Hi, ich bin Christina von Ungarn-Sternberg. Schön, dass ihr dabei seid. Es sind die ersten direkten Gespräche zwischen Vertretern der Ukraine und Russland seit drei Jahren. In Istanbul haben sich Delegationen beider Länder getroffen. Gleichzeitig bereitet Russland möglicherweise eine neue Offensive vor und bombardiert weiter ukrainische Städte. Die von Kiew erhoffte Waffenruhe, die ja auch von europäischen Verbündeten und auch von Donald Trump gefordert worden war, ist nicht in Sicht. Über die militärische Lage und die Verhandlungen in der Türkei spreche ich in dieser Folge mit Oberst Markus Reisner von der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Er sagt, dass Russland nur Scheinverhandlungen führen werde, solange sich die militärische Situation in der Ukraine nicht verändere.

Ja, der entscheidende Punkt ist, damit Russland wirklich sich an den Verhandlungstisch setzt, muss es unter Druck gesetzt werden und das wäre natürlich nur mit militärischen Mitteln möglich. Wie könnte man sich das vorstellen? Stellen Sie sich vor, es würde zum Beispiel eine gezielte Kampagne mit weitreichenden Angriffswaffenmitteln geben auf russisches Territorium gegen kritische Infrastruktur der militärischen Führung Russlands. Das über mehrere Wochen und dann könnte man tatsächlich messbare Ergebnisse sehen, zum Beispiel ein Nachlassen der Kämpfe an der Front, ein Zurückgehen der russischen Kräfte, Das heißt, man sieht, dass der Druck da ist. Und dann würde man erkennen können, dass Russland tatsächlich bereit wäre zu verhandeln. Aber alles das, was ich jetzt beschrieben habe, ist nicht der Fall. Wir sehen, dass Russland seit dem Sommer letzten Jahres in der Offensive ist, auch wenn sie nur langsam voranschreitet. Die Russen sehen sich auf der Gewinnerlinie. Und das ist genau das Ergebnis, das wir jetzt auch in Istanbul präsentiert bekommen haben. Ein Nicht-Einlenken der Russen und eine große Ernüchterung im Westen. Wie zeigt sich das auf dem Schlachtfeld? Dass Russland offenbar wenig Interesse an echten Verhandlungen hat, verzeiht sich daran, dass man offenbar auf mehr Geländegewinne setzt. Und in dieser Situation möchte man offenbar auch keinen Waffenstillstand und keine ernsthaften Gespräche.

Genau, Sie haben völlig recht. Russland greift zurück auf eine stabile Basis von unterstützenden Staaten. Wir kennen sie alle. Ich nenne jetzt ein paar Namen. China als Beispiel. China war auch sehr prominent vertreten bei der Parade in Moskau am 9. Mai. Das war ein klares Zeichen zur Unterstützung Russlands. China ist jetzt auch überraschend wenig prominent in den Verhandlungen der letzten Tage. Aber es sind natürlich auch andere Staaten wie Indien, die Rohstoffe abnehmen. Nordkorea natürlich zu nennen, aber auch natürlich der Iran, die also wirklich Hardware liefern. und natürlich andere Staaten, die immer wechselweise auch mit an Bord sind. Und das macht es Russland möglich, dass diesen Krieg, und ich betone, das nicht alleine führt, spätestens Nordkorea muss es ja klar eindeutig jedem verständlich erklärt werden, ist Kriegspartei in diesem Konflikt. Diese Basis macht es Russland möglich, mit hohem Selbstvertrauen aufzutreten, so wie wir das jetzt bei den Verhandlungen sehen, die wahrscheinlich mit ziemlicher Sicherheit kein Ergebnis erbringen werden, alleine wenn sie sich die Inhalte und die Delegationszusammenstellungen ansehen. Und auf dieser Basis greift Russland an. Russland hat also immer noch eine stete Zunahme von Truppen an der Front. Wir haben ja noch immer eine stete Zunahme von Ausrüstung und Gerät. Wir wissen, dass die Russen im Hintergrund neue Geräte zusammenbauen, Panzer, Kampfstützenpanzer, all diese Fahrzeuge, die man braucht, um diesen Krieg zu führen. Wir wissen, dass die Ukraine zwar in der Drohnenproduktion enorm zugenommen hat, aber auch die Russen ziehen hier nach. Wir sehen, dass also laufend Züge aus den Werken kommen. Die Frage ist, wo fahren diese Züge hin, weil an der Front kommen diese Panzer nicht an. Das heißt, sie müssen irgendwo bereitgestellt werden.

Und wir sehen, dass das sich natürlich im militärischen Erfolg der Russen ausdrückt. Der ist jetzt für den unbedachten Zuschauer nicht sofort erkennbar, weil die Russen scheinbar nur sehr langsam vormarschieren, aber sie marschieren vor. Und genau das Momentum müsste die Ukraine brechen, möchte sie quasi eine Situation schaffen, in der die Russen gezwungen, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.

Lassen Sie uns nochmal kurz bei den Panzern bleiben. Ist das eine Art russische Propaganda, auch rund um den 9. Mai, um zu zeigen, zu was sie in der Lage sind, was sie für Kriegsgerät haben? Oder worauf soll das hindeuten?

Es ist eine Mischung von beiden. Auf der einen Seite haben Sie völlig recht. Man versucht natürlich durch diese Bilder zu zeigen der Bevölkerung, wir haben das im Griff, die Verluste sind groß, aber wir haben genug Nachschub. Diese Panzer rollen aus den Werken. Sie haben das auch bei der Parade gesehen. Die Parade war sehr gut bestückt, wenn man das so sagen kann, inklusive des Lufttreffens. Sie haben sehr viele neue Fahrzeuge gesehen. Und damit symbolisiert natürlich Russland, klar, wir haben die Kriegswirtschaft unter Kontrolle mit unserer Unterstützung. Wir sind in der Lage, diesen Krieg lange zu führen. Der Westen ist es nicht in der Lage und die Ukraine ist es auch nicht. Sie haben völlig recht, auch wenn Sie den Hinweis natürlich geben, was passiert mit diesen Fahrzeugen. Und hier steht natürlich im Raum, dass Russland diese Fahrzeuge bereitstellt, entweder für regionale neue Offensiven in der Ukraine oder vielleicht an anderer Stelle. Was meinen Sie mit an anderer Stelle?

Das ist das Szenario, von dem wir auch immer wieder hören, dass es möglicherweise aus einer Übung heraus, zum Beispiel in Belarus, dazu kommen könnte, dass die Russen die NATO antesten, mit einem möglichen, auch nur begrenzten Angriff im baltischen Raum. Dafür gibt es im Moment keine eindeutigen Beweise, aber im Moment ist Europa am geschwächtesten. Wir sehen, dass die Amerikaner zunehmend das Interesse verlieren. Das sehen Sie auch jetzt in den Verhandlungen. Trump ist der eigentliche Königsmacher, aber er glänzt durch Abwesenheit. Und damit ist Europa unter Umständen ein leichtes Opfer für die Russen, die versuchen könnten, mit hybriden Methoden, aber auch mit dem Einsatz konventioneller Mitteln, wieder entsprechend eine Versuch zu starten, Russland von der russischen Seite Europa anzugreifen. Weil Sie die Europäer gerade ansprechen, wir erleben ja auch gerade NATO-Außenministertreffen.

Was auch in der Türkei stattfindet. Und wir haben den neuen deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz dazu bei uns im Programm, bei Maybrit Illner. Da hat er sich über die Einigkeit der Europäer geäußert und auch was mögliche Sanktionsmaßnahmen gegen Russland angeht. Neue Sanktionsmaßnahmen, hören wir da mal kurz rein. Zu den Sanktionen, Frau Illner. Dieses Paket ist fertig und wird am nächsten Dienstag in Brüssel beschlossen. Das ist abgeschlossen, die Beratungen. Es ist das Paket fertig und es wird am nächsten Dienstag in Brüssel beschlossen. Das wäre nicht beschlossen worden, wenn es diese Gespräche jetzt gegeben hätte, so wie wir es uns vorgenommen haben. Ich mache mir allerdings keine Illusionen. Das wird ein Prozess, der noch über möglicherweise Wochen und Monate dauert. Das ist schrecklich genug für die Menschen in der Ukraine. Aber wir haben jetzt in Europa eine Initiative ergriffen. Wir gehen gemeinsam diesen Weg und wir gehen ihn wo immer möglich. Und darum werben wir intensiv zusammen mit Amerika.

Herr Oberstreisner, was wiegt schwerer? Die Einigkeit, die hier demonstriert werden soll? Oder die Tatsache, die der Kanzler selber anspricht, dass es Wochen und Monate dauert, bis dieses dann möglicherweise gar nicht so scharfe Schwert geschliffen sein wird?

Es liegt mir als Österreicher jetzt nicht nahe, quasi den deutschen Kanzler hier zu kommentieren. Aber ich möchte Ihnen nur ganz kurz erklären, warum die Russen sich nach wie vor auf der Siegerstraße sehen. Sie wissen, wir haben jetzt dann das 17. Sanktionspaket. Dieses wird vor allem auf die sogenannte Schattenflotte abziehen. Also das sind jene Tanker, die quasi russisches Öl transportieren, von dem wir auch in letzter Konsequenz profitieren, weil wir es über Zwischenhändler zum Teil übernehmen. Das braucht Zeit, Wochen, Monate. Aber um wirklich die Russen in die Knie zu zwingen, wahrscheinlich Jahre. Und diese Zeit hat die Ukraine nicht. Für die Ukraine ist die Situation die, sie führt einen Verzögerungskampf an der Front, sie braucht rasch und sofort Entscheidungen, die es ihr möglich machen, nachhaltig Druck auf Russland auszuüben. Und das ist, wie ich einleitend schon gesagt habe, auch die Möglichkeit eines militärischen Angriffes mit entsprechenden Mitteln, nicht nur immer punktuell, von einer Woche zur nächsten oder einmal im Monat ein spektakulärer Angriff, sondern es braucht einen saturierenden Effekt, also wirklich etwas, was Druck auf die Russen ausübt. Und damit ist natürlich diese Wirtschaftskarte, die gespielt wird, also die Sanktionskarte, wieder eine relativ zahnlose, verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich schaden die Sanktionen Russland, aber eben auf der Zeitachse gesehen in einer Zukunft, die möglicherweise es nicht mehr gibt für die Ukraine, die quasi hier diesen Abwehrkampf führt. Bevor wir in die einzelnen Frontabschnitte einsteigen, eine allgemeine Frage noch aus der Community. Auf YouTube fragt ein User, wieso sollte Russland einem 30-tägigen Waffenstillstand, der ja gefordert worden war, von Europa und auch von Donald Trump zustimmen, wenn sie gerade auf allen Seiten der Front am Gewinnen sind?

Diese Feststellung ist völlig richtig. Auch hier muss ganz klar gesagt werden, wenn wir hineinhören, was eigentlich der Verhandlungsgegenstand sein sollte. Hier gibt es völlig diametral auseinanderstehende Einschätzungen beider Seiten. Die Russen möchten dort weitermachen, wo sie vor drei Jahren aufgehört haben. Und hier geht es aus russischer Sicht um die Grundursachen des Konflikts. Das heißt, es wird also der Ukraine abgesprochen, eine NATO-Mitgliedschaft. Es wird der Ukraine abgesprochen, eine Beteiligung an der europäischen Wertegemeinschaft. Man möchte quasi praktisch die Ukraine hier heraushalten. Die Ukraine soll es auch nicht erlaubt sein, quasi moderne Streitkräfte aufzustellen. Das ist das, mit dem die Russen quasi die Verhandlungen weiterführen wollen. Sie wollen keine Waffenruhe. Das ist das wiederum, was die Ukrainer haben wollen. Und warum wollen die Russen keine Waffenruhe? Weil diese 30 Tage aus russischer Sicht den Ukrainer natürlich nützen könnte, um sich neu zu konsolidieren, neues Gerät heranzuführen, die Luftverteidigung wieder in Ordnung zu bringen, also kurz durchzuschnaufen, durchzuatmen für den nächsten Waffengang. Und das wollen die Russen natürlich verhindern. Dann schauen wir auf die einzelnen Frontabschnitte. Beginnen sozusagen im Norden rund um die Regionen um Kharkiv und Sumi. Da sieht man, dass seit Ende April etwa russische Verbände die ukrainischen Linien testen und die Ukrainer diesen Vorstoß zwar verlangsamen, aber Kharkiv wird massiv mit Drohnen beschossen und die Russen versuchen näher an die Stadt heranzukommen. Warum?

Genau, was wir hier sehr gut erkennen können an diesem Frontabschnitt, ich nenne ihn den Nordabschnitt, ist die Situation nach Ende der Kurskoffensive der Ukraine, die gescheitert ist. Die Russen sind also weiter vorgestoßen in Richtung Sumi. Wir haben jetzt kurz vor dem 9. Mai noch eine Zuspitze in der Situation gesehen. Die Ukraine hat versucht, westlich von diesem Gebiet, also nordwestlich von Sumi, bei Tietkino quasi auf russisches Territorium überzutreten, um vor allem das Narrativ, dass das russische Territorium zu 100 Prozent unter russischer Kontrolle ist, am Tag des 9. Mai zu zerstören. Das ist also nur zum Teil gelungen. Zwar gibt es ukrainische Kräfte auf dieser Seite, es hat aber in der militärischen Lageentwicklung keinerlei Relevanz. Sind das Versuche, ukrainische Reserven zu binden, um die Kräfte dann vor allem auf den Donbass zu konzentrieren, wo der Schwerpunkt der russischen Angriffe weiterhin liegt? Das ist eine durchaus schlüssige Bewertung, die man also hier an den Tag legen kann. Das war auch die Ursache, warum die Russen im Nordabschnitt damals bei Harkiv angegriffen haben. Der Versuch damals, die Ukraine aus den Stellungen zu holen, Kräfte zu verschieben in Vorbereitung der dann durchgeführten russischen Sommeroffensive, wo man intendiert hat, einen operativen Durchbruch, den man aber dann nicht geschafft hat. Dann schauen wir auf die Lage im Donbass. Hier setzt auch hier Moskau offenbar auf eine Taktik des langsamen Vordringens in kleinen Schritten. Also man kann hier sozusagen davon sprechen, dass die Armee kriechend Boden gut macht, ist aber von den ursprünglichen Kriegszielen auch hier weit entfernt.

Das ist korrekt. Wir müssen uns ein bisschen mit der sowjetischen Militärgeschichte befassen und auch mit der sowjetischen Denkweise, was militärische Einsatzführung betrifft, um das zu verstehen. Die Russen haben natürlich auch so wie im anglisch-sächsischen Raum grundsätzlich die Intention, am Beginn eines Krieges durch eine rasche Manöver zentrierte Entscheidung Fakten zu schaffen. Wenn das aber nicht funktioniert, dann folgt man Denkern wie zum Beispiel Svecin, der sagt, dann muss der Krieg ein Abnutzungskrieg werden, mit allen Mitteln, mit Ressourcen geführt werden, wenn notwendig auch durch das sogenannte Einsickernlassen von Kräften, die Stück für Stück in diesen Abnutzungskrieg den Gegner in die Knie zwingen. Und genau das sehen wir. Die Russen versuchen entlang der gesamten Front die ukrainischen Kräfte zu binden. Sie versuchen zu verhindern, dass die Ukrainer eigene Reserven bilden können, damit sie wieder in die Offensive gehen können. Und sie denken, dass sie durch diesen Abnutzungseffekt, den sie erzielen, auf lange Sicht, also auf der Zeitachse, schlussendlich die Überhand gewinnen werden. Wir sind also hier im Mittelabschnitt der Front, also grob im Raum Donbass von Nord Richtung Süd. Wir sehen also hier einen Hotspot, wo sich ein möglicher Kessel bilden kann. Begrenzt im Norden, vor allem durch die Ortschaft der Chassifia, die zu 90 Prozent der urbane Raum bereits im russischen Besitz befindet.

Chassifia liegt auf einer Höhe, wenn die Höhe im Besitz der Russen ist, können sie von dort runter in die Tiefe stoßen. Der nächste Knotenpunkt liegt dann zentral, in der Mitte dieses sich bildenden Kessels. Und auch hier, wenn es den Ukrainern nicht gelingt, diese Zwei-Zangen-Bewegung aus dem Nordosten und aus dem Südwesten aufzuhalten, dann kann es zu diesem Kesselschluss kommen. Im Moment ist das noch nicht der Fall, aber wir erkennen einfach auf der Zeitachse, dass die Russen hier Stück für Stück herausreißen. Und ab einem gewissen Zeitpunkt muss die ukrainischen Streitkräfte, müssen sie zurückgehen, um nicht in diesem Kessel gefangen zu sein.

Wenn ich richtig informiert bin, hat es gerade rund um Chassivjah verlustreiche Gegenangriffe der Ukrainer gegeben. Können Sie diese Verluste beziffern?

Genau, die Verluste haben dadurch stattgefunden, dass die Ukraine im Zentralraum des Kessels bei Toretsk versucht haben, einen Gegenangriff durchzuführen mit der 100. Mech-Brigade. Hier sehen wir aber genau das Dilemma. Wir sehen natürlich immer die Bilder der russischen Verbände, die versuchen anzugreifen in kleinen Gruppen und dann im Feuer der Drohnen und Artillerie der Ukraine liegen bleiben. Wir vergessen aber, dass die Ukraine genau dasselbe Problem hat, wenn sie in den Angriff übergeht. Und das haben wir zum Beispiel in Toretsk gesehen. In dem Moment, wo die Ukraine ihre Stellungen verlassen, mit geschützten Fahrzeugen versuchen, in Richtung der russischen Stellungen zu fahren, werden auch sie Opfer der Artillerie und der Drohnen. Hier sind die Verluste natürlich umso enormer, weil die ukrainischen Kräfte wesentlich ausgedünnter sind, als das auf russischer Seite der Fall ist. Ich muss ganz kurz, bevor wir weiter die Frontabschnitte anschauen, hier eine Frage aus dem Chat mal aufgreifen, weil so unfassbar viele Fragen zum Taurus kommen.

Können Sie dazu ganz kurz eine Einschätzung abgeben? Aber auch hier gilt, was militärisch einfach die Regel ist. Diese Waffensysteme funktionieren nur dann, wenn sie im Zusammenhang mit anderen Waffensystemen eingesetzt werden. und vor allem, wenn sie massiert eingesetzt werden und das möglichst noch in kurzer Zeit. Also wenn Sie sich vorstellen, Sie würden dieses Waffensystem über zwei Wochen jeden Tag zu 100 Stück einsetzen gegen die kritische Infrastruktur, militärische Infrastruktur der Russen, dann haben Sie tatsächlich messbare Effekte. Dann können Sie davon ausgehen, dass die Kommando- und Gefechtsstände, dass die Logistiknotenpunkte, dass die Führung der Russen quasi wirklich eingeschränkt wird. Aber wenn Sie dieses Waffensystem nur alle zwei Wochen oder jedes Monat einmal oder zweimal einsetzen, durchaus auch mit dem einen oder anderen spektakulären Erfolg, dann haben sie nicht diesen saturierenden Effekt, den sie brauchen. Denn das ist die Grammatik des Krieges. Wenn sie den Gegner in die Knie zwingen wollen, dann müssen sie ihm überwältigende Schläge beifügen und nicht nur streicheln.

Dann schauen wir weiter nach Pokrovsk. Hier rund um Pokrovsk haben die Russen die Einnahme einiger Ortschaften gemeldet. Auch hier die Frage, warum ist Pokrovsk so wichtig? Und kann man diese Geländegewinne, die da möglicherweise im vergangenen Jahr, sagen wir es mal in diesem Zeithorizont stattgefunden haben, in Kilometern bemessen?

Ja, hier sehen wir, dass Bogovsky eine Vorgeschichte hat. An dieser Stelle ist es den Russen gelungen, im Rahmen ihrer Sommeroffensive letzten Jahres mal signifikant vorzustoßen. Mehrere Kilometer, der Ausgang war bei Otscheretne, von dort ist man quasi weiter vorgestoßen Richtung Westen. Bogovsky ist deswegen wichtig, weil es eine Stadt darstellt, die nicht nur quasi aus Grund von Infrastrukturgründen wesentlich und bedeutungsvoll ist, sondern es wäre eine mögliche Plattform, von der aus die Russen quasi weiter Richtung Westen angreifen könnten. Das heißt, man braucht also Infrastruktur auch im nächsten Winter, wo man sich quasi vorbereiten kann, wo man unterziehen kann, wo man seine Fahrzeuge, sein Gerät, seine Ausrüstung geschützt abstellen kann, wo man sich unter Tage vergriechen kann, muss man sagen, vor den Drohnen, um weiter angriffen zu können. Bogrovsk sticht auch deswegen heraus, weil es eine Stadt ist in Nähe der Grenze zum nächsten Oblast. Bei Kotlarivka ist es den Russen gelungen, bis knapp zwei Kilometer an diese Grenze heranzukommen. Man ist davon ausgegangen, dass der Druck da ist, bis zum 9. Mai diese Grenze zu überschreiten. Das haben die Russen nicht geschafft, weil die Ukrainer sehr intelligent dort Kräfte nachgeführt haben und eine Verteidigung zusammengebracht haben, die das verhindert hat. Aber das Ziel der Russen ist der Schritt in den nächsten Oblast. Und das Ziel ist natürlich nach wie vor Bogrovsk. Und Sie sehen ostwärts von Bogrovsk auch hier Kräfte, die langsam vormarschieren, womit natürlich auch eine Einkrüsselung der Stadt nach wie vor ein Thema ist, auch wenn gefühlt die Angriffe dort etwas nachgelassen haben zugunsten der Angriffe der Russen südlich davon in Richtung Nebobetrovsk.

Dann gehen wir noch weiter südlich an die Südfront sozusagen Richtung Saporizhia. Wie ist die Lage aktuell hier? Da gab es ja sehr lange eine Paz-Situation sozusagen. Ist das immer noch so?

Ja, der Südabschnitt von diesen drei Abschnitten ist jener Abschnitt, der vor allem im Jahr 2023 von hoher Bedeutung war, denn dort hat die Ukraine versucht, mit ihrer Sommeroffensive durchzubrechen. Sie hat es an mehreren Stellen versucht, ist aber nur wenige Kilometer vorgestoßen, hat die Gefechtsverboten innen der Russen durchbrochen und die Ukrainer sind dann dort stecken geblieben, zum Beispiel in Orten wie Rapotene, die wir schon wieder vergessen haben in der Bedeutung, die sie damals hatten. Jetzt zurzeit sehen wir, dass die Russen möglicherweise dort Kräfte zusammenziehen, Möglicherweise, um also auch begleitend einen Stoß zu führen und ukrainische Kräfte zu binden, für etwas, das man sich im Raum Mabogrovs vorgenommen hat. Möglicherweise aber auch, um dort tatsächlich ausgedünnte Verteidigungsstellungen auszunützen und weiter Richtung Norden vorzustoßen. Man wird sehen, was also tatsächlich der Fall ist. Auch hier möchte ich nochmal betonen, wir haben in den letzten Wochen immer wieder Bilder gesehen von neu produzierten Militärgeräten auf russischer Seite, neue Panzer und Ähnliches. Sie sehen konstruktionstechnisch, dass diese Fahrzeuge speziell verändert worden sind, um sich an die Vorkommnisse am Kriegsschauplatz anzupassen. Stichwort Schutz gegen Drohnen. Aber diese Fahrzeuge tauchen nicht an der Front auf. Sie sehen nach wie vor Motorräder, Buschandkarrester, sind umgebaute Laderteiger oder ähnliche Fahrzeuge, die eingesetzt werden. Ältere Panzerfahrzeuge, aber nicht diese moderne, womit sich die Frage stellt, was machen die Russen mit diesen Fahrzeugen? Wo stehen sie sich bereit? Bereiten sie was Größeres vor?

Möglicherweise an anderen Orten auch. Hier ist eine Frage. Russland hat seine Wirtschaft auf Kriegswirtschaft umgestellt. Könnte es sein, dass Russland gar nicht in der Lage wäre, den Krieg zu beenden, ohne den Zusammenbruch der eigenen Wirtschaft zu gefährden.

Das ist natürlich ein schlüssiges Argument, aber auch hier halte ich nochmal dagegen. Wie gesagt, Russland führt diesen Krieg nicht alleine. Russland hat seine Unterstützer. Sie wissen, ich habe das schon ein paar Mal verglichen, auch mit der Metapher eines Boxkampfes. Sie haben also zwei Gegner, die aufeinander einschlagen.

Auf der einen Seite die Russen, auf der anderen Seite die Ukrainer. Beide Seiten haben Unterstützer. Wenn der Gong ertönt, geht man zurück in das Eck des Rings. Und dort warten auf die Russen natürlich die Unterstützer, die ich genannt habe, die dafür sorgen, dass die russische Kriegswirtschaft trotzdem weiter funktioniert, trotz Sanktionspaketen und Ähnlichem. Sie sehen das ja an vielen Stellen. Ich gebe Ihnen nur ein Beispiel. Also eines der wirkungsvollsten Waffensysteme im Moment auf dem Kriegsschauplatz ist der Einsatz von glasfasergesteuerten Drohnen. Diese Glasfaserdrähte sind aufgewickelt. Das machen spezielle Spulmaschinen. Diese Spulmaschinen werden im großen Stil aus China Richtung Russland geliefert. Das macht es den Russen möglich, diese Produktion zu erzielen. Und Sie sehen auch am 9. Mai bei der Parade hat man gesehen, der russischen Bevölkerung geht es gefühlt nicht schlecht. Wir hören nichts von Unruhe oder Ähnlichem. Das heißt, die russische Kriegswirtschaft ist natürlich eine Notmaßnahme gewesen, aber sie funktioniert. Und Sie sehen also, dass Russland offensichtlich den längeren Atem hat in dieser Situation mit der Unterstützer der genannten Staaten. Stichwort längerer Atem. Es sieht also danach aus, als würde sich Putin und sein Land auf einen längeren Krieg einstellen, der möglicherweise mehrere Jahre dauert, der mit Desinformationskampagnen und Sabotageakten darauf zielt, die Bündnisse im Westen in Probleme zu bringen und dort Streit und Zerwürfnisse zu säen und in der Ukraine dauerhaft diesen Krieg weiterhin am Köcheln zu halten. Was bedeutet das auch mit Blick auf diese möglichen Verhandlungen, die wir da jetzt in der Türkei sehen?

Nun auch hier, lassen Sie mich klar und deutlich sein, diese Verhandlungen sind Scheinverhandlungen. Es geht rein darum, quasi hier Zeit zu gewinnen. Sie haben das also schon sehr früh erkennen können, auch an der Zusammensetzung der Verhandlungsteams. Wir haben es auch schon gehört. Die Russen haben laut der Vize-Minister geschickt. Die sind also nicht satisfaktionsfähig im Vergleich zu dem, was die Ukrainer geschickt haben. Die Russen ignorieren die Fragen der Ukrainer oder die bitten, muss man sagen. Sie dürfen auch nicht vergessen, der Königsmacher ist die USA. Trump, der also hier überraschend deutlich abwesend ist. Das ist auch im Zusammenhang zu sehen mit dem Umstand, dass er ja angekündigt hat, nicht ewig bei diesen Verhandlungen prominent aufzutreten. Die letzte wirkliche Reaktion war sein Tweet, wo er quasi Selenska aufgefordert hat, zu diesen Verhandlungen zu fahren. Dann hat er in den Raum gestellt, dass er vielleicht trotzdem kommt. Und dann hat er klar gesagt, solange er nicht kommt, wird sich gar nichts tun. Das heißt, Sie sehen also hier faktisch die Abhängigkeit aller von der Entscheidung Trumps, der also hier offensichtlich jetzt momentan zurücksteigt. Sie sehen auch, dass China sich nicht zu Wort meldet. Das ist ja immer betont, dass es um Frieden geht. Warum tut es das jetzt nicht? Und Sie sehen, dass Putin quasi hier die Bühne dominiert im Wesentlichen. Er lässt die Ukraine antreten, lässt sie wieder heimfahren möglicherweise. In dieser Zeit an der Front geht der Krieg weiter. Und wie Sie völlig richtig gesagt haben, Sie dürfen nicht vergessen, der Hybridekrieg geht auch in Europa weiter. Wir sehen also ganz klar die vier Phasen aus der Zeit der Sowjetunion, die hier genannt werden. Das ist zuerst die Phase der Demoralisierung, dann die Phase der Destabilisierung, die Phase der Krise und schlussendlich aus russischer Sicht dann die Phase der Intervention.

Donald Trump hat sich auch selbst noch mal im O-Ton geäußert an Bord der Air Force One. Das können wir uns auch noch mal anhören.

Nichts wird passieren, bevor Putin und ich uns treffen. Er wollte kommen, weil er dachte, dass ich komme. Und er ist nicht da, weil ich nicht da bin. Ob sie es mögen oder nicht, ich glaube nicht, dass etwas passieren wird, bevor er und ich uns treffen. Aber wir müssen das bald lösen, denn zu viele Menschen sterben.

Tja, also hierzu gibt es auch eine Frage, was würde denn ein Treffen zwischen Trump und Putin bewirken? Das hängt natürlich ab von den Möglichkeiten, die Trump bei diesem Treffen mitnimmt. Ich habe das auch hier oft verglichen mit einer Pokerrunde. Sie hatten zuerst vier Spieler am Tisch. Das waren die Ukrainer, die Europäer, die Amerikaner und die Russen. Die Europäer und die Ukrainer sind mittlerweile von diesem Spiel entfernt. Wir sehen also noch die Amerikaner mit den Russen. Die Amerikaner haben gezuckt. Trump hat gesagt, er möchte diesen Krieg nicht weiterführen. Daraufhin haben die Russen den Einsatz erhöht und haben gesagt, wir wollen sehen. Jetzt ist die Frage, blöfft Putin? Hat er also in Wirklichkeit ein schlechtes Kartenblatt? Ist er vielleicht schon durch die Wirtschaftsanktionen wirklich geschwächt? Aber er blöfft einfach und wir fallen auf diesen Trick herein. Hat vielleicht Trump die besseren Karten und er blöfft und gibt den Eindruck gegenüber Putin, dass er der Schwächere ist, in Wirklichkeit hat er aber das starke Kartenblatt. Das wissen wir nicht. Wir wissen natürlich, dass die Möglichkeiten auch der USA eingeschränkt sind. Wir haben das in der Vergangenheit ja schon mehrmals gesehen. Denken Sie daran an die Ereignisse damals im Oktober 2022, aber auch an die Ereignisse, die damals zum Einsatz dieser russischen Mittelstreckenrakete geführt hat. In beiden Fällen hat man hektisch telefoniert, hat versucht, die Situation wieder zu entschärfen Und man kann erkennen, dass es gewisse Grenzen gibt, die auch die Amerikaner nicht bereit sind zu überschreiten. Und Sie dürfen eines nicht vergessen, die Russen gehen für die Ukraine bis zum Ende. Die Amerikaner oder wir tun das nicht. Was wird von diesen Stunden und Tagen in Istanbul bleiben?

Das wird natürlich alles davon abhängen, ob es zumindest ein gewisses Kompromissergebnis geben kann. Ein Kompromissergebnis könnte sein, dass sich beide zumindest verständigen, in Zukunft weiter Gespräche zu führen, auf einem anderen Niveau mit der besser besetzten Delegationen. Man redet miteinander, das ist das Positive. Zumindest wird miteinander geredet. Die Alternative wäre, es gäbe überhaupt keine Gespräche. Schlussendlich wird der Historischer dann die Bedeutung dieses Treffens einladen müssen. Es ist auf jeden Fall so, dass es unter keinem guten Stern steht. Möglicherweise gibt es noch eine Überraschung, von der wir alle nichts wissen. Und plötzlich bittet sich wieder Trump an, doch zu kommen. Wir wissen es nicht, alles wird davon abhängen, wie die nächsten Stunden und Tage verlaufen. Im Moment muss man die Situation realistisch sehen und sie bedeutet, dass im Moment die Ukrainer im Hintertreffen sind.

Soweit die Analyse von Militärexperte Oberst Markus Reisner. Er sagt, dass Russland für einen Erfolg in der Ukraine bis zum Ende gehen werde und aktuell an der Front auch klar im Vorteil sei. Friedensverhandlungen könnten daher erst dann funktionieren, wenn auch der militärische Druck auf Moskau erhöht werde. Eine wichtige Rolle bei diesen Gesprächen würde auch US-Präsident Trump zukommen. Reisner sagt, auf Trump komme es am Ende an, er glänze aber bisher durch Abwesenheit. Wenn ihr mehr erfahren wollt darüber, wie Trumps Handeln die Welt verändert, dann empfehlen wir euch den neuen Auslandsjournal-Podcast Der Trump-Effekt. In der aktuellen Folge diskutieren unsere Korrespondenten, wer von Trumps erster Auslandsreise in die Golfstaaten profitiert. Mehr zur Ukraine erfahrt ihr immer in unserem Ukraine-Update. Jede Woche reden wir mit Expertinnen und Experten und unseren Reporterinnen und Reportern in der Ukraine über die Entwicklungen und Hintergründe und analysieren mit detaillierten Karten die Lage an der Front. Schaut gerne mal rein auf YouTube oder in der ZDF-Heute-App und stellt eure Fragen. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.

Music.