Hallo, ich bin Christina von Ungarn-Sternberg. Schön, dass ihr heute wieder mit dabei seid. An dieser Stelle sprechen wir, wie jede Woche, über die aktuellen Entwicklungen und Hintergründe im Ukraine-Krieg. Heute geht es vor allem darum, warum Putin den Krieg in der Ukraine braucht. Denn Putin scheint weiterhin fest entschlossen, seine Kriegsziele zu erreichen und verstärkt unaufhörlich seine Drohnenangriffe auf die Ukraine. Warum geschieht das gerade jetzt und welche Bedeutung hat der Angriffskrieg grundsätzlich für Putin? Darüber habe ich mit dem Militärökonom Dr. Markus Kolb gesprochen. Er ist Dozent an der Militärakademie der ETH Zürich und analysiert hier unter anderem die militärische und ökonomische Lage Russlands. Als erstes habe ich Herrn Kolb gefragt, wie er die massiven russischen Angriffe einschätzt.
Wie immer muss man, um den Krieg zu verstehen, ein bisschen tiefer schauen und jenseits der medialen Bilder, die uns so vermittelt werden. Sie müssen vielleicht sich denken, dass dieser Krieg mehr aussagt über Russland als über die Ukraine. Ich denke, dass dieser Sommer der letzte ist, in dem Russland noch in der Lage sein wird, große Kräfte zu massieren, um den Krieg überhaupt noch irgendwie voranzubringen. Wir sind ja im Moment in dem Zeitfenster Sommer, Herbst, wo normalerweise die größeren Offensiven laufen. Das haben wir auch 2023, 2024 so gesehen. Und es sieht so aus, wenn Russland jetzt hier massiv die Ukraine mit Drohnen überzieht, dass das ein Zeichen russischer Stärke wäre. Wie Sie wissen, sehe ich die Dinge meistens ein bisschen anders. Ich würde vielmehr sagen, was wir hier sehen, ist das, wozu die russische Rüstungsindustrie im Moment kurzfristig überhaupt noch in der Lage ist. Also sprich, vor allem Billigdrohnen zu produzieren, also Schahed beziehungsweise die russische Lizenzvariante davon, die Gerant 2.
Ebenso Marschflugkörper, die sie durchaus noch in den Lagern haben, auch in relativ guter Stückzahl noch produzieren können. Was wir aber immer weniger sehen, sind an der eigentlichen Front mechanisierte Offensiven. Und was wir auch immer mehr sehen, sind eben infanteristische Vorstöße ohne jeden mechanisierten Schutz. Und das sagt Ihnen was über Russland? Ich glaube nämlich, dass die, wenn Sie die Wirtschaftsdaten aus Russland angucken, dass man das in Zusammenhang sehen muss mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Die zivile russische Wirtschaft ist mittlerweile in der Rezession.
Und das Einzige, was Russland eigentlich im Moment noch am Laufen hält, ist die Kriegsproduktion. Das ist jetzt aber nicht ganz so einfach, weil für die Kriegsproduktion brauchen sie ja Facharbeiter, also Arbeitskräfte.
Und gleichzeitig verschlingt die Front natürlich viele der jungen und qualifizierten Menschen, die sie eigentlich in der Rüstungsindustrie bräuchten. Das heißt also, Putin hat das Problem, er kann nicht beides gleichzeitig erreichen. Großflächige Offensiven am gesamten Frontbogen und gleichzeitig Steigerung der Rüstungsproduktion. Sehr verdächtig war in dieser Woche, dass die russische Statistikbehörde keine demografischen Daten mehr veröffentlicht seit letzter Woche. Und ich habe ja schon in der letzten Sendung darauf hingewiesen, dass Russland sozusagen von innen ausblutet oder sich selber verschlingt. Und ich glaube, das beginnen Sie jetzt langsam auch zu sehen in der Demografie. Und diese demografischen und wirtschaftlichen Probleme bestimmen zunehmend die Art und Weise, wie Russland Krieg führt, beziehungsweise wozu Russland überhaupt noch in der Lage ist. Herr Kolb, Sie haben jetzt drei ganz zentrale Punkte genannt. Das eine ist das Personelle sozusagen, die Möglichkeiten, die Russland personell hat. Das andere sind die wirtschaftliche Komponente. Auf beides werden wir gleich im Verlauf der Sendung nochmal detailliert eingehen. Aber lassen Sie uns beginnen mit den Angriffen von vorgestern auf gestern. Lassen Sie uns das noch mal detaillierter anschauen. Es fällt auch den Userinnen und Usern auf. Ein User namens Lenny schreibt gestern, gingen sehr viele Drohnen über der Grenzstadt Lutzk im Westen nieder. Und genau das haben wir auch noch mal als Karte vorbereitet. Auch um zu zeigen, wie sehr diese Angriffe in der Nähe der polnischen Grenze liegen. Und hier sehen wir es sehr deutlich.
Die Grenze zu Polen ist hier westlich eingezeichnet und dann sehen wir eben Lutzk. Das sind quasi nur 100 Kilometer bis zur polnischen Grenze von dort. Und wir sehen also, wie weit in den Westen die Angriffe gegangen sind. Welches Signal möchte Putin damit senden?
Ja, also ich glaube nicht, dass das jetzt ein spezifisches Signal ist nach dem Motto, ich kann den gesamten Luftraum der Ukraine beschießen. Das kann er eigentlich schon seit der Krieg begonnen hat. Also die westliche Ukraine ist in jedem Kriegsjahr beschossen worden, auch schon in 22, in 23 und in 24. Vielleicht ist da jetzt auch das historische Gedächtnis schon ein bisschen zu kurz. Ich glaube vielmehr, dass er damit einfach zeigt oder zeigen will, dass er sozusagen immer noch produktionsfähig ist, dass er in der Lage ist, massive Angriffe durchzuführen und zwar in alle Regionen der Ukraine. Jetzt muss man da aber auch wissen, wenn solche massierten russischen Angriffe vorgetragen werden, dann gehen denen Wochen von Vorbereitungszeit voraus, weil auch wenn das jetzt relativ.
Also im Fall der Drohnen relativ primitive Mittel sind, ist das trotzdem nicht ganz einfach, sowas orchestriert zu organisieren. Das heißt also, ich würde jetzt nicht davon ausgehen, dass das jetzt jeden Tag passiert, sondern das sind eher so Abschnitte, wo man sagt, wir organisieren sowas einige Wochen lang, dann wird das durchgeführt und dann gibt es wieder einen Leerlauf von mehreren Wochen, wo man das nächste organisieren muss. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel. Am 3. Juli, das ist eigentlich von der Presse kaum bemerkt worden, aber da gab es entlang des gesamten Frontbogens, also über 1200 Kilometer schwere Bombardements aus der Luft und auch mit Artillerie auf alle ukrainischen Stellungen.
Auch das ist wochenlang vorbereitet worden und dann ist wieder wochenlang nichts. Und dieses Muster, das zeigt Ihnen eben, dass dieses Märchen, das ja auch in Deutschland gern geglaubt wird, die unendlichen russischen Ressourcen und so weiter, dass das immer unglaubwürdiger wird. Also dass Russland auch immer länger braucht, um solche konzentrierten Kräfte zu erzeugen. Einmal zu sammeln und dann zu entfalten. Also ich glaube, es geht hier wirklich mehr um die propagandistische Wirkung, die Putin anstrebt, als um den wirklichen militärischen Effekt. Weil wenn Sie den angucken, würde ich sagen, die meisten dieser Flugkörper werden abgeschossen. Natürlich einige dringen durch und verursachen Schaden, aber kriegsentscheidend ist das nicht. Wohl aber sind es Kriegsverbrechen, wie ich immer wieder sage. Das Traurige ist, wir haben uns schon so sehr an diese Bilder gewöhnt, dass wir das gar nicht mehr mitbekommen. Aber die Bombardierung ziviler Städte, Infrastrukturen der Zivilbevölkerung und so weiter sind Kriegsverbrechen. Und ich hoffe sehr, dass man dann irgendwann die Verantwortlichen auch zur Verantwortung dafür ziehen wird.
Russland ist laut Kolb also gar nicht so stark, wie viele glauben würden. Dennoch halten die Attacken an. Nicht nur die ukrainische Hauptstadt Kiew wird beinahe jede Nacht angegriffen. Deshalb brauche das Land weiterhin internationale Unterstützung, sagt Präsident Zelensky bei der Ukraine-Wiederaufbau-Konferenz in Rom. Vor allem die Flugabwehr müsse gestärkt werden. Laut Angaben der UN sind im Juni so viele ukrainische Zivilisten wie noch nie zuvor gestorben. Wie die Menschen in der Ukraine auf die massiven Angriffe schauen und was das mit ihnen macht, beschreibt unser Reporter Dara Hassan Sadeh so.
Die Menschen hier führen ein Doppelleben. Das ist besonders unterschiedlich, seitdem Russland so enorm stark angreift mit dieser Vielzahl von Drohnen. Was natürlich zur Folge hat, dass in den Städten auch eine Vielzahl von Flugabwehr aktiv ist. Das sind auch sehr bedrohliche Geräusche, die sehr ähnlich klingen wie die eines Einschlags. Hinzu kommen auch noch Trümmerteile, die herunterfallen. Es gibt aber auch diesen psychologischen Effekt. Ein Vater hat mir erzählt, dass sein jüngerer Sohn, wenn er den Luftalarm nachts hört, sich sofort anzieht, aus dem Bett springt und 300 Meter zum nächsten Bunker rennt, während sein älterer Sohn einfach im Bett liegen bleibt und nicht aufstehen will und sagt, Er will nicht, er ist kaputt, er ist müde. Und den muss er mit größter Mühe rausbekommen, denn es ist äußerst gefährlich. Wie sorgen denn die Ukrainer für Nachschub an der Front?
Zum einen gibt es die Drohnen und dort ist die Logistik mittlerweile hervorragend. Die Ukraine ist in der Lage, sehr viele Drohnen selbst herzustellen, von Kamikaze-Drohnen bis zu Aufklärungsdrohnen und Beobachtungsdrohnen. Und sie setzen sie auch im Verbund ein. Es funktioniert auch sehr gut, dass die Drohnenhersteller und die einzelnen Verbände an der Front miteinander im Austausch stehen und dann reagieren können, wenn Russland zum Beispiel eine Modifikation entwickelt hat. Und alte Drohnen an Wirksamkeit verloren haben. Es gibt auch Kooperationen mit dänischen Herstellern, mit deutschen Herstellern und es ist auch geplant, mit amerikanischen Herstellern dies zu machen. Das ist das eine. Was ich auch noch sehr spannend fand, ich hatte die Möglichkeit, in einem metallverarbeitenden Betrieb zu drehen. Den Ort darf ich nicht nennen.
Und dort hat man Ersatzteile für die Panzerhaubitze hergestellt und stellt sie auch her. Man hat festgestellt, dass nach 1000 Schuss gewisse Teile, die vorher vielleicht gar nicht als Verschleißteil eingeschätzt waren, sich doch einfach abnutzen und deswegen ausgetauscht werden müssen. Normalerweise muss die Panzerhaubitze dann dafür das Land verlassen und in Deutschland oder Polen an einem Hub wieder hergerichtet werden. Doch durch diesen Austausch, durch diese Herstellung dieser Teile, können die Soldaten vor Ort das machen. Und das ist das Entscheidende in der Ukraine. Denn geplant ist bei der Panzerhaubitze eigentlich zwei Teams. Ein Team, was erwartet und ein Team, was an der Front die Panzerhaubitze benutzt und damit kämpft. Und in der Ukraine müssen die Soldaten an der Front dies selbst tun. Und dadurch ist die Verweildauer der Waffe an der Front auch größer.
Das ukrainische Militär weiß sich also zu helfen. Trotz wenig Personal und Material kann es verteidigungsfähig bleiben. Wie sehr braucht Putin diesen Krieg und welches Interesse hat er, seine Angriffe immer weiter fortzusetzen? Dazu noch einmal der Militärökonom Markus Keup. Ich sage mittlerweile, der Krieg wird wahrscheinlich überhaupt nicht mehr enden, Weil er für Russland mittlerweile das ideale Geschäftsmodell ist. Wenn der Krieg besser ist für Russlands innere Verhältnisse und für die Stabilisierung der putinistischen Autokratie, wenn er besser ist als Frieden, dann ist das eine dystopische Stabilisierung. Krieg ist Frieden, also zumindest innerlich für Russland. Und wenn sie solche Verhältnisse haben, warum sollten sie dann aufhören? Ich denke, das ist etwas, was schwer zu verstehen ist. Ich habe ja kürzlich ein neues Buch herausgebracht, Spurwechsel, und ich widme dort einen ganzen Abschnitt nur dieser Thematik, also zu erklären, warum diese kriegerische Dauerhandlung, die Putin da vornimmt, eigentlich stabilisierend wirkt auf sein Regime.
Und ich denke, solange das der Fall ist, so lange wird er nicht aufhören. Also das auch an die Adresse sämtlicher naiver Friedenshoffnungen, die dann sagen, ja, aber lass uns doch verhandeln und so weiter. Ich glaube nicht, dass die auch nur ansatzweise verstanden haben, was Putin eigentlich gemacht hat mit Russland. Also wie sehr er dieses Land durch den Krieg mittlerweile transformiert hat und vollständig autoritär durchdrungen hat. Es hat natürlich auch wirtschaftliche Gründe. Also die russische Ökonomie ist mittlerweile so stark auf die Kriegsökonomie fokussiert, dass sie die gar nicht mehr anhalten können. Also sie können jetzt nicht von heute auf morgen einfach zu einer zivilen Wirtschaft mit normaler Produktion und normalem Außenhandel zurückgehen. Dafür haben sie auch gar nicht mehr die internationalen Beziehungen. Also sprich, es ist sehr schwer, sich ein Russland vorzustellen, das nicht mehr Krieg führt. Ich denke eben, es wird das Gegenteil passieren. Also es wird ein Staat sein, der vielleicht nicht mehr mit voller Intensität in der Ukraine Krieg führen wird, aber auf jeden Fall aufrüsten wird und irgendwann natürlich dann auch in anderen Räumen versuchen wird, seine Macht weiter zu projizieren, möglicherweise in Georgien, möglicherweise im Baltikum, vielleicht sogar in Zentralasien. Aber ich möchte sehr davor warnen, vor solchen naiven Perspektiven, Die glauben, demnächst ist es vorbei oder noch schlimmer, Putin, so eine Art böser Zauberer, wenn der dann stirbt, dann wird alles wieder gut.
Ich glaube das nicht. Nein. Und ich denke, dass ein bisschen Realismus hier angebracht wird. Bevor wir gleich nochmal über die Kriegswirtschaft sprechen und die Aspekte, können Sie gerade mal drei Beispiele nennen, weil Sie sagen, das stabilisiert Putin und das Russland, das er sich aufgebaut hat. Vielleicht ganz kurz drei Beispiele, inwiefern?
Ja, ganz einfach. Erstens die innere Durchdringung Russlands durch die putinistische Machtvertikale. Also Russland ist nur noch auf dem Papier einer Föderation. Jegliche Eigenständigkeit der russischen Republiken beziehungsweise der eigenständigen Einheiten, die es früher gab unter der Jelzin-Organisation noch, also zum Beispiel die autonomen Oblaste, das ist alles mittlerweile unter der Kontrolle Putins. Also Russland ist nur noch auf dem Papier eine Föderation, aber de facto herrscht Putin zentralistisch durch. Also eigentlich wie früher in der Sowjetunion. Zweitens, Russland ist mittlerweile ein dualer Staat geworden. Das heißt also pro forma bestehen die Institutionen der Föderationsstaatlichkeit wie die Duma oder die Föderationsverfassung zwar fort. De facto sind es aber die Silowiki, die Russland de facto durchregieren mit Hilfe dieser Proforma-Mechanismen. Aber de facto ist es der nationale Sicherheitsrat, in dem das beschlossen und abgenickt wird. Das ist eigentlich ganz ähnlich wie im nationalsozialistischen Deutschland. Auch da bestand ja die Weimarer Reichsverfassung pro forma weiter. Und das Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten wurde tatsächlich alle vier Jahre verlängert, um also diesen pseudolegalen Zustand der Hitler-Diktatur scheinbar zu legitimieren. Es ist interessant, wie die Geschichte sich da nicht wiederholt, aber sich eben reimt in diesem Motiv des dualen Staates.
Das dritte Beispiel ist selbstverständlich die wirtschaftliche Stabilisierung. Dadurch, dass Russland eine Kriegsökonomie ist, kann es ungestraft keynesianische Politik durchführen. Das heißt, es kann beliebig Staatsaufträge verteilen, diese durch versteckte Inflation finanzieren. Es kann beliebig Menschen heranziehen, die es mit sehr hohen Geldzahlungen eben dazu bringt, sich an der Front zu opfern. Alles das könnten sie in einer funktionierenden Zivilgesellschaft nicht tun. Das würde massive zivilgesellschaftliche Proteste und Widerstand hervorrufen. Das alles passiert nicht mehr. Ich könnte jetzt noch weitere Beispiele nennen, ich glaube, aber dafür haben wir die Sendezeit nicht. Aber es ist wichtig, dass Sie eben verstehen, dieses Russland ist nicht das romantische Russland, das so mancher, der in der Vergangenheit stecken geblieben ist, sich vielleicht imaginiert. Es ist auch nicht die Sowjetunion. Es ist etwas Eigenes, das eigentlich der Autokratie, der Zaren mehr ähnelt als der Sowjetunion oder jeder anderen Staatsorganisation vorher. Und so eine massive Transformation in gerade mal drei Jahren, das ist wirklich was Besonderes und das darf man nicht unterschätzen.
Militärökonom Keup hat hier schon die sogenannte Kriegswirtschaft angesprochen. Für euch hier kurz ein paar Eckdaten, um zu verstehen, was das im Falle Russlands überhaupt bedeutet. Die russische Wirtschaft wurde in den vergangenen Jahren so umstrukturiert, dass sie dem Krieg dient. Ehemalige Industrieregionen profitieren davon. Im vergangenen Jahr hat der Kreml nämlich rund 149 Milliarden Dollar für sein Militär ausgegeben. Das sind massive Staatsausgaben, die sich auch auf die Inflation in Russland auswirken. Der Preis vieler Grundnahrungsmittel ist drastisch gestiegen. Kartoffeln sind dreimal so teuer wie noch vor einem Jahr. Von Herrn Keup wollte ich wissen, ob Russland bei solchen Ausgaben auch für Sozialleistungen und Löhne verwendet. Bald finanziell zusammenbricht.
Ich würde nicht sagen, dass Russland finanziell zusammenbricht. Noch haben sie Reserven. Also der Nationale Wohlfahrtsfonds, das stimmt schon, dessen liquide Reserve nähert sich dem Nullpunkt. Sie haben aber immer noch die Goldreserven der Zentralbank. Und selbstverständlich haben sie die Möglichkeit, auf die monetäre Staatsfinanzierung auszuweichen. Das heißt also, alles durch verdeckte Inflation zu finanzieren. Das heißt, das wird ein bisschen wie in der Sowjetunion. Ich denke, man wird da irgendwann dazu übergehen, Grundnahrungsmittel, Benzin, Diesel und Wohnungsmieten sehr stark zu subventionieren, wie es auch in der Sowjetunion der Fall war, und alle anderen staatlichen Ressourcen in die Rüstungsproduktion zu lenken. Damit einhergehen wird natürlich eine weitgehende Verarmung der russischen Bevölkerung. Das heißt also, alles, was Putin so in den letzten 25 Jahren aufgebaut hat, im wirtschaftlichen Sinne, das wird wieder verloren gehen. Aber darauf muss er keine Rücksicht mehr nehmen. Er ist kein Politiker mehr, der auf Beliebtheit achten muss oder der sich irgendwie beweisen muss, sondern er kann jetzt sozusagen seine Vorstellungen von Macht oder von imperialer Machtproduktion ohne Rücksicht auf die Lebenswirklichkeit der Bevölkerung durchsetzen. Also ich glaube, Russland wird so ein bisschen wie der Iran werden, eine hochgradig autoritäre und korrupte Ökonomie, die alles hineinschmuggelt, was sie benötigt, mit einem weitgehend verarmten Volk, aber eine Klasse von protegierten Apparatschicks, die sich eigentlich alles leisten können, solange sie politisch treu sind.
Zur Frage nach der Wirtschaft noch ein Einwurf von Lenny Busch. Die fragt, inwiefern waren wirtschaftliche Aspekte zentrale Motive hinter den imperialen Bestrebungen Russlands, die Ukraine zu überfallen?
Ja, das wird häufig behauptet. Also ich würde jetzt nicht sagen, dass der russisch-ukrainische Krieg so ein typischer Kolonialkrieg ist. In dem Sinne, ich ziehe jetzt los und eigne mir irgendwelche Gebiete an, wo es Rohstoffe gibt. Also Russland ist ja kein rohstoffarmes Land. Russland war vor dem Krieg treibstoffautark, konnte seine eigene Bevölkerung vollständig ernähren und zusätzlich Agrargüter exportieren. Auch das ist im Moment am Verloren gehen. Also Sie haben es ja gerade gesehen mit dem Kartoffelpreis, auch andere Güter wie Butter zum Beispiel sind massiv teurer geworden.
Ich denke, dass das so langsam verloren gehen wird. Und wenn Sie die ganzen wirtschaftlichen Verwerfungen angucken, die jetzt in Russland passieren, inklusive der Bevölkerungsverarmung, da muss ich sagen, dann ist das ein ziemlich, ziemlich dummer Move, in die Ukraine hineinzugehen, um quasi alles zu opfern, was man an Wohlstand und Fortschritt 25 Jahre erwirtschaftet hat, um sich jetzt da ein bisschen Eisenerz, Kohle und Titan zu greifen. Also das glaube ich nicht. Nein, für mich ist der Versuch, sich die Ukraine zu unterwerfen, ein typisch imperialer Krieg, der jenseits von wirtschaftlichen Motiven geführt wird. Ich glaube persönlich nicht, dass Putin besonders stark interessiert ist an wirtschaftlichen Fragen. Dafür hatte er früher seine Neoliberalen. Frau Nabiulina, die Gouverneurin der Zentralbank, ist eigentlich die letzte große Figur, die da mitgeholfen hat, das putinistische System eben so wirtschaftlich liberal auszugestalten. Aber ich glaube nicht, dass Putin sich um sowas noch großartig kümmert. Wenn Sie die russischen Regionaleinheiten angucken, also die Gouverneure der verschiedenen Oblaste, die fangen mittlerweile an, sich doch lautstark zu beschweren, weil die müssen jetzt zum Beispiel den ganzen sogenannten Wiederaufbau, wie das das putinistische Russland nennt, also damit ist gemeint.
Dass man ab und zu so aus Propagandazwecken so ein Wohnhaus hinstellt und zwei Straßen dazu, während das Land zerstört ist. Aber trotzdem, das müssen die alles finanzieren, weil von irgendwo muss das Geld ja herkommen.
Und wenn Sie das alles so zusammenrechnen, würde ich sagen, also das ist keine gesunde Wirtschaftspolitik und das ist auch nicht die Art, wie Sie einen Kolonialkrieg führen würden. Das ist einfach, würde ich sagen, das Hinopfern, das bewusste Hinopfern von wirtschaftlichen Ergebnissen für irgendeine diffuse Vorstellung von imperialer Größe. Ich habe das in einem Vortrag mal genannt, dann herrschen wir eben über Ruinen, aber über den Ruinen weht unsere Flagge und deswegen sind es unsere Ruinen. Ruinen. Also nach dem Motto, mehr ist besser, auch wenn alles kaputt ist. Und das ist so ein irrationaler Zug in diesem imperialen Denken, das man mit westlichen Augen nicht so vollständig verstehen kann. Aber ich glaube, man muss sich dieser Realität eben öffnen, um den Krieg vollständig zu verstehen. Es gibt auch ein paar Fragen zu Grenzverläufen, besetzten Gebieten, die Möglichkeit, wenn es einen Waffenstillstand geben sollte, anhand welcher Grenzverläufe dann da möglicherweise verhandelt werden könnte. Deshalb schauen wir uns jetzt mal an, was an der Front passiert, beziehungsweise was nicht an der Front passiert. Denn das ist ja auffällig, ist nicht neu. Aber auch heute müssen wir feststellen, es tut sich in diesen drei Jahren Krieg auch mit Blick heute auf diese Fronten relativ wenig.
Genau, wir haben eine Karte auch vorgelegt dafür, können uns das anschauen und sehen eben, vielleicht können Sie das kommentieren, Herr Dr. Kolb, dass man hier sich in einem Stellungskrieg befindet und wir sehen hier auch den zeitlichen Verlauf über die letzten Monate hinweg bis zum Datum heute und wie gesagt, das sind nur wenige Meter, die man da jeweils vorankommt. Ja, das ist eine sehr lehrreiche Grafik. Vielleicht können wir sie nochmal von vorne starten, einfach, dass Sie diesen zeitlichen Verlauf nochmal verfolgen.
Sie sehen nämlich, dass Sie nichts sehen. Ich habe ja schon in der letzten Sendung gesagt, die Front steht. Jetzt startet die Grafik nochmal. Jetzt schauen Sie mal auf den zeitlichen Verlauf hier in dem weißen Rechteck und vergleichen Sie mal, wie die orange Frontlinie sich nicht bewegt. Also Sie bräuchten hier einen deutlich höheren Zoom-Faktor, um festzustellen, dass sich da überhaupt was bewegt. Ab und zu sehen Sie so einen ganz kleinen Tick, der sich nach vorne bewegt. Also Sie können den Fortschritt mittlerweile in Metern messen.
Ich habe es mal angeguckt diese Woche auf meinen Karten. Ich bin jetzt bei 1,5 Kilometern pro Woche durchschnittlicher Fortschritt. Und das, ich sage es immer wieder, obwohl Russland personell absolut überlegen steht. Also es gibt Frontabschnitte, gerade den zum Beispiel bei Pakrovsk, wo Russland eine Division mehr stehen hat als die Ukraine, also 20.000 Mann mehr. Und die werden jeden Tag in menschlichen Wellen vorgeschickt. Jeden Tag ist die Todesquote unverändert bei etwa 1.000 Kombatanten pro Tag entlang des gesamten Frontbogens. Und Sie sehen, was passiert, nämlich nichts. Und das ist wirklich bemerkenswert. Ich sage das auch immer wieder an die Adresse all derer, die uns 2022 etwas erzählen wollten von die großartige russische Armee. Die Sache ist in drei Tagen gelaufen, die unendlichen russischen Ressourcen und so weiter und so weiter. Aber schauen Sie auf die Karte. Das ist die Realität, das ist die Empirie und die benötigt keine ideologischen Prämissen, die benötigt keine Glaubenssätze, das sind die nackten Tatsachen.
Und wenn Sie jetzt eine Nation sind, die so Krieg führt, dann stellen Sie vielleicht fest, dass das nicht ewig so weitergehen kann. Weil natürlich sind wir immer noch im Modus Abnutzungskrieg. Das heißt also, geografisch gesehen bewegt sich da nichts an der Front. Aber die Ressourcen, die gehen natürlich trotzdem unter. Also obwohl kein Fortschritt vorhanden ist. Und Sie sehen, wie ich ja immer sage, die Physik gilt auch in Russland. Das heißt also, ewig können Sie das nicht durchhalten mit diesem ewigen Hinopfern. Und deswegen habe ich ja vorhin zu Beginn der Sendung schon mal gesagt, glaube ich, dass dieser Sommer wahrscheinlich der letzte ist, in dem Russland noch mal so größere Offensiven vornehmen kann oder größere Kräfte massieren kann. Sie haben Pokrovsk gerade angeschaut. Auch von dort werden heftige Kämpfe gemeldet, auch wenn sich nichts tut. Können wir noch mal detailliert auf diese Region eingehen? Ja, klar.
Genau, da sehen wir jetzt die Karte. Und wenn wir hineinzoomen in die Karte, dann sehen wir hier den Verlauf. Und auch hier schauen Sie mal auf den zeitlichen Verlauf, was sich tut. Das hier ist der am schwersten umkämpfte Sektor der gesamten Donbass-Front. Wie gesagt, Russland hat in diesem Sektor etwa eine Division mehr an Personal als die Ukraine. Und Sie sehen, was passiert. Also Sie rücken schon vor, sehr, sehr langsam. Wir sehen auch hier das übliche russische Vorgehen. Also das Ziel wird nicht frontal genommen, sondern es wird umgangen. Also sie umgehen es sozusagen links und rechts und versuchen, das Ganze einzuschließen, also einen Kreis zu bilden und damit die Ukraine zum Rückzug zu zwingen, bevor der Sack sozusagen zugemacht wird und sie in der Falle sitzen. Das ist das übliche russische Vorgehen. Das haben wir an vielen, vielen Orten gesehen im gesamten Kriegsverlauf. Aber bisher funktioniert das nicht. Das liegt an verschiedenen Faktoren, unter anderem am konzertierten Einsatz und auch am massenhaften Einsatz von Drohnen seitens der Ukraine. Also diese Kampfführung wird nicht symmetrisch geführt, also nicht Mann gegen Mann, sondern sozusagen Mann gegen Drohne. Und das beherrscht die Ukraine mittlerweile recht gut, hier jegliche russische Offensive zum Stehen zu bringen. Und wenn Sie jetzt sagen, es wird von schweren Kämpfen berichtet, ja, natürlich, aber da muss ich sagen, das ist nichts Neues. An diesem Sektor alleine finden jeden Tag bis zu 20 Angriffe statt.
Und ja, auch da muss man sagen, also seit drei Jahren Krieg ist es Russland nicht gelungen, größere Räume für die Bewegung zu öffnen. Also sie rücken zwar sehr, sehr langsam unter enormen Opfern vor von Dorf zu Dorf, aber es tut mir sehr leid. Also Bewegungskrieg ist was anderes und strategischer Durchbruch ist auch was anderes. Wiederum, andererseits gelingt es natürlich auch den Ukrainern nicht, die Russen weiter zurückzudrängen. Das stimmt, ja. Das können sie auch gar nicht mit den Ressourcen, die sie im Moment haben. Und ich denke, da ist es sinnvoll, einen kurzen Seitenblick zu werfen auf das, was die Ukraine kann und was sie nicht kann.
Was man zunächst mal vielleicht beachten muss, ist, die Ukraine ist ja jetzt rüstungstechnisch kein Neuling, sondern ein Großteil der sowjetischen Rüstungsindustrie war ja in der Gegend von Kharkov angesiedelt.
Auch in der Oblast Lugansk, also Charkov, die Universität, war in der Sowjetunion eine berühmte Ausbildungsstätte für Ingenieure, für Mathematiker, Physiker, viele davon in der sowjetischen Rüstungsindustrie beschäftigt. Und Sie sehen jetzt, wir haben Sie ja kurz in Ihrem Einspieler gesehen, von der Firma, die Ihr Korrespondent besucht hat, dass diese Fähigkeiten so langsam in der gesamten Wirtschaft wieder reaktiviert werden. Also, dass die Ukraine in manchen Bereichen dazu übergeht, selbst und auch deutlich schneller und besser zu produzieren als westliche Technologie, insbesondere was Drohnen angeht. Aber das gilt nicht für alles. Also, wo die Ukraine immer noch große Schwächen hat, ist natürlich Luftverteidigung. Also, für die Verteidigung der großen Städte ist sie angewiesen auf westliche Systeme, also insbesondere auf Patriot, aber auch zum Beispiel auf den Gepard. Mit dem schießt sie vor allem die langsam fliegenden Schahed Drohnen ab. Und da braucht sie nach wie vor westliche Hilfe. Das ist übrigens auch der Grund, warum Putin eben denkt, okay, ich überziehe die Ukraine jetzt halt mit den Angriffsmitteln, die sie selbst möglichst schlecht abwehren kann und wo der psychologische Effekt am größten ist. Also weil er halt darauf spekuliert, sozusagen Trump liefert jetzt weniger an Luftverteidigung und gleichzeitig terrorisiert das die Zivilbevölkerung und so komme ich dann auch zum Ziel.
Wobei ich sagen muss, das hat er 2022, 2023 schon probiert, hat damals nicht funktioniert. Also insofern glaube ich nicht, dass sich das durchsetzen wird. Aber Sie sehen, wie das alles so in Zusammenhang steht. Und das ist, was ich immer sage. Man darf das medial nicht so einzeln betrachten, sondern man muss versuchen, das Gesamtbild zu verstehen.
Die mögliche, doch wieder bevorstehende Unterstützung der Ukraine durch die USA in einer größeren Dimension besprechen wir gleich. Erstmal aber noch zu den Patriots, die Sie angesprochen haben. Da hat jetzt gerade Bundeskanzler Friedrich Merz angekündigt, die Deutschen würden zwei Patriot-Systeme von den Amerikanern kaufen, um sie wiederum der Ukraine zur Verfügung zu stellen. Wie wichtig ist das? Also Patriot ist sehr, sehr wichtig für den Schutz der zivilen Infrastruktur und der Städte, weil gerade weil Putin eben versucht, diesen psychologischen Effekt auszuspielen, also die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, muss man eben vermehrt darauf achten. Außerdem, jede Patriot-Batterie, die eine Stadt schützt, macht andere Geräte frei, die sie dann für die eigentliche Kampfführung einsetzen können. Also sprich, sie brauchen dann weniger konventionelle Artillerie zum Beispiel, weniger konventionelle Flak oder Luftverteidigung. Und Patriot ist natürlich eines der leistungsfähigsten Systeme, die sie überhaupt haben können. Insofern ist es schon wichtig. Und ich denke, die Idee, dass man das jetzt Amerika abkauft, ist vielleicht so ein bisschen eingehen auf Trump. Weil damit kann man Trump dann sagen, hey, lass uns ein Deal machen, du verkaufst uns Patriot und was wir dann damit machen, das ist ja eigentlich unsere Sache.
Dann fragen wir nochmal nach zu Donald Trump und seiner Unterstützung für die Ukraine. Wir haben ihn gehört. Offenbar hat ihm das letzte Telefonat mit Wadimir Putin nicht wirklich gefallen. Und er denkt auch wieder darüber nach, die Ukraine doch wieder mehr zu unterstützen. Wie glaubwürdig ist das?
Ja, also Trump muss man ja immer sehr stark diskontieren. Der Mann sagt heute so und morgen so. Aber die, also die Bottom Line sozusagen, auf das man ihn immer zurückführen kann, ist, der Mann ist ein Narzisst. Und der Mann will schnelle Ergebnisse. Das heißt, er mag es nicht, wenn er ausgespielt wird und er mag es nicht, wenn das, was er vorhat, er auf Widerstände trifft oder einfach nicht ernst genommen wird. Da wird er dann sehr, sehr, sehr schnell wütend und auch persönlich. Und Putin kann halt auch nicht aus seiner Haut. Also sie merken, Putin, der trainierte Tschechist, denkt halt, ich kann alle gegeneinander ausspielen und ich mache hier mein altes Spiel. Also ich tue so, als sei ich verhandlungsbereit oder würde hier irgendwelche Waffenstillstandsverhandlungen führen und am nächsten Tag schicke ich eine Barrage von 700 Drohnen und Marschflugkörpern und bombardiere Kiew. Und was passiert danach? Nix. Also mache ich genauso weiter. Und ich glaube, spätestens wenn Trump dann einsieht, dass er vorgeführt wird oder dass Putin mit ihm spielt und nicht wirklich irgendwelche ernsthaften Absichten hat, ich glaube, dann kann das auch sehr schnell ins Gegenteil umschlagen.
Und es würde ja schon reichen, dass er zu Putin einfach auf Distanz geht und sagt, okay, also wenn der Typ mit mir spielt, dann rede ich jetzt einfach nicht mehr mit ihm. Und dann verkaufe ich jetzt der Ukraine so viel Waffen, wie sie haben will. Hauptsache, sie bezahlt das Ganze. Aber ansonsten, ja, wenn Putin nicht will, dann ist das so seine Schuld. Das könnte ich mir schon vorstellen, dass sowas passiert, ja. Ich gucke hier gerade mal in die Agenturen und sehe eine Meldung der Agentur AFP, Agence France-Presse, wonach die Koalition der Willigen sich darauf geeinigt hat, wie die Ukraine-Friedenstruppe konkret aussehen soll. Die Rede ist von einer Truppengröße von bis zu 50.000 Soldaten und einem Hauptquartier in Paris mit einer Koordinationszentrale in Kiew. Wie soll denn eine solche Ukraine-Friedenstruppe agieren können? Unter welchem Mandat, nach welchen Verhandlungen, wer mit wem, welche Rolle spielen die Amerikaner? Also diese Fragen müssen ja alle erstmal beantwortet werden. Aber bis die Fragen beantwortet sind, hat man sich offenbar geeinigt.
Die britischen Premiers Stammer und Macron, dieses Gebilde sozusagen schon mal zu konkretisieren.
Ja, also man muss halt völkerrechtlich überlegen, wo stationiere ich diese Truppen? Also sprich, Truppe von 50.000, würde ich sagen, bei der Anzahl heißt das wahrscheinlich schon, dass zumindest ein Teil dieser Truppe in der Ukraine selbst stationiert sein wird. Das heißt also, die Ukraine müsste diese Truppen einladen auf ihr eigenes Staatsgebiet. Und ich könnte mir vorstellen, dass so eine Truppe dann wahrscheinlich eher zivile militärische Verteidigungsaufgaben übernimmt, um die eigentliche Kampftruppe für die Front dann freizumachen. Also sprich diejenigen ukrainischen Soldaten, die jetzt zum Beispiel zivile Infrastrukturen schützen, die Energieinfrastruktur schützen, die Luftaufklärung betreiben, Patrouillenflüge oder die auch einfach für den Schutz der Städte zuständig sind, für die Zivilbevölkerung, dass die damit freigemacht werden für die eigentlichen Kampfeinsätze. Weil Sie müssen ja denken, ein Teil der russischen Taktik besteht eben darin, möglichst viele ukrainische Truppen so zu binden, dass sie nicht eigentliche Kampfaufgaben an der Front erfüllen können, sondern eben anderweitig auch gebunden sind. Und das betrifft eben insbesondere den Schutz der Städte und der Zivilbevölkerung. Also ich denke, das könnte ich mir definitiv vorstellen. In Kampfeinsätze, glaube ich, werden die sicher nicht verwickelt sein, weil das könnte man dann als Kriegseintritt werten. Und ich glaube nicht, dass Großbritannien oder Frankreich daran ein Interesse hätten.
Letzte Frage nochmal zur wichtigen Rolle der Amerikaner, die natürlich auch Friedensverhandlungen betrifft. US-Außenminister Marco Rubio hat in Malaysia mit seinem russischen Kollegen Lavrov über Möglichkeiten für einen Frieden gesprochen. Für wie aussichtsreich halten Sie diese Gespräche?
Für genauso aussichtsreich wie die sogenannten Verhandlungen der letzten drei Jahre. Also Sie müssen sich immer denken, die Naivität und die Inkompetenz des Westens sind grenzenlos, wenn es um die Interaktion mit dem Kreml geht. Früher hat man ja immer gesagt, glaube dem Kreml nie was, bevor er es nicht offiziell abstreitet. Früher hatte man seine guten alten Sowjetdiplomaten und Sowjetmilitärs, die waren verlässlich. Da wusste man, worum es sich handelt und womit man es zu tun hat. Heute muss man das, glaube ich, alles erstmal neu lernen. Und ich glaube, wir sind noch nicht raus aus dieser Phase der großen Naivität, wo wir unsere eigenen Illusionen pflegen und glauben, wir hätten es hier mit einem System zu tun, das ernsthaft an sowas wie Ausgleich, Diplomatie oder Frieden interessiert wäre. Also um es den sogenannten Realisten doch nochmal links und rechts um die Backen zu schlagen, hören Sie bitte auf mit Ihren Fantasiegebilden. Sie haben es hier mit einem Imperium zu tun, das nach Expansion strebt und nicht nach Frieden.
Militärökonom Koib rechnet also nicht damit, dass der russische Angriffskrieg auf die Ukraine bald ein Ende hat. Im Gegenteil, Putin brauche den Krieg, um sein Regime zu stabilisieren. Es ginge dabei nicht nur um seine Expansionswünsche, sondern darum, die eigene Macht zu sichern. Jede Woche reden wir in unserem Ukraine-Update mit Experten, unseren Korrespondenten und Reportern über die Entwicklungen und Hintergründe im Krieg. Mit detaillierten Karten analysieren wir die Lage an der Front. Schaut gerne mal rein auf YouTube oder in der ZDF-Heute-App. Dann könnt ihr auch eure Fragen an unsere Gesprächspartner stellen. Zum Schluss habe ich noch eine Podcast-Empfehlung für euch. Ob Russlands Angriffskrieg, der Nahostkonflikt, G7 oder die NATO, beim Blick auf das Weltgeschehen scheint ein Mann immer wieder im Fokus zu stehen. US-Präsident Donald Trump. In der neuesten Folge des Auslandsjournal-Podcasts Der Trump-Effekt diskutieren unsere Korrespondenten die Frage, tanzt die ganze Welt nach Trumps Pfeife? Hört doch mal rein. Den Link findet ihr auch in den Shownotes. Danke, dass ihr auch dieses Mal dabei wart. Bis zum nächsten Mal bei Militär und macht die Analyse.
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