Hallo, hier ist Markus Keup. Hallo, ich bin Orest-Markus Reisner. Gratulation zur hundertsten Folge. In Zeiten von Desinformationen und Angriffen ist es ganz wichtig, die richtigen Informationen zu haben. Und was wir Experten tun, ist quasi diese Informationen zu liefern. Es gibt eine objektive Realität. Die gilt es zu vermitteln und bekannt zu machen. Herzlichen Dank für eure Zeit und euer Vertrauen.
ZDF heute. Militär und Macht. Die Analyse. Hi, hier spricht Viktoria Reichelt. Schön, dass ihr dabei seid. Das ist eine ganz besondere Folge. Ihr habt es im Intro schon von unseren Experten erfahren. Das hier ist die hundertste Folge Militär und Macht, die Analyse. Diese Woche geht es bei uns vor allem um den technologischen Fortschritt im Krieg in der Ukraine. Unter anderem vermelden die ukrainischen Streitkräfte zuletzt mehrere erfolgreiche Einsätze von Bodendrohnen. Es gibt Videos, die zeigen sollen, wie ein bewaffneter Kampfroboter russische Soldaten zur Kapitulation zwingt. Welche Rolle spielen diese Drohnen im Krieg? Und welche technologischen Entwicklungen gibt es an der Front? Darüber habe ich mit dem Militäranalysten Hendrik Remmel vom German Institute for Defense and Strategic Studies gesprochen. Er sagt, die technologischen Entwicklungen, die dieser Krieg hervorbringt, seien mit bisherigen Konflikten kaum noch zu vergleichen.
Die Innovationszyklen in diesem Krieg übertreffen alles, was wir vorher in anderen Konflikten gesehen haben. Das liegt vor allem daran, dass der Handlungsdruck, der Innovationsdruck auf Seiten der ukrainischen Streitkräfte sehr hoch ist. Sie versuchen im Grunde genommen seit dem Herbst 2022 dem Abnutzungskalkül, dem Zermöbungskalkül der russischen Streitkräfte zu entkommen. Und in Anbetracht unzureichender Waffenlieferungen und anderer strategischer Ressourcen ist der Vorsprung durch Technologie eine der wenigen Möglichkeiten, die die ukrainischen Streitkräfte haben, um ihre Verluste möglichst gering zu halten.
Ja, und über diese Technologien im Einzelnen sprechen wir gleich nochmal. Wir kommen jetzt auf etwas, das Sie gerade ansprechen, auf Verluste. Und wir kommen mal von der Technologie zu den Menschen, die diesen Krieg führen und durch diesen Krieg bereits verwundet, verletzt oder getötet wurden. Auch dazu gibt es neue Zahlen. Wir gucken mal rein. Seit Februar 2022, dem Beginn des Krieges in der Ukraine, haben die russischen Streitkräfte laut einer Studie des Center for Strategic and International Studies Verluste von rund 1,2 Millionen Soldaten. Dazu zählen Gefangene, Gefallene, Verwundete und Vermisste. Bis zu 325.000 seien bei den Kämpfen getötet worden. Auf Seite der Ukraine sieht das Bild so aus. Verluste von bis zu 600.000 Soldaten. Auch hier Gefallene, Verwundete und Vermisste eingerechnet. Bis zu 140.000 davon seien gestorben. Ja, das sind natürlich schlimme Zahlen, Herr Remmel. Und es sind vor allem neue Zahlen ja hier erstmals auch für die Ukraine. Was sagen diese Zahlen laut Ihrer Einschätzung über das aktuelle Kriegsgeschehen aus?
Diese Studie muss aus zweierlei Gründen ernst genommen werden. Erstens ist das CSI ein sehr renommiertes Institut. Die Menschen, die dort arbeiten, würden eine solche Studie nicht vorlegen, wenn sie mit ihren Einschätzungen sich nicht ziemlich sicher wären, dass sie realistisch sind. Und vor allem schlechte Nachrichten für alle, die es mit der Ukraine halten. Denn die Ukraine hat ihre eigenen Verlustzahlen im Verlauf des Krieges immer geheim gehalten, hat die russischen Verlustzahlen täglich über den ukrainischen Generalstab publiziert. Diese Zahlen decken sich weitestgehend mit den Zahlen des CSIS. Aber die 600.000 Verluste auf ukrainischer Seite sind in der Tat schlechte Nachrichten, denn daraus ergibt sich ungefähr eine Verlustrate von 1 zu 2 zugunsten der Ukraine. Aber diese Verlustrate ist wesentlich größer.
Geringer als viele Analysten angenommen haben. 1 zu 2 ist tatsächlich eine Verlustrate, die die Russen über sehr lange Zeiträume aus personellen und demografischen Gründen werden aufrechterhalten können. Und diese 600.000 Soldaten, die die Ukraine auf verschiedenste Arten und Weisen verloren hat, sie haben es angesprochen, getötet bzw. Gefallen, verwundet, Gefangennahme und vermisste, das sind Zahlen, die kann die Ukraine nicht über längere Zeiträume durchhalten. Und deswegen sind das sehr schlechte Nachrichten, weil dieses Abnutzungs- und Vermöbungskalkül, der kräfteorientierte Ansatz der russischen Streitkräfte offensichtlich wesentlich besser funktioniert, als es die sehr geringen Raumgewinne in den vergangenen Monaten und Jahren hätten vermuten lassen. Die Zahlen sprechen hier also gegen die Ukraine, sagt Militäranalyst Henry Gremmel. Dazu kommen immer wieder Angriffe auf die Energieinfrastruktur, die die ukrainische Zivilbevölkerung auch wegen der extremen Kälte schwer treffen. Hier gab es am Donnerstagabend, kurz vor unserer Aufzeichnung, allerdings eine überraschende Meldung aus Washington. US-Präsident Trump erklärte, er habe Putin darum gebeten, die Angriffe auf ukrainische Städte für eine Woche einzustellen. Und dieser habe zugestimmt. Wie diese Nachricht in der Ukraine ankam, das habe ich meinen Kollegen Henner Hebestreit gefragt, der aktuell für das ZDF in Kiew ist.
Also aus offiziellen Quellen haben wir noch nichts gehört. Wir hören aber aus dem Umfeld des Präsidenten hier in Kiew, dass man wohl einigermaßen überrascht wurde von dieser Information von Donald Trump. Dass man von Russland auch noch keine Bestätigung bekommen hat und deswegen bleibt man hier etwas zurückhaltend, vielleicht optimistisch, aber etwas zurückhaltend. Man hat schon sehr viele ähnliche Hoffnungen gehegt, dass es ruhig bleibt. Ob es tatsächlich ruhig bleibt, wird sich in den nächsten Nächten, in den nächsten Tagen zeigen. Das wird sich zeigen. Also zu dieser Meldung ist anscheinend noch nicht so richtig viel bekannt. Und trotzdem laufen die Verhandlungen ja weiter. Kannst du uns da mal einen aktuellen Stand geben? Also es ist so, dass es heute den ganzen Morgen über schon aus verschiedenen Quellen hieß, es gebe eine Einigung, Betonung auf dem Konjunktiv, es gebe eine Einigung zwischen Russen und Ukrainern, dass man sich nicht weiter im Energiesektor beschießen würde. Das hieße aus ukrainischer Sicht, man würde darauf verzichten, russische Energieanlagen und Erdöl- und Gasanlagen anzugreifen. Und im umgekehrten Fall würden die Russen nicht weiter die Energieinfrastruktur in der Ukraine beschießen. Das ist den ganzen Tag über aber nicht bestätigt worden.
Es heißt, aus den Verhandlungen, die ja vergangenes Wochenende in Abu Dhabi geführt wurden und am kommenden Woche, also jetzt am Wochenende, wieder aufgenommen werden sollen, dass man sich in vielen Punkten geeinigt habe. Auch hier der Konjunktiv richtig offiziell geworden ist da noch nichts. Ein großer Streitpunkt, aber das ist auch der allergrößte Streitpunkt, ist nach wie vor, was passiert mit dem Donbass. Präsident Zelenskyy wird sich sehr, sehr, sehr schwer tun, den an die Russen abzugeben. Das ist aber die Minimalforderung der russischen Seite. Also hier scheint man noch weit von einer Einigung entfernt. Und ob alle anderen geeinten Punkte letztlich an diesem großen Punkt zur Disposition stehen, das wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Die Delegationen treffen am Sonntag in Abu Dhabi wieder aufeinander und das Klima dieser Verhandlungen in der vergangenen Woche wurde allgemein als relativ gut und konstruktiv bezeichnet.
Das wird sich zeigen, was jetzt in der nächsten Verhandlungsrunde rauskommt. Eines ist auf jeden Fall sicher, du hast ganz am Anfang die Kälte angesprochen. Der ukrainische Katastrophenschutz hat heute davor gewarnt, dass es am Wochenende und Anfang der kommenden Woche Temperaturen von minus 30 Grad in einzelnen Landesteilen geben könnte. Da kommt also sehr viel auf die Menschen hier zu, die ja nach wie vor, Egal, wie man sich jetzt auf einem Waffenstillstand oder auf einen Verzicht auf Angriffe geeinigt haben könnte. Die sitzen nach wie vor in kalten Wohnungen und das sind immer noch sehr, sehr viele allein hier in Kiew. Ja, und da sprichst du schon meine nächste Frage an. Das einmal zur politischen Dimension. Aber de facto sind ja auch die Menschen in der Ukraine entscheidend. Um die geht es. Was ist dein Eindruck? Wie geht es denen ganz aktuell in diesem besonders kalten Winter?
Ja, ich habe es angesprochen. Also man hat jetzt angefangen, sehr viele Versorgungszelte aufzubauen, dass die Anzahl dieser Versorgungszelte, in denen man sich aufwärmen kann, in denen man Strom kriegt, auch eine Kleinigkeit zu essen kriegt, was warmes kriegt und auch mit anderen Menschen sprechen kann, nimmt stetig zu. Wir haben Leute in ihren Wohnungen besucht, die dann in Hochhäusern wohnen und die dann immer noch das Glück haben, dass ihre Aufzüge funktionieren. Jedenfalls, wenn man einsteigt. Die Dame erzählte uns dann, dass man nie sicher sein könnte, dass man oben ankommt, weil diese Aufzüge wohl offenbar entweder Generator oder Akku gespeist sind, also nicht am öffentlichen Netz hängen, weil die Wohnung ist vom Strom abgehängt. Und dann kommt man in Wohnungen, die die einstellige Plusgrade haben, also fünf oder sechs oder sieben Grad. Das ist auf die Dauer weder für die Menschen, die da drin sind, Leben gesund, noch ist es für die Wohnung selber gesund. Da bilden sich Schimmel, weiß der Teufel was, wir kennen das alles. Das ist nicht gesund, das ist nicht gut. Viel schlimmer ist auch, dass wenn die Häuser nicht mit Heizung versorgt werden, frieren früher oder später, gerade wenn es jetzt so kalt wird, die Wasserleitungen ein. Und eine Wohnung im 13. Stock ohne Wasser, das geringere Problem ist vielleicht, dass man sich dann morgens irgendwie nicht mehr duschen kann oder waschen kann.
Aber wir wissen alle, was man in Baden noch so macht. Und wenn es da kein Wasser gibt, ist das ein Riesenproblem. Es gab schon Vorschläge in einzelnen Wohngebieten, ob man nicht große Gruben vor die Häuser baut, dass sich die Menschen dort erleichtern können. Dieser Vorschlag hat sich offenbar noch nicht durchgesetzt, aber wir haben auch noch nicht die Temperaturen von minus 30 Grad.
Henna Hebestreit erzählt mir das, was viele unserer Reporter in der Ukraine berichten. Die Situation für die ukrainische Zivilbevölkerung wird in den kalten Wintermonaten immer verheerender, auch in den großen Städten wie Kiew. Und auch deshalb schauen aktuell viele auf jede Entwicklung in diesem Krieg. Diplomatisch, aber auch militärisch. Zu Beginn dieser Folge habe ich mit dem Militäranalysten Henrik Remmel schon über die Rolle neuer technologischer Entwicklungen gesprochen. Im weiteren Gespräch ging es ebenfalls um die Rolle von unbemannten Bodendrohnen, die die Ukraine mittlerweile vermehrt an der Front einsetzt und mit denen Kiews Streitkräfte zuletzt scheinbar auch einige Erfolge verbuchen konnten.
Ja, ganz so neuartig sind diese Technologien nicht, sie rücken nur stärker in den öffentlichen Fokus in den vergangenen Wochen. Und unbemannte bodengebundene Fahrzeuge gibt es schon seit dem Zweiten Weltkrieg. Die ukrainischen Streitkräfte erforschen zusammen mit Startups in der Ukraine, aber auch in ganz Europa, auch in Deutschland gibt es dort einige sehr fähige Menschen, die sich dort engagieren. Diese bodengebundenen Systeme, vor allem nachdem man gemerkt hat, welchen Einfluss diese unbemannten Systeme in der Luft haben. Der Einsatz am Boden ist ungleich komplizierter, da gibt es verschiedene Gründe für.
Eine Bodendrohne kann beispielsweise durch schwieriges Terrain wesentlich schwieriger vordringen, Vordringen ist limitiert in urbanen Räumen. Die Konnektivität zum Operateur, zum Drohnenoperateur ist durch eine Drohne am Boden wesentlich schwieriger zu bewerkstelligen, als wenn sich die Drohne in der Luft befindet. Also es geht weniger darum, dass man nicht den Nutzen von unbemannten Systemen am Boden erkannt hat. Es geht eher darum, dass die Implementierung in die Streitkräfte und die Nutzbarmachung dieser Systeme flächendeckend sich ein wenig schwieriger gestaltet als in der Luft oder auch im Wasser, wo die ukrainischen Streitkräfte ja auch schon sehr erfolgreich Drohnen eingesetzt haben und de facto ohne eine eigene Marine die russischen Seestreitkräfte im Schwarzen Meer zerschlagen haben. um.
Wo stehen wir? Im Grunde genommen in einer Skalierungsphase. Es gibt jetzt mehrere Bereiche, in denen diese Bodensysteme sehr erfolgreich eingesetzt werden, beispielsweise in der Logistik, in der Verbringung von Verwundeten oder Gefallenen aus der Frontlinie. Wir erinnern uns alle an diese Todeszone, wie sie genannt wird, 30 Kilometer von der eigentlichen Kampfzone entfernt in die Tiefe des Raumes. Es ist eigentlich unmöglich, sich zu bewegen, ohne von Drohnen aufgeklärt und angegriffen zu werden. Das heißt, diese Logistikwege für Versorgung mit Munition, Betriebsstoffen, Verpflegung, aber auch die Rückführung von Verwundeten und Gefallenen wird mehr und mehr von diesen Drohensystemen übernommen. Aber auch beim Legen von Minen oder dem Entschärfen von Minen oder Aufklärungsmissionen wurden diese Drohnen seit mindestens anderthalb Jahren schon mehr oder weniger regelmäßig eingesetzt. Neu ist jetzt, relativ neu zumindest, dass sie jetzt flächendeckend auch in Kampfaufträgen eingesetzt werden, also vor allem als Unterstützungswaffen. Wir haben gesehen, diese Roboter mit beispielsweise schweren Maschinengewehren, also diese Systeme bieten dann vorwiegend Deckungsfeuer, um Bewegungen der menschlichen Kameraden, sage ich mal, zu ermöglichen.
Und da sind die Ukrainer gerade dabei, diese Fähigkeiten hoch zu skalieren, nachdem sie diese Systeme jetzt erfolgreich ungefähr in den letzten 36 Monaten erprobt haben.
Also eine nicht ganz so neue Technologie, vielleicht aber in einem neuen Fokus. Ich gucke hier gerade mal in den Chat, was unsere User interessiert. Und wir haben ja gerade schon einen Kartenausschnitt gesehen. Unsere User fragen nach Prokofs. Da haben wir mit Ihnen hier in dieser Sendung schon für ein paar Wochen drüber gesprochen. Und User fragen sich, wie die Lage rund um Prokofs aktuell ist.
Ich glaube, das letzte Mal habe ich Anfang Dezember über Pokrovsk hier bei Ihnen gesprochen. Und im Grunde genommen ist die Lage unverändert. Pokrovsk ist seit zwei, zweieinhalb Monaten operativ eingekreist. Eine operative Einkreisung ist dann erreicht, wenn der angreifende Akteur ein Angriffsziel, ein Objekt, in dem Fall eine Stadt wie Pokrovsk, 360 Grad mit Flachfeuer belegen kann. Das heißt, alle möglichen Zugänge in die Stadt hinein können theoretisch von russischen Streitkräften unter Beschuss genommen werden. An dieser Situation hat sich in den letzten zweieinhalb Monaten nichts verändert. Was aber in der Tat bemerkenswert ist, ist, dass die ukrainischen Streitkräfte und dort kämpfen mit die besten Brigaden, die die ukrainischen Streitkräfte zur Verfügung haben.
Gelingt es ihnen immer noch, die russischen Streitkräfte im Raum Prokowsk vor allem in den Nordausläufern zu binden und ihnen erhebliche Verluste beizufügen. Also wir haben eben angesprochen, auf der strategischen Ebene über vier Jahre hinweg scheint es so zu sein, dass die Verlustverhältnisse bei 1 zu 2 liegen. Das ist für Russland sehr, sehr gut in ihrem kräfteorientierten Ansatz, der hohe Verluste grundsätzlich erstmal in Kauf nimmt. Im Raum Prokowsk waren die Verlustraten in den vergangenen Wochen bedeutend höher. 1 zu 10 und mehr. Das bedeutet, hier gelingt es den ukrainischen Streitkräften, obwohl die Stadt aus einer räumlich-taktischen Perspektive verloren ist, den Russen extrem hohe Verluste beizufügen. Und das ist auch der Grund, warum die Ukrainer weiter um diese wenigen Gebäude am Nordrand der Stadt noch kämpfen.
Warum die ukrainischen Streitkräfte dort jetzt noch so erfolgreich sind, warum sie trotz der operativen Einkreisung diese Erfolge erzielen können, liegt einerseits an den angesprochenen Brigaden, die dort kämpfen. Das sind mit die Besten, die die Ukrainer haben. Und weil sich das Gelände nach Norden hin wieder ein wenig öffnet und im Vergleich zum urbanen Raum die Drohnenkriegsführung dort wieder besser möglich ist. Wir haben hier eine Frage aus dem Chat dazu. Da sagt jemand, in Anbetracht der andauernden Drohnenangriffe auf kritische Infrastruktur, sollte der Fokus aktuell nicht eher auf die Weiterentwicklung der Luftabwehr gesetzt werden? Die ist ja geschwächt.
Ja, die Frage ist berechtigt, aber der Zuschauer, die Zuschauerin kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die ukrainischen Streitkräfte einen sehr starken Fokus darauf legen, die Luft- und Flugabwehr möglichst effizient zu gestalten. Das ist halt nur nicht so einfach, wie man sich das vorstellt. Und natürlich hat die Ukraine und die ukrainischen Streitkräfte mehrere Probleme. Die sie bewältigen müssen, und zwar gleichzeitig. Und das ist auch im Grunde genommen das strategische Dilemma.
Das Russland quasi generiert in der Ukraine. Es gibt mehrere Initiativen auf strategischer Ebene, die die russischen Streitkräfte erfolgreich durchführen, und das seit Jahren. Und das ist einmal die Zermürbung der Zivilbevölkerung, vor allem in den Wintermonaten, durch den Beschuss kritischer Infrastruktur, Einer sehr zentralisierten kritischen Infrastruktur, muss man dazu sagen. Das ist nichts Neues, das ist in den letzten Jahren auch passiert. Erschütternd ist eigentlich nur, dass es die ukrainischen oder die Unterstützerstaaten der Ukraine nicht geschafft haben, die ukrainische Zivilbevölkerung vor diesem Schicksal zu bewahren. Und auf der anderen Seite ist das strategische Dilemma, die strategische Initiative, die die russischen Streitkräfte haben, dieser Abnutzungseffekt. Also Abnutzung sei ein genuin militärischer Begriff, die sukzessive Senkung der Kampfkraft. Und in beiden Bereichen muss die Ukraine reagieren und agieren und Innovationen vorantreiben. Das passiert sowohl in der Flugabwehr als auch bei der Entwicklung unbemannter Bodensysteme.
Ja, und zu diesen unbemannten Bodensystemen, Sie haben das ja vorhin gesagt, so neuartig sind die gar nicht. Es gibt hier im Chat aber einige Fragen zu denen. Und zwar möchte ein User wissen, wie werden diese Kampfroboter eigentlich betrieben und wie werden sie geladen beziehungsweise befüllt oder im Kampffeld repariert? Oder sind die dann einfach Wegwerfware?
Ja, man darf es sich nicht so vorstellen wie die FPV-Drohnen, die durch die Luft schwirren, die dann tatsächlich eher eine Munition in vielen Fällen sind und dann diese Wegwerfware, über die der Zuschauer gesprochen hat. Vielleicht um mal eine Größenordnung zu nennen. Wahrscheinlich ist es so, dass bei den luftgestützten Systemen die Ukraine täglich mehr Drohnen verbraucht, als derzeit operativ einsetzbar an Landsystemen bei den Drohnen überhaupt verfügbar ist. Also sowohl die Russen als auch die Ukrainer verbrauchen am Tag ungefähr 10.000 Drohnen in der Luft. Vor allem bei den FPV-Drohnen, bei den sogenannten Kamikaze-Drohnen, aber auch Verluste durch Abschüsse, technische Fehler, Batterieausfälle usw. usf. Aber die bodengebundenen Systeme sind technisch bedeutend komplexer. Sie sind auch teurer in der Herstellung. Wir haben sie ja gerade gesehen, es sind tatsächlich echte Maschinen, echte Roboter, die durchaus komplexer sind. Das liegt vor allem daran, dass sie natürlich in einer komplexeren Umgebung agieren als in der Luft.
Die werden in der Regel nicht repariert an der Front. Wenn sie im Kampfgebiet kaputt gehen, dann sind sie kaputt, dann sind sie verloren. Tatsächlich ist es aber so, dass die Brigaden, die diese Systeme nutzen, sehr gut auf diese Systeme aufpassen. Häufig sind diese Systeme mehrere Tage im Einsatz, werden durch ein oder zwei Operatöre bedient, häufig über Starlink-Terminals. Das heißt, man packt im Grunde genommen ein Starlink-Terminal auf diese Drohne, in diese Drohne und steuert sie dann aus sicherer Entfernung. Also so einen Roboter könnten sie theoretisch mit einer Starlink-Anbindung auch aus Polen oder Deutschland steuern.
Beladen werden diese Systeme dann in den Verfügungsräumen der einzelnen Einheiten. Dort werden sie aufmunitioniert, dort bekommen sie ihre Akkus und unabhängig von dem System und dem Auftrag, den dieses bodengebundene System hat, ist dieses System dann teilweise mehrere Tage unterwegs erfüllt. Aufklärungsaufträge, treibt Minen, Beseitigung von Minen durch, verlegt Minen oder bringt, wie angesprochen, Versorgungsgüter über die Todeszone dann in die tatsächlichen Stellungen der ukrainischen Streitkräfte. Zur Starlink und der Nutzung des russischen Militärs von Starlink, dazu habe ich auch noch ein paar Fragen. Ich möchte aber nochmal bei diesem autonomen Drohnenabwehrsystem bleiben. Da gibt es eine Frage aus dem Chat zu. Und zwar fragt jemand, was ist eigentlich aus dem ukrainischen autonomen Drohnenabwehrsystem Sentinel geworden? Wird es eingesetzt oder noch entwickelt? Vielleicht als Anmerkung, Sky Sentinel ist ein autonomer Geschützturm zur Abwehr von Drohnenschwärmen. Ja, in den ukrainischen Streitkräften kann man, glaube ich, Nutzung und Erprobung nahezu tautologisch verwenden. Also ja, Sentinel wird verwendet, aber auch noch erprobt. Also man ist dort auch ähnlich wie bei den Drohensystemen bodengebunden in der Phase der Skalierung.
Man hat im Grunde genommen ein fertiges Produkt. Das sind aber teilweise dann Einzelprodukte, die man jetzt in der Fertigung hochskalieren muss. Und die Problematik bei solchen komplexeren Systemen, wie Beispiel Flugabwehrsystemen, aber auch schon diesen komplexeren bodengebundenen Drohnen-Systemen, ist halt im Vergleich zu den First-Person-View-Drohnen, dass sie diese Systeme nicht in irgendeiner Garage herstellen können. Sie haben dort komplexere Produktionsketten und diese Produktionsketten können Sie zwar dezentralisieren, aber es ist wesentlich komplexer, dann diese Produktion hoch zu skalieren. Das ist bei Baukastendrohnen, die de facto jeder Mann in seinem Wohnzimmer oder in der Garage bauen kann, wesentlich einfacher. Wenn es jetzt um komplexe Waffensysteme geht, müssen sie sich überlegen, fertigen sie diese in der Ukraine? Wenn sie sie in der Ukraine fertigen, wie dezentralisieren sie dann? Wenn sie dezentralisieren, wissen sie, die Produktion dauert länger oder die Alternative ist, man fertigt in Europa. Und gerade bei den bodengebundenen Systemen wird derzeit eine Hybridlösung angestrebt. Es gibt tatsächlich sehr viele europäische Startups, wie gesagt auch aus Deutschland, mit sehr guten Kampfverprobensystemen, die in Deutschland produziert werden und dann in die Ukraine verbracht werden.
Also wir dürfen uns nicht so vorstellen, dass es einfach nur die Innovation als solche ist, die einen Unterschied macht, sondern nach der Innovation der Erfindung, die auf das Gefechtsfeld passt, geht es dann darum, erstens genug Systeme zu produzieren und sie zweitens dann natürlich auch in die Streitkräfte zu implementieren. Also die Streitkräfte müssen dann auch etwas damit anfangen können. Die Soldaten müssen an diesem System ausgebildet werden. Man muss sich überlegen, wie setze ich jetzt beispielsweise ein bodengebundene Drohne schweres MG in meiner Infanteriegruppe ein? Wer steuert dieses System? Welche Regularien gibt es? Wie lange kann ich mit diesem System arbeiten? Wann muss ich es aufmunitionieren? Wann muss ich Akkus tauschen? Das sind alles keine trivialen Dinge und die passieren noch nicht von heute auf morgen, Vor allem nicht bei einer Armee, die sich ja durchgehend im Krieg befindet. Das ist im Grunde genommen ein Austausch einzelner Bauteile von einem Auto, was aber die ganze Zeit mit 130 auf der Autobahn fährt. Jetzt haben Sie ja eben schon die Wichtigkeit von Starlink für diese Kriegshandlungen da in der Ukraine angesprochen. Und auch dazu haben wir mehrere Fragen, die die User bewegen. Es fragt jemand, wie lange kann Russland noch auf Starlink zugreifen? Offensichtlich nutzt das russische Militär ja diese Technik. Und daran anschließend die Frage, hat Elon Musk den Russen den Zugang zu Starlink verkauft oder wurde Starlink von denen gehackt?
Ob es gehackt wurde, kann ich nicht sagen. Ich kann nur sagen, dass Starlink genutzt wird von den russischen Streitkräften in der Ukraine, genauso wie es von den ukrainischen Streitkräften genutzt wird. Das heißt, um die Frage zu beantworten, die Russen benutzen Starlink genau so lange, wie es die Ukrainer auch tun, nämlich so lange, wie Starlink über der Ukraine mit seinen niedrig fliegenden Satelliten einsatzbereit ist.
Es gibt mehrere Erklärungsversuche, warum die russischen Streitkräfte jetzt auch flächendeckend Starlink nutzen. Die eine Möglichkeit ist, man hat sie schlicht und ergreifend beschafft über Zweit- und Drittstaaten und sie dann implementiert oder man hat sich einfach der Technologie bedient. Und ich halte tatsächlich die Beschaffung über Zweit- und Drittstaaten für wesentlich wahrscheinlicher. Und soweit ich Elon Musk vernommen habe, hat er auch kein großes Problem damit, dass die russischen Streitkräfte Starlink in der Ukraine nutzen. Abgesehen von der Tatsache, dass eine Abschaltung von Starlink den ukrainischen Streitkräften, wesentlich mehr wehtun würde als den russischen Streitkräften, weil nahezu die komplette Kommunikations- und Kommandostruktur in digitaler Version in den ukrainischen Streitkräften über Starlink funktioniert. Das also zur Starlink-Frage. Lassen Sie uns nochmal gemeinsam zum Ende dieser Sendung auf die angekündigte, zumindest von Trump angekündigte Feuerpause schauen. Hier sagt ein User als Reaktion auf diese Trump-Ankündigung, dann müssen die Russen wohl auch einige Probleme haben mit zerstörter Infrastruktur, wenn die eine Woche Pause brauchen. Wie schätzen Sie das ein? Wie steht es gerade um die Energieversorgung, um die kritische Infrastruktur in Russland, die auch immer wieder von der Ukraine angegriffen wird?
Ja, das ist ganz richtig. Also ich glaube, man kann nach über einem Jahr US-amerikanischer Versuche, diesen Krieg am Verhandlungstisch zu beenden, attestieren, dass sich die russischen Akteure in Verhandlungsprozessen nur dann auf Zugeständnisse einlassen, wenn sie glauben, dass sie einen unmittelbaren Vorteil daraus generieren. Es gibt keine Zugeständnisse. Die roten Linien, die im Grunde genommen seit den Verhandlungen von Istanbul adressiert worden sind, sind unverändert bestehend. Und in der Tat ist es so, dass man bei der Deep-Strike-Kampagne, die die ukrainischen Streitkräfte jetzt seit mehreren Monaten erfolgreich auf die Energieinfrastruktur, vor allem auf die Ölinfrastruktur Russlands durchführen, substanzielle Erfolge erzielt haben. Also die russischen Energiekonzerne produzieren und raffinieren vor allem immer weniger Öl. In Verbund mit dem gesunkenen Ölpreis global ist das ein riesiges Problem für die russische Wirtschaft, die große Teile ihrer Kapitalerträge aus dem Verkauf von Erdöl und raffiniertem Öl bezieht. Das heißt, hier ist ein ganz klares wirtschaftliches, beziehungsweise wirtschaftsstrategisches Rational hinter.
Russland glaubt in dieser Phase, mehr aus einer Waffenruhe in Bezug auf den Beschuss von Energieinfrastruktur profitieren zu können, als die Ukrainer. Und das ist der Grund, wenn es denn stimmt und wenn es umgesetzt wird, dass Russland sich hier auf ein Zugeständnis einlässt. Das ist keineswegs irgendein Schritt in Richtung eines nachhaltigen Waffenstillstandes oder sogar eines Friedens, denn an einem Frieden ist Russland so lange nicht interessiert, wie es glaubt, mit militärischen Mitteln strategische Interessen durchsetzen zu können. Lassen Sie uns noch mal auf die Ressourcen schauen. Wir haben ja ganz zu Beginn des Streams auf diese neuen Zahlen geguckt zu den Verlustraten. Ich habe hier einen Kommentar, der sagt, hier hört man jetzt eine Verlustrate von 1 zu 2, punktuell im Prokross, aber 1 zu 10. Mölling, Christian Mölling, sogar 1 zu 27. Da würde ich die Ukraine jetzt mal nicht abschreiben.
Ja, es geht auch nicht darum, die Ukraine abzuschreiben. Es geht darum, was ein renommiertes Institut als analytische Einschätzung der Öffentlichkeit preisgegeben hat. Und hier sehen wir einfach, dass dieser Abnutzungsansatz, dieser kräfteorientierte Ansatz der russischen Streitkräfte scheinbar über eine Zeitspanne von vier Jahren über den gesamten Frontverlauf besser funktioniert, als es sich viele Analysten eingestanden haben.
Dass in einzelnen taktischen Situationen, wie beispielsweise jetzt in Pokrovsk, diese Verlustzahlen durchaus höher sein können und auch in der Vergangenheit waren, beispielsweise in Avgievka, in Chassifia, auch in Kupiansk, ist völlig unbestritten.
Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die ukrainischen Streitkräfte offensichtlich in den vergangenen Jahren zu viele Soldaten verloren haben, als dass die Verzögerungstaktik, dieses Eingehen auf das Abnutzungskalkül der Russen in irgendeiner Art und Weise zu rechtfertigen wäre. Also wenn man die Russen in ihrem Abnutzungskalkül ausbluten lassen möchte, müssen die Verlustraten wesentlich höher ausfallen, vor allem im Bereich des Personals. Und das ist im Moment nicht der Fall. Dass das in einzelnen taktischen Situationen durchaus gelingt, ist völlig unbestritten. Es muss aber eine flächendeckende operative Idee geben, wie man einerseits die Verlustraten der russischen Soldaten nach oben treibt und vor allem die eigenen Verlustraten in den ukrainischen Streitkräften senkt. Und da sind natürlich autonome Systeme bzw. Unbemannte Systeme ein möglicher Hebel, um diese Verlustraten zu senken. Und das ist auch ein Grund dafür, warum die ukrainischen Streitkräfte jetzt versuchen, immer mehr auf diese Systeme zu setzen, die Produktion zu skalieren und sie in den Streitkräften zu implementieren. Das heißt aber, um nochmal auf die Anfangsfrage zu kommen, die ja auch über dieser Sendung steht, wenn ich sie richtig verstehe, so richtig viel in der Gesamtheit dieses Krieges bringen die ukrainischen Kampfroboter gegen Putin jetzt nicht.
Gegen die russischen Streitkräfte wirken sie sich im Moment nicht so aus, dass sie in irgendeiner Art und Weise die Dynamik der Kampfhandlungen verändern. Also Russland ist unverändert und das ist seit der ukrainischen Gegenoffensive, Herbstoffensive aus dem Jahr 2022 der Fall in der strategischen Initiative. Und das hat einen relativ einfachen Grund. Die Ukraine schafft es nicht, aus diesem Abnutzungskalkül, aus diesem kräfteorientierten Ansatz herauszukommen. Eine strategische Initiative bedeutet, dass eine Partei in der Lage ist, ihre Idee, ihre Theorie des Sieges durchzusetzen. Und das tun die russischen Streitkräfte. Bis die Studie rausgekommen ist vom CSI ist, konnte man durchaus noch argumentieren, vor allem mit Blick auf die geringen Raumgewinne, dass die russischen Streitkräfte den ukrainischen Streitkräften zwar die Art des Krieges aufzwingen, sie aber in ihrer Performance nicht so gut dastehen und es wahrscheinlich nicht nachhaltig ist. Bei einem Verlustrat von 1 zu 2 muss man hinterfragen, ob das tatsächlich noch so der Fall ist. Wenn es bei 1 zu 2 ist und auch so bleibt, dann wird dieses Abnutzungskalkül der russischen Streitkräfte, solange nicht andere Indikatoren, beispielsweise ein Zusammenbruch der russischen Kriegswirtschaft hinzukommen, durchaus Erfolg haben. Und das ist ein riesiges Problem, das muss man verstehen.
Und um auf Ihre Frage zurückzukommen, natürlich sind diese Kampfroboter, diese unbemannten Bodensysteme jetzt nicht die Silberkugel, die Silver Bullet oder der Game Changer, um diesen Krieg zu drehen. Kein Waffensystem, keine militärische Fähigkeit ist ein Gamechanger in so einem komplexen Phänomen wie einem Krieg. Aber es kann dazu beitragen, in Summe beispielsweise Verluste der ukrainischen Seite zu verringern und dadurch den Russen wiederum die strategische Initiative zu entreißen. Aber nur mit diesem System wird es auch nicht funktionieren.
Soweit die Einschätzungen von Militäranalyst Hendrik Remmel. Die technologischen Innovationen, insbesondere auf ukrainischer Seite, übersteigen alles, was man in bisherigen Konflikten beobachten konnte. Sie können durchaus dabei helfen, die Verluste auf ukrainischer Seite in diesem Abnutzungskrieg etwas zu verringern. Aber Innovationen alleine reichen aktuell nicht aus, um die Dynamik des Krieges entscheidend zugunsten der Ukraine zu verändern. Jeden Donnerstag sprechen wir in unserem Ukraine-Update mit Expertinnen und Experten und unseren Reporterinnen und Reportern in der Ukraine über die Entwicklungen und Hintergründe im Krieg. Und wir analysieren mit detaillierten Karten und verifizierten Bildern die Lage an der Front. Schaut gerne mal rein auf YouTube oder der ZDF Heute App und stellt eure Fragen. Vielen Dank fürs Reinhören und bis zum nächsten Mal.