Hi, ich bin Viktoria Reichelt und an diesem Freitag sprechen wir ausnahmsweise nicht über die Lage im Ukraine-Krieg, sondern über die im Nahen Osten. Nämlich über die Operation, der Israel den Titel Rising Lion gibt. Dahinter steckt ein Großangriff auf iranische Atomanlagen. Bei den Luftschlägen sollen auch führende Köpfe des iranischen Militärs, darunter der Kommandeur der mächtigen Revolutionsgarden und der Generalstabschef getötet worden sein. Außerdem mehrere wichtige Atomwissenschaftler des Landes. Iran hat mit zahlreichen Drohnenangriffen reagiert. Wie stark der Schlag für Teheran ist und wie die militärische Auseinandersetzung weitergehen könnte, darüber spreche ich in dieser Folge mit Militär- und Iran-Experte Fabian Hinz vom International Institute for Strategic Studies. Zuerst wollte ich aber von unserem ZDF-Korrespondenten in Tel Aviv, Thomas Reichert, wissen, wie die israelische Regierung den Großangriff auf Iran begründet und ob sie dabei auf aktuelle Entwicklungen im Atomprogramm des Iran reagiert. Israel begründet es als einen Präventivschlag, erklärt, dass aus seiner Sicht, aus ihrer Sicht der Iran kurz davor stand, die Atombomben hinten zu halten. Aus Sicht ist Israel eine existenzielle Bedrohung für diesen Staat und absolut inakzeptabel.
Seit 20 Jahren ist Israel im Grunde dabei, auf dieses iranische Atomprogramm hinzuweisen und auf die Gefahren, die für Israel daraus folgen. Aktuell war es sicher aus Sicht Israels zunehmender Aktivitäten bei der Urananreicherung. Das hat auch die IAO, die internationale Atomenergiebehörde, mit Sitz in Wien gerade erst in einem Bericht deutlich gemacht und deutlich kritisiert. Da war die Sorge, dass diese Anreicherung, diese massive Steigerung der Anreicherung von potenziell dann waffenfähigem Uran den Iran näher an die Bombe bringen könnte. Und deswegen dieser Präventivschlag, wie Israel es nennt. Bevor wir jetzt nochmal auf die Geschichte dieser Beziehung gucken, du hast es ja gerade schon gesagt, das ist schon lange ein Thema, haben wir nochmal eine Frage aus dem Chat. Warum hat Israel genau jetzt angegriffen und wie haben die das überhaupt geschafft?
Genau, jetzt ist glaube ich genau der Punkt, dass sich einerseits die Entwicklungen in den Atomzentren des Iran so beschleunigt haben, dass es für Israel bedrohlich wurde. Der zweite Punkt ist, es gab ja im vergangenen Jahr bereits Angriffe von Israel auf den Iran und umgekehrt Angriffe des Iran auf Israel. Im Zuge dieser israelischen Angriffe sind massiv iranische Luftabwehrsysteme zerstört worden. Das heißt, der Iran ist einerseits selbst in seiner Abwehrkraft geschwächt, Auf der anderen Seite haben die Kriege Israels im Süd-Libanon gegen die Hezbollah, in Gaza gegen die Hamas Hilfstruppen, wenn man so will, von Iran geschwächt. Das heißt, aus Sicht Israels war es ein Zeitfenster, in dem sie glaubten, zuschlagen zu können. Und dieses Zeitfenster hat sich aus ihrer Sicht auch zunehmend geschlossen. Das heißt, es war der Zeitpunkt, wo sie jetzt die Möglichkeit sahen, einem geschwächten Iran einen schweren Schlag zuzufügen. Du hast schon gesagt, diese atomare Bedrohung, die gibt es ja nicht erst seit gestern. Zuletzt gab es aber aus Israel eher begrenzte Militärschläge. Müssen wir jetzt mit weiteren Angriffen in den kommenden Stunden und Tagen auf iranische Ziele rechnen?
Ja, ich denke, das müssen wir. Die israelische Armee hat den Hintergrundbriefs, die wir jetzt im Laufe des Tages dauernd haben, deutlich gemacht, dass das keine einmalige Operation sei, sondern ein Krieg mit mehreren Operationsstufen, der über Monate geplant worden sei und der sehr weitreichende Ziele hat. Israels Premier Netanyahu hat selbst heute früh in einer Ansprache nochmal deutlich gemacht, nochmal, dass es beispiellos sei und dass dieser Angriff über mehrere Tage gehen könnte. Die Rede ist von einer Woche bis möglicherweise sogar zwei Wochen. Also das ist insofern ein singulärer Angriff, den es bisher in dieser Art von Seiten Israels gegenüber dem Iran nicht gegeben hat. Wie wird denn dieser Angriff bei dir in Tel Aviv und in Israel diskutiert? Steht die Bevölkerung hinter dem Vorgehen von Netanyahu?
Also erstmal reagiert die Bevölkerung in Tel Aviv, soweit wir das gesehen haben, erstaunlich ruhig. Der Lauf und Vorbereitung, als wir durch die Stadt gefahren sind, Krankenwagen an zentralen Kreuzungen gesehen, die da schon mal platziert wurden. Die Krankenhäuser sind im Moment dabei, ihre Operations- und Notoperationskapazitäten in ihre Tiefgaragen zu verlegen. Das ist eingewübtes Prozedere, nochmal in Erwartung eines möglichen schweren Angriffs aus dem Iran am Samstagmorgen. Wie denkt Israels Bevölkerung darüber? Es gibt innerhalb Israels eine breite Unterstützung gegen den Iran vorzugehen. Das ist nicht nur eine Sache dieser Koalition, in der eben auch rechtsextreme und nationalistische Kräfte sind, sondern dafür gibt es auch auf Seiten der Opposition eine breite Zustimmung. Und man kann davon ausgehen, ohne dass ich jetzt aktuelle Umfragen dazu kenne, dass das auch sich im Meinungsbild der Bevölkerung so widerspiegelt. Wir gucken nochmal aufs internationale Parkett. US-Präsident Trump hatte Israel ja erst gestern noch aufgefordert, die iranischen Atomanlagen angesichts der laufenden Verhandlungen mit Iran nicht anzugreifen. Torpediert Israel jetzt genau diese Verhandlung?
Also es ist auf jeden Fall eine schwere Belastung dafür. Und die große Frage ist, ob sie denn überhaupt noch stattfinden. Insbesondere dieses Treffen am Sonntag im Oman, das für Trump, das hat er jedenfalls im Laufe der Woche immer wieder deutlich gemacht, von zentraler Bedeutung war, über zur Frage, wie es denn danach weitergehen soll. Ich fand bemerkenswert, dass der amerikanische Außenminister deutlich gemacht hat, dass der Angriff Israels eine unilaterale Aktion sei. Das betrifft nicht die Verteidigung gegen iranische Angriffe, aber dass dieser Angriff eine Sache Israels gewesen sei, an dem amerikanische Streitkräfte per se nicht beteiligt waren. Trump hat selbst in einem Fernsehinterview heute bereits klargemacht, er sei da eingeweiht gewesen. Eingeweiht ist das eine, ob er es auch befürwortet hat. Wäre überraschend, weil er tatsächlich zumindest öffentlich und in Telefongesprächen, die danach wieder weiter veröffentlicht wurden, mit Netanyahu deutlich gemacht hat, dass er nichts von einem Angriff jetzt hält, sondern erst mal der Diplomatie gerne eine Chance gegeben hätte. Du hast gerade schon gesagt, das ist eine angelegte Aktion, auf die jetzt wahrscheinlich auch noch weitere Angriffe folgen. Hier fragt gerade im Chat jemand nach deiner Einschätzung der nächsten Eskalationsstufen, weil von einer zukünftigen Entspannung kann man ja aktuell nicht mehr reden. Was sind denn so potenzielle Szenarien, wie dieser Krieg jetzt weitergeht?
Also Israel geht es in seinen militärischen Zielen eindeutig darum, das Bedrohungspotenzial, die strategischen Fähigkeiten insbesondere des Iran mindestens zu minimieren, wenn nicht in weiten Teilen auszuschalten. Das scheint Ihnen bei dieser zentralen Atomzentrale in Natanz offenbar schon bei dieser ersten Angriffswelle gelungen zu sein. Der IAO-Chef hat Israels Präsident Herzog darüber informiert, dass Natanz offenbar schwer beschädigt sei. Man kann sich vorstellen, dass da weitere Ziele noch auf der Liste stehen der Israelis. Sie scheinen über sehr weitreichendes Geheimdienstwissen zu den Waffenlagern, zu den nuklearen Kapazitäten des Iran zu verfügen. Die Rede ist auch davon, dass Israels Auslandsgeheimdienst, der Mossad, vom Iran aus bewaffnete Drohnen, hat in der Nacht von heute aufsteigen lassen, um ebenfalls Angriffe auf Flugabwehrsysteme einzuleiten. Also das ist nochmal eine lang geplante Aktion. Man kann sich vorstellen, dass das noch weitere Waffenlager, Produktionsstätten für Raketen und Raketenabschussrampen sowie eben im Zentrum auch zentrale nukleare Kapazitäten betreffen wird.
Bevor ich gleich mit Iran- und Militärexperte Fabian Hinz über die Folgen der Angriffe spreche, wollte ich von unserer Korrespondentin für Iran, Föbe Gar, wissen, wie groß das Ausmaß der israelischen Angriffe ist. Die iranische Führung hält sich relativ bedeckt, was Details zu den getroffenen Orten und Regionen oder auch Anlagen angeht. Wir wissen, dass verschiedene Städte und Regionen getroffen wurden, unter anderem auch die Hauptstadt Teheran und natürlich Natans, dieser zentrale Ort für das iranische Atomprogramm. Die IAEA, die Internationale Atomenergieaufsichtsbehörde, sagt, dass dort erheblicher Schaden entstanden sei. Man stelle aber im Moment keine erhöhte Strahlung fest. Das sei in Zusammenarbeit mit den iranischen Atomenergiebehörden festgestellt worden. Klar ist weiterhin, dass mehrere Nuklearwissenschaftler, hochrangige Nuklearwissenschaftler, zentrale Figuren des Atomprogramms getötet wurden.
Vier Namen wurden bisher veröffentlicht und zusätzlich auch nochmal zentrale Figuren aus dem iranischen Militärapparat, also aus der Leitung der Revolutionsgarden und der Armee. Für diese Position hat der Anführer des Irans, Ayatollah Khamenei, schon Nachfolger bestimmt. Da soll also wahrscheinlich dafür gesorgt werden oder ganz sicher dafür gesorgt werden, dass das Militär nicht ohne Führung bleibt. Einige der israelischen Angriffe, die haben Wohngebiete getroffen heute Nacht. Im Moment gibt es noch keine offiziellen Zahlen, vielleicht auch keinen Überblick darüber, wie viele zivile Opfer es dabei gegeben hat.
Welche Reaktionen gibt es denn von der Führung in Teheran inzwischen und steht die Bevölkerung hinter einer weiteren möglichen Eskalation?
Also die Rhetorik, die wir heute aus Teheran hören, die ist äußerst scharf und brutal. Da ist teilweise sogar davon die Rede, dass das jetzt der Beginn für die Auslöschung des zionistischen Regimes, wie Israel in Iran genannt wird, sei. Und dass die Reaktion auf diesen Angriff ein noch nie dagewesenes Ausmaß haben würde. Es ist also davon auszugehen, dass es nicht bei diesen 100 Drohnen bleibt, die Israel jetzt abgefangen hat. Was das Bild in der Bevölkerung angeht, da ist es das Gespalten. Es gibt Teile in der Bevölkerung, die sich zu den Hardlinern zählen und die sozusagen ihrer politischen Führung, ihrer religiösen Führung treu sind und auch den Weg sozusagen mit ihr gehen würden. Wir sehen aus verschiedenen Städten, zum Beispiel Mashhad ist eine sehr konservative Stadt in Iran, dass dort Menschen auf die Straßen gegangen sind. Heute ist ja Freitag, das heißt, die Freitagsgebete finden landesweit statt und werden jetzt eben teilweise dann von Hardlinern auch dazu genutzt, sozusagen ihre Unterstützung für das Regime zu demonstrieren. Aber es gibt auch einen sehr, sehr, sehr großen Anteil an Iranerinnen und Iranern, die sich schon lange von dem Regime abgewendet haben. Und die, wenn wir mit ihnen über die geopolitische Lage gesprochen haben in den letzten Wochen oder auch gestern noch.
Sehr deutlich gesagt haben, dass sie Angst haben vor einem neuen Krieg und dass sie sich sehr bewusst sind, welche Ausmaße das haben könnte auf ihr Land und auf ihr Leben. Und die sich eigentlich wünschen würden, dass Iran bessere Beziehungen zu seinen Nachbarn oder insgesamt auch zum Rest der Welt aufbauen würde und dass sie davon ausgehen, dass davon das Land eigentlich viel mehr profitieren könnte als von dieser konfrontativen Haltung, die das Regime immer wieder einnimmt. Ja, soweit also mal zur Stimmung in der Bevölkerung. Jetzt hat Iran ja erst gestern den Bau einer neuen Anlage zur Urananreicherung angekündigt. Die internationale Atomenergie, das hast du auch schon gesagt, war auf dem Land zuletzt massive Verstöße gegen Vertragspflichten vor. Heißt das jetzt, diese Atomverhandlungen mit den USA hatten eigentlich zuletzt keine echte Chance mehr?
Also diese Verhandlungen zwischen USA und Iran, die waren definitiv schon ins Stocken geraten, bevor dann diese Resolution der IAEA gestern verabschiedet wurde und dem Ganzen sozusagen nochmal einen Paukenschlag draufgesetzt hat. Aber ich würde das trotzdem getrennt davon betrachten, Denn die Reaktionen aus Teheran auf eben die IAEA-Bekanntmachung, die war sehr scharf auch rhetorisch und eben kam dann diese Ankündigung, dass man das Atomprogramm jetzt ausbauen wolle als Reaktion darauf, wobei man sagen muss, dass zum Beispiel die Modernisierung von bestimmten Zentrifugen, die dann gestern verkündet wurde, dass Experten davon ausgehen, dass die ohnehin geplant war und jetzt sozusagen nur in Reaktion auf die IAEA bekannt gemacht wurden. Zusätzlich soll jetzt noch eine weitere Anreicherungsanlage in Betrieb genommen werden. Das hat also alles sicherlich zur, sagen wir mal, Eskalierung, Eskalation beigetragen. Aber die Gespräche, die nächste Gesprächsrunde ist ja für Sonntag angesetzt gewesen und diese Gespräche hat Iran nicht abgesagt bis heute früh nach den Angriffen von Israel. Das heißt, offensichtlich hatte man immer noch die Hoffnung, auf diplomatischem Weg vielleicht irgendwie weiterkommen zu können. Man hatte eine Erklärung oder Vorschläge erarbeitet, die man der amerikanischen Seite unterbreiten wollte. Wie gesagt, Stand jetzt hat Teheran die Teilnahme an diesen Gesprächen für Sonntag abgesagt.
Und wir haben hier im Chat ganz viele Fragen zu einem Thema, nämlich was ist denn bekannt über die radioaktive Strahlung in den betroffenen Gebieten? Weiß man da schon was?
Also die IAEA oder deren Direktor Grossi sagt, er habe heute Morgen mit der iranischen Atomenergiebehörde in Kontakt gestanden und deren Werte deuteten darauf hin, dass es keine erhöhte Strahlung geben würde. Jetzt muss man natürlich so ein bisschen sich fragen, wie vertrauenswürdig die offiziellen Stellen in so einer Situation sind, wie deutlich sie wirklich auch bekannt geben wollen, welche Schäden es womöglich gibt, wie stark sie getroffen wurden. Der IAA-Direktor Rafael Grossi hat angeboten, zum nächstmöglichen Zeitpunkt in Iran zu reisen und sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Allerdings wissen wir, dass das ja schon sozusagen in friedlicheren Zeiten sehr schwierig war, transparente Informationen über Irans Atomprogramm und die Anlagen zu bekommen. Philbe, was denkst du, wie wird das noch weiter eskalieren? Wird das jetzt ein lang anhaltender Krieg?
Das ist im Moment wirklich schwer abzuschätzen. Im Grunde genommen kann Iran nicht interessiert sein, in einen langwierigen Krieg mit Israel und dessen Verbündeten einzutreten. Andererseits ist das Regime bis zu einem gewissen Grad auch unberechenbar, was das angeht. Und das, was wir im Moment aus Teheran hören, das deutet darauf hin, dass man diesen Angriff eben nicht auf sich sitzen lassen wird. Ich denke, ein ganz wichtiger Faktor wird jetzt derjenige sein, welche Rolle die USA gespielt haben, beziehungsweise wie Iran diese Rolle einschätzt. Das iranische Außenministerium hatte heute Morgen schon gesagt, dass es für sie unvorstellbar ist, dass dieser israelische Angriff ohne die Genehmigung und auch ohne die Koordination mit dem amerikanischen Partner habe stattfinden können. Das wiederum könnte dann bedeuten, dass jetzt amerikanische Stützpunkte, Militärbasen und so weiter im Nahen Osten ins Visier genommen werden. Also es ist eine sehr angespannte und sehr bedrohliche Lage im Moment. Wir haben noch eine Frage aus der Community für dich, die sich da ganz gut anschließt. Was schätzt du denn ein, wie groß ist die tatsächliche militärische Stärke des Irans?
Das ist tatsächlich sehr schwer einzuschätzen. Auch da gibt es keine Transparenz von Seiten des Iran. Aber es gibt ein paar Hinweise. Zum Beispiel, wenn man sich anschaut, im letzten Jahr gab es ja schon israelische Angriffe auf Iran. Und auch bei den Angriffen heute Nacht sollen wieder Radaranlagen getroffen worden sein, Bodenluftraketen bzw. Abschussrampen dafür getroffen worden sein. Die Luftabwehr in Iran scheint definitiv lückenhaft zu sein. Also der Iran präsentiert sich ja immer als eine militärische Macht, liefert auch Drohnen in verschiedene Kriegsgebiete auf der Welt. Aber wie viel wirklich sozusagen davon, von diesem Material, das man auch immer wieder in Propaganda-Videos sieht, einsatzbereit ist oder nicht, das ist schwer einzuschätzen.
Teherans Atomprogramm ist das Ziel der israelischen Angriffe. Deshalb wollte ich von Iran- und Militärexperte Fabian Hinz wissen, wie angreifbar die iranischen Atomanlagen sind und wie Israel bei seinem Angriff vorgegangen ist. Natürlich haben wir momentan noch eine Situation, wo vieles unbekannt ist, aber trotzdem kann man einige erste Aussagen ziehen.
Zum einen gab es Angriffe auf verschiedene Nuklearanlagen, vor allem Natanz. Dann gab es Angriffe auf Personen. Das waren mehrere Physiker, die vor 2003 in dem iranischen Atomwaffenprogramm tätig waren, in hochrangiger Position. und verschiedene hochrangige Militärs. Gleichzeitig haben die Israelis aber auch Flugabwehrsysteme angegriffen und womöglicherweise auch die ballistischen Raketenfähigkeiten des Iran. Es gibt einige Städte, von denen wir wissen, dass dort große Raketenbasen positioniert sind. Und auch dort hat es Angriffe gegeben. Und all das zusammen bietet einem den Eindruck, dass man versucht hat, den Modus operandi, den man letztes Jahr gegen die Hisbollah verfolgt hat. Das heißt, schnelle Schläge, in denen die Anführer ausgeschaltet werden, in denen wichtige strategische Fähigkeiten ausgeschaltet werden, dass man versucht hat, diesen Modus operandi jetzt in noch schnellerem Tempo gegen den Iran zu verfolgen. Es gibt noch einige Lücken. Beispielsweise gibt es die Nuklearanlage in Fordow. Das ist die Anreicherungsanlage, die tief unter einem Berg vergraben ist. Da gibt es bisher keine Berichte über einen Angriff gegen diese Anlage. Da stellt sich auch die Frage, ob die Israelis das überhaupt können mit ihrer Luftwaffe. Aber es besteht über die Möglichkeit, dass man noch auf andere Arten und Weisen angegriffen hat, beispielsweise durch Sabotage oder Cyberangriff.
Ja, wir haben auch gehört, dass der Kommandeur der Revolutionsgarden getötet wurde, auch der Generalstabschef der Armee. Und wir hören ja auch von diesen Schäden an der Atomanlage. Es wurde auch schon im Chat diskutiert, wie angreifbar sind denn diese Atomanlagen tatsächlich?
Diese Atomanlagen sind zum großen Teil sehr angreifbar. Es gibt, wie gesagt, einige, die der Iran tief unter den Berg gebaut hat. Aber es gibt viele, die einfach an der Oberfläche sind. Und das betrifft sowohl Zentrifugenanlagen, die Komponenten für das Atomprogramm herstellen, die komplette Lieferkette. Das betrifft Anlagen wie die in Isfahan, wo Uranhexafluoridgas zu Metall verarbeitet wird, was sowohl für die zivile Nuklearindustrie als auch für ein mögliches Bombenprogramm sehr, sehr wichtig ist. Und die Art und Weise, wie der Iran bisher versucht hat, sich vor einem Angriff zu schützen, war zweierlei. Zum einen durch Flugabwehrsysteme. Die wurden letztes Jahr schon zu einem großen Teil ausgeschaltet, die russischen S-300. Die fähigsten waren, wurden letztes Jahr von den Israelis zerstört. Und die Israelis haben jetzt weitere Systeme ausgeschaltet. Gleichzeitig wusste der Iran immer, dass seine Flugabwehr nicht allein in der Lage ist, einen Angriff durch die israelische oder gar die amerikanische Luftwaffe abzuhalten. Deswegen hatte der Iran immer eine militärische Strategie der Vergeltung. Das heißt, man würde jeden Angriff mit einem größeren Gegenangriff beantworten und hat gehofft, dass das mögliche israelische oder amerikanische Angriffe abschrecken würde. Aber auch hier war das Problem, dass sich die iranischen Angriffe letztes Jahr als nicht besonders effektiv erwiesen haben und dass mit der Hezbollah der wichtigste Teil der iranischen vorgeschobenen militärischen Abschreckungsfähigkeiten verloren gegangen ist.
Ich würde gerne nochmal über den Ablauf dieses Angriffs sprechen. Die israelischen Kampfflugzeuge, die müssen ja über andere Länder in der Region geflogen sein. Haben dann Irak oder Jordanien den Angriff mutmaßlich unterstützt? Davon ist eher nicht auszugehen. Man muss dazu sagen, die Tatsache, dass Bashar al-Assad in Syrien gestürzt wurde und die neue syrische Führung keinerlei wirkliche Flugabwehrfähigkeiten hat, hilft natürlich auch dabei. Die Iraker haben sehr, sehr begrenzte Fähigkeiten. Das heißt, ein israelischer Überflug könnte gar nicht gestopft werden. Wir haben auch letztes Jahr gesehen, dass verschiedene israelische Flugzeuge in den Irak überflogen haben, teilweise Abstandswaffen großer Reichweite über irakischem Luftraum gestartet haben. Das heißt, selbst wenn man den politischen Willen hätte, diese Angriffe zu stoppen, könnte man es nicht. Und wir wissen auch, dass die Israelis F-35 Stealth-Kampfjets eingesetzt haben, die auf den Radaren gar nicht sichtbar wären. Die israelische Regierung spricht ja mit diesem Angriff von einem Präventivschlag. Ist der durch das Völkerrecht gedeckt und sind auch Atomwissenschaftler demnach dann legitime Ziele?
Das ist natürlich eine schwierige Frage, das ist auch im Völkerrecht kontrovers diskutiert. Was ist jetzt ein Präventivschlag? Und wir wissen auch nicht genau, warum dieser Angriff exakt jetzt kam. Zum einen gab es natürlich die immer weiter fortschreitende Anreicherung, die auch gut dokumentiert wurde durch die internationale Atomenergiebehörde. Aber die große Frage ist, ist Iran hierüber hinausgegangen? In der Vergangenheit haben die Iraner immer den Ansatz verfolgt, zumindest nach 2003. Bis 2003 hatte man ein wirkliches Atomwaffenprogramm. Danach hat man den Ansatz verfolgt, dass man immer weiter anreichert, aber das unter einem zivilen Deckmantel macht. Und zumindest auf dem Papier mit vielen der vertraglichen Verpflichtungen, die man hat, einhergeht. Und die Frage ist, ist man jetzt ausgebrochen aus diesem Modell? Dass man gesagt hat, nein, wir versuchen jetzt tatsächlich an eine Atombombe zu bauen. Es gibt ein paar Aussagen, die vielleicht auf diese Möglichkeit hindeuten, aber das wissen wir noch nicht genau. Wenn das bekannt ist, dann wären das alles Geheimdienstinformationen. Und das ist für mich die große Frage. Warum genau hat Israel diesen Angriff jetzt gestartet? Und eine Frage, die im Chat ganz oft gestellt wird, ist die Frage, wird sich der Krieg jetzt ausbreiten, wenn er weiter eskaliert und hat das Ganze auch Auswirkungen auf Deutschland?
Also es ist davon auszugehen, dass die Iraner zurückschlagen werden. Wir haben schon gehört, die Iraner haben Drohnen abgefeuert, 100 Drohnen vom Typ Schahed. Das ist nicht sonderlich viel. Damit können die Israelis relativ leicht umgehen. In der Ukraine sehen wir teilweise Angriffe mit bis zu 500 Shahid-Drohnen gleichzeitig. Das ist nochmal ein anderer Maßstab. Aber was kommen wird, werden iranische Raketenangriffe sein. Das ist wirklich die Waffe der Iraner, die den meisten Schaden verursachen könnte. Und wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass die Iraner bereit sind, diese Waffen direkt gegen Israel einzusetzen. Letztes Jahr hat sich gezeigt, dass diese ballistischen Raketen zum einen teilweise sehr gut abgefangen werden konnten von israelischen Systemen. Zum anderen nicht wirklich die Präzision hatten, um militärische Ziele effektiv zu treffen. Gleichzeitig könnte der Iran ein neues Eskalationslevel anstreben, wo man nicht mehr auf Luftwaffenbasen schießt, sondern auf Städte. Das heißt, wenn eine Rakete das Ziel um 100 Meter verfehlt, dann trifft sie trotzdem noch etwas.
Das ist durchaus möglich, das ist sogar wahrscheinlich, denn die Iraner haben diese militärische Strategie, dass sie immer versuchen, Vergeltung zu üben, die dem Angriff ähnelt. Und in der iranischen Sichtweise war das auch ein Angriff auf zivile Ziele in der Hauptstadt, als man die Wohnungen von verschiedenen hochrangigen Militärkommandeuren und Physikern getroffen hat. Das heißt, das ist durchaus möglich. Die Frage wird sein, wie viel davon kann Israel abfangen? Wie groß sind die Arsenale auf beiden Seiten, Abfangraketen und ballistische Raketen? Das sind sehr gut als geheim eingestufte Informationen, die man natürlich nicht preisgibt. und von daher ist zu erwarten, dass dann noch einiges kommen wird und auch hier ist die große Frage, werden die USA involviert sein oder nicht. Ja und daran anschließend die Frage, wer kann jetzt zwischen diesen beiden Ländern eigentlich überhaupt noch vermitteln? Also gibt es eine realistische Option einer Deeskalation?
Also es gibt durchaus Länder, die mit beiden Seiten recht gute Beziehungen haben und die vermitteln können. Beispielsweise sind das Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate, die zwar lange Zeit mit dem Iran sehr verfeindet waren, aber die ihre Beziehungen verbessert haben. Zu einem geringeren Grad Saudi-Arabien, der Oman, Katar, alle diese Länder können als Mittler fungieren. Gleichzeitig ist natürlich die Frage, will man überhaupt von beiden Seiten zunächst einmal deeskalieren. Denn von israelischer Seite möchte man natürlich sicherstellen, dass die wichtigsten Anlagen des Atomprogramms auch zerstört sind, dass so viele der strategischen Fähigkeiten des Iran wie möglich, das heißt ballistische Raketen, Drohnen, Marschflugkörper zerstört sind wie möglich. Und von iranischer Seite möchte man natürlich eine Art der Vergeltung üben, die Abschreckung wiederherstellt. Ob das möglich ist oder nicht, ist die andere Frage. Mittelfristig wird sich die Frage stellen, wem zuerst die Raketen ausgehen. Sind das die israelischen Abfangraketen, die iranischen ballistischen Raketen? Inwieweit werden die USA involviert sein? Wenn der Iran zurückschießt, dann werden die Amerikaner wahrscheinlich Israel dabei helfen, sich zu verteidigen. Durch in Israel stationierte Raketenabwehrsysteme, aber auch Systeme der US-Marine, die das können. Das sind die großen Fragen, die wir jetzt auf den Antworten warten müssen.
Soweit die Analyse mit Iran- und Militärexperte Fabian Hinz vom International Institute for Strategic Studies. Er rechnet mit iranischen Raketenangriffen, auch auf zivile Ziele, als Reaktion auf die israelischen Schläge. Jede Woche reden wir in unserem Podcast mit Expertinnen und Experten und unseren Korrespondenten über die Hintergründe in Kriegsgebieten. Schaut gerne mal rein auf YouTube oder in der ZDF-Heute-App. Da könnt ihr auch eure Fragen an unsere Expertinnen stellen. Den Link findet ihr auch in der Beschreibung dieser Podcast-Folge. Vielen Dank fürs Reinhören und bis zum nächsten Mal.