Hey, ich bin Christian Hoch. Schön, dass ihr wieder dabei seid. Russlands heftige Angriffe auf die Ukraine gehen weiter, insbesondere mit Luftschlägen. Aber obwohl Putin den militärischen Druck in der Luft erhöht, kommt Russland an der Front kaum voran. Stockt Putins Sommeroffensive, die er angekündigt hat, wie ist die aktuelle Lage an der Front und wie wichtig ist dieser Kriegssommer für Putin? Darüber spreche ich in dieser Folge mit Militäranalyst Hendrik Remmel vom German Institute for Defense and Strategic Studies und mit unserem ZDF-Reporter Dara Hassan-Sadeh in der Ukraine. Zuerst wollte ich aber von Hendrik Remmel wissen, warum es momentan so wenig Bewegung an der Front gibt. Es hat zwei Gründe, die vor allem jeweils an den Kriegsparteien liegen. Die Ukraine auf der einen Seite, die russische Föderation auf der anderen Seite.
Die Russen leiden derzeit an einem zunehmenden Materialmangel, vor allem was Großgerät an Landsystemen angeht, Kampfpanzer, Schützenpanzer, gepanzerter Transportraum. Das heißt, sie müssen primär auf infanterielastige Angriffe zurückgreifen, also Soldaten, die vornehm zu Fuß unterwegs sind oder sich auf leichten, ungepanzerten Fahrzeugen bewegen. Und wenn sie in Offensivoperationen agieren mit zusätzlich schlecht ausgebildetem Personal, das ist der zweite negative Punkt für die Russen, dann erhöhen sich die Fälle so immens. Und der dritte Einflussfaktor, der sich negativ auf die Russen auswirkt, ist das Gefechtsumfeld. Wir wissen mittlerweile nur zu gut, dass sich im Grunde genommen 20 bis 30 Kilometer von der Kontaktlinie entfernt in beide Richtungen ein Drohnennetz aufgespannt hat, was sowohl eine nahezu flächendeckende Aufklärung als auch Bekämpfung mit Drohnensystemen begünstigt. Und das führt dazu, dass sie einfach sehr schlecht Kräfte zusammenfassen können. Sie können nur schwierig Überraschungsmomente erzeugen. Das ist ein sehr wichtiges Element für Angriffsoperationen. Und mit schlecht ausgebildetem Personal und schlechtem Material wird es einfach zusehend schwieriger, diese Überraschungsmomente auf taktischer Ebene zu erzeugen. Auf operativer Ebene gelingt es den Russen im Grunde genommen seit über zwei Jahren nicht mehr.
Die Ukrainer auf der anderen Seite haben es geschafft, die Kontaktlinie zu stabilisieren, weil sie es immer besser verstehen, das Gefecht beweglich zu führen. Das heißt, sie vermeiden Verzahnungen, also Gefechtssituationen, in denen die russischen Kräfte sehr dicht an die Stellung der Ukrainer herankommen, die Ukrainer nicht einfach mehr so aus diesen Stellungen ausweichen können oder sich sogar lösen können. Sie führen das Gefecht deswegen beweglich, weil sie, immer mehr weitreichende Waffen nutzen können. Sie können auch in dem Gelände, in dem gerade im Schwerpunkt gekämpft wird, das Gelände sehr gut ausnutzen, weil es gerade sehr viel um urbane Räume geht.
Und dadurch gelingt es ihnen auch, das Personal ein bisschen besser zu schonen, die abgekämpften Brigaden besser zu rotieren. Das ist in den Monaten davor eher weniger gelungen. Und deswegen scheitert gegenwärtig die angekündigte russische Frühjahrs- beziehungsweise Sommeroffensive. Ja, das sprechen Sie gerade an. Das hat Kreml-Chef Putin ja groß angekündigt für diesen Sommer, die Sommeroffensive bei Sumi. Und heute, Sie sagen es, sagt auch der ukrainische Armee-Chef Sirsky, der russische Vormarsch, er sei gestoppt bzw. auch ausgebremst. Warum ist diese Offensive Ihrer Einschätzung nach verpufft?
Wir müssen uns einmal kurz vergegenwärtigen, was die russische militärische Idee des Gefechts an Land ist. Und das ist ein primär kräfteorientierter Ansatz. In Offensivoperationen unterscheidet man zwischen raumorientierten und kräfteorientierten Ansätzen. Der raumorientierte Angriff ist sehr manöverzentriert. Das heißt, man versucht mit hoher Beweglichkeit, einer überlegenen Führungsfähigkeit, mit durchschlagskräftigen Waffensystemen, vor allem mechanisierten Verbänden.
Den Gegner durch Manöverkriegsführung vor ein Dilemma zu stellen. Ihn zu umfassen, in seine Flanken zu kommen und dadurch die Front zum Kollabieren zu bringen. Das tun die Russen nicht. Und das tun sie im Grunde genommen nicht seit den ersten Monaten ihrer Offensive, ihres Angriffskrieges gegen die Ukraine. Sie wählen den kräfteorientierten Ansatz. Das heißt, ihr Ziel ist es, mit einem langsamen Operationstempo und hohen Feuerraten die ukrainischen Streitkräfte abzunutzen, Also ihre Kampfkraft zu senken, Soldaten zu töten, zu verwunden, Material zu zerstören, Stellungen zu zerstören und die Ukrainer deswegen in Folge, weil sie nicht mehr weiterkämpfen können, weil sie diesen Raum nicht mehr halten können, den Raum dann sukzessive, aber langsam einzunehmen, ohne diesen Angriffserfolg dann wirklich mit raumorientierten Angriffen, Operationen auszunutzen. Und das liegt vor allem daran, weil die russischen Streitkräfte das Personal und das Material dafür nicht haben, um solche Einbrüche auf taktischer Ebene zu operativen Durchbrüchen auszuweiten. Dafür brauchen sie sehr gut ausgebildetes, sehr gut ausgerüstetes Personal, was Bewegungskriegsführung beherrscht. Und das haben die Russen, genauso wie die Ukrainer, im nunmehr vierten Jahr des Krieges einfach nicht mehr in der ausreichenden Menge, um das erfolgreich umzusetzen. Herr Remmel, genau zu diesem Aspekt kommt gerade auch direkt eine Userfrage rein.
Bedeuten die Herausforderungen auf russischer Seite, Sie haben das auch gerade schon ein bisschen angeschnitten, dass auch Putin das Russland Schwierigkeiten mit dieser Rekrutierung hat? Lässt sich das so festhalten gerade aufgrund der aktuellen Situation?
Das kann man in einem geschlossenen System wie der russischen Gesellschaft oder nahezu geschlossenen System nicht abschließend beurteilen. Aber es gibt Indikatoren dafür. Der wesentliche Indikator dafür ist, dass die Prämien, die Verpflichtungsprämien, die Gehälter, die Witwenrenten sukzessive ansteigen. Und zwar seit Monaten. Wenn Sie in der russischen Peripherie ein einfacher Arbeiter sind, bekommen Sie mit der Unterschrift für einen Vertrag, Konrad-Niki-Vertrag, so viel Geld, wie Sie in Ihrem ganzen Leben nicht erwirtschaften können.
Man muss wissen, dass im Gegensatz zu den ukrainischen Streitkräften die Russen bis auf eine Teilmobilisierung im Herbst des Jahres 2022 durchgehend auf Freiwillige setzen. Das heißt, das ist eine der wenigen Bereiche, in der Wladimir Putin in diesem Krieg sein Wort hält. Er setzt keine Wehrpflichtigen auf ukrainischem Hoheitsgebiet ein, also vor Offensivoperationen. Das heißt, die russischen Soldaten, die dort kämpfen, sind im Wesentlichen Vertragssoldaten, die dort freiwillig kämpfen für sehr viel Geld.
Putin will dadurch vermeiden, dass durch eine großflächige Mobilisierung die innenpolitische Stabilität gefährdet wird. Und das gelingt ihm derzeit noch, das gelingt der russischen Führung derzeit noch, aber die Gehälter, die Prämien steigen immer weiter an und das ist ein Indikator dafür, dass es den russischen Militärführern der russischen politischen Führung immer schwerer fällt, das Personal tatsächlich zu rekrutieren. Man muss immer sich vergegenwärtigen, dass die russischen Streitkräfte ungefähr 1000 Soldaten pro Tag verlieren. Also Soldaten, die getötet werden, die so verwundet werden, dass sie nicht mehr weiterkämpfen können, die vermisst werden oder die von ukrainischen Streitkräften gefangen genommen werden. Und diese Zahlen müssen sie erstmal ausgleichen. Das sind 30.000 Soldaten pro Monat. Blicken wir dann nochmal auch auf die Situation an der Front und blicken wir auch auf die Region im Donbass. In der Region um Kostjantinivka gibt es ja auch immer wieder Versuche der russischen Armee vorzustoßen. Hier entwickelt es sich zwar auch langsam, aber für den Fall der Fälle, das ist auch ein Thema gerade im Chat, die Herausforderungen und Gefahren womöglich, wenn die russischen Streitkräfte dort mal durchbrechen sollten, welche Auswirkungen hätte das dann für die Ukraine?
Taktisch könnte das die ukrainischen Kräfte für mehrere Brigaden vor eine Herausforderung stellen, weil die hinter der jetzigen Kontaktlinie ausgebauten Stellungen nur bedingt vorhanden sind. Das Gelände begünstigt eher den Angreifer. Es ist relativ flach. Es ist dieses, ja, mittlerweile typisch für den Donbass, in dem gerade gekämpft wird, in der Donbass-Region, typische Schachbrettmuster, also Felder durchzogen von Baumlinien. Das begünstigt, wenn sie diese Stellung nicht sehr gut ausbauen, eher den Angreifer, vor allem, wenn die Russen ihre Gleitbomben und Artillerie und Drohnen einsetzen können. Operativ fällt es eher weniger ins Gewicht, weil sie sich die Front, dort wo der operative Schwerpunkt liegt, und das ist der Donbass für die Russen, im Grunde genommen in zwei Ankerpunkte unterteilt. Der nördliche Ankerpunkt ist Kupiansk und danach entlang des Ostgeflusses.
Entlang mehrere bewaldete Gebiete, urbane Räume, Slowiansk und Kramatorsk vor allem, und dann bis runter nach Pokrovsk. Und sie müssen nördlich und südlich, um Kupiansk nördlich, um Pokrovsk südlich herumkommen, um diese natürliche Verteidigungslinie in Donbass zu umgehen. Also diese aneinandergereihten urbanen Räume, Waldgebiete im Verbund mit dem Oskilfluss und ein natürliches Hindernis, mit dem man sehr gut verteidigen kann. Und der Ostgefluss ist an den meisten Stellen so breit, dass sie nicht einfach so darum quasi durchfahren können, beziehungsweise mit Truppen übersetzen können.
Das heißt, sie müssen Kämpfe um Gewässer führen, sie müssen Brückenköpfe bilden, sie müssen entweder Brücken einnehmen, die noch intakt sind, oder sie müssen mit Pionierkräften eigene Brückenköpfe schaffen. Das sind sehr, sehr komplexe Operationen, zu denen die Russen gegenwärtig nicht in der Lage sind. Und das ist der Grund, warum sie vor allem in Pokrovsk, das ist der unveränderte operative Schwerpunkt, Druck ausüben, versuchen, diese Stadt operativ einzukreisen und dadurch die ukrainischen Streitkräfte zum Ausweichen zu bringen. Und es ist in Kupiansk, wo gerade eine nördliche Umfassung stattfindet. Das sind die beiden tatsächlich relevanten Punkte. Die von Ihnen angesprochene Region ist auf taktischer Ebene eher dafür da, ukrainische Streitkräfte, die man eigentlich im Raum Pokrovsk gut gebrauchen könnte, zu binden und zu überdehnen. Und das ist dieses klassische Prinzip dieses kräfteorientierten Ansatzes. Im Englischen würde man sagen Stretch, Staff and Strike. Ich würde es jetzt als Militär übersetzen in Überdehnung, Abnutzung und Ausnutzung des Angriffserfolges.
Und Sie thematisieren es auch, es sind sehr, sehr viele komplexe Situationen und auch wir erleben das ja auch immer wieder, wechselnde Innovation, wechselndes Momentum auch in Bezug auf Drohnenangriffe und jetzt gerade auch offenbar noch ein weiterer taktischer Kniff, so kann man es vielleicht formulieren, auf einen neuen taktischen Schritt, auf den Russland da offenbar setzt. In den sozialen Medien sehen wir Videos, wo russische Truppen auch auf Motorrädern unterwegs sind, teils irgendwie auch zu zehnt auf einem Fahrzeug. Was hat es damit auf sich?
Ja, so neu ist das tatsächlich nicht. Das kommt immer mal wieder vor.
Das liegt primär daran, dass es den Russen mangelt, gepanzerten Transportraum für ihre Truppen bereitzustellen. Also vor allem BMP-Schützenpanzer oder BTRs sind einfach nicht mehr in dieser gewaltigen Stücksal vorhanden, wie sie es noch zu Anfang des Krieges waren. Das heißt, die Russen müssen auf andere Mobilisierungsmittel zurückgreifen. Und hier ist gerade in dieser Linie, in diesem Raum, 20 bis 30 Kilometer von der Zero-Line in beide Richtungen entscheidend, dass sie Geschwindigkeit aufbauen. Das heißt, sie müssen sich möglichst schnell bewegen, weil sie davon ausgehen können, dass sie aufgeklärt werden. Werden sie aufgeklärt, in der Regel von einer Drohne, werden sie sehr schnell auch von einer Drohne bekämpft. Je schneller sie sind, desto schwieriger werden sie aufgeklärt und desto schwieriger fällt es auch den Drohnenkräften auf beiden Seiten, diese Aufklärungs- und Wirkungskette zu koordinieren. Also am Ende des Tages ist es ein relativ einfaches Zweckrational. Bevor sie 20 Kilometer zu Fuß an die Front marschieren, dann nutzen sie halt ein Motorrad. Auch wenn das nicht die erste Wahl sein sollte, sondern im Optimalfall mobiler, gepanzerter Transportraum, Transportpanzer, Schützenpanzer oder Kampfpanzer. Ja, Sie sprechen auch das Thema Drohnen darüber hinaus an, auch gerade schon angeschnitten. Das Momentum in Bezug auf den Kampf mit Drohnen und in der Luft, das scheint in diesem Krieg seit mehreren Wochen und Monaten ständig eigentlich sehr schnell hin und her zu wechseln und zu kippen. Mal wirkt die Ukraine überlegen, mal dann wieder Russland. Woran liegt das eigentlich?
Wir sehen vor allem in der Drohnenkriegsführung, aber auch in vielen anderen technischen Entwicklungen, aber auch taktischen und operativen Entwicklungen, dass sich eine gewisse Gleichzeitigkeit an Entwicklungslinien zeigt. Das heißt, es gibt verschiedene Adaptions- und Innovationszyklen. Eine Innovation, ob das jetzt technischer, taktischer, operativer Natur ist, ist im Grunde genommen eine Maßnahme, die proaktiv angewendet wird, um den Gegner vor ein Dilemma zu stellen. Am Beispiel jetzt der Drohnen.
Beide Seiten waren zu einem bedingten Grad erfolgreich darin, diese Drohnen mit elektronischen Kampfmitteln, mit Jammern, von den direkten Einschlägen in beispielsweise Fahrzeuge oder Stellung abzuhalten. Das lag daran, dass diese Drohnen in der Regel über einen Datenlink verbunden waren, entweder über Satellitenverbindungen, über Telekommunikationsnetzwerke oder teilweise bei den Ukrainern auch über Terminals.
Und die Innovation ist es jetzt, im Grunde mit Glasfaserkabeln zu arbeiten. Das heißt, der Operator ist mit einem Glasfaserkabel verbunden. Es gibt eine direkte physische Datenverbindung und dadurch ist eine solche Drohne nicht mehr jemba, also nicht mehr störbar im elektromagnetischen Spektrum. Und jetzt müssen die vor allem die Ukrainer, aber natürlich haben die Ukrainer das auch gemerkt, dass das funktioniert und nutzen diese Glasfaserdrohnen auch, zusehen, dass sie irgendwie adaptieren. Das heißt, sie müssen auf diese sich verändernde Dynamik eine Antwort finden, reaktiv. Das ist die Adaption. Und diese Adaptions- und Innovationszyklen finden auf der technischen Ebene, und das ist das Entscheidende, extrem schnell statt. In vorangegangenen Kriegen, in vorangegangenen Jahrhunderten haben solche Innovations- und Adaptionszyklen teilweise Jahre gedauert. Teilweise hat sich das nicht mal mehr in den einzelnen Kriegen ausgewirkt, sondern erst in den nächsten Kriegen. Beim Thema Drohnen, vor allem im Bereich des Software, weniger in den Trägersystem.
Sind diese Innovationszyklen teilweise zwei bis sechs Wochen lang. Und danach brauchen sie zum Beispiel eine neue Software oder sie müssen eine komplett neue Lösung für dieses elektromagnetische Stören finden. Und da sind die Glasfaserdrohnen gerade state of the art, auch wenn sie natürlich in gewissen Bereichen auch limitiert sind. Herr Remmel, die Ukraine hat mit der Operation, das bezieht sich auch auf den Luftraum, Spiderweb Anfang Juni in nur einem einzigen Angriff 41 russische Bomber zerstört oder beschädigt. Können diese Angriffe, die Luftangriffe, die auf ukrainische Städte jetzt ja auch immer weiter zunehmen, können die das langfristig reduzieren oder kann Russland da sagen, solche Verluste sind für uns verkraftbar, diese Angriffe, wie sie jetzt in der Intensität stattfinden, das können wir weiter aufrechterhalten?
Ja, wir müssen uns jetzt mal genau in den nächsten Wochen anschauen, wie viele dieser strategischen Bomber und Kontrollflugzeuge, Airwax-Flugzeuge, also Flugzeuge, die für die Koordinierung und Aufklärung im Luftkampf notwendig sind, tatsächlich zerstört worden sind. Ob es dann wirklich 40 sind, wage ich anhand der Luftbilder, die ich gesehen habe, zu bezweifeln. Aber es ist auf jeden Fall ein signifikanter Schlag gewesen gegen die strategische Bomberflotte der Russen. Es gibt im Grunde genommen drei Bombertypen, Langstrecken- und Mittelstreckenbomber, die für zum einen die nukleare Komponente der luftgestützten nuklearen Abschreckung zur Verfügung stehen und gleichzeitig auch diese schweren Marschflugkörper mit einer hohen Reichweite, das heißt außerhalb der ukrainischen Flugabwehr, ungehindert abschießen können und die jede Nacht zusammen mit Drohnen und ballistischen Raketen in ukrainischen Städten einschlagen. Das sind die Strahlenflugbomber Tupolev 160 und Tupolev 22. Davon sind gerade Tupolev 160 nach Mainzahlen 16 aktiv, 1,6, das ist nicht viel. Von den Tupolev sind es ungefähr 50, also Tupolev 22. Und die älteste Variante, aber die verlässlichste, und das ist die, die auch am meisten gegen die Ukraine eingesetzt wird, ist die Tupolev 95. Wir sehen jetzt gerade in dem Bild eine 95.
Genau. Das ist jetzt ein Transportflugzeug gewesen, aber das erste Bild, jetzt sehen wir unten links, das sind Tupolev 95 Bomber. Und die sind primär dafür verantwortlich, diese Marsflugkörper außerhalb der Reichweite ukrainischer Flugabwehr abzuschießen. Also sie verbringen diese im Grunde genommen aus ihren Basen. Jetzt haben die Russen festgestellt, dass es im Grunde genommen diese strategische Tiefe ihres Landes nicht mehr gibt oder nur noch in Ausnahmen gibt. Und haben große Teile ihrer Bomberflotte weit, weit in den Osten verlegt. In der Hoffnung, dass dort solche militärisch-nachrichtendienstlichen Operationen wie die Operation Spiderweb nicht mehr stattfinden können. Das bedeutet aber auch, dass die Anflugzeiten wesentlich länger sind. Das ist ja eine relativ einfache Rechnung. Die Tupolev 95 Bomber, die wesentlich langsamer fliegen können als die Strahlenflugzeugbomber, brauchen jetzt zwischen 20 und 23 Stunden, nur um in den Raum zu kommen, wo die Marschflugkörper abgeschossen werden. Das heißt, sie können wesentlich weniger Angriffe fliegen. In dieser Rechnung müsste man eigentlich davon ausgehen, dass die Anzahl der einschlagenden Marschflugkörper, der abgeschlossenen Marschflugkörper auf der Zeitachse abnimmt, sofern die Russen dabei bleiben.
Derzeit substituieren die russischen Streitkräfte allerdings mit den Tupolev-160 und vor allem mit den Tupolev-22 Bombern, also den Strahlenflugzeugbombern, die eine höhere Reichweite haben und bedeutend schneller fliegen können. Der Nachteil ist, dass diese Flugzeuge traditionell anfälliger sind für Störungen, sie brauchen mehr Ersatzteile, sie haben einfach einen höheren Verschleiß als diese relativ einfach gebauten, mechanisch dominierten Tupole F-95 Bomber. Und deswegen muss man jetzt schauen, wie lange die russischen Luftangriffe tatsächlich in dieser Intensität standhalten können, bis dann diese Instandsetzungszyklen der Strahlenflugzeugbomber tatsächlich auch sich auswirken werden. Stand jetzt, unmittelbar nach der Operation Spiderweb bis heute, sind die Angriffe mit Marschschlugkörpern nicht zurückgegangen. Im Gegenteil, sie sind eher gestiegen.
Mit Hendrik Remmel spreche ich gleich nochmal. Und zwar über die Rolle der NATO-Unterstützung und auch über die USA. Gehen wir jetzt aber in die Ukraine. Da ist unser Reporter Dara Hassan Sadeh. Er schildert uns, wie es den Ukrainern in den von Russland besetzten Gebieten geht und welche Reise sie auch auf sich nehmen müssen, um ihre Angehörigen wiederzusehen.
Wir sind zu diesem Grenzübergang gefahren, der ist ganz im Westen, im Dreiländereck zwischen der Ukraine, Belarus und Polen. Und dort, fernab der Luftschläge, kann man sagen, weil es so weit im Westen ist und so weit im Norden, da sind auch keine großen Städte, ist der einzige humanitäre Korridor, der geblieben ist. Anfang des Krieges gab es noch hin und wieder sehr unsichere Möglichkeiten, über die Front überzusetzen, was vor allem in den Regionen in Mikolaev, in Kherson und in der Nähe von Zaporizha möglich war. Das gibt es nicht mehr. Die Front ist für Ukrainer vollkommen geschlossen, die in den besetzten Gebieten leben. Sie fahren dann über Moskau und Minsk an diesen Grenzübergang, der in der Nähe von Kowel liegt. Der ist nur in eine Richtung zu begehen, von Belarus rüber in die Ukraine. Der Weg von der ukrainischen Seite, dafür muss man speziell akkreditiert sein fürs Militär. Es gibt viele Roadblocks und es ist ein sehr, sehr einsamer Ort. Dort warten dann Verwandte auf ihre Verwandten, die sie zum Teil den ganzen Krieg über nicht mehr gesehen haben. Das sind jetzt auch schon über dreieinhalb Jahre.
Wir haben einen Mann getroffen, der gekämpft hat und verletzt wurde und deswegen aus der Armee ausgeschieden ist, der auf seine Oma wartete, stundenlang. Wir haben eine Frau getroffen, die ihre doch mittlerweile schwer kranken Eltern erwartet hatten. Sie wohnte in Saporisha. Sie wusste, dass diese Eltern 3000 Kilometer Reise hinter sich haben werden und dass dieser Fußmarsch von zwei Kilometern für sie alleine nicht zu bewältigen ist. Dafür gibt es freiwillige Helfer von NGOs in der Ukraine. Die Formalitäten werden dann getan. Es kommen so 20 bis 30 Personen pro Tag hinüber. Und neben diesen Menschen, die komplett ausreisen, die werden auch in der Ukraine bleiben, Es gibt aber auch Menschen, die wieder die Absicht haben, zurückzugehen in diese besetzten Gebiete, weil sie enge Verwandtschaft, pflegende, bedürftige Menschen haben.
Und diesen Weg müssen sie dann über Polen zurücknehmen. Diese Situation dort ist eine Mischung zwischen angespannt und große Freude bei den Wartenden und den Menschen, die von der anderen Seite der Grenze aus den russischen besetzten Gebieten kamen. Bei denen habe ich jetzt weniger Erleichterung oder Freude beobachten können. Sie waren von der Reise geschafft und sie haben auch so ein ungutes Gefühl noch immer gehabt, ist es jetzt wirklich gut gegangen. Ich glaube, die Tatsache, dass sie in der Ukraine angekommen sind, werden sie erst später, wenn sie dann in ihren Heimatstädten angekommen sind oder bei den Verwandten wahrnehmen.
Beim gestrigen NATO-Gipfel war der russische Krieg gegen die Ukraine eher Nebensache. In der Abschlusserklärung hieß es nur, Zitat, die Verbündeten bekräftigen ihre dauerhaften, einzelstaatlichen Zusagen zur Unterstützung der Ukraine, deren Sicherheit zur eigenen Sicherheit beitrage. Auf Trumps Aufforderung haben die Mitgliedstaaten eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben bis 2035 beschlossen auf 5% des Bronto-Inlandsprodukts. Wie viel Hoffnung haben die Menschen in der Ukraine noch auf Unterstützung durch die NATO und die USA? Das beschreibt uns auch nochmal Dara Hassan Sadeh.
Da muss man, glaube ich, wirklich unterscheiden zwischen den Menschen, die sehen das sehr fatalistisch und der politischen Klasse und den politischen Analysten. Die schlimmsten Befürchtungen sind nicht eingetreten, aber man spricht hier eher von dem Ende einer Ära.
Die vorherigen NATO-Gipfel waren eigentlich immer davon geprägt, dass der Russlands Krieg gegen die Ukraine der Schwerpunkt des NATO-Treffens war, dass Militärhilfen beschlossen wurden, dass ganz scharfe Beschlüsse am Ende des Gipfels standen und diesmal stand man nur am Rande. Nur am Rande, allerdings auch, und das wurde ja im Beitrag angesprochen, gab es dieses persönliche Treffen, das auch friedlich verlief, wenn ich es mal so sagen darf. Beide Parteien sprachen jedenfalls von einem Treffen, das sich gelohnt habe. Und es hat auch deutlich länger gedauert, als es eigentlich geplant war. Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist, dass die Politiker schon auch wahrgenommen haben, dass es diese kurze Diskussion gab mit der Journalistin aus der Ukraine für die BBC, die das doch geschafft hat, dass Trump sich von einer sehr empathischen Seite gezeigt hat. Das wird hier allerdings auch nicht überinterpretiert, weil schon klar wurde, dass auf die konkrete Frage, ob jetzt Patriot-Munition, was für die Bevölkerung ja extrem wichtig ist und die Flugabwehr stärkt, da blieb Trump ja sehr unkonkret und sagte, man habe selber großen Bedarf.
Also so gesehen war dieser NATO-Gipfel, wird hier als Einschnitt betrachtet, aber auf anderer Seite ist es auch kein Ende der Beziehungen. Auch mit Hendrik Remmel spreche ich jetzt über die Rolle der NATO und der USA. Wie sind die Ergebnisse des Treffens zu bewerten und welche Auswirkungen hat das neue 5-Prozent-Ziel der NATO-Staaten genau?
Hier müssen wir aus meiner Sicht zwei Dinge auseinanderhalten. Zum einen die Verpflichtung für 5 Prozent, der politische Wille, der gezeigte politische Wille der NATO, 5 Prozent, davon 3,5 für tatsächlich klassische Verteidigungselemente und 1,5 Prozent für weitere Elemente wie nachrichtendienstliche Fähigkeiten, Infrastruktur.
Cyberabwehr und weitere Elemente bereitzustellen. Diese 5% haben aber nichts damit zu tun, was die Unterstützerstaaten der Ukraine zur Verfügung stellen. Diese 5% sind ein auf Grundlage eines politischen Drucks der US-Administration entstandene Verpflichtung bis 2035, ich glaube das gehört auch noch zur Wahrheit dazu, 5% des Bruttoinlandsprodukts auszugeben. Mit einer Evaluierung im Jahr 2029, wenn ich mich nicht irre.
Diese Geldsummen korrelieren im Grunde genommen mit dem sogenannten NATO Defense Planning Process. Das ist ein fünfjähriger Zyklus, in dem die Verteidigungspläne der NATO evaluiert werden. Man feststellt, hat sich die Bedrohungslage geändert? Wenn ja, wie hat sie sich geändert? Welche Fähigkeiten in welchem Umfang brauchen wir, um die sogenannte Family of Plans, also die Regionalpläne der NATO zur Verteidigung der NATO Ost- und Nordflanke tatsächlich umsetzen zu können? Und hier hat man sich im Grunde genommen wenige Wochen vorher darauf festgelegt, dass es, man muss dazu sagen, ich kann da nicht allzu viel zu sagen, weil das eingestuftes Wissen ist, festgelegt, dass die Ausgaben, die Fähigkeiten, die zur Verfügung gestellt werden müssen, erheblich steigen müssen in allen Dimensionen, also See, Land, Luft, im Cyber- und Informationsraum, aber auch im Weltraum. Und ganz grob kann man sagen, man braucht ungefähr ein Drittel mehr an Fähigkeiten, um der wachsenden Bedrohung, der Bedrohungsanalyse der Nachrichtendienste und der Analysten in Bezug auf die Russische Föderation tatsächlich Herr zu werden. Dieses Geld hat nichts damit zu tun, was in die Ukraine an Unterstützungsleistungen fließt. Das ist eine reine NATO-Verpflichtung, eine reine Bündnisverpflichtung.
Und die Unterstützung der Ukraine wird zwar mittlerweile über eine NATO-Infrastruktur in Wiesbaden koordiniert, aber es gibt keine Pflicht für irgendein NATO-Land, die Ukraine finanziell oder materiell oder auch nur politisch zu unterstützen. Wir sehen das sehr gut am Beispiel von Ungarn oder beispielsweise Rumänien. Und genau diese Länder und diese Dynamik wird dann auch tatsächlich in den nächsten Tagen interessant auf dem EU-Gipfel, wo es dann tatsächlich darum geht, dass eine supranationale Institution wie die Europäische Union ein vor allem auf wirtschaftliche Sanktionen fokussiertes Paket verabschieden muss, konsensual, das heißt, alle müssen zustimmen, gegen die russische Aggression, gegen die Ukraine und in der Ukraine. Und hier sind die NATO und auch EU-Staaten wesentlich heterogener aufgestellt, was die Meinungsbilder und auch vor allem der Wille zum Handeln betrifft. Da sind wir einfach ein bisschen in unterschiedlichen strategischen Kulturen, haben unterschiedliche Bedrohungsperzeptionen, teilweise auch unterschiedliche Sichtweisen darauf, was Russlands strategische Ziele sind. Die allermeisten haben da eine sehr klare Haltung zu, unterstützen die Ukraine und sind auch für dieses Sanktionspaket. Aber es reicht im Grunde genommen ein EU-Mitgliedstaat, um dieses Sanktionspaket zum Scheitern zu bringen.
Und deswegen bin ich sehr vorsichtig, was die unmittelbaren Auswirkungen dieses NATO-Gipfels für die Ukraine anbetrifft. Für die NATO ist es sehr, sehr gut. Dieses Geld werden wir brauchen, um die Verteidigungspläne tatsächlich operationalisieren zu können. Vor allem, was militärische Fähigkeiten angeht. Es ist eine strategische Niederlage für Russland, dass jetzt diese Verteidigungsausgaben so hoch sind, denn langfristig kann Russland diese Verteidigungsausgaben und die damit einhergehenden Fähigkeiten nicht kompensieren, nicht konventionell, auch nicht im nicht-militärischen Sektor und auch nicht nuklear. Das heißt, nach dem NATO-Beitritt von Finnland und Schweden ist es die nächste strategische Niederlage, die diametral den Zielen gegenübersteht, die Wladimir Putin im Februar 2022 hatte. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass dieser NATO-Gipfel sich de facto für die Ukraine nicht auswirkt. Sie thematisieren auch das Stichwort Bedrohungslage. Also womöglich wurde ja auch diskutiert, könnte dieses Commitment auf das 5% Ziel ja auch als sozusagen erste Schutzmaßnahme gesehen werden für eine weitere russische Bedrohung. Und das schließt sicherlich auch an an das sogenannte Sapat-Manöver, was Russland und Belarus jetzt im September abhalten wollen.
Russland hat solche Manöver ja schon früher auch als Deckmantel dann für später Größeres benutzt. Wie ist dieses Manöver, wie sind die Pläne davon bekannt und wie ist das auch vielleicht einzuschätzen Ihrer Einschätzung nach?
Zur Einordnung, das Manöver Zappat, heißt auf Deutsch Westen, ist eine tonusmäßige Großübung der russischen Streitkräfte. Alle vier Jahre findet Zappat statt und mit den jeweiligen anderen regionalen Bezügen findet jährlich eine solche Großübung statt. Traditionell findet Zappat in der unmittelbaren Grenzregion zum Baltikum statt. Es werden sowohl offensive als auch defensive Operationsarten geübt.
Früher war es so, dass man auch Militärbeobachter entsandt hat, um diese Übung zu beobachten, beobachten zu können, im Sinne gegenseitiger vertrauensbildender Maßnahmen. Das war bei NATO-Manövern ähnlich.
Bei dem letzten Manöver SAPA 2021 war ich tatsächlich selber als Kampftruppenoffizier in der EFP Battle Group in Litauen stationiert und dort hat man natürlich sehr genau hingeschaut, was die Russen tatsächlich aus dieser Übung machen. Man kann, wie Sie schon richtig sagen, bis zu einem gewissen Grad unter dem Deckmantel einer Übung Kräfte zusammenziehen, aber es gibt gewisse Marker, gewisse Triggerpunkte, nenne ich sie mal, die dann darauf schließen lassen, dass es von einer Übung in eine tatsächliche Militäroperation geht. Und diese Indikatoren waren im Grunde genommen zum Jahreswechsel 2021 und 2022 sehr klar. Man hat anschließend noch eine weitere Übung durchgeführt, die bis zum 20. Februar 2022 ging und sich primär auf den Norden, den Bereich nördlich der ukrainisch-belarussischen Grenze fokussierte. und was danach passiert, wissen wir alle. Im jetzigen Kontext stellt die Übung SAPAT mit den besprochenen Markern, die ich Ihnen leider auch nicht nennen kann, das sind eingestufte Informationen, keine unmittelbare Bedrohung für das Baltikum und die dort stationierten Truppen dar. Das liegt daran, dass der Kräfteansatz bedeutend geringer ist. Letztes Mal hat Russland offiziell 200.000 Soldaten eingesetzt. Wir glauben, dass es ein bisschen weniger war.
Dieses Mal wird es auf jeden Fall viel weniger sein. Das liegt daran, dass 85 bis 90 Prozent der russischen Landstreitkräfte in der Ukraine gebunden sind. Es gibt noch eine strategische Reserve für ungefähr 120.000 Soldaten, die voll ausgebildet sind, auch relativ gut ausgerüstet sind. Ich gehe davon aus, dass geringe Teile davon an dieser Übung teilnehmen, dass primär Bilder generiert werden, Bilder gezeigt werden, die die Kampfkraft der russischen Streitkräfte zeigen. In diesem Fall vor allem nach innen, in die eigene Bevölkerung. Früher war es so, dass das natürlich auch ein Element der Abschreckung gewesen ist, nach außen hin.
Die kann aber in Anbetracht des gegenwärtigen Zustandes der russischen Streitkräfte und vor allem der Bindung großer Teile der russischen Streitkräfte in der Ukraine im Westen niemand so richtig ernst nehmen. Gleichwohl schauen Analysten, Nachrichtendienstler natürlich sehr genau hin, was dort passiert und beobachten diese besprochenen Marker sehr genau. Um Ihnen mal ein Beispiel zu geben, weil es öffentlich zugänglich ist, ein ganz klassischer Indikator ist beispielsweise das Verbringen von Blutkonserven und der Aufbau von Feldlazaretten. Das ist sehr kostspielig. Sie können häufig so ein Material, vor allem Blutkonserven, nicht ewig an der Front lagern. Die gehen dann kaputt. Blutkonserven sind in intensiven Gefechten genauso wichtig wie Munition, Betriebsstoff und Verpflegung. Das verschwenden Sie nicht einfach so in Übungen. Das ist zum Beispiel ein Indikator dafür, dass man von einem Übergang in den Übungsbetrieb in tatsächlichen Kriegsbetrieb geht. Vielen Dank für das Ansprechen und auch die persönlichen Eindrücke von Ihnen.
Lassen Sie uns vielleicht zum Ende hin der Sendung nochmal auf die Ursprungssituation, auf die Ursprungsfrage der Sendung auch zurückkommen, auf die wohl in Stocken geratene Sommeroffensive bei Sumi. Da kommen auch noch Fragen aus dem Chat an Sie dazu. Und eine dieser Fragen ist, wenn wir jetzt einfach festhalten können, sie ist ins Stocken geraten, das sagt der Militärchef, das haben Sie auch gerade so ein bisschen rausgearbeitet, welche Alternativstrategien ist die Frage eines Users, könnte Putin denn verfolgen, nachdem seine aktuelle Offensive jetzt ins Stocken geraten ist?
Im Grunde genommen ist seine Strategie unverändert. Das ist zum einen die ganz klassisch militärische Linie, das ist die Abnutzung der ukrainischen Streitkräfte in einem kräfteorientierten Ansatz. Das ist die Theorie des Sieges, die Putin militärisch hat. Er geht davon aus, der russische Generalstab geht davon aus, dass die Russen länger in der Lage sind, diese Art des Krieges durchzuhalten als die Ukrainer. Es gibt Indikatoren dafür, die dagegen sprechen, aber man muss es auch nicht grundsätzlich oder darf es nicht mal linear fortschreiben. Also nur weil die Russen gerade wenig Großgeräte zur Verfügung haben, heißt das noch lange nicht, dass an Tag X dieser Krieg endet. Die Russen sind sehr adaptionsfähig. Sie können ihre Art und Weise, Krieg zu führen, verändern. Sie können die Intensität verringern. Sie können beispielsweise auch in eine Defensivoperation gehen. Dort brauchen sie dann nur noch ungefähr ein Drittel von Material, Munition und Personal. Und dann stehen diese 600.000 bis 700.000 russischen Soldaten in der Ukraine und der Krieg hat ja nicht aufgehört. Das wäre dann ein Szenario eines eingefrorenen Konfliktes, der auf jeden Fall eher Russland zugutekommt als den Ukrainern, vor allem wenn es keinen glaubhaften Friedensvertrag gibt. Und die andere Linie dieser Strategie ist natürlich die Zermürbung der ukrainischen Bevölkerung. Jede Nacht werden ukrainische Städte beschossen, zivile Infrastruktur. Das sind Kriegsverbrechen.
Wir haben das mittlerweile für fast selbstverständlich genommen, dass jede Nacht ein souveräner Staat von einem anderen souveränen Staat beschossen wird. Und zwar zivile Infrastruktur. Seit drei Jahren, über drei Jahren. Und die dritte Ebene ist natürlich immer das Wirken im Informationsraum, das Spielen mit Ängsten, vor allem nuklearen Ängsten. Immer wieder wird dann propagiert, der Westen eskaliere, man behaltet sich nukleare Optionen vor. All das ist falsch, jeder weiß das, die nukleare Abschreckung funktioniert. Es gibt nur einen Staat, der bis jetzt konventionell Schritt für Schritt eskaliert ist und das ist die Russische Föderation. Aber es wirkt trotzdem, Desinformationskampagnen werden trotzdem geführt und so versucht man natürlich auch die Unterstützung des Westens möglichst weit nach unten zu fahren. Und wenn es nur einen ganz kleinen Einfluss im Informationsraum hat, dann wirkt es sich letzten Endes dann doch auf die Unterstützerstaaten aus. Denn dieses Konsensprinzip in unseren supranationalen Institutionen, die relevant sind, vor allem die NATO, aber auch die EU, ist natürlich ein schwächer Moment, den Russland ausnutzen kann. Denn es muss ja nur ein Mitglied in diesen Maßnahmen umdrehen und von ihrer Version dieser Geschichte überzeugen, um im Grunde genommen große Teile dieser klassischen großen Institutionen des Westens handlungsunfähig zu machen.
Und vielleicht noch ein Blick auch auf die andere Seite. Das ist genauso auch eine Userfrage, die kommt in Bezug auf das Stocken der Sommeroffensive. Welche Chancen könnten sich daraus auch ergeben für das ukrainische Militär, womöglich vielleicht auch selber wieder Erfolge zu feiern?
Die sind bis auf räumlich und zeitlich begrenzte Achtungserfolge auf taktischer Ebene aus meiner Sicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vorhanden. Denn ja, den Russen geht es schlecht, aber auch der Ukraine und den ukrainischen Streitkräften geht es schlecht. Also diese Trajektorie für beide Armeen ist negativ. Beide können diese Art des Krieges nicht mehr ewig durchhalten. Und sie müssen immer diese räumlich und zeitlich begrenzten Überlegenheiten schaffen, Faustformels 3 zu 1, um tatsächlich Erfolge zu erzielen. Sie brauchen das Personal, das Material, um tatsächlich Ein- und Durchbrüche zu erzielen, um die Initiative zurückzugewinnen. Und auch wenn die Personalqualität bei den Ukrainern besser ist, die Materialqualität tendenziell auch, ist es dennoch die Masse, die derzeit vor allem beim Personal und bei Munition die Russen immer noch leicht in der Initiative hält. Und ich sehe zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht, dass sich diese Dynamik ändern wird. Und die Ukrainer werden auch auf absehbare Zeit, abgesehen von Achtungserfolgen, beispielsweise Operation Spiderweb, nicht zu militärisch relevanten Veränderungen der Dynamik auf dem Gefechtsfeld in der Lage sein.
Fassen wir nochmal zusammen. Putins Sommeroffensive stockt, weil die Armee an Materialmangel leidet, Soldaten schlecht ausgebildet sind und das ukrainische Drohnennetz so stark ist, dass die Russen keine Chance auf einen Überraschungsmoment haben, sagt Hendrik Remmel. Die Ukraine habe es hingegen geschafft, die Kontaktlinie durch eine bewegliche Kriegsführung zu stabilisieren, erklärt er. Im September wollen Russland und Belarus das sogenannte Zappert-Manöver abhalten. Rund ein Jahr später ist das so ein Jahr. wir nochmal zusammen. Ein halbes Jahr nach dem letzten Manöver 2021 hat Russland dann die Ukraine angegriffen. Hendrik Remmel sagt, es gebe gewisse Triggerpunkte, an denen man erkennen könnte, dass es von einer Übung in eine tatsächliche Militäroperation übergeht. Dies sei damals erkennbar gewesen, sagt er.
Momentan stelle das anstehende Manöver keine Bedrohung für das Baltikum dar. Das liege auch daran, dass 85 bis 90 Prozent der russischen Soldaten in der Ukraine im Einsatz seien. Unsere Streams zum Krieg in der Ukraine mit detaillierten Karten, aktuellem Frontverlauf und neuesten Entwicklungen, die gibt es immer donnerstags um 19.30 Uhr auf YouTube und in der ZDF-Heute-App. Mit wechselnden Militärexperten, die ihr natürlich auch befragen könnt. Und noch ein Tipp von uns. Im Heute-Journal-Podcast geht es in der aktuellen Folge über Donald Trumps Rolle als Peacemaker im Nahen Osten. Darüber sprechen Helene Reiner und Christian Sievers mit dem ZDF-Korrespondenten Elmar Thewesen und der Friedensforscherin Nicole Deitelhoff. Den Link findet ihr in den Shownotes. Bis zum nächsten Mal hier bei uns. Macht's gut.