Hi, ich bin Philipp Wortmann. Hier geht's jede Woche um aktuelle Entwicklungen und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine. Eskaliert Putin diesen Krieg weiter? Militärexperten halten das für wahrscheinlich und warnen vor einem russischen Angriff auf NATO-Gebiet. Der oberste Bundeswehrgeneral Carsten Breuer rechnet damit, dass Russland in vier bis sieben Jahren dazu militärisch in der Lage sein wird. In einem fiktionalen Szenario skizziert der Militärexperte Karlo Masala einen russischen Angriff auf Estland in vier Jahren. Würde die NATO dann zusammenstehen, Stichwort Bündnisfall? Darüber spreche ich in dieser Folge mit dem Militärökonom Markus Kolb von der ETH Zürich. Außerdem berichtet unser Moskau-Korrespondent Armin Körper aus Murmansk. In der Stadt im Nordwesten Russlands fand ein Forum statt. Dort bekräftigte Präsident Putin erneut seine Gebietsansprüche auf eine geopolitisch wichtige Region, und zwar die Arktis. Zunächst habe ich Markus Kolb aber gefragt, wie berechtigt die Sorge vor einem russischen Angriff auf NATO-Gebiet ist.

Also sie ist nicht ganz unberechtigt, aber man sollte bei allen Szenarioüberlegungen doch immer ein bisschen nachrechnen, wie ich das sehr gerne zu tun pflege. Also wenn wir uns die Fakten mal anschauen, was in diesem Herbst turnusgemäß wieder stattfindet, ist das russische Großmanöver Zappad, das heißt wörtlich Westen. Und man muss dazu wissen, Russland führt jedes Jahr ein großes Militärmanöver durch, benannt nach den jeweiligen Himmelsrichtungen. 2021 diente das letzte Sabbat dazu, den Truppenaufmarsch in der Ukraine vorzubereiten, also ab Herbst 2021. Und es ist nicht undenkbar, dass Putin etwas Ähnliches versuchen könnte, zwar in sehr viel kleinerem Rahmen, aber warum nicht an der baltischen Grenze ein bisschen zündeln. Also sprich, die Lage Estland bzw. Der Blick nach Polen in die Sowalke-Lücke ist sicherlich einer der Hotspots der gesamten NATO-Ostflanke, wo man genauer hinschauen muss. Jetzt muss man aber noch schauen, mit welchen Mitteln könnte er das eigentlich machen. Der Großteil der russischen Mittel ist ja im Moment gebunden in der Ukraine. Und ich werde ja häufig gefragt, sagen Sie mal, wie passt das eigentlich zusammen? Auf der einen Seite sagt man, Russland könnte bald die NATO angreifen. Auf der anderen Seite sagt man, Russland erleidet aber unglaubliche Verluste in der Ukraine. Und beides stimmt und das passt auch durchaus zusammen. Man muss sich dabei eines klar machen.

Die Neuproduktion beziehungsweise die Instandsetzung eingelagerter Sowjetsysteme, die Russland im Moment vornimmt, die wird sozusagen in der Ukraine von der Front gleich wieder aufgefressen.

Also Russland schafft es im Moment pro Tag etwa einen Kampfpanzer neu herzustellen oder aus den Lagern instand zu setzen. Die Abnutzungsrate liegt aber bei vier Kampfpanzern. Also Sie sehen, das, was Russland neu produziert oder instandsetzt wird, von der Front sofort wieder vernichtet. Wenn wir jetzt aber annehmen, dass der Krieg irgendwann aufhört oder eingefroren wird oder wie auch immer man das nennen mag, also jedenfalls, dass die Abnutzungsrate auf null sinkt, dann geht diese ganze russische Produktion natürlich in den Aufbau einer neuen Truppe. Das heißt also, was General Breuer da sagt, das ist nicht so unrealistisch, wenn Sie das hochrechnen, einer pro Tag mal 365, dann sind wir also nach spätestens sieben Jahren wieder auf einer einsatzfähigen Panzerwaffe von vielleicht knapp 3000 Stück. Das entspricht etwa dem, mit dem Putin 22 in die Ukraine hineingegangen ist. Also es kommt entscheidend darauf an, wie der russisch-ukrainische Krieg weiter verläuft, also sprich, ob die Abnutzungsrate so hoch bleibt. Man sagt immer, das Kriegsende wäre angeblich positiv für die Ukraine. Ich bin da nicht so sicher, sondern genau aufgrund dieses Effektes könnte es sich noch als sehr nachteilig für die NATO erweisen, wenn sie nämlich plötzlich mit der vollen Kraft der russischen Kriegsmaschinerie konfrontiert wird, die nicht mehr in der Ukraine abgenutzt wird. Ich sage ja immer gern, man soll froh sein, dass die Ukraine da ist und kämpft. Ansonsten stünde Russland jetzt schon an der polnischen Grenze. Also insofern sind diese Überlegungen durchaus berechtigt.

Und man sieht an der Sprache, also was Rütte jetzt sagt in Polen, dass man halt versucht, eine markige Sprache der Stärke zu finden. Inwiefern man dann tatsächlich leistungsbereit ist, das ist eine andere Frage. Im Moment hat man ja Probleme, allein eine Brigade zu mobilisieren und dahin zu stellen in den baltischen Raum. Also eine Brigade sind 3.000 bis 5.000 Mann, je nach Waffengattung.

Und Russland hat im Moment nach verschiedenen Schätzungen zwischen 400.000 und 600.000 Mann in der Ukraine. Also wenn man das ernst nimmt mit dem Schutz der Ostflanke, dann müsste man da sehr viel mehr hinverlagern mit sehr viel stärkerer Logistik. Also Sprache höre ich schon. Aber wenn man das wirklich ernst meint, dann wird die NATO da deutlich stärker aufrüsten müssen, vor allem im baltischen und skandinavischen Raum. Herr Kolb, wenn ich das einmal ein bisschen auseinanderklamüsern darf, das eine, wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist ja sozusagen das Szenario, über das jetzt auch gesprochen wird von den Stimmen, die wir gerade schon gehört haben, eines sozusagen groß angelegten russischen Angriffs, möglicherweise auf NATO-Kriterium. Das andere haben Sie jetzt gerade auch schon angesprochen. Das sind dann sozusagen...

Gezielte kleinere russische Operationen, beispielsweise an der Grenze zum Baltikum, um sozusagen den Bündnisfall, die NATO, an dieser Stelle auch zu testen. Bleiben wir vielleicht erst mal bei dem Szenario eines groß angelegten russischen Eingriffs. Wenn ich Sie da jetzt richtig verstanden habe, dann ist das was.

Wo Sie sich der Einschätzung anschließen würden, dass das ein Szenario ist, was dann in fünf bis sieben Jahren realistisch wäre, richtig? Ja, also es ist eines, mit dem man mittelfristig rechnen muss und wo man auf jeden Fall jetzt damit beginnen muss, ein Abwehrdispositiv hinzubauen. Weil, verstehen Sie, wenn Putin entscheidet, ob er sowas macht oder nicht, dann versucht er natürlich eine Einschätzung zu treffen, wie ernst wäre denn der Widerstand, auf den er träfe. Und das war ja die Fehlkalkulation, die ihm 2022 in der Ukraine unterlaufen ist. Sie müssen ja denken, 2022 greift er ein Land an, das hat 44 Millionen Einwohner, das ist größer als Frankreich, mit einer Invasionsarmee von ca. 190.000 Mann. Das heißt, er rechnet damit, dass es eigentlich gar nicht zu wirklichem Widerstand kommt, sondern dass die Bevölkerung quasi die Russen als Befreier begrüßt und dass die Armee sofort kollabiert. Damit ist er auf die Nase gefallen, weil sonst wäre der Krieg ja längst vorbei. Wenn er sowas im Baltikum machen würde, da würde er aber genau dieselbe Rechnung durchführen. Das heißt, er würde sich fragen, welche Verbände stehen dort, wie schnell könnten die verstärkt werden? Sind die wirklich kampffähig? würden es französische oder britische Truppen dann wirklich drauf ankommen lassen? Ist das nur Rhetorik, was da aus Europa kommt? Oder liegt da wirklich Rückgrat dahinter? Und ich bin im Moment nicht so wirklich überzeugt, dass Europa das wirklich verstanden hat. Wenn man da auf gewisse Länder schaut, die ganz offen mit Putin kollaborieren oder andere, die sich immer noch so in pazifistischen Träumereien ergehen.

Insofern halte ich es durchaus für möglich. Und ich würde sagen, das Kosten-Nutzen-Kalkül sieht im Moment gar nicht so schlecht aus für Putin. Also wenn die EU ihn davon wirklich entschlossen abhalten will, dann müsste sie da deutlich stärkere Mittel hinverlagen.

Stichwort EU. Die EU hat Russland auch mit Sanktionen belegt, gefühlt mit einem Sanktionspaket nach dem anderen. Und trotzdem hat man ja das Gefühl oder verdichten sich ja die Anzeichen dafür, dass Russland es dennoch schafft, seine Kriegswirtschaft immer weiter hochzufahren und immer mehr zu produzieren. Wie funktioniert das? Ja, also ich sage ja immer, man soll sich in solchen Angelegenheiten nicht auf Gefühle verlassen. Gefühle sind schön, aber in sowas ist es besser, das nachzurechnen. Wir sind jetzt beim vorbereiteten 17. Sanktionspaket. Das ist im Moment in der Vorbereitung. Es ist keineswegs so, dass die Sanktionen nicht wirken würden. Das ist vor allem etwas, was Sie aus der rechtspopulistischen Ecke immer wieder hören. Es stimmt aber nicht. Im Gegenteil stellt sich heute die Gouverneurin der russischen Zentralbank hin und sagt, naja, also leider, um die Inflation zu kontrollieren, werden wir wahrscheinlich die russischen Sparguthaben für eine begrenzte Zeit einfrieren und privater Kontrolle entziehen müssen.

Also das gibt Ihnen eine Idee, wie es aussieht mit der Inflation in Russland. Also selbstverständlich wirkt das Ganze. Sie müssen halt nur denken, dass die russische Kriegsökonomie letztlich eine keynesianische Wirtschaftspolitik darstellt. Das heißt also ein massives Hineinpumpen von Staatsausgaben in diesen Sektor, der aber natürlich zu entsprechenden Verzerrungen führt, also insbesondere zu starken Lohnsteigerungen, die die Zentralbank nicht kontrollieren kann, damit einhergehender Inflation. Dazu kommen die gesamten Sanktionen, die sie haben in der produzierenden Industrie, was Chips angeht, auch was die Agrarindustrie angeht. Deswegen hat ja Russland gerade versucht, darauf einzuwirken, dass die Russachausbank ausgenommen wird und wieder an SWIFT angehängt wird. Und Sie sehen, gerade weil Russland so darauf drängt, die Sanktionen aufzuheben, gerade das zeigt Ihnen, dass sie wirken. Ich meine, warum sollten Sie, wenn die Sanktionen wirkungslos sind, so daran interessiert sein, sie aufzuheben? Also man muss da wirklich trennen zwischen der politischen Propaganda, die aus Russland kommt und die halt sehr gut funktioniert, immer noch in vielen Milieus und in ökonomischen Fakten. Eine Frage, die ich gerne noch aus dem Chat an Sie weitergeben würde, und zwar fragt uns Sascha Ermisch. Wie hoch schätzen Sie denn das Masala-Szenario ein, also eines Angriffs auf Narva in Estland, um die Bündnistreue der NATO zu testen? Wir haben das ja schon kurz angeschnitten, da das Baltikum.

Ja, die Stadt Narva ist aus vielen verschiedenen Gründen eben ein sehr symbolischer Punkt. Also Narva ist, soweit ich mich erinnere, die Historiker mögen mich korrigieren, von Schweden mal gegründet worden als militärische Festung. Das Interessante ist, dass direkt gegenüber liegt ebenfalls eine Militärfestung in der heute so benannten russischen Stadt Evangodort. Die beiden sind verbunden durch eine kleine Brücke, die ursprünglich mal Freundschaftsbrücke hieß. Und also insofern haben sie in Narva eben Russland direkt nebendran. Aber diese Brücke, die ist eigentlich so für den motorisierten Individualverkehr und für Fußgänger. Also da schicken sie jetzt, würde ich sagen, nicht gerade eine Brigade drüber, weil sonst stürzt die ein. Also ich denke, Narva ist vielleicht eher so ein symbolischer Punkt. Ich würde mich jetzt vielleicht nicht gerade auf die Stadt fokussieren, sondern eher auf die weitgehend flache Steppe, beziehungsweise das flache Grasland, das dort eben vorherrscht, wo sie problemlos Panzer aufmärtschen.

Organisieren können. Sie können sich auch an der Geschichte orientieren. Stalin hat ja 1940 Estland überfallen, interessanterweise mit einem ganz ähnlichen Motiv, wie Putin es heute in der Ukraine macht, nämlich, dass es dort angeblich diskriminierte, verfolgte russische Minderheiten gäbe, die man schützen müsse. Und dazu müssen Sie wissen, dass in Estland ja immer noch eine große russische Minderheit lebt, von etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Und interessant an der Stadt Narva ist eben, die wird fast ausschließlich von ethnischen Russen bewohnt. Also etwa von 90 Prozent der Einwohner sind ethnische Russen. Das liegt daran, dass die Sowjets im Zweiten Weltkrieg das historische Narva so gut wie vollständig zerbombt haben, ursprünglich um die Wehrmacht daraus zu vertreiben, also die deutsche Wehrmacht. Danach war Narva komplett platt und dann hat man das als sowjetische Modellsiedlung wieder aufgebaut und mit Russen besiedelt. Also insofern hat Narva einen gewissen symbolischen Wert, würde ich sagen. Aber ich würde jetzt nicht die gesamte militärische Planung nur auf diese Stadt fokussieren. Aber es erklärt ein bisschen vielleicht, warum man das so interessant findet. Was jetzt die vorgelagerten Inseln geht, ich kenne jetzt nur die schwedischen Namen, die heißen Dagö und Öse, soweit ich weiß.

Da müssen Sie wissen, dass ja Schweden mittlerweile zur vorherrschenden Maritim-Macht in der Ostsee geworden ist, seit Schweden und Finnland der NATO beigetreten sind. Also insofern wäre das für Russland, glaube ich, ein bisschen schwierig, Truppen auf diese vorgelagerten Inseln einzuschleusen. Aber auch da müssen sie dann halt die schwedische Marine fragen, wie entschlossen seid ihr eigentlich, dann die russische Marine davon abzuhalten? Also einen Sperrgürtel könnte man selbstverständlich etablieren. Man muss auch denken, dass die russischen Ölexporte, also nicht nur, aber auch sehr stark von dem Hafen Ustluga abgehen, also dem einzigen Ölhafen-Terminal in der Ostsee. Auch den könnte man blockieren und damit der russischen Ölindustrie schweren Schaden zufügen. Ja.

Ich denke schon, dass die NATO ohne Probleme in der Lage wäre, die Ostsee zu schließen. Aber dann haben wir halt eine harte Konfrontation mit Russland. Also Sie sehen, es kommt immer auf das Gleiche raus. Die militärischen Mittel, die sind sicherlich da, auch um eine solche zündelnde Operation, sage ich mal, problemlos in die Schranken zu weisen. Aber die Frage ist halt, hat man dann die Entschlossenheit dazu? Hat man das Rückgrat dazu? Ich denke, das ist die entscheidende Variable, die Putin sich anschauen wird. Und wenn ich das politische Personal angucke in Europa, dann sind das halt ganz unterschiedliche Menschlein. Also von sehr entschlossenen, absolut Klartext sprechenden Menschen bis hin zu offen mit Russland kollaborierenden Gestalten. Herr Kopp, ich würde gerne mit Ihnen noch einmal kurz einen Blick auf das werfen, was heute in Paris passiert ist. Wir haben jetzt schon darüber gesprochen, auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die, sage ich mal, die Amerikaner bzw. Die Trump-Regierung Zweifel an der NATO sehen oder zumindest ihre Glaubwürdigkeit untergraben, haben sich heute in Paris eben Vertreterinnen und Vertreter von rund 30 EU- und NATO-Staaten getroffen. Das ist die sogenannte Koalition der Willigen, in erster Linie vorangetrieben von Frankreich und Großbritannien. Die haben heute eben auch gesprochen über weitere, mögliche weitere Unterstützung für die Ukraine und es ging eben auch um mögliche Sicherheitsgarantien im Falle einer Waffenruhe. Hören wir uns dazu einmal kurz die Einschätzung an unseres Frankreich-Korrespondenten Thomas Walde.

Also die Erwartungen waren vor diesem Treffen nicht besonders hoch, aber sie sind eher noch unterboten worden. Die französischen Gastgeber hatten zwischendrin mal eine gemeinsame Abschlusserklärung vorbereitet, aber zu der kam es dann am Ende nicht. Es hat sich auch kein Land namentlich bereit erklärt, dem französischen und britischen Beispiel zu folgen und möglicherweise friedenssichernde Truppen für die Ukraine zuzusagen für den Fall, dass es dort zu einem Waffenstillstand kommt. Stattdessen sollen jetzt Außenminister beauftragt werden in den kommenden Wochen. Da Lösungsvorschläge zu unterbreiten. Die Europäer unternehmen das ja alles, damit die Ukraine nicht unter die Räder kommt bei den amerikanisch-russischen Verhandlungen. Und damit die Europäer überhaupt noch weiter im Spiel bleiben, dass sie gehört werden, dass sie relevant bleiben. Aber der heutige Tag zeigt doch eher, wie schwierig es ist, eine solche Koalition der Willigen zusammenzubauen und genau zu sagen, wer da wofür genau steht. Herr Kolb, Sie nennen sich eine Koalition der Willigen, sind aber doch dann eher eine Koalition der Uneinigkeit, kann man das so sagen?

Naja, man könnte sagen, der Geist ist willig, aber das Material ist schwach. Also es sind natürlich einerseits gewisse gullistische Reflexe, die sich hier zeigen von französischer Seite, wird das ja gerne als eine franco-britische Initiative bezeichnet, mit Franco natürlich an erster Stelle. Und es ist klar, dass Macron da sehr viel politisches Kapital natürlich draus schlagen kann, also eher hier an erster Stelle lächelnd, das Ganze findet selbstverständlich in Paris statt und so weiter. Und Sie wissen, ich sage dann immer, show me the money, also stellen Sie das Material und stellen Sie die Truppen auf den Tisch und dann rechne ich das mal durch und gucke, wie realistisch ist das Ganze. Was haben wir bis jetzt? Also was wir bis jetzt haben, ist eine Absichtserklärung von Frankreich und Großbritannien, dass sie ihre Generalstabschefs mal in die Ukraine schicken wollen, um mal auszuloten, ob man da eventuell europäische Truppen hin stationieren könnte. Also insofern würde ich sagen, das ist ein schwaches politisches Signal, dass man jedenfalls nicht ganz untätig ist. Aber wenn Sie wirklich so in Richtung Dissuasion gehen wollen, also etwas, das Putin erschreckt oder abschreckt, da müssten Sie aber schon mit mindestens einer Division kommen. Also dass Sie sagen, so was wie bei der Berlin Brigade, so eine Art Tripwire-Defense, dass Sie sagen, wir stellen da so viele Truppen rein, wenn Russland die angreift und sagen wir mal, es gibt dann vielleicht ein paar hundert Verletzte oder Tote, dann ist quasi diese Wirkung so groß, dass wir nicht abseits stehen können, sondern dann müssten wir eingreifen.

Ob die heutigen Staaten Großbritannien und Frankreich zu sowas bereit wären, wie die historischen Staaten Großbritannien und Frankreich im Kalten Krieg, das ist eine ganz andere Frage. Aber ich sage mal, man soll es jetzt auch nicht kleinreden. Also es ist zumindest mal eine Antwort auf diesen Schock der Trump-Administration, dass eben amerikanische Unterstützung nicht mehr vorbehaltlos bzw. Vielleicht gar nicht mehr erhältlich ist und dass man sich eben durchaus Gedanken macht, wie man selbstständig zu einer Politik der Abschreckung gegenüber Russland finden kann. Und das ist einer von vielen Wegen. Ich halte das auch für sinnvoll, weil an diesem Ziel führt nichts vorbei. Also Europa wird sich mit einer nachhaltigen russischen Aggression auch jenseits des russisch-ukrainischen Krieges auseinandersetzen müssen. Und die Ukraine ist die vorgelagerte Festung. Also da ist die Front, da findet im Moment der Kampf der Weltanschauungen statt und da wird man die Truppen hinverlegen müssen.

Soweit das Gespräch mit dem Militärökonomen Markus Kolb. Mit ihm spreche ich gleich weiter. Vorher habe ich aber mit unserem Russland-Korrespondenten Armin Körper gesprochen. Er schätzt uns ein, warum er glaubt, dass Putin aktuell keine Waffenruhe in der Ukraine will. Außerdem erklärt er, wieso die USA unter Trump für Russland als strategischer Partner im Wettlauf um die Arktis interessant sind. Hallo Armin, um was geht es auf diesem Forum, wo du jetzt gerade bist? Bei diesem Forum geht es um die Arktis, die Bodenschätze der Arktis und vor allem um die Transportwege, wie Russland das Zeug, salopp gesagt, hier rauskriegen kann. Die Tatsache, dass Präsident Putin hier heute gesprochen hat, unterzeichnet nochmal, unterstreicht nochmal die Bedeutung, die der Arktis zukommt im weltweiten Wettlauf um Rohstoffe und als Schauplatz von geopolitischen Verschiebungen.

Heute ist Putin hier in Murmansk gewesen. Morgen kommt der US-Vizepräsident J.D. Vance nach Grönland. Die Russen sehen durchaus mit einem gewissen Wohlwollen die Ansprüche, die Amerika auf Grönland erhebt. Denn um hier in der Arktis Rohstoffe wie zum Beispiel seltene Erden überhaupt zu fördern, braucht Russland Partner. Da kommen die Amerikaner eigentlich als neuer möglicher Verbündeter genau wie gerufen. Damit kann Russland China zeigen, dass es durchaus Alternativen hat und Amerika hat eine Chance, die Chinesen hinter die Seitenlinie zu schieben. Also was wir hier sehen ist, der Wettlauf um die Arktis hat längst begonnen und Präsident Putin hat heute gezeigt, dass er schon da ist.

Also aus dem Grund schauen eben heute viele nach Murmansk, aber auch weil sie sich fragen, inwiefern denn der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine da Thema ist. Wir haben jetzt schon gehört, heute in den kommenden Tagen soll eine französisch-britische Mission in die Ukraine reisen, um etwa strategische Orte, so heißt es, zu bestimmen, an denen in Zukunft europäische Truppen stationiert werden könnten. Ließe sich Putin davon denn überhaupt beeindrucken? Der Ukraine-Krieg spielt bei diesem Forum eigentlich überhaupt keine Rolle. Präsident Putin hat ihn in seiner Rede ein einziges Mal heute erwähnt und zwar hatte den Bewohnern dieser Region hier gedankt für ihre Unterstützung in diesem Krieg. Lässt Putin sich von den Initiativen der Europäer beeindrucken? Da würde ich sagen, die Antwort aus russischer Sicht ist ganz klar ein Nein. Denn erstens mal ist es ja Putin gelungen, dass in den Verhandlungen, die da jetzt seit Tagen stattfinden zwischen USA, Ukraine und Russland, die Europäer überhaupt keine Rolle spielen. Hier redet auch von deren Einfluss auf das Geschehen.

Ja, Russland hat kategorisch ausgeschlossen, dass es einer Waffenruhe zustimmen würde, wenn europäische Truppen diese Waffenruhe absichern würden. Das ist also für mich ehrlich gesagt überhaupt nicht vorstellbar, dass Präsident Putin dem zustimmen würde. Und wenn die Europäer darauf bestehen, salopp gesagt, dann gibt es halt keine Waffenruhe. Armin, jetzt hast du die Verhandlungen und auch die Gespräche schon kurz angerissen. In dieser Woche gab es eben die Meldung, dass sich ukrainische und russische Unterhändler auf eine Waffenruhe im Schwarzen Meer geeinigt haben. Der Kreml hat das aber an Bedingungen geknüpft und hat gesagt, diese Waffenruhe gibt es nur, wenn weitreichende Sanktionen gegen Russland eben wieder aufgehoben werden. Das haben die Europäer auf dem Gipfel in Paris, über den wir gerade schon gesprochen haben, heute kategorisch ausgeschlossen. Und man hat weiter den Eindruck, Putin spielt auf Zeit. Wie viel Bereitschaft im Kreml für einen Frieden gibt es denn gegenwärtig überhaupt?

Also dein Eindruck ist absolut richtig, der Kreml spielt auf Zeit. Denn in diesem Augenblick, zu dieser Zeit, hat der Kreml kein Interesse an einer Waffenruhe oder einer Friedenslösung, wie auch immer die aussehen mag, für die Ukraine.

Gleichzeitig ist man daran interessiert, dieses Fenster irgendwie offen zu halten, aus zwei Gründen. Einmal Präsident Trump hat Putin gegenüber dieses Fenster geöffnet, eine Lösung des Ukraine-Kriegs irgendwie in Aussicht gestellt. Putin hat kein Interesse daran, Trump zu verprellen, denn wie schon in der Arktis gesehen, er setzt auf ihn als strategischen und wirtschaftlichen Partner. Und das zweite ist, Russland sieht im Moment relativ stark in der Ukraine aus. Und gleichzeitig, das habt ihr auch schon thematisiert in diesem Stream, gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Probleme, zum Beispiel bei der Inflation, zum Beispiel beim Leitzins und so weiter, unübersehbar. Also es ist ganz schwer zu prognostizieren, aber ich glaube nicht, dass man davon ausgehen kann, dass Russland diesen Krieg jetzt ewig fortsetzen kann oder ich sag mal länger als über das Ende dieses Jahres hinaus. Und genau da ist entscheidend, dass Präsident Trump einen Ausweg aufgezeigt hat. Russland wird den nutzen, wenn es die Zeit dafür gekommen hält. Und so lange spielt man eben auf Zeit. Es stellt immer wieder an einzelne Etappen einzelne Segmentwaffenruhen. An die stellt man Bedingungen, die so schnell nicht erfüllbar sind. Damit zeigt man Trump gegenüber guten Willen, verprellt den nicht. Stichwort wirtschaftliche Kooperation. aber kann eigentlich in der Ukraine ziemlich ungehindert weitermachen.

Und wir wollen jetzt nochmal weiter sprechen mit dem Militärokonom Markus Keup und uns an dieser Stelle jetzt auch nochmal Zeit nehmen für einige Fragen, die wir von euch bekommen bei YouTube. Herr Keup, uns fragt zum Beispiel ein User, sollte man, damit ist wahrscheinlich der Westen, die NATO und auch die Europäer natürlich gemeint, sollte man nicht selber die Initiative ergreifen, statt abzuwarten, dass man getestet wird, Russland zuerst testen, indem man zum Beispiel eine Brigade in die Ukraine schickt, fragt der User. Ja, das ist militärisch eben etwas heikel. Und zwar, wenn Sie das mal vergleichen mit den nordkoreanischen Truppen, die ja angeblich auf russische Einladung, auf russischem Staatsgebiet sich befinden, da muss man sehr aufpassen, dass das nicht eventuell als Kriegseintritt gewertet werden kann.

Die Frage ist vor allem, wenn sie sowas machen, was passiert, wenn diese Truppen beschossen werden? Was passiert, wenn Kombatanten dieser Truppen sterben? Wie reagieren sie dann? Schlagen sie dann zurück? Also eskaliert der Krieg dann weiter und bedeutet das dann, dass westliche Truppen in den Krieg hineingezogen werden?

Und Sie sehen, da kommen sie in politisch und militärisch heikle Fragen hinein.

Die dann nicht mehr wirklich aufzulösen sind, wenn das mal passiert ist. Weil wenn diese Truppen mal wirklich Verluste erleiden, dann sind die Menschen tot und sie können daran nichts mehr ändern. Also wenn sie sowas machen, dann müssten sie das eher als starke Drohung bzw. Als abschreckendes Narrativ machen. Und das Beste, was man machen könnte, ist ein Luftschild über der Ukraine, so wie man es bei Israel gemacht hat, bei den iranischen Drohnenangriffen, und ein Seeschild über der Ukraine, also sprich die Nachschublinien, die Russland von der Krim aus organisiert, mit seegebundenen Mitteln komplett abzuschneiden, sodass Russland nicht mehr in der Lage ist, die Ukraine anzugreifen. Das wäre ein sehr starker Schutzschild, den man auch mit relativ geringen Kosten etablieren könnte. und dafür bräuchten sie keine Boots on the Ground, also keine Bodentruppen. Das können sie vor allem durch Luftverteidigung, durch segelgestützte Mittel organisieren. Also das halte ich für eine produktivere Möglichkeit. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass Europa jetzt im Moment in der Lage wäre, wirklich starke Verbände nach Osten zu verschieben und logistisch zu unterstützen. Das ist eigentlich die ganz große Frage, so für die nächsten 10 bis 20 Jahre. Wenn Sie es wirklich ernst nehmen mit der russischen Bedrohung, Und dann stellt sich halt mir ganz pragmatisch, ich bin halt so naiv, die Frage, ja, wie viele Divisionen möchten Sie denn verlegen an die Ostfront? Wo werden die stationiert? Wie werden die ausgestattet, logistisch versorgt und so weiter und zwar auf Jahrzehnte hinaus?

Und sofern Sie mir so nicht ein glaubwürdiges Konzept zeigen, so lange bin ich eher kritisch, wenn es heißt, ja, wir verlegen jetzt mal schnell eine baltische Brigade dahin. Oder wir haben jetzt innerhalb von 30 Tagen da mal eine Division einsatzbereit. Das hat man in der Vergangenheit immer so schön geplant, aber when the plan hits reality, Sie wissen, dann zeigen sich so die Versäumnisse der letzten 30 Jahre. Also insofern würde ich sagen, soll man eher das Ganze technisch lösen, weil das kann man noch am ehesten, bis die europäischen Armeen wieder so weit aufgebaut sind, dass man auch tatsächlich großflächig Truppen verschieben und stationieren kann. Ich möchte gerne noch eine Frage aufnehmen von einem User, der sich einigermaßen skeptisch zeigt, ob Putin wirklich NATO-Gebiet angreifen würde. Und zwar fragt der User, wieso greift er, gemeint ist Putin, nicht jetzt an, wo wir am schwächsten sind und wartet stattdessen offenbar darauf, bis sozusagen die Europäer auch weiter aufgerüstet haben, was sie ja angekündigt haben.

Naja, es ist für ihn halt ein Kosten-Nutzen-Kalkül. Sie müssen ja denken, der Krieg hat nicht nur militärische Komponenten, sondern er findet ja als hybrider Krieg statt, als zivil-militärische Operationen. Und wenn es Putin gelingt, den Westen zu spalten oder sozusagen den Arm erlahmen zu lassen, der das westliche Militärpotenzial führt, dann muss er gar nicht militärisch angreifen. Das ist ihm ja mit Trump so hervorragend gelungen, beziehungsweise mit dessen vollkommen inkompetenten Vertreter Stephen Whitcoff, übrigens auch ein Immobilienunternehmer wie Trump und was Russland angeht genauso gebildet wie Trump.

Verstehen Sie, wenn Sie es schaffen, über solche Leute ihre Propaganda einzuschleusen beim Gegner und dann ist der Gegner davon überzeugt, ach ja, Russland will ja eigentlich Frieden, so dieses arme, gedemütigte Land, so die übliche Kreml-Propaganda. Wenn Sie es schaffen, das in die gegnerische Administration hineinzutragen und das plötzlich geglaubt wird von Menschen, ich sage mal, Menschen beschränkter Urteilskraft, um Helmut Schmidt zu zitieren, dann müssen Sie gar nichts angreifen und dann erreichen Sie Ihr Ziel auch so. Sie erkennen daran den trainierten Tschechisten, der eben, wie man das in der DDR so schön nannte, auf Zersetzung setzt. Und Zersetzung ist nun mal sehr viel billiger als militärische Aktionen. Aber davon abgesehen, Sie müssen auch denken, dass der so oft zitierte Artikel 5 des NATO-Vertrages keineswegs bedeutet, dass dann sofort massive militärische Vergeltungsschläge folgen. Sondern Artikel 5 bestimmt ja lediglich, wenn ein NATO-Mitglied angegriffen wird, dann haben die anderen NATO-Mitglieder die Möglichkeit, dieses Mitglied zu unterstützen. Das heißt aber nicht zwingend mit militärischer Macht. Wir erinnern uns vielleicht noch an die unrühmliche Episode vom März 2022. Ein gewisser deutscher Politiker, der dann sagt, wir schicken 5000 Helme und ein Feldspital und ansonsten viel Glück.

Naja, ich meine, das könnten die USA auch sagen oder von mir aus auch Großbritannien. Liebe Esten, ja, NARWA ist jetzt besetzt, ihr werdet gerade angegriffen. Wir schicken ein bisschen humanitäre Hilfe und ansonsten viel Glück. Also man darf da auch nicht zu viel in Artikel 5 hineinlesen. Artikel 5 hängt letztlich, wie ich immer sage, am individuellen Rückgrat der NATO-Mitglieder. Also welche NATO-Mitglieder wären dann bereit, wirklich mit Show of Force, mit harter Gewaltanwendung zu antworten? Bei Polen bin ich mir relativ sicher, bei Litauen auch. Bei Großbritannien würde ich sagen, der müsste sehr viel mehr Commitment kommen, als von Großbritannien jetzt zu spüren ist im baltischen Raum.

Frankreich wird das vielleicht so in den nächsten fünf Jahren dazu in der Lage sein. Deutschland, ja, muss man vielleicht noch auf gewisse Veränderungen warten. Aber sonst, ich sollte es sagen, die NATO funktioniert als Verbund schon, aber der Verbund hängt halt entscheidend ab von amerikanischer Logistik. Und wenn die nicht da ist, dann ist mit Mobilisierung von militärischem Potenzial in Europa nicht so viel da. Also insofern ist das nicht so ganz unrealistisch. Und das ist sicher ein Teil von Putins Erwägung. Sie haben gerade Litauen schon angesprochen. Vielleicht noch diese Frage von Amuser. Und zwar fragt er, welche entscheidende Rolle könnte denn die Litauen-Brigade der Bundeswehr, welche Rolle könnte dieser Brigade zukommen, wenn die NATO-Austflanke tatsächlich angegriffen würde?

Naja, der polnisch-litarische Raum hat halt eine große strategische Schwäche und das ist der Sowalki-Korridor. Also diese kleine Lücke, die Polen und Litauen verbindet und westlich davon liegt eben die Exklave Kaliningrad und östlich davon Bieloros, dass Russland ohne weiteres als Aufmarschgebiet verwenden könnte. Also die einfachste Operationsplan wäre quasi so ein Schnitt zu machen, den zu Walke-Korridor zu besetzen, damit Litauen abzutrennen von Polen. Das wäre gleichzeitig natürlich eine Kriegserklärung an Polen, weil es würde mit der Besetzung polnischen Staatsgebiets einhergehen.

Aber das ist ein Szenario, wie quasi ein Krieg Russlands gegen die NATO beginnen könnte, eben an dieser heiklen Stelle. Und deswegen ist es natürlich völlig richtig, dass man Gruppen dorthin verlegt. Ich glaube persönlich nicht, dass eine Brigade reicht als Abschreckung. Man wird da deutlich mehr hin verlegen müssen. Aber das ist halt, ich sage mal, es ist eine Grenze, die im Moment in Werden begriffen ist. Also wenn Sie angucken, was Polen alles aufbaut an seiner östlichen Grenze gegenüber Belarus, also ich meine damit nicht die Grenzzäune, die jetzt schon stehen, sondern die ganzen militärischen Befestigungen, die jetzt gerade gebaut werden, dann gibt Ihnen das eine Idee, wo man dahin geht. Also das ist sicherlich einer der Hotspots, wo man genau hinschauen muss und den man massiv wird verstärken müssen. Man muss ja immer sagen, es gibt ja immer noch die Leute, die sich so Hoffnung machen nach dem Motto, ja, irgendwann stirbt Putin, dann ist alles vorbei, aber hinter Putin wächst die neue Generation der Silaviki nach und das politische System wird sich nicht ändern dadurch, dass Putin stirbt. Das heißt also, diese Bedrohung, die ist ja nicht nur quasi begrenzt auf den russisch-ukrainischen Krieg, sondern die ist da für die nächsten Jahrzehnte. Und auf diesen Zeitraum wird man die militärische Kraftentfaltung dort platzieren müssen. Herr Kolb, schauen wir vielleicht an dieser Stelle nochmal gemeinsam auf die Front, auf die Kämpfe zwischen der Ukraine und Russland gerade.

Die Kämpfe konzentrieren sich gerade auch sehr stark auf die Stadt Pokrovsk im Osten des Landes. Und wir haben an dieser Stelle auch eine Karte, die wir vielleicht einmal zeigen können. Da sieht man, wie sich der Frontverlauf da in den vergangenen Wochen auch entwickelt hat. Also hier sehen wir jetzt noch einmal, wo die Stadt Pokrovs liegt und hier haben wir eben jetzt gleich und da sieht man eben mit den verschiedenen Zeitmarken, dass es da leichte Vorwärtsbewegungen gibt. Also die russischen Truppen können offenbar Gelände gut machen und werden dann aber wieder zurückgedrängt. Wie erklären Sie sich das, dass es da offenbar nicht so richtig in die eine oder in die andere Richtung geht? Ja, was ich unseren Zuschauern gerne empfehle, ist, wenn sie diese Karte mal mit einem kleinen Kilometerstab, also einem kleinen Maßstab sich anschauen würden, dann würden sie feststellen, dass also diese Fortschritte wirklich in Zeitlupe passieren, also in einzelnen Kilometern gemessen werden können. Also so seit Dezember ist der Fortschritt so ungefähr zwei Kilometer pro Woche. Also das ist ein Witz gegenüber der riesigen militärischen Macht, die da steht. Also Sie müssen ja denken, dass Russland allein in diesem Raum von Pakrovsk ungefähr eine Division stehen hat. Klammer auf, eine Division sind circa 20.000 Mann, Klammer zu. Also deutlich mehr als das, was auf der gegenüberliegenden Seite auf der Ukraine steht. Und wenn Sie jetzt hier nochmal die Timeline angucken, jetzt warten Sie mal, bis das auf 1. März springt.

Ah, 1. März. Und jetzt gucken Sie mal, was mit der Front passiert. Bis heute nämlich nichts. Sie steht. Und das habe ich vor ein paar Tagen mal gepostet auf Twitter. Beziehungsweise, naja, Sie wissen schon, der Laden von diesem Herrn, dessen Namen ich jetzt nicht nennen möchte. Und da stellen Sie fest, dass zwischen dem 1. und dem 27. März die Front sich nicht bewegt. Also nicht um einen Meter die Front steht. Und das fiel mir auf, weil das gab es in diesem Krieg bisher noch nicht. Also die Russen sind zwar immer langsam vorangekommen, aber dass die Front komplett steht, so wie hier, das ist wirklich neu. Und jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Wie erklären Sie sich das denn? Entweder haben die Russen Riesenprobleme mit der Logistik oder sie bereiten im Moment einen Großangriff vor an anderen Stellen. Und wo könnte dieser Angriff passieren?

Ja, das ist jetzt ein bisschen spekulativ. Es gibt Berichte, dass sie es an der Seporija-Front versuchen, also weiter im Westen gegenüber von Cresson, dass sie da was vorbereiten. Das würde aber bedeuten, dass sie erhebliche Truppenteile aus der Region Pakrovsk wegverlegen müssten. Ansonsten gibt es nicht wirklich irgendeinen anderen Sektor an der Front, wo sich jetzt wirklich viel bewegt, sondern im Gegenteil, die Front steht überwiegend. Klar, es gibt zwar die üblichen kleineren Gefechte und Artilleriebeschüsse und Drohnen und so weiter, Aber es gibt keine großflächige Bewegung mehr. Und es könnte wirklich sein, dass die Russen jetzt sagen, okay, wir halten jetzt die Bewegung an und wir füllen die Truppen wieder auf und versuchen dann einen massiven neuen Schlag, sozusagen um neue Fakten zu schaffen. Oder aber, es stimmt wirklich, was wir da in den Videos sehen, mit Eseln an der Front und Motorrollern mit Beiwagen und so weiter, sprich also, dass die Drohnendichte in diesem Sektor mittlerweile so groß ist, dass sie nicht fünf Meter laufen können, ohne dass sofort über ihrem Kopf die Drohne auftaucht und dass kein Fahrzeug mehr durchkommt, ohne dass es sofort von einer Drohne angegriffen wird. Die Statistik geht im Moment so in den Bereich 100 bis 150 Drohnen pro Tag, die auf beiden Seiten eingesetzt werden. Also Drohnen sind wirklich ein Verschleißmittel. An jener Drohne hängt eine Granatensprengsatz oder eine größere Mine, die von oben abgeworfen wird.

Und wenn das so ist, dann kommen sie quasi nicht mehr durchs Gelände durch. Also zumindest nicht mit dieser infanteristischen Kampfführung, auf die Russland sich ja zunehmend verlegt hat. Wenn das so ist, dann haben die Russen wirklich ein Riesenproblem mit ihrer Logistik, weil das würde heißen, dass sie mit dem bisherigen Ansatz nicht mehr durchkommen. Und das heißt dann natürlich, dass die Abnutzung, die ja laufend weitergeht, nicht mehr kompensiert wird durch irgendwelche Geländegewinne oder durch irgendwelche anderen Gewinne. Und dann kommt irgendwann auch die russische Kampfführung unter Druck. Und ich denke, das ist Putin auch bewusst, deswegen auch diese ganzen Manöver, weil er jetzt weiß, er hat jetzt ein Zeitfenster, wo er diese weitgehend Russland-inkompetente amerikanische Administration zu irgendwas verleiten kann, zu irgendwelchen Zugeständnissen.

Aber wenn das nicht funktioniert oder schlimmer noch, wenn Trump merkt.

Russland hat ja gar nichts in der Hand und im Gegenteil, die Front fängt an zu stehen oder fängt an zu brückeln, dann könnte das auch sehr schnell gegen ihn losgehen. Herr Korb, Sie haben jetzt gerade schon gesagt, wie viele Drohnen da jeden Tag auf beiden Seiten zum Einsatz kommen. Uns fragt ein User nach der Abnutzungsrate bei den Russen und bei den Ukrainern. Wahrscheinlich ist damit gemeint zum einen das militärische Gerät, zum anderen aber auch, wie viele Soldaten da jeden Tag ihr Leben verlieren. Können Sie das irgendwie einschätzen? Also die Abnutzungsrate, die können Sie ja live nachverfolgen auf dem ORIX-Blog bzw. Bei den vielen, vielen Analysten, die das Ganze nachrechnen. Sie können zum Beispiel bei mir mal im Social-Media-Profil einfach angucken, die Leute, denen ich folge. Also diese Analysten, die sind wirklich sehr, sehr gut. Die machen im Prinzip ihren ganzen Arbeitstag nichts anderes als Social-Media-Daten, Geodaten, Satellitenfotos auswerten und diese ganzen Daten zusammenzustellen. Das können Sie relativ objektiv nachverfolgen, was die Systeme angeht. Was die menschlichen Verluste angeht, das ist sehr viel schwieriger zu erfassen, einfach weil es halt größtenteils schlecht oder nicht dokumentiert ist und verzerrt von der Propaganda beider Seiten.

Aber was auf jeden Fall bemerkenswert ist, ist eben, dass Drohnen wirklich nicht nur Kampfmittel sind, sondern wirklich auch Verschleißmittel. Also 100 bis 150 pro Tag. Das gibt Ihnen eine Idee von der Intensität dieser Kampfführung. Die Ukrainer behaupten im Moment, ich weiß nicht, ob das stimmt, Aber sie behaupten im Moment, zwei Millionen Drohnen pro Jahr produzieren zu können. Jetzt müssen Sie sich das mal überlegen.

Im gesamten Frontbogen stehen angeblich zwischen 400.000 und 600.000 russische Soldaten, verteilt auf 1.200 Kilometer. Und zwei Millionen Drohnen, das würde also heißen, pro russischen Soldat circa 3,5 Drohnen. Es gibt Ihnen eine Idee von der Intensität dieser Kampfführung.

Wenn das also so weitergeht, sprich, wenn sie sich nicht bewegen, Dann hat der stärkere Drohnenoperateur natürlich den Vorteil, weil der nimmt sie auch raus, wenn sie stehen, wenn sie schlafen, wenn sie irgendwo im Gelände rumlaufen. Insofern ist Russland schon darauf angewiesen, sich zu bewegen und voranzukommen, weil ansonsten wird eben diese Drohnenlastigkeit der Kriegführung sich nachteilig auswirken auf die Operationsführung. Kann man denn irgendwie einschätzen, wer denn da jetzt, wenn wir das mal insgesamt betrachten, an der Front gerade die Oberhand hat? Sind es eher die Russen oder dann doch eher die Ukrainer oder ist es gerade einigermaßen ausgeglichen? Das kann man so pauschal nicht sagen, weil es den Begriff die Front, also ich bin nicht so glücklich mit diesem Begriff, weil die Front ist höchstens eine geografische Näherung. Aber an den unterschiedlichen Sektoren der Front finden ganz unterschiedliche Dinge statt. Beispielsweise zieht sich die Ukraine im Moment eher zurück aus dem Raum Kursk, greift dafür aber südlich von Kursk in der Oblast Belgorod wieder an und hat da wieder bei dem Dorf Papowka einen Teil des russischen Staatsgebiets besetzt. Das ist jetzt gerade in den letzten sieben Tagen passiert. Dann haben wir die Bewegung im Raum Kopjansk, wo es mal hin und mal zurück geht. Dann haben wir die Bewegung an der Saporizia-Front, die weitgehend ruhig ist, bis auf gewisse Bootsoperationen auf dem Dnipro.

Dann haben wir die Donbass-Front, die eigentlich jetzt die letzten Monate immer beweglich war, bis jetzt auf die letzten vier Wochen, wo sie auch begonnen hat zu stehen. Und ich sage deswegen immer, man darf nicht so generalisiert über den Krieg urteilen, sondern man muss unterschiedliche Frontsektoren mit unterschiedlichen Augen sich angucken. Auch die Intensität der Kampfhandlungen ist ganz unterschiedlich. Es gibt Frontsektoren, da passiert wochenlang so gut wie nichts. Und es gibt Frontsektoren, da finden seit Monaten schwerste Kämpfe jeden Tag statt. Herr Kolb, vielleicht abschließend nochmal die Frage, weil ich glaube, den Eindruck haben viele, Sie haben versucht, das schon in Teilen zu Beginn unseres Streams dazu schon was zu sagen. Aber wir konstatieren jetzt, es gibt an der Front gerade einigermaßen wenig Bewegung bis gar keine Bewegung, zumindest beispielsweise an dem Abschnitt da bei Pokrovsk, über den wir jetzt gesprochen haben. Heißt, den Russen fehlt offenbar gerade die entscheidende Durchschlagskraft. Und gleichzeitig sprechen wir aber auch über mögliche Szenarien, wie Russland den NATO-Gebiets, NATO-Mitgliedsländer angreifen könnte, möglicherweise auch mit einem groß angelegten militärischen Schlag. Wie passt das zusammen?

Naja, einerseits, es ist ja nicht so, dass Russland keine Reserven mehr hat. Also Russland hätte ohne weiteres die Möglichkeit, und begrenzten Verband an die baltische Grenze zu stellen, was das Personal angeht. Was das Material angeht, da bin ich mir nicht so sicher. Der Großteil des Materials, der früher im nordwestlichen Russland stand, also insbesondere an der Grenze zu Finnland, ist mittlerweile abgezogen und in der Ukraine. Was übrigens auch die russische Propagandaerzählung, man sei angeblich von der NATO bedroht, wieder relativiert. Also finnisch-russische Grenze, etwa 1300 Kilometer, da steht nichts mehr. Finnland ist in der NATO. Genau, Russland ist super bedroht von der NATO.

So viel zum Thema Kreml-Propaganda. Aber lassen wir das. Aber nein, natürlich hätte Russland die Möglichkeit, also mit weiter fortlaufender Mobilisierung, sagen wir mal, im Rahmen von Sarpath, vielleicht 30.000 Mann dahin zu stellen. Einfach halt weitgehend infanteristisch, ohne großes Material. Und dann zu versuchen, mit diesen 30.000 Mann ein bisschen zu zündeln. Das ist durchaus möglich. Das würde die Kriegführung in der Ukraine nicht wirklich beeinträchtigen. Wenn Sie jetzt natürlich sagen, Sie wollen noch mal sowas abziehen wie die Ukraine, also quasi noch mal so eine Expeditionsarmee zusammenstellen, das wäre selbstverständlich nicht möglich. Dafür haben Sie im Moment nicht das Material und auch nicht die Produktionskapazität. Sie sehen ja, das ist, was ich versucht habe, am Anfang das zusammenzubringen. Solange der russisch-ukrainische Krieg läuft, solange wird alles, was Russland mobilisiert, in den Kampfraum der Ukraine verschlungen. Aber sobald das nicht mehr so ist, Da kommen russische Reserven wieder zum Einsatz und die russische Kriegsmaschinerie wird dann neue Kampfmittel produzieren und die werden dann entlang der gesamten Grenze, also vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee stationiert werden. Also insofern kann man wirklich sagen, die Ukraine hält sozusagen die Front Europas.

Die Ukraine hält die Knochen hin dafür, dass der Rest Europas Zeit hat, aufzuwachen, sich zu sammeln und aufzurüsten. Und man kann nur froh sein, dass das so ist, weil ansonsten hätten wir Russland jetzt an der polnischen Grenze und das Baltikum gäbe es vielleicht schon gar nicht mehr.

Herr Kolb, dann sage ich an dieser Stelle vielen Dank, dass Sie sich heute Abend die Zeit genommen haben, das mit uns ein bisschen zu sortieren, zu analysieren. Das war der Militärökonom Markus Kolb von der Militärakademie der ETH Zürich. Vielen Dank. Gerne. Schönen Abend. Danke, Ihnen auch. Ja, ihr habt es gehört. Es ist durchaus möglich, dass Russland einen Angriff auf das Baltikum plant. Unterdessen führt Putin seinen Krieg in der Ukraine unvermindert fort. Frieden scheint dort weit entfernt zu sein. Wir haben die Lage weiter für euch im Blick. Jeden Donnerstag um 19.30 Uhr gibt es unser Ukraine-Update auf YouTube und im ZDF-Streaming-Portal. Dort findet ihr auch den Auslandsjournal-Podcast der Trump-Effekt. In dem analysieren Katrin Eigendorf, Ulf Röller und Elmar Thewissen jede Woche die von Donald Trump ausgelösten, tiefgreifenden globalen Veränderungen. Hört da gerne mal rein. An dieser Stelle vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. Tschüss. Vielen Dank.

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