ZDF heute. Militär und Macht. Die Analyse. Hi, ich bin Jessica Sahedi. Schön, dass ihr dabei seid. EU-Friedenstruppen, die einen möglichen Waffenstillstand in der Ukraine absichern, dafür gibt es laut EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen bereits konkrete Pläne. Frankreichs Präsident Macron ergänzt, 26 Länder hätten sich bereits verpflichtet, Soldaten im Rahmen einer Absicherungstruppe zu entsenden. Gleichzeitig geht der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine weiter. Der ukrainische Präsident Zelensky warnt, dass im Osten der Ukraine im Donbass 100.000 von Putins Soldaten zusammengezogen werden. Über die aktuelle Lage an der Front und mögliche Szenarien für einen Einsatz von europäischen Friedenstruppen spreche ich in dieser Folge mit Oberst Markus Reisner von der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Er sagt, Putin wolle zum Ende der russischen Sommeroffensive unbedingt noch die Stadt Pokrovsk einnehmen, bevor es in die nachfolgende Herbstperiode geht.
Wir erleben im Moment die sogenannte Kulminationsphase der russischen Sommeroffensive. Man erkennt sehr eindeutig, dass Russland gerade Elite-Truppen zusammenzieht, die es im Mittelabschnitt der Front, also grob im Raum zwischen beim nördlich Bogrovsk und Süde von Kupiansk einsetzen möchte. Man möchte noch einmal versuchen, quasi eine Trophäe als Ende dieser Sommeroffensive in Besitz zu nehmen, möglicherweise Bogrovsk, um dann faktisch sich vorzubereiten in die jetzt kommende, wie jedes Jahr folgende Winterperiode, die eingeleitet wird durch die sogenannte Rasputica. Und am Ende der Rasputica ist zu erwarten, dass Russland mit einer neuen Offensive beginnt. Sie sehen, der Front ist auch an der Karte eingeblendet, es gibt also fünf Hotspots entlang der Front von Kupiansk über Siversk, Konstantinivka, Pokrovsk und Oma Pavlovka. Und genau hier wird es dann Russland im Herbst quasi mit seiner neuen Offensive weitermachen. Bleiben wir im Donbass. Wie ist die Situation in der seit Monaten umkämpften Stadt Pokrovsk? Immerhin ist es gelungen, russische Einbrüche in die Front zurückzudrängen. Dazu haben wir auch schon eine Frage im Chat. Wie lange werden die Ukrainer noch in der Lage sein, Pokrovsk zu halten?
Beginnen wir mit einer positiven Nachricht. Die Ukraine hat es tatsächlich geschafft, trotz eines erzielten tiefen Vorstoßes der Russen und trotz des Fehlern taktischer Reserven operative Reserven heranzuführen. Und mit diesen operativen Reserven konnte man tatsächlich zwei Vorstöße nördlich von Bokrovsk, einen tieferen und einen weniger tieferen Richtung Westen, abwehren. Zumindest im Prinzip die russischen Truppen quasi an einem weiteren Vordringen hindern. Im Moment toben dort heftige Kämpfe. Wir sehen hier in der Karte auch die Entwicklungen der letzten Wochen und Monate. Und wenn Sie jetzt am Ende der Karte noch einmal in der Mitte nach oben schauen, dann sehen Sie eben diesen gerade von mir dargestellten Vorstoß, den die Ukraine zum Halten bringen konnte. Aber, wie gesagt, das Gebiet ist zum Teil immer noch in russischem Besitz. Und Russland versucht südlich von Bogrovsk in die Stadtbezirke einzudringen. Das ist bereits in der Vergangenheit gelungen. Hier wurden sie wieder hinausgeworfen und beziehungsweise auch im Norden diesen Erfolg weiter auszubauen durch das Zusammenziehen von Elite-Truppen, die gerade von anderen Abschnitten der Front, vom zum Beispiel Nordabschnitt herangeführt werden. An der Front haben die ukrainischen Truppen weiter große Probleme. Deshalb intensivieren sie ihre Angriffe aufs russische Hinterland. Verstärkt zum Beispiel werden Ölinfrastrukturen angegriffen. Wir können uns das hier mal auf der Karte anschauen, welche Ziele die Ukraine hier in den vergangenen Wochen angegriffen hat, in den vergangenen zwei Wochen. Angefangen mit dem Ölhafen Ustluga, dazu zahlreiche Ölraffinerien.
Welche Rolle spielen diese Angriffe? Und ist dabei schon der FP Flamingo im Einsatz, also der Marschflugkörper, den die Ukraine selbst herstellt? Dazu haben wir auch eine Frage von Mike. Wie steht es um den ukrainischen Game Changer, wie er von einigen genannt wird? Flamingo, kommt damit jetzt Bewegung rein?
Ja, da waren jetzt eine Reihe von Fragen dabei. versuchen wir jetzt chronologisch das abzuarbeiten. Also wir springen jetzt von der taktisch-operativen Ebene wieder ganz kurz auf die strategische Ebene, die von Ihnen genannten Angriffe auf die Tiefe Russlands, im Wesentlichen hier auf die Ziele der Erdölindustrie, aber bitte vergessen Sie auch nicht auch die Ziele der Eisenbahn, Eisenbahnknotenpunkte, Logistikknotenpunkte. Und man hat es schon kurz auch in der Karte gesehen, ein sehr signifikanter Angriff war der Angriff auf diesen Verladehaven von Ostluga. Es gibt also hier zwei wichtige Häfen in Russland. und einer quasi am Schwarzen Meer und der andere wie eingezeichnet. Und hier kam es also tatsächlich zu Zerstörungen, die ein Ergebnis erwarten lassen, im Sinne quasi eines Nachlassens der Exportmöglichkeiten der russischen Wirtschaftsfraktion. Hinzu kommen auch die Treffer auf verschiedene andere Raffinerien, die Experten dazu bewogen haben, in der Bewertung festzustellen, dass es zu einem Einbruch von zwischen 17 bis 21 Prozent der Fördermengen gekommen ist. Das spürt leider nicht die russische Armee, denn die russische Armee wird weiter versorgt, aber ich spüre das russische Volk, denn wir sehen natürlich an den Tankstellen entsprechende Schlangen aufgrund dieser Verzögerungen als solches.
Ganz kurz vielleicht auch zum Einsatz der weiteren Waffensysteme. Völlig richtig, Sie haben es schon gesagt, wir haben den FP5 Flamingo, wir haben aber auch ein anderes Modell, die A169 Lutti. Beides ist das Ergebnis einer engeren Zusammenarbeit von ausgewählten Staaten mit der ukrainischen Rüstungsindustrie.
Im Falle des FP5 Flamingo ist also hier im Hintergrund britische Unterstützung und im Falle von der A169 Lutti ist es deutsche Unterstützung. Deutschland hat im Sommer des Jahres angekündigt, über 100 Millionen Euro hier zu investieren und die Ukraine in die Lage zu versetzen, diese weitreichenden Drohnen zu bauen und zu fertigen. Die FP5 Flamingo kann bis zu 3000 Kilometer fliegen, die A1 169 bis zu 2000. Und mit diesen Zielen greift man jetzt in der Tiefe an und versucht quasi entsprechend eine Schwächung vor allem der Exporte Russlands in den Ausland zu erreichen. Auch wichtig ist der Einsatz von diesen Drohnen oder ähnlichen Drohnen auf operativen Ebene. Auch hier darf man nicht übersehen, haben die Russen die Herausforderung, dass die Ukraine in den letzten Wochen massiv Angriffe geflogen haben auf die Eisenbahnanlagen. Das ist deswegen wichtig. Die russische Armee hängt vor allem von der Eisenbahnversorgung ab, um quasi ihre Ziele zu erreichen an der Front, nämlich das Heranführen der Truppen, der Munition, das alles passiert über die Eisenbahn. Also hier kann man durchaus zusammenfassend sagen, dass die Ukraine es geschafft hat, in den letzten zumindest 14 Tagen enorm den Druck zu erhöhen mit Hilfe dieser weitreichenden Drohnensysteme, die ich bereits genannt habe. Ich habe eine Frage für Sie aus ZDF Spaces von Augenzeuge. Er schreibt, viele Militäranalysten gehen davon aus, dass Putin 2027 so weit aufgerüstet hat, um die NATO an der Ostflanke anzugreifen.
Seine Frage dazu ist, wie ist eine derartige Aufrüstung möglich, wenn Russland täglich etwa 20 gepanzerte Fahrzeuge und einige hundert Soldaten verliert? Noch dazu, wenn die Ukraine ja jetzt gezielt die Energieinfrastruktur Russlands, wir haben ja gerade darüber gesprochen, angreift, kann sich Putin das überhaupt finanziell und auch politisch leisten?
Ja, auch hier muss man also vorsichtig sein und muss also sich im Detail die Aufrüstungsanstrengungen der russischen Seite ansehen. Wenn man an das Militär denkt, denkt man natürlich sofort an Panzer, Kampffahrzeuge und ähnliches. Aber wie gesagt, das ist nur eine Teilfähigkeit der Landstreitkräfte in den verschiedensten Domänen, dem militärischen Koordinatensystem, das vorhanden ist. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass Russland hier eine Reihe von Fähigkeiten hat in anderen Domänen. Ich zitiere hier NATO-Generalsekretär Rute, der wieder vor kurzem sehr drastisch gesagt hat, dass Russland Waffensysteme hat und baut, die in wenigen Minuten bis zu fünf Minuten faktisch Ziele in Europa erreichen können. Dazu brauchen die Russen keine 10.000 Panzer, sondern sie brauchen eine entsprechende Anzahl von zum Beispiel Mittenstreckenraketen. Und dass sie diese haben, das haben sie unter anderem mit dem Einsatz des Oreschnik gezeigt. Und ich spreche jetzt noch nicht von den Interkontinentalraketen. Und diese Fähigkeiten werden von Russland weiter ausgebaut. Und Russland tut das nicht alleine. Russland hat Unterstützung. Wir haben jetzt vor kurzem wieder auf einer sehr wichtigen Konferenz in China gesehen, wie es auf der einen Seite Indien, wie auf der anderen Seite wichtige Staaten, wie zum Beispiel China, Russland weiter unterstützen. Und das macht es Russland möglich, diese Aufrüstungsanstrengungen zum Nachteil Europas weiter zu vollziehen, gemäß dem strategischen Plan, den man sich gegeben hat. Es gibt noch eine Nachfrage zum Flamingo von Christel. Kann die Ukraine mit ihrem Flamingo die russische Öl- und Gasinfrastruktur so nachhaltig zerstören, dass Putins Macht wackelt?
Ja, die Antwort ist auch hier ganz einfach. Es gibt hier zwei Faktoren, die entscheidend sind. Das eine ist die Quantität des Waffensystems und das andere ist die Qualität des Waffensystems. Wenn der FP5 Flamingo oder auch die A169 als ähnliches Beispiel in einer sehr hohen Qualität vorhanden sind, dann bringen sie die entsprechende Präzision aus und auch die Fähigkeit, gegenüber russischen Fliegerwehrsystemen diese zu durchstoßen und Ziele anzugreifen. Wenn dann auch die entsprechende Quantität dazu kommt, also wenn wir hier von hunderten verfügbaren Drohnen oder Marschflugkörpern sprechen, sogar von Tausenden, dann haben wir genau diesen saturierenden Effekt. Das heißt, in sehr kurzer Zeit werden viele Ziele getroffen. Russland kann sich von diesen Schlägen nicht erholen und wir sehen also messbare Erfolge an der Front. Und das ist ja das Wichtige. Wir brauchen diese messbaren Erfolge. Das heißt, es hängt im Wesentlichen von diesen beiden Faktoren ab, ob derartige Waffensysteme tatsächlich zu möglichen Game Changers werden könnten. Es gab einen Vorfall bei Saporizhia. Den halten Sie für wichtig, sich das mal genauer anzuschauen, Gerade im Hinblick auf die Diskussion über mögliche Friedenstruppen. Es geht um einen Raketenwerfer vom Typ Neptun, den die Russen weit hinter der Front zerstört haben.
Genau, das ist korrekt. Wir haben also in den letzten Tagen zwei interessante Ereignisse gesehen, die vor allem in den Militärkreisen für Aufmerksamkeit gesorgt haben. Auf das eine Ereignis ist das Angreifen eines Neptunwerfers. Wir sehen das hier im Video. Wir sehen, dass hier eine russische Drohne die Vorbereitungen des Werfers zum Abschluss des Flugkörpers trifft. Und quasi in dem Moment schlägt eine Iskander-Rakete ein. Zwar nicht punktgenau, aber man kann erkennen, dass die Splitter im Prinzip dazu führen, dass der Flugkörper Neptun zerstört wird. Das ist deswegen interessant, weil damit wieder eindeutig erkennbar ist, dass Hoßmann in der Lage ist, bis tief hinter die Front, man nimmt an, mindestens bis zu 160 Kilometer, aufzuklären und wenn ein Ziel erkannt wird, dieses sofort zu bewirken. Und das ist vor allem relevant, wenn es umso Hochwertziele gibt wie diesen Neptunwerfer, der ja auch ein System war, das neben der Flamingo quasi dafür vorgesehen wäre, Ziele in der Tiefe anzugreifen. Und hier gibt es auch einschlägige Berichte aus der Expertenszene, auch vor kurzem ein Bericht der US-Streitkräfte, wo also hier festgestellt wird, dass Russland enorm gelernt hat in den letzten Jahren und Fähigkeiten hat, die es am Anfang des Krieges nicht hatte, wie zum Beispiel jetzt dieses Beispiel, ein Teil quasi des russischen Aufklärungs- und Angriffskomplexes, das zeigt, dass Russland in der Lage ist, sehr rasch Ziele aufzuklären und anzugreifen. Und das ist natürlich auch relevant im Blick auf eine mögliche zukünftige Friedenstruppe und deren Stationierung, ob in der Zentralukraine oder in der Westukraine.
Während der russische Angriffskrieg also weitergeht, wird in Paris bereits über ein Szenario nach einem möglichen Waffenstillstand gesprochen. Beim Treffen der Koalition der Willigen ging es auch um einen Einsatz europäischer Soldaten im Rahmen von Sicherheitsgarantien für die Ukraine. Unsere Korrespondentin Isabel Schäfers hat das Treffen verfolgt. Derweil hat mein Kollege Lück Walpott in der Ukraine beobachten können, wie sich die Orte an der Front auf einen russischen Vormarsch vorbereiten.
Also die Menschen, die noch ausharren in Kramatorsk, das war mal eine Industriestadt mit fast 200.000 Einwohnern. Jetzt sind noch irgendwas zwischen 60.000 und 80.000 Menschen dort. Genau gezählt hat das im Moment niemand. Die sind sich schon der Gefahr bewusst. Die wissen, dass die Front nur noch 20, 30 Kilometer entfernt ist. Die Stadt selber, Kramatorsk, liegt auch immer wieder als Angriffsziel der Russen offen da. Das heißt, es schlagen dort Raketen, Drohnen ein und so weiter.
Dennoch harren die Menschen noch aus und hoffen, dass die Front, die also wie gesagt knapp 30 Kilometer entfernt ist, stabilisiert werden kann. Aber uns haben auch Menschen mit Kindern gesagt, wir sitzen im Prinzip auf gepackten Koffern. Also das Auto steht bereit. Wenn sich an der Front was dramatisch verändert, dann sind wir weg. In der Stadt selber muss man sagen, funktioniert alles. Also die Läden sind geöffnet, es gibt Supermärkte, die Post funktioniert, die Stadtverwaltung. Aber es ist eben sehr, sehr, sehr viel Militär in der Stadt. Man sieht, dass die Stadt ausgebaut werden soll für einen möglichen Sturmlauf der Russen. Und etwas weiter südlich, da sieht es dann doch schon wirklich gefährlich aus. In der Stadt Kostjantinivka, das ist viel näher an der direkten Kontaktlinie, also dort, wo sich Russen und ukrainische Soldaten gegenüberstehen, da wird massiv evakuiert schon. Also da ist im Prinzip der Ort schon stark unter Beschuss, Drohnen jeden Tag, Artilleriefeuer. und dort ist im Prinzip auch kein Gas, kein Strom mehr. Das heißt, dort werden die Menschen schon evakuiert. Isabel, du hast das Treffen der europäischen Staats- und Regierungschefs heute mitverfolgt. Präsident Zelensky, der ukrainische Präsident, war auch dabei. Alle reden über Sicherheitsgarantien, aber darunter haben ja bis heute nicht alle dasselbe verstanden. Hat sich das heute geändert? Zu welchem Ergebnis ist man gekommen?
Ich glaube, solange es keinen Frieden gibt, ist ziemlich klar, dass alle auch sagen, wir können noch gar nicht wissen, was für konkrete Sicherheitsgarantien wir dann leisten müssen. Was aber heute durchaus geglückt ist, ist, dass Präsident Macron ja verkünden konnte, dass 26 Staaten dieser Koalition der Willigen durchaus ihre Planungen für Sicherheitsgarantien abgeschlossen haben. Im Rahmen einer Hypothese, was denn möglich wäre, wenn es denn mal zu einem Frieden kommt. Und das, muss man sagen, sind Sicherheitsgarantien, die die einzelnen Staaten für sich festlegen. Da braucht es also am Ende gar keine gemeinsame Definition. Was klar ist, ist, dass die Ukraine mehr militärische Unterstützung braucht, mehr finanzielle Unterstützung und auch Ausbildung der Soldaten. Und Macron hat auch gesagt, dass es unter diesen 26 Ländern, die sich jetzt festgelegt haben, um die 20 Länder gibt, die auch bereit seien, Truppen zu schicken. Weitere Details kennen wir aber nicht. Die sollten auch ganz bewusst nicht genannt werden, wie Macron sagte, weil man damit ja eben auch Russland dann etwas offenlegen würde, was man ihm nicht offenlegen will. Lück, Sicherheitsgarantien, Friedenstruppen, was denkt man in der Ukraine darüber?
Im Prinzip das, was schon seit dem Alaska-Treffen auch klar ist, das ist Schritt drei. Schritt eins wäre, dringend benötigt eine Waffenruhe. Man müsste den Krieg jetzt erstmal da einfrieren, wo er gerade steht. Das ist jedenfalls die Meinung der Menschen hier. Denn es werden ja jeden Tag Luftangriffe geflogen. Die Ukrainer verlieren jeden Tag Soldaten an der Front. Und viele Menschen, die ich hier gesprochen habe, in Frontnähe fragen sich eben, wie lange können wir das durchhalten? Wie viele Soldaten haben wir noch? Und wie lange kann Putin das durchhalten? Und da ist man hier zunehmend der Ansicht, wenn da kein Druck auf Putin kommt und der müsste vor allem von den USA kommen. Man ist froh über die Hilfe aus Europa, aber man weiß, dass der Einzige, der Putin wirklich zwingen könnte oder jedenfalls bewegen könnte, Trump ist. Solange das nicht geschieht, ist man hier sehr skeptisch. Man hofft darauf, dass die eigenen Soldaten, die eigenen Streitkräfte so gut ausgerüstet werden, dass sie zumindest die Front weitestgehend stabilisieren können. Dass man jemals das verlorene Gebiet nochmal mit aktiven eigenen Kräften zurückgewinnt, daran glaubt kaum noch jemand. Wie gesagt, das Wichtigste wäre, die Front stabilisieren und möglicherweise eine Waffenruhe, denn ja, die Menschen sind müde und man merkt das auch im Gespräch mit den Leuten. Die Frage ist, wie lange kann die Ukraine das durchhalten? Isabel, noch eine Frage an dich. Welche Rolle würde Deutschland in einem möglichen Friedensszenario einnehmen?
Also Macron hat bestätigt, dass Deutschland unter den 26 Staaten ist, die ihre Planungen für Sicherheitsgarantien abgeschlossen und vorgelegt haben. Aus Deutschland selbst hieß es dann heute, dass im Zentrum die ukrainischen Streitkräfte, diese zu finanzieren, zu bewaffnen und auszubilden. Also das ist das, wo Deutschland seinen Fokus drauflegen will bei diesen Sicherheitsgarantien. Und über ein militärisches Engagement werde Deutschland zu gegebener Zeit entscheiden, wenn die Rahmenbedingungen geklärt seien. Also da wurde nochmal ganz klar, dass Deutschland sich derzeit nicht an der Diskussion um Bodentruppen in der Ukraine beteiligen möchte, das für zu verfrüht hält oder natürlich auch weiß, dass es eine sehr schwere innenpolitische Debatte auch nach sich ziehen würde. Aber ich glaube, das Hauptziel hier heute von diesen 26 Staaten war auch gar nicht so sehr, ihre eigenen Sicherheitsgarantien jetzt wirklich so sehr zu konkretisieren, sondern vor allem etwas zu haben, was man dann Trump vorlegen konnte, ja auch in einem gemeinsamen Gespräch, um eben sicherzustellen, dass die USA sich beteiligen an Sicherheitsgarantien. Denn das ist nicht nur für die Ukraine wichtig, wie Lück ja gerade beschrieben hat, sondern das ist auch für die Europäer eine ganz maßgebliche Bedingung für ihre eigenen Sicherheitsgarantien. Also heute vor allem ein Signal eben auch in Richtung Washington, aber natürlich auch in Richtung Ukraine und Russland. Vielen Dank, Isabel, nach Brüssel und Lüg in die Ukraine. Macht's gut jetzt bei Tschüss.
Ja, und damit wollen wir dann nochmal zurück zu Markus Reisner, Oberst beim österreichischen Bundesheer. Willkommen zurück. Herr Reisner, für die Ukraine wäre es doch sicher auch im Hinblick auf einen möglichen Friedensprozess wichtig. Mehr aus der Defensive herauszukommen, um dann auch eine bessere Verhandlungsposition gegenüber Russland zu haben? Genau, Sie haben völlig recht und das tut die Ukraine auch. Man sieht auch zunehmend, dass die Ukraine die Geduld verliert, einerseits mit den USA, aber auch andererseits mit den Europäern. Die Ukraine steht mit dem Rücken zur Wand und versucht ihr Schicksal, so wie sie das auch in der Vergangenheit gemacht hat, selbst in die Hand zu nehmen. Und dazu gehört unter anderem der Einsatz von diesen weitreichenden Waffensystemen, um auf der strategischen und operativen Ebene Druck auf Russland auszuüben. Und auch Präsident Zelensky hat es gesagt, der Garant für ein bestehender Ukraine in Zukunft, egal ob es Friedensverhandlungen oder Waffenstillstand sind, starke ukrainische Streitkräfte, die ein Potenzial darstellen, dass Russland quasi abschreckt, weiter Richtung Westen anzugreifen. Bleiben wir mal beim Thema Friedensszenario. Die Europäer reden über Sicherheitsgarantien. Über welche Dimension sprechen wir da? Wie groß müsste so eine Friedenstruppe sein? Wie müsste sie ausgestattet sein? Welche Kompetenzen müsste sie haben?
Dazu müssen wir ganz kurz auch ein bisschen in die Historie von ähnlichen Missionen hineinsehen und die letzten Jahrzehnte, vor allem des letzten Jahrhunderts, betrachten. Es war so, dass nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Prinzip die UN-Charta jener Rechtsmaterie war, die den Handlungsrahmen festgelegt hat für den UN-Sicherheitsrat, für zukünftige Missionen, ob das Korea war oder schlussendlich auch der Mission an den Balkan, im Irak und ähnliches.
Und es war jahrzehntelang so, dass die großen Mächte, weil sie sich auf ein Mandat geeinigt haben, auch in einem Prozess das Ergebnis in einer langwierigen Diskussion dann präsentiert haben. Und dieses Mandat hat dann bestimmt, was die Truppen dann in diesem Land, in diesem Konfliktgebiet tun dürfen. Beobachten sie auf der einen Seite zum Beispiel Chapter 6 Missionen oder intervenieren sie, trennen die Konfliktparteien und versuchen das Töten zu beenden, also Chapter 7, im Prinzip Friedensdurchsetzung. Und dieser Prozess fehlt jetzt zurzeit, weil der UN-Sicherheitsrat gelähmt ist. Es gibt diese Diskussion nicht und damit steht sich natürlich die Frage für jeden Soldaten.
Wenn ich als Soldat meinen Fuß in die Ukraine hineinsetze, welche Garantie habe ich, dass wenn ich angegriffen werde von den russischen Streitkräften, dass einerseits meine Streitkräfte versuchen, das zu verhindern bzw. Dem etwas entgegensetzen. Und um das geht es im Kern der ganzen Debatte. Und darum, so leid es mir tut, drehen wir uns quasi hier im Kreis, weil wir haben natürlich auf der einen Seite, das kann man jetzt positiv erwähnen, durchaus eine gewisse Einigkeit auf europäischer Seite, dass man die Ukraine unterstützen möchte und dass es eine Koalition der Willigen gibt. Aber es bleibt bei vagen Aussagen zu dem Thema, wie das konkret aussehen kann und wird. Und da sind wir jetzt wieder bei den militärischen Fähigkeiten. Denn, wie Sie völlig richtig gesagt haben, es reicht also nicht, jetzt einfach Soldaten mit Panzern in die Ukraine zu schicken, sondern da braucht es eine ganze Bandbreite von unterschiedlichsten Fähigkeiten. Zum Beispiel, man braucht die Fähigkeit, ein Lagebild zu generieren. Das heißt, zu erkennen, starten die russischen Streitkräfte gerade Raketen, die meine Truppen auch in der Tiefe der Westen des Westens der Ukraine angreifen können, als Beispiel. Wir brauchen entsprechende Abwehrsysteme, das heißt Feldlager müssen geschützt werden, damit die anfliegenden Raketen abgeschossen werden können durch Fliegerwehrsysteme. Und Sie wissen, dass Diese sind knapp in Europa, denn wir haben viele nach Ende des Kalten Krieges quasi verbraucht oder quasi abgerüstet. Wir haben viele auch in die Ukraine geschickt und unsere Industrie ist sehr wenig nachgekommen, diese zu produzieren als solches.
Mark Rutte, wie gesagt, hat vor kurzem wieder erwähnt, dass Russland in der Lage ist, die wenigen Minuten Europa anzugreifen. Umso kürzer wird die Zeit, wenn diese Truppen in der Westukraine stationiert sind. Und das sind die großen Herausforderungen, die es zu beantworten gibt. Und man spielt jetzt von Europa den Ball zurück an die USA und sagt, wir sind bereit, wir wollen also Truppen schicken. Was könnt ihr uns jetzt geben, damit wir quasi garantieren können, dass wenn unsere Soldaten in die Ukraine eintreten, sie geschützt werden. Und jetzt können wir alle gespannt sein, was der amerikanische Präsident uns dann zur Antwort gibt. Hier im Chat stellt man sich auch die Frage, ob das denn überhaupt ausreicht, wenn man nur über westliche Staaten, über zum Teil eben hauptsächlich europäische Länder redet. Elo stellt die Frage, könnte es Friedenstruppen aus Nicht-NATO-Staaten geben? Oder Sven fragt, müsste eine Friedenstruppe auch Truppenbestandteile von Staaten des neuen ostasiatischen Bündnisses mit Indien, China oder sogar Nordkorea beinhalten?
Diese Frage ist völlig berechtigt und sie zeigt auch, dass der Fragesteller erkannt hat, dass sich die Welt nicht nur um Europa dreht, sondern dass die Welt viel globaler zu betrachten ist und dass der sogenannte globale Süden, der sich jetzt vor kurzem in einem kleineren Rahmen wieder in China getroffen hat, hier ein sehr gewichtiges Wort mitzureden hat. Es gibt also hier auch Szenarien, wo man zum Beispiel feststellt, dass es sein könnte, dass es im Prinzip zu einer Art Bufferzone kommt zwischen den Konfliktparteien, dass es eine Zone gibt links und rechts der Frontlinie und dass in dieser Zone sogenannte neutrale Truppen patrouillieren. Das könnten zum Beispiel Staaten wie China oder Indien sein, wobei man sich die Frage stellen muss, ob diese tatsächlich neutral sind. Dann quasi in einer sogenannten zweiten Linie wären ukrainische Truppen, die also bereitstehen würden, damit quasi sie agieren können, wenn es tatsächlich zu einem Angriff der russischen Truppen durch diese neutrale, patrouillierte Zone kommt. Und dann in der Tiefe, in der dritten Linie, da wären dann europäische Truppen, also in der Westukraine, die quasi permanent ukrainische Soldaten ausbilden, um diese in die sogenannte zweite Linie zu senden. Und das sind also mögliche Szenarien, die es hier gibt. Und man wird also auch hier gespannt sein müssen, ob der globalen Süden dann bereit ist, tatsächlich auch hier das Risiko für seine Soldaten einzugehen und diese auch in dieser Pufferzone patulieren zu lassen. Jetzt sagt NATO-Generalsekretär Rütte zum Thema Friedenstruppen, man solle sich gar nicht so abhängig machen von Russland. Wir hören da mal kurz rein.
Die Ukraine ist ein souveränes Land. Wenn sie Sicherheitsgarantietruppen zur Unterstützung des Friedens haben will, ist das ihre Sache. Niemand sonst kann darüber entscheiden. Und ich denke, wir müssen aufhören, Putin zu mächtig zu machen. Aber warum interessiert es uns, was Russland über Truppen in der Ukraine denkt? Es ist ein souveränes Land. Es ist nicht deren Entscheidung.
Stellt sich die Frage, wäre das denkbar, Friedenstruppen für die Ukraine ohne russisches Einverständnis? Alexander fragt im Chat auch, wird Russland westliche Militärkräfte in der Ukraine akzeptieren? Ja, der NATO-Generalsekretär hat natürlich völlig recht. Die Ukraine ist ein souveränes Land und kann selbst entscheiden, ob sie Truppen stationieren möchte auf ihrem Territorium oder nicht, vor allem Truppen, die gegen den Aggressor helfen. Aber noch einmal, ich wiederhole, wenn sie das tun, wenn sie sich auf das einlassen, also wenn sie A sagen, dann müssen sie auch B sagen. Das heißt, wenn Russland dann, so wie es jetzt sagt, diese Truppen angreift, dann müssen sie sich zur Wehr setzen können. Sie müssen ihre eigenen Truppen schützen können, sie müssen Gegenschläge durchführen können, sie müssen verhindern, dass Russland das in Zukunft wieder machen kann. Jetzt können Sie sagen, na gut, das sind alles Drohungen, wir lassen es nicht einschüchern, wir gehen also all in, Sie können Recht haben oder auch nicht. Das ist das, was Sie mitschwingen und das ist das, was diese Diskussion so elend und verzögernd macht, weil eben dieses Risiko im Hintergrund einfach mitschwingt. Es gibt noch eine letzte Frage aus dem Chat an Sie. Wie gesagt, wir wissen noch nicht, wie die USA reagieren werden und On Tour fragt eben, brauchen wir nicht die Unterstützung der USA oder würde sowas zur Not eben auch ohne die USA klappen?
Das hat man uns leider in den letzten Wochen und Monaten sehr drastisch von der Seite der USA vor Augen geführt. Ich denke hier nur zum Beispiel an die Münchner Sicherheitskonferenz. Ich denke hier zum Beispiel an die veröffentlichten Chats von hohen Angehörigen der US-Administration. Damals im Zusammenhang mit den Angriffen auf die Houthis, die eine sehr wichtige Versorgungslinie für Europa unterbrochen haben, wo also gesagt worden ist von amerikanischer Seite, jetzt müssen wir diesen Europäern schon wieder helfen, weil sie nicht die Fähigkeiten haben, ihre wichtigste Handelsroute freizukämpfen. Auch jetzt Trump vor kurzem wieder, der gesagt hat, die Europäer sollen doch bitte mal endlich aufhören, was sie bei den Russen auch über Zwischenhändler einzukaufen, damit man weiterreden kann. Also Sie sehen, da sind einige Faktoren, die relevant sind. Aber, und das ist das Entscheidende, die USA sind nach wie vor die mächtigste Streitmacht dieser Welt und sie haben die Fähigkeiten, ihre militärische Macht global projizieren zu können. Und diese Fähigkeiten sind vor allem hinterlegt mit entsprechenden Spezialfähigkeiten wie Aufklärung, also Intelligence und Ähnliches. Und da hat Europa in den letzten Jahren geschlafen, nach Ende des Kalten Krieges. Und wir haben auch jetzt in den letzten fast vier Jahren nichts unternommen, um hier nachhaltig wirklich nach und auf zu rüsten.
Hier wurde viel gesprochen, hier wurde viel diskutiert, hier sind viele Papiere geschrieben worden, hier wurden viele Gelder in den Raum gestellt, hier wurden viele Zahlen genannt von Tausenden von Fahrzeugen und so weiter, die man beschaffen möchte. Hier rennt auch einiges an, aber es ist einfach zu langsam bis jetzt gegangen. Und jetzt stehen wir genau vor der Debatte. Wie sollen wir jetzt in die Ukraine hineingehen? wie soll Europa hineingehen, wenn es eben wesentliche Unterstützungsmittelfähigkeiten nicht hat, die sie von den USA brauchen. Und darum wendet man sich jetzt wieder Hilfesuchern an die USA und sagt, ja, also wir wären ja bereit, etwas zu tun, aber bitte, wir brauchen also quasi von euch Intelligence-Aufklärung, die Fähigkeit zurückschlagen zu können, weil was sollen wir denn tun, wenn unsere Soldaten plötzlich angegriffen werden im Wesentlichen. Europa hat schon Fähigkeiten nach wie vor, auch im nuklearen Bereich, aber sie sind natürlich nicht so gut ausgeprägt, wie die amerikanische Seite das hat. Und vor allem hat die amerikanische Seite, und das ist ganz wichtig, auf der Eskalationsstufe viele Zwischenmöglichkeiten. Sie muss also nicht sofort zum Extremen gehen, wie das in Europa zum Teil der Fall ist, weil man eben alle anderen Zwischenmöglichkeiten abgeschafft hat.
Soweit die Analyse von Oberst Markus Reisner. Er sagt, eine Friedenstruppe für die Ukraine müsste eine ganze Bandbreite an verschiedenen Fähigkeitsprofilen erfüllen. Dabei könnten auch die Staaten des globalen Südens und China als vermeintlich neutrale Staaten eine Rolle spielen. Besonders entscheidend bleiben aber die USA, von deren militärischen Kapazitäten Europa weiter stark abhängig sei. Jede Woche reden wir in unserem Ukraine-Update mit Expertinnen und Experten und unseren Reporterinnen und Reportern in der Ukraine über die Entwicklungen und Hintergründe im Krieg und analysieren mit detaillierten Karten die Lage an der Front. Schaut gerne mal rein auf YouTube oder der ZDF-Heute-App und stellt eure Fragen. Vielen Dank fürs Reinhören und bis zum nächsten Mal.