Hi, ich bin Marc Burgemeister. Schön, dass ihr mit dabei seid. An dieser Stelle sprechen wir jede Woche über die aktuellen Entwicklungen und Hintergründe im Ukraine-Krieg. Dieses Mal geht es um Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus und wie das die Lage in der Ukraine verändert. Von seinem Wahlversprechen, den Krieg innerhalb von 24 Stunden zu beenden, scheint Trump abzurücken. In dieser Woche stellte er ein Treffen mit Putin in Aussicht innerhalb von sechs Monaten. Von einem schnellen Kriegsende war keine Rede mehr. Gibt der künftige US-Präsident Putin damit mehr Zeit? Schließlich erobert Russland im Donbass zurzeit Ort um Ort. Was das bedeutet, darüber spreche ich in dieser Folge mit Militäranalyst Hendrik Remmel vom German Institute for Defense and Strategic Studies. Zuerst wollte ich von ihm wissen, warum Trump scheinbar von seinem Versprechen abrückt.
Ja, wahrscheinlich hat ihm jemand aus seiner zukünftigen Administration gesagt, dass es dann doch nicht ganz so einfach ist, so einen komplexen Krieg innerhalb von 24 Stunden zu beenden. Bis sich diese Staats- und Regierungschefs tatsächlich zusammensetzen. Wenn sie sich zusammensetzen, also Putin, Zelensky und Trump, müssen ja diverse Vorgespräche auf der Arbeitsebene geführt werden. Hinter verschlossenen Türen, es müssen Kanäle etabliert werden. Und es dauert einfach Zeit. Das heißt, wir werden in den nächsten Monaten beobachten können, dass in der Ukraine unverändert gekämpft wird. Und hoffentlich hinter verschlossenen Türen.
Erste Sondierungsgespräche auf der Arbeitsebene geführt werden. Und erst wenn dort Ergebnisse, vorläufige Ergebnisse produziert worden sind, werden sich die Staats- und Regierungschefs der betreffenden Länder zusammensetzen. Und Stichwort Friedensgespräche. Welche Rolle müsste Trump dann einnehmen, beziehungsweise mit welchen Herausforderungen hat er dann zu tun?
Na ja, erstmal müsste man Frieden definieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Zelensky und Putin zwei unterschiedliche Definitionen von Frieden haben. Das heißt, der Kernpunkt muss erstmal sein, Putin an den Verhandlungstisch zu bringen und Putin zu echten Friedensgesprächen zu bringen. Das geht nur aus einer Position der Stärke heraus. Dafür haben die Amerikaner mehrere Möglichkeiten. Sie könnten beispielsweise die Unterstützung der Ukraine erhöhen. Sie könnten diplomatischen Druck erhöhen auf Russland, aber auch auf die Verbündeten, insbesondere Nordkorea, China und den Iran. Oder sie könnten ihre Sanktionen ausweiten, also auf ökonomischer Ebene den Druck auf Putin erhöhen. Das sind die Optionen, die die Amerikaner haben. Und erst dann wird sich Putin ernsthaft an den Verhandlungstisch setzen, weil im Moment aus der rein militärischen Lage heraus gibt es für Putin keinen Grund zu verhandeln. Jetzt haben Sie Optionen angesprochen. Einer unserer Zuschauer auf YouTube fragt gerade, gibt es dann auch ein konkretes Druckmittel, das Trump gegenüber Putin vielleicht hätte, um den Krieg zu beenden?
Wie sich diese Druckmittel dann ganz konkret operationalisieren, weiß ich nicht. Das ist eine Beratungsleistung, die dann seine Administration an Trump erbringen muss. Aber im Wesentlichen spielen sie sich auf diesen drei Ebenen ab, die diplomatischen, die ökonomischen und die militärischen. Um jetzt mal ein Beispiel des Militärischen das zu vergegenwärtigen. Die Amerikaner haben über 2500 Kampfpanzer und 2500 Schützenpanzer in ihren strategischen Depots. Das ist der Unterschied zwischen allen europäischen Staaten. Die Amerikaner haben militärische, strategische, konventionelle Depotreserven. Und das ist natürlich ein Druckmittel, weil Trump theoretisch, um diesen Druck zu erhöhen, jederzeit sagen kann, es sind nicht mehr die 31 Abrams-Kampfpanzer, sondern wir liefern auf einmal 310. Und wenn man das in diesen Gesamtmengen dann betrachtet und alle nötigen militärischen Mittel zur Verfügung gestellt werden, um tatsächlich komplexe Militäroperationen zu führen, und die haben die Amerikaner, die haben sie auch zur Verfügung, auch in Reserve, dann wäre das tatsächlich ein Druckmittel, was Putin zumindest zum Überlegen bringen würde. Nun gab es heute in Rammstein das letzte große Treffen der sogenannten Rammstein-Kontaktgruppe mit der Biden-Administration. Dieses Treffen ist ein Format von rund 50 Staaten zur Unterstützung der Ukraine und da wurden heute nochmal von der Biden-Administration 500 Millionen US-Dollar an Militärhilfen zugesagt. Wie wichtig ist das aktuell für die ukrainischen Soldaten?
Naja, aktuell wirken sich solche Unterstützungsleistungen überhaupt nicht aus. Wir reden da von Zeitachsen von mehreren Monaten. Also in dem Moment, das kann man ja auch an den deutschen Unterstützungsleistungen sehr gut festmachen, je nachdem welches militärische Mittel oder welche Munitionsart jetzt dann geliefert wird, vergehen ja zwischen Ankündigungen und Lieferungen mehrere Monate. Das heißt, die aktuelle Lage an der Front verändert das überhaupt nicht. Und dazu muss man auch noch sagen, auch wenn 500 Millionen Euro natürlich eine Menge Geld sind, in einem Krieg wie diesem geht es um signifikante Milliardenbeträge. Also das letzte große Hilfspaket, was sehr lange gebraucht hat, um durch den Kongress zu kommen, waren ja, ich glaube, 40 oder 50 Milliarden. Das sind dann tatsächlich Geldbeträge, die theoretisch einen Unterschied machen können, wenn sie dann direkt in unmittelbare militärische Hilfsleistungen umgesetzt werden können. Aber 500 Millionen, auch wenn das sehr viel klingt, ist in einem Krieg und für eine Volkswirtschaft und eine Kriegsindustrie sehr wenig Geld. Die Militärhilfen wirken sich also aktuell überhaupt nicht auf die Lage der Ukraine aus, sagt Hendrik Gremmel. Besonders unter Druck steht die ukrainische Armee auch bei der Stadt Pokrovsk im südlichen Donbass. Dort war mein Kollege Lüg Walpott in dieser Woche. Welches Bild hast du dir zunächst mal von Pokrovsk machen können?
Also für mich überraschend nach den Monaten des Angreifens der Russen, dass Pokrovsk immer noch in gewisser Weise funktioniert. Es leben dort noch Menschen, es harren dort Zivilisten aus. Wir waren ja in einem kleinen Laden, wo eine Frau uns, also die Ladenbesitzerin, auch Kaffee angeboten hat. Es gibt noch Brot zu kaufen.
Es harren Menschen dort aus. Zur Wahrheit gehört auch, an dem Tag, wo wir da waren, konnten wir im Zentrum in diesem Laden drehen, Auch im kleinen Supermarkt am Tag danach ist genau dort eine Drohne eingeschlagen mit Verletzten. Also es ist natürlich nicht sicher in dieser Stadt. Aber wie gesagt, Prokowsk lebt noch in gewisser Weise. Es wird auch verteidigt von den ukrainischen Kräften. Und die russischen Verbände haben entschieden, die Stadt gar nicht mehr frontal anzugreifen, sondern zu umzingeln. Sie sind im Süden, insbesondere im Südwesten und Westen von Prokowsk relativ weit vorgedrungen. haben dort mehrere kleine Dörfer erobert und sind jetzt auch auf der anderen Seite im Osten dabei vorzurücken. Und das heißt, die Stadt droht eingekesselt zu werden. Ganz anders sieht es beispielsweise etwas nördlich in der Stadt Toretsk aus. Dort wird im Prinzip seit sechs Monaten um diese Stadt gekämpft und da steht im Prinzip kein Stein mehr auf dem anderen. Dort kann man nicht mehr leben. Also da ist im Prinzip alles zerstört. Die Militärbeobachter sprechen ja davon, dass Pokrovsk mittlerweile fast eingekesselt wurde vom russischen Militär. Wie sehr setzt das, diese russische Zermürbungstaktik, so kann man es ja nennen, den ukrainischen Soldaten zu vor Ort?
Sehr stark. Es gibt im Prinzip drei große Kritikpunkte. Ich konnte mit Soldaten vor Ort sprechen. Die sind sehr vorsichtig, die äußern sich vor der Kamera schon mal gar nicht. Aber wenn man lange genug mit ihnen redet ohne Kamera, dann hört man schon auch deutlich Unmut bei der kämpfenden Truppe. Es gibt im Prinzip drei große Kritikpunkte der Soldaten. Das Wichtigste überhaupt ist, es gibt einfach zu wenig Entsatz. Also das heißt, sie müssen zu lange vorne an der Front in der Kampfstellung bleiben. Sie werden zu selten ausgetauscht, rotiert. Das heißt, es gibt einfach zu wenig Soldaten, um die Einheiten zu verstärken. Es ist also ein wirkliches Mannschaftsproblem. Der Ukraine fehlen Soldaten. Das ist das eine. Das andere ist, es gibt auch die ein oder andere sehr zweifelhafte Entscheidung vom Generalstab. Jedenfalls hört man das immer wieder bei den Menschen, also bei den Soldaten, die vorne an der Front kämpfen. So ist zum Beispiel ein großes Unverständnis bei vielen Soldaten im Donbass.
Warum die Ukraine auf russisches Gebiet vordringen musste, nördlich von Sumy, also diese berühmte Kursk-Operation. Dort wurden Kräfte abgezogen aus dem Donbass, um in Kurs zu kämpfen. Die fehlen natürlich jetzt da und das macht die Front, die ukrainische Verteidigungsfront zusätzlich löchrig. Und das Dritte ist, es gibt, das muss man einfach sagen, auch viele Fälle von Desertion. Es gibt also viele Kämpfe auch bei der Ukraine, die einfach nicht mehr können, die entweder psychisch, physisch oder moralisch durch sind und nicht mehr an die Front wollen und dann auch den Posten verlassen. Man muss sich das nicht so vorstellen, dass die Leute jetzt das Land verlassen, aber die sind dann beispielsweise auf kurzer Urlaub bei der Familie und kommen nicht zurück zur Truppe. Oder sie sind leicht verletzt, wurden behandelt in einem medizinischen Stützpunkt und gehen dann einfach nicht zurück in ihre Kompanie.
So kommt es, dass dann die Truppe vor Ort sehr ausgedünnt ist. Zum Beispiel ein Zug, der sonst beispielsweise 50 Soldaten hat, der muss dann nur noch mit 30 oder 20 Leuten kämpfen und das ist natürlich sehr gefährlich und macht die Front löchrig und erlaubt den Russen eben große Gebietsgewinne auf einem Territorium, das eigentlich noch im letzten Jahr sehr gut verteidigt wurde. Kommen wir nochmal auf Donald Trump zu sprechen, Lüg. Da wird man ja sicher auch in der Ukraine drauf schauen, zu was er sich da geäußert hat in der Pressekonferenz in dieser Woche. Er ist ja erstmal von seinem eigens gesetzten Wahlziel abgewichen mit den 24 Stunden und seinen Sondergesandter. Das ist ja auch noch eine Meldung aus dieser Woche. Keith Kellogg, der sollte eigentlich noch vor Trumps Amtseinführung in die Ukraine nach Kiew reisen. Das wurde jetzt gecancelt und abgesagt. Was sagt das alles mit dem Blick von der Trump-Administration auf die Ukraine für die nächsten Monate, Jahre?
Also das ist jedenfalls kein Signal der Hoffnung. Hier im Land wird das auch genauso gesehen. Man ist sehr skeptisch, ohnehin schon, in Bezug auf Trump, dass Kellogg, der Sondergesandte, jetzt nicht hier war, obwohl das eigentlich mehr oder weniger angekündigt war, dass er Vorgespräche hier führen würde. Das hinterlässt auch einen schlechten Eindruck. Und man hat hier, wenn man mit ukrainischen Zivilisten spricht, auch Experten, das deutliche Gefühl, dass die Menschen hier ziemlich sicher sind, dass Trump eigentlich gar keinen Plan hat für die Ukraine. Und das ist natürlich ein großer Schrecken, der den Menschen hier in den Knochen sitzt. Denn es ist ganz klar, militärisch ist die Ukraine in der Defensive. Das Gesetz der Zahl ist einfach brutal. Russland hat sowohl mehr Soldaten und natürlich auch mehr Opfer an der Front. Es gibt mehr russische gefallene Soldaten als ukrainische. Aber Putin ist eben in einer Diktatur. Er kann sich das leisten. Er muss nicht die Familien entschädigen, aber er muss sie nicht fragen nach ihrer Meinung. Er schickt einfach immer neue Wellen, Angriffswellen an die Front. Das kann die Ukraine nicht. Sie hat zu wenig Soldaten, sie hat auch zu wenig Material. Und sollte Trump jetzt wirklich die Unterstützung möglicherweise noch verringern oder ganz einstellen, dann ist das eine äußerst bedrohliche Lage militärisch hier für die Ukraine.
Die ukrainische Armee ist also massiv unter Druck. Soldaten desertieren. Auf russischer Seite sieht das anders aus. Auch darüber habe ich mit Militäranalyst Hendrik Gremmel gesprochen. Im Moment haben die Russen keine nachhaltigen Personalprobleme. Das liegt daran, dass Putin sehr hohe finanzielle Anreize verspricht. Es werden extrem große Mengen an Schulden erlassen, wenn man sich freiwillig zum Militär meldet. Es werden sehr hohe Geldbeträge ausgeschüttet. Man verspricht im Falle einer Tötung oder schweren Verwundung auch finanzielle Hilfen. Und das ist natürlich in einem Land wie Russland, in dem Einkommen und Reichtum sich sehr stark auf die großen Städte, insbesondere St. Petersburg und Moskau, konzentriert für Männer in der russischen Peripherie durchaus attraktiv. Und das ist der Grund, warum Putin derzeit ohne eine Mobilisierung durchzuführen genug Personal hat. Also es bleibt dabei, die einzige Teilmobilisierung, die Putin forcieren musste, war im Herbst 2022.
Und deswegen scheint es immer noch gut zu funktionieren. Die Russen verlieren zwischen 30.000 und 35.000 Soldaten im Moment pro Monat. Und offensichtlich reichen die Rekrutierungszahlen noch aus. Wenn man sich dann die Qualität der Soldaten anguckt, das gilt in Teilen übrigens für die Ukrainer genauso, Dann kann man das natürlich nicht mehr mit professionellen Soldaten vergleichen, sondern es sind tatsächlich Menschen, die wenige Wochen, teilweise wenige Tage ausgebildet worden sind, schlecht ausgerüstet worden sind, körperliche Gebrechen haben. Und das sind natürlich keine Soldaten mehr, mit denen sie effektive offensive Operationen durchführen können. Und das ist auch einer der Gründe dafür, warum die Russen so kämpfen, wie sie kämpfen. Und wie gehen die Soldaten aktuell in diesem einen Brennpunkt Pokrovsk vor? Kann man da eine Strategie ausmachen?
Ja, es ist keine Strategie. Der Kampf um diese Stadt ist ja eine taktische Ebene, also die Führung, Planung und Durchführung eines Gefechts. Und im Grunde genommen ist es das, was man auch als westlicher Soldat beigebracht bekommen hat. Also es gibt im Grunde genommen drei Möglichkeiten, einen urbanen Raum einzunehmen. Die eine Möglichkeit ist, man schafft es, den Gegner zu überraschen und überraschend diesen Raum tatsächlich einzunehmen. also handstreichartig. Die andere Möglichkeit ist, den Raum operativ einzukreisen. Das ist das, was die Russen in der Regel tun. Also das, was sie in Pokrovsk machen, ist nicht neu. Das haben sie auch in Bachmut und Avdievka und vielen, vielen anderen Städten getan. Tun sie auch gerade in Toretsk.
Das Vorgehen ist im Grunde genommen ein Druckausüben in den Flanken. Also im Falle von Prokowsk versucht man jetzt, diese Stadt südlich und westlich zu umgehen, die Versorgungswege abzuschneiden und dadurch die ukrainischen Kräfte, um sich der Vernichtung zu entziehen, zur Aufgabe der Stadt zu zwingen. Passiert dies nicht, gibt es dann auch die dritte Möglichkeit und das ist dann tatsächlich dieser sehr blutige Ortsland-Häuserkampf, in dem die Stadt in der Regel dann in konventionellen Kriegen in Trümmern zurückbleibt. Es besteht auch die Möglichkeit, dass beide letztgenannten Möglichkeiten parallel durchgeführt werden. Das heißt, man kämpft sich schrittweise durch die Stadt, bindet dadurch die ukrainischen Verteidiger und erhöht dann gleichzeitig den Druck auf die Flanken. Und das ist das, was im Grunde genommen gerade im Pokrovsk passiert. Aber wenn das, wie Sie sagen, ein typisches Muster ist und ein altbekanntes Muster, eine typische Vorgehensweise der Russen, wieso reagiert die Ukraine dann nicht anders? Hat man da nichts daraus gelernt aus den letzten Jahren?
Ja, das ist sehr einfach zu sagen, aus den warmen Wohnzimmern und Fernsehstudios in Deutschland zu sagen, die Ukrainer haben nichts daraus gelernt.
Das Problem ist, dass sie gewisse Aspekte, wenn Kräfteverhältnisse so ungleich sind, wie sie es beispielsweise für die ukrainische Seite sind, einfach nicht verhindern können. Natürlich wissen die ukrainischen Offiziere, die Kompaniechefs, die Bataillonskommandeure vor Ort, was die Russen vorhaben. Die Frage ist nur, können sie es verhindern? Und wenn die Russen in zumindest dieser Region nahezu unbegrenzt Menschen in diese Stellung reinschicken, ständig mit Artillerie beschossen werden.
Massenhaft Drohnen einsetzen, dann können sie irgendwann diese Stellung nicht mehr halten. Entweder weil sie einfach schlicht und ergreifend zerschossen sind oder weil sich dann doch die Russen Schritt für Schritt, Meter für Meter in dieses Stellungssystem hereingearbeitet haben. Und wenn die Russen dann einmal in diesem Stellungssystem sind, dann spricht der Militär von einer Verzahnung, dann schaffen es die Ukrainer, die ja kein Interesse daran haben, in diesen Stellungen zu sterben, sondern sie wollen sie ja eigentlich verteidigen, es nicht mehr sich vom Feind, also in dem Fall den Russen zu lösen. Und dann ist im Grunde genommen die Vernichtung dieser Kräfte in diesem Raum und letztlich die Raumaufgabe vorprogrammiert. Und das ist das Kalkül der Russen. Das ist der sogenannte kräftorientierte Ansatz, das was häufig dann im öffentlichen Raum als Abnutzungstrick bezeichnet wird. Sie haben ja schon Opfer- oder Verlustzahlen eben genannt. Auf russischer Seite, das interessiert unsere Community gerade. Torsten fragt zum Beispiel, wie lange kann das Russland durchhalten? Und ich knüpfe das gleich mal an die zweite Zuschauerfrage an. Wird der Unmut unter der russischen Bevölkerung aufgrund der hohen Opferzahlen und der schlechten wirtschaftlichen Lage nicht allmählich größer?
Ich fange mal bei der zweiten Frage an. Da muss ich leider enttäuschen, das weiß ich nicht. Ich glaube, es ist im Moment relativ schwer, in der russischen Gesellschaft ein ehrliches Meinungs- und Stimmungsbild zu erfassen. Die Menschen, mit denen ich spreche, die wesentlich mehr Ahnung von der russischen Gesellschaft haben, sagen mir, dass es primär eine gewisse Gleichgültigkeit in der russischen Bevölkerung gibt. Und natürlich wird diese Gleichgültigkeit früher oder später in Unmut umschlagen, wenn die wirtschaftliche Situation noch schlechter wird. Das ist im Moment offensichtlich noch nicht der Fall. Zur zweiten Frage, wie lange kann Russland das durchhalten?
Aus militärischer Sicht ist es nicht relevant, nicht in erster Instanz relevant, wie viele Soldaten, Panzer und Munition sie haben. Die entscheidende Frage ist, wie viele dieser militärischen Ressourcen haben sie im Vergleich zu dem Gegner, der ihnen gegenübersteht und in welchem Gelände kämpfen sie. Die Trajektorie für die Ukrainer und für die Russen ist auf der Zeitachse für beide negativ. Also beide können diesen Kampf, der gerade geführt wird, nicht mehr über Jahre durchhalten. Das Problem ist nur, den Ukrainern geht es schlechter als den Russen. Das heißt, im Verhältnis sind immer noch die Kräfteverhältnisse stark nachteilig für die Ukrainer. Das ist der Grund, warum die Russen unverändert in der Initiative sind. Jetzt könnte man natürlich das Argument aufbringen, gut, dann muss man es halt nur schaffen, dass die Russen irgendwann erschöpft sind.
Das ist eine lineare Erklärung, die ich nur bedingt unterstütze, beziehungsweise der ich nur bedingt zustimme. Denn die Russen haben mehrfach ihre Adaptionsfähigkeit in diesem Krieg bewiesen. Das heißt, nur weil sie gegebenenfalls aus personeller oder materieller Sicht nicht mehr in der Lage sind, den Kampf vorzuführen, wie wir ihn gerade sehen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie aufhören zu kämpfen. Und selbst wenn sie nicht mehr in der Offensive sind, stehen immer noch viele hunderttausend Russen in der Ukraine und wir haben auch schon gesehen, dass die Russen in der Verteidigung wesentlich besser sind als im Angriff. Das heißt, selbst wenn diese Angriffe jetzt irgendwann kulminieren sollten, ist die Situation immer noch nicht bereinigt und es bricht nicht am nächsten Tag der große Frieden aus. Das ist ein Irrglaube. Und doch gelingt es aber ja, wenn man aktuellen Berichten glaubt, der Ukraine weiter in Kursk vorzurücken. Was bringt es denn den ukrainischen Soldaten eigentlich, da weiter vorzudringen, als jetzt eigene Brennpunkte zu verteidigen? Kurachow, Kopjansk, denkt man da vielleicht auch schon an mögliche Verhandlungen nach, dass man eine bessere Ausgangslage hat oder was ist da der Hintergrund?
Das ist eine Frage, die man aus verschiedenen Ebenen betrachten kann und es gibt Pro- und Kontra-Argumente. Ich glaube, es überwiegen die Kontra-Argumente für seine Offensive. Ich war auch schon sehr skeptisch bei der ersten Kursk-Offensive, die wesentlich größer war als das, was wir jetzt sehen. Also das, was wir in den letzten Tagen gesehen haben, waren ja Angriffe auf drei Achsen mit jeweils einer Kompanie, also eine taktische Ebene. Was jetzt auch nicht ganz ungewöhnlich ist für den Militär. Man versucht, wenn man Raum verloren hat, ihn möglichst schnell, wenn man die Ressourcen und die Gelegenheit dafür hat, durch Gegenangriffe zurückzuerobern. Weil man davon ausgeht, dass sich der Gegner nicht in dem eroberten Raum so schnell konsolidiert hat. Das heißt, er hat sich noch nicht eingegraben. Er hat noch keine signifikanten Verteidigungsstellungen. Das heißt, es ist tendenziell einfacher gegen einen Gegner, der noch nicht so konsolidiert ist, dieses Gelände wieder zurückzuerobern. Vielen Dank.
Die Argumente für eine Fortführung dieser Offensive sind primär politische. Die führt Zelensky ja auch seit Monaten an. Er hofft sich ein Faustpfand für mögliche Verhandlungen. Er signalisiert dem Westen, schaut her, wir sind, obwohl wir strategisch in der Defensive sind, immer noch in der Lage, temporär Offensivoperationen durchzuführen. Das bedeutet, das Signal wird gesendet, das ukrainische Militär kann erfolgreich sein, wenn auch nur zeitlich und räumlich begrenzt. Und es wurde ja häufiger die Moral ins Feld geführt, also die ukrainischen Soldaten und die Zivilbevölkerung, die dann vermeintlich einen Schub an Moral bekommen.
Auch das kaufe ich nur bedingt. Der Journalist hat es ja eben auch richtig angesprochen. Natürlich wissen die ukrainischen Soldaten, dass sie diese Kräfte, die im Raum kursgebunden sind, wesentlich besser gegen den operativen Schwerpunkt der Russen im Donbass einsetzen sollten. Und jetzt sind wir bei der zweiten Ebene, der militärischen. Aus militärstrategischer Sicht wäre es sinnvoller, diese Kräfte dort einzusetzen, wo die Ukraine gerade am meisten unter Druck steht. Vor allem, weil diese Brigaden, die gerade in Kurs kämpfen, zu den Besten gehören, die die Ukrainer noch haben. Okay, spannende Einschätzungen. Ich will jetzt zum Schluss mit Ihnen nochmal auf das heutige Treffen, die Rammstein-Kontaktgruppe schauen. Da ist ja bislang unklar, wie die Trump-Administration sich dahingehend positioniert, ob dieses Format weitergeführt wird. Aus militärischer Sicht vielleicht kann man sagen, waren diese Treffen überhaupt ein Erfolg, dahingehend, dass die Ukraine da irgendwie profitieren konnte danach?
Definitiv. Es war jetzt das 25. Treffen, glaube ich, initiiert damals durch den US-Verteidigungsminister Lloyd Austin. Heute war es sein letztes Treffen und in diesen Formaten hat man es ad hoc geschafft, die Ukraine, wenn nicht ausreichend, um diesen Krieg zu gewinnen, aber dennoch so viel zu unterstützen, dass sie zumindest diesen Krieg noch nicht verloren hat. Das heißt, diese Formate, diese Besprechungsformate waren extrem wertvoll. Ich glaube auch, man sieht die ein oder anderen vorbereitenden Maßnahmen für den Fall, dass Trump in seiner erratischen Denk- und Handlungsweise vielleicht nicht mehr Teil dieser Rammstein-Formate sein möchte, eine Backup-Situation, eine Alternative geschaffen hat. Und das ist in Wiesbaden passiert, da hat die NATO jetzt einen multinationalen Stab aufgestellt, der sich rein für die Koordinierung der Unterstützungsleistungen der westlichen Unterstützerstaaten aufgestellt hat. Das heißt, es gibt jetzt eine Institutionalisierung und es bedeutet, die Unterstützung wird grundsätzlich weitergehen mit oder ohne die USA. Die Frage ist nur, und da bin ich mehr als skeptisch.
Ob es die anderen westlichen Unterstützerstaaten schaffen, die Militärhilfe, die die Amerikaner leisten, aufzufangen, wenn die Amerikaner wirklich ihre Unterstützung einstellen sollten. Das halte ich für nahezu ausgeschlossen. Damit haben Sie auch fast schon meine letzte Frage beantwortet, Herr Remmel. Die stelle ich Ihnen trotzdem nochmal, wenn gleich die leicht spekulativ ist, ob, wie wahrscheinlich es ist, dass die Trump-Administration diese Treffen aufkündigt, aber ob es dann noch eine Möglichkeit besteht, dieses Format fortzuführen. Da haben Sie gerade gesagt, das wurde sogar schon in die Wege geleitet.
Genau. Sie kennen mich ja mittlerweile, spekulieren tue ich nicht. Ich weiß es nicht, ob die US-Amerikaner aus diesem Format aussteigen. Es weiß, glaube ich, niemand so genau. Auch Donald Trump weiß es, glaube ich, nicht so genau. Er ist halt erratisch. Er ist sehr von Emotionen getrieben in seiner Entscheidungsfindung.
Das heißt, wir wissen es nicht. Wir können es nicht wissen. Das ist ein großes strategisches Problem. Noch schlimmer, als eine negative Auswirkung ist, wenn ein Akteur einfach schlicht und ergreifend unberechenbar ist. Aber auch da glaube ich, dass zumindest, wenn auch viel zu spät, europäische Initiativen in die Wege geleitet worden sind. Die Group of Five beispielsweise, also bestehend aus Großbritannien, Italien, Polen, Frankreich und Deutschland, also auch die großen Militärnationen in Europa, intensivieren jetzt ihre Kooperationen, Und damit sie auch nicht in diesen ewigen Verhandlungsprozessen und Konsensprinzipien der Europäischen Union gefangen sind, um da die Unterstützung hochzufahren. Das Problem ist nun einmal an dieser ganzen Dynamik, dass Europa, ich habe es angesprochen, im Vergleich zu den USA, eine komplett unterentwickelte Rüstungsindustrie hat, keine strategischen Depotreserven am militärischen Material hat. Das heißt, selbst wenn dieser gute Wille, der jetzt zu erkennen ist und viel zu spät kommt, sich auch operationalisiert, kann man sich keine Panzer in Europa vom Baum pflücken. Die müssen produziert werden und da sind die Produktionskapazitäten schlicht und ergreifend noch nicht in dem Maße angelaufen, wie sie hätten anlaufen müssen, um die Unterstützungsleistung der USA zu ersetzen. Obwohl wir bald ins dritte Kriegsjahr gehen.
Soweit die Analyse von Militäranalyst Hendrik Remmel. Er rechnet weiter mit Unterstützung des Westens für die Ukraine, mit oder ohne Trump. Allerdings sei die europäische Rüstungsindustrie im Vergleich zu der amerikanischen extrem unterentwickelt und es gebe hier kaum Reserven. Europa können die US-Hilfen also kaum ersetzen. In unserem Ukraine-Update sprechen wir jeden Donnerstag mit Experten und unseren Korrespondenten und analysieren mit detaillierten Karten die Lage an der Front. Schaut auch gerne mal rein auf YouTube oder bei uns in der ZDF Heute App und stellt eure Fragen. Vielen Dank fürs Reinhören und bis zum nächsten Mal.
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