WEBVTT

00:00:01.277 --> 00:00:05.717
Praxisnah. Hier sprechen wir über echte Fälle, praktische Entscheidungen und

00:00:05.717 --> 00:00:08.457
das, was zwischen Leitlinie und Realität passiert.

00:00:08.997 --> 00:00:11.957
Kompakt, verständlich und direkt aus der Praxis.

00:00:17.044 --> 00:00:20.364
Herzlich willkommen bei der Audio-Welt vom Thieme Verlag.

00:00:20.784 --> 00:00:24.284
Ich bin Florentine Noske, heute euer Podcast-Host.

00:00:24.504 --> 00:00:29.204
Und wir streamen live von der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere

00:00:29.204 --> 00:00:34.084
Medizin für unsere Formate Ruhepuls und praxisnahe Allgemeinmedizin.

00:00:34.564 --> 00:00:38.864
Und wir haben uns ein spannendes Thema ausgesucht, und zwar die geschlechtersensible

00:00:38.864 --> 00:00:42.184
Medizin. Ich habe mir natürlich eine Expertin eingeladen, Dr.

00:00:42.604 --> 00:00:49.124
Anahita Fati, die selber viel zu dem Thema geforscht hat und unter anderem auch

00:00:49.124 --> 00:00:53.364
Co-Vorsitzende der Kommission der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin

00:00:53.364 --> 00:00:57.304
ist im Bereich geschlechtersensible Medizin. Herzlich willkommen, Anahita.

00:00:57.944 --> 00:01:01.084
Ja, vielen Dank. Ich freue mich, hier zu sein. Schön, dass du da bist.

00:01:01.344 --> 00:01:05.024
Und auch herzlich willkommen, Publikum. Freut mich, dass ein paar Leute hier sind.

00:01:05.784 --> 00:01:07.424
Was hat dich denn persönlich dazu

00:01:07.424 --> 00:01:11.484
gebracht, dich so intensiv mit geschlechtersensibler Medizin zu befassen?

00:01:11.484 --> 00:01:16.544
Also mein wissenschaftlicher Schwerpunkt ist die Impfstoffentwicklung und mich

00:01:16.544 --> 00:01:22.804
hat es tatsächlich überrascht, dass es bei Impfstoffen, wo man ja jeder Person

00:01:22.804 --> 00:01:26.364
die gleiche Dosierung gibt, zumindest jedem Erwachsenen,

00:01:26.884 --> 00:01:30.304
doch tatsächlich so viele Unterschiede in den Immunantworten gibt.

00:01:30.884 --> 00:01:34.044
Das war so der erste Kontakt für mich mit geschlechtersensibler Medizin.

00:01:34.424 --> 00:01:39.304
Hier bei der DGIM haben wir dann auch intensiv diskutiert, wie man geschlechtersensible

00:01:39.304 --> 00:01:44.664
Medizin sichtbarer machen kann und auch, was das für einen Impact hat auf die

00:01:44.664 --> 00:01:48.224
Forschung und die Klinik geschlechtersensible Medizin.

00:01:48.404 --> 00:01:51.444
Und so bin ich dann zu dem Thema gekommen hier.

00:01:52.720 --> 00:01:57.020
Es kursieren ja viele Begriffe zu dem Thema, also von Geschlechterspezifisch,

00:01:57.040 --> 00:01:59.200
Gendermedizin, Geschlechtersensibel.

00:01:59.480 --> 00:02:03.720
Warum glaubst du, dass Geschlechtersensibel vielleicht der beste Begriff sogar tatsächlich ist?

00:02:03.860 --> 00:02:06.720
Da sprichst du vielleicht an, dass wir jetzt hier in der Kommission den Namen

00:02:06.720 --> 00:02:08.820
Geschlechtersensible Medizin gewählt haben.

00:02:09.080 --> 00:02:14.300
Und ja, es ist so, wie du sagst, es gibt viele Begriffe und das ist auch teilweise

00:02:14.300 --> 00:02:15.520
etwas historisch gewachsen.

00:02:15.740 --> 00:02:21.180
Also so alt ist ja diese Spezialisierung oder diese Thematik ja gar nicht.

00:02:21.180 --> 00:02:24.960
Und man hat dann am Anfang halt

00:02:24.960 --> 00:02:28.420
überlegt, wie kann man jetzt am besten ausdrücken, womit man sich befasst.

00:02:28.520 --> 00:02:31.500
Es ist ja ganz oft so, wenn was Neues kommt, braucht man erstmal die Sprache dafür.

00:02:32.280 --> 00:02:37.720
Und im Englischen heißt das Thema heutzutage Sex and Gender Based Medicine.

00:02:38.060 --> 00:02:42.940
Im Deutschen haben wir ja die Geschlechtermedizin, die umfasst sowohl Sex und

00:02:42.940 --> 00:02:47.420
auch Gender, also sowohl das biologische Geschlecht als auch das soziale Geschlecht.

00:02:47.877 --> 00:02:54.357
Und deswegen Geschlecht und sensibel deswegen, weil wir sensibel sein möchten

00:02:54.357 --> 00:02:56.057
für die verschiedenen Ausprägungen.

00:02:56.197 --> 00:03:01.277
Denn also das soziale Geschlecht und auch das biologische Geschlecht, das ist nicht nur binär.

00:03:01.457 --> 00:03:07.197
Es gibt ganz viele Facetten und es gibt ja unterschiedlichen Hormonstatus auch

00:03:07.197 --> 00:03:13.077
bei biologischen Frauen. Es gibt Frauen mit und ohne Uterus und so weiter.

00:03:13.777 --> 00:03:18.097
Also es gibt nicht nur das eine oder das andere. Und das möchte die Sensibilität

00:03:18.097 --> 00:03:22.077
ausdrücken, dass wir nicht spezifisch das eine oder das andere behandeln.

00:03:22.177 --> 00:03:25.757
Du hast es eben schon angesprochen, das biologische und das soziale Geschlecht.

00:03:25.817 --> 00:03:28.637
Wo kann man da im klinischen Alltag auch klar so eine Grenze ziehen?

00:03:28.877 --> 00:03:35.617
Ja, oft ist die Grenze etwas verwaschen, denke ich, besonders so im Alltag, wie du sagst.

00:03:35.797 --> 00:03:41.297
Weil das sieht man ja auch an der Sprache, dass man oft noch von Gendermedizin spricht.

00:03:42.057 --> 00:03:45.997
Das biologische Geschlecht, wenn man das ganz, erstmal ganz basal herunterbrechen

00:03:45.997 --> 00:03:48.877
möchte, da geht es halt wirklich um biologische Unterschiede.

00:03:49.037 --> 00:03:51.517
Also da geht es um die Genetik, XX oder XY.

00:03:52.137 --> 00:03:56.057
Da geht es um Hormone, die unterschiedlich sind bei biologischen Männern und

00:03:56.057 --> 00:03:57.817
Frauen und solche Dinge.

00:03:58.317 --> 00:04:01.657
Und damit ist aber auch verbandelt das soziale Geschlecht.

00:04:01.757 --> 00:04:07.117
Also wenn ich jetzt ein Beispiel Frauen nehme, die haben nicht nur Unterschiede

00:04:07.117 --> 00:04:11.317
auf biologischer Art und Weise in der Medizin, sondern auch sozialer Art,

00:04:11.397 --> 00:04:12.597
also wie sie behandelt werden.

00:04:12.737 --> 00:04:15.397
Da gibt es auch Bias. Das Gleiche bei Männern natürlich.

00:04:15.857 --> 00:04:20.957
Da geht es darum, wie ein Mensch gesehen wird letztendlich. Deswegen soziales Geschlecht.

00:04:21.599 --> 00:04:24.859
Viele würden ja sagen, wir behandeln doch eigentlich alle gleich.

00:04:25.639 --> 00:04:28.559
Ist das nicht gerade auch ein bisschen das Ziel von Medizin?

00:04:28.799 --> 00:04:33.059
Ja, also das ist eine Kernfrage. Was ist gleich und was ist gerecht?

00:04:33.239 --> 00:04:37.119
Und ist es wirklich sinnvoll, jeden Menschen gleich zu behandeln?

00:04:37.619 --> 00:04:41.319
Und ich weiß nicht, ob du es kennst, in der Pediatrie, da wird einem ja immer

00:04:41.319 --> 00:04:43.939
gesagt, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind.

00:04:44.119 --> 00:04:48.299
Und so sind Frauen auch keine weiblichen Männer. Und Männer sind auch keine männlichen Frauen.

00:04:49.059 --> 00:04:54.579
Und ich denke, dieses Konzept individualisierte Therapie, das wird ja jetzt

00:04:54.579 --> 00:04:57.199
sehr hochgeschrieben und ist in aller Munde.

00:04:57.459 --> 00:05:00.999
Aber eigentlich in der Allgemeinmedizin hat man das ja auch schon immer so gemacht,

00:05:01.119 --> 00:05:05.059
dass man sich den Patienten oder die Patientin anschaut und natürlich anhand

00:05:05.059 --> 00:05:08.859
von Leitlinien behandelt, aber doch auch auf die individuelle Lebenssituation

00:05:08.859 --> 00:05:11.219
und den Menschen an sich schauen sollte.

00:05:11.439 --> 00:05:15.619
Das ist ja unser Ziel. Und deswegen ist die Gleichbehandlung von allen,

00:05:15.619 --> 00:05:19.639
ohne Unterschiede zu berücksichtigen, nicht die ideale Therapie.

00:05:19.759 --> 00:05:24.979
Wenn wir wissen, dass sich Immunantwort, Symptome und sogar Nebenwirkungen systematisch

00:05:24.979 --> 00:05:28.659
unterscheiden, ist so ein bisschen die geschlechtsneutrale Medizin eher ein Mythos.

00:05:29.684 --> 00:05:33.664
Ja, so ist es. Du hast es letztendlich auch schon gesagt.

00:05:34.584 --> 00:05:38.724
Es wird halt immer noch so gehandhabt und da gibt es natürlich auch gute Gründe für.

00:05:38.944 --> 00:05:43.384
Es ist natürlich auch mehr Herausforderung, letztendlich auf Unterschiede zu

00:05:43.384 --> 00:05:45.424
achten und nicht allen das Gleiche zu geben.

00:05:45.584 --> 00:05:49.124
Aber ich denke, insbesondere in der geschlechtersensiblen Medizin,

00:05:49.204 --> 00:05:53.724
wo ja die biologischen Geschlechter 50-50 verteilt sind, ist es schon sinnvoll,

00:05:53.924 --> 00:05:55.864
auch da drauf zu schauen. Absolut.

00:05:56.104 --> 00:05:59.404
Was würdest du denn sagen, sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Männern

00:05:59.404 --> 00:06:03.184
und Frauen aus immunologischer Sicht, gerade weil du ja auch in dem Bereich

00:06:03.184 --> 00:06:04.744
auch forscht und aktiv bist?

00:06:04.984 --> 00:06:11.864
Ja, also man unterteilt da grob unter, also schaut sich an die genetischen Unterschiede

00:06:11.864 --> 00:06:14.644
zwischen Männern und Frauen, hormonelle Unterschiede,

00:06:15.124 --> 00:06:19.784
epigenetische Unterschiede, dann auch Unterschiede, die durch das Gender,

00:06:19.984 --> 00:06:22.744
also durch die sozialen Umstände entstehen.

00:06:23.364 --> 00:06:25.184
Ich kann ja vielleicht mal ein paar Beispiele nennen.

00:06:25.864 --> 00:06:30.004
Also Frauen haben ja zwei X-Chromosomen und Männer ein X- und ein Y-Chromosomen.

00:06:30.284 --> 00:06:37.804
Und bei XX-Personen ist es halt so, dass wir ja doppelte Erbinformationen haben

00:06:37.804 --> 00:06:42.984
auf beiden Chromosomen und eines von diesen beiden Genen wird inaktiviert epigenetisch.

00:06:43.264 --> 00:06:47.344
Das ist aber in der Realität dann doch nicht immer der Fall,

00:06:47.444 --> 00:06:51.264
sodass manchmal bei manchen Genen dann Frauen doch die doppelte Gendosis haben

00:06:51.264 --> 00:06:52.684
und dann eine stärkere Ausprägung.

00:06:52.844 --> 00:06:57.544
Und das sieht man beispielsweise in der Immunologie, dass bestimmte Faktoren

00:06:57.544 --> 00:07:03.264
der Innate Immunity, also in der ersten Abwehr, der in der Immunologie bei Frauen

00:07:03.264 --> 00:07:05.064
stärker ausgeprägt sind als bei Männern,

00:07:05.522 --> 00:07:09.642
Und das hat dann Einfluss auf die Immunantwort, das hat auch Einfluss auf die

00:07:09.642 --> 00:07:14.702
Nebenwirkungen, die Impfungen auslösen können. Das ist ein Beispiel, aber es gibt ganz viele.

00:07:15.042 --> 00:07:18.662
Also auch hormonelle Unterschiede sind ganz wichtig natürlich,

00:07:19.002 --> 00:07:22.562
weil man gesehen hat, dass die Zellen auch ein Geschlecht haben.

00:07:22.722 --> 00:07:27.422
Also es gibt weibliche Leukozyten oder weiße Blutkörperchen und männliche weiße

00:07:27.422 --> 00:07:29.962
Blutkörperchen, die haben nämlich Hormonrezeptoren.

00:07:30.102 --> 00:07:33.262
Und deswegen ist der Hormonstatus auch ganz wichtig bei der Immunantwort.

00:07:33.942 --> 00:07:36.762
Also da gibt es ganz, ganz viele Unterschiede und man kratzt da immer noch so

00:07:36.762 --> 00:07:39.502
an der Oberfläche und versucht das zu verstehen.

00:07:39.822 --> 00:07:43.662
Gerade weil du so auf das Thema eingegangen bist, was passiert denn immunologisch

00:07:43.662 --> 00:07:45.822
unterschiedlich bei Männern und Frauen im Vergleich?

00:07:46.182 --> 00:07:50.862
Ja, also diese beiden Beispiele, die ich jetzt gerade gebracht habe,

00:07:51.002 --> 00:07:52.942
es gibt auch viele weitere Beispiele.

00:07:53.022 --> 00:07:57.782
Man sieht zum Beispiel, dass in der Regel Frauen höhere Antikörperantworten

00:07:57.782 --> 00:08:02.002
bilden nach einer Infektion oder nach einer Impfung. Das ist allerdings nicht immer so.

00:08:02.142 --> 00:08:04.722
Das ist auch von Impfstoff zu Impfstoff kann das unterschiedlich sein.

00:08:04.802 --> 00:08:08.782
Deswegen ist es wichtig, dass bei Studien das Geschlecht auch mit untersucht

00:08:08.782 --> 00:08:11.782
wird und auch geschaut wird, wie ist jetzt die Immunantwortungsweise speziell

00:08:11.782 --> 00:08:13.262
bei Frauen, wie ist sie bei Männern.

00:08:13.382 --> 00:08:17.122
Es gibt einige Studien, die ganz überraschende Ergebnisse geliefert haben.

00:08:17.382 --> 00:08:21.882
Zum Beispiel gab es einmal eine Studie, wo man die Grippeimpfung,

00:08:22.022 --> 00:08:26.162
die Dosis der Grippeimpfung halbiert hat, weil es zu der Zeit einfach wenig Impfstoff gab.

00:08:26.262 --> 00:08:29.962
Da wollte man sehen, ist die halbe Dosis auch so effektiv wie die gesamte.

00:08:29.962 --> 00:08:35.862
Man hat dann gesehen, dass Frauen bei der halben Dosis die gleichen Immunantworten

00:08:35.862 --> 00:08:39.222
oder die gleichen Antikörperantworten hatten wie Männer bei der vollen Dosis.

00:08:39.422 --> 00:08:41.662
Und da ist natürlich dann schon die Frage, sollte man vielleicht eine andere

00:08:41.662 --> 00:08:43.022
Dosis wählen für Frauen?

00:08:43.565 --> 00:08:47.425
Als man die für Männer benötigt. Ist das denn wirklich auch so ein Beispiel,

00:08:47.545 --> 00:08:50.965
was man denn aktiv in den Arbeitsalltag einbinden kann jetzt schon?

00:08:51.125 --> 00:08:53.585
Oder würdest du sagen, da fehlt einfach noch ein bisschen Forschung,

00:08:54.105 --> 00:08:56.845
das wir vorantreiben müssen, um dann wirklich am Ende zu sagen,

00:08:57.025 --> 00:09:01.725
wir geben unserer Patientin, unserem Patienten entweder die volle oder die halbe Impfdosis?

00:09:02.025 --> 00:09:06.265
Ja, also das ist natürlich schwierig, weil es dafür auch Leitlinien gibt.

00:09:06.545 --> 00:09:11.805
Ich denke, dass es eine sehr interessante Studie ist und dass die eventuell

00:09:11.805 --> 00:09:15.305
auch Einfluss haben wird, wie sich Leitlinien in der Zukunft entwickeln.

00:09:16.037 --> 00:09:20.957
Ich würde mich in der Praxis trotzdem an die Leitlinie halten und an die Empfehlungen

00:09:20.957 --> 00:09:23.057
jetzt in dem Beispiel der STIKO.

00:09:23.477 --> 00:09:26.457
Man sieht das schon zum Beispiel bei dem Faktor Alter.

00:09:26.777 --> 00:09:29.297
Das ist ja auch eine ganz wichtige Variable bei Immunantworten.

00:09:29.357 --> 00:09:30.457
Da hat das schon einen Einfluss.

00:09:30.557 --> 00:09:35.317
Also man gibt ja Personen ab 60 Jahren einen Hochdosis-Influenza-Impfstoff,

00:09:35.457 --> 00:09:42.937
weil die altersbedingte Immunantwort oft weniger gut ausgeprägt ist als bei jüngeren Menschen.

00:09:42.937 --> 00:09:48.357
Und das kann gut auch sein, dass man sowas in der Zukunft geschlechtsbasiert diskutiert.

00:09:48.457 --> 00:09:52.297
Aber soweit sind wir noch nicht, dass das jetzt in den Leitlinien umgesetzt ist.

00:09:52.397 --> 00:09:57.017
Wenn man das jetzt zum ersten Mal hört, okay, also eine Frau hat eine oft stärkere

00:09:57.017 --> 00:10:00.757
Immunantwort und vielleicht auch mehr Nebenwirkungen durch eine Impfung.

00:10:00.977 --> 00:10:05.057
Würdest du sagen, ist das ein Problem oder ein Vorteil? Ja, das ist ein zweischneidiges

00:10:05.057 --> 00:10:07.837
Schwert. Also es ist komplex, so wie so oft.

00:10:08.237 --> 00:10:11.217
Kann ein Vorteil sein. Also wir sehen es zum Beispiel bei HIV,

00:10:11.477 --> 00:10:15.057
dass Frauen eine stärkere Immunantwort haben nach Infektion.

00:10:15.157 --> 00:10:19.857
Das liegt zum Beispiel an diesem einen Unterschied, den ich genannt habe in

00:10:19.857 --> 00:10:25.277
der Innate Immunity, dass sie eine stärkere Immunaktivierung haben und dann

00:10:25.277 --> 00:10:28.037
besser Viren bekämpfen können.

00:10:28.137 --> 00:10:32.777
Aber HIV ist ja eine chronische Infektion. Die haben dann im Gegenzug auch eine

00:10:32.777 --> 00:10:35.557
höhere Immunaktivierung dann in der chronischen Infektion.

00:10:35.657 --> 00:10:38.277
Und da ist es dann nicht mehr von Vorteil.

00:10:38.957 --> 00:10:46.057
Also ich würde sagen, man kann das quasi so und so sehen, aber die Immunantwort,

00:10:46.317 --> 00:10:49.557
die ist im Allgemeinen besser und das ist schon mal gut.

00:10:50.470 --> 00:10:55.090
Impfen ist ja jetzt nach der ganzen Covid-Pandemie und so ein sensibles Thema geworden.

00:10:55.270 --> 00:10:58.790
Und gerade wenn man jetzt so hört, aha, okay, da gibt es ein Geschlecht oder

00:10:58.790 --> 00:11:01.910
das irgendwie stärkere Nebenwirkungen entwickelt.

00:11:02.190 --> 00:11:05.310
Wie kannst du denn Patienten und Patientinnen entgegentreten,

00:11:05.470 --> 00:11:08.870
ohne jetzt Impfskepsis zu verbreiten, aber sie trotzdem darüber aufzuklären,

00:11:08.950 --> 00:11:13.070
dass es da einen Aspekt gibt, der neu ist und den man vielleicht berücksichtigen sollte?

00:11:13.970 --> 00:11:17.910
Ja, also der Aspekt selber, der ist ja gar nicht neu. Wir schauen jetzt bloß

00:11:17.910 --> 00:11:20.950
erst seit kürzerer Zeit da drauf.

00:11:21.290 --> 00:11:24.650
Also die Unterschiede, die gab es natürlich schon immer. Und man sieht aber

00:11:24.650 --> 00:11:25.770
nur das, was man untersucht.

00:11:26.330 --> 00:11:32.050
Also würde sagen, so für den klinischen Alltag, man sollte Unterschiede ernst nehmen.

00:11:32.250 --> 00:11:36.290
Man sieht das zum Beispiel, wenn man jetzt von Impfungen mal weggeht,

00:11:36.650 --> 00:11:40.790
was ganz gut geuntersucht ist, ist zum Beispiel das Schlafmedikament Zolpidem.

00:11:41.750 --> 00:11:46.670
Das bei Frauen einfach viel länger im Blut nachweisbar ist als bei Männern.

00:11:46.670 --> 00:11:48.450
Das kann unterschiedliche Gründe haben.

00:11:48.530 --> 00:11:52.250
Das ist sicher auch so, weil Frauen in der Regel ein niedrigeres Gewicht haben

00:11:52.250 --> 00:11:55.770
und kleiner sind. Aber es scheint auch unabhängig von dem Gewicht zu sein.

00:11:56.290 --> 00:12:01.130
Und da ist man zum Beispiel in den USA dazu übergegangen, bei Frauen nur die

00:12:01.130 --> 00:12:02.630
halbe Dosis anzuwenden.

00:12:03.050 --> 00:12:06.530
In Deutschland ist es so, dass man sagt, man sollte mit der niedrigsten Dosis

00:12:06.530 --> 00:12:10.890
starten und dann schauen, was effektiv ist und was auch zu wenigen Nebenwirkungen

00:12:10.890 --> 00:12:14.690
führt. Also man ist da nicht so streng, aber man nimmt das schon in den Alltag

00:12:14.690 --> 00:12:16.090
mit rein, solche Empfehlungen.

00:12:16.830 --> 00:12:20.050
Und deswegen würde ich sagen, wenn jetzt die Patientin zum Beispiel sagt,

00:12:20.210 --> 00:12:23.950
dass sie bestimmte Nebenwirkungen hat, dann sollte man das einfach ernst nehmen,

00:12:23.990 --> 00:12:26.070
auch wenn man das vielleicht bei seinen männlichen Patienten nicht sieht.

00:12:26.510 --> 00:12:31.510
Aber das gilt natürlich andersherum genauso, denn es kann auch einfach sein,

00:12:31.590 --> 00:12:33.250
dass Medikamente unterschiedlich wirken.

00:12:33.630 --> 00:12:37.550
Ich meine, das wissen wir ja alle, aber manchmal ist es so im Alltag vielleicht

00:12:37.550 --> 00:12:41.470
nicht so parat. Das ist, glaube ich, ein guter Hinweis für alle Ärztinnen da

00:12:41.470 --> 00:12:44.650
draußen, einfach, dass man das so ein bisschen im Hinterkopf behält.

00:12:44.730 --> 00:12:46.970
Es ist ein Teil der geschlechtersensiblen Medizin, zu wissen,

00:12:47.090 --> 00:12:51.950
okay, das muss nicht unbedingt irgendwie nur eine Momentaufnahme von einer Patientin

00:12:51.950 --> 00:12:54.630
sein oder einem Patienten, sondern es kann tatsächlich relevant sein.

00:12:55.170 --> 00:12:58.830
Das ist, glaube ich, ein ganz guter Hinweis auch für den Praxisalltag. Ja, genau.

00:12:59.590 --> 00:13:03.570
Ein großes Thema ist ja auch die Datenlage. Es ist ja einfach jetzt auch nicht

00:13:03.570 --> 00:13:06.710
unbekannt, dass Frauen einfach unterrepräsentiert sind in Studien.

00:13:06.990 --> 00:13:10.670
Was, glaubst du, können wir da verändern und warum gibt es das Problem überhaupt?

00:13:11.070 --> 00:13:15.390
Ja, also es hat sich schon viel getan. Es war halt eine ganz lange Zeit so,

00:13:15.610 --> 00:13:20.710
das ist jetzt schon eine Weile her, aber so besonders in den 60er,

00:13:20.750 --> 00:13:25.750
70er, 80er Jahren, dass Frauen oft nicht in Studien repräsentiert oder unterrepräsentiert wurden.

00:13:25.910 --> 00:13:29.610
Und das hatte auch, ich sag mal, nachvollziehbare Gründe.

00:13:30.250 --> 00:13:36.150
Du kennst sicher den Konterganskandal, dass unter anderem dadurch,

00:13:36.230 --> 00:13:41.670
dass dieses Medikament auch nicht auf Teratogenität, also auf Schäden an Ungeborenen

00:13:41.670 --> 00:13:46.470
im Tiermodell getestet worden sind, bevor das Medikament zugelassen wurde.

00:13:46.470 --> 00:13:52.290
Es ja sehr viele Fehlgeburten gab bei Frauen, die das Medikament in der Schwangerschaft genommen haben.

00:13:52.590 --> 00:13:56.930
Und da gab es dann die berechtigte Sorge, dass man, wenn man jetzt Frauen im

00:13:56.930 --> 00:14:00.290
gebärfigen Alter in Studien einschließt und sie dann schwanger werden,

00:14:00.410 --> 00:14:02.190
dass dann so etwas wieder passieren kann.

00:14:02.450 --> 00:14:06.390
Es ist aber natürlich die Kehrseite der Medaille ist, dass man dann Medikamente

00:14:06.390 --> 00:14:11.570
nicht an Frauen testet und dann einfach annimmt, dass die Wirkweise die gleiche

00:14:11.570 --> 00:14:14.330
ist wie bei männlichen Studienprobanden.

00:14:15.010 --> 00:14:19.550
Und lange Zeit sagte man sich, naja, die Unterschiede zwischen Frau und Mann,

00:14:19.550 --> 00:14:24.550
die beschränken sich wahrscheinlich auf den Reproduktionsstatus oder die Reproduktionsorgane.

00:14:25.290 --> 00:14:27.490
Vielleicht auch noch ein bisschen die Hormone, aber das war es dann.

00:14:27.590 --> 00:14:34.890
Aber man weiß jetzt einfach, dass wirklich das Geschlecht durch die internistischen

00:14:34.890 --> 00:14:37.550
Fächer und auch darüber hinaus, also durch die Medizin hindurch,

00:14:37.650 --> 00:14:38.910
einfach einen großen Einfluss hat.

00:14:38.990 --> 00:14:45.090
Also man sieht das in der Kardiologie, in der Immunologie, in Infektiologie, Nephrologie, überall.

00:14:45.970 --> 00:14:49.370
Deswegen reicht es halt nicht aus, zu sagen, okay, bei den Männern war es sicher

00:14:49.370 --> 00:14:51.210
und jetzt gilt das auch für die Frauen.

00:14:51.570 --> 00:14:56.150
Und da hat sich ganz viel getan. Also es gab dann in den 90er Jahren in den

00:14:56.150 --> 00:15:01.430
USA sogar ein Gesetz, also ein Act,

00:15:01.690 --> 00:15:05.850
der gesagt hat, wenn man Frauen nicht einschließt in die Studie oder nicht beide

00:15:05.850 --> 00:15:10.050
Geschlechter einschließt, dann gibt es keine Förderung, keine Förderung vom Staat für die Studien.

00:15:10.630 --> 00:15:13.490
Und das ändert natürlich viel, weil man braucht ja Förderung,

00:15:13.670 --> 00:15:17.210
um Studien durchzuführen. Und dann hat sich das wirklich geändert.

00:15:17.390 --> 00:15:20.390
Und jetzt werden Frauen und Männer immer in Studien eingeschlossen,

00:15:20.530 --> 00:15:22.410
es sei denn, es gibt einen guten Grund dafür.

00:15:22.670 --> 00:15:27.050
Natürlich kann man jetzt das Prostatakarzinom nicht irgendwie an biologischen Frauen testen.

00:15:27.290 --> 00:15:32.270
Studien dazu, in der EU ist es so, dass man, wenn man eine Studie anmeldet und

00:15:32.270 --> 00:15:36.010
ein Geschlecht ausschließt, dass man das dann sehr gut begründen muss beim Antrag,

00:15:36.190 --> 00:15:37.590
ansonsten wird die Studie abgelernt.

00:15:37.590 --> 00:15:41.890
Also da hat sich schon viel getan, aber nur dadurch, dass jetzt beide Geschlechter

00:15:41.890 --> 00:15:48.210
eingeschlossen werden, heißt das ja nicht, dass man dann auch alles spezifisch

00:15:48.210 --> 00:15:51.890
auf das Geschlecht auswertet und da muss sich dann noch einiges tun.

00:15:52.250 --> 00:15:54.730
Genau, da stehen wir jetzt gerade. Das wäre noch so eine Frage,

00:15:54.810 --> 00:15:58.490
die mich interessieren würde, wenn man jetzt Forschende ist und sich ein Studiendesign

00:15:58.490 --> 00:16:02.190
überlegt, ob es dann nicht vielleicht von vornherein Sinn macht zu sagen, man trennt die Gruppen.

00:16:02.370 --> 00:16:06.090
Also man hat eine Männergruppe und eine Frauengruppe und guckt dann halt getrennt,

00:16:06.190 --> 00:16:08.070
wie die Reaktion ist und mischt das dann am Ende.

00:16:08.350 --> 00:16:13.210
Ja, genau. Also das nennt man Subgruppenanalyse. Also wenn man quasi eine Gruppe

00:16:13.210 --> 00:16:17.190
hat und dann sich anguckt, welche Variable macht jetzt einen Unterschied.

00:16:17.190 --> 00:16:21.450
Also da geht es ja nicht nur um das Geschlecht, sondern auch um das Alter oder

00:16:21.450 --> 00:16:24.070
um die ethnische Zugehörigkeit.

00:16:24.710 --> 00:16:27.770
Also einfach, dass man Studiendaten diverser analysiert.

00:16:28.690 --> 00:16:34.210
Ein Argument ist immer, dass das ja so komplex ist und dann auch so viel kostet.

00:16:34.430 --> 00:16:37.470
Und das ist es auch. Die Frage ist halt...

00:16:38.660 --> 00:16:42.840
Ja, sollen wir das nicht trotzdem machen, weil es eine Priorität für uns ist.

00:16:43.040 --> 00:16:46.980
Und es ist halt so, dass man in Studien, da berechnet man ja statistisch,

00:16:47.080 --> 00:16:51.220
wie viele Probanden braucht man, um ein Ergebnis auch wirklich sicher untersuchen

00:16:51.220 --> 00:16:54.740
zu können und sagen zu können, ja, ob jetzt ein Medikament wirkt oder nicht.

00:16:54.960 --> 00:16:58.920
Und da wird man dann alle Personen, die man einschließt, brauchen.

00:16:59.220 --> 00:17:01.840
Da kann man dann oft, wenn man dann eine Subgruppenanalyse macht,

00:17:01.920 --> 00:17:04.940
nicht mehr so gut sagen, gibt es jetzt hier einen statistischen Unterschied oder nicht.

00:17:04.940 --> 00:17:08.760
Aber je größer Studien sind, also in der letzten Phase der Entwicklung,

00:17:08.960 --> 00:17:13.540
bei Phase 3 sind das ja manchmal zigtausende von ProbandInnen und auch danach

00:17:13.540 --> 00:17:17.100
der Zulassung, da sollte man schon gut drauf achten, denn da gibt es dann ja

00:17:17.100 --> 00:17:20.800
ganz, ganz viele Personen, die man einschließen kann und da kann man solche

00:17:20.800 --> 00:17:23.700
Studien dann auch, ich sag mal, einfacher durchführen.

00:17:23.840 --> 00:17:27.380
An sich ist es ja kein nice to have heutzutage, finde ich, sondern ein,

00:17:27.460 --> 00:17:30.980
das muss so sein und das muss man berücksichtigen, da muss noch einiges passieren.

00:17:31.820 --> 00:17:35.400
Die DGIM hat ja darauf reagiert und eine eigene Kommission gegründet,

00:17:35.480 --> 00:17:36.840
wo du auch Co-Vorsitzende bist.

00:17:37.260 --> 00:17:41.240
Was sind denn eure konkreten Ziele? Die Kommission wurde gegründet,

00:17:41.360 --> 00:17:45.780
um geschlechtersensible Medizin sichtbarer zu machen und einfach auch weiter zu propagieren.

00:17:45.960 --> 00:17:54.960
Und da haben wir uns die drei Aspekte Lehre, Forschung und Klinik vorgenommen.

00:17:55.580 --> 00:17:59.440
Also unser Ziel ist zum einen, wir sind jetzt erst im letzten Jahr,

00:17:59.580 --> 00:18:03.840
haben wir die Kommission gegründet und da war jetzt im ersten Jahr dieser Kommission

00:18:03.840 --> 00:18:07.360
das Ziel, erst einmal zu schauen, erst einmal unter den Mitgliedern der DGIM,

00:18:07.420 --> 00:18:09.360
wie verbreitet ist denn dieses Thema?

00:18:09.700 --> 00:18:13.460
Gibt es da Interesse an dem Thema oder ist es noch nicht so auf dem Radar?

00:18:14.060 --> 00:18:18.520
Und wie verbreitet ist auch geschlechtersensible oder geschlechtersensible Aspekte

00:18:18.520 --> 00:18:23.440
in der Klinik und in der Forschung bei unseren Mitgliedern? Das war ganz spannend,

00:18:23.600 --> 00:18:27.900
diese Umfrage, weil sich wirklich sehr viele Leute beteiligt haben.

00:18:28.020 --> 00:18:32.280
Es waren über 1000 Personen, die den Fragebogen beantworten.

00:18:32.602 --> 00:18:36.782
Halt angeschaut haben und auch fast alle haben ihn dann auch komplett ausgefüllt.

00:18:37.702 --> 00:18:40.822
Und ja, wir sehen halt, dass das Interesse sehr groß ist, aber dass es noch

00:18:40.822 --> 00:18:43.262
nicht so viele Vorbildungen zu dem Thema gibt.

00:18:43.542 --> 00:18:46.842
Und da das ja wirklich alles Aspekte der inneren Medizin berührt,

00:18:47.142 --> 00:18:48.342
gibt es da halt viel zu tun.

00:18:48.522 --> 00:18:51.922
Das klingt auf jeden Fall nach einer Menge Arbeit.

00:18:52.662 --> 00:18:56.582
Was soll sich denn konkret für Ärzte und Ärztinnen in dem Bereich verändern,

00:18:56.802 --> 00:18:58.302
gerade so für den klinischen Alltag?

00:18:58.302 --> 00:19:04.562
Ja, also ein Punkt wäre zum Beispiel einmal auf die Leitlinien zu schauen und zu schauen, ob es da,

00:19:05.002 --> 00:19:08.622
du hattest es ja schon angesprochen, zum Beispiel bei Impfungen,

00:19:08.682 --> 00:19:13.962
da gibt es ja noch keine geschlechtersensiblen Empfehlungen und da ist natürlich

00:19:13.962 --> 00:19:16.442
die Frage, sich zum Beispiel Leitlinien anzuschauen und zu fragen,

00:19:16.862 --> 00:19:20.782
gibt es da einen Grund, um geschlechtersensibel unterschiedlich zu behandeln

00:19:20.782 --> 00:19:22.582
in den verschiedenen Fächern.

00:19:23.162 --> 00:19:26.822
Genau, das ist ein Punkt, was wirklich so in der Klinik dann auch eine Konsequenz

00:19:26.822 --> 00:19:31.262
hätte und auch einfach auch für das Thema aufmerksam zu machen,

00:19:31.422 --> 00:19:34.022
also in Fortbildungen verstärkt zu schauen.

00:19:34.282 --> 00:19:37.082
So, das sind die Handlungsempfehlungen. Aber was heißt das jetzt vielleicht

00:19:37.082 --> 00:19:39.842
für unsere verschiedenen Patienten, Patientinnengruppen?

00:19:40.182 --> 00:19:44.522
Jetzt mal ganz praktisch, wenn ich morgen wieder in die Klinik oder Praxis gehe,

00:19:44.842 --> 00:19:49.262
was sind so zwei Dinge, die ich jetzt hier aus der Session mitnehmen kann oder

00:19:49.262 --> 00:19:53.022
grundsätzlich auch zu dem Thema schon aktiv umsetzen kann in meinem Alltag.

00:19:55.378 --> 00:20:00.238
Also besonders jetzt in der Klinik, ich glaube, der eine Aspekt ist wirklich

00:20:00.238 --> 00:20:06.478
Unterschiede zuerst einmal auch wahrzunehmen in der Wirkweise von Medikamenten,

00:20:06.638 --> 00:20:08.838
aber auch in unterschiedlichen Symptomen.

00:20:09.078 --> 00:20:10.718
Also da haben wir jetzt noch gar nicht so viel drüber gesprochen,

00:20:10.878 --> 00:20:14.598
weil die Immunologie, das ist ja sehr laborbasiert, das sieht man jetzt vielleicht

00:20:14.598 --> 00:20:16.578
nicht direkt in der Sprechstunde.

00:20:16.578 --> 00:20:20.418
Aber das kennen ja viele, vielleicht auch das, also aus dem Medizinstudium vielleicht

00:20:20.418 --> 00:20:25.938
noch dieses ganz typische Beispiel, dass Frauen zum Beispiel andere Symptome

00:20:25.938 --> 00:20:29.658
oft angeben, wenn sie einen Herzinfarkt haben als Männer.

00:20:30.278 --> 00:20:32.638
Man hat das im, also ich habe das im Studium noch so gelernt,

00:20:32.718 --> 00:20:35.918
dass es die typischen Symptome gab und die atypischen Symptome.

00:20:36.138 --> 00:20:39.838
Und es ist auch ein bisschen komisch, wenn man sagt, dass das eine typisch ist

00:20:39.838 --> 00:20:43.018
und das andere atypisch, obwohl das auch sehr, sehr häufig vorkommt.

00:20:43.018 --> 00:20:46.298
Also ich glaube, man muss da ein bisschen sensibilisieren, dass es einfach Unterschiede

00:20:46.298 --> 00:20:48.338
gibt und nicht unbedingt nur typisch, atypisch.

00:20:48.758 --> 00:20:52.838
Ja, dass man das einfach auf dem Schirm hat, denke ich, das ist ein wichtiger Punkt.

00:20:53.338 --> 00:20:56.798
Und ich glaube, man muss auch so als zweiten Punkt vielleicht,

00:20:57.098 --> 00:20:58.778
da haben wir jetzt auch noch gar nicht so viel drüber gesprochen,

00:20:58.998 --> 00:21:02.278
aber dass das Thema Gender irgendwie im Kopf haben.

00:21:02.278 --> 00:21:06.698
Also, dass Frauen und Männer auch einfach anders behandelt werden aufgrund von

00:21:06.698 --> 00:21:10.778
sozialen und kulturellen Aspekten, auch eventuell aufgrund von dem Geschlecht

00:21:10.778 --> 00:21:13.578
des Behandlers oder der Behandlerin, da gibt es auch Studien dazu.

00:21:14.158 --> 00:21:17.878
Also es gibt ja so diese typischen, oder die Erkrankung, die man typischerweise

00:21:17.878 --> 00:21:25.478
Frauenleiden nennt oder Männerleiden, Beispiel früher die Hysterie bei der Frau, die quasi...

00:21:26.508 --> 00:21:31.988
So psychische Erkrankungen auch minimalisiert hat und auch dann einem Geschlecht zugeschrieben hat.

00:21:32.168 --> 00:21:36.308
Oder auf der anderen Seite jetzt der Herzinfarkt bei dem Mann ist natürlich

00:21:36.308 --> 00:21:40.948
auch prevalenter bei jüngeren Männern als bei jüngeren Frauen.

00:21:41.208 --> 00:21:44.528
Aber natürlich gibt es das auch bei Frauen, also dass man auch einfach darüber

00:21:44.528 --> 00:21:47.188
nachdenkt und nicht so sehr kategorisiert.

00:21:47.408 --> 00:21:51.348
Ja, oder zum Beispiel Depressionen bei Männern, die dann auch gerne mal übersehen werden.

00:21:51.748 --> 00:21:56.408
Genau, weil einfach kulturell darüber nicht so viel gesprochen wird wie bei Frauen.

00:21:56.508 --> 00:22:00.028
Du hast es auch kurz angesprochen. Das fand ich auch einen ganz spannenden Gedanken.

00:22:00.348 --> 00:22:05.548
So dieses, wie reagiert der Patient, die Patientin auf einen Behandler oder eine Behandlerin?

00:22:05.748 --> 00:22:09.028
Also dass da auch nochmal wie so eine ganz andere Rolle entsteht,

00:22:09.068 --> 00:22:12.828
die man vielleicht auch berücksichtigt und vielleicht auch für den Alltag in

00:22:12.828 --> 00:22:15.068
Klinik oder Praxis, dass man halt auch...

00:22:15.264 --> 00:22:19.564
Ein diverses Team fördert, um halt auch wirklich alle abzuholen.

00:22:19.704 --> 00:22:23.184
Genau, um alle abzuholen und auch um den Austausch unter Kollegen und Kolleginnen

00:22:23.184 --> 00:22:25.704
zu fördern, weil es einfach auch unterschiedliche Sichtweisen gibt,

00:22:26.324 --> 00:22:30.264
wo das Geschlecht eine Rolle spielt, aber viele andere Aspekte.

00:22:30.404 --> 00:22:33.504
Also wir wissen ja, dass diverse Teams bessere Ergebnisse erzielen.

00:22:33.604 --> 00:22:34.964
Das gilt in der Medizin auch so.

00:22:35.704 --> 00:22:39.924
Über Therapie oder unter Therapie, wenn wir Geschlecht nicht berücksichtigen,

00:22:39.944 --> 00:22:45.164
was würdest du sagen, ist eher schwierig? Also das ist eine wichtige Frage.

00:22:45.444 --> 00:22:52.184
Ich glaube, dass man das gar nicht so kategorisieren kann. Also ich glaube,

00:22:52.244 --> 00:22:53.184
es ist beides ein Problem.

00:22:53.864 --> 00:22:57.044
Untertherapie beispielsweise, da fällt mir jetzt das Thema Prävention ein.

00:22:57.044 --> 00:23:02.824
Also Männer nehmen zum Beispiel Präventionsangebote viel weniger wahr als Frauen.

00:23:02.944 --> 00:23:06.424
Das hat zum einen sicher auch kulturelle oder soziale Aspekte,

00:23:06.664 --> 00:23:13.944
aber auch einfach den Fakt, dass Frauen zum Beispiel einfach in der Reproduktionsphase,

00:23:14.104 --> 00:23:20.304
also ich sag mal in jungen Jahren, so von 25 bis 45 öfter beim Arzt oder der Ärztin sind,

00:23:20.804 --> 00:23:24.184
aufgrund letztendlich bei der Frauenärztin zum Beispiel.

00:23:24.864 --> 00:23:30.024
Um ihre Check-ups zu machen und dass da zum Beispiel chronische Erkrankungen häufiger auffallen.

00:23:30.204 --> 00:23:35.444
Und bei Männern, die haben diese Check-ups dann halt nicht, da fällt das weniger häufig auf.

00:23:35.604 --> 00:23:38.344
Die Lebenserwartung bei Männern ist ja auch kürzer als bei Frauen.

00:23:38.744 --> 00:23:40.404
Also im Bereich Prävention gibt

00:23:40.404 --> 00:23:45.964
es sicher Luft nach oben und da spielt Untertherapie eine relevante Rolle.

00:23:46.244 --> 00:23:49.164
Auf der anderen Seite zum Beispiel Medikamentenüberdosierung,

00:23:49.324 --> 00:23:52.744
also das würde ich jetzt unter Übertherapie zum Beispiel mit befassen.

00:23:52.744 --> 00:23:54.564
Das spielt bei Frauen eher eine Rolle.

00:23:54.984 --> 00:23:59.584
Wie gesagt, also viele Studien, die halt auch noch vor dieser Umstellung durchgeführt

00:23:59.584 --> 00:24:04.144
wurden, eher an Männern durchgeführt wurden und das nicht unbedingt auf Frauen übertragbar ist.

00:24:04.264 --> 00:24:08.164
Wenn ich mich jetzt als Arztärztin zu dem Thema intensiver irgendwie informieren

00:24:08.164 --> 00:24:10.684
möchte, hast du da so ganz klare Beispiele?

00:24:10.970 --> 00:24:14.010
Ziele, wo ich mich hinwende, wenn ich eine Frage habe oder einfach,

00:24:14.110 --> 00:24:15.690
wo ich am besten recherchieren kann.

00:24:15.930 --> 00:24:20.630
Ja, also da gibt es zum Beispiel auch tolle Podcasts, die man hören kann.

00:24:20.790 --> 00:24:24.570
Also einen Podcast, den ich echt gut finde, der heißt Sex and Why.

00:24:25.090 --> 00:24:33.150
Da geht es auch um Geschlechtersensible Unterschiede in verschiedenen internistischen Fachdisziplinen.

00:24:33.350 --> 00:24:36.570
Also zum Beispiel gibt es auch bei der CPR Unterschiede.

00:24:36.830 --> 00:24:40.070
Also man kann da ganz, ganz viele Ergebnisse oder Unterschiede nennen.

00:24:41.230 --> 00:24:47.290
Das fände ich gut und man kann auch einfach, wenn man jetzt zum Beispiel sich

00:24:47.290 --> 00:24:49.010
eine Leitlinie anschaut, sich

00:24:49.010 --> 00:24:53.590
einfach fragen, zum Beispiel bei Open Evidence, was gibt es da an Daten?

00:24:53.848 --> 00:24:57.588
Informationen zu geschlechtersensiblen Unterschieden. Da gibt es auch wirklich

00:24:57.588 --> 00:25:00.988
sehr viel. Also man muss nur danach schauen.

00:25:01.168 --> 00:25:05.868
Also leider ist es oft noch nicht in den Leitlinien, aber an Forschungsergebnissen

00:25:05.868 --> 00:25:07.048
gibt es wirklich schon einiges.

00:25:07.628 --> 00:25:11.728
Gibt es klinische Entscheidungen, bei denen du anders handeln würdest,

00:25:11.828 --> 00:25:14.628
einfach weil du weißt, dass es beim Geschlecht Unterschiede gibt?

00:25:14.828 --> 00:25:19.448
Also ich würde wahrscheinlich auch die Art, wie ich mit meinen Patienten oder

00:25:19.448 --> 00:25:23.568
Patientinnen spreche, da gibt es sicher, ich würde nicht sagen Unterschiede,

00:25:23.568 --> 00:25:28.028
aber ich würde dazu raten, Patienten, Patientinnen individualisierter zu behandeln.

00:25:28.208 --> 00:25:34.688
Also es gibt zum Beispiel auch aus den USA Diskussionen, dass die Kommunikation

00:25:34.688 --> 00:25:38.368
zu Impfungen hätte vielleicht anders laufen können.

00:25:38.608 --> 00:25:43.128
Da gab es ja auch sehr viel Impfskepsis in den USA. Und dass man zum Beispiel

00:25:43.128 --> 00:25:48.148
auch fördern kann, zu sagen, weil es kulturell, wenn man so das kulturell irgendwie

00:25:48.148 --> 00:25:51.248
dieses Bild hat, naja, ich bin stark, ich brauche keine Impfung,

00:25:51.308 --> 00:25:52.928
wir haben das ja sowieso alles überlebt.

00:25:52.928 --> 00:25:55.668
Ich kenne jemanden, der hatte irgendwie Masern und der lebt immer noch und so.

00:25:55.748 --> 00:25:56.988
Und deswegen lasse ich mich jetzt nicht impfen.

00:25:57.548 --> 00:26:02.268
Das gibt ja häufig solche Geschichten. Da kann man zum Beispiel anders kommunizieren.

00:26:02.328 --> 00:26:05.508
Da könnte man sagen, naja, wenn du dich impfst, dann schützt du andere und bist

00:26:05.508 --> 00:26:09.088
so ein Held, weil du andere nicht mehr infizieren kannst und so.

00:26:09.228 --> 00:26:13.008
Also man könnte Kommunikation zum Beispiel auch daran anpassen,

00:26:13.248 --> 00:26:16.328
wenn man solche Sorgen halt irgendwie sieht in der Gesellschaft.

00:26:16.488 --> 00:26:20.248
Das ist jetzt nur ein Beispiel aus meinem Fachbereich, aber da gibt es sicher viele.

00:26:21.143 --> 00:26:26.463
Mit Sicherheit. Würdest du denn sagen, ist geschlechtersensible Medizin am Ende

00:26:26.463 --> 00:26:31.143
eigentlich nur ein Zwischenschritt hin zu einer vollständig individualisierten Medizin?

00:26:31.343 --> 00:26:37.763
Ja, also ich glaube, am besten untersucht als Variablen sind das Alter und das Geschlecht.

00:26:37.843 --> 00:26:42.723
Es gibt natürlich sehr, sehr viele Variablen und es gibt auch viele Aspekte dieser Variablen.

00:26:42.723 --> 00:26:46.423
Jetzt haben wir ja sehr viel primär über das biologische Geschlecht gesprochen,

00:26:46.583 --> 00:26:51.683
weil das, ich sage mal, eventuell einfacher erfassbar ist in Studien und auch

00:26:51.683 --> 00:26:53.803
einfach schon viel länger untersucht wird.

00:26:53.943 --> 00:26:59.603
Aber soziale Faktoren sind auch sicher sehr wichtig, also der sozioökonomische

00:26:59.603 --> 00:27:05.263
Hintergrund von Personen, andere Diversitätskriterien, die wir jetzt noch gar

00:27:05.263 --> 00:27:06.003
nicht besprochen haben.

00:27:06.003 --> 00:27:10.583
Das fließt alles zum einen in die Behandlung ein und auch wie Personen einfach

00:27:10.583 --> 00:27:13.043
behandelt werden, wie mit ihnen kommuniziert wird.

00:27:13.203 --> 00:27:16.563
Das sind sicherlich noch Variablen, die noch nicht gut genug untersucht sind.

00:27:17.407 --> 00:27:23.667
Ich weiß, in der Herzchirurgie gibt es inzwischen sogar Ambulanzen zu Sex-Individuals.

00:27:23.887 --> 00:27:26.947
Und einfach zu dem Faktor finde ich super wichtig,

00:27:27.107 --> 00:27:29.887
dass man da auch spezielle Ambulanzen aufmacht, weil es halt,

00:27:29.967 --> 00:27:34.007
wie du sagst, auch Menschen mit sozialem Geschlecht gibt, die einfach einen

00:27:34.007 --> 00:27:38.967
einfachen Redebedarf oder einfach auch eine andere Herangehensweise brauchen,

00:27:39.507 --> 00:27:41.407
die dann auch eine Anlaufstelle benötigen.

00:27:41.467 --> 00:27:44.927
Also es ist natürlich das eine zu sagen, wir als Behandler oder Behandlerin,

00:27:44.927 --> 00:27:49.207
Sondern wir müssen verstehen, wie das genau funktioniert mit geschlechtersensibler Medizin.

00:27:49.287 --> 00:27:52.827
Aber genau umgekehrt muss es ja auch irgendwas geben für die Patienten,

00:27:52.927 --> 00:27:56.947
die Patientin, die einfach nicht in dieses normale Bild oder in dieses Bild,

00:27:57.027 --> 00:28:00.127
was wir sonst so haben, von einem Patienten oder Patientin passt.

00:28:00.627 --> 00:28:04.867
Ja, ich glaube, die kardiovaskuläre Medizin, die ist tatsächlich sehr weit vorne

00:28:04.867 --> 00:28:08.047
von den Fachrichtungen, was geschlechtersensibler Medizin angeht.

00:28:08.407 --> 00:28:12.887
Auch die Endokrinologie einfach naheliegend, weil sich die Endokrinologie natürlich

00:28:12.887 --> 00:28:16.467
auch viel mit Hormonen beschäftigt. Und da ist einfach schon viel länger klar,

00:28:16.627 --> 00:28:17.787
weil es da Unterschiede gibt.

00:28:18.167 --> 00:28:22.587
Und genau bei der kardiovaskulären Medizin, wie gesagt, dieses Beispiel mit

00:28:22.587 --> 00:28:26.587
der unterschiedlichen Symptomatik beim Herzinfarkt, das ist auch schon lange bekannt.

00:28:27.087 --> 00:28:31.227
Und deswegen kann man sich da sicher daran orientieren, wie es die Kolleginnen

00:28:31.227 --> 00:28:35.507
und Kollegen in der Kardiologie machen und solche Ambulanzen auch aufbauen. Ja, super spannend.

00:28:35.927 --> 00:28:40.907
Vielen Dank, Anahita, für deine praxisnahen Einblicke. Es war super spannend.

00:28:41.087 --> 00:28:43.367
Und mal ein ganz anderes Setting hier auf dem Kongress.

00:28:44.067 --> 00:28:47.687
Ich hoffe, es hat dir auch Freude gemacht. Ich fand es sehr, sehr interessant.

00:28:48.187 --> 00:28:51.367
Also die Folge gehört zu Ruhepuls und zu Praxis nach Allgemeinmedizin,

00:28:51.487 --> 00:28:52.687
unseren beiden Podcasts.

00:28:52.807 --> 00:28:54.707
Die können später auch noch angehört

00:28:54.707 --> 00:28:58.267
werden bei uns auf den üblichen Plattformen, bei Spotify, bei Apple.

00:28:58.987 --> 00:29:03.567
Und wir freuen uns natürlich auch, wenn ihr in die anderen Podcast-Folgen reinhört

00:29:03.567 --> 00:29:06.007
und wünschen jetzt noch ganz viel Spaß auf dem Kongress.

00:29:06.467 --> 00:29:08.507
Ja, vielen Dank. Mir hat jetzt auch sehr viel Spaß gemacht. Danke.

00:29:11.414 --> 00:29:16.314
Das war praxisnah. Vielen Dank fürs Zuhören. Falls ihr keine Folge mehr verpassen

00:29:16.314 --> 00:29:20.674
wollt, folgt uns doch einfach und wenn ihr Feedback oder Themenwünsche habt,

00:29:20.914 --> 00:29:23.334
meldet euch unter audio-at-time.de.

00:29:23.634 --> 00:29:27.434
Wir freuen uns auf euch, bleibt gesund und bis zur nächsten Folge.

