Hi, ich bin Christian Hoch. Schön, dass ihr dabei seid. An dieser Stelle sprechen wir wie jede Woche über die aktuellen Entwicklungen und Hintergründe im Ukraine-Krieg. Dieses Mal geht es bei uns unter anderem um den Besuch des ukrainischen Präsidenten Selenskyj bei Kanzler Merz in Berlin. Nach dem Treffen kündigte Merz an, die Zusammenarbeit mit der Ukraine auszubauen. Zum Beispiel bei der Beschaffung und Produktion von weitreichenden Waffen. Es ginge darum, den Druck auf Russland zu erhöhen und Putin so schlussendlich an den Verhandlungstisch zu bewegen. Eine Strategie mit echten Folgen für das Geschehen an der Front? Darüber habe ich mit dem Militärexperten Gustav Gressel gesprochen. Zunächst wollte ich von ihm wissen, ob die versprochene Unterstützung ausreichend ist, um der Ukraine im Kampf gegen Russland zu helfen.

Ich sage mal so, es ist ein wichtiger Schritt und es war ein gutes Treffen, aber es ist natürlich jetzt nicht das Ende der Fahnenstange oder das Treffen, das sozusagen den Krieg jetzt für die Ukraine wendet. Aber es zeigt, dass Deutschland im Grunde den Ball aufnimmt, dort wo man ihn 2024 im Frühjahr mit diesem Sicherheitsabkommen liegen gelassen hat. Damals wurde ja auch eine weihreichende Zusammenarbeit beschlossen zwischen Deutschland und Ukraine. Der Verteidigungsminister Omerow war da, der damalige Minister für strategische Rüstung, Commission, war da, um mit verschiedenen deutschen Unternehmen Verträge zu unterzeichnen für die gemeinsame Produktion verschiedenster Waffen. Das Problem war, dass ging dann sehr schnell unter in den Budgetstreitigkeiten 2024, 2025 und dann natürlich mit dem Ende der Ampelkoalition. Koalition. Und jetzt hat Merz sozusagen das wieder aufgenommen. Der Bereich Langstreckenwaffen kommt hinzu als sozusagen Erweiterung. Auch weil sich der Krieg seit dem Frühjahr 2024 doch gehörig geändert hat. Aber es ist im Grunde das Wiederaufleben dieser damals eingegangenen Verpflichtung.

Was ist, wenn ich nochmal konkret nachfrage, so Ihre Einschätzung nach der wichtigste Punkt, der heute beschlossen worden ist? Ja, der wichtigste Punkt war in der Tat die Wiederaufnahme der rüstungsindustriellen Kooperation bzw. Deren Ausweitung. Es sind ja alle Projekte, es sind nicht genannt, aber das ist ein wichtiger Moment. Die Ukraine, also erstens in der Ukraine produzieren, ist deutlich günstiger als in Europa. Wenn wir vom selben Gut reden, sind Rüstungsgüter in der Ukraine in etwa ein Fünftel oder kommen zu einem Fünftel des Preises, wenn ich sie in Europa herstellen lasse. Das Zweite natürlich, es ist der direkte Bezug zum Kunden. Wenn an der Front Mängel festgestellt werden oder Probleme, kann man die sofort beheben. Es sind die Ketten zum Hersteller zu Ersatzteilen kurz. Also es ist im Grunde eine sehr vorteilhafte Entwicklung. Es steht natürlich immer unter dem Risiko, dass das Werk, in dem was auch immer gebaut wird, sei es jetzt eine Drohne, sei es ein Marschflugkörper, sei es ein gepanzertes Fahrzeug, Ziel russischer Luftangriffe wird. Das ist das Damoklesschwert, das über allem hängt.

Aber man muss konstatieren, heute stellt die Ukraine zwischen 40 und 50 Prozent aller gebrauchten Rüstungsgüter, also bis hinunter zur Munition, selbst her. Und in vielen Klassen ist es so, dass nur durch die ukrainische Rüstungsindustrie die ukrainische Armee überhaupt noch verteidigungsfähig ist. Wenn es nur um den Westen ging, ja nur um die militärische Unterstützung der internationalen Koalition, dann wäre die Ukraine, das muss man auch bei aller Härte sagen, schon lange untergegangen.

Im Vorfeld und auch nach dem Treffen gibt es und gab es sehr viele Diskussionen, das sehe ich auch gerade bei uns im Chat, auch um die Formulierung und auch nach heute, dass es eben keine Reichweitenbeschränkungen mehr bei den Waffen geben wird, die geliefert beziehungsweise dann jetzt auch gemeinsam produziert werden sollen. Viele haben sich gefragt, heißt das dann automatisch kommt der Taurus-Marsch-Flugkörper? Wir gehen darauf gleich konkret ein, auch auf die Fragen im Chat, schauen uns aber ganz kurz vorher an, was Bundeskanzler Merz konkret heute gesagt hat. Wir haben heute auch über Deutschlands militärische Unterstützung der Ukraine gesprochen. Ich werde mich hier daran halten, nicht in die Details zu gehen, aber ich kann so viel sagen. Wir werden unsere militärische Unterstützung fortsetzen und wir werden sie ausbauen, damit sich die Ukraine jetzt und in Zukunft eben gegen diese russische Aggression weiter zur Wehr setzen kann. Und ich will in diesem Zusammenhang etwas Neues hervorheben. Wir finanzieren einen beträchtlichen Teil der Starlink-Abdeckung des Landes und unsere Verteidigungsminister werden heute eine Absichtserklärung über die Beschaffung weitreichender Waffensysteme aus ukrainischer Produktion, sogenannter Long-Range-Fires.

Unterzeichnen. Es wird hierbei keine Reichweitenbeschränkungen geben. Die Ukraine kann sich damit vollumfänglich verteidigen. Auch gegen militärische Ziele außerhalb des eigenen Staatsgebiets. Das also Bundeskanzler Friedrich Merz und Herr Kessel. Viele, viele Fragen schon im Chat zum Thema Taurus. Ich leite Ihnen einfach die erste weiter von Stefan Lallbach bei YouTube. Er fragt, heißt das jetzt, was da jetzt beschlossen wurde, dass der Taurus dann in der Ukraine gebaut wird? Oder geht es eigentlich gar nicht mehr um diesen Taurus? Also ich sehe das so, dass es gar nicht mehr um den Taurus geht. Natürlich könnte man den Taurus in der Ukraine bauen lassen. Aber der Taurus ist eine schwedisch-deutsche Gemeinschaftsproduktion und die Ukraine hat ja schon Vorarbeiten. Also es gibt die Neptun, das war ursprünglich ein C-Zielflugkörper, von dem es mittlerweile in den Reichweiten gesteigerte Variante geht, die soll bis zu 3000 Kilometer weit schießen können. Und wenn ich natürlich russische Rüstungsbetriebe, etwa die Betriebe, die diese Drohnen iranischen Musters aber in Russland hergestellt, Wenn ich diese Betriebe in Tatarstan erreichen will, dann muss ich ja weit über das hinausschießen, was der Taurus kann.

Die Ukraine braucht natürlich für die Herstellung dieser Geräte westliche Unterstützung, nicht nur finanziell, sondern es geht da auch um Spezialmaterialien, es geht um Ersatzteile, es geht um Einzelteile, die natürlich aus dem Rüstungs-, Luft- und Raumfahrtbetrieb kommen, die viel stärker reguliert sind, was den Export solcher Materialien und Teile angeht.

Drohnen. Die Ukraine hat ja schon viele Langstrecken Drohnen gebaut, mit denen sie auch sehr spektakuläre Angriffe fliegt. Aber diese Drohnen greifen ja auf zivile Teile, auf zivile Bauteile, auf zivile Steuerungskomponenten zurück, was sie einfach schnell zu produzieren lässt. Aber das Problem natürlich, eine Drohne fliegt weit langsamer als ein Marschflugkörper und hat einen viel kleineren Gefechtskopf. Das heißt, wenn ich durch gehärtete Ziele, zum Beispiel Munitionsbunker, wenn ich da durchkommen will, bin ich mit der Drohne natürlich schlecht beraten, weil die nicht die Durchschlagskraft hat. Da brauche ich etwas, was mit größerer Geschwindigkeit und mit einem festeren Gefechtskopf zuschlägt. Zum Beispiel ein Marschflugkörper oder auch eine ballistische Rakete. Die Ukraine auch hier hatte schon Versuchsstarts gehabt mit der RIM-2. Sie wurde auch schon eingesetzt mit durchaus beachtlichem Erfolg. Aber für die Serienproduktion braucht es eben eine deutliche Ausweitung. Da fehlt es nicht nur an Geld, sondern auch an den Produktionsmitteln. Und ja, da ist natürlich Deutschland als die Maschinenbaunation in Europa schlechthin. Für das Aufsetzen von Produktionsstraßen, für das Bereitstellen von Spezialmaschinerie gibt es kein geeigneteres Land.

Wir sehen ja auch bei den russischen Produktionsstraßen bis zu den Interkontinentalraketen hin, dass einzelne Maschinen, vor allem im Bereich Qualitätsprüfung, Materialprüfung, auch aus Deutschland kommen, vor dem Krieg importiert, muss man hier sagen. Ja, das ist natürlich etwas, was sich die Ukraine auch wünschen würde, um die Produktion dieser Mittel auszuweiten. Taurus dürfte aufgrund der innenpolitischen Widerstände des Koalitionspartners Geschichte sein. Man muss aber auch sagen, die Bundeswehr hat sehr wenig Taurus oder von den Taurus, die sie hat, sind sehr wenig einsatzbereit. Und mit so wenig Munition würde man in diesem Krieg auch nicht besonders weit kommen. Und zu guter Letzt muss man auch sagen, die Bundeswehr hat ja geplant, weiterreichende Mittel zu beschaffen. Es gibt ja auch ein gemeinsames Abkommen mit Großbritannien, Frankreich und Polen, um luftgestützte Marschflugkörper zu bauen mit einer Reichweite von über 2000 Kilometern. Wenn man jetzt mit deutschem Geld etwa die Neptun in der reichweitengesteigerten Variante bauen würde, wäre das unter anderem auch eine Option für die Bundeswehr etwa nach dem Krieg, das Ganze in der landgestützten, in der bodengestützten Version zu beschaffen.

Etwa für den Küstenschutz oder natürlich auch für Angriffe in die Tiefe. Das würde der NATO-Verteidigung auch helfen. Also hier kann man verschiedene Klappen und Bedürfnisse und Fähigkeitslücken mit einer Klappe schlagen. Und in dem Sinn, darauf zielt meiner Interpretation nach dieses Abkommen ab. Sie betonen auch die Wichtigkeit von Drohnen auch im Vergleich zum Taurus. Per Mail kommt da eine Frage, auch eine, die ich direkt an Sie weiterleite. Für mich stellt sich die Frage, fragt der User, nachdem man mittlerweile weiß, haben Sie auch gerade gesagt, dass Drohnen sehr entscheidend sein können. Warum schickt, baut die EU nicht täglich tausend Drohnen und hilft damit der Ukraine dann nochmal massiv?

Also Drohnen ist natürlich ein extrem weites Feld. Reden wir hier von Langstreckenangriffsdrohnen, reden wir hier von Kleindrohnen, wie sie zu Millionen an der Front verschossen werden. Die Ukraine plant in diesem Jahr allein im Kleindrohnenbereich 5 Millionen Stück zu bauen oder Seedrohnen, die wieder komplexer sind. Und warum die EU selber oder die Europäer selber jetzt nicht groß bei sich bauen, hängt mit der Kurzlebigkeit dieser Systeme zusammen. Gerade im Bereich Kleindrohnen, also die meistgebrauchten Waffensysteme, da ist die Überlebensdauer der Software, der Steuerungssoftware für diese Drohnen im Krieg etwa zwei Wochen bis maximal zwei Monate. Dann muss die Software grundlegend überarbeitet werden, weil eben die andere Seite schon die Kommunikation entschlüsseln kann, diese Drohnen gut stören kann bzw. Auch kidnappen kann. Das heißt, das Steuerungssignal imitieren und sie zum Absturz bringen bzw. Auf die eigenen Kräfte wieder zurückleiten kann.

Im Bereich der Hardware ist es so, dass auch hier Entwicklungszeiträume von mehreren Monaten Gang und Gebe sind. Und das muss ja alles dann reagieren auf direkte Vorfälle an der Front, wie dann die elektronische Kampfführung des Gegners ausschaut, wie er seine Truppen einsetzt. Das heißt, da braucht es direktes Feedback. Von den Streitkräften und eine Zusammenarbeit mit denen. Und das ist natürlich jetzt für ein europäisches Unternehmen, das jetzt Hausnummer in Portugal sitzt oder auch in Deutschland, eigentlich nicht zu bewerkstelligen. Es gibt natürlich deutsche Unternehmen, die Drohnen bauen, die auch für die Ukraine Drohnen bauen. Die haben aber mittlerweile alle ihre Forschungs- und Entwicklungs- und meistens auch die Produktionsteams schon in der Ukraine, einfach um in dieser Schnelllebigkeit des Krieges vorne mit dabei zu sein. Das macht es ja auch natürlich schwer für die Bundeswehr zum Beispiel, auf diesem Feld die Lektionen des Krieges mit einzubauen. Eine große Beschaffung von vielen Kleindrohnen würde heute wenig Sinn ergeben.

Weil die, was man auch immer heute beschafft, in wenigen Monaten obsolet sein wird. Aber das Wichtige ist da, die Lehren zu ziehen taktischer Natur und dann die Leute anfangen auszubilden, damit man Leute hat, die Drohnen fliegen können, die Drohneneinsätze planen können, die damit auch taktisch mit konventionellen Streitkräften, also konventionellen Waffengattungen wie Panzergrenadiere, Infanterie etc. Kooperieren können und aus dem entwickelt man daraus. Das andere, was die Europäer machen und was sie natürlich mehr machen könnten, ist stärker die Subkomponenten bauen, also Akkumulatoren, Stellmotoren, Lagesensoren etc. Da kommt ein Großteil der von der Ukraine verwendeten Bauteilen aus China, weil China mittlerweile am kommerziellen Drohnenmarkt die Nummer eins ist und dort am meisten und am günstigsten produziert wird. Aber diese Abhängigkeit von chinesischen Lieferketten ist natürlich etwas, die politisch nicht unbedingt risikofrei ist.

Und hier wäre es wünschenswert, wenn die Europäer mehr täten. Muss man auch sagen, das würde von Seiten vieler europäischer Staaten auch ein bisschen eine Lockerung des Luftfahrtsrechts voraussetzen, damit eben private Nutzer auch wirklich sich Drohnen kaufen können und das sozusagen Drohnensport, wenn ich es mal so sagen darf, auch populärer zu machen. Denn man braucht die zivilen Abnehmer, um einen Markt zu kreieren, für den es sich zu produzieren lohnt. Dieser Markt ist in Asien ziemlich groß und ziemlich stark. Der ist in Europa aufgrund der vielen Regularien und aufgrund der quasi nicht sehr hohen Bekanntheitsgrad von Drohnen für den zivilen Gebrauch leider nicht so vorhanden, dass es europäische Produzenten gäbe, die hier wirklich eine Rolle spielen würden.

Herr Gressel, es gibt im Chat bei uns auf die Reaktion, auf das Treffen heute von Bundeskanzler Friedrich Merz mit Volodymyr Zelensky, sowohl Lob als auch Kritik. Lob kommt zum Beispiel von Mathisen, er sagt, endlich wird gehandelt statt leerer Worte. Es gibt aber auch Kritik von einem User, der schreibt, Merz trägt damit immer mehr zur Eskalation des Krieges bei. hey, Russland ist eine Atommacht. Es gibt ja auch schon die Reaktion aus dem Kreml selbst, der die Pläne, also der gemeinsamen Waffenproduktion von Deutschland und der Ukraine als Zitat sehr unverantwortlich bezeichnet hat. Und sie würden außerdem eine weitere Provokation darstellen. Was würden Sie sagen, wie ordnen Sie diese russische Reaktion auf das Treffen ein? Ist das eine ernstzunehmende Verärgerung jetzt, die womöglich Folgen haben könnte, wie es auch einige User befürchten? Oder würden Sie sagen, das ist jetzt erwartbares Unverständnis, was nicht konkrete Folgen haben wird? Es ist ein wartbares Unverständnis. Dass die Russen das nicht freut, das hat man sich an einer Hand ausrechnen können. Aber die Frage ist, was werden sie machen? Und da ist es so, dass sie parallel zu diesem Krieg, also neben dem Krieg, der gegen die Ukraine führt, sich keinen zweiten Krieg leisten können. Ganz einfach, weil sie die Kräfte dazu nicht haben, gegen die europäische NATO und gegen die Ukraine gleichzeitig Krieg zu führen. Das verschlingt einfach enorm viel Ressourcen, so ein Krieg verschlingt viele Kräfte.

Konsekutiv können sie das natürlich machen und konsekutiv haben sie das ohnehin vor. Die Eroberung der Ukraine soll ja die russische Großmachtposition festigen, um dann die europa-dominierende Macht zu werden und dann militärische Kraft nach Europa hinein zu projizieren.

Das heißt, dass die Russen uns nicht mögen und mit uns langfristig auch übles Vorhaben, das ist ohnehin schon der Fall. Und heute ist nur ein Tag, an dem ein europäischer Staat, nämlich Deutschland, auch bekundet hat, dass er dagegen etwas machen will. Und das ist, bevor es soweit kommt, man die Ukraine unterstützt, dass eben diese weitreichenden Eroberungs- und Dominanzpläne der Russen nicht aufgehen. Ob es natürlich, ob die deutsche Rechnung ausgeht, dass man Erfolg hat, das wird sich zeigen. Wir werden ja sehen, ob diese Pläne, die jetzt geschmiedet werden, nicht genauso wie die letzten Pläne, die geschmiedet worden sind, dann an Koalitionsstreitigkeiten und der Budgetdebatte scheitern. Aber hier ist zu hoffen, dass Merz hier mehr Glück hat als sein Vorgänger. Es gab ja auch viele außenpolitische Bestrebungen, unter anderem auch von Friedrich Merz in den letzten Wochen, seit er Kanzler ist mit vielen europäischen Nachbarländern, wie zum Beispiel auch mit Frankreich, intensive Diplomatiebemühungen und auch eben die Bemühungen, zu einem Waffenstillstand zu kommen und zu Friedensverhandlungen. Es gab auch die Ankündigung vom russischen Außenminister Lavrov jetzt ganz aktuell. Für kommenden Montag, für den 2. Juni schlägt er vor, soll es nächste Friedensverhandlungen in Istanbul geben, also die zweite Runde. Was würden Sie sagen nach dem, was wir auch von den ersten Verhandlungen gelernt haben? Ist das ein ernstzunehmender Vorschlag oder ist es am Ende jetzt wieder eine Hinhaltetaktik, ohne dass am Ende wirklich konkrete Ergebnisse passieren?

Das ist zu erwarten, dass es genauso ausgeht wie das Erste. Die Russen werden substanziell verhandeln, wenn sie sehen, dass ihre maximalen Forderungen nicht mehr militärisch funktionieren. Zu erreichen sind. Aber da sind sie nicht. Im Gegenteil, sie sind sich zurzeit ziemlich siegessicher. Sie planen neue Offensiven, sie planen Pufferzonen etc. Die Russen hätten eigentlich nach der letzten Sitzung einen Punkteplan vorstellen sollen, wie sie sich denn den Weg zum Waffenstillstand und dann weiter zum Frieden vorstellen. Das haben sie bis heute nicht getan.

Deshalb ist es natürlich auch fraglich, was da präsentiert wird oder präsentiert werden soll am Montag Im Grunde ist das jetzt alles ein Theater, um den amerikanischen Präsidenten irgendwie bei Laune zu halten Die Russen wollen, dass er keine Sanktionen verhängt Die Russen wollen ihn sozusagen ganz langsam frittieren, indem man einfach ein bisschen was tut, um irgendwas zu tun aber der Armee Zeit genug gibt, die ukrainischen Streitkräfte zu erodieren. Und solange die Amerikaner kein neues Unterstützungspaket für die Ukraine schmieden, ist aus russischer Sicht alles in Butter, weil eben das die Hoffnung gibt, dass man zu günstigeren Bedingungen diesen Krieg gewinnen kann. Da ist jetzt die Stunde der Europäer. Sie müssen ja nicht nur die Verhandlungen irgendwie retten, dass die nicht komplett aus dem Ruder laufen und Trump einfach Putins Forderungen unterschreibt und heimgeht. Sondern sie müssen jetzt auch de facto die militärische Unterstützung schultern, die die Amerikaner quasi auslaufen lassen. Und das ist der eigentlich wirklich schwierige Akt aus europäischer Sicht, denn auf so ein Szenario hat man sich nicht vorbereitet. Man hat immer gedacht, die Amerikaner werden schon auf die eine oder andere Weise an der europäischen Seite stehen. Das ist abzusehen, dass sie das nicht mehr lange tun.

Und die Europäer haben in vielen Munitionsklassen einfach nicht die Produktionskapazitäten, um die Amerikaner eins zu eins zu ersetzen. Das wird noch eine sehr schwierige Kiste, vor allem in dem Bereich der Fliegerabwehr. Über genau diese Rolle, also was planen gerade die USA mit Präsident Trump, da sprechen wir auch gleich mit Ihnen weiter noch im Stream, genauso auch was Sie sagen, was jetzt die europäische Taktik sein soll, eben ja zum Beispiel auch weitere Sanktionspakete, auch das hat Friedrich Metz heute angekündigt, das 18. Soll es geben, auch Zelensky hat da nochmal betont, wie wichtig das ist, dass die greifen, denn daneben, dass man nicht absehen kann, was die USA machen, muss man ja auch sagen, hatte die Ukraine, kann man so sagen, vor Wochen noch ein Momentum ihrerseits mit, haben Sie auch beschrieben, dem gezielten Einsatz und den erfolgreichen Drohnenangriffen auf Russland. Und auch, das haben wir auch immer wieder hier thematisiert, es gab einen Freeze-Zustand an der Front. Jetzt muss man aber sagen, werden die Luftangriffe Russlands immer heftiger. Erst Anfang der Woche habe es demnach die stärksten seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine gegeben. Hier haben wir die Bilder. Auch vergangene Nacht gab es wieder schwere Angriffe, besonders in der Zentralukraine. Es seien da dutzende zivile Ziele getroffen worden, sagen die Behörden. Und auch rund 1.400 Anwohner seien ohne Strom gewesen. Russland möchte mit diesen Angriffen auf die zivile Infrastruktur unter anderem auch die Bevölkerung Mühe bemachen. Herr Kressel, ganz kurz zu Ihnen. Woher kommt jetzt dieses Momentum dieser russischen Luftangriffe? Aus der gestringenen Produktion. Die Russen verschießen quasi.

Also vor allen Dingen an Drohnen, was man produziert. Und hier sind im letzten Herbst neue Werke eingeweiht worden, die jetzt einfach eine höhere Zahl an Drohnen produzieren und das merken wir in den immer steigenderen Angriffen. Das zweite Problem ist, im letzten Spätherbst, im letzten Winter, haben die Ukrainer Möglichkeiten gefunden, die russischen Angriffsdrohnen zu stören, ihr Steuersystem zu kapern, Drohnen umzulenken. Wenn man sich die Abschuss- oder Absturzstatistiken anschaut vom letzten Jahr, Dann waren eine Masse der abgeschossenen oder nicht ins Ziel gekommenen Flugkörper bzw. Drohnen eigentlich gestörte oder zum Absturz gebrachte Drohnen. Nicht abgeschossene Drohnen, weil es eben wenig Fliegerabwehrlenkwaffen gibt, weil es wenig Fliegerabwehrkanonen gibt oder Gepards zum Beispiel, mit denen man diese Geräte physisch vernichten kann. Aber natürlich über Störsender kann man das relativ günstig machen. Jetzt haben die Russen wieder Rezepte gefunden, das zum Gehen, ihre Steuerung zu härten, die ukrainischen Störsender.

Der Prozentsatz, der durch Funkstörung zum Absturz oder zur Ablenkung gebrachten Drohnen ist drastisch zurückgegangen. Und das bedeutet natürlich auch eine Überlastung der Fliegerabwehr, also der Kanonen und Raketen, die sonst diese Dinger abschießen müssen, weil die natürlich nicht mit solchen Quantitäten fertig werden können, weil es einfach so viel Munition auch nicht gibt, selbst wenn die Amerikaner voll an Bord wären. Und das ist natürlich ein erhebliches Problem. Die Ukrainer arbeiten natürlich schon an Gegenmaßnahmen.

Eine davon hat man schon im Internet auch gesehen, die Vorstellung einer neuen Laserwaffe. Auch bei der Laserwaffe, da setze ich ja Strom in gerichtete Lichtenergie um, muss ich mir um die Munitionsproduktion wenig Sorgen machen, solange ich einen Stromaggregat dabei habe. Aber das Problem ist natürlich, das sind Prototypen. Bis die in die Serienreife kommen und bis die in ausreichender Anzahl vorhanden sind, um auch dann Städte wirklich effektiv wieder zu schützen, wird noch leider eine Zeit vergehen. Dankeschön, Herr Kressel, für den Moment. Wir sprechen gleich weiter mit Ihnen auch eben, wie gerade gesagt, über die Rolle der USA und was es da dann auch von europäischer Seite braucht. Schauen aber vorher zusammen hier im Stream auf die Situation in der Ukraine. Ob es wirklich gelingt, die ukrainische Bevölkerung da zum Beispiel auch Möbel zu machen mit Blick auf die aktuellen Angriffe. Und das besprechen wir zusammen mit unserem Reporter Tim Krüger live aus Kiew. Hi Tim, willkommen bei uns im Stream.

Guten Abend aus Kiew. Tim, die ukrainische Bevölkerung, das muss man so sagen, hat seit Beginn des russischen Angriffskriegs eigentlich immer wieder gezeigt, wie resilient sie ist und sie hat auch bewiesen, sich nicht eben von den russischen Einschüchterungen zurückschrecken zu lassen. Wie nimmst du das jetzt gerade wahr angesichts der russischen Luftangriffe? Ist die Bevölkerung weiterhin so resilient oder bemerkst du da etwas anderes?

Also ich habe schon den Eindruck, dass die meisten Menschen hier in der Ukraine weiter resilient sind und auch weiter durchhalten. Aber natürlich sind solche Wochenenden wie das Vergangene für die Menschen durchaus zermürbend. Man muss sich vorstellen, dass ganze Familien drei Nächte lang hintereinander immer wieder aufgeschreckt werden. Zum einen natürlich durch den Luftalarm, zum anderen aber eben auch, dass beispielsweise hier in Kiew dann nachts die Flugabwehr arbeitet. Das ist sehr laut, es gibt Explosionen. Das Ganze ist einfach zermürbend, zumal dann auch eben viele Familien nicht einfach im Bett liegen bleiben können oder die Menschen, sondern sie müssen dann in Schutzräume gehen, wenn denn welche vorhanden sind, müssen die Bunker aufsuchen. Wenn es so etwas nicht gibt, dann müssen sie irgendwie zusehen, dass sie innerhalb der Wohnung in ein Zimmer kommen, was keine Fenster hat, also das Badezimmer oder der Flur. Und im schlimmsten Fall dann, das haben wir ja jetzt schon öfter gesehen, diese Bilder, suchen die Menschen Zuflucht in den U-Bahnhöfen. Also das ist etwas, was die Menschen dann schon zermürbt. Aber wenn man dann eben am nächsten Tag mit den Menschen hier spricht, dann berichten sie durchaus von ihrer Angst, von dem, was sie erlebt haben.

Aber im Großen und Ganzen, glaube ich, sind sie weiterhin gewillt, sich nicht einschüchtern zu lassen von diesen Angriffen. Sie sind weiterhin festgewählt, dass sie sozusagen die freie Ukraine bewahren wollen. Das ist etwas, was sie uns immer wieder in Gesprächen hier erzählt haben. Was allerdings auch nach dem letzten Wochenende besonders auffällig ist, dass viele diesen diplomatischen Prozess, diesen Verhandlungen, die da gerade vor einigen Tagen das erste Mal zwischen Russland und der Ukraine gelaufen sind und jetzt auch dem Prozess, der womöglich weitergeführt werden soll auf diplomatischer Ebene, überhaupt nicht trauen. Also in Bezug vor allem, was die russische Seite angeht. Viele haben hier eben den Eindruck, dass gerade solchen massiven Angriffe, wie wir sie am vergangenen Wochenende erlebt haben, alles andere ist als ein Wille zum Frieden, sondern dass eben Russland diesen Krieg will, dass Russland überhaupt gar kein Interesse hat, hier irgendwie so etwas wie einen Waffenstillstand zu schließen. Zumal es dann ja auch die Meldungen und auch die womögliche Ankündigung einer womöglichen groß angelegten Sommeroffensive bei Sumi gibt. Laut Präsident Zelensky hat die russische Armee da 50.000 Soldaten zusammengezogen. Wie sieht diesbezüglich die Motivation nicht nur in der Bevölkerung aus und die Resilienz, sondern auch bei den Soldaten der ukrainischen Armee? Wie bereiten die sich vor?

Naja, es ist natürlich immer schwierig, jetzt die Motivation einzelner Soldaten abzufragen. Aber im Großen und Ganzen ist es natürlich so, wenn es zu einer weiteren größeren Offensive im Norden des Landes kommt, dann kann es ja gar nicht anders sein, dass es die ohnehin schon erschöpfte ukrainische Armee zusätzlich belastet. Wir wissen von verschiedenen Frontbesuchen, die wir in den letzten Monaten immer wieder gemacht haben, dass die ukrainischen Soldaten überlastet sind, dass sie erschöpft sind. Und das liegt daran, dass es einfach nicht genügend Soldaten gibt. Die Rekrutierung gestaltet sich äußerst schwierig. Und es gibt beispielsweise keine Rotation. Das heißt, Soldaten sind teilweise schon seit Februar 2022 an der Front oder kurz nachdem der russische Angriff begonnen hat und haben bis heute nur wenige Wochen Urlaub gehabt. Sie sehen ihre Familien nicht. Das belastet die Familien hier zu Hause. Das belastet die Soldaten an der Front. All das ist natürlich eine ganz schwierige Situation für die Soldaten.

Aber auch hier ist es so, dass immer wenn man sie direkt darauf anspricht, ob sie aufhören wollen, sie das natürlich verneinen. Sondern dass ich immer noch den Eindruck habe, dass viele Soldaten sehr motiviert sind, dass sie nach wie vor daran glauben, dass sie hier etwas Wichtiges tun, indem sie diese russischen Angriffe immer wieder versuchen zurückzuschlagen. Und ich gehe davon aus, dass das auch bei einer Offensive im Norden, in der Region Sumi, sollte sie denn in den nächsten Tagen oder Wochen beginnen, auch so sein wird. Wichtige Eindrücke von dir, Tim Kröger, ist das live gewesen aus Kiel. Vielen Dank dir.

Sprechen jetzt weiter auch mit Gustav Kressel, dem Militärexperten an der Landesverteidigungsakademie in Wien. Hallo Herr Kressel nochmal. Wir haben es gerade thematisiert, die womögliche Sommeroffensive bei Sumi. Und Tim Krüger hat es auch beschrieben, wie es den Soldaten geht und auch der Bevölkerung. Was sind Ihre Informationen bezüglich der Sommeroffensive und wie schätzen Sie das auch ein, wie es der Armee gerade und den Soldaten geht? Ja, also wir haben in den letzten Wochen schon starke Truppenbewegungen im Norden der Ukraine gesehen, also gegenüber Kharkiv und Sumi. Das heißt, da bereitet sich Russland tatsächlich auch was vor. Das trifft auch mit der Rhetorik Putins zusammen, einen sogenannten Sicherheitskorridor zu schaffen im Norden. Auch das Verhandlungsteam von Istanbul hat den Ukrainern die neue Annexion von weiteren Oblasten angekündigt. Das heißt, hier trifft die politisch-diplomatische Rhetorik auf die militärische Vorbereitung. Gleichzeitig natürlich rollt die Frühjahrsoffensive im Donbass auch weiter.

Gerade östlich von Pokrovsk haben die Russen hier ihre Gebiete erweitern können.

Da ist die Situation der Ukraine auch zunehmend schwierig. Und da blickt man natürlich jetzt gebannt auf Sumi. Denn die Frage ist, wie viele Reserven bindet das? Ich denke ja, dass die Fortschritte der Russen in Pokrovsk-Toretsk auch dem geschuldet ist, dass zahlreiche Kräfte aus diesem Sektor jetzt Richtung Norden verlegt wurden, um die Verteidigung aus dem Norden zu stärken. Und das kann für die Ukraine zu einem Problem werden der Überdehnung, dass sie eine zu lange Front bedienen muss mit zu wenig Soldaten. Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, dass auf der russischen Seite nach über drei Jahren Krieg die personelle Situation nicht so ganz so tragisch, aber die materielle Situation zum Teil nicht so ist, wie man sich das auf der Moskau-Seite oft wünschen würde. Und dass hier natürlich, wenn die Ukrainer diesen Angriff zum Stehen bringen, so ähnlich wie sie das in Kharkiv gemacht haben, dass dann auf russischer Seite auch eine starke Überdehnung eintritt. Denn die Ukrainer können Kräfte auf der inneren Linie bewegen, das heißt sie bewegen ihre Kräfte diagonal durchs Land. Die Russen müssen, wenn sie Kräfte irgendwo rauslösen und woanders hin verlegen, wie jetzt zum Beispiel die Kräfte, die in Kurs gekämpft haben, die 155.

Marieninfanteriebrigade, die jetzt im Raum Pokorovsk kämpft, die hat eine längere Reise um die ganze Front herum gemacht.

Da gibt es, wie gesagt, wenn die russische Offensive sich totläuft, unentscheidendes Ergebnis, dann durchaus für die Ukrainer auch die Gelegenheit, die Russen taktisch zu überraschen und für Gegenangriffe das zu nutzen. Aber wie gesagt, da müssen wir erstmal schauen, wie diese Offensive ausläuft, wann sie ausläuft, mit welchen russischen Verlusten und welcher russischen möglichen Überdehnung sie ausläuft. Das werden wir alles erst im Herbst wissen. Ja, werden wir auch hier auf jeden Fall weiter beobachten. Sie thematisieren gerade mögliche Risse auch in der Stärke der russischen Armee. Da kommt auch eine Frage von einem User rein. Weiß man eigentlich, wie gut die Russen gerade militärisch aufgestellt sind? Also er thematisiert da die Frage nach der Anzahl von Panzern, Drohnen, Raketen und womöglich auch Geldprobleme. Was wissen Sie darüber? Also Personalrekrutierung läuft. Läuft in etwa wie im Spätherbst letzten Jahres.

Also die Verluste kann man in etwa decken. Es gibt hin und wieder auch leichten Aufwuchs. Also wir reden hier von 30.000 bis 40.000 Mann pro Monat, die freiwillig verpflichtet werden.

Schwieriger gestaltet sich die Situation beim Material im Sinne von gepanzerten Fahrzeugen. Da hat Russland zwar mehr, als es jetzt einsetzt, aber die Materiallager für vor allen Dingen Mannschaftstransportpanzer sind schon ziemlich leer. Die Instandsetzungszeiten sind daher schon ziemlich lang, weil man jetzt, also das, was jetzt in den Hallen der Betriebe, die diese Geräte überarbeiten, steht, das hat relativ lange Zeiten, um instanzgesetzt zu werden, weil das sind sozusagen die schwierigsten Fälle im ganzen Materialbestand. Und wenn man die dann durchbringt, dann muss man neue Fahrzeuge produzieren. Dann hat man den Luxus nicht mehr, dass man auf Depots aus sowjetischen Zeiten zurückgreift. Dementsprechend versucht Russland die jetzt zu schonen. Also wenn wir die Verlustzahlen durchschauen, sowohl was der ukrainische Generalstab an zerstörten russischen Gerät angibt, als auch was Plattformen wie Oryx anhand von Video- und Bildmaterial von der Front auswerten, dann sehen wir einen drastischen Rückgang der durch Russland verlorenen Kampfpanzer und Schützenpanzer. Das ist nicht, weil keine mehr da sind, aber das ist, weil der Materialbestand schon knapp ist und weil man die nicht für tägliche Angriffe an der Front einsetzen will. Die will man sich aufbehalten, sollte der ukrainische Widerstand zusammenbrechen, damit man dann mit größeren oder mit schnelleren Offensiven diesen Sönnenzusammenbruch ausnutzen kann.

Aber das treibt natürlich wiederum die Verluste in die Höhe, denn jetzt fahren russische Soldaten großteils auf Motorrädern, auf Geländewegen, auf Pickups. Auf Zivil-LKWs an die Front und diese Fahrzeuge sind ungeschützt, leichter zu treffen, im Gelände oft auch gar nicht so beweglich wie etwa ein Kettenfahrzeug und dementsprechend ziehen die Mannschaftsverluste wieder nach. Auch die Verluste an Artillerie sind bei den Russen in letzter Zeit wieder in die Höhe gegangen. Also da ist natürlich eine Überlegenheit da, aber es ist nicht mehr so rund, es ist nicht mehr so ein aus dem Vollen Schöpfen, wie wir das etwa im Sommer 2024 gesehen haben. Militärische Stärke der beiden Streitkräfte, das ist einer der Knackpunkte, jetzt gerade mit Blick auf eine mögliche Sommeroffensive und das wird auch gerade bei uns im Chat sehr, sehr viel diskutiert, also sowohl die militärische Stärke Russlands als auch die militärische Strategie und Stärke der Ukraine. Blicken wir dann vielleicht, wenn wir gerade auch bei der russischen Seite waren, auch wieder auf die ukrainische Seite. Wir haben gerade auch schon die Resilienz betont, die es seit dem Angriff Russlands gibt und immer wieder auch schon sichtbar geworden ist. Und da fragt Juan José auch eine konkrete Frage zur Strategie. Welcher Anteil von Militärflughäfen müsste die Ukraine in Russland zerstören, um eine weitere wesentliche Besserung zu erreichen? Also welche Tiefe in Russland müsste da erreicht werden?

Das ist weniger ein Problem der Tiefe als ein Problem der Gefechtsköpfe es gibt einige Flughäfen die wirklich, 300-400 Kilometer 500 Kilometer nahe zur Front sind beziehungsweise die man mit etwa einem Gerät wie der RIM-2 erwischen könnte für den Angriff auf ein Rollfeld oder auf ein Fliegerhorst ist natürlich Clustermunition.

Wichtig, weil man da mit einem Schlag sehr viele Fahrzeuge auf einmal erwischen will und eine Streuwirkung, eine Flächenwirkung haben will. Da ist das Problem, also Atacams wäre sozusagen das Mittel der Wahl gewesen, Atacams mit Streumunition, aber das wurde nie auf Flughäfen oder für den Einsatz gegen Flughäfen freigegeben. Und ob die Ukrainer, wie schnell die Ukrainer ein Äquivalent produzieren können, steht noch ein bisschen offen.

Da wäre es auch wichtig, den Moment, wo man die Kapazität hat, diese Flughäfen anzugreifen. Und diese Flughäfen sind natürlich verteidigt. Also das heißt, man muss schon eine gewisse Anzahl an Flugkörpern ins Ziel bringen, weil es werden einige davon auch abgeschossen durch die russische Flieger- und Raketenabwehr. Aber wenn man die Fähigkeit unter Beweis stellt, dass man das eben hat, dann zwingt man die russische Luftwaffe, sich wegzuverlegen. Das haben wir auf der Krim gesehen, wie die Ukraine hat 2023 recht erfolgreich russische Flughäfen angegriffen haben und die russische Luftwaffe gezwungen hat, dann ihre Fliegerbasen in den Raum Rostov am Don zu verlegen. Allein durch die Verlegung, da verbringen die Flugzeuge dann wieder mehr Zeit im Rein- und Rausfliegen, senkt man das Tempo der russischen Luftoperationen. Im Osten haben wir dieses Tempo noch nicht gesenkt, denn da fliegt Russland seine Einsätze direkt aus Rostov am Don und umliegenden Flughäfen im Norden aus dem Raum Wodonesch heraus. Da ist man relativ nahe, da kann man relativ viel Einsätze mit den dortigen Flugzeugen pro Tag gegen die Ukraine fliegen. Wenn man sie da rausdrängen würde, wird es für Russland schwieriger, weil die russischen Kapazitäten an Luft-Luft-Betankung auch beschränkt sind. Die Flieger müssen dann Zusatztanks tragen, es verringert sich die Waffenlast etc.

Also da würde man zumindest ein geringeres Tempo der russischen Luftoperationen erreichen. Wenn man das noch kombinieren könnte mit Jagdflugzeugen, die weitreichende Luftwaffen tragen auf der ukrainischen Seite, wie etwa Meteor-Bereich, mit denen man dann auch Jagdbomber, die Gleitbomben gegen die ukrainische Seite einsetzt, wirklich bedrohen kann, dann würde man das Momentum der russischen Offensive, zumindest wie sie sich derzeit gestaltet, erheblich schwächen. Denn diese Offensive jetzt, die stützt sich zum einen auf Infanterie und Infiltrationstrupps, also kleinen Gruppentrupps von Infanteristen, die versuchen, in die ukrainischen Linien einzusickern. In dem Moment, wo die ukrainischen Stützpunkte und Linien erkannt sind, werden die mit Gleitbomben angegriffen. Also sehr massiv die Feuerunterstützung aus der Luft. Ein Element, warum es den Russen gelingt, die ukrainischen Stellungen einzuklappen und anzugreifen und zurückzudrängen. Wenn man sich dessen entledigen würde, wäre es für die Russen deutlich schwieriger. Aber wie gesagt, Meteor ist nicht in der Ukraine. Die Produktionszahlen von Meteor in Europa auch leider sehr gering. Und eine Produktionssteigerung zumindest zurzeit noch nicht anvisiert.

Es wird zwar viel darüber geredet, was sie bringen würde. Jack Wortling hat, glaube ich, schon Ende 2022 darüber geschrieben, was man mit solchen Geräten anstellen könnte. Aber wie gesagt, das blieb akademische Diskussion. Geliefert wurde bis jetzt nichts. Stichwort Produktion, da kommt auch direkt eine Frage hinterher von Queen Post. Die Frage ist, warum gelingt es nicht, die Produktion der Russen auszuschalten?

Russische Rüstungsbetriebe sind zum großen Teil sehr weit weg. Die liegen in Sibirien, in Zentralsibirien zum Teil. Russland ist ein Riesenland. Und da hat man mit der Reichweite große Probleme, die meisten Rüstungsstätten zu erreichen. Die Ukraine, das muss man so sagen, sie hat einige Rüstungsbetriebe schon angegriffen, vor allen Dingen in Konstruktionsbüros, die sind im Großraum Moskau, aber auch Betriebe etwa zur Herstellung von Glasfaserkabeln, Raketenmotoren. Einige Spezialbetriebe, Spezialmaschinenbauer hat man angegriffen. Das Problem dabei war, es gibt eine gewisse Redundanz in der russischen Rüstungsindustrie, das heißt, wenn ich zum Beispiel Glasfaserkabel herstelle, wenn ich einen rausnehme, gibt es weitere, die noch produzieren können und sie importieren Glasfaserkabel natürlich großflächig auch aus China. Und das Zweite ist natürlich, dass die Ukrainer mit Drohnen angreifen. Und wie ich vorher schon gesagt habe, Drohnen haben einen relativ kleinen Gefechtskopf, kommen mit einer niedrigen Geschwindigkeit rein. Also eine einfache Ziegelwand hält sie natürlich nicht auf, aber ein bisschen Beton und ein bisschen Stahl kann eine Drohne schon durchaus stoppen und der Sprengkopf verpufft sozusagen an der Fassade. Da ist oft ein leicht reparabler Schaden entstanden. Da wurden Werke zwar getroffen, aber nicht wirklich vernichtet.

Dementsprechend ist das schwierig und dementsprechend schielt die Ukraine natürlich auf weitreichende Waffen mit größerer Durchschlagskraft, um solche Betriebe dann auch wirklich auszuschalten. Herr Kassel, Fokus unserer Sendung war zu Beginn auch das Treffen von Zelensky mit Merz und was neben Sanktionspaketen und neben auch dem Fünf-Punkte-Plan zur Unterstützung der Ukraine auch ein wichtiges Thema war, war eben die Rolle der USA. Haben wir auch schon ein bisschen kurz angerissen heute im Stream. Was würden Sie sagen, wenn wir uns angucken, wie sich die Aussagen von Donald Trump auch im Verlauf entwickelt haben? Wie wird das in Zukunft aussehen? Wird es Unterstützung von der USA geben und an welcher Seite wird sich Donald Trump auch positionieren?

Also ich muss sagen, ich bin da sehr skeptisch. Er ist jetzt zwar nicht mehr so eindeutig pro-russisch und glaubt Putin jedes Wort. Das Problem ist, bei Donald Trump zwischen Laune und Taten gibt es halt große Unterschiede. Und wenn es eine Konstante bei Donald Trump gibt, ist das der Moment, wo er harten Widerstand oder negative Konsequenzen in Kauf nehmen muss, dann schreckt er vor einer Aktion zurück. Wir sehen das im Handelsstreit mit China, wo er im Grunde gefaltet hat, nachdem die Chinesen ihre Zölle auch erhöht haben und es für die amerikanische Wirtschaft große Probleme bereitet hat. Jetzt ist man zwar auf höheren Zöllen als vorher, aber auf weit geringeren als dem, was veranschlagt war und andere Forderungen wie eine Aufwertung des Renminbi oder Rückverlagerung von Produktion. Nichts von dem hat Trump irgendwie durchbekommen. Wir sehen das bei den Houthis. Da hat man von Seiten Donald Trumps ja eine großspurige militärische Kampagne begonnen. Aber als die Houthis dann einmal anfingen, sich zu wehren und beinahe zwei amerikanische Kampfflugzeuge abgeschossen hätten, hat er auch sofort gefaltet und einen einseitigen Waffenstillstand verkündet, wo keiner wirklich weiß, worin jetzt der Sieg, der verkündet wurde, besteht.

Oder ähnlich mit den Verhandlungen mit Nordkorea aus der Trump-1-Periode. Er hat nichts rausbekommen, als er gesehen hat, er bekommt nichts raus, hat er das einfach gefaltet und ist gegangen.

Und das fürchte ich ist auch, was uns jetzt blüht. Die Amerikaner sind im Grunde draußen. Natürlich aus europäischer Sicht bleibt noch die Frage, unter welchen Bedingungen sind sie raus. Ist es wieder so, wie wir das vor ein paar Monaten erlebt haben, dass sie alle Hilfen unterbinden oder führen sie zumindest die Hilfen fort, die unter der beiden Regierungen budgetiert und beschlossen wurden. Die Ukrainer als auch die Europäer bemühen sich darum, dringend benötigte Munitionen, wie zum Beispiel Patriot-Fliegerabwehrraketen, kaufen zu dürfen. Genehmigen die Amerikaner das? Genehmigen Donald Trump das? Oder genehmigen er das nicht? Dann würden die Europäer, würde die Ukraine die Kosten zwar schultern, aber man kriegt immerhin noch Munition, weil das Problem ist, wir können in Europa keinen Ersatz für Patriot in der Quantität produzieren, wie er jetzt im Krieg gebraucht wird. Wir haben zwar qualitativ Ähnliches, aber quantitativ kommen wir in der Produktionszahl dann nie ran.

Und weil das Entscheidend ist, spielen die Europäer hier mit und machen... Gute Miene zum bösen Spiel bei dem Auf-Zeit-Spiel der Russen und kümmern sich darum, dass Trumps Wunsch nach Verhandlungen bedient wird, obwohl jeder weiß, dass die Russen mit denselben Forderungen nach Kapitulation kommen, sich gegenüber den Ukrainern nur daneben benehmen und ihnen drohen und sie beschimpfen und dann den Saal wieder verlassen. Aber es dient eben der Übung, den amerikanischen Präsidenten irgendwie bei Laune zu halten Und darauf zu hoffen, dass man doch irgendwie Bedingungen für den amerikanischen Rückzug oder im amerikanischen Rückzug rausbekommt, die nicht die totale Katastrophe bedeuten. Und was der amerikanische Präsident, was Donald Trump jetzt zuletzt zu den Luftangriffen Russlands auf die Ukraine gesagt hat, das hören wir uns jetzt nochmal an. Ich bin mit dem, was Putin gerade macht, nicht glücklich. Er tötet viele Menschen. Ich weiß nicht, was zum Teufel mit ihm passiert ist. Ich kenne ihn schon so lange und kam immer gut mit ihm aus. Doch er schießt Raketen auf Städte und tötet Menschen. Und das gefällt mir nicht. Wir sind mitten im Gespräch. Und er schießt Raketen auf Kiew und andere Städte. Mir gefällt das überhaupt nicht.

Herr Kassel, vielleicht abschließend auch dazu. Sie haben schon Eckpunkte dieses Schlingerkurses umfasst. Das jetzt soweit die jüngsten Aussagen. Wenn ich sie richtig verstanden habe, reicht aber auch so was, was er dann öffentlich sagt, nicht davon aus wirklich ernsthaft Konsequenzen zu fordern für Putin, oder? Schauen wir uns die Trump-1-Regierung an. Putin hat ja, In Syrien Ähnliches gemacht. Wenn ich mich richtig an die Stadt Aleppo erinnere, bekam die ja auch den einen oder anderen Luftangriff ab. Hat das Trump dazu bewegt, irgendwo mehr zu tun. 2019 ist er aus dem Großteil der Kurdengebiete einfach abgezogen, weil es ihn nicht mehr interessiert hat. Das ist bei Donald Trump halt so, dass er gerne den Starken gibt, aber starke Handlungen habe ich bis jetzt von ihm nicht erlebt und deshalb, ja, was auch immer er da sagen und kommentieren möge, er kann mich ja gerne überraschen, indem er auch mal eine starke Handlung setzt, aber ich warte bis jetzt noch drauf.

Die Diskrepanz zwischen Trumps öffentlichem Auftreten und seinem tatsächlichen Umgang mit Putin ist allzu groß, sagt Militärexperte Gustav Kressel. Trump gebe gerne den, Zitat, starken Mann, verliere dann aber auch schnell das Interesse, sollte ein Konflikt nicht nach seinen Vorstellungen gelöst werden. Jede Woche reden wir in unserem Ukraine-Update mit Experten und unseren Korrespondenten über die Entwicklungen und Hintergründe im Krieg. Mit detaillierten Karten analysieren wir die Lage an der Front. Schaut gerne mal rein auf YouTube oder der ZDF-Heute-App. Dann könnt ihr auch eure Fragen an unsere Gesprächspartner stellen. Hört gerne auch mal rein bei unseren Kolleginnen vom Heute-Journal-Podcast. Da geht es diese Woche um die Nutzung von KI bei Meta. Was macht das mit unseren Feeds, unseren Freundschaften und unserem Vertrauen in Medien? Darüber sprechen Helene Reiner und Dunja Hayali mit der Wissenschaftlerin Katja Munoz. Vielen Dank fürs Reinhören und bis zum nächsten Mal. Ciao.