Hey, ich bin Christian Hoch. Schön, dass ihr wieder dabei seid. Vor 80 Jahren haben die Alliierten Deutschland und Europa vom Faschismus befreit und der Zweite Weltkrieg endet. Das Gedenken wird aber vom noch immer laufenden Krieg Russlands gegen die Ukraine überschattet. Auch die Ukraine hat ihre Drohnenangriffe auf Russland intensiviert und dabei mehrfach Moskau und die Region um die Hauptstadt angegriffen. Auch an der Front setzt die Ukraine Drohnen ein, um die eigene Armee wegen Personalmangels zu entlasten. Was ändern diese Angriffe der Ukraine durch Drohnen an der aktuellen Situation? Steckt Russlands Präsident Wladimir Putin womöglich sogar in einer Sackgasse? Und wie stark ist die russische Armee entgegen der eigenen Propaganda tatsächlich? Darüber spreche ich heute mit Militärökonom Markus Kolb, mit unserer Reporterin Alisa Jung in Kiew und mit unserem Korrespondenten Armin Körper in Moskau. Jetzt aber erstmal zu Markus Kolb über die aktuelle Lage an der Front und wieso sich seit Wochen kaum etwas bewegt.
Ich war ja zuletzt Ende März bei Ihnen und habe gesagt, die Front steht. Und seither hat sich nicht wirklich etwas verändert, also von minimalen Bewegungen, die Front steht. Und das ist eigentlich immer noch überraschend, dass es der Ukraine gelingt, trotz der erheblichen personellen Übermacht, die die Russen ja haben, an fast allen Sektoren der Front, die Front so weit zu stabilisieren, dass die Russen nicht mehr vorankommen. Einen wesentlichen Anteil daran hat der Einsatz von Drohnen. Das heißt, es ist mittlerweile so, in vielen Frontsektoren, insbesondere im Raum Pakrovsk und Toretsk, dass sie eigentlich nicht mehr fahren können, auch nicht mit zivilen Fahrzeugen, ohne dass sie innerhalb von Minuten von einer Drohne aufgeklärt und dann ziemlich bald auch attackiert werden. Und deswegen haben die Russen seit einigen Tagen ihren Truppen verboten, in Fahrzeugen zu fahren, die ohne Electronic Warfare, also ohne Signalstörausrüstung ausgerüstet sind. Allerdings haben die dafür nicht genügend Systeme.
Das heißt also, die mechanisierte Bewegung ist in diesen Frontsektoren kaum noch möglich. Und deswegen sehen wir auch immer mehr Videos von russischen Soldaten, die einfach zu Fuß losgehen. Also sprich, die einfach ins Gelände laufen oder durchs Gelände kriechen. In der Hoffnung, dass quasi eine Drohne für einen Mann sozusagen Verschwendung sei. Dabei unterschätzen sie aber, dass die Ukraine begonnen hat mit der Massenproduktion von Billigdrohnen. Laut ihrer eigenen Verlautbarungen sollen es etwa zwei Millionen pro Jahr sein an Produktionskapazität. Das will die Ukraine erreichen. Ob das stimmt, weiß ich nicht, muss man vielleicht ein bisschen mit Vorsicht sehen. Aber die Art und Weise, wie der massive Einsatz von Drohnentechnologie den Krieg verändert hat, das sieht man eben jetzt. Hat sich die Ukraine durch den Aufbau eben dieser eigenen Drohnenproduktion auch ein Stück weit unabhängiger gemacht, auch von Hilfen von außen?
Also unabhängig würde ich vielleicht nicht sagen, sie hat eine neue Fähigkeit auf jeden Fall hinzugefügt, die wir in bisherigen Kriegen nicht gesehen haben, nämlich den massierten Einsatz von Drohnen. Aber das ändert natürlich nichts daran, dass sie bei schwerem Material, also alles, was Kampfpanzer angeht, aber auch was natürlich Artillerie, Munition, Artilleriesysteme angeht, nach wie vor auf westliche Hilfslieferungen angewiesen ist. Also bei allem Fokus auf Drohnen darf man natürlich nicht vergessen, dass es nicht nur ein Drohnenkrieg ist, sondern ein Krieg, der mit einer unglaublichen Abnutzungsrate geführt wird, auf beiden Seiten natürlich. Und dementsprechend ist das nicht so leicht, jetzt zu sagen, wir führen den Krieg jetzt einfach als Drohnenkrieg. Es ist vielmehr eine Dimension, die zusätzlich hinzukommt, die die Front in gewisser Weise entlastet, weil wenn sie früher eine Armee zum Stehen bringen wollten, dann brauchten sie einfach massive Artillerie. Mittlerweile gelingt das eben mit den Drohnen sehr viel günstiger und mit sehr viel weniger Aufwand.
Aber man muss immer noch sagen, die Ukraine ist natürlich immer noch im Zustand der aktiven Verteidigung. Das heißt also, sie ist im Moment nicht in der Lage, selbst irgendwelche Vorstöße vorzunehmen, sondern was sie macht, ist quasi, ja, das, was sie eigentlich die letzten Monate schon gemacht hat, sie versucht hat, die Russen in die Abnutzung zu locken und zu sagen, okay, solange die Russen ihre Taktik fortsetzen, einfach wahllos Menschenmaterial hinzuopfern, So lange wirkt die Abnutzungslogik für uns. Und das stimmt auch. Aber das erfordert natürlich ein langfristiges Durchhalten. Und da stellt sich dann natürlich irgendwann die Frage, wie ernst ist es dem Westen mit der militärischen Unterstützung der Ukraine?
Dazu haben wir auch direkt Fragen aus dem Chat, die ich gerne an Sie weiterleite. Bezieht sich auf das Thema Hilfe für die Ukraine. Malte Schäper fragt da, welche konkreten Änderungen in den Zusagen für die Hilfe gab es seit dem Rückzug der USA? Als großer Unterstützer der Ukraine. Mhm.
Naja, es gab erstmal eine wesentliche Änderung, nämlich, dass keine neuen Pakete bisher bewilligt worden sind, also seit Trump an der Regierung ist. Also Sie müssen sich vorstellen, dass alles an US-amerikanischen Hilfslieferungen, was in die Ukraine fließt, immer noch aus dem Paket stammt, dass Joe Biden kurz vor dem Ende seiner Amtszeit, also im Dezember 2024, noch autorisiert hat. Das war also sozusagen ein großes letztes Paket, weil er schon geahnt hat, dass das zumindest in der ersten Phase der Trump-Administration schwierig werden könnte mit der ganzen ultra-rechten Mager-Fraktion, die da ja teilweise sehr deutliche Putin-Sympathien hat. Es ist jetzt ein kleineres Paket im Gespräch, das man der Ukraine zubilligen will von etwa 50 Millionen, infolge des jetzt unterzeichnenden Rohstoffdeals.
Es ist noch nicht ganz klar, wann genau das kommen soll. Aber sie sehen, dass die USA sicherlich nicht mehr so vorbehaltlos wie die beiden Administrationen die Ukraine mit Waffen unterstützen werden. Und das ist eigentlich so die zentrale Frage. Wie sieht die künftige Unterstützungspolitik der USA aus? Ja, das vertiefen wir auch im weiteren Verlauf der Sendung. Vielleicht noch eine Frage an Sie aus dem Chat für den Moment zur Strategie von Russland. Das haben Sie auch schon angesprochen. Da fragt Christian Harten. Ist der Stillstand an der Front eventuell ein Zeichen dafür, dass Russland Truppen abzieht, um an einem anderen Abschnitt konzentriert anzugreifen? Gibt es da irgendwelche Informationen zu?
Das würde ich nicht sagen, nein. Also es ist im Gegenteil so, dass Russland eigentlich seine Verluste hinnimmt und auch laufend ersetzt. Also sprich, die Leute, die draufgehen, vor allem in den stark umkämpften Sektoren, wie zum Beispiel bei Pakrovsk, Die werden sozusagen, das klingt jetzt zynisch, aber die werden aufgefüllt mit neuem Fleisch, das sozusagen gleich im Hinterland weiter rekrutiert wird. Das geht natürlich nicht ewig so weiter, weil Russland innerlich dadurch langsam ausblutet. Also den Fachkräftemangel, den sehen Sie schon ganz massiv in der zivilen russischen Industrie. Aber es ist jetzt nicht so, dass Russland quasi Großgruppen von einem Abschnitt in den anderen hin und her verschieben würde, sondern im Gegenteil, das Überraschende ist eigentlich, dass sie überall gleichmäßig versuchen anzugreifen an der Front und trotzdem nicht durchkommen. Also man darf dieses de facto Einfrieren der Front nicht einfach so wegwischen, sondern das dürfte eigentlich nicht passieren. Verstehen Sie, eine russische Armee, die so stark überlegen steht, in manchen Frontsektoren steht da eine ganze Division zusätzlich und trotzdem nicht durchkommt, das sagt Ihnen sehr viel über den Zustand der Front. Und wenn Sie dann sagen, Sie ändern nicht Ihre Taktik, sondern Ihre Taktik ist einfach brutal, einfach alles hinopfern und hoffen, dass es irgendwie dann doch gelingt, so lange schneiden Sie sich langfristig natürlich ins eigene Fleisch. Und dann stellt sich halt irgendwann die Frage, wann Ihnen die Reserven ausgehen.
Ja und was das genau dann auch bedeutet mit Blick auf die Frage, wie stark ist Russlands Armee tatsächlich, das vertiefen wir gleich in dem zweiten Teil unserer Sendung mit Ihnen. Dankeschön erstmal für den Moment, Herr Kolb.
Wir schauen jetzt aber nochmal in die Ukraine selbst, weil Herr Kolb hat es auch gerade schon angesprochen, die Ukraine versetzt oder setzt vermehrt Drohnen ein gerade. Alisa Jung ist da unsere Reporterin in Kiew, in der Ukraine. Hi Alisa, wichtige Frage, was sind die Gründe dafür, dass sich die Ukraine so weiterentwickelt hat in Bezug auf den Einsatz von Drohnen?
Weil sie musste. Tatsächlich ist das erstmal die simple Antwort und dann gerne jetzt noch mehr ins Detail. Die Ukraine hat sich selbst in den letzten drei Jahren tatsächlich in der Drohnenindustrie in die Zukunft katapultiert, weil sie eben auch immer wieder mit Engpässen von Waffenlieferungen von Seiten der Europäer zu kämpfen hatte. und darauf etwas eine Antwort finden musste, mit der sie Russland begegnen kann. Der größten Armee der Welt. Und die Ukraine eben ein viel, viel kleineres Land in Bevölkerungszahlen. Insofern hat die Ukraine da wirklich enorm Fortschritt gemacht. Es gibt inzwischen 800 Unternehmen im Bereich der Drohnenindustrie im Land, 100 staatliche, 700 privatwirtschaftliche. Und die Ukraine reagiert eben auch sehr schnell in diesen kleinen Startups, die das auch häufig sind. Und adapt or die heißt dann hier das Motto. Also die Ukraine sagt inzwischen, es ist teilweise so, dass eine Drohne, die sie hergestellt haben, innerhalb von 50 Tagen auch veraltet sein kann. Also sie muss sie anpassen, sie muss darauf reagieren. Und das tut die Industrie, ist da inzwischen also wirklich sehr gewachsen, enorm gewachsen, darf nicht exportieren. Das beklagen die Hersteller ihrerseits, dass sie insofern nicht wachsen können, weil sie eben nur den Staat als Abnehmer haben und nach wie vor dieses Exportverbot gilt. Also hier ist eine massive Industrie entstanden. Ich habe mit dem Vorsitzenden der ukrainischen Tech Force, also dem Zusammenschluss der militärischen Hersteller gesprochen, Vadim Junik. Wir hören zusammen rein.
Natürlich wollen sie nur unser Luftabwehrsystem schwächen. Sie prüfen ständig, ob es uns gelingt, sie abzuschießen. Sie setzen ständig gefälschte Drohnen ohne Sprengladung ein, nur damit wir reagieren müssen. Denn wenn etwas am Himmel fliegt, weiß man nicht, ob eine Sprengladung dabei ist oder nicht. Das heißt, es gibt ein fliegendes Ziel, das auf jeden Fall abgeschossen werden muss. Er hat sich da eben jetzt auch ganz klar geäußert auf die aktuellen heftigen Drohnenangriffe, die Russland gegen die Ukraine immer wieder fährt und wie die Ukraine auch darauf reagieren muss. Sie hat ja auch immer wieder damit zu kämpfen, dass sie die Luftabwehr einfach so ausreizen muss, dass ihr ja gar nicht gelingt, alles abzufangen. Also nicht alle Raketen, nicht alle Drohnen. Sie muss da einfach im Moment sehr viel aushalten. In den letzten Wochen wieder massive Angriffswellen, die wir da gesehen haben. Du sprichst es an und sie nutzt Drohnen auch, um sich Luft zu verschaffen aufgrund des eigenen Personalmangels in den eigenen Reihen der Streitkräfte. Alisa, du hast da auch in den vergangenen Tagen auch viel zu recherchiert. Wie begegnet die Ukraine diesem Personalmangel noch?
Was eben, das passt zusammen mit dem Gespräch, was ich eben mit Vadim Junik geführt habe, was er auch ganz klar gesagt hat, ist, der Kampf mit den Drohnen, die Weiterentwicklung mit der Technik, das ist das eine. Aber es ist alles nichts ohne die Infanterie. Also die Infanterie ist auch für die ukrainische Armee zentral und wichtig. Die hält die Frontlinie. Und das ist für die Ukraine seit Kriegsbeginn natürlich eine enorme Herausforderung, da Menschen zu mobilisieren, Männer zu mobilisieren. Das Alter dafür wurde ja herabgesetzt von 27 auf 25 Jahren. Und den Rufen zum Beispiel von den USA, die sagen, wenn die Ukraine sich da verteidigen möchte, soll sie doch das Alter noch weiter senken auf 18. Dem begegnet die Ukraine noch im Moment ganz klar, indem sie sagt, nein, das machen wir nicht. Diese Jahrgänge unter 25, das sind die besonders geburtenschwachen hier in der Ukraine. Da ist die Haltung des Landes, damit löschen sie die Nation aus, ihren Nachwuchs aus. Also da sind sie zurückhaltend aktuell. Also nach wie vor heißt es 25 Jahre, das ist das Rekrutierungsalter. Aber natürlich versuchen die Einheiten, die Brigaden, alles um Männer zu motivieren, zu mobilisieren, doch für die Armee zu kämpfen. Und viele wollen das, aber natürlich auch nicht. können aber, wenn sie über 18 Jahre alt sind, das Land nicht mehr verlassen. Also da steht im Moment das Land schon seit, ja, wir berichten darüber schon so lange, also seit längerer Zeit natürlich auch selbst vor einer großen Herausforderung. Sie brauchen viele Männer für den Kampf, mehr Männer für den Kampf, aber viele wollen natürlich aus sehr klaren, offensichtlichen, berechtigten Gründen nicht.
Blicken wir mit dir noch auf ein weiteres Thema. In den vergangenen Tagen hat es auch immer wieder Berichte und Meldungen über weitere Gefangenenaustausche gegeben. Was weißt du darüber? Wir haben diese Woche tatsächlich auch selbst bei einem live dabei sein können, als 205 ukrainische Männer hier nach Hause zurück in die Ukraine gekehrt sind. Kahlrasiert, blass, teilweise abgemagert, teilweise auch verletzt. Dann fehlt jemand einem ein Auge, ist vielleicht im Kampf passiert, ist in der Gefangenschaft passiert. Fragezeichen, das kann man so klar natürlich in dem Moment nicht beantworten, wenn man sie nur sieht, wie sie ankommen. Es waren viele Angehörige vor Ort, Eltern vor Ort, viele, die ihre Söhne, ihre Ehemänner eben teilweise schon seit drei Jahren vermissen. Und die standen dann da und dann war eben nicht der Angehörige dabei. Die kommen aber trotzdem jedes Mal wieder, weil sie einfach nur hoffen, ein kleines Fitzel Information zu bekommen über eben den Sohn, den Ehemann, den Partner, den Vater.
Wo ist er abgeblieben? Ist er an der Front getötet worden? Ist er in russischer Kriegsgefangenschaft? hat ihn jemand von den Inhaftierten gesehen. Es gibt hier also einfach unfassbar viele Familien, die einfach gar nicht wissen, was mit ihren Angehörigen passiert ist. Und es ist eine ganz verzweifelte Stimmung da vor Ort, die dann da eben stehen und warten und mit den Gefangenen kurz sprechen wollen, um einfach nur Einfizilinformationen zu bekommen. Und wir haben auch gesprochen mit der ukrainischen Staatsanwältin für Kriegsverbrechen hier im Land. Und wir haben gesprochen mit einem Zivilisten, der inhaftiert war. Denn Russland inhaftiert nicht nur und verschleppt nicht nur Soldaten, sondern eben auch Zivilisten. Und der hat von schwerer Folter berichtet, auch von sexueller Folter gegenüber Männern. Eigentlich ein Tabuthema hier im Land, nichts, worüber zuvor offen gesprochen wurde. Aber die Ukraine, die versucht jetzt schon aufzuarbeiten eben, die versucht da Beweise zu sammeln, um eben auch russische Offiziere, die sowas getan haben, in Abwesenheit anzuklagen. Und auf die Frage, die ich der Staatsanwältin gestellt habe, was sie sich dann aber erhofft, wann sie da jemals auch wirklich jemand vor Gericht und verurteilt bekommt, sagte sie, Sie, einen Vergleich, den hat sie gemacht mit den Verbrechen der Nazi-Zeit. Sie sagte eben, dass die Nazis auch nicht vielleicht ein Jahr, fünf Jahre, zehn Jahre später vor Gericht standen, sondern sich aber bis heute eben teilweise für Kriegsverbrechen verantworten werden mussten. Das gibt diesem Land Hoffnung, dass da eben doch irgendwann und auch wenn es erst sehr spät ist, dann Gerechtigkeit walten kann.
Nachdem ich mit unserer Reporterin Alisa Jung in Kiew über den Einsatz von Drohnen auf ukrainischer Seite und ihre Eindrücke vor Ort gesprochen habe, geht es jetzt nach Russland. Unser Korrespondent Armin Körper in Moskau erzählt, wie der Kreml auf die aktuellen Drohnenangriffe der Ukraine reagiert.
Der Kreml versucht das natürlich als Thema in der Bevölkerung nicht zu groß werden zu lassen. In den vergangenen Tagen gab es vermehrt Drohnenangriffe, auch auf den Großraum Moskau. Es waren hier mehrere Flughäfen gesperrt. Das lässt sich natürlich auch nicht vertuschen, das kriegen die Leute mit. Ich denke, es geht darum, das Ganze steht im Kontext dieser vom Kreml angedachten Waffenpause zum Kriegsgedenken. Die Ukrainer haben das offiziell abgelehnt und haben quasi Russland zeigen wollen in den vergangenen Tagen, dass sie auch die Hauptstadt Moskau mit Drohnen angreifen, weil sie es können. Du sprichst es an, die dreitägige Feuerpause, die Wladimir Putin vorgeschlagen hat und auch darauf bestanden hat. Grund dafür auch der Schutz seiner geplanten Propagandashow morgen zum Gedenken eben, wie du sagst, an das Ende des Zweiten Weltkriegs, heute vor 80 Jahren. Was ist da geplant? Eine Militärparade mit internationalen Staatsgästen, mit Panzern, mit Soldaten. Amin, was sind da die Botschaften, die Putin versucht, nach außen und nach innen zu senden? Vielen Dank.
Ein Angriff auf die Feierlichkeiten morgen, das wäre für Russland ein Albtraum. Deshalb hat man auf diese Feuerpause gesetzt. Die Ukraine hat dem offiziell nicht zugestimmt. Deshalb ist der Ärger hier sehr groß. Diese Parade hat natürlich das Ziel, militäre Stärke zu zeigen. Dem Ausland, verbündete Staaten wie China zum Beispiel, marschieren da auch mit. Auch das ist ein klares Zeichen militärischer Macht. Zum anderen geht es aber auch, denke ich, sehr deutlich darum, dieses riesige Land irgendwie auch in dieser schwierigen Zeit hinter dem Herrscher zu einen. Das heißt, diese Parade soll den Menschen zeigen, wir sind stark, wir stehen zusammen. Und man muss dabei immer sehen, dass dieser Zweite Weltkrieg, der hier großer Vaterländischer Krieg heißt, dass der im russischen Selbstverständnis, in der Identität dieses Staates eine ganz extrem große Rolle spielt.
Das ist, das Gedenken trifft die Menschen. Ich kann schwer sagen, ob das für den Einzelnen hier wirklich identitätsstiftend ist oder ob es einfach damit zusammenhängt, dass es ihnen seit Jahr und Tag vorgebetet wird. Aber das spielt hier eine extrem große Rolle. Dazu kommt, dass dieses Kriegsgedenken ja schon seit Beginn des Ukraine-Kriegs die Parallele gezogen wird zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem heutigen Krieg in der Ukraine. Immer wieder ist ja auch heute davon die Rede, man müsse die Ukraine vom Faschismus befreien. Auch die Straßen sind immer, auch in normalen Zeiten, also außerhalb des Kriegsgedenkens, plakatiert mit Porträts von Soldaten, die als Helden Russlands bezeichnet werden. All das sind die Worte, die bei den Menschen die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg hervorrufen sollen. Und jetzt im Zusammenhang mit dem Kriegsgedenken sind überall Plakate, wo dann an den Krieg erinnert wird vor 80 Jahren und die Parallele zu heute gezogen wird. Da heißt es dann, Babeda, Budget, Sanami, der Sieg wird unser sein. Das bezieht sich dann auf heute. Das wird also immer wieder gleichgesetzt. Du sprichst es an, also sowohl Propaganda nach außen als auch nach innen. Und du hast auch angesprochen, internationale Staatsgäste werden zugegen sein, unter anderem der chinesische Präsident Xi Jinping. Wie lief das Treffen zwischen den beiden bisher ab und was bedeutet auch sein Besuch da bei Putin und in Russland?
Für Putin ist das extrem wichtig. China ist der wichtigste und stärkste Verbündete, insbesondere seit ja viele Länder des sogenannten Westens auf Distanz zu Russland gegangen sind und versucht haben, Russland zu isolieren aufgrund des Angriffskriegs gegen die Ukraine. China hat sich da offiziell neutral verhalten. De facto ist aber China immer mehr auf die Seite Russlands gerückt. Und das Interessante ist, dass bei diesem Treffen jetzt heute Donald Trump wie der Elefant im Raum immer dabei ist. Denn man muss ja eins sehen, diese drei Männer, Xi Jinping, Wladimir Putin, Donald Trump, man kann die kaum noch isoliert voneinander sehen. Denn Trump hat ja einen deutlichen Schritt zuletzt auf Russland zugemacht. Das tut er, weil er Russland aus der Umarmung Chinas herauslösen will. Putin freut das, weil er durch die Trump-Scharmoffensive gegenüber China größer wird, in der Bedeutung wächst, weil er ja China zeigen kann. Ich habe möglicherweise auch andere Handelspartner und China beäugt das ganz kritisch von der Seitenlinie und schaut sich genau an, was da passiert. Deshalb hat Amerika heute in den Gesprächen eine große Rolle gespielt. Xi Jinping sagte zum Beispiel, Zitat, man wolle gemeinsam hegemonialen Schikanen entgegentreten. Das ist ganz klar eine Aussage in Richtung Amerika, in Richtung Donald Trump.
Und ein weiteres Thema, was du auch angesprochen hast, ist eben die Waffenruhe, die Wladimir Putin gefordert hat und darauf bestanden hat. Du sagst, dass die Ukraine hat es abgelehnt. Aus Kiew heißt es auf der anderen Seite auch, dass Russland sich selbst nicht an diesen erklärten Waffenstillstand halten würde. Zitat, unseren militärischen Daten nach greifen russische Kräfte weiter an der gesamten Frontlinie an, das schreibt der ukrainische Außenminister auf der Plattform X. Demnach sagt er, habe das russische Militär die Ukraine seit Mitternacht mehr als 700 Mal attackiert. Was sind da deine Informationen drüber?
Das ist ganz schwer zu beurteilen, was da wirklich wer wen zuerst angreift. Ich kann das von hier aus nicht beurteilen und kann nur sagen, im Krieg ist die Wahrheit immer das erste Opfer. Gleichzeitig, die Russen hatten natürlich die Hoffnung dieses Kriegsgedenken, dass das nicht von dem aktuellen Krieg durch Angriffe überschattet wird, zum Beispiel auf die Hauptstadt Moskau. Darauf hat die Ukraine sich nicht eingelassen und hat gesagt, drei Tage Kriegsgedenken, wie Russland das vorgeschlagen hat, sind für Kiew zu wenig. Darüber war der Ärger hier sehr groß. Jetzt beschuldigt man sich gegenseitig, diese Waffenruhe gebrochen zu haben. Das ist die Rhetorik, die wir ja schon bei allen bisherigen Versuchen von Waffenruhen immer wieder gesehen haben. Und auch der ukrainische Präsident Volodymyr Zelenskyy hat sich zur anstehenden Parade morgen geäußert. Er sagt das hier, wir hören mal zusammen rein. Morgen wird der Organisator der Massengräber von Butscha über die Gräueltaten der Nazis sprechen. Und diejenigen, die die Blockade von Mariupol verhängt haben, werden über die Belagerung von Leningrad sprechen. Es wird eine Parade des Zynismus sein. Anders kann man es nicht beschreiben. Eine Parade der Galle und der Lügen.
So blickt also Ukrainas Präsident Zelenskyy auf die Parade. Morgen, Armin, du hast es auch gerade schon thematisiert. Es wird viel das Thema Narrative Putins sein, die nach außen gezeigt werden sollen, die aber auch nach innen gezeigt werden sollen. Frage an dich vielleicht auch noch, inwieweit verfängt diese Propaganda, die Putin betreibt eigentlich bei der Bevölkerung gerade? Glauben die Menschen tatsächlich dran und glauben sie auch daran, dass die Armee Russlands auf der Siegerstraße ist?
Russland glaubt ganz eindeutig, dass die Armee auf der Siegerstraße ist. Man hat ja keinerlei Anzeichen dafür, dass es der Ukraine aktuell noch gelingen könnte, wie zu Kriegsbeginn ja eigentlich die Hoffnung dort war, dass man die Russen aus dem Land zurückdrängen könnte, inklusive der von Russland besetzten Halbinsel Krim. Das ist heute eigentlich für hier für niemanden mehr vorstellbar. Die Frage ist, wie man jetzt den Westen, insbesondere die USA, davon überzeugen kann, dass die von Russland besetzten Gebiete auch in Zukunft als russisch anerkannt werden. Was jetzt Russland weiterhin territorial für Kriegsziele verfolgt, das vermag ich von hier aus nicht zu beurteilen, feststeht aber, dass es aus russischer Sicht wirklich eine Minimal- und keine Maximalforderung ist, dass für mögliche Kriegsverhandlungen klar sein muss, dass die aktuell von Russland besetzten Territorien russisch sein müssen. Wir hören jetzt, was Militärökonom Markus Kolb zum System Putin und der tatsächlichen Stärke der russischen Armee sagt. Das hat er nämlich auch in seinem Buch analysiert. Hat Putin also seine eigene Macht und die Stärke Russlands überschätzt?
Ich muss ein bisschen ausholen dazu. Ich danke Ihnen zunächst mal für den Hinweis. Auch das Buch Spurwechsel habe ich vor allem deswegen geschrieben, weil ich den Eindruck habe, dass in Deutschland immer noch sehr stark Märchenerzählungen von Russland vorherrschen und stark idealisierte Bilder, die mit der russischen Realität nichts zu tun haben. Man muss also sehr aufpassen, das gilt auch für die Berichterstattung in den Nachrichten, dass man nicht selber der russischen Propaganda verfällt. Also zwei Beispiele haben wir gerade gesehen. Das Gedenken an den sogenannten großen Vaterländischen Krieg in Russland beginnt, raten Sie mal, 1939. 39? Nein, es beginnt 1941. Alle sowjetischen und alle modernen russischen Kriegsdenkmäler tragen die Jahreszahlen 41 bis 45.
Also sprich, der Molotow-Ribbentrop-Pakt, der Angrechtskrieg gegen Polen 1939, die vierte Teilung Polens, mit der Polen von der Landkarte verschwindet, das wird alles ausgeblendet, sowohl in der sowjetischen wie auch in der modernen russischen Geschichte. Auch die Fehlwahrnehmung, Russland sei die größte Armee der Welt, das ist nicht so, das ist die chinesische Volksbefreiungsarmee, soweit ich weiß. Und das sind jetzt nur mal zwei kleine Beispiele dafür, wie unser Russlandbild, das wir an unseren Köpfen haben, wenig zu tun hat mit der tatsächlichen Realität des Landes. Und deswegen nimmt das im Buch einen großen Stellenwert ein, dass ich sage, wenn wir diesen Krieg wirklich verstehen wollen, dann müssen wir erst mal so umfassendes Fact-Checking betreiben. Und dann würden Sie zum Beispiel herausfinden, ja, das Land ist sehr groß, aber es wohnt da niemand. Also Bevölkerungsdichte 9 Menschen pro Quadratkilometer, also klar, größter Flächenstaat der Welt, 17 Millionen Quadratkilometer, aber es wohnen da nur 143 Millionen Menschen noch. Also Tendenz sinkend mit minus 0,6 Prozent pro Jahr, sind weniger Einwohner als in Pakistan oder in Bangladesch.
Bevölkerungsdichte von neun, also mal zum Vergleich, Deutschland hat ungefähr 220, die Niederlande ungefähr 450. Also es gibt eine Idee, dass Großteile dieses Landes unbewohnt sind. Und dieser Bevölkerungsschwund, der ist natürlich jetzt noch umso stärker, wenn die Leute noch in der Armee hingeopfert werden. Also eine in Deutschland sehr verbreitete Fehlvorstellung ist quasi Russland als Märchenreich, das Reich der unendlichen Ressourcen, das quasi unbegrenzt nachschieben könne. Und ich glaube, man wird in absehbarer Zukunft sehen, dass das nicht der Fall ist. Wir stellen uns auch Russland vor als unglaublich leistungsfähige Ökonomie. Aber ich meine, schauen Sie sich mal die Zahlen an. Das Bruttoinlandsprodukt von Russland ist geringer als das von Italien. Das Bruttoinlandsprodukt von Russland erreicht nicht mal das von Texas. Also wenn wir jetzt mal Petrodollar-Ökonomien vergleichen wollen. Also sprich, das Land ist eigentlich ökonomisch ein Witz gegenüber der entwickelten Welt. Es ist nicht nur eine Big Air Station, wie John McCain mal gesagt hat, das stimmt schon, aber wenn Sie jetzt zum Beispiel Zahlen nehmen, wie Russland gibt 6% seines Bruttoinlandsprodukts fürs Militär aus, das ist zwar nice, aber das ist immer noch ungefähr lediglich ein Achtel dessen, was die USA ausgeben. Der Rubel spielt weder als Reserve noch als internationale Zahlungswährung irgendeine Rolle. Die russische Produktivkraft beruht im Wesentlichen auf dem Import westlicher beziehungsweise chinesischer Technologie.
Importsubstitutionen hat, obwohl von Putin immer wieder angestrebt, nicht funktioniert. Also selbst die sowjetische Atombombe ist eine Kopie der amerikanischen und das Uran kam aus der DDR. Also sie können ansetzen, wo sie wollen. Also die Imagination Russlands im deutschen Köpfen versus die russischen Realitäten, da ist doch ein sehr, sehr großer Unterschied. Und ich dekliniere das im Buch also wirklich sehr, sehr ausführlich durch, einfach um mal zu sagen, wir sollten aufhören mit diesem Märchendenken. Das liegt halt daran, dass die Russland-Vorstellung in Deutschland sehr lange auch von Märchenerzählern geprägt worden ist. Also von Menschen, die jetzt vielleicht stärkere ideologische Überzeugungen als echtes Fachwissen haben. Und die werden bis heute sehr stark rezipiert, auch noch immer noch in den Talkshows. Dazu kommen dann die Pseudo-Humanisten, die dann sagen, ja, aber das Sterben muss aufhören. Oder gekaufte Medien, gekaufte Journalisten, die dann pro-russische Berichterstattung machen oder Propaganda replizieren und so weiter. Das ist alles so eine Erbschaft der Vergangenheit. Aber da merken sie, das Einzige, worin die Russen wirklich, wirklich gut sind, die Sowjets waren es übrigens auch schon, ist Propaganda. Also da verstehen sie ihr Handwerk, da verstehen sie wirklich sich drauf, sie verstehen sich hervorragend drauf, Kompromat zu sammeln und dann Politiker, Journalisten und so weiter damit gefügig zu machen.
Und das muss man halt sich alles klar machen. Also was wir morgen sehen bei der Parade, wie bei jeder Parade übrigens auch, ist eine Propaganda-Veranstaltung, die staatlich natürlich entsprechend inszeniert wird. Und deswegen ärgern sie sich auch so, dass die Ukraine jetzt einfach ein paar Drohnen kreisen lässt, zum Beispiel über zivilen Flughäfen. Also die haben nicht mal Sprengleitungen, sondern die kreisen einfach über dem Flugfeld, sodass sie aus Sicherheitsgründen die Flüge einstellen müssen. Und das genau am Tag vor dem sogenannten Siegestag.
Das ist natürlich ein symbolisches Zeichen einfach, dass die Ukraine das kann. Also dass die russische Luftverteidigung offenbar nicht in der Lage ist, die eigenen Flughäfen zu schützen oder dass russische Luftverteidigungssysteme nicht in der Lage sind, Drohnen abzufangen, dass die bis nach Moskau hineinfliegen und so weiter. Das sind alles Punkte, die man sich klar machen muss. Also sprich, die Systeme, die da morgen über den Roten Platz rollen, die sind vielleicht weniger wichtig als zu sowjetischen Zeiten. Damals hat man das sehr stark einfach beobachtet, um zu schauen, wie ist so der Zustand der sowjetischen Armee. Heute haben wir Satellitenfotos, Osint, Handy-Videos. Also heute ist das nicht mehr so wichtig. Aber was Putin sehr stark eben immer noch versucht herzustellen, ist quasi diese Kontinuität zur sowjetischen Zeit. Also dieser Irrtum, der auch in Deutschland sehr, sehr stark verbreitet ist, zu glauben, Russland und die Sowjetunion seien quasi das Gleiche. Und das ist besonders tragisch bei der Rolle der Ukrainer, wenn Sie überlegen, dass über eine Million ukrainischer Rotarmisten, also Ukrainer, die in der Roten Armee gedient haben, gefallen sind im Kampf gegen den Nationalsozialismus, dann gibt Ihnen das vielleicht ein Bild, dass wir da einen differenzierten Blick drauf werfen sollten.
Die putinistische Propaganda, die beruht sehr stark darauf, eben solche Kontinuitäten herzustellen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. In St. Petersburg gibt es einen großen Park. Den hat man angelegt 2003. Da hat Petersburg sein 300-Jahres-Jubiläum gefeiert. Und da wehen drei Fahnen. Die schwarz-gelb-weiße Fahne der Romanovs, die sowjetische rote Fahne und die Fahne des modernen Russlands. Und jede davon ist so groß wie ein halbes Fußballfeld. Das ist keine Übertreibung. Also es ist wirklich so typisch megalomanisch inszeniert.
Und wenn Sie jetzt mal überlegen, diese drei Systeme, also Zarismus, sowjetisches System und das zutiefst korrupte, moderne Russland.
Das sind drei völlig unvereinbare Systeme, wirtschaftlich, weltanschaulich, politisch. Und trotzdem wehen diese drei Flaggen nebeneinander, um eben diese diffuse Vorstellung von nationaler Größe und quasi historischer Kontinuität zu zeigen. Und dann gibt es noch viele, viele weitere Punkte, die ich im Buch dann so herausarbeite, auch die orthodoxe Kirche, die da mit hereinspielt. Und das alles gibt so einen gewaltigen Propaganda-Apparat, der dann in die ganze Welt projiziert wird, auch über die sozialen Medien natürlich, und die dann einfach vielfach geglaubt wird. Und auch an alle, die mal eine Reise nach Russland gemacht haben, also die die üblichen Touristen-Kulissen gesehen haben, ja, natürlich sind die Straßen in Petersburg und Moskau schön und sauber und aufgeräumt und so weiter, aber mein Tipp ist immer, nehmen Sie die Elektrizka, also die S-Bahn, fahren Sie raus in die Vorstädte, fahren Sie in die Provinz und schauen Sie sich das wirkliche Russland an. Also Moskau ist genauso wenig Russland wie London stellvertretend als für England ist und das muss man halt alles wissen und die russische Propaganda versucht halt eben dieses Märchenbild, Türme aus rotem Gold und hier Wodka kippen, wie wir es in diversen Schlagern auch vermittelt bekamen.
Aber das hat mit der Realität eben wenig zu tun. Und das Wichtigste, um diese ganzen Dinge und auch den Krieg zu verstehen, ist sich nicht blenden zu lassen von dieser Propaganda, sondern wirklich die brutalen Fakten anzuerkennen. Und dazu gehört zum Beispiel auch, dass für die Osteuropäer der 8. Mai kein Tag der Befreiung ist. Es hat lediglich die eine Besatzung abgewechselt durch die nächste. Also wenn Sie die baltischen Staaten mal angucken oder die ganzen osteuropäischen.
Die nationalsozialistische Unterdrückung war weg und es folgte sofort die sowjetische Unterdrückung mit 40 Jahre Dasein als Satellitenstaat. Also so einfach, wie ihr Korrespondent Moskau das darstellt, ist das alles nicht, sondern das ist eine ganz bewusst inszenierte Propaganda, die eben versucht, eine besondere Staatserzählung voranzutreiben und die ist sehr geschickt gemacht und man muss sehr aufpassen, dass man der nicht auf den Leim geht. Genau, das habe ich auch versucht rauszuarbeiten und wie Sie auch sagen, ist es umso wichtiger, der Propaganda dann auch was entgegenzusetzen mit Fakten, die Sie gerade aufgezählt haben und auch mit dem Fakt bezogen auf die aktuelle Situation. Ich meine, wir können vielleicht nochmal zusammen drauf schauen. Das ist der Verlauf gerade an der Front. Sie haben das auch schon beschrieben als so eine Art Freeze-Zustand seit Wochen. Das können wir hier sehen. tut sich trotz gegenseitiger Angriffe kaum etwas. Also vielleicht auch noch mal die Frage an Sie, wie schätzen Sie es ein, steckt Putins Armee da auch in einer Sackgasse?
Also ich würde sagen, es müsste Ihnen langsam mal etwas Neues einfallen. Verstehen Sie also, wenn Sie ein militärischer Kommandeur sind und Sie sehen diese Lage und Sie befehlen Angriff um Angriff und Sie merken, es hat keinen Effekt, dann müssten Sie jetzt eigentlich mal sagen, okay, dann müssten wir vielleicht was anderes probieren. Also zumindest mal aufhören mit diesen Angriffen. Wir könnten zum Beispiel einfach sagen, zum Beispiel wir graben uns ein und warten einfach, bis der Ukraine die Puste ausgeht.
Die Tatsache, dass das nicht passiert, das sagt Ihnen sehr viel über die innere Funktionsweise der russischen Armee. Also eine Armee, die über ein nur sehr schwach bis gar nicht vorhandenes Unteroffizierskorps verfügt und wo Befehle sehr stark von oben einfach durchgereicht und auch nicht hinterfragt werden. Das heißt also, wenn von oben befohlen wird, es ist anzugreifend so lange, bis irgendwo ein Durchbruch erzielt ist oder bis irgendwo ein Fortschritt von 100 Metern erzielt ist, dann wird das gemacht. Wenn das heißt, dass dabei 1.000 Mann am Tag draufgehen, dann wird das gemacht. Wenn Sie das zurückweisen als völlig unlogisch, als militärische Verschwendung von Ressourcen, das hat keine Bedeutung, es wird trotzdem gemacht. Und dieser Kadavergehorsam, der in der russischen militärischen Kultur sehr stark eingeübt ist.
Der ist eben dafür verantwortlich, dass dieses ständige Hinopfern von Material und von Menschen unwidersprochen bleibt. Und natürlich können Sie jetzt sagen, so wie ich ja immer sage, schauen Sie auf die Satellitenfotos und Sie sehen, wie die Lager sich leeren. Schauen Sie die Handy-Videos an, Sie sehen, wie die Infanteristen weggemacht werden von Drohnen, wie sie ohne jede Deckung durchs Gelände laufen und eins nach dem anderen ausgeschaltet werden. Und trotzdem verändert sich nichts. Also Sackgasse vielleicht weniger im militärischen Sinne, Sackgasse vielleicht mehr im ideologischen Sinne. Also wir hatten es ja sehr stark gerade von Ideologie. Für mich ist so der Running Gag der russischen Geschichte, immer wenn es Russland so ein bisschen gelingt, sich zu konsolidieren oder Ansätze zu zeigen für eine gewisse Liberalisierung, dann fällt es wieder zurück in seine alten autoritären und imperialen Reflexe. Und so kann man vielleicht auch die Putin-Zeit ein bisschen begreifen. Wer also Putin jemals sich als Erneuerer gedacht hat oder als Friedensbringer oder wie auch immer, der stellt fest, wir haben hier beinharte Kontinuitäten. Wir haben Wiederbelebung sowjetischer Symbolik, stalinistischer Symbolik. Niemand hat mehr neue Stalin-Denkmäler errichten lassen als Putin, Klammer zu.
Und ich denke, das spiegelt sich halt auch in der Art und Weise, wie man an der Front mit der eigenen Truppe umgeht. Also kein verständiger Truppenführer würde sowas machen, sondern das ist einfach, was Sie an der Front sehen, ist letztlich die Spiegelung der inneren Mechanik des Systems.
Ein weiteres Thema bezogen auf die Militärparade morgen war und ist der Besuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Und da kommen auch Fragen aus dem Chat da rein. Ralf Rübin fragt per Mail, wird Xi Putin, wird er eben ins Gewissen reden oder wird er ihn stärker unterstützen? Wie schätzen Sie das ein?
Also ins Gewissen reden muss er ihn nicht, weil die sogenannte grenzenlose Freundschaft, die ist ja sehr, sehr unausgeglichen. Also der stärkere Partner, der die Konditionen diktiert, ist China und nicht Russland. Und man darf sich halt auch hier nicht blenden lassen von der politischen Propaganda, die hier gefahren wird. Das einzig Gute für Putin ist eigentlich, Xi ist natürlich der ideale Schutzschild. Also wenn die Ukraine jetzt auf die Idee kommen sollte, wir schicken einfach ein paar Drohnen mit Sprengladungen hier, wenn die Parade stattfindet und fliegen die auf die Tribüne rein, das geht natürlich nicht, weil Xi dann direkt neben Putin sitzt. Also insofern netter Bodyguard, aber ansonsten hat sich, was die wirtschaftlichen Beziehungen angeht, eigentlich nichts geändert. Russland ist darauf angewiesen, sein Öl jetzt nach Osten zu verkaufen. Dafür gibt es eigentlich nur zwei große Abnehmer, nämlich China und Indien. Entschuldigung, Indien ist ja auch Lieferant.
Also sprich, wird von Russland auch beliefert. Also nochmal zur Klarstellung. Wenn ich sage, Russland muss sein Öl nach Osten verkaufen, dann gibt es diese beiden großen Abnehmer, also den chinesischen Markt und den indischen Markt. Gleichzeitig konkurrieren sie jetzt aber natürlich mit dem Nahen und Mittleren Osten. Also sprich Irak, Saudi-Arabien, Kuwait und so weiter, die liefern ja auch alle in diese Märkte. Also China kann sich quasi den Lieferanten aussuchen. Und das ist jetzt für Russland nicht so einfach. Also es gibt große Gasprojekte, die auf Eis liegen, also Power of Siberia 2 zum Beispiel wollte man schon längst bauen, kommt aber nicht, weil China einfach sagt, wir investieren da nicht und mit dem Anspringen des Schüssiggasmarktes, des Globalen, können wir uns in ein paar Jahren die Lieferanten aussuchen. Ansonsten, die russische Volkswirtschaft ist mittlerweile, solange die Sanktionen bleiben, jedenfalls angewiesen auf den Import chinesischer Technologie, angewiesen auf den Import chinesischer Konsumgüter. Der Rubel wertet gegenüber dem Yuan natürlich genauso ab wie gegenüber dem Dollar oder dem Euro. Also sprich, wenn China jetzt sagen würde, wir beliefern Russland nicht mehr, dann hat Russland in Ernsthaft das Problem. Also nicht nur, was die Ölexporte angeht, sondern natürlich auch die Importe.
Wobei China ja auch teilweise als Vehikel dient zur Umgehung von Sanktionen. Also sprich, die Ladung kommt in China an, Sie geht da nicht direkt nach Russland, sondern über irgendeinen willfährigen Zwischenhändler, also über Kyrgyzstan zum Beispiel oder über Armenien. Aber China weiß das natürlich, was da reinkommt in seine Häfen. Also insofern, was Ihr Korrespondent da vorhin gesagt hat, Trump wäre daran interessiert, Russland und China... Von auseinanderzubringen, muss ich ehrlich sagen, für China ist im Moment Russland eine bequeme Rohstoffkolonie, der man eigentlich die Konditionen, ich würde sagen, in einigen Jahren viktieren kann. Also insofern sehen wir auch hier diese Überschätzung dessen, wozu Russland eigentlich noch fähig ist oder welches Handlungsspektrum Russland immer noch hat. Und ich sage ja auch an der Stelle immer, wenn die Sanktionen angeblich nicht wirken, warum ist Russland so hartnäckig daran interessiert, dass sie aufgehoben werden? Sollten gewisse Menschen, die dann auch hier pro russische Narrative verbreiten und Propaganda recyceln, da vielleicht ernsthaft mal drüber nachdenken? Es ist also nicht so einfach mit der Wirtschaftskompetenz. Man muss dann schon ein bisschen hinter die Kulissen schauen und sich anschauen, wie die russische Volkswirtschaft eigentlich funktioniert. Und sie ist eine Rentier-Ökonomie.
Daran hat sich in den letzten 20 Jahren eigentlich nichts geändert. Also sie verkauft ihre Rohstoffe und sie importiert ihre Investitions- und Konsumgüter. Und daran kann auch Putin nichts drehen, obwohl er wirklich nach Kräften versucht hat, die Importsubstitution hinzubekommen und eine eigenständige Produktion aufzubauen. Aber das ist ihm im Wesentlichen nicht gelungen. Also Sie sehen hier, ich sage immer, Russland ist ein Scheinriese. Je näher Sie ihm kommen und je näher Sie sich der russischen Realitäten annähern, desto kleiner schrumpft dieses angebliche Riesenreich zusammen auf ein doch relativ mittelmäßig performendes Riesenreich. Emerging Economy-Land, das gute Ansätze hatte in den 90er und Nuller Jahren, die aber durch die Kriegswirtschaft natürlich wieder vollkommen verloren hat. Sie haben neben der Unterstützung aus China auch die Rolle der USA angesprochen. Da fährt ja seit Donald Trump wieder Präsident ist die USA ein Schlingerkurs. Es gab immer wieder relative wirrende Töne in Richtung Russland und auch Putin, dann auch verbale Attacken gegen die Ukraine, gegen Präsident Zelensky. Dazwischen dann aber auch immer wieder die Ankündigungen, Frieden zwischen beiden herstellen zu wollen und sich als so eine Art Vermittler zu inszenieren. Also es ist ein Schlingerkurs. Jetzt aktuell zeigt der Trend aber sogar womöglich in Richtung Abkehr von dieser Rolle. Darauf deuten zumindest gerade die aktuellsten Aussagen von Vizepräsident Vance und Präsident Trumpin. Wir hören mal zusammen rein.
Was ich sagen würde, ist, dass die Russen im Moment eine Reihe von Anforderungen und Zugeständnissen verlangen, um den Konflikt zu beenden. Wir denken, dass sie zu viel verlangen. Und dann spielen natürlich die Ukrainer eine große Rolle. Sie sind die andere Seite. Sie sind zumindest die andere Partei in diesem direkten Konflikt. Und wir müssen fragen, was brauchen sie, um diesen Konflikt zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen?
Herr Präsident, Vizepräsident Vance, sagte, Russland verlange zu viel, um den Krieg zu beenden. Wann hat er das gesagt? Heute Morgen. Nun, es ist möglich, dass er recht hat. Vielleicht weiß er einige Dinge, denn ich habe mich damit und mit einigen anderen Dingen beschäftigt. Aber wir kommen an einen Punkt, an dem einige Entscheidungen getroffen werden müssen. Ich bin nicht glücklich darüber. Ich bin nicht glücklich darüber.
Herr Kolb, was würden Sie sagen, zieht sich die USA da gerade aus dieser Rolle des Vermittlers zurück? Und falls ja, wem trauen sie zu, in diese Vermittlerrolle zu schlüpfen? Womöglich Deutschland mit dem neuen Bundeskanzler Friedrich Merz auch?
Es geht hier nicht um Vermittlerrollen, es geht um was ganz anderes. Es geht letztlich um die Frage, welche Rolle die USA selbst in der Welt spielen wollen. Und ich glaube ehrlich gesagt, dass Trump jetzt so langsam merkt, dass die Welt ein bisschen komplexer ist, als er in seiner mageren Ideologie, insofern er überhaupt selber daran glaubt, da ist davon mal abgesehen, als er da in seiner kruden Ideologie vielleicht annimmt. Es geht schlichtweg darum, wollen Sie als USA gestatten, dass autoritäre Staaten Angriffskriege führen und Sie einfach untätig daneben stehen?
Darum geht es eigentlich. Und wenn Sie jetzt überlegen, dass die Welt militärisch, entgegen dem, was sogenannte Realisten versuchen Ihnen zu erzählen, immer noch unilateral ist, also vielleicht nicht mehr so extrem wie in den 90er Jahren, aber die USA sind halt nun immer noch eine sehr, sehr stark überlegene militärische Macht. Das gilt sowohl auf den Weltmeeren, das gilt, was die Luftkampffähigkeiten, was die globale Logistikverschiebung angeht. Das angeblich übermächtige Russland hat nichts, was dem auch nur annähernd gleichkommt. Wenn diese Macht nun plötzlich an der Nase herumgeführt wird durch einen mit allen Wassern gewaschenen Tschechisten, der sie seit Wochen hinhält und nicht das geringste Zugeständnis macht, während sie sich abarbeiten und ihr komplett ahnungsloser Russland-Gesandter nach Hause kommt und dort Putin-Propaganda repliziert, dann stehen sie in der Welt ziemlich dumm da. Also ziemlich belämmert und ziemlich unprofessionell. Und ich glaube, dass die US-amerikanische Administration so langsam merkt.
Dass sie hingehalten wird, also dass sie geradezu benutzt oder ausgespielt wird. Und das kann einem ausgewiesenen Narzissen wie Trump natürlich nicht gefallen. Die Tatsache, dass Vance sowas sagt, das ist sicher kein Zufall. Der weiß zwar genauso wenig von Russland wie dieser Witkow, aber trotzdem würde er sowas nicht sagen auf der Sicherheitskonferenz, wenn da nicht ein gewisses Kalkül dahinter stehen würde. Ich denke, das ist eine Art Warnschuss an Russland nach dem Motto, haltet uns nicht länger hin. Ich glaube aber auch nicht, dass die USA wirklich in einer Lage sind, wo sie glaubwürdig als Vermittler auftreten könnten. Glaubwürdig als Vermittler können sie nur dann auftreten, wenn sie Russland dazu zwingen könnten, an den Verhandlungstisch zu treten und zwar ohne diese ganzen politischen Spielchen. Um das zu tun, müssten sie aber in die Ukraine reingehen, also mit massivem Material, wie ich es hier schon lange sage, und Russland einfach vor die Situation stellen, dass Russland den Krieg verliert. Erst dann würden die Russen freiwillig ernsthaft mit Verhandlungen anfangen, also wenn sie diese Sprache der Stärke zu spüren bekommen. Ich glaube, dass Trump eben, und da sind wir wieder beim Thema Propaganda.
Eben sicher eine gewisse persönliche Bewunderung für Putin hat, weil das sozusagen das autoritäre Ideal ist. Der kann machen, was er will. Da gibt es zwar eine Verfassung, aber die steht nur auf dem Papier. Er kann umbringen lassen, wen er will und so weiter. Schöne neue Welt. Und ich bin sicher, dass er da seine autoritären Reflexe da gespiegelt sieht.
Aber wenn jetzt der große Narzisst, der ja angeblich die besten Deals macht und so weiter, von einer Nation an der Nase herumgeführt wird, die nicht mal das Bruttoinlandsprodukt von Texas hat und ein Achtel des US-amerikanischen Militärbudgets, verstehen Sie, dann steht der einfach schlecht da. Und ich glaube, das kann er sich noch viel weniger leisten. Und insofern sehen wir in Zukunft vielleicht ein bisschen mehr Realismus von dieser Administration, die, würde ich sagen, intellektuell sicherlich die schwächste ist in der gesamten amerikanischen Geschichte, aber doch einen gewissen Pragmatismus hat. Und vielleicht wird dieser gewisse Pragmatismus dafür sorgen, dass man am Ende dann doch die politischen Realitäten erkennt.
Fassen wir nochmal zusammen. Die Front steht, sagt Militärökonom Markus Kolb. Durch den Einsatz von Drohnen schafft die Ukraine es, die Front zu stabilisieren, trotz der personellen Überlegenheit der russischen Armee. Die Ukraine hat einen großen Fortschritt gemacht, was die Drohnenproduktion im eigenen Land angeht, erzählt unsere Reporterin Alisa Jung in Kiew. Mittlerweile gibt es 800 Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben. Aber nicht nur die Drohnen machen, der russischen Armee zu schaffen, sondern auch die eigenen Drohnen. wir nochmal zusammen. Militärkultur, sagt Markus Kolb. Es wird sehr viel Material verwendet und vor allem auch Soldaten, um gegen die Ukraine anzukommen und trotzdem verändert sich kaum etwas. Markus Kolb bezeichnet die Funktionsweise der russischen Armee als Kadavergehorsam. Befehle, auch wenn sie unlogisch erscheinen, müssten ausgeführt werden, um auch nur ein kleines bisschen vorwärts zu kommen. Was an der Front sichtbar wird, sei letztlich eine Spiegelung der inneren Mechanik des Systems von Putin. Unsere Streams zum Krieg in der Ukraine mit detaillierten Karten, aktuellem Frontverlauf und neuesten Entwicklungen gibt es immer donnerstags um 19.30 Uhr auf YouTube und in der ZDF-Heute-App mit wechselnden Militärexperten, die ihr befragen könnt. Schaltet gerne ein und macht's gut. Bis zum nächsten Mal. Tschüss.
Music.