Hi, ich bin Christina von Ungarn-Sternberg. Schön, dass ihr dabei seid. An dieser Stelle sprechen wir wie jede Woche über die aktuellen Entwicklungen und Hintergründe im Ukraine-Krieg. Dieses Mal geht es um die Chance auf eine Waffenruhe trotz neuer Angriffe. Daneben auch um ukrainische Atomkraftwerke. Atomkraftwerke, die möchte US-Präsident Trump nämlich gerne unter seine Kontrolle bringen. Darüber hinaus habe ich mit unserem US-Korrespondenten Elmar Thewesen und Reporter Henna Hebestreit in der Ukraine gesprochen. Zunächst einmal wollte ich aber von Militäranalyst Hendrik Remmel wissen, ob sich Russlands Präsident Putin von weiteren Angriffen auf die Ukraine abhalten lassen würde, wenn die Atomkraftwerke unter der Kontrolle der USA wären. Nein, das glaube ich nicht. Ich denke auch, dass das Atomkraftwerk Saporizhia eine strategisch untergeordnete Rolle spielt.

Es gab in den ersten Kriegsmonaten Berichterstattung und durchaus Sorge, dass dieses Atomkraftwerk beschädigt werden könnte bei Kämpfen. Es ist aber seit geraumer Zeit unter militärischer Kontrolle der Russen und unter Obhut einer internationalen Atomenergiebehörde. Und aus den Gründen sehe ich jetzt keinen Grund, warum dieses Atomkraftwerk irgendeine strategische Bedeutung haben sollte. Die Atomkraftwerke, die unter Kontrolle der Ukrainer sind, sind essentiell wichtig für die Energieversorgung der Ukraine, vor allem weil die Masse der Kohlekraftwerke zerstört worden sind. Aber dass jetzt dieses eine Atomkraftwerk, nur weil es Donald Trump aus einer Laune heraus jetzt heute Nachmittag einmal genannt hat, jetzt eine größere strategische Rolle spielt, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Genau, es gibt ja unterschiedliche Aussagen. Donald Trump sagt, es geht um alle vier. Selensky sagt, es geht nur um das eine in Saporizia. Aber nochmal vielleicht auch konkreter militärisch. Es macht keinen Sinn, dass Atomkraftwerke wirtschaftlich in amerikanischer Hand sind. Das würde militärisch keine Vorteile für die Ukraine bieten und das wäre nichts, was mit Russland verhandelbar wäre.

Mit Sicherheit könnte Donald Trump darüber verhandeln, ob er die Kontrolle über dieses Atomkraftwerk bekommen könnte von Putin. Mir stellt sich nur die Frage, welcher tiefere Sinn dahinter stecken sollte. Es ergibt wirtschaftlich relativ wenig Sinn, Atomstrom ist relativ günstig. Die einzige relevante militärische Komponente ist, dass Atomkraftwerke ein Risikofaktor sind und das in der Tat im Gegensatz zu vielen anderen Elementen der kritischen Infrastruktur tatsächlich von den Russen noch nicht beschossen worden ist, zumindest nicht absichtlich. Das bedeutet wahrscheinlich, einer der sichersten Orte an der Front ist derzeit dieses Atomkraftwerk. Deswegen halte ich es einfach für eine Tagesmeldung, die aber strategisch nahezu unbedeutend ist. Vielen Dank, Herr Remmel. Bis hierhin, wir sprechen gleich weiter über die militärische Analyse, gehen mit der Frage aber nochmal nach Washington zu unserem Korrespondenten dort. Elmar Thewesen ist uns zugeschaltet und ordnet das auch nochmal ein. Elmar, was möchte Donald Trump mit ukrainischen Atomkraftwerken?

Ja, es hat in erster Linie wirtschaftliche Gründe, allerdings auch mit einem strategischen Einschlag. Also was vielen vielleicht nicht bekannt ist, der amerikanische Westinghouse-Konzern hat mit der Ukraine vor dem Krieg einen Vertrag gemacht über den Bau von fünf neuen Kernreaktoren in der Ukraine. Und als der Krieg dann begonnen hat und ein Teil des ukrainischen Territoriums und dann nachher auch Saporizhia in russische Hände gekommen ist, hat man den Vertrag nochmal erweitert auf insgesamt neun Kernreaktoren. Also der US-Restinghouse-Konzern hat bereits große Energieinteressen in der Ukraine. Und in Saporizha selber stellt der Restinghouse-Konzern schon seit einer ganzen Weile Brennstäbe und auch Technologie.

Und es gab die große Sorge hier in Washington, da kommt der strategische Einschlag ins Spiel, dass die Russen, die diesen Kernreaktor jetzt besetzen oder die Reaktoren besetzen, dass da Technologie der Amerikaner in russische Hände geraten könnte. Vor diesem Hintergrund Macht das, was Donald Trump angesprochen hat, schon Sinn? Er möchte gerne Saporizhia auch tatsächlich mit amerikanischer Technologie unter Kontrolle haben. Auch deshalb, weil die Ukrainer den Amerikanern gesagt haben, man braucht Saporizhia, um dann zum Beispiel den Rohstoffdeal umsetzen zu können. Also seltene Erden auszubeuten, das ist sehr energieintensiv und gerade dieses Atomkraftwerk wäre dann essentiell. So und vor diesem Hintergrund hat Donald Trump das, glaube ich, gesagt. Und der kleine Nebeneffekt ist natürlich, dass er auch, wenn man es als Firma übernehmen würde, mehrere Atomkraftwerke, das wird die Ukraine nicht zulassen. Aber wenn das so wäre, dann könnte man natürlich ein Stück weit auch die Energiepreise diktieren. Und es kommt eins dazu, die Ukraine hätte im Gegenzug schon ein paar Sicherheitsgarantien, weil die Amerikaner dann wegen des großen Wirtschaftsinteresses nicht zulassen würden, dass die russische Armee einfach die Ukraine überrennt. Wir sprechen auch gleich mit unserem Korrespondenten in der Ukraine selbst, was die Ukrainer von dieser Idee halten.

Hier sind die User auch wild am Kommentieren. Heinz Klauke schreibt auf YouTube zum Beispiel, Trump will Geld verdienen. Eine andere Userin, Andrea Thalu, fragt sich, wann sich die Amerikaner gegen Trump wehren und gegen seine Politik. Das ist, glaube ich, einen eigenen Stream wert. Das müssen wir an anderer Stelle näher behandeln. Deshalb die nächste Frage an dich, Elmar. Du hast die seltenen Erden gerade erwähnt, die wurden mal als Deal-Gegenstand ins Zentrum gerückt, jetzt die Atomkraftwerke. Darüber geht ja ein bisschen vergessen, dass es wirklich um nachhaltigen Frieden in der Ukraine geht. Wie wichtig und wie ernst ist es denn Trump damit überhaupt?

Ja, das ist die große Frage. Also man hat hier das Gefühl, dass es eben keinen richtigen Plan im Weißen Haus gibt, sondern dass er erwartet, dass beide Seiten tatsächlich irgendwie Vorschläge machen, die für die jeweilige andere Seite dann akzeptabel ist und dass er selber vielleicht keinen großen Plan beinsteuern muss. Ich glaube, er liegt damit falsch, denn bei früheren Friedensverhandlungen zum Beispiel im Nahen Osten oder auch was damals das Dayton-Friedensabkommen anging, da sind immer lange Gespräche involviert gewesen. Die Amerikaner haben ganz konkret auch Forderungen gestellt und das ist hier offenbar nicht der Fall. Er möchte gerne den Frieden, er möchte dann danach Geschäfte machen mit Russland und er möchte vor allen Dingen ein großes neues Atomabkommen mit Russland. Aber er scheint nicht wirklich einen genauen Plan zu haben, wie er beide Seiten dazu bringen kann, sich auf ein Friedensabkommen zu einigen.

US-Korrespondent Elmar Thewissen könnt ihr auch im neuen ZDF-Auslandsjournal-Podcast Der Trump-Effekt hören. Dort analysiert er jede Woche Mittwoch gemeinsam mit der internationalen Sonderkorrespondentin Katrin Eigendorf und EU-Korrespondent Ulf Röller die von der Trump-Präsidentschaft ausgelösten, tiefgreifenden globalen Veränderungen. Jetzt geht es weiter mit unserem Reporter Henner Hebestreit in der Ukraine. Ihn habe ich gefragt, wie die Ukraine zu Trumps AKW-Plänen steht. Herr Präsident Zelensky hat ganz klar gesagt, es geht nicht um alle vier Atomkraftwerke. Es geht auch nicht darum, dass man die jetzt dem Volkseigentum der Ukraine entreißen will, sondern es geht tatsächlich nur um das in Saporizia. Und das hat er heute Mittag in Oslo auch nochmal ganz klar in einer Pressekonferenz so geäußert. Und wenn ihr den Ton vorliegen habt, können wir uns ihn jetzt ganz kurz angucken.

Wenn die Amerikaner über einen Ausweg aus dieser Situation nachdenken und das Atomkraftwerk von den Russen übernehmen wollen, um es zu modernisieren, ist das eine ganz andere Frage. Wir sind offen für Gespräche darüber, aber über die Eigentumsfrage haben wir definitiv nicht mit Präsident Trump gesprochen. Da wieder spricht er dann doch dem amerikanischen Präsidenten, was er sich in letzter Zeit doch eher verkniffen hat. Und er hat es ganz klar gemacht, auch das Atomkraftwerk in Saporizia soll in ukrainischem Besitz bleiben. Das mag auch damit zu tun haben, dass er drei Schritte vorausdenkt und sagt, dieses Atomkraftwerk ist wie die anderen auch wichtig für die Energieversorgung von ganz Europa. Damit kann die Ukraine natürlich eines Tages auch wieder Geld verdienen. Diese ganzen Gespräche, die da stattfinden, diese Telefonate, inwiefern nähren denn die tatsächlich die ukrainische Hoffnung auf einen nachhaltigen Friedensplan?

Ehrlich gesagt, wir hören gar nicht. Die Leute sind verwirrt, die sagen, was Trump da angerichtet hat oder in diesem Telefonat angerichtet hat, war im besten Fall nicht ein Deal über die Köpfe der Ukrainerinnen und Ukrainer hinweg. Es gibt auch Analysten, die sagen, er hat sich von Putin an der Nase herumführen lassen. Man geht sogar so weit und sagt, es sei für Trump ein Desaster gewesen, dieses Telefonat. Also die Hoffnung, dass auf kurze Distanz für die Ukraine eine Lösung herauskommt, die mit diesem inzwischen ins vierte Jahr gehenden Krieg ein rasches Ende macht, die geht hier wirklich gegen Null. Vielen Dank, Henna Hebestreit nach Kiew.

Und damit sprechen wir weiter mit Militäranalyst Hendrik Remmel vom GIDS. Herr Remmel, wir haben die Eindrücke aus der Ukraine gehört. Die Hoffnungen auf einen Frieden sind nicht größer geworden durch die Geschehnisse in den letzten Stunden. Ungeachtet aller Gespräche über mögliche Waffenruhen gehen, schauen wir uns jetzt an die Angriffe weiter. Die Ukraine meldet da morgen 171 russische Drohnenangriffe. Es gibt mindestens zehn Verletzte, darunter vier Kinder im Zentrum des Landes. Und gleichzeitig hat die Ukraine nach russischen Angaben im Süden Russlands Drohnen auf einen Flugplatz abgefeuert, Drohnen in den Einsatz gebracht. Der Flugplatz wurde attackiert. Schwere strategische Bomber sind dort stationiert. Es geht um einen Flugplatz nahe der Städte Engels und Saratov. Anwohner seien evakuiert worden. Es sind offenbar die schwersten ukrainischen Angriffe auf südrussische Gebiete seit Kriegsbeginn. Wenn wir uns anschauen, dass diese gegenseitigen Angriffe weitergehen, welchen Wert hat denn diese Vereinbarung, nach der eigentlich Infrastruktur erstmal geschützt sein sollte für eine vorübergehende Zeit?

Ja, auch in diesem Bereich, genauso wie bei den Atomkraftwerken. Ich glaube, das ist gerade bei den beiden Korrespondenten perfekt rausgekommen. Es ist widersprüchlich. Donald Trump geht in die eine Pressekonferenz und sagt das eine und meint in der nächsten Pressekonferenz das andere. Teilweise spricht er offensichtlich Dinge sowohl mit Präsident Putin als auch mit Präsident Zelenskyj ab und erzählt dann was anderes.

Ein gutes Beispiel ist auch der vereinbarte Waffenstillstand über 30 Tage. Auch dort gibt es semantische Unterschiede. Die eine Seite spricht davon, dass nur Energieinfrastruktur geschützt wird. Die andere sagt, dass Energie und Infrastruktur geschützt wird. Das ist ein erheblicher Unterschied. Mal abgesehen davon, dass dieser Waffenstillstand ja noch nicht von beiden Seiten offiziell ausgerufen worden ist. Das heißt grundsätzlich können sich beide Seiten auch noch im Bereich ihrer Energieinfrastruktur oder in ihrem Bereich ihrer Energie und in ihrer Infrastruktur beschießen. Aber im Grunde genommen weiß keine von diesen Seiten wirklich genau, was im Moment dort vor sich geht. Weil Donald Trump das macht, was er immer macht. Er ist erratisch, er ist widersprüchlich und er ist von Emotionen getrieben. Und das ist eine sehr, sehr schlechte Eigenschaft für einen Menschen, der eigentlich strategische Entscheidungen treffen muss. Donald Trump hat angekündigt, er will den Krieg beenden innerhalb von 24 Stunden und spricht jetzt über einzelne Atomkraftwerke.

Ich glaube, dass das, was Donald Trump gerade tut, sehr weit von der Realität dieses Krieges entfernt ist. Dann schauen wir auf das, was die Europäer tun können und wollen. In London beraten heute Militärvertreter über einen möglichen Einsatz von Truppen in der Ukraine zur Absicherung eines Friedensabkommens. Großbritannien und Frankreich hatten sich ja bereit erklärt dazu, aber unter der Voraussetzung, dass die USA das auch absichern. Und danach sieht es im Moment nicht aus. Wie wahrscheinlich ist denn der Einsatz solcher Truppen?

Ich glaube, da muss man erst mal drei Bereiche ganz klar auseinanderhalten. Erstens, was bedeutet überhaupt ein Frieden? Wir haben... Anhand der Tätigkeiten, der Aussagen, des Verhaltens des russischen Militärs und Wladimir Putins gesehen, dass Russland nicht an einem Frieden interessiert ist.

Eine vollumfängliche Waffenruhe, zumindest Luft- und Sägestütz für 30 Tage wurde von Donald Trump mit Zelensky ausgehandelt. Putin hat dieses Angebot von Trump de facto ausgeschlagen und hat es auf einen Minimalkonsens heruntergebrochen, der für ihn und seine Kriegswirtschaft und seine politische Stabilität relevant ist. Denn die Ukrainer haben es in den letzten Wochen sehr erfolgreich geschafft, relevante kritische Infrastruktur, relevante Flugfelder mit weitreichenden, selbstentwickelten Waffen anzugreifen, vor allem weitreichenden Drohnen. Das ist den Russen trotz ihrer massiven Angriffe nur bedingt gelungen auf der ukrainischen Seite. Denn die Abschusszahlen ab Januar liegen zwischen 95 und 98 Prozent, was die russische Luftkampagne angeht. Jetzt wird das Wetter wieder wärmer. Das heißt, diese Idee, mit Luftkampfmitteln die ukrainische Zivilbevölkerung im Winter zu zermürben, die Infrastruktur zu zerstören, ist fehlgeschlagen. Es wird wieder wärmer. Das heißt, es ergibt jetzt weniger Sinn, das zu machen. und die Ukraine kann in dieser Dimension des Krieges den Russen gerade mehr wehtun als andersrum. Und auf genau diesen Punkt geht Wladimir Putin dann ein und Donald Trump ist so dumm und fällt darauf hinein. Also ja, ich kann in der Tat unterstützen, was eben gesagt wurde. Putin hat Trump an der Nase herumgeführt in diesem Bereich.

Das heißt, der erste Punkt, Russland will keinen Frieden. Russland ist nicht interessiert an Frieden. Die militärische Lage ist für Russland derzeit relativ aussichtsreich. Die einzigen Probleme, die sie hatten, hat er jetzt für 30 Tage im Grunde genommen aus der Welt geschafft. Der zweite relevante Punkt ist, welche normative Grundlage soll denn, selbst wenn es einen sogenannten Frieden gibt, tatsächlich ausgenutzt werden, um solche Truppen zu entsenden? Also ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Mandat von einer supranationalen Institution gibt. In der VN und in der OSZE haben die Russen ein Vetorecht und in der NATO und in der EU gilt das Konsensprinzip. Und die Amerikaner haben schon gesagt, es gibt keine NATO-Truppen in der Ukraine. Und in der EU haben wir immer noch Ungarn und die Slowakei, die, vorsichtig formuliert, nicht gerade pro Ukraine agiert haben. Und der letzte Punkt, und das ist der entscheidende, wir dürfen potenzielle, in Anführungsstrichen, Friedenstruppen nicht mit dem vergleichen, was wir bei Blauhelm-Missionen der Vereinten Nationen beispielsweise in Afrika gesehen haben. Und nicht mal das, was sie auf dem Balkan erlebt haben. Wir müssten sicherstellen, dass Russland glaubhaft vor einer weiteren Aggression abgeschreckt wird. Dafür braucht es substanzielle Kampfverbände. Das hat eine völlig andere Dimension und deswegen halte ich diesen Begriff der Friedenstruppen auch für deutlich fehlgeleitet. Erstens ist es illusorisch, dass das in der nächsten Zeit passiert und zweitens müsste man dann von glaubhafter Abschreckung und Sicherheitsgarantien sprechen und nicht von Friedenstruppen.

Wir schauen noch mal nach Brüssel. Da gibt es ja heute einen Gipfel der 27 Staats- und Regierungschefs, die sich mit der Aufrüstung der Verteidigung Europas beschäftigen. Jetzt gibt es gerade eine Meldung von der Deutschen Presseagentur, dass man sich da geeinigt hat, massiv aufzurüsten. Das ist jetzt insofern nicht neu, als die Ziele schon mal bekannt waren und die Inhalte auch vorab schon bekannt waren. 800 Milliarden Euro will die EU-Kommission unter Führung von Ursula von der Leyen mobilisieren. Und das hat man jetzt noch mal bekräftigt, dass der Wille da ist, alles dran zu setzen, um Europas Verteidigungsbereitschaft entscheidend zu stärken. Wie wichtig ist dieses Signal?

Es ist extrem wichtig. Ich fürchte, dass es zu spät kommt. Es wird sehr lange dauern, substanzielle Infrastrukturen innerhalb der Europäischen Union so aufzubauen, dass sie ein sicherheitspolitisch relevanter Akteur wird. Das darf man nicht mit Strukturen der NATO vergleichen, wo es internationale Stäbe gibt. Einen sehr starken amerikanischen Beitrag, gerade im Bereich der Generierung von strategischen Lagebildern, weitreichenden Waffensystemen, Lufttransportkapazitäten, Luftüberlegenheit. Und das ist grundsätzlich alles in einem gewissen Ausmaß in den EU-Mitgliedstaaten vorhanden, aber die kompletten Strukturen fehlen. Und vor allem haben wir im Grunde genommen von allem zu wenig und ganz, ganz relevante sogenannte kritische Enabler fehlen. Wir haben kaum Lufttransportkapazitäten, die Precision Strike Capabilities, also weitreichende Waffensysteme, die es ermöglichen, die Logistik und die Führungseinrichtungen von Gegnern zu treffen, sind kaum vorhanden. Das heißt, das muss aufgebaut werden. Und das sind militärische Planungsprozesse, die dauern sehr, sehr lange, mindestens fünf Jahre, wenn man extrem schnell ist. Und diese Zeit hat die Europäische Union de facto nicht. Dieses Geld hätte vor fünf bis zehn Jahren investiert werden müssen.

Dann sprechen wir über die einzelnen Frontabschnitte. Und weil ein User gerade in diesem Moment danach fragt, das geht um die Region Belgorod, greifen wir das hier gerne auf, sprechen darüber. Hier hat die Ukraine eine Offensive gestartet, um den Verlust von Kursk auszugleichen und dann doch noch einen Faustpfand für Verhandlungen zu haben. Wie läuft diese Offensive?

Ich bin mir nicht mal so sicher, ob das wirklich das Ziel ist. Man hat ja feststellen müssen, dass es extrem schwierig ist, das Gelände in Kursk zu halten. Es ist extrem verlustreich gewesen. Die ukrainischen Streitkräfte haben ungefähr 600 Gefechtsfahrzeuge in der Region Kursk verloren. Das sind Verluste, die sich die ukrainischen Streitkräfte vor allem mit Hinblick auf die fragliche weitere Unterstützung der US-Amerikaner nicht leisten können.

Ich gehe davon aus, dass es ein zeitlich und räumlich begrenzter Entlastungsangriff ist, um russische Truppen, die sich gerade im Raum nördlich von Kursk formieren, vermutlich mit der Absicht in den Raum Sumi vorzustoßen, also auf ukrainisches Staatsgebiet, in dem Raum Bergerot zu binden und eine Hit-and-Run-Taktik durchzuführen. Das heißt, immer wieder in die durchlässige russisch-ukrainische Front im Norden einzudringen, zeitlich und räumlich begrenzt. Dadurch dann russische Truppenteile zu zwingen, dorthin zu verlegen, aber wirklich nachhaltige Kampfhandlungen dort durchzuführen. Und diesen Raum wirklich zu behaupten, halte ich für ausgeschlossen. Das hat der ukrainische Generalstab und hoffentlich auch die politische Führung in der Ukraine jetzt gelernt, dass sie diese Truppenteile, die sie in der Ukraine, in Kursk, Entschuldigung, in Kursk eingesetzt haben, besser in den Donbass einsetzen. Denn die Schlammperiode, die Rasputizia, wird in den nächsten Wochen enden und dann werden auch dort wieder die Kampfhandlungen an Intensität gewinnen. Und das ist unverändert der operative Schwerpunkt der Russen. Dann schauen wir nochmal auf Kursk. Genauer, da behauptet ja Russland immer wieder, die ukrainischen Soldaten seien dort eingekesselt. Ist das richtig? Gibt es dafür Beweise?

Nein. Kurze Antwort. Es gibt keine operative Eingreisung substanzieller ukrainischer Truppenteile. Was jetzt gerade passiert ist, dass eine sogenannte Nachhut, eine Nachtruppe die Kampfhandlungen mit den russischen Streitkräften aufrechterhält. Das hat zwei Gründe. Einmal ist es das sogenannte Halten der Fühlung zum Feind. Also die Ukrainer wollen genau wissen, was die Russen jetzt in dieser Phase tun. Und in dem Moment, in dem sie die Russen weiter in Kampfhandlungen verwickeln, besteht für die Russen nicht in der Form die Möglichkeit, sich so zu konsolidieren und so aufzustellen, dass sie ungehindert tatsächlich ihre Angriffsvorbereitungen durchführen können. Das sind aber wirklich nur noch kleine Truppenteile in Bataillonsstärke, also weniger als 1000 Soldaten, die dort diesen Auftrag der Nachtruppe erfüllen.

Tatsächlich mussten die Ukrainer große Mengen an militärischem Großgerät zurücklassen, das ist richtig, aber die Soldaten selber konnten sich der operativen Einkreisung in den letzten Tagen tatsächlich noch entziehen. Also es ist eine Falschmeldung, auch da wieder tatsächlich sehr traurig, dass Donald Trump diese Form der russischen Desinformation tatsächlich einfach aufgreift und ich glaube, es gestern weiter verbreitet hat. Ist sachlich einfach falsch, ist nicht passiert. Wir sprechen gleich weiter über die Frontverläufe. Ich möchte aber gerne der Userin Christel Post helfen. Die fragt nämlich immer wieder nach der Rolle von Drohnen und sagt, es gibt ein großes Potenzial, die sind schnell herzustellen und haben eine große Wirkung auf dem Schlachtfeld. Wie stehen Sie dazu?

Ja, das würde ich erstmal so unterschreiben. Die technische Entwicklung und vor allem die Skalierung, also der massenhafte Einsatz von Drohnen von der kleinsten taktischen Ebene, also einzelne Soldaten bis hin zu weitreichenden Drohnen, die beispielsweise das Flugfeld angegriffen haben, wo die strategischen Bomber der Russen standen, sind in der Tat eine Entwicklung, die die Art und Weise, wie Krieg geführt wird, nachhaltig verändert hat. Und deswegen kann ich das nur unterschreiben. Das muss man sich auch als jede westliche Streitkraft sehr, sehr genau anschauen. Drohnen werden aus dem Gefechtsfeld der Zukunft tatsächlich nicht mehr wegzudenken sein. Dann schauen wir nochmal auf die Frontverläufe. Wo gibt es denn aktuell nennenswerte Bewegungen?

Ja, die größten Raumgewinne in den letzten Tagen wurden durch die Russen verbucht im Raum Kursk, also im äußersten Norden. In den anderen Frontabschnitten rücken die Russen langsam, aber beständig in der klassischen Form, wie wir es seit drei Jahren kennen, ein langsames Operationstempo mit hohen Feuerraten vor. Das tun sie vor allem nördlich im Raum Kupiansk und dann runter im Zuge des Ostgeflusses bis in den Raum Sloviansk, Kramatorsk und dann in den operativen Schwerpunkt rein. Das ist der Donbass. Da gibt es drei Städte, um die im Moment gekämpft wird. Das ist einmal Chasifia, Toretsk und Prokrovsk. Und dort gehen die Russen auch nach einem altbekannten Schema vor. Sie versuchen, diese Städte operativ einzukreisen, die Ukrainer dadurch zum Ausweichen zu zwingen, um sich der Einkreisung und Vernichtung zu entziehen und dann die Stadt einzunehmen. Das ist am Ende des Tages das, was im Raum Sumi auch passiert ist. Also Druck auf den Flanken ausüben, Versorgungswege abschneiden, vor allem auch mit Drohnen. Wir haben da eine sehr interessante Form der Adaption gesehen von den ukrainischen Streitkräften.

Die tatsächlich relevante Versorgungsrouten mit Netzen und Zeltplanen abdecken, einfach um sicherzustellen, dass zumindest ein gewisser Teil der Versorgung durchkommt und nicht jeder einzelne LKW oder jeder einzelne Mannschaftstransport von russischen Drohnen angegriffen wird. Aber da ist es in der Tat auch so, dass sowohl in Chassifjahr und in Toretsk eine Einkreisung unmittelbar bevorsteht. Zumindest droht im Raum Pokrovsk. Sieht es noch ein bisschen besser aus, aber dort droht ebenfalls die Überflügelung. Bleiben wir nochmal gerade bei Pokrovsk. Da gab es jetzt Meldungen, dass bei einer sogenannten Operation Erdbeben ein Spezialbataillon der ukrainischen Asov-Brigade den Russen erheblichen Schaden zugefügt habe. Was wissen Sie darüber?

Das Asaf-Regiment ist im westlichen Sinne kein Spezialkräfteregiment, sind aber sehr gut ausgebildete Infanteristen mit extrem hoher Kampferfahrung, haben ihre größten Sporen in Mariupol verdient. Sie sind im Grunde genommen jeder regulären russischen Einheit überlegen und immer dort, wo sie eingesetzt werden, haben sie in der Regel taktische Erfolge. Das liegt daran, dass sie nach sehr westlichen Prinzipien kämpfen auf der taktischen Ebene, das heißt sehr autonom, mit sehr viel Freiheit für die militärischen Führer vor Ort. Und das ist ein enormer Vorteil gegen russische Streitkräfte, die ja in der Regel eher durch eine taktische Berechenbarkeit, aber dadurch dann sehr hohe Feuerraten sich auszeichnen und die Verluste sind dann entsprechend auf der taktischen Ebene. Hier gibt es zwei User-Fragen, einmal zu eingesetzten Waffen und einmal zu eingesetzten Soldaten. Die eine Frage ist, unterstützt Nordkorea Russland weiterhin mit Truppen? Und die andere Frage ist, wie weit die Ukraine vom Einsatz eigener Raketen entfernt ist?

Ja, tun sie. Also die ukrainischen Kräfte kämpfen gerade wieder in der Region Kursk. Die wurden in der zweiten oder dritten Januarwoche abgezogen, mussten sich konsolidieren, mussten neu ausgebildet werden, weil sie zwar eine sehr hohe Kampfmoral hatten, aber für die Drohnenkriegsführung tatsächlich nicht richtig ausgebildet waren. Aber die haben sich jetzt tatsächlich in den letzten zwei Wochen wieder im Raum Kursk ausgewirkt und haben auch dazu beigetragen, dass diese Raumgewinne jetzt erzielt worden sind. Entschuldigung, die nordkoreanischen Soldaten meinen Sie? Sie haben gerade ukrainische, aber Sie meinten die nordkoreanischen Soldaten. Verzeihung, ja. Also es ging gerade im kompletten Beitrag um die nordkoreanischen Soldaten. Die zweite Frage war nach den Raketen. Da ist die Ukraine eigentlich auf einem ganz guten Weg. Hat es jetzt geschafft, ihren Neptun-Sezi-Flugkörper so zu modifizieren, dass er auch gegen Landziele eingesetzt werden kann? Also es war dieser berühmte Neptun-Flugkörper, der die Moskwa versenkt hat im Schwarzen Meer.

Der wurde jetzt Reichweiten gesteigert und kann tatsächlich aus einem Werfer abgefeuert werden. Also die Ukraine ist dort sehr, sehr findig. In genau diese gleiche Kategorie kommt auch die Reichweitensteigerung der Drohnen. Also man versucht im Grunde genommen diese sogenannten Deep Precision Strike Capabilities, die die Amerikaner den Ukrainern ja vorhalten, es gibt ja die Reichweitenbeschränkung von HIMARS beispielsweise, zu substituieren mit eigenen Produkten, Inlandsprodukten. Und da sind die Ukrainer sehr gut. Mittlerweile werden 45 Prozent der Rüstungsgüter, die die Ukraine zum Kämpfen brauchen, tatsächlich auch inlandsproduziert.

Dann sprechen wir zum Ende des Streams über die möglichen Verhandlungen, die es geben kann. Auch da herrscht viel Verwirrung. Steve Whitkoff, der US-Gesandte, hat Anfang der Woche gesagt, es gäbe Gespräche am Sonntag in Jeddah. Der US-Außenpolitiker Uschakow spricht jetzt von einem Treffen am Montag in Riyadh. Wer verhandelt denn jetzt wann mit wem? Ja, das werden wir dann am Montag oder am Sonntag sehen. Ich weiß es auch nicht. Das Problem ist, dass sich die Trump-Administration gerade durch eine extreme Unberechenbarkeit auszeichnet. Und das ist für jedes Regierungsmitglied, jeden strategischen Berater eine absolute Katastrophe, weil wir nicht wissen, was er morgen macht. Das ist ein echtes Problem. Wichtig ist, aus meiner Sicht zu sagen, es geht hier nicht um Verhandlungen, denn für Verhandlungen müssten die Russen und die Ukrainer gleichberechtigt an einem Tisch sitzen. Es geht hier um Gespräche, die die USA mit den Ukrainern führen. Die Ukrainer werden unter Druck gesetzt, zu Zugeständnissen genötigt und dann fahren die Amerikaner zu den Russen, lassen sich dann von den Russen an der Nase herumführen, aber bauen keinen Druck auf die Russen auf. So sehen keine Verhandlungen aus. Wie aussichtsreich können denn dann diese Verhandlungen überhaupt sein? Also wie viel näher kommt man denn da mit einem wirklichen Frieden in der Ukraine?

Naja, ein Historiker, der darüber seine Doktorarbeit in 30 Jahren schreiben wird, könnte argumentieren, dass das vielleicht der Anfang einer Friedensverhandlung gewesen sein könnte. Stand jetzt, wenn wir uns angucken, wie Russland in den letzten Jahren agiert hat, wie die russische strategische Kultur funktioniert, militaristisch, imperial, welche Forderungen gestellt werden. Also es geht den Russen ja um die Rückabwicklung der NATO-Osterweiterung, also im Grunde genommen zurück zu den Grenzen von 1997. Es geht um die Zerstörung der territorialen Integrität, der staatlichen Souveränität der Ukraine, eine Demilitarisierung. Das ist ja kein Frieden. Das ist eine Einnahme einer Geschwächten, eines zerfallenen ukrainischen Staates in die russische Einflusssphäre. Wir müssen aufhören zu denken, dass Wladimir Putin tatsächlich verhandeln will und an einem Frieden interessiert ist, so wie wir ihn uns in Europa vorstellen. Wir Europäer denken in Kategorien Krieg oder Frieden. Für die Russen ist Krieg ein Kontinuum. Sie benutzen Krieg immer dann, wenn sie denken, dass sie damit politische Ziele erfüllen können. Das machen sie im Grunde genommen seit den frühen 2000er Jahren in Europa und wir müssen endlich aufwachen und das verstehen. Wenn Friedensverhandlungen stattfinden, dann nur, wenn Putin und Russland, nicht nur Putin, sondern Russland in Gänze, glaubhaft vor weiteren militärischen Aggressionen gegen die Ukraine und gegen andere europäische Staaten abgeschreckt wird.

Putin gehe es nicht um Frieden, sondern um territoriale Expansion, sagt Militäranalyst Hendrik Remmel. Für Russland sei Krieg ein Kontinuum, das sie nutzen würden, um ihre politischen Ziele durchzusetzen. Deshalb könne ein nachhaltiger Frieden nur funktionieren, wenn er auch militärisch durch den Westen abgesichert wäre. Jeden Donnerstag reden wir in unserem Ukraine-Update mit Experten und unseren Korrespondenten über die Entwicklungen und Hintergründe im Krieg. Mit detaillierten Karten analysieren wir die Lage an der Front. Schaut gerne mal rein auf YouTube oder der ZDF-Heute-App. Dann könnt ihr auch eure Fragen an unsere Gesprächspartner stellen. Vielen Dank fürs Reinhören und bis zum nächsten Mal.

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