja 14 Jahre lang als unbekannte Tote auf dem Friedhof im

00:34:47.150 --> 00:34:48.730
niederländischen Grubbenforst.

00:34:48.730 --> 00:34:56.050
Im Februar 2011 wurde die Leiche von Josefa dann aber exhumiert und erneut in

00:34:56.050 --> 00:34:58.110
Witnica in Polen bestattet.

00:34:58.503 --> 00:35:04.443
Man kann also sagen, das Rosenmädchen ist nach langer Zeit doch noch nach Hause zurückgekehrt.

00:35:04.603 --> 00:35:08.223
Ein außergewöhnlicher Fall, der uns ganz deutlich zeigt, wie schwer es auch

00:35:08.223 --> 00:35:12.843
in unserem Rechtssystem sein kann, die Wahrheit herauszufinden und gerecht zu urteilen.

00:35:13.123 --> 00:35:17.083
Und der Fall belegt, dass mit dem Grundsatz in dubio pro reo,

00:35:17.263 --> 00:35:21.143
also im Zweifel für den Angeklagten, das Gericht mitunter auch Beschuldigte

00:35:21.143 --> 00:35:25.823
freisprechen muss, von deren Schuld im tiefsten Innern vielleicht doch einige überzeugt sind.

00:35:25.823 --> 00:35:29.943
So schwer das für Angehörige, Ermittlerinnen und Ermittler auch sein mag,

00:35:30.243 --> 00:35:33.983
ist der Gedanke, dass andernfalls eventuell zwei Unschuldige für sehr lange

00:35:33.983 --> 00:35:37.363
Zeit ins Gefängnis gehen, ebenfalls schwer zu ertragen.

00:35:37.503 --> 00:35:39.803
Wie uns im Gespräch auch Jurist Prof.

00:35:40.003 --> 00:35:43.283
Dr. Marc Zöller bestätigt hat. Ich sage meinen Studenten immer.

00:35:43.783 --> 00:35:47.303
Machen wir mal ein Gedankenexperiment, stellen Sie sich mal vor,

00:35:47.463 --> 00:35:50.623
Sie sind ein Beschuldigter und man hat nicht genügend Beweise für Sie,

00:35:50.703 --> 00:35:54.083
traut es Ihnen aber zu und Sie werden lebenslang verurteilt.

00:35:54.083 --> 00:35:57.043
In dem Moment sieht man den Fall ganz anders.

00:35:57.443 --> 00:36:02.423
Und da möchte man ja auch, dass wenn man schon sozusagen verurteilt wird und

00:36:02.423 --> 00:36:06.763
vielleicht Jahre oder lebenslängig in den Knast geht,

00:36:06.983 --> 00:36:10.443
dann möchte man ja auch das, damit kann man ja im Grunde seinen Frieden nur

00:36:10.443 --> 00:36:13.203
schaffen, wenn man weiß, das ist alles mit rechten Dingen zugegangen.

00:36:13.203 --> 00:36:17.923
Und ich bin nicht für einen Vorurteil oder einen Verdacht hier ins Gefängnis

00:36:17.923 --> 00:36:20.303
gegangen. Das ist natürlich hier ein extremer Fall.

00:36:20.543 --> 00:36:26.483
Also man muss einfach sehen, also menschlich ist der falsch gelöst,

00:36:26.623 --> 00:36:27.803
juristisch aber richtig.

00:36:28.363 --> 00:36:32.523
Und dann kann man sich dafür entscheiden, welche Perspektive man jetzt annehmen möchte.

00:36:33.243 --> 00:36:37.043
Ja, auf dieses Gedankenspiel könnten wir uns ja alle mal einlassen und es wird

00:36:37.043 --> 00:36:39.743
wahrscheinlich keinem leicht fallen, da eine Entscheidung zu treffen.

00:36:39.963 --> 00:36:43.863
Denn sowohl der Unschuldige, der im Gefängnis sitzt, als auch der Schuldige,

00:36:43.963 --> 00:36:48.283
der freigesprochen wird, die stellen den Gerechtigkeitssinn auf eine harte Probe.

00:36:48.563 --> 00:36:52.823
Herr Heimann, Sie sind wahrscheinlich von Berufs wegen damit immer mal wieder

00:36:52.823 --> 00:36:54.523
konfrontiert. Wie sehen Sie das denn?

00:36:54.923 --> 00:36:59.763
Ja, ich habe und setze nach wie vor mein Vertrauen in unsere unabhängige Justiz

00:36:59.763 --> 00:37:04.083
und dazu gehören aber auch solche Verläufe. Ja, wir sind am Ende dieser Folge angekommen.

00:37:04.203 --> 00:37:07.603
Wir bedanken uns ganz herzlich bei Kriminalhauptkommissar Dieter Heimann,

00:37:07.743 --> 00:37:11.363
der uns einen guten Einblick in diesen spannenden Fall ermöglicht hat.

00:37:11.563 --> 00:37:15.003
Danke, dass Sie heute bei uns waren. Ich danke, dass ich hier sein durfte.

00:37:15.243 --> 00:37:16.463
Kommen Sie gut nach Hause. Danke.

00:37:16.983 --> 00:37:22.763
Danke auch an Prof. Dr. Marc Zöller von der LMU in München und an Julia Heine,

00:37:22.903 --> 00:37:28.603
der Autorin dieser Folge. Wie immer am Ende, vielen Dank auch an unsere Zuhörerinnen und Zuhörer.

00:37:28.843 --> 00:37:32.403
Ich sage bis zum nächsten Mal bei Aktenzeichen XY unvergessene Verbrechen.

00:37:32.943 --> 00:37:36.943
Und ganz wichtig wie immer, bleibt sicher. Wenn euch unser Podcast gefällt,

00:37:37.003 --> 00:37:40.603
wenn euch die Folge gefallen hat, dann abonniert den Podcast gerne oder lasst

00:37:40.603 --> 00:37:42.823
ein paar Sterne da. Bis zur nächsten Folge. Tschüss.

00:37:44.303 --> 00:37:48.503
Aktenzeichen XY unvergessene Verbrechen ist eine Produktion der Sicuritel in

00:37:48.503 --> 00:37:51.083
Kooperation mit BUM-Film im Auftrag des ZDF.

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Music.

